[X]
Aus Lahr Lageplan Gemeinde Lahr


Johann Heinrich Geiger
Johann Heinrich Geiger - ein mutiger Verleger

Johann Heinrich Geiger - Der Lahrer Hinkende Bote

Johann Heinrich Geiger (24.12.1764 - 7.2. 1849) Buchbinder, Drucker und Verleger - Der Vater des Hinkenden Bott aus Lahr

von Christel Seidensticker

Geboren wurde Johann Heinrich Geiger in der Geburtsstadt seiner Mutter Elisabeth Dreyspring, in Lahr. Hier besaß auch der Vater seit 1851 das Bürgerrecht, obwohl er in Rüppurr ansässig ist. Dies deutet auf Grundbesitz in Lahr und auch darauf, daß der Vater nicht ganz unvermögend ist, denn das Bürgerrecht war immer auch mit Pflichten, vor allem finanziellen verbunden. Johann Heinrich Geiger wird Buchbinder wie sein Vater Christian Siegmund und sein Bruder Christian. Irgendwann einmal beschließt die Familie nach Lahr überzusiedeln. Mit noch nicht ganz 25 Jahren heiratet Johann Heinrich die Lahrerin Anna Baumann. Als ein gutes Jahr später die erste Tochter auf die Welt kommt, hatte auch er das Bürgerrecht in Lahr erworben. Weshalb sich die Familie entschloß, nach Lahr zu gehen und wann dies genau geschah, ist nicht bekannt. Alle drei, der Vater und die beiden Brüder, betrieben etwa von 1790 an ihr Gewerbe in Lahr, der Vater genoß wahrscheinlich schon seinen Lebensabend, half wohl nur noch aus. Er war fast siebzig Jahre alt, wird aber noch etwa 15 Jahre leben.

War es der Familie in Karlsruhe zu unruhig geworden in jenen kriegerischen Zeiten unmittelbar nach der französischen Revolution? Waren es Gerüchte vom Einmarsch der Franzosen? Hatte es Schwierigkeiten mit dem Markgrafen von Baden gegeben? Ernährte die Buchbinderei die Familie nicht mehr? Versprach man sich, in Lahr lebhaftere Geschäfte machen zu können? Oder stand der Entschluß Johann Heinrich Geigers zu diesem Zeitpunkt schon fest, es mit dem Buchdrucken zu versuchen und errechnete er sich in Lahr bessere Chancen? Immerhin gab es im Badischen privilegierte Drucker, in Lahr, das zu Nassau-Usingen gehörte, könnte es Bedarf und weniger Schwierigkeiten gegeben haben. Das sind alles Spekulationen. Am wahrscheinlichsten ist, daß der Ortswechsel stattfand, um in den Genuß der Grundstücke zu kommen. Neben der Buchbinderei, die damals immer auch mit dem Verkauf von Büchern einherging, handelten die Brüder mit Schreibwaren und Tapeten und stellten, wie schon in Karlsruhe, Spielkarten her. Hierfür wurde sogar ein Kartenmacher eingestellt.

Schon bald nach der Übersiedelung begann Johann Heinrich zu drucken. Später wird erzählt, er habe in Basel in einer in Konkurs gegangenen Druckerei Lettern und eine Presse erworben und diese zusammen mit seiner Frau Maria in einem Handwagen nach Lahr gebracht. Beide sollen sich dann das Drucken beigebracht haben. Tatsächlich stammen die für die frühen Drucke verwendeten Lettern aus einer Basler Schriftgießerei. Doch das besagt nicht viel, denn die Schrifttype war weit verbreitet und wurde zu gleicher Zeit auch in Straßburg verwendet. Von 1792 an bemühte sich Johann Heinrich um ein Druckprivileg bei seinem Landesherrn in Wiesbaden, das er jedoch nie erhielt. Dennoch druckte er: Schilder für die in Lahr aufkommende Tabakindustrie, kleine Formulare und Protokolle für städtische Behörden, Schriften aus aktuellem und örtlichem Anlaß, von 1796 die biblische Historie, den kleinen Katechismus und das Lesebuch und eine Fibel für das Oberamt. Vor allem aber ließ der von Straßburg nach Ettenheim in der Nähe von Lahr geflohene Kardinal Rohan von 1795 an seinen gesamten Bedarf bei ihm drucken, alle "in das geistliche Fach einschlagenden Schriften, Kirchenkalender und öffentlichen bischöfliche Verordnungen hiesigen Kirchsprengels", wie ihm später bescheinigt wird. Auch das wird bescheinigt: "... daß man hierorts mit seiner Arbeit, Anstrengung und außerordentlichen Dienst Fleiß bestens zufrieden war; auch selber auf mögliche Art empfohlen zu werden sich verdient gemacht hat."

