[X]
Kloster Schuttern Kloster Schuttern (Friesenheim)


Die Klosterkirche in Friesenheim-Schuttern
Die Klosterkirche in Friesenheim-Schuttern

Kloster Schuttern (Friesenheim)



Die Reichsabtei Schuttern war ein Benediktinerkloster in Schuttern (heute Ortsteil der Gemeinde Friesenheim (Baden) im Ortenaukreis in Baden-Württemberg).

Über die Gründung des Klosters Schuttern - gemäß der eigenen klösterlichen Tradition im Jahre 603 - liegen keinerlei Quellennachrichten vor. Eine frühmittelalterliche Zelle, die nach einem nicht weiter zu identifizierenden Offo Offoniswilare oder Offoniscella benannt ist, dürfte auf die vom Elsass ausgehende Christianisierung des rechtsrheinischen Landes im Vorfeld des Bistums Straßburg, auf die Wirkung der iro-schottischen Mission und damit auf das 7., wenn nicht schon auf das 6. Jahrhundert zurückgehen. Die weitere Geschichte des Klosterbesitzes in Ortenau und Breisgau legt eine Verflechtung mit dem elsässichen Herzogsgeschlecht der Etichonen und der ihnen verbundenen Adelssippen nahe, auch wenn das Kloster selbst, möglicherweise erst in karolingischer Zeit, unter den Schutz des Reichs gestellt wurde. Am Platz des Klosters selbst bestand eine römische Siedlung, wohl eine größere und repräsentativ ausgestattete Villa rustica des 4. nachchristlichen Jahrhunderts, von der Spolien beim Bau der Klosterkirche und bei der Anlage der Gräber wiederverwendet wurden.

Der Versuch, den in der Klostertradition des 13. und 14. Jahrhunderts verehrten Klostergründer Offo mit einer Memoria, einer bereits in karolingischer Zeit mit einem Mosaik besonders ausgezeichneten Gedenkstelle, in Verbindung zu bringen, muss trotz ausführlicher archäologischer Dokumentation des Baubefundes Spekulation bleiben. Die Hochstilisierung des Offo als Klostergründer steht im Zusammenhang mit der politischen Agitation des Spätmittelalters gegen die amtierenden Klostervögte aus dem Haus Geroldseck.

Das Kloster wurde zwischen 746 und 753 durch Pirmin der Benediktinerregel unterstellt und errang in karolingischer Zeit eine bedeutende wirtschaftliche Stellung, so dass es 817 im Kapitulare Ludwigs des Frommen über das Heeresaufgebot der Reichsklöster nach Lorsch an zweiter Stelle steht. Gleichzeitig wurde hier eine hochqualifizierte Schreibschule gepflegt, wie ein vom damaligen Abt Betrich in Auftrag gegebenes und von Diakon Luithar geschriebenes Evangeliar, heute im Britischen Museum in London, belegt.

Möglicherweise ist es den Wirren der spätkarolingischen Zeit zuzuschreiben, dass das Kloster völlig verarmte und sein Besitz sich später fast vollständig in den Händen der Herren von Geroldseck wiederfindet. Erst mit der Entmachtung der Etichonen als Herzöge des Elsass scheint sich der Einfluss der Königtums wieder geltend machen zu können; Otto II. verlieh dem Kloster 975 ein Immunitätsprivileg, das es aus der Gerichtsbarkeit der regionalen weltlichen Gewalten befreite. 1007 schenkte Kaiser Heinrich II. Schuttern zusammen mit Gengenbach dem neu gegründeten Bistum Bamberg und schenkte ihm 1016 wegen seiner großen Armut die benachbarte Pfarrkirche von Friesenheim. Wenn jemals wirklich ein Bezug auf einen Klostergründer Offo bestand, wurde diese Tradition in dieser Zeit unterdrückt, das Kloster erscheint ab 1025 unter den Namen Schuttern (Scutera). Ob ein inhaltlicher und traditionsmäßiger Zusammenhang zwischen der Neuorientierung des Klosters als Bamberger Eigenkloster, dem Namenswechsel und dem Motiv des Brudermords von Kain und Abel auf einem zu Beginn des 11. Jahrhunderts angelegten Bodenmosaik - dem ältesten seiner Art in Deutschland - an der Stelle der Memoria besteht, muss offen bleiben.

