derOrtenauerHerzlich willkommen beim Ortenauer

Sie müssen die Texte nicht lesen - einfach Ton anschalten, den Text markieren und den kleinen Lautsprecher über der Markierung anklicken. speaker32

Viel Spaß beim Hören und Sehen


Ihr Ortenauer

Über die Geschichte der Kirche in Urloffen-Appenweier


Josef Sauer: Die kirchliche Kunst der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Baden, 522 ff.

Urloffen(328). Die Entwickelung der Pfarrgemeinde war hier schon seit langem über die ursprüngliche Regelung der kirchlichen Verhältnisse hinausgewachsen. Die Pfarrkirche lag ziemlich entfernt und oft durch Hochwasser abgeschnitten von dem Hauptort auf freiem Felde beim Ort Zimmern, der nur 100 Seelen zählte, während die Seelenzahl von Urloffen mit 2.000 angegeben wird.

In letzterem Ort war nur ein kleineres mehr kapellenartiges Gotteshaus, die 1749 erbaute Johanneskirche. Es war hier also gekommen, wie es noch so häufig anderwärts zu beobachten ist:

der ursprüngliche Hauptpfarrort hatte seine Bedeutung verloren und war von einem Filialort längst überflügelt worden. Nach den Visitationgprotokollen wurde schon im 17. Jahrhundert die Lage der Pfarrkirche von dem größer gewordenen Hauptort als Mißstand empfunden; 1689 wurde sie noch zudem von den Franzosen bis aus die Umfassungsmauern niedergebrannt und verblieb in diesem Zustand jahrelang, so daß der Gottesdienst in Urloffen abgehalten wurde. Ende des 18. Jahrhunderts, 1796 und 1799, wurde die noch spätgotische Kirche in Zimmern nochmals von gleichem Mißgeschick heimgesucht; aufs schandbarste wurde sie von den französischen Revolutiongtruppen profaniert, ausgeraubt und war jahrelang ohne Dach(329).

Auch diesmal wurde der Gottesdienst nach Urloffen verlegt, dessen Kirche allerdings viel zu klein war. Man überlegte jetzt allen Ernstes, diese Frage endgültig zu lösen und entweder durch Neubau oder eine Vergrößerung im Hauptort selber eine Pfarrkirche zu schaffen; leider ließ man sich zu einem Provisorium durch die Zehntherrn, die Freiherrn von Schauenburg, 1814 bestimmen, die gegen die Zusicherung, daß die Kirche in Zimmern Pfarrkirche bleiben solle, den ihrer Baupflicht zukommenden Teil, Chor, Turm und Sakristei wieder instand setzten. So hatte die Pfarrgemeinde ein Gotteshaus, das selbst auch viel zu klein war und weitab vom Hauptort lag und so schon gleich nach keiner Seite befriedigen konnte.

Mit Zustimmung der Bischöfl. Kurie in Konstanz wurde es daher 1817 für den Pfarrgottesdienst geschlossen und letzterer in die noch kleinere Kirche in Urloffen verlegt. Die Verhandlungen über einen Neubau nahmen die folgenden anderthalb Jahrzehnte vollauf in Anspruch. Sie waren von vornherein erschwert durch das Abkommen von 1814. Erst dachte die Gemeinde nur an eine Erweiterung der bisherigen Ortskirche, doch hielt Bezirksbaumeister Voss, sehr nachdrücklich von Pfarrer Hug unterstützt, diese Lösung für unzweckmäßig und ungenügend, der Raumverhältnisse wegen. Einem Neubau aber setzte die Zehntherrschaft den zähesten und unnachgiebigsten Widerstand entgegen, trotzdem ihr nur eine kleine Kostenlast zufiel. Die Baupflicht für das Langhaus lag bei der Gemeinde, für Chor, Turm und Sakristei zu 5/16 bei der Dieboldschen Linie Schauenburg-Luxemburg in Gaisbach, zu 8/16 bei der Hartartschen Linie Schauenburg-Berresheim in Merzhausen, zu 3/16 bei der Landesherrschaft.

Die Gemeinde war in guten wirtschaftlichen Verhältnissen und in der Lage, durch Verkauf von "Holländer"-Baumstämmen auch außerordentlichen Anforderungen zu genügen. Immerhin wünschte sie, im Gegensatz zum Ortspfarrer, noch bis Zuletzt den Neubau möglichst verschoben zu sehen, wiewohl die Zustände in dem engeren Gotteshaus kaum mehr erträglich waren. Im Jahre 1823 suchte das Bezirksamt zum erstenmal über die Stellungnahme der Schauenburgschen Zehntherrn zu den Neubauplänen Klarheit zu schaffen. Die Antwort des Amtmanns von Gaisbach vom 5. September 1823 war scharf ablehnend; seine Herrschaft habe die für sie allein in Frage kommende Obliegenheit an der Kirche zu Zimmern vor wenigen Jahren erst vollkommen erfüllt. Wenn die Gemeinde Urloffen jetzt zu ihrer und des Pfarrherrn Bequemlichkeit einen Neubau vornehmen wolle, habe sie allein die Kosten zu tragen, doch wolle die Grundherrschaft nicht dagegen sein, daß nach vollendetem Bau die ihr obliegende Baulast an der alten Kirche in Zimmern auf die neue in Urloffen übertragen werde.