"Vielleicht wird mir auch hinterwärts zum Vorwurf gemacht, daß ich kein gelernter Buchdrucker, sondern ein Buchbinder seie. Es ist wahr, ich habe nicht in Thor- und Narrheiten, oder in Schwelgereien aller Art meine früheren Jahre verlebt, sondern mir im Willen Kenntnisse zu sammeln gesucht, welche meine Eltern mir nicht geben konnten; aber dennoch habe ich sowohl in mechanischer als merkantilischer Hinsicht in 13 Jahren bewiesen, daß ich Buchdrucker bin." So schreibt er über sich in einer Bittschrift von 1805. Zurückgerechnet ergibt sich, daß Geiger schon früher als 1794 zu drucken begann, dem Jahr, das als Gründungsdatum der Druckerei schon im vorigen Jahrhundert von seinen Nachkommen gefeiert wurde. Das erste nachweisbare Druckdatum ist aus einer Rechnungsquittung für die Stadt Lahr aus dem Jahr 1794 zu entnehmen. Nach dem Tod des Vaters im Jahre 1803 trennten sich die Brüder. Johann Heinrich übernahm außer der Buchdruckerei und der Kartenfabrikation den "Buch-, Papier- und Tapetenhandel und die Lesebibliothek", während der Bruder Christian die Buchbinderei weiterbetrieb und Bonbonnieren, Visitenkarten, kleine und große Kupfer, Papierspitzen und kleine "Lädchen" (Schächtele) mit wohlriechenden Wässerchen verkaufte. Die Karten-Fabrikation hat Johann Heinrich erst 1817 "eingehen" lassen. Die Lesebibliothek übergab er 1816 seinem Schwiegersohn Theodor Kaufmann, dem Begründer des noch heute in Lahr ansässigen Druckhauses Kaufmann und des Verlags Ernst Kaufmann.

Die Klio, Versuch einer Zeitung

Der Versuch, 1795 für den schwäbischen Dichter Gotthold Friedrich Stäudlin eine Zeitung zu verlegen, mißlang. Sie wurde nach der Muse der Geschichtsschreibung "Klio" genannt, erschien aber nur ein halbes Jahr, obwohl Stäudlin ein ausgedehntes Korrespondentennetz aufgebaut hatte und Erfahrungen aus dem schwäbischen mitbrachte. Da die Druckerlaubnis für die Zeitung vom Nassauisch-Usingischen Landesherrn schwerlich zu erreichen gewesen wäre, druckte Geiger in Seelbach - oder gab es zumindest vor - mit "Hochgräflich Leyen'schem Privilegium". Stäudlin war ein Freund des 1791 verstorbenen Publizisten und Lyrikers Christian Friedrich Daniel Schubart, der für seine allzu freiheitlich gesinnte und deshalb unliebsame Zeitung in Festungshaft auf dem Hohenasperg schmorte. Auf den insgesamt 230 Seiten der "Klio" prangert Stäudlin den Krieg an, preist jeden Hoffnungsschimmer auf Frieden, empört sich über die Barbarei und die Greuel der Jakobiner. Nach dem Krieg, so versprach er, wolle er "durch Aufsätze aus anderen Gebieten, alte Geschichte, Moral, Poesie der Zeitung Mannigfaltigkeit geben". Doch dazu sollte es nicht kommen. Abonnenten und Anzeigenkunden blieben aus. Nach einem halben Jahr mußten Stäudlin und Geiger aufgeben. Bei Geiger, seinem Verleger, wie Stäudlin ihn ausdrücklich nannte, veröffentlicht er auch zwei Schriften, die er in der "Klio" ankündigte: "Empfindungen bei der Nachricht von Robespierre's Fall und Tod" und für 8 Kreuzer "Geschichte der Feier des 50sten Amtsjahres des Herrn Reichsschultheißen Freih. von Rienecker zu Offenburg. Dieser Beschreibung sind auch die 80 Emblemen, welche bei der zur Verschönerung dieses Festes veranstalteten Beleuchtung angebracht waren, auch das Gedicht, welches die Handelsschaft dem Herrn Reichsschultheißen überreichte, beigefügt. Auch bei Buchbinder Lang in Offenburg ist diese Beschreibung in Kommission zu haben." In der 76. Nummer des Blattes vom 30. Juni 1795 kündigt Stäudlin dem Publikum an: "daß die Laufbahn der Klio mit diesem Blatte sich endigt". Er überlebte das Ende seiner Zeitung nicht lange. Ein gutes Jahr später ertränkte er sich 38jährig in Straßburg in der Ill. Er habe nun, so schrieb er an die Mutter, die von ihr so sehnlich erwünschte Versorgung "im Grabe gefunden".

