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Ihr Ortenauer

Der Urgroßvater Viktor Scheffels wird Stadtarzt in Gengenbach


Augustin Kast - die Ortenau 1941 - S. 9 ff.

Es ist allgemein bekannt, daß der Großvater unseres badischen Heimatdichters Joseph Viktor v. Scheffel, der 1876 in den badischen Adelsstand erhoben wurde, Magnus Scheffel, Oberschaffner des Gengenbacher Klosters war. Geboren ist Magnus am 6. September 1752; als Heimatort wird im Ehebuch gelegentlich Langenerringen in Schwaben angegeben; nach Gengenbach kam er, weil der Abt Jakob Trautwein ein Onkel von ihm war. Die Übertragung der klösterlichen Oberschaffnerstelle an ihn wurde anläßlich der Neujahrsgratulation 1780 vom P. Großkellner Thaddäus Frentsch dem Gengenbacher Zwölferrat mitgeteilt "mit Ersuchen, demeselben Freyheit, Rang und Justiz herkommlichermaasen angedeyhen zu lassen". Darauf wurde vom Rate "Herrn Magnus Schäffel als Oberschaffner Freyheit, Rang und Justiz auf Anrufen zugesagt; auch Wohnung in der Stadt auf Beschehen dessen, so bishero gebühret, verstattet". Doch so glatt ging die Sache nicht. Scheffel war noch ledig und wohnte deshalb vernünftigerweise zunächst im Kloster.

Dort gedachte er auch-, von den Gengenbacher Untertanen die schuldigen Abgaben einzunehmen; doch damit geriet Scheffel sofort zwischen die Räder von Kloster und Stadt. Einerseits legte der Stadtrat stets größten Wert darauf, daß die Beamten des Klosters Bürger der Stadt oder wenigstens städtische Einwohner waren, die er jederzeit unter der Knute halten konnte; anderseits führte der Stadtrat einen ununterbrochenen Kampf dagegen, daß die Bürger der Stadt ihren Sonntagsschoppen im "Auslande" tranken; lag das Kloster auch innerhalb der Stadtmauern, so war der Abt nun einmal "Reichsprälat" und das Kloster ebenso ein selbständiger "Reichsstand" wie die Stadt. Wohnte aber der Finanzmann des Klosters auch noch innerhalb der Klostermauern und erhob dort seine Steuern, so war doch die Versuchung der Gengenbacher, im Kloster einen Schoppen zu trinken, allzu groß; denn der Klosterwein, der im großen Rebhof im Käfersberg bei Ortenberg wuchs, war besser als der Gengenbacher und dazu noch billiger. Der Stadtrat konnte es also unmöglich dulden, daß Scheffel seine Abgaben im Kloster entgegennahm. Schon war er entschlossen, seinen Untertanen

zu verbieten, zur Leistung ihrer Schuldigkeiten ins Kloster zu gehen, als der Abt dem Rate mitteilen ließ, er habe Scheffel die Weisung gegeben, in die Stadt zu ziehen. Das war nun allerdings wieder ein faux pas des Abtes; denn so sehr der Rat die Übersiedlung verlangte, wollte er doch auch wieder darum gebeten sein, die Niederlassung des klösterlichen Oberschaffners in der Stadt "hochgeneigtest zu gestatten"; doch schließlich beschloß der Rat am 26. Januar 1781, "zu Vermeydung aller Weiterung obige Notification für ein Anhalten anzusehen" und, "wann Herr Scheffel wirklich anhalten wird, ihm würklichen zu erlauben, in die Stadt zu ziehen und zu wohnen, so lang es löblichem Magistrat gefällig seyn und nichts Anstößiges vorkommen wird".

