Welcome to Der Ortenauer   Click to listen highlighted text! Welcome to Der Ortenauer
Drucken

Sehenswertes Offenburg


Als aber im Jahr sechszehnhundert fünf und dreißig sich Frankreich mit den Schweden verbunden, nahmen die vereinigten französich-schwedischen Völker die ganze Ortenau hinweg; die Gegend von Offenburg wurde besezt und jeder Zugang der Stadt so unsicher gemacht, daß Niemand sich außer die Mauern wagen durfte - die Väter Kapuziner allein, welche eben ihr Kloster erbauten, hatten die Erlaubniß, mit zwei Ochsen und zwei Knechten die nöthigen Baumaterialien herbeizuführen. Doch sind endlich auch diese Ochsen ein Raub des Feindes geworden.

Fünf solcher Einschließungen hatte Offenburg in kurzer Zeit durch den schwedischen General Herzog Bernhard von Weimar zu erfahren, und wurde verschiedene Mal mit Stücken und Bomben beschossen ja, der französische General Condè war schon Willens, die Stadt enger einzuschließen und sie zu schleifen, als der kaiserliche General Schildehas eben noch zu rechter Zeit mit seinen Truppen anrückte, die Belagerer schlug, die benachbarten Ortschaften besezte und die Stadt befreite.

Dieses war die lezte schwedische Belagerung; aber im Jahre sechszehnhnndert fünf und vierzig kam zu dem bisher erlittenen Schaden noch das Unglück, daß die ganze der Stadt gehörige Ernte durch feindliches Kriegsvolk verherget worden, woraus ein großer Mangel an Lebensmitteln, vieles Elend und beinahe eine Hungersnoth entstanden ist.

Max Wingenroth 1908 über die Stadt Offenburg arrowRight


Offenburg Gemeinden arrowRight

Der schädlichste Umstand für Offenburg war die Nachbarschaft der französischen Kriege im Elsaß und Lothringen unter König Ludwig dem Vierzehnten. Denn im Jahre sechszehnhundert acht und siebzig wurde der Stadt mit einer harten Belagerung, ja mit gänzlicher Zerstörung durch den General Erequi gedroht, welcher gemachte Anschlag durch den eilends über den Schwarzwald mit auserlesener Mannschaft anrückenden Herzog von Lothringen noch glücklich vereitelt worden. Endlich aber war das Jahr neun Und achtzig das aller schrecklichste, indem die Stadt im Herbstmonat belagert - Nach einer hartnäckigen Gegenwehr erobert, geplündert und angezündet wurde. Der bei dieser Zerstörung verursachte Schaden beliefe sich auf eine Million und nahe an zweimalhundert tausend Gulden!

Die französischen Kriege des achtzehnten Jahrhunderts haben der Stadt Offenburg durch Kontributionen und Durchmärsche wieder neuen Schaden gebracht; doch hat sich auch mancher Bürger durch die Franzosen bereichert, welcher sich durch Sprachkenntniß bei denen Befehlshabern beliebt gemacht und durch Handel nnd Gewerbe hervorgethan. Sonderlich erzählet man, daß bei dem Ueberfall der kaiserlichen, wodurch der französische General Vivant genöthigt wurde, mit Zurücklassung seines ganzen Lagers auf dem "Angel" die Flucht zu ergreifen, mancher Offenburger gute Beute gemacht habe.

Beiläufig um das Jahr tausend siebenhundert und fünfzig entstanden zu Offenburg einige Mishelligkeiten zwischen dem Rathe und der Bürgerschaft wegen Verwaltung der Geimeindseinkünfte und etlichen andern Dingen. Nachdem aber solcher Prozeß mehrere Unkosten verursachet, wurde die Sache dahin verglichen, daß der Rath über die Verwaltung der gemeinen Einkünfte und Gefälle, wie auch über andere Schaffneien öffentlich Rechnung ablegen , und fürohin allezeit ein von den Bürgern erwählter Kassenherr dem städtischen Zahlamte beisizen solle. Bei diesem Vergleiche wurde auch den übrigen Beschwerden abgeholfen, und die Stadt erfreute sich fortan einer wahren Ruhe und Eintracht zwischen dem Rathe und der Bürgerschaft.

(Aus Chronik der ehemaligen Reichsstadt Offenburg - 1850)


zurück     


Ehemalige Landvogtei Ortenau - Königshof Offenburg


koenigshofEhemaliger Königshof - Quelle: Stadt Offenburg

Der frühere "Königshof" (Verwaltungsgebäude der Landvogtei Ortenau) wurde 1714 - 1717 vom Vorarlberger Baumeister Dominik Elmenreich nach den Plänen von Michael Ludwig Rohrer aus Baden-Baden, dem Erbauer von Schloss Favorite in Rastatt, entworfen.

Beeindruckend ist vor allem die Fassade mit dem erst 1756 - 1758 nach einem von Franz Ignaz Krohmer entstandenen Portal.

Die Front ist durch glatte Pilaster, die in Blattkapitellen auslaufen, in drei Risalite gegliedert. Das Mittelrisalit ist drei Fenster, die Eckrisalite sind je ein Fenster breit. Kleine Dreieckgiebel liegen unmittelbar über den Eckrisaliten, während über dem Mittelrisalit sich ein drittes Stockwerk und erst über diesem ein großer Dreieckgiebel erhebt. Ein reiches Gesims zieht sich oberhalb der Pilaster über die ganze Fassade und ist an den Risaliten verkröpft.

Das Balkenwerk der Giebel schmückt Zahnschnitt. Die Fenster umrahmt zierliches Leistenwerk, das in dem unteren Stockwerk in einer Platte mit Tröpfchen endigt, im mittleren in ein stilisiertes Blatt ausläuft. Im Mittelstock tragen die Keilsteine einen Maskaron, im unteren Stock einen dreiteiligen Einschnitt. Unten sehen wir über den Fenstern ein flaches Gesims, während im Hauptstock über den Fenstern der Risalite sich ein flachgewölbter und über den Fenstern der Zwischenbauten ein in der Mitte gehobener Giebel befindet.

Erweiterte Baubeschreibung der Landesdenkmalbehörde und baugeschichtliche Betrachtung - aus die Ortenau arrowRight

Die Fenster des großen Giebelaufbaues sind einfacher gehalten. Die Mansardenfenster zeigen wieder den in der Mitte gehobenen spitzen Giebel und an den Fensterpfosten Voluten. Das Portal ist rundbogig. Über den geschnitzten und aus späterer Zeit stammenden Türflügeln sitzt der Balkon mit schmiedeeisernem Gitter. Er ruht auf drei Stützen, wovon die äußeren in Hirschköpfen, die mittlere in einem Maskaron auslaufen. Die Balkontür ist von Voluten flankiert, über ihr schwebt in einem durchbrochenen Rundgiebel das Wappen von Baden-Baden. Das Innere des Hauses und der angebaute Flügel bieten nichts Bemerkenswertes.

Daneben, mit der Giebelseite zur Kittelgasse, fügt sich harmonisch das zweigeschossige Wohnhaus Hauptstraße 89 an. Das hohe Dach trägt zwei Reihen einzelner Gaupen.

Geschichte der Landvogtei Ortenau (Mortenau) - wikipedia

Landvogtei

Friedrich II. setzte zur Verwaltung der Reichsgrafschaft den Landvogt Hermann I. von Geroldseck ein. Nachdem Konradin, Enkel Friedrichs II., 1268 in Neapel hingerichtet worden war, zerfiel die Reichsgrafschaft in der Zeit des Interregnums.