Das Wochenblatt

Einen neuen Anlauf wagte Geiger 1796 mit dem Lahrer Wochenblatt, ein bescheidenes und zunächst nur aus einer einzigen Doppelseite bestehendes Mitteilungsblatt. Es vermeldete die "Gebohrenen, Copulierten und Gestorbenen", die Frucht- und Fleischpreise, amtliche Vorladungen und Mitteilungen, sonst nicht viel mehr. Trotz mancher Querelen, so etwa, wenn die Obrigkeit den Druck wegen eines Verstoßes gegen die strengen Zensurgesetze verbieten mußte, entwickelte sich das Blättchen im Laufe des 19. Jahrhunderts zu dem, was heute noch als "Lahrer Zeitung" täglich erscheint. Geiger hat 1808 die Redaktion selbst übernommen, nachdem ein Kirchenmann, Dekan Fecht, sie eine Zeitlang für ihn besorgt hatte.

Die Lesebibliothek Schon gleich zu Beginn seiner Tätigkeit in Lahr richtete Johann Heinrich Geiger eine Lesebibliothek ein. Später nannte er seine Gründe: "Das Lesen guter und nützlicher Bücher ist beinahe zum allgemeinen Bedurfniß geworden, und unverkennbar ist auch sein Nutzen in allen Klassen; der Verstand wird aufgehellt, die Gefühle veredelt, so kann nur den Leser, nicht das Lesen ein Vorwurf tref-fen; und Lesen deßwegen als gefährlich zu verdammen wollen hieße eben so viel, als das Feuer verdammen, weil es in den Händen eines Unvorsichtigen Schaden stiften kann."

Bildung für alle Klassen fordert er also, er verteidigt das Lesen, was damals so selbstverständlich nicht war! Man erinnere sich, daß Schiller rund zwanzig Jahre zuvor Miller, den Vertreter des Kleinbürgertums in "Kabale und Liebe" die Lesesucht seiner Tochter verdammen und von den Büchern sagen läßt, sie seien "Teufelszeug aus der höllischen Pestilenzküche der Belletristen". Stück um Stück erweitert Geiger seine Leihbibliothek. Er stellt 1800 "Hermann und Dorothea" neben den "Geist auf Frauenburg", "Moriz von Tannenhorst" neben "Herders Beförderung der Humanität" in drei Bänden, "Kotzebues neueste Schauspiele" neben "Shakespeares Schauspiele" und auch Titel wie Willibald und Hugo von Stadeck, genannt die Stürmer, eine Ritter- und Geistergeschichte durften nicht fehlen. Was uns heute der Krimi, ist in jenen Zeiten der Schauerroman. Volksaufklärung steht neben Schnulze, und ein wenig Lebenshilfe gibt es auch: 1800 gibt es einen Neuzugang: "Elisa oder das Weib, wie es sein sollte" und "über den Umgang der Weiber mit Männern." Das Angebot wurde eifrig genutzt, davon zeugen allein schon die vielen Inserate mit der Aufforderung, ausgeliehene Bücher doch, bitteschön, wieder zurückzubringen.