So kam also Magnus Scheffel in die Stadt Gengenbach; doch eigentlich bodenständig konnte er nur durch eine standesgemäße Heirat werden; das war im alten Gengenbach nun einmal so. Ein Klosterküfer hatte einmal über die Handwerksmeister der Stadt spottweise gesagt, sie seien durch ihre Weiber erst Meister geworden. Er spielte damit auf die Vorschrift an, daß keiner selbständig arbeiten und kein Kaufmann einen Handel betreiben durfte, der nicht verheiratet war. In die Zunft der Herren und Regenten von Gengenbach aber gelangte man erst recht nur dadurch, daß man eine Tochter aus der Herrenzunft heiratete. Das gelang unserem Magnus Scheffel erst im Jahre 1788; er heiratete die Johanna Laible, eine Tochter des Gengenbacher Stadtphysikus Dr. Philipp Jakob Laible; sie war allerdings gegen 20 Jahre jünger als ihr Bräutigam und stand eben im 18. Lebensjahre. Ihr Großvater, der ebenso hieß wie ihr Vater, war um 1740 aus Ettenheim über Offenburg, wo er "Oeconomus" des Klosters gewesen war, nach Gengenbach gekommen und hier alsbald in den Zwölferrat aufgenommen worden. Der alte Laible hatte sich das Wohlgefallen des Gengenbacher Rates dadurch erworben, daß er eine Witwe Scheurer, geb. Bischler, heiratete; aus den Familien Scheurer und Bischler waren aber auch schon Ratsherren, ja Schultheißen hervorgegangen. Bei seinem Tode schreibt das Protokollbuch des Rates: "Gott, dem Gebiether über der Menschen Leben und Todt, ist es gefällig gewesen, am Mittwoch, den 21.Augusti (1754), unsern Lohner und Mit12er Herrn Philipp Jacob Laible von dieser seitlichkeit nach ausgestandener, harter Krankheit zu sich in seine ewige Glori aufzunehmen." Wehe dem Gengenbacher, der damals etwa daran gezweifelt hätte, daß ein Zwölfer nicht gleich in die "ewige Glori" eingegangen wäre! Es kam allerdings nicht selten vor, daß diese Herren nach der Meinung der von ihnen geplagten Untertanen in Haus und Feld herumgeisterten; doch so oft der Rat von diesen Dingen erfuhr, griff er alsbald mit strengen Strafen ein. Einen Monat später

fand die Testamentseröffnung statt; dazu erschien allerdings nur der Sohn, der Gengenbacher Stadtarzt, und der Tochtermann Joseph Neumayer, der allerdings an sich Schneider war, aber zum Zwölferrat und dadurch zu den Gengenbacher "Herren und Regenten" gehörte. Ein weiterer Tochtermann Laibles lebte in Achern, und die Tochter Maria Erengardis Laible war Chorfrau der Zisterzienserinnenabtei Lichtental, wo sie am 26. April 1782 gestorben ist. Übrigens gehörten auch mehrere Frauen aus dem Gengenbacher Zwölfergeschlecht Dornblüth dem Lichtentaler Konvente an; die letzte von ihnen, Maria Euphroshne Dornblüth, ist am 10. Februar 1776 dort als Priorin im Alter von 70 Jahren gestorben.

Der eigentliche Regent von Gengenbach war um jene Zeit Johann Sigebert Dornblüth, der nacheinander Stadtschreiber, Kanzleiverwalter, Zwölfer und Stadtmeister, aber immer der maßgebende Mann war. Er verfertigte "Instructionen" für alle, die irgendwie etwas mit der Stadt zu tun hatten: für den Lohner so gut wie für den Kaminfeger, für die Hebammen und so auch für den Stadtphysikus. Der erste Gengenbacher Physikus Dr. Mayer war nach Oberkirch übergesiedelt, sobald der Gengenbacher Dr. Laible(1) sein Nachfolger werden konnte; vorher war