Das Amt hielt angesichts dieser Sachlage die alleinige Baupflicht der Gemeinde für gegeben. Eine Ortsbesprechng am 6. Februar 1824 brachte aber eine Klärung über die wichtigsten Punkte,

1. daß die Kirche in Zimmern mit kirchlicher Zustimmung geschlossen und profaniert wurde, so daß nur noch die in Urloffen als Pfarrkirche in Betracht komme,

2. daß letztere räumlich ganz unzureichend sei und die Erstellung eines genügend großen Gotteshauses nur durch einen Neubau an anderer Stelle erfolgen könne,

3. daß die Gemeinde die Kosten für das Langhaus übernehme, wenn die Zehntherrn die ihnen zufallende Baulast zu tragen gewillt seien.

Nach einer weiteren Ortsberatung am 2. Oktober 1826 wurde als Termin für den Baubeginn das Frühjahr 1828 in Aussicht genommen. Am 16. März des letztgenannten Jahres legte Voß auch schon die Pläne mit einer Platzberechnung für 1.700 Seelen vor; von den Kosten des Voranschlages hätte die Gemeinde 18.670 fl., die zwei Linien Schauenburg 7.163 fl. und der Fiskus 1.653 fl. zu tragen gehabt. Lambert Frh. von Schauenburg in Gaisbach lehnte aber (10. Juni 1828) jeden Beitrag zur Kostendeckung rundweg und bestimmt ab. "Daß die Zimmerer Kirche für die stark vermehrte Gemeinde zu klein, für einige Gemeindeangehörige zu weit entfernt ist, als Pfarrkirche nicht mehr verwendbar, berührt mich nicht. Der Turm, Chor und Sakristei sind in gehörigem Stand, und ist die Kirche zu klein, so mögen die Pfarrangehörigen sie für sich auf ihre Kosten vergrössern." Das Oberamt wollte der Gemeinde jetzt "die Betretung des Rechtsweges" vorschlagen; das Kreisdirektorium hatte aber (3. Juni 1829) festgestellt, daß die Verlegung der Pfarrkirche von Zimmern nach Urloffen noch nicht von der zuständigen höheren geistlichen und weltlichen Behörde definitiv ausgesprochen sei; es sei daher dieser formelle Akt noch nachzuholen und nochmals in einer Ortsbesprechung im Beisein aller Baupflichtigen die Notwendigkeit eines Neubaues als einzigen Ausweges nachzuweisen. Letzteres geschah am 8. Juli 1829; Lambert v. Schauenburg ließ sich jetzt wenigstens die Neubaupläne vorlegen, versuchte aber gleichzeitig gegen ihre Ausführung durch Sammeln von Unterschriften zu arbeiten, was ihm amtlich untersagt werden mußte. Unterm 11. Juni 1831 genehmigte die Kath. Kirchensektion die Neuordnung der pfarrkirchlichen Verhältnisse, nachdem das Erzb. Ordinariat sie schon unterm 27. Mai formell sanktioniert hatte; die Kirche in Zimmern hatte von jetzt ab nur noch den Charakter einer Totenkapelle für die Exequien bei Beerdigungen und für Privatgottesdienst an Werktagen. Bei einer nochmaligen Ortsbesprechung am 28. März 1832 einigte sich die Merzhausener Linie der Schauenburg mit der Gemeinde auf einen Beitrag von 1.550 fl., Lambert von Schauenburg blieb dagegen unnachgiebig, so daß der Rechtsweg gegen ihn beschritten werden mußte. Erst durch hofgerichtliche Entscheidung vom Jahre 1835 und oberhofgerichtliche vom 26. Oktober 1836 mußte ihm die Beitragspflicht in Höhe von 4.670 fl. auferlegt werden. An den Bauplänen hatte das Erzb. Ordinariat nur einige Abänderungs- und Ergänzungsvorschläge praktischer Art zu äußern; das Pfarramt wünschte eine größere Anlage des Chors im Sinne der neuesten Bauvorschriften und die Gemeinde nachträglich noch Erhöhung des Turmes. Im Sommer 1833 wurden die Arbeiten von dem Unternehmer Alois Meisburger in Offenburg in Angriff gennommen und Ende 1835 zum Abschluß gebracht. Für Beschaffung der Innenausstattung hatte schon Ende 1833 Stukkator Jodok Wilhelm Angebote gemacht:

- Hochaltar (1.400 fl.),
- 2 Seitenaltäre (1.134 fl.),
- Kanzel (350 fl.),
- Taufstein, Beichtstühle und 2 Urnen sollten um 3.200 fl. geliefert werden.