Zahlreiche Feuersbrünste setzten dem Kloster im 12. und noch im 13. Jahrhundert zu und vernichteten neben den romanischen Klostergebäuden vermutlich auch den größten Teil der urkundlichen Überlieferung.

Mit dem Jahr 1235 beginnt die urkundliche Belegbarkeit der Klostervogtei, über die in der vorhergehenden Zeit nur spekuliert werden kann. Belege, dass die Herzöge von Zähringen als Inhaber der Ortenauer Grafschaft vor 1218 die Vogtei ausgeübt hätten, bestehen nicht. Andererseits liegt die Vermutung nahe, dass die Herren von Geroldseck bereits vor 1235 Vogteirechte zur Aneignung von Klosterbesitz in nicht geringem Umfang missbraucht haben. Nach dem Absterben der Herren von Geroldseck in der Diersburger Linie fiel die Vogtei 1278 an das Haupthaus Geroldseck in der Hohengeroldsecker Linie zurück und stand von da an unter dem Einfluss der von hier ausgehenden politischen Wirrnisse. Die Vogteirechte dienten den Geroldseckern als Basis, in der mittlerweile zur Stadt erhobenen Siedlung Schuttern eine Burg zu errichten, die sie in der Zeit des habsburgisch-wittelsbachischen Thronstreits als Stützpunkt nutzten. Als Reaktion darauf wurden Kloster und Stadt 1334-35 von den Bürgern der Stadt Straßburg zerstört. Die geroldseckischen Erbauseinandersetzungen im 15. Jahrhundert zogen das Kloster ebenso in Mitleidenschaft wie der Bauernkrieg 1525, bis es schließlich durch einen neuen Großbrand 1548 in Schutt und Asche gelegt wurde. Die Stadtrechte gingen in diesen Wirren wieder verloren.

1490 trat Schuttern der Bursfelder Kongregation bei und gehörte ihr bis 1623 an.

Mit der politischen Orientierung nach Österreich wurde der Abt des weiterhin der Bamberger Kirche gehörenden Klosters zum Endes 17. und Beginn des 18. Jahrhunderts praktisch Mitglied der vorderösterreichischen Landstände. Österreichisches Militär schlug 1743 Unruhen unter den Schutterner Bauern nieder. Unter Abt Karl Vogel (1753 - 1786) erlebte das Kloster noch einmal eine Blüte, während der 1767 - 72 die heutige barocke Kirche errichtet wurde. 1770 übernachtete hier Marie Antoinette, Tochter Maria Theresias und zukünftige Gemahlin des französischen Thronfolgers Ludwig XVI., auf ihrer Reise von Wien nach Versailles zum letzten Mal auf deutschem Boden. Im Frieden von Luneville 1801 wurde Schuttern mitsamt dem österreichischen Breisgau Besitz des Herzogs von Modena und kam dann im Frieden von Pressburg 1805 an Baden. Das Kloster, 1803 Besitz der Johanniter, wurde von Baden 1806 aufgehoben. Die barocken Klostergebäude, die ihm noch kurz vorher den Glanz einer kleinen barocken Residenz gegeben hatten, wurden abgebrochen, die Klosterkirche wurde Pfarrkirche des Dorfes Schuttern.

Besucher im Kloster

Hoher Besuch hatte sich im Jahre 1016 angesagt: Kaiser Heinrich II. besuchte auf seiner Rückreise nach Frankfurt das Kloster ("Huius sub regimine rex Heinricus in oppido Offonisvilla......") und hielt auch an der Grabstätte des Klostergründers Offo inne.

Am 6. Mai 1770 besuchte die Erzherzogin Maria Antonia, Tochter der Kaiserin Maria Theresia das Kloster. Von Schloss Schönbrunn setzte sich der Brautzug der Marie Antoinette, wie die Braut des Dauphins und späteren Königs von Frankreich jetzt hieß, in Bewegung. In ihrem Gefolge kamen 257 Personen mit 57 Wagen und 450 Zug- und Reitpferden. Nicht zu vergessen die Kammerdiener, Hofdamen und Lakaien sowie die Küchenhierarchie von 73 Personen. Kanonenfeuer und Glockengeläut begrüßten die Ankömmlinge. Das Volk hat sich entlang der Klostermauer aufgestellt und jubelte dem hohen Besuch kräftig zu. Das Fest fand seinen Höhepunkt in einem pompösen Feuerwerk, das alle Zuschauer zur Begeisterung hinriss. Am nächsten Morgen, nach der hl. Messe in der Hauskapelle, setzte sich der Tross wieder in Bewegung. Bei Kehl wurde Marie Antoinette auf einer Insel im Rhein von ihrem zukünftigen Hofstaat in Empfang genommen.