Während des von 1314 bis 1330 dauernden Doppelkönigtums zwischen dem Wittelsbacher Ludwig dem Bayern und dem Habsburger Friedrich dem Schönen stand die Mortenau auf habsburgischer Seite. Regierungshandlungen Ludwigs des Bayern datieren daher erst seit dem Tode Friedrichs des Schönen und Ludwigs endgültiger Aussöhnung mit den Habsburgern im Hagenauer Vertrag vom 6. August 1330. Ludwig der Bayer setzte die Landvogtei Ortenau seit dieser Zeit weniger als Mittel zur Durch- und Umsetzung königlicher Macht ein, sondern benutzte sie, um kurzfristig Geldmittel zu erlangen oder Fürsten auf seine Seite zu ziehen. Er verpfändete u. a. das Tal Harmersbach an den Grafen von Fürstenberg. Landvogt war unter Ludwig zunächst Rudolf von Baden, der u. a. bei Konflikten zwischen dem Kloster Gengenbach und der Stadt Offenburg vermittelte. Nachfolger Rudolfs wurde wenige Jahre später Graf Ludwig von Oettingen, der das Amt gemeinsam mit seinem Bruder ausübte. Schon 1334 tauchte Markgraf Rudolf IV. als Landvogt der Ortenau auf, deren Pfandherr er zugleich war. Damit verlor das Landvogtamt vollends seinen ursprünglichen Charakter: Nominell war der Landvogt zwar immer noch vom König abhängig, tatsächlich war er aber nicht mehr absetzbarer Bevollmächtigter des Königs, sondern erblicher Pfandherr. Die Pfandschaft wurde auch später nie wieder für das Reich eingelöst, vielmehr wurde die Pfandsumme unter Karl IV. weiter erhöht und die Landvogtei damit dem Reich dauerhaft entfremdet.

1551 bzw. 1556 nahm Österreich die gesamte Pfandschaft an sich. 1701 wurde die Markgrafschaft Baden-Baden mit der Landvogtei belehnt.

Eine andauernde Machtzersplitterung in diesem Bereich ab dem späten 15. Jahrhundert begünstigte den wirtschaftlichen Niedergang der Region. Ein Chronist des frühen 16. Jahrhunderts leitete gar den Namen Mortenau von den kriminellen Aktivitäten in diesem Landstrich her. "Die Mortnaw, so geheißen, weil dort gar vill Mords- und Diebsgesindel hauset …". Die konfessionellen Gegensätze der einzelnen Herrschaften in der Reformationszeit taten ein Übriges.

Der Name Mortenau verlor spätestens gegen Ende des 16. Jahrhunderts im Volksmund den ersten Konsonanten, sodass das mit ihm bezeichnete Gebiet seitdem als Ortenau bekannt ist.

1789 hatten die verschiedensten Herren Anteile an der Ortenau. Um 1800 herrschten die Markgrafen von Baden über die Herrschaft Mahlberg, die Grafen von Nassau über die Herrschaft Lahr, der Bischof von Straßburg über Gebiete im Renchtal sowie um Ettenheim und Ettenheimmünster, die Grafen von Hanau-Lichtenberg über das Hanauer Land, die Grafen von Geroldseck, ab 1634 die Grafen von der Leyen über die Geroldsecker Gebiete im Schuttertal, die Fürsten von Fürstenberg über Gebiete im oberen Kinzigtal und die Habsburger als Nachfolger der Grafen von Freiburg über die Reste der Landvogtei Ortenau. Offenburg, Gengenbach und Zell im unteren Kinzigtal waren Reichsstädte, das Harmersbachstal bildete das reichsunmittelbare Reichstal Harmersbach. Daneben gab es verschiedene kleine Reichsritterschaften wie Schmieheim, Rust, Altdorf-Orschweier, Meißenheim, Meersburg-Schopfheim oder Windeck.

Zwischen 1803 und 1806 ging die gesamte Ortenau an das Großherzogtum Baden über. Hiervon ausgenommen war die Grafschaft Hohengeroldseck, welche erst 1819 badisch wurde.

Neue Ohmsgeldordnung von 1701 - eingesetzt von Markgraf Ludwig Wilhelm - dem "Türkenlouis"

ludwig wilhelm 1701Ludwig Wilhelm von Baden-Baden, genannt der Türkenlouis (* 8. April 1655 in Paris; † 4. Januar 1707 in Rastatt), war Markgraf der Markgrafschaft Baden-Baden, Bauherr des Rastatter Schlosses, Generalleutnant aller kaiserlichen Truppen und ein siegreicher Feldherr in den Türkenkriegen. Die Türken nannten ihn wegen seiner roten Uniformjacke, die weit über die Schlachtfelder zu sehen war, den Roten König. Er war Erster Kreisgeneralfeldmarschall der Truppen des Schwäbischen Reichskreises und Reichsgeneralfeldmarschall des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

Dass die "Herren" der Ortenau mit ihre "Volk" nicht immer zufrieden waren, geht aus der Begründung zur Einsetzung einer neuen Ohmgeldsordnung [Ohmgeld = Steuerabgaben auf im Ausschank verkaufte Weine und sonstige alkoholhaltige Getränke] durch Markgraf Ludwig Wilhelm am 07. September 1701 hervor:


"Wir Ludwig Wilhelm Marggraff zu Baden und Hochberg...

Fügen hiemit männiglich zu wissen / daß / nachdeme die Röm.keyserl. Mayest. Uns Dero bisher innegehabte Land=Vogtey Orttenaw zu einem Mann=Lehen allergnädigst auffgetragen / und durch Dero darzu verordnete hochansehenliche kayserl. Commission darinn würcklich immitiret / Wir eine Nothdurfft zu seyn erachtet haben / in so ermeldter Land=Vogtey eine Visitation vornehmen zu lassen / bey welcher unter wahrgenom(m)en worden / dass bey Verzäpff= und Auftschreibung auch Versieglung der Weinen / wie nicht weniger in anderen dahin gehörigen Stucken mehr / verschiedene Unordnungen / und Fehler / auch zum theil / gar ohnverantwortliche Untreu vorgegangen / und zu besorgen / daß da darinnen nicht gesteuret / und gute Ordnungen darwider vorgekehret werden solten / Unser Interesse umb ein merckliches leiden würde; Als haben Wir zu Vorkommung alles Ubels / nachfolgende Ohmgelds=Ordnung abfassen lassen / und wollen gnädigst / daß sambtliche Würth und Ohmgeldter in allen Orten unserer Land=Vogtey Orttenaw sich darnach richten / und vest darauff halten / welche dann in nachfolgenden Puncten bestehet / und zu eines Jeden Wissenschafft und Verhalt / in aller Orthen / wo Wein in der Land=Vogtey Orttenaw gezapffet wird / publicirt und abgegeben werden solle...

Eine Ohmgelds=Ordnung folgt in 15 Punktten (diese kann hier als Faksimile heruntergeladen werden

...Und alles dieses ist Unser gnädigster Befehl und Will so Wir also durch diese Ohmgelds=Ordnung verfassen lassen und geschehen

zu Offenburg den 7ten Septembr. 1701"

Die ganze Ohmgeldsordnung von - Freiburger historische Bestände digital - Albert-Ludwigs-Universität Freiburg - kann hier heruntergeladen werden download

ludwig georg1760 1 (1)Der Markgraf war also unzufrieden mit der "Steuertreue" seiner Ortenauer und dies dürfte auch dem Freiheitsdrang der Ortenauer gerecht werden. Als Region des Protestes gegen adelige Pressalien ist die Ortenau bekannt, wie diese in den Jahren um 1848 deutlich hervortreten. Offenburg als Sitz der Landvogtei Ortenau war ein zentraler Ort der Badischen Revolution.

Ludwig Georg Simpert von Baden-Baden

Ludwig Georg Simpert von Baden-Baden (* 7. Juni 1702 in Ettlingen; † 22. Oktober 1761 in Rastatt) war von 1707 bis zu seinem Tod Markgraf von Baden-Baden, stand jedoch bis 1727 unter der Vormundschaft seiner Mutter. Wegen seiner Leidenschaft für die Jagd wurde er auch Jägerlouis genannt.

