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Ihr Ortenauer

Gustav Brudy über das Amtshaus Appenweier


Unser Rathaus als Amtshaus

In der kurzen Spanne von 1800 bis 1810 hat sich in unserer Heimat Entscheidendes zugetragen. Die Aufsplitterung Deutschlands in über 300 selbständige kleine und kleinste Staatengebilde wurde wenigstens im heutigen Baden durch einen Machtspruch Napoleons beseitigt. Der markgräflich badische Erbprinz heiratete mit Stephanie Beauharnais eine Adoptivtochter Napoleons. Napoleon nahm überhaupt gerne Verbindung mit alten Herrscherhäusern auf, er selbst ließ sich von seiner allerdings kinderlosen Ehefrau scheiden und heiratete eine Tochter des österreichischen Kaisers. Das markgräflich badische Haus wurde von ihm für diese Heirat reichlich belohnt und die Markgrafschaft rund auf das zehnfache vergrößert. Der Regent durfte sich nunmehr Großherzog nennen und war mit Königlicher Hoheit anzusprechen. Er und seine Nachfolger nahmen es aber gerne hin, wenn ihn brave Landbürgermeister und sonstige Untertanen mit Herr Großherzog anredeten. Mit der Bildung des neuen Staates verschwanden in unserer Gegend das Hanauerland, die Österreichische Landvogtei Ortenau und der Bischöflich Straßburgische Besitz als selbständige Staatsgebilde und gingen in dem neugebildeten Großherzogtum auf.

Der erste Großherzog von Baden, Karl Friedrich, war ein äußerst tüchtiger Mann, vielleicht der bedeutendste Fürst, der in Baden je regiert hat. Er ließ alsbald das ganze Land vom See bis an den Maines Strand neu aufnehmen und in Kreise und Bezirke einteilen. Wiederum, wie bei der Errichtung der Poststation und später bei der Erbauung des hiesigen Bahnhofs, war die günstige Verkehrslage unseres Dorfes die Veranlassung, in Appenweier ein Bezirksamt zu errichten. 1810, also noch in napoleonischer Zeit, bekam die Gemeinde den Auftrag, das bisherige Vogteigebäude, unser heutiges Rathaus, auszubauen und eine standesgemäße Wohnung nebst dazugehörigen Diensträumen für den Amtmann und seinen Schreiber herrichten zu lassen; natürlich geschah der Ausbau nicht auf Gemeinde- sondern auf Staatskosten. Wie sah unser Rathaus damals aus, das bislang als Gebäude der Vogtei gedient hatte. Wir erfahren, daß im Keller zwei Verschläge abgeteilt werden mußten für den Amtmann und seinen Schreiber, aber trotzdem noch Platz bleiben mußte für 2.400 Ohm Herrschaftswein (kleine Ohm), aber immerhin rd. 1.100 he. Es wurde in früherer Zeit viel mehr Wein als Bier getrunken, in besseren Lokalen wurde überhaupt nur Wein ausgeschenkt, hier im Adler und in der Linde noch vor dem ersten Weltkrieg. Entsprechend wurden auch mehr Reben gepflanzt. In der Gemarkung, Appenweier befanden sich bis in die jüngste Zeit Reben am Berg, am Wiedergrünen Weg und am Ebersweierer Weg.

In dem Rathaus lagerten für gewöhnlich 400 Säcke herrschaftliche Früchte, Getreide usw. Das Gebäude war also in erster Linie ein großes Zehnthaus, in dessen unteren Räumen der Vogt amtierte, nicht einmal immer wohnte. Es mußte also viel ein- und umgebaut werden, bis ein Amtshaus mit Wohnungen und Diensträumen versehen war. Die Baukosten lassen natürlich nicht entfernt einen Vergleich mit heute zu. In Generallandesarchiv sind noch alle Voranschläge, Rechnungen und Quittungen vorhanden. Ich muß mich aber auf einige wenige Beispiele beschränken.

Das große und hohe Gebäude umdecken wurde auf 36 Gulden, also rd. 60 Mark veranschlagt und auch ausgeführt.
Das ganze Haus ausweißeln, die Treppen versetzen, die Küchenherde aufmauern samt den nötigen Reparaturen an Decken, Platten legen = 20 Gulden = 35 Mark.
4 Zimmer in der sehr geräumigen Mansarde einbauen, forderte der Maurer 24 Gulden = 40 DM.
Entsprechend gering waren die Materialpreise. 2000 Ziegel werden mit 22 Gulden berechnet, d.h. ein Ziegel nicht ganz 2 Pfennig.
400 Quadratfuß Zimmerböden neu belegt = 40 Gulden usw.

Trotz der sehr niedrigen Löhne war es damals kein Vergnügen, für die Behörde zu arbeiten! Das Geld saß nicht so locker wie heute, jede Arbeit wurde peinlichst überwacht und nach Fertigstellung überprüft.