Baudenkmäler

Einziger Überrest des alten Klosters ist die weithin sichtbare barocke Pfarrkirche, in deren Untergeschoss die Reste des ottonischen Bodenmosaiks von Kain und Abel sichtbar gemacht sind. Der Turm der Kirche entstand 1722 unter französischen Stileinflüssen, 1767 - 1772 folgte das Langhaus. Dessen Vierungskuppel wurde 1821 abgebrochen, ein Brand vernichtete 1853 die barocke Ausstattung. Das heutige Erscheinungsbild geht auf die Gesamtrestaurierung der Kirche Ende der 1970er Jahre zurück, während der auch umfangreiche archäologische Untersuchungen durchgeführt wurden.



Kloster Schuttern: alter Stich
Kloster Schuttern: alter Stich.

Das Kloster Schuttern in Zahlen:



817 erscheint Schuttern in den Kapitularen ( Gesetzbüchern ) von Ludwig dem Kaiser Ludwig dem Frommen unter den 12 bedeutenden Reichsklöstern.

830/835 Verbrüderung mit den Klöstern Reichenau und St. Gallen.

938 verwüsten die Hunnen ( Bulgaren ) die Gegend und das Kloster.

975 verleiht Kaiser Otto II dem Konvent das Recht der freien Abtswahl, Papst Gregor V - bestätigt dies.

1009 unterstellt Heinrich II das Kloster Schuttern dem Bistum Bamberg.

1016 übernachtet Heinrich II im Kloster, sieht seinen schlechten Zustand und beschenkt unter anderem Friesenheim, Heiligenzell, Herbsheim, Oberschopfheim, Zunsweier, Kürzell, Almansweier, und Ottenheim mit Gütern. Kaiser Heinrich II stiftet vermutlich das Mosaik über dem Offograb.

1136 bestätigt Papst Innocenz die Besitztümer.

1166 wird als Folge der Fehde zwischen Herzog Welf, Sohn Heinrich des Stolzen und Hugo Pfalzgraf von Tübingen das Kloster abgebrannt.

1169 Streitigkeiten zwischen dem Kloster und seinem Kastenvogt Berthold dem älteren Grafen zu Neuenburg. Dieser verwüstet die Landgüter mit Feuer, besetzt das Kloster und zerstört Teile der Klosterkirche.

1316 Berthold von Ottenheim, des Klosters Oberkellermeister, stiftet die St. Georgskapelle im Schlosse zu Heiligenzell.

1323 Geroldsecker werden Kastenvögte ( Schutzvögte ) des Klosters. Schuttern erhält Stadtrecht.

1328 fielen die Parteigänger Ludwigs von Bayern in die Gegend ein, raubten das Kloster aus und verwüsteten es derart, dass es unbewohnbar wurde.

1333 die Fehde zwischen Straßburg und den Geroldseckern führt unter anderem zur Zerstörung des Klosters.

1349 trat die Pest auf die den Wiederaufbau verzögerte.

1372 zerstören die Straßburger das Kloster ein zweites Mal.

1504 im bayrischen Krieg erobert Kaiser Maximilian das Kloster, bestätigt seine Rechte und nahm es in Reichsschutz.

1525 führte die große Not und Unzufriedenheit vor allem der ländlichen Bevölkerung zu Aufständen (Bauernkriege 1524-1525 ). Lahrer und Friesenheimer besetzten das Kloster, zerstörten, raubten Urkunden, plünderten den Konvent und die Zellen. Der Konvent und flüchtete, z. T. ins Brudertal. Auch die Mark- und Grenzsteine wurden ausgerissen.

1535 versuchten die Lutheraner, in die Rechte und Güter des Klosters einzugreifen. Die Reformation wurde in einigen Gemeinden zwangseingeführt.

1562 bis 1570 wurde gegen den Willen des Klosters in den Orten Oberschopfheim, Kürzell, Friesenheim, Ichenheim und Oberweier die Reformation zwangsweise eingeführt.