Der Bürger

Geigers Aktivitäten beschränkten sich nicht auf die Vermehrung seines weltlichen Vermögens. Mit missionarischem Eifer setzte er sich für die Allgemeinheit ein. Er verbesserte die Versorgung der Armen in seiner Stadt. Nach dem Vorbild anderer Städte gründete er eine Armeninstitution, eine Spinn- und Webschule für die Armen, er plante eine Art Krankenkasse für Handwerksburschen, und das alles unter ganz persönlichem finanziellem und körperlichem Einsatz. So wundert es nicht, daß er, als es wieder einmal Probleme mit der Druckerlaubnis gab, vom Rath Johann Gottlieb Aemilius Langsdorf in einer Bittschrift an die Obrigkeit als "einer der bravsten und ernsthaftesten Bürger in Lahr" bezeichnet wurde, der "durch Fleiß und Thätigkeit sich und seine zahlreiche Familie auf eine ehrbare Art zu ernähren wußte, einen tadellosen Lebenswandel und regelmäßige Haushaltung führe, gute Kinderzucht halte, und sich um das hiesige Publikum vorzüglich dadurch verdient gemacht hat, daß durch seine Veranlassung und rastloses Bestreben das Armeninstitut nicht nur zu Stande gekommen sey, sondern auch er seit dessen Errichtung als einen der fleißigsten und thätigsten Vorsteher und Mitarbeiter sich beweise, der alle Dienste unentgeltlich leiste und alles was dabey zu drucken war bisher unentgeltlich geleistet habe." Bis 1803 teilte Geiger den Zehrpfennig an die Armen persönlich aus, er übernahm die Kassenführung, kassierte und quittierte die Spenden, setzte alle Mitteilungen der Institution - die Kassenberichte, den Dank an edle Spender - auf eigene Kosten in sein Wochenblatt. Gemeinnützige Beiträge aller Art, so teilt er seinen Lesern im Wochenblatt Ende 1803 mit, "werden mit verbindlichem Dank gratis eingerückt". In Hungerszeiten stand er an den Suppentöpfen - buchstäblich bis zum Umfallen. Während der Hungersnot von 1816/17 - immerhin war er da schon über fünfzig Jahre alt, was zu jener Zeit ein hohes Alter war - brach er zusammen und erkrankte auf den Tod. Doch "der gerechte Lenker des Himmels wollte nicht, daß dieser edle Mann sein irdisches Dasein der Unterstützung und Rettung seiner armen Mitmenschen zum Opfer fällt." So ehrte ihn der damalige Oberamtsleiter Liebenstein nach seiner Gesundung. Als Geiger durch die "Gnade Gottes zur höchsten Altersstufe des menschlichen Lebens gelangt" war und seinen 80. Geburtstag feierte, überreichte derselbe Liebenstein, nun badischer Minister, dem Jubilar die "größere goldene Verdienstmedaille" von Baden.

Der Familienvater

Auch einige Zeugnisse über das Familienleben Johann Heinrich Geigers haben sich erhalten. Neben Jugenderinnerungen von Enkeln, geben vor allem zwölf Briefe einen direkten Einblick. Der jüngste Sohn Karl hat sie 1808 dem Bruder Johann Heinrich nach Tübingen geschrieben, wo dieser eine Buchhandelslehre bei Cotta begonnen hatte.

In folgendem Brieftext von Karl Geiger lernen wir den Drucker Geiger als einen biedermeierlichen Vater kennen.

Lieber Heiner,

Mit vielem Vergnügen las ich Deinen ersten Brief aus Tübingen vom 17. März; aber die Art wie ich ihn erhielt, machte mir auch viel Vergnügen; denn ich wurde mit demselben sowohl als auch mit des Vaters Ankunft (in Lahr) überrascht. Derselbe kam schon Dienstags nachmittags um halb 2 Uhr gesund und wohlbehalten mit des hiesigen Kronenwirts Fuhre, die er auf dem Hausacher Markt angetroffen hatte, hier an. Da projektierte nun die Lisette, die Vize-Mutter, eine Überraschung für mich, die mich auch wirklich sehr überraschte. Ich komme um 7 Uhr nach Hause und frage nach dem Vater; aber niemand will etwas von ihm wissen; endlich geben sie mir Deinen Brief, der mit der Post mußte gekommen sein; ich las ihn vor, und alle wunderten und freuten sich über das, was sie schon lange wußten; wie ich aber fertig bin, so - denk Dir meine Freude - schallt`s hinter dem Umhang, wo der Vater ausruhte, hervor: - "Guten Abend, Karl!" - Das Übrige denke Dir hinzu; sonst wird das Blatt voll, ehe ich recht anfange.