------ 1) Es ist bedauerlich, daß In Gengenbach die Namen ihrer berühmten einstigen Bewohner so gerne verhunzt werden. So ist z. B. der des berühmten kaiserlichen Feldberrn Franz v. Mercy, der mindestens von 1625 an in Gengenbach ansässig war und hier sogar ein eigenes Schloß hatte, in dem seine Witwe mindestens bis 1665 lebte, an Straßen- und Wirtshausschildern stets "Mersi" geschrieben, während das aus Französisch-Lothringen stammende Geschlecht Mercy heißt. Ebenso heißt die Frau des Magnus Scheffel auf der Grabinschrift "Johanna Laule", während sie doch "Laible" oder "Leible", vielleicht auch einmal "Läuble", aber niemals "Laule" geschrieben wird. ------

gelegentlich der Offenburger Physikus zugleich auch von Gengenbach als Stadtarzt angestellt und besoldet; sonst ließen sich die Gengenbacher gewöhnlich von einem ihrer "Barbierer" verarzten. Diese halten ihre Lehr- und Wanderjahre durchzumachen wie andere Handwerker; erst dann wurden sie zur Heilpraxis zugelassen. So ist diese "Instruction" für einen Arzt, der vor etwa 200 Jahren lebte, immerhin etwas Neues, weshalb es sich schon lohnen mag, sie hier wiederzugeben. Ihr voraus gehe nur noch der Beschluß des Rates-, der den jungen Laible als Physikus annahm.

Aus dem "Rathsprotolkoll des heyl. Röm. Reichs Statt Gengenbach. Anno 1739 bis inclusive 1749".

Ratssitzung vom Freytag, 2ten Decembris 1746. S. 575f.

"Herr Philipp Jacob Leible, Medicinae Doktor, des Herrn 12ers Leible Herr Sohn suppliciret um das hiesige Physicat mit einem jährlichen Warthegeld.
Weilen man alles gute Vertrauen zu ihme Herrn Dr. Leible traget und bekannt, daß er eine gute Theoriam beygeleget, als ist er tamquam Physicus auf and angenommen mit einem Jahreswarthgeld p. 50 fl. und solle ihm eine Instruktion zugesteilt werden."

Diese "Instruction« ließ fast zwei Jahre auf sich warten; sie hat folgenden Wortlaut:

Nachdeme beym E. Löbl. Magistrat dahiesiger des heyligen römischen Reichs Statt Gengenbach Herr Philippus Jacobus Leible, Medicinae Doctor, des edelvösten Herrn Philipp Jacob Leible, Zwölfer des alten Raths und Lohnherrn Sohn, supplicando eingenommen und um das Physicat, welches durch Herrn Ferdinand Carl Meyer, der von hier nacher Oberkirch gezogen, vacant geworden, gezimmend gebetten, als hat wohl gesagter löbl. Magistrat keinen Anstand gefunden, ihme, Herrn Philipp Jacob Leible, wegen besitzenden guten Qualitäten zu willfahren; doch mit dem Bedingnus, daß er eine adäquate Instruktion annehme und derselben besten Fleißes nachkommen solle, worgegen er sich auch gutwillig anerbotten hat, in folgendem bestehend: als erstlichen wird ihme, Herrn Physico Leible selbsten, angelegen seyn, gegen männiglichen, so ihme in seinem Quartier Raths befraget oder zu sich berueset, also freundlich ohnverweilt und ohne Verschub zu verhalten, daß sich über sein Morositaet und langen Aufzug des Patienten niemand zu beklagen habe, sondern im Gegentheil mit seiner prompten Dienstfertiglieit jedermann zufrieden seyn möge, dessen man sich um so mehr versichert, als er, Herr Physicus, durch einen ohnermüdeten Fleiß und männiglich angenehme Dienstfertigkeit sich sowohl bey den Burgern als der Statt Gengenbach beliebt machen wird. Desgleichen 2tens Wird er, Herr Physicus, sich nicht entgegen seyn lassen, daß, wann selbiger sich von hier begibt und in specie übernacht ausbleibet, er sich bey dem regierenden Stettmeister melden, damit man wissen kann, wo er hin und im Bedörfungsfahl zu suchen und anzutreffen seye. Weilen auch 3tens dermahlen dahier in der Statt keine Apotheke vorhanden, so wird ihme, Herrn Physico, gestattet, eine aigene oder Hausapothek in so lang zu halten und denen Patienten die Medicamenta selbsten um einen billichen und leidentlichen Tax anzuschaffen, bis und so lang eine Apothek dahier in der Stadt eingerichtet seyn wird, wo sodann er sich von Ausgebung der Medicamenten gäntzlichen zu enthalten hätte. Wegen Visitierung der künftigen Apothek aber behaltet sich E. löbl. Magistrat bevor, ihme, Herrn Physico, die weitere Instruction zu ertheilen. Was 4tens die Barbierer wegen ihrer beyhanden habenden Medicinen anbelangt, so wird ihme die Visitierung derselben so oft und viel, als er es für nöthig erachtet, nicht nur committieret, sondern auf das Nachdrucksamste recommendieret. Gleichergestalten hat er, Herr Physicus, 5tens die hiesige Barbierer wohl zu observieren und allenfahls zu examinieren, ob nemmlich dieselbe erforderliche Capacitaeten besitzen, die ihnen ex instituto zukommende Curen nach Schuldigkeit verrichten, ihre Patienten nicht negligieren oder wohl gar finistre tractieren und die Leuth wider die Billigkeit übernehmen; wie dann zufolge gegenwärtiger Instruktion ihme, Herrn Physico, ermelt alle und jede Barbierer solchergestalten subordinieret werden, daß, wofern ein oder anderer wider Verhoffen seine Schuldigkeit nicht durchgehends beobachtete, auch seine, des Physici, gehende Ad— und Dehortationen nichts verfangen wollten, ein dergleichen Chyrurgus bey dem regierenden Herrn Stettmeister deferieret und von dort aus nach Besund der Sachen remediert werden solle. Eine ebenmäßige Beschaffenheit hat es auch 6tens mit denen Hebammen, welche omnimodo - so viel ihre Hebammenfunctiones betrifft - unter ihme, Herrn Physico, zu stehen haben: inmassen deren Examination und Unterrichtung, wie nicht weniger die Observation deren Thun und Lassen demselben durchaus zukommet. Anerwogen 7tens alle Begebenheiten vorzusehen unmöglich, man jedoch ihme, Herrn Phyfico, etwas Widerbilliches zuzumuthen keineswegs gemeinet ist, so wird man sich auf ohnvorsehenden Fahl hin mit dem Herrn Physico nach der Billichkeit jederzeit zu verstehen nicht ermangelen. Sodann 8tens damit Herr Physicus seiner jährlichen Bestallung und Accidentien halber desto besser versichert seye, so hat man dasselbe diser Instruction auch anhenken wollen, nemlichen hat er, Herr Physicus, vom Ouartal Pfingsten dises 1748ten Jahrs an bis wider dahin 1749 und also alljährlich als eine Besoldung oder nunmehro vermehrtes Warthegeld aus der Stadtcassa vom Lohnamt quartaliter 25 fl. zu empfangen und zu beziehen; ferner werden ihme alle Jahr 10 Wägen Brennholz, so beyläufig 10 Claster ausmachen, für seine Wohnung geführet. Von der Statt Gengenbach Burger und Unterthanen, fahls er, Herr Physicus, zu einem Patienten dahier in der Stadt oder Vorstätten beruefen wird, hat er zu empfangen vom ersten Gang 15 Kreutzer, von denen übrigen aber 10 Kreutzer. Doch müssen dergleichen Gänge wider Willen des Patienten und ohne Not nicht multipliciert werden. Wann er in die Thäler reutten und einen gantzen Tag zubringen muß, so ist ihme der Pferdlohn nebst sein und des Pferds Defraiierung zu entrichten mit 1 fl.; so er aber unter einen halben Tag zubringet, 30 - 40 kr. Da (Wenn) Herr Physicus von Magistrats wegen at ocularem inspectionem und er über das visitum expertum einen schriftlichen Aussatz verfertigen müßte, so gebühren ihm 2 sl., ohne schriftlichen Aufsatz 1 fl. — Wann er aber disertwegen in die Thäler eine Stund weit zu reysen obligieret wäre, so gebührt ihme nebst obigem auch der Pferdlohn. Pro examinatione urinae 6 kr.; soferne aber nebst der examination des urinae eine medicinalische Verschreibung verlangt würde, vor beede zusammen 12 kr. Für Verschreibung eines Rezepts 10 kr. Schließlich und daferne dem Herrn Physico dises Physicat nicht mehr anständig oder aber E. Löbl. Magistrat eine Abänderung vorzunehmen gedenket, solle dis- und jenseits eine vierteljährliche Aufkündigung vorhergehen. Dessen zu Urkund ist Eingangs gemelter Reichsstadt Gengenbach Cantzleyinnsigel aus dise Instruction getruckt worden. So beschehen den 10ten Junii 1748."