1/3 des ausgemachten Voranschlages wurde bei Beginn, 1/3 während und das letzte Drittel nach Abnahme der Arbeit bezahlt. Die Behörde drängte auf rasches Fortschreiten des Umbaues, schon ab 5. Juli 1810 sind die amtlichen Schreiben an das Großherzogliche Bezirksamt Appenweier gerichtet, die das Bauen betreffenden Schriftstücke wurden vielfach als Eilpost befördert. Von hiesigen Handwerkern erscheinen in den Rechnungen die Namen: Maurermeister Anton Lechleiter und Schreinermeister Franz Kefer.

Nun wird es in erster Linie interessieren, welche Orte zum Bezirksamt Appenweier gehört haben:

Zunächst die alte Vogtei Appenweler: Also Urloffen, Zimmern, Zusenhofen, Nußbach, Herztal, Meisenbühl und Nesselried.
Dann kamen hinzu: Wachshurst, Renchen, ganz Durbach, Ebersweier und Windschläg.

Glücklicherweise haben wir die amtlichen Einwohnerzahlen jener Jahre. Vorausgeschickt sei, daß noch allgemein die Dreifelderwirtschafit die Regel war, bei der 1/3 des bebaubaren Grund und Bodens immer brach lag, die Landwirtschaft konnte also nicht soviel Menschen ernähren als bei Intensivwirtschalt 60 Jahre später.

Appenweier hatte nahezu 1000 Seelen, Ebersweier 418, Windschläg 574, Nußbach mit Müllen ohne Zusenhofen 459, Urloffen 1556, Durbach 2100, Renchen 2000, Offenburg 2800.

Das Verhältnis der Einwohnerzahlen zueinander hat sich also nicht wesentlich verschoben, nur Durbach hat sich nicht mehr vermehrt und Offenburg, das damals knapp 1 1/2 mal so groß wie Renchen war, hat heute fast 10 mal so viel Einwohner als dleses.

Es mag uns heute merkwürdig anmuten, ein so kleines Bezirksamt geschaffen zu haben. Aber man stelle sich die damaligen Verkehrsverhältnisse vor Augen.

1. Gab es keine Fahrräder und Motorfahrzeuge, keine Eisenbahn, alle Entfernungen wurden zu Fuß oder per Pferdefuhrwerk zurückgelegt. Für einen Bürger aus Wachshurst z. B. betrug der einfache Weg zu seinem Amt annähernd 3 Stunden, das reichte.

2. Wenn heute zu einem Landratsamt mit den Nebenämtern Finanzamt, Arbeitsamt, Gesundheits-, Bau- und Sozialämter einige 100 Beamte gehören, genügten damals an kleineren Orten wie hier für die reine Verwaltung zwei Personen, nämlich ein Amtmann, der heute Landrat heißt und ein Schreiber, für größere Ämter vier Beamte und damit basta. Es wurde in jener Zeit viel weniger regiert wie heute, wo der Staat in immer mehr Lebensbereiche seiner Bürger eingreift und alles Tun von staatswegen reglementiert wird. Noch im sogenannten Polizei- oder Obrigkeitsstaat von vor 1914 ließ die Regierung die Bürger ungeschorener wie heute.

3. Legte man Wert darauf, daß der Amtmann seine Bürgermeister und die prominenten Bürger seiner Bezirke persönlich kannte. Es wurde daher nicht so sehr nach Paragraphen, sondern mehr nach persönlichem Wissen um Menschen und Dinge entschieden, was nicht unbedingt ein Nachteil war.

Es sei daran erinnert, daß Oberkirch und Achern bis in die jüngste Zeit eigene Bezirksämter hatten. Mit dem Ausbau der Vogtei und dem Dienstantritt des Amtmanns und seines Schreibers war noch lange kein gut funktionierendes Bezirksamt vorhanden. Es fehlte an diesen und jenem.

Noch nach 5 Jahren, also 1815, funktionierte z. B. die Registratur nur mangelhaft. Es sammelte sich ein Extra-Akten-Bündel an, nur wegen der Registratur. Ein Kreisregistrator Bauer aus Offenburg wird schließlich von der Kreisdirektion beauftragt, den Zustand der Registratur in Appenweier zu untersuchen. Das Ergebnis war niederschmetternd, er fand alles in größter Unordnung und machte einen entsprechenden Bericht. Für den hiesigen Registrator Donsbach - so hieß der Wackere - war der Ausgang insofern schmerzlich, als seine Tagegelder von 2 Gulden auf 1 Gulden 30 Kreuzer herabgesetzt wurden. Wir wollen deshalb dem genannten Donsbach nicht böse sein. Er war offenbar kein Bürokrat, was nicht ausschließt, daß er doch sein Herz am rechten Fleck hatte und ein tüchtiger Mann war. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, daß Donsbach aus Säckingen in unsere weingesegnete Gegend kam. 1819 wurde das Bezirksamt Appenweier nach und nach nach Offenburg verlegt. Unser Heimatdorf sank wieder zurück zu einer gewöhnlichen Landgemeinde.

Prof. Gustav Brudy, Oberstudiendirektor a. D. - ehemaliger Gemeinderat

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