1579 musste Kaiser Maximilian das Kloster schützen und bestätigte seine bisherigen Rechte. Im gleichen Jahr wurde das Kloster durch die Novarischen Kriege stark in Mitleidenschaft gezogen. Es musste an Frankreich Fußsoldaten, Reiter und Lebensmittel stellen, ebenso an den Schwäbischen Kreis. Die Geroldsecker schlugen ihr Lager in Schuttern auf und erpressten was sie wollten.

1632 bis 1648 Auswirkung des 30 jährigen Krieges.16 Jahre waren die Mönche im Exil. Das Kloster diente den verschiedenen Kriegsparteien abwechselnd als Heerlager.

1633 Ausbruch der Pest in Schuttern.

1659 wurden die Pfarrer der Klosterpfarreien gezwungen, protestantische Pastoren zu dulden, und mit ihnen gemeinsam die Kirche zu nutzen. Das Kloster hatte die Pastoren zu unterhalten.

1670 brannte das Kloster zum 9. Mal, der Konvent blieb unbeschädigt.

1675 bis 1676 unter Abt Placidus I erhoben sich Untertanen gegen die Höhe der Abgaben.

1703 brachte der spanische Erbfolgekrieg neue Repressalien, Einquartierungen, Schanzarbeiten.

1745 bis 1747 Im Krieg der Franzosen gegen die österreichischen Kaiser Karl VII und Franz I. wurde Schuttern abermals Kriegsschauplatz. Der französische Dauphin war 4 Tage im Kloster um Plünderungen zu verhindern und gab dem verarmten Kloster Lebensmittel.

1770 baute der Abt Vogler die jetzige Klosterkirche von Grund neu auf.

1770 am 6. Mai, nächtigte die jüngste Tochter der Kaiserin Maria Theresia, Marie Antoinette, mit großem Gefolge auf ihrer Reise nach Paris in Schuttern. Der Abt von Schuttern wurde, nachdem er Treue geschworen hatte, zum geheimen Hofrat seiner kaiser-königlichen Majestät ernannt.

1773 im Herbst flohen 20 Lahrer Bürger wegen Aufruhrs nach Heiligenzell, um bei Abt Karl Vogler Schutz zu suchen. Der Lahrer Stadtrat duldete das nicht, der Abt verwendete sich für sie, konnte ihnen aber nicht helfen.

1773 am 1. November wurde die heutige Kirche eingeweiht.

1796 in Folge der französischen Revolution wurde am 24. Juni die Ortenau von französischen Truppen besetzt, geplündert und gebrandschatzt. Auch das Kloster wurde bis auf die Mauern ausgeraubt und verwüstet.

1797 am 20. April überschritten die Franzosen abermals den Rhein und besetzten neun Monate lang die Ortenau. Außer Wein und Lebensmittel musste das Kloster Bauholz für eine Rheinbrücke in Kehl liefern und 30.000 Livres zahlen, die das Kloster aber nicht hatte. Daraufhin wurden 2 Patres als Geiseln mit nach Straßburg genommen.

1798 am 1. März kamen die Franzosen abermals über den Rhein, raubten das Kloster erneut aus. Von diesem Schaden konnte sich das Kloster nie mehr erholen. Auch der Abt hatte keine große Hoffnung auf Erhalt des Klosters.

1805 am 17. Dezember erschien eine Kommission und eröffnete, dass von dem Kloster provisorischer Besitz genommen werde und über alle Einnahmen und Ausgaben Buch zu führen sei.

1806 am 31. August erfolgte die Schließung des Klosters. Der Abt erhielt eine Pension und als Wohnung den Schutternhof bei Freiburg. Für die Insassen und Bediensteten wurde gesorgt. Die Klostergebäude wurden nach und nach versteigert und als Steinbruch benutzt. Die kostbaren Kirchengeräte wurden entwendet. Von den sieben Glocken wurde eine der Stadt Phillipsburg geschenkt. Die reichhaltige Bibliothek kam in das Landesarchiv nach Karlsruhe.

1821 am 7. Februar wurde der Rest der Klosterbibliothek in Offenburg für 70 Gulden versteigert.

1853 am 31. Juni nachts um 11 Uhr schlug der Blitz in den Turm ein. Der Turm brannte und aus und fiel auf das Kirchenschiff. Ebenso brannte die Kirche aus. Einige Bilder, Statuen und Einrichtungsgegenstände konnten gerettet werden. Von der Kirche blieben nur die Außenmauern und die Barock/Rokoko Fassade erhalten. Der Innenraum wurde gemäß dem damaligen Zeitgeist im Spätklassizismus ausgeführt.