L. S. Cantzley allda.

Physikus Dr. Philipp Jacob Laible war zweimal verheiratet; am 8. November 1751 hatte er in Offenburg die Tochter Maria Anna Franziska Gretherin, des Apothekers Franz Mathias Grether und der Maria Elisabeth Troll, heimgeführt. Nach deren frühem Tode heiratete Dr. Laible 1764 in Hofweier vor dem Pfarronkel Joseph Schmauz die Genoveva Schmauz, deren Vater ritterschaftlicher Schreiber war.

Das irdische Glück war unserem Doktor nicht hold. Im Jahre 1769 hatte Franz Alois v. Pfeiffer aus Säckingen die junge Witwe des Gengenbacher Stettmeisters Karl Ignaz Rienecker geheiratet; sie war eine Tochter des Gengenbacher Stettmeisters und Kanzleiverwalters Joh. Sigebert Dornblüth gewesen; ihr Mann wurde später Kanzler des Klosters Ottobeuren; als solcher verkaufte er im Jahre 1781 um 2100 Gulden das Haus in Gengenbach, das seine Frau ihm mitgebracht hatte, an die Witwe des Gengenbacher klösterlichen Oberschaffners Joseph Weiß. Als auch diese bald danach gestorben war, scheint das Haus an unsern Physikus käuflich übergegangen zu sein. Doch Dr. Laible hatte noch wenig erspart, und bald hieß es auchfür ihn: "Arzt, hilf dir selbst!" Dr. Laible wurde krank; er "fiel 1784 in continuirliche, kränkliche Umstände und Augendefecte"; die Abtei hatte bereits einen andern Physikus angestellt; da beschloß der Gengenbacher Rat am 16. April 1784 Laibles Pensionierung; er bewilligte ihm "aus Gnade eine Pension von jährlich 50 Gulden und 6 Klafter Holz". Gleichzeitig wurde beschlossen, seinem Nachfolger Franz Xaver Mezler 12 Klafter Holz und 200 Gulden "als Landphysicus und Spitalarzt" zu gewähren.