Andere Briefstellen zeigen, wie besorgt der Vater um die Bildung seiner Kinder und um den liebevollen Umgang miteinander war. Die Kinder besuchten das Pädagogium, wie das Gymnasium in Lahr hieß, sie lernten also auch Latein und moderne Fremdsprachen. Sohn Karl erhielt zusätzlichen Französisch-Unterricht, als er schon als Lehrling im Kontor der Druckerei arbeitete. Auch die vier Töchter wurden fleißig zum Lernen angehalten. Auch der musische Bereich kam nicht zu kurz. Die Söhne erhielten Geigen- und Flötenunterricht und für die körperliche Ertüchtigung sorgten Reitunterricht, lange Spaziergänge im Sommer, im Winter Schlittschuhlaufen. Einer seiner vielen Enkel, Gustav Kaufmann, erinnerte sich noch als alter Mann am Ende des 19. Jahrhunderts gerne an den "Geiger-Großvater". In seinem Haus, im Garten und auf den Feldern habe er die glücklichsten Stunden verbracht. Er erzählt auch, wie der Großvater einmal ohne Auftrag für die Stadt für 8 000 Gulden Wiesen gekauft habe. Da die Verwaltung diesen Kauf nicht genehmigte, soll er sich entschlossen haben, sich aus allen öffentlichen Ämtern zurückzuziehen und unter Zukauf von weiterem Landbesitz selbst Landwirtschaft zu betreiben. Er hielt Kühe und Schweine, versorgte die Familien seiner Kinder mit Milch und Speck. "Er war ein wahrer Patriarch", schreibt der Enkel. "Ein unerschütterliches Gottvertrauen war seine Signatur, dabei war er außerordentlich mild in seinem Urteil über andere." Als Johann Heinrich Geiger 1839 die Goldene Hochzeit feierte, lebten von seinen sechs Kindern noch drei. Der Tag wurde feierlich begangen. Die Kinder mit ihren Ehemännern und -frauen und 24 von insgesamt 27 Enkelkindern brachten am frühen Morgen ihre Geschenke in das festlich geschmückte Haus. Ein Transparent mit Blütenkränzen, Engeln und Bibelsprüchen war über der Tür angebracht, und an den Fenstern hingen Girlanden von Immortellen. Die zwei ältesten Enkelinnen traten an das Bett der Großeltern und trugen selbstverfaßte Gedichte vor. Dann ging es in den Garten, wo ein Triumphbogen mit der Überschrift "Herzlich willkommen" errichtet worden war. Als das Jubelpaar ihn betrat, sprach die älteste Enkeltochter das "Lied von der Goldenen Hochzeit" des Dichters Albert Knapp.

Johann Heinrich Geiger war sein Leben lang gottesfürchtig und gegen Ende seines Lebens fast fanatisch fromm. Darüber legen Texte aus seiner Feder im Hinkenden Boten und im Wochenblatt ein lebendiges Zeugnis ab. "Der liebe Gott segnete mich über Verdienst", schreibt er als 77jähriger an seinen Sohn. "Ihm, dem liebevollen Vater im Himmel habe ich alles zu verdanken."

Im hohen Alter druckte und verteilte er pietistische Schriften und forderte seine Mitbürger auf, den sinnlich-irdisch gesinnten Menschen zu ertöten, um im Land des Friedens ewige, nie versiegende Freude und Seligkeit zu genießen. Doch ein überliefertes Zitat belegt, daß ihn seine Frömmigkeit nicht gehindert hat, an diesseitigen Freuden teilzunehmen. Eine gute Predigt, so soll er gesagt haben, komme ihm vor wie ein geistiges Schöpple, gerade wie wenn man einmal ins Wirtshaus gehe, um sich leiblich zu erquicken. Ein harter Schlag traf ihn, als sein Sohn Karl im Neuenburger See ertrank. Im Hinkenden Boten auf das Jahr 1814 ließ er seine Leser an seinem Schmerz teilhaben.

"Ich hatte einen Sohn, der gut und brav war und mir viele Freude machte, und mich hoffen ließ, daß er mich im Alter trösten und unterstützen werde. Und er ging am 2. Januar des vorigen Jahres nach Neuchâtel, um sich Kenntnisse zu sammeln im Handlungsfache und in Sprachen. Da trieb es ihn am 7. Juli abends um 6 Uhr zu baden im See. Ein Freund nur begleitete ihn. Er ging in den See, noch ehe der Freund völlig entkleidet war, er glitschte aus auf einem Felsen und der Todesengel zog ihn hinab, und er ertrank; alle Mittel, ihn ins Leben zu rufen, waren vergeblich. - Seine Freunde und Landsleute wanden Kränze um seine Leiche, und legten ihn ins Grab.