1913 wurde die Kirche renoviert. Bei dieser Renovation wurde die untere Fensterreihe zugemauert. Der Innenraum erhielt einen rötlich-sandsteinfarbenen Anstrich.

1971 bis 1976 wurden unter Leitung von Karl List umfangreiche Ausgrabungen durchgeführt. Über 1000 qm Erde und Schutt wurden bewegt. Gleich zu Beginn der Grabungen stieß man auf einen sensationellen Fund:

Ein Stiftmosaik das dem Kaiser Heinrich II zugeschrieben wird. Es ist vermutlich das älteste, nichtrömische Mosaik nördlich der Alpen.

1977 bis 1981 wurde eine Decke über dem Ausgrabungsraum eingebaut, so dass dieser zugänglich ist. Diese Decke bildet gleichzeitig den heutigen Fußboden. Bei umfangreichen Renovierungen wurden die 1913 zugemauerten Blindfenster wieder geöffnet. Dadurch entstand ein heller, lichtdurchströmter Raum. Dieser wurde durch einen weißen Cararamarmorboden und einen helleren Anstrich der Wände und Bänke unterstützt. Gleichzeitig wurde der Altar neu gestaltet. Die Orgel wurde von der bekannten Orgelbauwerkstätte Peter Vier aus Oberweier restauriert.

Neben dem Mosaik ist eines der bedeutendsten im Kloster geschaffenen Kunstwerke ein von dem Diakon des Klosters Schuttern Liuthar handgeschriebenes Evangeliar aus dem frühen 9. Jahrhundert, das sich heute im britischen Museum in London befindet.

Marie Antoinette
Marie Antoinette wurde am 16. Mai 1770 mit dem Dauphin von Frankreich, dem späteren Ludwig XVI. vermählt. Ihre Brautreise von Wien nach Paris war für die gastgebenden Städte und Klöster eine sehr kostspielige Angelegenheit.

Marie Antoinette auf Brautfahrt nach Frankreich

von Ekkehard Klem - im Lahrer Hinkenden Boten

Weithin sichtbar ist der hohe Kirchturm der ehemaligen Klostergemeinde Schuttern. Die Ortschaft Schuttern, heute Ortsteil der Gemeinde Friesenheim, beherbergte einst das älteste Kloster am Oberrhein. Die Gemeinde liegt zwischen Offenburg und Lahr, bis zur ehemaligen Bischofsstadt Straßburg sind es nur knapp 30 Kilometer. Nur die Kirche mit dem weithin sichtbaren barocken Turm, das Refektorium, das heute als Pfarrhaus dient, und Stücke der Klostermauer sind von dem tausendjährigen Kloster am Oberrhein übrig geblieben.

Nach der Überlieferung soll ein adliger iroschottischer Mönch namens Offo im Jahre 603 das Kloster Schuttern in der Ortenau gegründet haben. Die früheren Bezeichnungen des Klosters "Offoniscella" und "Offunwilare" sowie der Stadtname Offenburg leiten sich von dem Namen des Klostergründers ab. Im 8. Jahrhundert wurde das Kloster von Pirmin reformiert, und die Regeln des heiligen Benedikt wurden eingeführt. Im Kapitular Ludwig des Frommen von 817, dem ersten gesicherten Zeugnis, wird Schuttern unter die 14 bedeutendsten Reichsklöster eingereiht. In karolingischer Zeit lebten über 300 Mönche in der Abtei. Das aus dieser Zeit stammende Evangeliar des Diakons Liutharius, das im Britischen Museum in London aufbewahrt wird, zeugt von der hohen künstlerischen Leistung der Mönche.

Durch den frommen Kaiser Heinrich II. kam das Kloster Schuttern zu seiner Blüte. In einer Schenkungsurkunde aus dem Jahr 1016 erhielt das Kloster die Ortschaften der heutigen Gemeinde Friesenheim zugeteilt. Durch diese großzügige Zuwendung gilt der deutsche Kaiser als neuer Klostergründer. Das Klosterwappen stellt den Kaiser als Stifter dar. Die Bauernkriege blieben auch für das Kloster Schuttern nicht ohne Folge. Aufrührige Bauern aus Friesenheim und Lahr stürmten 1525 das Kloster und richteten großen Schaden an. Das Kloster wurde ausgeplündert und verwüstet.