Das letzte Jahrhundert der beiden reichsunmittelbaren Gengenbacher Stände war angefüllt mit endlosen Streitereien und kostspieligen Prozessen zwischen beiden. Dazu waren die letzten 20 Jahre vor der Französischen Revolution eine Zeit wirtschaftlicher Not. Trotzdem führten die Zankereien dazu, daß die beiden Stände einander die kalte Schulter zeigten und möglichst eigene Wege gingen. So hatten beide bald ihren eigenen Physikus und ihre eigene Apotheke; auch errichtete die Stadt ihre eigene "lateinische Schule". Doch die städtische Schule verkrachte nach wenigen Jahren, und die ersten Gengenbacher städtischen Ärzte und Apotheker endigten im Bankrotte; das Volk ging in kranken Tagen lieber zu einigen Patres ins Kloster; der P. Prior machte sogar "elektrische Kuren", an sich nichts Auffallendes in einer Zeit, da der Pfälzer Hofkaplan J. J. Hemmer seine gewagten elektrischen Versuche und seine als Wunder angestaunten elektrischen Kuren vornahm und den Barockfürsten der Zeit von Düsseldorf bis St. Blasien und weit nach Osten als erster seine "Blitzfänger" auf ihre Prunkschlösser und Kirchen setzte. Besonderes Mißfallen des Gengenbacher Rates erregte aber P. Anselm Vogel mit seinen "medizinischen Pfuschereien"; er hetzte sogar den Straßburger Bischof gegen ihn auf. Doch das Volk lief in seiner Armut und Not doch eher ins billige Kloster als zum Apotheker und zu unserem Doktor in der Stadt. Die erbärmliche Pension von 50 fl. konnten dem erkrankten Dr. Laible auch nicht mehr auf die Strümpfe helfen. Er geriet tief in Schulden, besonders bei der Kirchenschaffnei in Zell a. H. und beim jungen Joseph Weiß. Da nahm sich Magnus Scheffel seiner Sache an. Er erreichte, daß die Zeller ihm ein Drittel seiner Schuld schenkten, und schließlich bewog er auch den Gengenbacher Rat dazu, daß er sich bereit zeigte, von seiner Schuld bei Weiß im Betrage von 2400 Gulden ein Drittel nachzulassen, wenn Dr. Laible innerhalb eines Vierteljahres die restlichen zwei Drittel bezahlen würde. Doch dazu war der kranke Physikus außerstande; deshalb beschloß der Rat, seine "Schulden auszurufen" und zur Versteigerung seiner Habseligkeiten zu schreiten. Doch wieder sprang Scheffel ein und ersuchte namens seines Schwiegervater-, der Rat möchte doch davon absehen. Der Rat war bereit, seinem Gesuche zu entsprechen unter der Voraussetzung, daß Scheffel "sich anheischig machen würdte, für alle Schulden, so dessen Schwiegervater Herr Dr. Laible in hiesiger Herrschaft haben sollte, gutzustehen". Doch Scheffel war nicht finanzkräftig genug, die Bürgschaft ganz zu halten und die Schulden mit seinem Vermögen zu decken. Am 19. November 1790 ließ er durch den Schultheißen Rienecker beantragen, der Rat wolle ihm "die rechtliche Wohltat widerfahren lassen, die annoch vorhandenen Dr. Laibleschen Grundstücke, so in dem vorderen Haus und zwen Wiesen bestehen, in öffentlicher Versteigerung an den Meistbietenden verkaufen zu dürfen". Die Versteigerung wurde darauf amtlich auf den 25. November festgelegt. Kurz zuvor hatte Dr. Laible versucht, sechs Haufen Reben unter der Hand zu verkaufen, hatte aber dazu die Genehmigung des Rates nicht erhalten. Die Vermutung liegt nahe, daß Scheffel diese Reben selbst behalten hat.

Scheffel hatte in seiner Familie noch ein anderes Sorgenkind, die Schwester seiner Frau. Sie war "bekanntlich ganz blödsinnig". Scheffel war deshalb ihr Pfleger. Am 23. Februar 1795 bat aber Scheffel den Gengenbacher Rat um die Erlaubnis-, die Grundstücke, welche dieser seiner Schwägerin "von der Frau- Schmauzin selig angefallen waren, versilbern zu dürfen". Der Gengenbacher Rat war der Ansicht, daß "pflegschaften sein bürgerliches Geschäft" seien, d. h. ein solches, das im Gengenbachischen nur einer bekleiden durfte, der Bürger war. Scheffel war aber noch immer nicht Bürger, weil es ihm wohl vom Kloster untersagt war, ein solcher zu werden. Deshalb beschloß der Rat, um sich selbst aus der Klemme zu ziehen und seinen Grundsätzen treu zu bleiben: "Da der Herr Oberschaffner sich bisher gegen den hochlöblichen Magistrat sowohl als gegen die Bürgerschaft äußerst lobenswürdig betragen, so werde ihm bei diesem Anlasse das Bürgerrecht erteilt." So wurde also Scheffel durch seine "blödsinnige" Schwägerin sogar noch Gengenbacher Bürger, was ihm wohl nie zuteil geworden wäre, wenn sie vollsinnig gewesen wäre.


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