Ludwig Georg Simpert war der Sohn des Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden-Baden, genannt Türkenlouis, und der Franziska Sibylla Augusta, einer geborenen Prinzessin von Sachsen-Lauenburg.Dass die Ortenauer nicht so einfach auf dem Ordnungsweg "im Zaum zu halten waren", musste auch sein Erbe Ludwig Georg feststellen, der sich 1760 zu einem erneuten Ordnungsruf in die Landvogtei Ortenau bewegen ließ (Bild links).

Das Großherzogtum Baden im 19ten Jahrhundert


Das Großherzogtum Baden war von 1806 bis 1871 ein souveräner Staat, der bis 1813 Mitglied des Rheinbunds und von 1815 bis 1866 des Deutschen Bundes war. Ab 1871 war es nur noch teilautonomer Bundesstaat innerhalb des Deutschen Kaiserreiches. Die Entstehung des Großherzogtums aus der Markgrafschaft bzw. dem Kurfürstentum Baden während der Koalitionskriege ging mit großen Gebietszuwächsen für Baden einher. Das Land war anfangs eine absolute Monarchie, seit 1818 eine konstitutionelle, ehe 1918 aus dem Großherzogtum im Zuge der in Baden unblutig verlaufenden Novemberrevolution eine demokratische Republik entstand.

Baden galt im 19. Jahrhundert als Hochburg des Liberalismus, seine Abgeordnetenkammer als eigentliche Schule des liberalen Geistes im Vormärz und als "Zugpferd der Moderne". Bis zur Gründung des Deutschen Reichs 1871 war Baden im politischen Leben des Deutschen Bundes bedeutender, als seine rein machtpolitische Stellung vermuten ließ.

Die Badische Revolution von 1848/49 richtete sich, wie die übrigen revolutionären Erhebungen in diesem Zeitraum, gegen die herrschenden Mächte der Restaurationsära. Der im Rahmen der Reichsverfassungskampagne Mitte 1849 erfolgte letzte der drei badischen Aufstände wurde nach der Intervention von Bundestruppen unter preußischem Kommando niedergeworfen.


zurück

Das Barockrathaus - altes Rathaus Offenburg


Barockes Rathaus Offenburg - Der Barockbau des Rathauses im Stadtzentrum stammt aus dem Jahre 1741Der Barockbau des Rathauses im Stadtzentrum stammt aus dem Jahre 1741. Über dem Balkon sind unter einem flachen Giebel das Offenburger Stadtwappen und der österreichische Doppeladler zu sehen. Die Ursulasäule vor dem Rathaus ist der Schutzpatronin der Stadt gewidmet. Die Heilige Ursula soll im Juli 1638 auf der Stadtmauer erschienen sein, um einen Angriff der Truppen des Herzogs Bernhard von Weimar abzuwehren. Die 1961 vom Bildhauer Emil Sutor geschaffene Säule wurde vom Offenburger Ehrenbürger Dr. Franz Burda gestiftet.

Zwei Pilaster, deren ionische Kapitelle einen Rundbogen mit der Justitia tragen, gliedern die Vorderfront. Die Fenster sind oben in flachen Bogen geschlossen und von schön geschwungenen Gesimsen umrahmt. In den beiden unteren Stockwerken liegen über ihnen entweder flache Volutengiebel mit Palmetten und einfachen Keilsteinen oder flach gewölbte Giebel mit Blumenvasen und verzierten Keilsteinen. Im oberen Stockwerk fallen die Giebel weg, die Kalksteine sind teilweise mit Palmetten geziert.

Zwei mit Ornamenten und eigenartigen Kapitellen geschmückte Pfeiler umrahmen das Portal. Der Keilstein ist zu einem Löwenkopf umgearbeitet. Die Türflügel sind eine Schnitzarbeit des 18. Jahrhunderts mit schmiedeeisernem Gitterwerk. Auf den Pfeilern und dem Keilstein des Portals liegen die Träger des Balkons mit seinem schönen Eisengitter auf, die in Karyatiden auslaufen. Darüber sind unter einem flachen Giebel das Wappen der Stadt und der österreichische Doppeladler angebracht.

Die Nordwand entlang der Kornstraße trägt an den Fenstern denselben Schmuck wie die Fassade. Der Landsknecht in Stuck mit Fahne und Stadtwappen stammt aus dem Jahre 1890, obwohl er die Jahreszahl 1579 trägt. Über dem Giebel steht die Figur des sagenhaften angeblichen Gründers der Stadt, Offo. Der heute noch bestehende letzte Neubau aus dem Jahre 1741 stammt von Mathias Fuchs.

Baubeschrieb - barockes Rathaus Offenburg - nach Wingenrot   arrowRight

Wahrscheinlich war schon im 13. Jahrhundert ein Rathaus vorhanden. Die erste bekannte Jahreszahl, die sich auf einem verkehrt eingemauerten Stein im Hof fand und vielleicht den Zeitpunkt eines Neubaues darstellt, lautet aber 1426.

Auf einen weiteren Bau weist die Zahl 1521 hin, die über dem mittleren Doppelfenster am Erdgeschoß des Nebengebäudes in der Kornstraße zu sehen ist.

Den dritten Neubau erstellte in den Jahren 1604 / 1607 der Meister Wendling Götz. Nach dem Brand von 1689 musste sich die verarmte Stadt zunächst auf die Ausführung einiger Reparaturen beschränken, bis sie dann in einem Vertrag vom 7. April 1741 den "Bürger und Maurer" Mathias Fuchs mit der Gestaltung eines weiteren Neubaues beauftragte. Er blieb unverändert bis 1894, als die einst von Laube und Pfalz übernommene Renaissance-Wendeltreppe einem neuen Aufgang Platz machen mußte, der zweite Eingang von der Kornstraße zugunsten eines neuen Büroraumes verschwand und Bürgermeister Fritz Hermann den dritten Stock als Dienstwohung erhielt.

Bemerkenswert ist im Innern vor allem das Kreuzgewölbe des seit der "Eheordnung für das Großherzogtum Baden" vom 14. Mai 1807 benötigten und 1939 eingerichteten Trauzimmers mit künstlerischen Schlußsteinen, an denen das Stadtwappen, ein Christuskopf, ein Stern und eine sechsblättrige Rose eingemeißelt sind. Aus einer Rippenkreuzung schaut der Kopf des Mannes hervor, der vermutlich den Bau errichtet hat. Daneben ist an der Rippe das Meisterzeichen zu erkennen.

Bauentwicklung- und Beschreibung - Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, Datenbank Bauforschung/Restaurierung

Nordflügel: 1694 wird auf den sicher älteren Unterbau das Dach aufgesetzt. Möglicherweise gilt für den Unterbau das auf einer Spolie erkennbare Datum 1521.

Ostflügel: Dieser wurde in der heutigen Form lange nach dem Stadtbrand von 1689 dem vollgenutzten Nordflügel angefügt. Auch hier sind der Kellerwände und - Gewölbe älter als der Überbau. Die Südgiebelwand dürfte mittelalterlich sein, der Rest des Kellers wurde wohl 1604 (a) angelegt. Der Überbau wurde - übereinstimmend hier Quellen und Dendrodaten - 1741/1742 errichtet, wozu der bislang erhaltene Ostflügel abgetragen wurde.

1. Bauphase:
(1521) dieses unsichere Datum auf einer Spolie gibt möglicherweise das Baujahr des Nordflügels an.

2. Bauphase:
(1604) Anlage des Kellers unter dem Ostflügel 1604 (a).

3. Bauphase:
(1689) Großer Stadtbrand 1689. Dabei brennt auch das Rathaus ab, der Nordflügel wird anscheinend nur leicht beschädigt und wird schnell wieder genutzt, während der Ostflügel lange Zeit ruinös bestanden haben muss.

4. Bauphase:
(1694 - 1695) 1694/95 (d) wird das Dach auf dem Nordflügel aufgeschlagen. Der Nordflügel wird insgesamt verändert, Teile des Ostflügels werden in die Nutzung vom Nordfllügel aus einbezogen.