Ein bedeutendes Ereignis lenkte den Blick Europas auf das Kloster in Schuttern: die Erzherzogin von Österreich, Maria Antonia, die spätere französische Königin Marie Antoinette, verbrachte dort auf der Reise von Wien nach Paris am 6. Mai 1770 ihre letzte Nacht auf deutschem Boden. Bereits im Dezember 1769 war das Kloster benachrichtigt worden, daß die Dauphine am 6. Tag ihrer Reise in Schuttern übernachten würde. Abt Carolus Vogler hatte keine leichte Aufgabe zu bewältigen, galt es doch einen riesigen Brautzug unterzubringen. Das Gefolge der künftigen Königin von Frankreich bestand aus 257 Personen, 57 Wagen und 450 Zug- und Reitpferden. Das Kloster mußte renoviert werden, Bettstatten und Stühle wurden gekauft, Tücher, Baldachine, Vorhänge, Spiegelwandleuchter, Lavoirs, Gläser, Karaffen, Fayencen, Deckbetten, Matratzen und vieles mehr mußte angeschafft werden. Das Kloster wurde in einem Gewaltakt zu einem sehr aufwendig ausgestalteten barocken Herrscherpalast umgewandelt. Das Rastatter Hoforchester mit 28 Musikern wurde geordert. Als Abt Vogler alle Aufwendungen und Rechnungen addiert hatte, ergab sich der riesige Betrag von insgesamt 15.086 Gulden und 50 Kreuzern. Heute müßte für die vielen Aufwendungen für das große Fest bestimmt ein Betrag von nahezu einer Million Mark aufgewendet werden.

Der Brautzug, bestehend aus Fürsten, Grafen, Gräfinnen, Hofdamen, Lakaien, Knechten und dem persönlichen Beichtvater der Braut, zog am frühen Nachmittag des 6. Mai 1770 durch das große Tor des Klosters ein. Die Bevölkerung stand Spalier, Glockengeläut des Schutterner Domes und Kanonensalut begrüßten den hohen Besuch. Der Abt, begleitet von allen Kapitularen sowie den Unter- und Oberbeamten der Abtei, empfing die Braut mit der tiefsten Verehrung. Nach einer Ruhestunde im extra eingerichteten prächtigen eigenen Gemach fand im Audienzsaal der Empfang statt. Der Abt und sämtliche Kapitularen und die Beamten wurden zum Handkuß zugelassen. An der nachfolgenden Mittagstafel nahm auch die Markgräfin von Baden mit den drei Prinzen von Baden-Durlach teil. Das markgräfliche Hoforchester sorgte während der Tafel für Musik.

Nach der Festtafel wurde Abt Carolus Vogler, der als Prälat verfassungsmäßiges Mitglied der Vorderösterreichischen Landstände war, zum Kaiserlichen, auch Kaiserlich-Königlichen Wirklichen Geheimen Rat erklärt. Das Fest fand seinen Höhepunkt mit einer Illumination der ganzen Klosteranlage mit übereinanderstehenden Ampeln, vielen Fackeln und einem im Kunstfeuer brennenden Adler. Für das Feuerwerk mußte eigens ein großes Gerüst errichtet werden. Nach dem prachtvollen Feuerwerk, das alle Besucher zu wahren Begeisterungsstürmen hinriß und die Dauphine aufs höchste entzückte, geruhte ihre königliche Hoheit sich zur Nachttafel zu begeben. Am nächsten Morgen wohnte Marie Antoinette der heiligen Messe in der Hauskapelle bei und zog dann unter dem Geläut der Glocken nach Kehl weiter. Als Dank für die großzügige Beherbergung des Brautzuges erhielt Abt Carolus Vogler von der Dauphine ein mit Diamanten besetztes Brustkreuz. Nach 36 Jahren, als Napoleon das Kloster Schuttern aufhob und dem Land Baden zuschlug, wurde dem Kloster auch dieses teure Diamantenkreuz abverlangt.

