Kleis, Georg: Einzelne Arbeiten. - dr Hinkig Bott (Geroldsecker Land, Heft 30 - 1988) Seite 185

dr Hinkig Bott

hinkenderBoteSo ald isch er schun und hinkt allewiil noch! Unn was mr do alles dinne läse kann. Wann Sunndi unn Fiirdi isch. Wann Schuälferie im Land sin. Wann Neujohr unn Fasnt isch. Un wiäviel Kilometr daß es von Bonn nach Berlin sin. Was ä Briäf nach Auschdralie koscht. Unn wiä lang ä Kuäh dräit, bis sie kelwert.

Gschichde schdehn do inne, daß mer kennt mäine, s'wäre alli wohr. Unn so gschriewe, daß sie au sälli Lit vrschdehn kenne, wu nit schdudiärt hän. Awer au diä Läwensweisheide kenne eine z'dänge gän. Kurz unn guät, s'schdeht für jeder ebs dinne, für Gscheidi unn au Andri. D'Karlin unn dr Vidd hänn au jed's Johr eine kauft, ohne däne isch's nit gange. Diä hän noch Söu unn Heizle ghet unn alli sälwer uffgezoje. Ihri Mohr het jeds Johr zweimol Jungi gmacht, unn diä Date hän sie alli in dr Kaländr gschriewe. Au wann sie d'Mohr bim Äwer ghet hän. Dr Vidd het als zuä dr Karlin gsäit: "Schriib's nii, 16 Woche unn drei Daa, no kannsch widder in dr Mohreschdall hugge unn dr Mohr abwarde!"

Ä paar Johr lang hänn sie "Söuglück" ghet, awer no isch des Glück entschwunde; sie hän diä Mohr miän metze.

Im Schbotjohr no, wu's dr Hinkig Bott widder gän het, isch d'Meiursch zuä dr Karlin kumme unn het gfroit, eb sie re au widder dr Kaländr mitbringe soll.

"Näi, säit d'Karlin, s'wurd kenner kauft, mr hän jo ke Mohr meh!"

Georg Kleis, Meißenheimer Mundart
Aus "Undrem Schnoogehimmel" (s. die Buchbesprechung S. 232)



Rezept zur Beförderung des Kalenders
von Wilhelm Schlang herrBuerklin

Zum 100. Geburtstag von Albert Bürklin im Jahre 1916 erinnert Wilhelm Schlang, selbst Kalenderschreiber schon zu Bürklins Lebzeiten, an eine Begebenheit, die sich zutrug, als sein Vorgänger noch den Kalender schrieb. Sie könnte ihrerseits eines von jenen Schelmenstückchen sein, die im Kalender von Anbeginn an so gerne erzählt worden sind.
Es gibt Kalender des Lahrer Hinkenden Boten, die fast ganz allein von unserem Bürklin geschrieben sind. Aber wie denn der rauschende Bach zuzeiten ausgetrocknet oder ein auserwählter Rebberg keine Trauben geben mag, so geschah es einmal mit unserm Kalendermacher. Es war im Frühsommer, wo es draußen in der Natur zu reifen beginnt, aber auch der Kalender reif werden soll. Albert Bürklin ging nach der Amtslast des Tages im Karlsruher Schloßgarten lustwandeln und dachte: "Schöner haben die Amseln und Nachtigallen nie gesungen als heuer! Ist auch ein erbaulicheres Tun als Geschichtenschreiben. Wir wollen ein weniges lauschen und den Hinkenden warten lassen."
Herr Schauenburg, der Drucker, sandte ein Brieflein ums andere, sanfte und eindringliche Mahnungen, in die Landeshauptstadt, und was gab Bürklin zurück? Nichts als den Stoßseufzer: "Der Kalender bringt mich noch um!"
Da fing Herr Schauenburg es anders an und schrieb dem Bürklin: Wenn sein Amt ihn zufällig nach dem Oberland führe - zu Lahr warte ein neues Fäßlein auf den Anstich.

Und richtig! Der Herr Oberingenieur hat eine Tagfahrt tun müssen nach Dinglingen, und es wurde nachher in Lahr vorgesprochen.

Der Gastgeber hat den Wein heraufholen und ein Frühstück herrichten lassen. Wie nun der Herr Oberingenieur die Herrlichkeiten gebührend ehrte: den Markgräfler, Auslese des Jahrgangs 85, ein Pärlein Bratwürste nebst geprägelten Herdäpfeln (Bratkatoffeln), da schlich der Herr Schauenburg, sonst ein Ehrenmann von Scheitel bis zur Sohle, auf den Zehenspitzen hinaus, und der Gast merkte nichts davon, daß die einzige Tür des großen Schreibzimmers von außen verschlossen wurde, bis er sich über sein Alleinsein Gedanken machte und Umschau hielt.

Unten zur Tür wurde ein Blatt hereingeschoben. Der Gefangene hielt das Papier vor seine Brillengläser und las aus der Hand des Verlegers, er solle nicht wieder aus der Haft entlassen werden, er liefere denn, Schwarz auf Weiß, das fällige Schlußstück zum Kalender.
Also sind dem Herrn Bürklin nachträglich die Bratwürste versalzen worden, und der Markgräfler hat ein Nachgeschmäckle gehabt.
Nach ein paar Stunden jedoch legte der Herr Oberingenieur in die Hände seines Gastgebers das Schlußstück des Kalenders, wie es längst im Kopfe ausgedacht war und nur von rüstiger Feder sauber hingesetzt zu werden brauchte. Der Herr Schauenburg ließ zur Versöhnung noch einen Markgräfler kommen, und man hat nichts davon gehört, daß das gefährliche Rezept zur Beförderung des Kalenders noch ein zweites Mal wäre angewandt worden.
(http://www.lahrer-hinkender-bote.de/ Verlag Moritz Schauenburg, Lahr)