5. Bauphase:
(1741 - 1742) 1741/42 (a,d) wird der Ostflügel neu errichtet und das Dach aufgeschlagen

6. Bauphase:
(1894 - 1895) 1894/95 umfangreiche Baumaßnahmen. U.a. wird eine neue Vertikalerschließung im Hof errichtet, die Binnengliederung verändert und historisierende Fenstergewände eingebaut.

Umgebung, Lage:
Das Rathaus liegt im Zentrum der Stadt Offenburg an der Stelle, an der die Nord-Süd verlaufende Haupstraße eine Platzsituation bildet.

Baukörper / Objektform:
Zweiflügelanlage als Eckbebauung zwischen Haupt- und Kornstraße. Zur Haupstraße hin traufenständiger, siebenachsiger, dreigeschossiger Bau mit Satteldach. Die drei mittleren Achsen mit Portal und Balkon im 1.OG als Risalit unter Bogengiebel hervorgehoben.

Zur Kornstraße hin die Teilung in zwei Baukörper sichtbar. Die drei Eckachsen an gehören zum Baukörper längs der Hauptstraße und werden vom zweifach geschwungenen Volutengiebel des Satteldachs geschlossen. Der anschließende Flügel längs der Kornstraße traufenständig und unregelmäßig - teils gekuppelt - fünfachsig gegliedert. EG und 1.OG durch besonders aufwendige Fensterrahmungen ausgezeichnet. Hohes Satteldach mit winzigen Schleppgauben.

Zonierung:
Der Nordflügel nur teilweise unterkellert, der Ostflügel ganz.

Auffallend ist, dass beide Flügel über keinerlei eigene Vertikalerschliessung verfügen. Diese wird durch ein Ende des 19. Jh. hofseitig in den Winkel zwischen den beiden Flügeln eingestelltes Treppenhaus hergestellt. Für historische Zeiten ist die Erschließung ungeklärt. Verbunden sind die Flügel in beiden Obergeschossen ursprünglich durch einen Durchgangsraum östlich der gemeinsamen Trennwand.

Im Nordflügel an der Westseite vermutlich in beiden Obergeschossen Sondernutzung durch einen großen Saal. Das 2. OG später zu Wohnzwecken kleinräumig unterteilt.

Im Ostflügel gruppieren sich die Räume jeweils um einen zenralen Zugangsraum in der MItte der Rückseite. Das 1. OG diente den Quellen nach als Bürgermeisterwohnung. In der Nord-Ost-Ecke ehemals Saal mit den Maßen 8x10m. Heute dieser unterteilt, dafür Saal im 2. OG an gleicher Stelle.


zurück

St. Andreas Hospital - Offenburg


Bemerkungen zur Funktions- und Nutzungsstruktur nach dem Wiederaufbau in den Jahren um 1700 - Burghard Lohrum

spitalAls im Jahre 1689 infolge des Pfälzischen Erbfolgekrieges die Offenburger Altstadt in Schutt und Asche lag, war auch das im Zentrum des mittelalterlichen Stadtkerns liegende Areal des St.-Andreas-Spitals zerstört. Um 1300 als Stiftung für Arme und Kranke gegründet, übernahm es über Jahrhunderte hinweg die Pflege und Versorgung von Bedürftigen beziehungsweise ermöglichte einigen in finanzieller Hinsicht besser gestellten Anwärtern die Möglichkeit, ihren letzten Lebensabschnitt innerhalb des Spitals zu verbringen. Dieser Anspruch konnte zu unterschiedlichen Preisen über den Pfründbrief erkauft werden. Bezahlt wurde er mit Geld oder Grundstücken, die nach dem Tod des Pfründners zusammen mit dem verbliebenen Vermögen in das Eigentum des Spitals übergingen. Die wirtschaftliche Grundlage des Spitals basierte jedoch nur zu einem Teil auf den durch die Pfründnerbriefe übertragenen Rechten und Werten. Einen wohl nicht unbedeuteten Prozentsatz seines Vermögens erwirtschaftete das Spital durch den An- und Verkauf von Wirtschaftsgütern, ergänzt durch Einnahmen aus Sammlungen und Spenden, wobei Letztere dann, wenn es sich um Häuser und Grundstücke handelte, als erhebliche Wertzuwächse zu werten sind. Wie auch die Gotteshäuser der Stadt war das Spital von Abgaben befreit und zahlte im Rahmen seiner Handelsgeschäfte weder Zoll noch Steuern. Ergänzend zur finanziellen Absicherung war auch die rechtliche Stellung des Spitals fest im politischen Gefüge der Stadt verankert. So waren seit den Anfängen des Spitals gemeinsam einmal der Schultheiß, der Rat der Stadt, dann der Landvogt der Ortenau als Vertreter des Kaisers und schließlich der Bischof von Straßburg die Rechtsträger des St.- Andreas- Spitals(1).

Mit dem Brand im Jahre 1689 und der offensichtlich weitgehenden Zerstörung des gesamten Spitalkomplexes wurden 400 Jahre Spitalgeschichte plötzlich und einschneidend unterbrochen. Gesicherte Daten zum Wiederaufbau der Spitalbauten liefern uns sowohl inschriftliche wie auch dendrochronologisch ermittelte Jahresangaben. So befindet sich über dem nördlichen Eingangsportal der Kirche die Jahreszahl 1701, während die Fälldaten der im Spitalkomplex verbauten Bauhölzer zwischen Winter 1699/1700 und Winter 1700/1701 schwanken. Nach einer Phase der Reorganisation von Mensch und Kapital, verbunden mit einer zukunftsorientierten Neuplanung, dauerte es somit rund zehn Jahre, bis der Wiederaufbau begann und die ersten Gebäude standen beziehungsweise nutzbar waren. Nach den Untersuchungen des Verfassers, die im Jahre 2003 erfolgten und durch die Stadt Offenburg beauftragt wurden, handelt es sich dabei weitgehend um Neubauten, lediglich einzelne Kellerstrukturen und der Chor der St.-Andreas-Kirche entstammen der Zeit vor der Zerstörung.

Verbleibt somit für die Erforschung der mittelalterlichen Spitalgeschichte nur noch die Auswertung der schriftlichen Quellen und archäologischen Befunde, so bietet der erhaltene Bestand des Wiederaufbaus die Möglichkeit, einigen gezielten Fragen der jüngeren Spitalgeschichte, so zum Beispiel der räumlichen und wirtschaftlichen Organisation, nachzugehen. Im Rahmen der folgenden Ausführungen stehen dazu der westlich der Kirche errichtete, zum Fischmarkt ausgerichtete Baukörper sowie die beiden südlich der Kirche angelegten Flügelbauten im Vordergrund der baugeschichtlichen Auswertung. Den Schwerpunkt bilden dabei das erste und zweite Obergeschoss, da die Erdgeschossebene wenige Jahre zuvor ohne baugeschichtliche Analysen modernisiert wurde – ein Versäumnis, welches glücklicherweise bei der Modernisierung der oberen Etagen vermieden wurde.

spital grundrissDer Spitalkomplex des Wiederaufbaus gruppiert sich westlich und südlich der St.-Andreas-Kirche (Abb. 1). Diese steht im Winkel des nördlich gelegenen Fischmarktes und der am östlichen Ende des Marktes nach Süden abzweigenden Spitalstraße. Letztere erschließt die eigentlichen Spitalgebäude, welche südlich der Kirche aus dem Nord- und Ostflügel bestehen und den über ein straßenseitiges Tor erreichbaren Hof begrenzen. Auf dem Hof stand bis in das 20. Jahrhundert neben mehreren Schuppen auch eine kleine Trotte. Die nach inschriftlicher Datierung im Jahre 1731 erbaute Spitalscheune steht etwas abgesetzt vom Spitalhof, östlich der Spitalstraße. Ein unter der Straße verlaufender Quergang verbindet das Kellergewölbe der Scheune mit dem Hauptkeller des Ostflügels. Westlich an den Spitalkomplex grenzt das Salzhaus mit benachbarten Bürgerhäusern an. Es wurde in den Jahren 1786/87 (d) mit einer zur Hauptstraße einheitlichen und geschlossenen Fassade neu errichtet und war zu dieser Zeit teilweise an das Spital angeschlossen.