Nördlich der Ortschaft Schuttern überspannt eine kleine Bogenbrücke den Bachlauf der Schutter. Über diese Brücke rollte der große Brautzug, die Brücke hat im Volksmund heute noch den Namen "Marie-Antoinette-Brücke". Die Übergabe der erst 15 Jahre alten Braut an den französischen Hofstaat erfolgte zwischen Kehl und Straßburg auf einer Rheininsel. Die Dauphine wurde komplett entkleidet, damit die künftige französische Königin nichts, auch nicht Hemd oder Strümpfe, von einem fremden Hofe mitbrachte. Der Straßburger Brautzug der künftigen französischen Königin wurde von Johann Wolfgang Goethe, der damals als junger Student in Straßburg weilte, in seinem Buch "Dichtung und Wahrheit" beschrieben:

"Eine merkwürdige Staatsbegebenheit setzte alles in Bewegung und verschaffte uns eine ziemliche Reihe Feiertage. Marie Antoinette, Erzherzogin von Österreich, Königin von Frankreich, sollte auf ihrem Weg nach Paris über Straßburg gehen. Der schönen und vornehmen, so heiteren als imposanten Miene dieser jungen Dame erinnere ich mich noch recht wohl. Sie schien, in ihrem Glaswagen uns allen vollkommen sichtbar, mit ihren Begleiterinnen in vertraulicher Unterhaltung über die Menge, die ihrem Zug entgegenströmte, zu scherzen. Abends zogen wir durch die Straßen, um die verschiedenen illuminierten Gebäude, besonders aber den brennenden Gipfel des Münsters zu sehen, an dem wir sowohl in der Nähe als in der Ferne unsere Augen nicht genugsam weiden konnten. Die Königin verfolgte ihren Weg; das Landvolk verlief sich, und die Stadt war bald ruhig wie vorher. Vor Ankunft der Königin hatte man die ganz vernünftige Anordnung gemacht, daß sich keine mißgestalteten Personen, keine Krüppel und ekelhafte Kranke auf ihrem Weg zeigen sollten."

Marie Antoinette, 1755 als Tochter von Marie Theresia und Kaiser Franz I. in Wien geboren, wurde im Alter von erst 15 Jahren, aus Gründen der Staatsräson mit dem späteren französischen Ludwig XVI. verheiratet. Im Alter von 19 Jahren war sie bereits Königin von Frankreich. Das Leben dieser jungen Frau endete im Jahre 1793 unter der Guillotine, die auf dem Platz der Revolution in Paris aufgestellt war. Viele behaupten, daß mit der Übernachtung der Dauphine Marie Antoinette in Schuttern, dem bedeutendsten Tag in der langen Geschichte der Abtei, auch deren Untergang seinen Anfang genommen habe. Besiegelt wurde dieser jedoch erst im Jahre 1805 in Ulm, nur wenige Wochen nach dem entscheidenden Sieg Napoleons über die Österreicher. In Schuttern erschien am 17. Dezember 1805 ein Kommissar der neuen Obrigkeit und verkündete das Ende des Stiftes Schuttern.

Die Klostergebäude standen in der Folgezeit leer. Viele unbewohnte Gebäude wurden zu Ruinen und wurden auf Abbruch veräußert. Viele Gebäude in der mittleren Ortenau wurden aus den Steinen und Balken des Klosters errichtet. Seit der Säkularisation gehören die Reste der Klosteranlage dem Staat. In den Jahren 1972 bis 1978 wurde die Klosterkirche renoviert und archäologisch untersucht. Auf fest installierten Laufstegen können die Ergebnisse der Grabung in der Unterkirche betrachtet werden. Fundamentreste, Gräber und Mauern führten die Besucher zurück bis in die Römerzeit. Höhepunkt der Begehung ist jedoch das Mosaik, das als Einfassung des in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts erneuerten Offograbes diente. Das Medaillon hat einen Durchmesser von 3,38 Metern, abgebildet ist unter anderem der biblische Brudermord, Kain erschlägt seinen Bruder Abel. Das Mosaik wird als ältestes deutsches Fußbodenmosaik bezeichnet. Bei der Grabung konnte auch die Grablege des Grafen Hermann von Geroldseck aus dem Jahre 1262 gefunden werden. Die archäologischen Ergebnisse der Grabung hellen die Frühgeschichte des Klosters auf. Durch die in vorbildlicher Weise sichtbar gemachte Geschichte des Bauwerks ist die Klosterkirche daher mehr als der fast einzig erhaltene sichtbare Rest des Klosters, sie ist ein Museum für die klösterliche Frühzeit.