Darüber bin ich nun sehr betrübt, und mein Herz ist voll Trauer und kann es noch nicht fassen, warum der Jüngling von 20 Jahren, dessen Herz so voll Verlangen war, sich zum guten Menschen und nützlichen Bürger zu bilden, so frühe und auf solche Weise seinen Tod fand. Da dachte ich in meiner Betrübnis, ich will es meinen Lesern erzählen und dadurch mein Herz erleichtern." Erst als er 77 Jahre alt war, übertrug er seinem Sohn Johann Heinrich den "Geschäftsbetrieb". Nach seinem Tode am 7. Februar 1849 ließen seine Hinterbliebenen folgende Anzeige in das Wochenblatt einrücken: "Unser heimgegangener Vater, Großvater und Urgroßvater, Johann Heinrich Geiger, hat auf seinem Todtenbette den Wunsch geäußert, wenn er doch noch Abschied nehmen könnte. Indem wir dies in seinem Namen auf diesem Wege tun, sagen wir denselben zugleich herzlichen Dank für die durch die zahlreiche Begleitung zu seiner Ruhestätte dargelegte Teilnahme." Ein Motiv seines Handelns findet sich immer wieder in den Veröffentlichungen, die aus Geigers Druckerpresse kommen. Er will Vorbild sein für die Enkel, für spätere Generationen, für die Menschen späterer Jahrhunderte: "Mit Segen werden unsre Nachkommen Eure Namen nennen, Euch nachahmen und wohltätig sein, wie Ihr auch waret."

Einen neuen Anlauf der Zeitungsgründung unternahm Geiger 1796. Das zunächst nur doppelseitige "Wochenblatt" entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zu dem, was heute noch als "Lahrer Zeitung" täglich erscheint.

Ein wagemutiger Unternehmer war Johann Heinrich Geiger, der als gelernter Buchbinder in Lahr eine Druckerei und einen Verlag aufbaute. Der erste Versuch Johann Heinrich Geigers 1795 eine Zeitung zu verlegen, mißlang. "Klio", wie sie nach der Muse der Geschichtsschreibung genannt wurde, erschien nur ein halbes Jahr. Johann Heinrich Geiger übertrug einige Jahre vor seinem Tod einen Teil der Geschäfte an seinen Sohn. Das Schriftstück dazu beendete er mit dem Satz: "Gott begleite aus Gnade diese Uebereinkunft mit seinem Segen, Amen! Joh. Heinrich Geiger, am 13. Febr.1841."

Am 3. März 1839 feierten Johann Heinrich und Anna Maria Geiger Goldene Hochzeit, zu der insgesamt 24 von 27 Enkeln anwesend waren.


Der Lahrer Hinkende Bote
Aus dem Verlag Schauenburg (Geschichte des Verlags):

Verlag und Druckerei wurden von dem 1788 von Karlsruhe nach Lahr übersiedelten Buchbinder Johann Heinrich Geiger (1764-1849) 1794 begründet. Aus diesem Jahr stammt das erste nachweisbare Druckerzeugnis, eine Rechnung der Stadt Lahr. Wahrscheinlich hat er aber schon seit 1792 gedruckt.

Er druckt für die aufkommende Lahrer Industrie vor allem Etiketten, für den vor der französischen Revolution nach Ettenheim geflohenen Kardinal Rohan Geistliches und auch ein ABC Buch. Schon früh stellt er "Sack- und Comtoirkalender" her. Nebenbei betreibt er eine Leihbücherei und mit seinem Bruder zusammen weiterhin eine Buchbinderei, er stellt Spielkarten her und besorgt Bücher.

Kalender: Die Taschen- und andere Kalender werden bis zum Ende der Firma (1995) ein Hauptzweig sein. 1894 erhält die Firma ein Patent für seinen "Aus beweglich miteinander verbundenen Platten gebildeten Kalender". Viele Kalender werden auf den großen Industrieausstellungen der Welt prämiert. so etwa auch auf der Weltausstellung von Chicago 1893. 1933 gründen die Kalenderfirmen Ashelm (Berlin), Lukas (Wuppertal) und Schauenburg (Lahr) die Kalender-Verkaufsgesellschaft mbH mit Sitz in Berlin und firmieren unter dem Firmenzeichen Glocke. Nach Kriegsende werden Kartelle dieser Art verboten. Ashelm 1955 geht in Konkurs. Bis 1961 sind nun Lucas und Schauenburg Konkurrenten. Dann teilt man sich das Programm. 1988 erwirbt Schauenburg die Firma Lucas.