Ursprüngliche Erschließung von Nord- und Ostflügel

Der Hauptzugang zum Spital liegt an der Spitalgasse und führt über ein spätbarockes Portal in den nördlichen Teil des Ostflügels. Legt man hinsichtlich der internen Erschließung des Spitalkomplexes die aus dem Jahre 1927 stammenden Bestandspläne zugrunde (Abb. 2), so stand der Eingang in einer direkten Verbindung mit dem einzigen, den Gesamtkomplex erschließenden Treppenhaus. Es lag südlich der Kirche, zentral im Winkel von Nord- und Ostflügel. Dass es sich hierbei um die ursprüngliche Situation aus der Wiederaufbauzeit handelte, belegt die bauzeitliche, mit Hängesäulen abgezimmerte Dachkonstruktion. Südlich des Treppenhauses befinden sich die Hängesäulen mittig unter dem Dachfirst, während sie im Bereich des Treppenhauses zur Anlage des firstparallelen Treppenlaufes in den Dachraum seitlich davon, also außermittig angeordnet sind. Die Kontinuität der Treppenlage wird durch die im ersten Obergeschoss aufgenommenen Befunde bestätigt. Dort haben sich in der Kirchenwand und in der nach Süden verlaufenden Massivwand abgeschlagene Werksteine erhalten. Sie gehören zu den Resten eines prunkvoll gestalteten Treppenhauses, wie es im Jahre 1927 noch erhalten war und im Erdgeschossplan skizziert ist. Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelte es sich um eine jüngere, die alte Treppe ersetzende Nachfolgekonstruktion, wobei die zeitliche Differenz zwischen den beiden Anlagen sehr kurz anzusetzen ist. Nach den aufgenommenen Befunden lagerten die geradläufigen Treppenläufe auf gewölbten Unterbauten beziehungsweise Zwischenpodesten. Sowohl die in den Massivwänden eingemauerten Sandsteinstufen wie auch die ehemals vorstehenden Kragsteine, als Auflager für die Einwölbung, sind in Resten erhalten.

Grundrissgliederung und Nutzungen im ersten Obergeschoss

spital 1 OGIm ersten Obergeschoss fixiert das Treppenhaus noch heute den Schnittpunkt der den Nord- und Ostflügel durchquerenden Langflure. Verfolgen wir zuerst den in Richtung Westen verlaufenden Gang, so lassen sich hier vier unterschiedlich genutzte Grundrissabschnitte nachweisen (Abb. 3). Der erste erkannte Nutzungsbereich kann wohl den ehemaligen Spitalbewohnern zugeordnet werden. Ausgerichtet zum Spitalhof waren entlang des Flurs, unterbrochen durch einen belichtenden Querflur, insgesamt vier größere Kammern aufgereiht. Bemerkenswert sind die unterschiedlich groß ausgeführten Grundrissflächen, wobei die östlichste Kammer die restlichen Räume zumindest an Größe beträchtlich übertrifft. Auch die Lage der Ostkammer innerhalb des Gesamtkomplexes verdeutlicht eine gewisse Bevorzugung gegenüber den benachbarten Zimmern. Nahe dem Treppenhaus und direkt gegenüber dem Zugang zur Kirchenempore angelegt, besitzt diese Kammer zweifelsfrei eine Vorrangstellung innerhalb des Nordflügels. Was die bauliche Ausstattung der Räume angeht, so besaßen alle vier Kammern die gleiche Ausbauqualität. Farblich gefasste Fachwerkwände und Decken sowie gefaste Deckenbalken mit Lehmwickelfüllungen in den Zwischenräumen bildeten mit den Backsteinaußenwänden die räumliche Hülle für die in allen Fällen über einen Ofen beheizbaren Kammern.

Bei dem zweiten über den Flur erreichbaren Funktionsbereich handelt es sich um den Kirchenraum beziehungsweise um die auf der Höhe des ersten Obergeschosses liegende Empore. Sie war über ein schlicht gefastes Türgewände aus Sandstein am östlichen Beginn des Flurs erreichbar. Die Lage der Öffnung ermöglichte – mit gebührender Distanz zu den sonstigen Kirchenbesuchern – den direkten, auf der Wohnebene der Spitalbenutzer liegenden Zugang zum Kirchenraum.

Der dritte vom Flur erreichbare Nutzungsbereich war offensichtlich wieder dem Wohnen vorbehalten. Er lag westlich der Kirche und ist Bestandteil eines eigenständigen Baukörpers. Mit dem Nordflügel stand er über einen großzügigen, ungeteilten Vorplatz in Verbindung. Halbwegs belichtet durch den südlichen Querflur und überspannt durch ein schlichtes Deckengebälk ohne isolierende Füllungen, nahm dieser einen äußerst großen Rauchfang auf. Zweiseitig umfasst von Backsteinwänden, saß er im Winkel dreier unterschiedlich großer Wohnräume. In den Schlot mündete der Rauch aus dem ehemals im vorgelagerten Großraum aufgestellten Kachelofen. Eventuell war innerhalb des Freiraumes auch eine Feuerstelle angelegt. Was nun die ursprüngliche Ausbauqualität der drei benachbarten Wohnräume angeht, so weist der Großraum sowohl im internen Vergleich wie auch im Vergleich mit den zuvor erwähnten Kammern bedeutende Unterschiede auf. Sie fixieren den zum Fischmarkt ausgerichteten Raum als das wohnliche Zentrum des gesamten Baukomplexes. Mit seinen gekehlten Balkenquerschnitten besitzt er die aufwendigste Deckengestaltung des gesamten Spitals. In Kombination mit seiner Lage und Größe und nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass ihm mit dem gefangenen Nachbarraum eine eigene Schlafkammer zugeordnet werden kann, besteht der begründete Verdacht, dass es sich hier um die ehemalige Wohneinheit des Spitalmeisters, also um die organisatorische Zentrale des Spitals handelte. Unterstützt wird diese Vermutung durch zwei weitere Beobachtungen. So war von der Stube der direkte Zugang auf die Kirchenempore möglich, ohne Zweifel ein Privileg, welches in dieser Form auf keine weitere Wohneinheit des Spitals zutrifft. Ergänzend dazu muss nicht nur im Vergleich mit den Raumzuschnitten des Nordflügels, sondern auch in der Gegenüberstellung mit den im Ostflügel nachgewiesenen Raumeinheiten die äußerst repräsentative Situation am Fischmarkt ins Auge fallen.

Den vierten und letzten Nutzungsbereich bildete ein äußerst schmaler Raum am westlichen Ende des Flurs. Er ist als ehemaliger Abort zu interpretieren und war offensichtlich erwärmbar. Nach dem Neubau des angrenzenden Salzhauses in den Jahren 1786/87 wurde er zugunsten einer direkten Verbindung zwischen den beiden Gebäuden zum Flur umfunktioniert. Ausgehend vom zentralen Treppenhaus ist der Ostflügel durch einen nach Süden verlaufenden Mittelflur erschlossen. An seinem Ende befand sich der auskragende Abtritt. Beiderseits des Flurs waren Raumeinheiten mit unterschiedlichen Größen und Funktionen angelegt. Betrachten wir zuerst die Raumgrößen, so erscheinen die zur Hoftraufe ausgerichteten Kammern weniger attraktiv als die gegenüber liegenden Räume.