Die Hofdomänenkammer bewilligte als Beitrag der Baupflichtigen für den Hochaltar nur 150 fl., die Mehrkosten übernahm die Gemeinde. Gleichzeitig mit dem Vertrag mit Wilhelm wurde auch nach Billigung der Skizzen durch die Bezirksbauinspektion ein weiterer noch abgeschlossen für 2 Seitenaltarbilder (zu je 400 fl.) und zwar mit Frl. von (sic) Ellenrieder (hl. Familie) und mit Bern. Endres (Jesus segnet die Kinder). Während die Altarbilder rechtzeitig angeliefert wurden, betrieb der Stukkator die übernommene Arbeit sehr saumselig, so daß im Frühjahr 1835 die Nachhilfe des Bezirksamtes in Anspruch genommen werden mußte. Im Januar 1836 kam noch ein drittes Altarbild von Endres, das zunächst in Karlsruhe und hernach in Mannheim ausgestellt war und beiderorts großen Beifall fand.

Die Bauausführung war, wie sich später zeigte, nicht durchweg umsichtig und solid gewesen. In den 50er Jahren zeigten sich starke Vertikalrisse und Senkungen an den Keilsteinen der Fensterbögen. Nach dem Gutachten von Oberbaurat Fischer vom 25. Mai 1858 "war bei der Fundamentierung der Preßbarkeit des Baugrundes (Mergel) nicht genügend Rechnung getragen worden. Die Folge war, daß der Turm sich mehr setzte als das Langhaus und der Chor und hierdurch die Fugen an den Bögen der dem Turm zunächst stehenden Fenster sich öffneten, der Verband durch die ganze Höhe des Mauerwerks sich trennte und Bänke und Stürze brachen". Indes hielt der Gutachter die Festigkeit des Gebäudes für nicht gefährdet, wenn die ungleiche Senkung nicht erheblich zunehme, eine Ausbesserung der Schäden aber für notwendig.

328.) G. L. A. Bezirksamt Appenweier (Offenburg). Verwaltungssachen, Urloffen: Kirchenbaulichkeiten Fass. 2829 - 40.

329.) Ein anschauliches Bild von dem deutlichen Zustand kurz vor der Instandsetzung geben die Verhandlungen vom Jahre 1814, ein Bericht des Ortsvogts vom 25. September und das Protololl eines amtlichen Augenscheins vom 27. September. In der Kirche wurde bis 1796 noch zweimal wöchentlich, hauptsächlich für Wallfahrer, die Messe gelesen. Die Franzosen richteten 1796 zuerst einen Pferdestall dann ein Pulvermagazin darin ein; daher wurde der Bau total ruiniert. Der Turm war anfangs ganz ohne Ziegel und selbst die Latten noch weggerissen; auch das Langhausdach war in großen Teilen ohne Deckung, vor allem fehlten fast alle Fenster. Im Innern waren alle Stuhlbänke und selbst der Gestühlsboden weggerissen, die Kanzel ruiniert und die Kanzeltreppe abgebrochen. Die fast bis zur Mitte des Langhauses vorgebante Empore war, wie die Emporbühne rechts vom Hochaltar, noch in leidlich gutem Zustand. Dagegen alle Wände schmutzig und schimmelig. Die Altäre waren in gutem Zustand, der Marienaltar sogar mit frischen Blumen und das Wallfahrtsbild darauf mit "neuen Anathemen" behängt. Die Ansichten darüber, was mit dieser halben Ruine, die inzwischen exekriert worden war, geschehen solle, gingen weit auseinander. Ensthaft wurde schon 1802 die Möglichkeit erörtert, den Bau abzureißen und die zu erzielenden Materialien zu verkaufen. Die technischen Gutachten waren dagegen, weil das Mauerwerk am Turm und dem sehr solid eingewölbten Chor nur sehr schwierig abzubrechen gewesen wäre. Andere sprachen sich dafür aus, den Bau wiederherzustellen und zu vergrößern, daß er als zureichende Pfarrkirche hätte genügen können. Mit warmer Anhänglichkeit hing noch immer das Volk an dem alten Gotteshaus und verlangte dessen notdürftige Instandsetzung, wenigstens soweit, "daß nach Beerdigung einer Leiche doch auch ein Rosenkranz darin gebetet und für den Beerdigten eine Totenmesse gelesen werden könnte". Man einigte sich schließlich dahin, die Kirche in Zimmern nach dem Vorschlag des Baumeisters Krämer von Malterdingen wieder herzustellen, damit der Sonntagsgottesdienst in beiden Kirchen abgehalten und dadurch die Kirche in Urloffen entlastet würde und keine Erweiterung oder Neuaufführung benötigte. Arbeiten, die in den Jahren 1815 und 1816 ausgeführt wurden.

zurück