Zeitung: Im Zeitungsbereich ist die Firma seit 1795 tätig. Zunächst bringt der schwäbische Dichter Gotthold Friedrich Stäudlin ab Januar 1795 drei Mal in der Woche eine Zeitung heraus: "Klio, oder neue politische Zeitung" mit vor allem politischen Nachrichten. Politische Intrigen und ständige Geldnot zwingen Stäudlin, nach einem halben Jahr die Zeitung einzustellen.

Ein halbes Jahr später beginnt Geiger mit einer eigenen Zeitung. Zunächst erscheint das Lahrer Wochenblatt einmal in der Woche, es besteht aus einem einzigen Blatt mit amtlichen Bekanntmachungen, Kirchenbucheinträgen, wenigen privaten Anzeigen und ohne redaktionellen Teil.

Von 1803 an erscheint das Wochenblatt zweimal in der Woche, ab 1866 jeden Wochentag.

Von 1863 bis 1874 gibt es "Des Lahrer Hinkenden Boten illustrierte Dorfzeitung". Sie wird deutschlandweit in 12 000 Exemplaren vertrieben.

Von 1869 an heißt die Zeitung "Lahrer Zeitung".

Als Straßburg 1870 deutsch wird, investiert Schauenburg als erster Deutscher im Elsass. Er erwirbt die Druckerei Silbermann und erhält die Rechte für den "Niederrheinischen Kurier".

1890 erwarb Schauenburg auch das Frankfurter Journal, das er aber drei Jahre später wieder verkaufte.

Der Lahrer Hinkende Bote: Nachdem Geiger als Buchbinder schon lange den Basler Hinkenden Boten und andere Volkskalender gebunden und vertrieben hat, beginnt Geiger 1800 mit der Herstellung eines eigenen Kalenders. Der Lahrer Hinkende Bote gleicht zunächst fast wörtlich und im Titelkupfer dem Basler Hinkenden Boten. Schon in den ersten Jahren erreicht der Kalender eine Auflage von 20 000 Exemplaren. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts werden es 1,5 Millionen sein.

1849 stirbt Johann Heinrich Geiger, sein Sohn Johann Heinrich (1791-1884) ist nun Alleinbesitzer, nachdem er schon zuvor die Geschäfte weitgehend übernommen hat. 1850 stellt er den Verlagsbuchhändler Moritz Schauenburg (1827-1895) aus Herford ein. 1854 wird dieser sein Schwiegersohn. Obwohl die Besitzverhältnisse noch nicht endgültig geklärt sind, übernimmt dieser weitgehend die Geschäfte, während ein Schwager im Außendienst tätig ist. 1864 wird Schauenburg Alleininhaber.

Verlag: Mit großem Geschick baut er den Verlag aus. Mit dem "Allgemeinen Deutschen Commersbuch", 1858 in erster Auflage erschienen, gelingt ihm der Durchbruch zu den ganz hohen Auflagenzahlen. Es erscheint noch heute - inzwischen beim Morstadt Verlag in Kehl - und hat über 160 Auflagen erreicht. Auch ein anderes Verlagswerk erreicht hohe Auflagenzahlen. Der Heilige Antonius von Padua von Wilhelm Busch, erschienen 1870, wird schon in den ersten beiden Jahren in über 35 000 Exemplaren verkauft, obwohl nach seinem Erscheinen der Verleger wegen Religionsbeleidigung angeklagt und das Buch bis zum Ende des Prozesses in Baden und anderen Ländern (Preußen, Bayern, Österreich) verboten wurde.

Die ersten beiden Adressbücher der Stadt Lahr erscheinen 1864 und 1876. Gegen Ende des !9. Jahrhunderts sind dort auch die Telefonnummern der wenigen Anschlüsse in Lahr aufgenommen.

Auch auf technischem Gebiet kennt die Druckerei keinen Stillstand. 1884 erhält die Druckerei als erste in Deutschland eine Rotations-Zweifarbenmaschine. Eine 1902 erworbene Zeitungs-Rotationsmaschine kann in einer Stunde 12 000 achtseitige Zeitungen fertig zugeschnitten und gefalzt liefern. Im selben Jahr führt die Lahrer Zeitung als erste deutsche Zeitung die neue Rechtschreibung ein. Ab 1905 arbeiten die Maschinen der Druckerei mit Elektrizität. Die Druckerei wird eine der ersten sein, die mit der elektronischen Datenverarbeitung arbeitet.