Die Grundrissmaße der westlichen Räume schwanken zwischen 7 und 9 m2. Verunklärt durch bauzeitliche Umplanungen und spätere Veränderungen, ist eine zweifelsfreie Rekonstruktion der zusammengehörenden Raumeinheiten nur noch ansatzweise möglich. So kann allein im äußersten Süden die Anlage einer aus zwei Kammern bestehenden Einheit erschlossen werden. Getrennt durch einen Querflur, folgte nach der vorgesehenen Planung die Abfolge von einer weiteren Doppelraumnutzung und einem abschließenden Einzelzimmer. Zur Ausführung kam aber dann die Aufreihung von drei Einzelzimmern. Bei beiden Lösungen waren bis auf das nördlichste Zimmer alle Räume erwärmbar. Dazu besaßen sie einen Ofen, der über eine Hinterladeröffnung beschickbar war. Dies erfolgte vom Flur aus, wobei der Rauchabzug in den Kammern lag, ein Befund, welcher die bauliche Einheit von Ofen und Kamin impliziert.

Das Gebälk über allen Räumen ist gefast und besitzt eine isolierende Lehmwickelfüllung. Die farblichen Fassungen der Fachwerkwände sind nur noch auf wenigen Wandflächen erhalten. Zweifelsfrei sind alle zum Spitalhof ausgerichteten Zimmer als Wohnräume der Pfründner zu bewerten. Ähnlich, aber doch anders gestaltete sich die Situation auf der gegenüber liegenden Flurseite. Prinzipiell lassen sich auch hier Raumeinheiten, sogenannte Appartements von Einzelräumen unterscheiden. Anders als auf der Gegenseite dominierte bei ihrer Ausführung ein repräsentativer Zuschnitt. Erkennbar wird dies unter anderem durch die rekonstruierbaren Raumgrößen von bis zu 25 m2. Beginnen wir mit der näheren Betrachtung auch hier im äußersten Süden. Dort lässt sich für den Zeitpunkt des Wiederaufbaus eine große Wohneinheit, bestehend aus einer Stube und einer nur indirekt zugänglichen Seitenkammer, belegen. Der massive Wandabschnitt innerhalb der gemeinsamen Trennwand lässt vermuten, dass neben der Stube auch die Kammer erwärmbar war. Das die gesamte Gebäudebreite durchlaufende Gebälk ist östlich des Flures ungefast, besitzt aber im Bereich der Stube eine aufwendige Farbfassung, welche im Eckraum zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch eine noch heute nahezu vollständig erhaltene Blaufassung übermalt wurde.

Für die Beschreibung der nördlichen Grundrissgliederung ist es zunächst wichtig, auf die vorgesehene Planung einzugehen. Sie beinhaltete die Anlage von zwei nahezu gleich großen, aber ungeheizten Räumen. Während des Wiederaufbaus kam es aber zu einer Planungsänderung, welche die Beheizung der Räume und damit den Austausch von Fachwerkabschnitten gegen Backsteinwände zur Folge hatte. Das nördliche der beiden Zimmer war offensichtlich einer zweiten Wohneinheit zugeordnet. Diese lag zentral zum Treppenhaus und bestand aus einem nach der Planungsänderung erwärmbaren und farblich gefassten Stubenraum, kombiniert mit einem schlichteren, nicht direkt zugänglichen Kleinraum. Von ihm war ein kreuzgewölbter, südlich der Kirche liegender Raum zugänglich. Er bildete offensichtlich eine Art Loge, von der aus über eine Öffnung in der Kirchenwand der Gottesdienst verfolgt werden konnte. Sowohl die Loge wie auch der südlich angrenzende Raum waren nicht beheizbar.

Grundrissgliederung und Nutzung zweiten Obergeschoss

Eine gleichfalls differenzierte Grundriss- beziehungsweise Nutzungsstruktur lässt sich auch aus dem erhaltenen Holzwerk des zweiten Obergeschosses ableiten (Abb. 4). Sie gestaltete sich auf den ersten Blick etwas einfacher, war aber analog zum unteren Geschoss gleichfalls bauzeitlichen Veränderungen unterworfen. Beginnen wir im Nordflügel, so erweist sich sein Dachraum gemeinsam mit dem zweiten Obergeschoss des am Fischmarkt stehenden Baukörpers als Lagerraum mit überdimensionalen Ausmaßen. Weit gespannte Hängewerke im Verbund mit einem über dem Nordflügel abgeschleppten Pultdach ermöglichten die Anlage einer weitgehend ungeteilten, durch wenige Säulen untergliederten Lagerfläche. Ein zu vermutender, zweckmäßigerweise zum Hof ausgerichteter Ladegiebel ist infolge einer jüngeren Aufstockung des Nordflügels nicht mehr nachweisbar.

Anders verhält es sich im Ostflügel. Hier beschränkte sich die Lagerfläche allein auf den Dachraum, während das zweite Obergeschoss mehrheitlich als Wohnebene anzusprechen ist. Analog zum Geschoss darunter übernahm auch hier ein den gesamten Nordflügel durchlaufender Mittelflur die zentrale Erschließung. Im südlichen Drittel kreuzte den Mittelflur ein Querflur, und am südlichen Ende ist die Anlage des ursprünglichen Abtritts belegt. Unschwer lassen sich entlang der Hoftraufe die Wohnräume der Spitalbewohner ausmachen. Orientiert an den Zugängen handelte es sich um vier Einheiten, wobei die nördliche Einheit als Appartement mit Wohn- und Schlafkammer zu deuten ist. Streng gesehen waren im Westen wohl nur zwei Räume erwärmbar. Sie sind erkennbar durch die von unten aufsteigenden Kamine. In Anlehnung an die Kamine besaßen die Flurwände wandhohe Backsteinausmauerungen, was auf eine Befeuerung der Öfen von der Flurseite aus hinweist.

Um Wohnräume handelte es sich wohl auch bei den Zimmern an der Spitalstraße, wobei deren ursprüngliche Aufreihung mit der im Westen identisch war. Südlich des daraus ableitbaren Treppenhausfreiplatzes war ein Appartement mit Stube und Kammer geplant. Daran anschließend waren drei durch den Querflur getrennte und nur bedingt erwärmbare Kammerräume konzipiert. Von dieser Planungsphase wich man während des Wiederaufbaus erheblich ab. An erster Stelle ist die Untergliederung des großen Treppenhausfreiplatzes zu nennen. Die Umplanung reduzierte das südlich angrenzende Appartement auf die südliche Kammer und integrierte den verbleibenden Raum in eine Art Saal, dem im Norden ein ungeheizter Raum mit einer wohl späteren Öffnung zum Kirchenraum vorgelagert wurde. Im Vergleich zum nördlichen Grundrissbereich hielten sich die Planungsänderungen im Süden in Grenzen. Die beiden südlichen Räume wurden beibehalten und die ehemals kalte Kammer nördlich des Querflures erhielt einen Kamin mit Ofen.

Die verschiedenen Funktionsbereiche im Spiegel

der Spitalorganisation Versuchen wir zum Schluss die beiden vorgestellten Geschossebenen hinsichtlich ihrer Nutzungsstruktur zusammenzufassen, so lassen sich einzelne Funktionsbereiche klar abgrenzen. An erster Stelle steht hier der Kirchenraum der St.-Andreas-Kirche, der, abgesehen von der zu vermutenden Zugänglichkeit im Erdgeschoss, zum einen über die Empore, zum anderen über die Loge im ersten Obergeschoss in den Spitalkomplex eingebunden war. In unmittelbaren Kontakt zum Kirchenraum und zum städtischen Zentrum konnte westlich der Kirche, auf der Ebene des ersten Obergeschosses, die Wohnung des Spitalmeisters lokalisiert werden. Ihr können sowohl die beheizbaren Appartements wie auch die unbeheizbaren Kammern der Spitalbewohner zugeordnet werden. Sie befanden sich im ersten und zweiten Obergeschoss und hier in erster Linie entlang den beiden Hoftraufen. Etwas differenzierter ist die Situation entlang der Spitalstraße zu sehen. Waren in beiden Geschossebenen wohl hauptsächlich die südlichen Bereiche als Wohnraum genutzt, so gestaltet sich die Einordnung der nördlichen Raumeinheiten schwieriger. Es ist nämlich nicht auszuschließen, dass die Großräume südlich der Kirche, vor allem in Kombination mit den logenartigen Vorräumen, als Krankenlager gedient haben könnten. Von hier war akustisch und über Blickkontakte zum Kirchenaltar für die bettlägerigen Spitalinsassen die Teilnahme am Gottesdienst möglich.

Grundsätzlich sind aber auch andere Funktionen denkbar. So könnte es sich zum Beispiel bei beiden Großräumen auch um ehemalige Speiseräume gehandelt haben. Einen weiteren Schwerpunkt der dargestellten Nutzungsanalyse bilden die weiträumigen Lagerflächen im zweiten Obergeschoss und in den Dachräumen aller vier Baukörper. Nicht zu vergessen ist an dieser Stelle das nicht untersuchte Erdgeschoss. Dort ist eventuell für die Zeit des Wiederaufbaus ein großer und von einer breiten Öffentlichkeit genutzter Krankensaal zu vermuten. Gleichfalls ist an dieser Stelle an die Aufenthalts- beziehungsweise Wohnräume von Bediensteten oder an die großen Lagerflächen für das Brennholz oder die Speisevorräte zu denken. Letztere werden sich in unmittelbarer Nähe zur Küche befunden haben, welche wohl mit hoher Sicherheit im Erdgeschoss angelegt war.

Alle genannten Funktionsräume unterscheiden sich von den oben aufgeführten Räumlichkeiten grundsätzlich dadurch, dass sie nur indirekt mit den in den schriftlichen Nachrichten aufgeführten Einnahmequellen des Spitals in Verbindung zu bringen sind. Verfolgen wir den wirtschaftlichen Aspekt im vorliegenden Fall etwas genauer, so drängt sich an dieser Stelle die Frage auf, ob und in welchem Umfang sich die anfangs erwähnten, für die Spitalorganisation als betriebswirtschaftlich relevant überlieferten Faktoren am erhaltenen Bestand ablesen lassen. Einen wesentlichen Anteil für die Beantwortung dieser Frage kann dabei die objektbezogene Bauforschung erbringen. Wie im vorliegenden Fall dargestellt, ist sie über die Auswertung baulicher Bestände in der Lage, Aussagen der schriftlichen Überlieferung durch die Ergebnisse baulicher, auf bestimmte Fragestellungen ausgerichteter Analysen zu ergänzen und zu verdeutlichen. Übertragen wir diesen Anspruch auf die vorliegenden Untersuchungsergebnisse, so können zwei der wirtschaftlichen Standbeine des St.- Andreas-Spitals ohne größere Schwierigkeiten am baulichen Bestand nachvollzogen werden.

Gemeint ist dabei an erster Stelle der in den Schriftquellen erwähnte und mit Steuerbefreiung begünstigte Handel.2 In dieser Hinsicht vermittelt der im zweiten Obergeschoss und im Dachraum angelegte Lagerraum einen beeindruckenden Einblick in das gewaltige Handelsvolumen des Spitals, ganz zu schweigen vom Handel mit den in den Kellern lagernden Weinvorräten, welche ähnlich wie die im Dachraum aufbewahrten Güter wohl kaum nur als Vorratshaltung für den Eigenbedarf zu werten sind. Weitaus differenzierter gestaltet sich das zweite Standbein der Spitalfinanzierung, nämlich der finanzielle Einstand der Spitalbewohner. Bezogen auf die praktische Alltagsorganisation bestand offensichtlich eine fein abgestufte Wohnhierarchie und daraus abgeleitet eine differenzierte Finanzierungsabstufung. Trotz Unkenntnis über das Erdgeschoss und seine Einrichtungen für die weniger bemittelten Kranken besteht kein Zweifel daran, dass das erste Obergeschoss als die bevorzugte Wohnebene für diejenigen Spitalbewohner anzusehen ist, die sich durch einen Pfründbrief eingekauft hatten. Betrachten wir diese Ebene genauer, so gibt es auffällige Unterschiede, die sich durch eine Vielzahl von Einzelkomponenten bemerkbar machen. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang die vorteilhafteren beziehungsweise weniger attraktiven Lagen innerhalb des Gesamtkomplexes, verknüpft mit den unterschiedlichen Raumgrößen und Raumkombinationen. Auch die Unterscheidung in beheizbare und unbeheizbare Zimmer ist als Indiz für eine unterschiedliche, sich in finanzieller Hinsicht auswirkende Bewertung zu sehen. So spannt sich der mögliche Bogen von der zentral gelegenen, äußerst großzügig gestalteten Wohnung des Spitalverwalters bis zu der vom Kirchenraum weit entfernten, kleinen und kalten Kammer im zweiten Obergeschoss des Ostflügels.

Als Fazit bleibt folgendes Ergebnis: Bewerten wir die einzelnen angekauften Wohneinheiten nach den oben aufgeführten Kriterien, so ist zu vermuten, dass sich das Spital jeglichen Vorzug des zu vermietenden Wohnraumes mit barer Münze bezahlen ließ, ja diesen Sachverhalt schon bei der Planung beziehungsweise bei der Errichtung des Spitalkomplexes berücksichtigte. Dass es sich dabei um keinen von den späteren Nutzern abgekoppelten Planungsprozess handelte, sondern dass die zukünftigen Interessenten schon im Entwurfstadium ihren finanzierbaren Bedarf anmeldeten, ist zwar nicht definitiv bewiesen, aber in Anlehnung an die vielen Planungsänderungen zu vermuten.

Anmerkung
1 Michael Friedmann: Die Offenburger Innenstadt. Ein historischer Rundgang. Offenburg 1979. – Wolfgang M. Gall: Offenburg und die St.-Andreas-Stiftung. Zur Sozial- und Kulturgeschichte einer traditionsreichen Einrichtung. In: Badische Heimat 2/2004, 209–222.

Abbildungsnachweis
Abb. 1: Archiv Stadtbauamt Offenburg, Umzeichnung durch den Verfasser.
Abb. 2: Bauordnungsamt Offenburg nach Vorlage des Verfassers



zurück

Ehemaliges Franziskanerkloster Offenburg


franzskanerklosterMANFRED MERKER; FRANZISKANISCHE SPUREN IN OFFENBURG: EIN BEITRAG ZUR KULTURGESCHICHTE DER ORTENAU [27 - 34] - Stadtbibliothek Offenburg

Das Offenburger Franziskanerkloster von 1280

Das eindrucksvollste erhaltene Zeugnis, das die über ein halbes Jahrtausend währende Anwesenheit der Franziskaner in Offenburg hinterlassen hat, ist das ehemalige Minoritenkloster in der Langestraße, heute Kloster Unserer Lieben Frau. Mit seinem jetzt in goldenem Barock strahlenden Kirchenschiff und dem hohen gotischen Chor dient es heute dem Internat und Wohntrakt der Chorfrauen der Congregatio Beatae Virginis und dem Klostergymnasium für Mädchen(3). Die hohe mittelalterliche Stadtmauer schließt im Norden und Osten das stattliche Areal von der Größe eines Stadtteils noch heute von der Langenstraße, der Gustav-Rée-Anlage am Bahngraben und der Schuttergasse als geschützten klösterlichen Raum hermetisch ab. Wie und wann begann das fünfeinhalb Jahrhunderte lange Wirken der Franziskaner in Offenburg? Noch zu Lebzeiten des Ordensgründers Franz von Assisi (1182-1226) waren seine Brüder von Italien über die Alpen nach Deutschland gezogen. Schon im Frühjahr 1222 fand in Worms das erste Provinzkapitel der neu gegründeten Provinz Teutonia statt(4). Am nahen Oberrhein, am Bodensee und in der Schweiz wurden zahlreiche Klöster in fast allen bedeutenden Städten gegründet:

1223 Lindau, 1230 Straßburg, 1231 Basel, 1240 Konstanz, 1242 Freiburg im Breisgau, 1248 Heidelberg, 1267 Überlingen, 1271 Frankfurt am Main. 1280 schließlich folgte gleichzeitig mit Schlettstadt, Kaysersberg und Solothurn Offenburg in der Ortenau. Inzwischen hatte im Jahre 1266 Papst Clemens IV. die Guardiane, Kustoden und Provinziale des Ordens ausdrücklich aufgefordert, in den Ländern nördlich der Alpen im Dienste des Kreuzes aktiv zu werden. Im Jahre 1282 zählte man in Deutschland bereits 1583 Klöster der Franziskaner(5). Am 5. Juni 1280 hatten "der Schultheiß und die ganze Bürgerschaft der Stadt Offenburg im Bistum Straßburg" folgendes (lateinische) Schreiben an das Provinzkapitel der Minoriten in Mainz unter der Leitung des Provinzials Theodoricus geschickt mit der Bitte, ein Ordenshaus in Offenburg zu gründen: Da Ihr nicht nur zu Eurem, sondern gleichzeitig auch zum gemeinsamen Nutzen und Heil aller Menschen in den Weinberg des Herrn berufen seid, um dort zu arbeiten und vielfache Frucht zu bringen, so laden wir, die wir Euren Orden vor allen anderen hoch schätzen und mit der tiefsten Zuneigung unseres Herzen lieben, in frommem Bestreben ein, in unsere Stadt zu kommen. Wir bitten Euch eifrig und inständig mit größter Hingabe, dass Ihr unserem Verlangen entsprechen möget, einen Ort für eine Bleibe und Wohnung bei uns zu wählen und tüchtige Brüder, durch deren Rat wir geleitet und geführt werden können, hier anzusiedeln. Wir hoffen nämlich, dass mithilfe der Gnade Gottes sowohl seitens der Einwohner unserer Stadt, als auch der umliegenden Dörfer, die alle Eure segensreiche Antwort erwarten, Euren Brüdern hier das zum Leben Nötige nicht fehlen muss, sondern hinreichend gewährt werden soll. Unsere Bitte werdet Ihr mit dem Erfolg erhören, dass dadurch das Ansehen Eures Ordens bei den Menschen wächst und Ihr vom Allerhöchsten nicht unverdienten Lohn erwarten könnt(6).

Der überaus herzliche Ton des Offenburger Einladungsschreibens ist ein anschauliches Beispiel für die große Sympathie, welche die "Minderen Brüder Christi", als die sie sich selbst fühlten und bezeichneten, in der gesamten Bürgerschaft genossen. Im Gegensatz zum traditionellen Klerus war ihr überzeugendes Auftreten im Geiste gelebter Christusnachfolge geradezu revolutionär: Strenge Befolgung des Armutsideals, gemeinsames brüderliches Wanderapostolat, praktische Nächstenliebe sowie demütige Freundlichkeit gegenüber jedermann und eine aufrichtige Seelsorge machten sie gerade bei der ärmeren Bevölkerung beliebt. Auch durch ihre viel besuchten Predigten erwiesen sie sich als spirituelle Avantgarde ihrer Zeit. Mit ihrem religiösen Eifer standen sie im Gegensatz zu den reichen Benediktiner- und Zisterzienserklöstern der Nachbarschaft, die sich, und das außerhalb der Städte, eher der Gelehrsamkeit und Landkultivierung verpflichtet sahen. Die neuen Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner waren eng mit der Entwicklung der Städte in Mitteleuropa verbunden, die jetzt im Hochmittelalter in großer Zahl im ganzen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation förmlich aus dem Boden schossen. In der politisch unsicheren Zeit des Machtvakuums nach dem kaiserlosen Interregnum und einer Epoche sozialer Missstände suchten besorgte Stadtväter neben der zum Teil sehr verweltlichten und formalisierten Amtskirche mit ihren nur theologisch geschulten Pfründeninhabern überzeugende Seelsorger, Beichtväter und Prediger.

Bei den Minderbrüdern, die in ihrer selbst gewählten Obdachlosigkeit nichts besaßen außer ihrer dunkelgrauen Kutte mit Kapuze und oft nicht einmal Schuhe, und daher liebevoll als "Barfüßer" begrüßt wurden, fühlten sich die einfachen und auch die unterständischen Menschen in ihren Alltags- und Seelennöten immer gut aufgehoben. Ihre häufig praktizierte Nächstenliebe und unermüdliche karitative Fürsorglichkeit war allgegenwärtig, wohnten sie doch mitten unter ihnen und leisteten als erfahrene Handwerker- und Bauernsöhne konkrete Hilfe in der Krankenpflege für Mensch und Tier und oft sogar als erste Brandhelfer bei in den mittelalterlichen holzgebauten Städten nicht gerade seltenen Hausbränden. Nicht weit von ihrem Klostertor konnten sie den vom Norden in die Stadt Einreisenden helfen und für die Leprakranken im Gutleutehaus am Hohen Rain und für die in der Elendenherberge am südlichen Ende ihrer Straße liegenden Kranken und für Pilger und Obdachlose sorgen. So wurden die Franziskaner auch in Offenburg schnell Lieblinge des ganzen Volkes. Die Metapher der "in vineam Domini evocati", der in den Weinberg des Herrn Berufenen (Mt. 20,4), aus dem Berufungsschreiben von 1280 wurde natürlich in der Weinhandelsstadt Offenburg mit ihren großen Rebflächen gut verstanden, und ihre, hier wie dort ganzjährige, segensreiche Arbeit trug reiche Früchte im wahrsten Sinne des Wortes.

Als "locum mansionis et habitationis", als Ort ihrer Bleibe und Wohnung, stellten ihnen die Stadtväter 1280 das größte zusammenhängende Areal der Stadt zur Verfügung, ein ansehnliches Grundstück längs der neuen meterhohen nordöstlichen Stadtmauer nahe dem Straßburger Tor. Es sollte durch seine Lage später auch eine Aufgabe im Rahmen der Fortifikation der Stadt bilden. Almosen aus der ganzen Bürgerschaft halfen mit bei der Finanzierung, die Hauptarbeit beim Bau wurde wahrscheinlich von den ordenseigenen Architekten und Bautrupps geleistet. 1284 erhielten die "herzlich geliebten, fleißigen" Ordensbrüder, wie es im Anschreiben an Mainz heißt, dazu eine weitere große Schenkung als Almosen eines ehemaligen Offenburger Schultheißen: Im Namen des Herrn, amen. Wir, Altschultheiß Heinrich und Beate, seine Gattin, beide aus Offenburg und gesund und voll zurechnungsfähig, geben öffentlich bekannt, dass wir unseren Steinbruch in Fessenbach als Almosen übertragen und frei zur Nutzung und ohne Bedingung den in Offenburg ansässigen Minderen Brüdern übergeben, – aus Gottgefälligkeit und zur Vergebung unserer Sünden, damit er ihnen zur Errichtung all Ihrer Gebäude dienen kann(7).

Der rote Sandstein dieses Steinbruchs beim Schuckshof im Offenburger Ortsteil Fessenbach lieferte das Grundmaterial für die Bauten des umfangreichen Klostergebäudes. Als Hauptgebäude wurde die große Predigerkirche im Süden errichte, eine einschiffige gewölbte Hallenkirche im gotischen Stil mit hohen, Licht spendenden Fenstern, aber schmuckloser Außenfassade und nur einem kleinen Türmchen. Der Chor mit der Sakristei weist die gleiche Länge wie die Hauptkirche auf und bietet reichlich Platz für Altäre, Chorgestühl und die Grabkammern unter seinem Boden im vorderen Teil. Der Friedhof der Brüder lag zwischen Klosterbau und Stadtmauer im Osten, genauso wie die Bibliothek im ersten Stock über der Marienkapelle mit Blick auf den Schwarzwald. An die Nordseite schließt sich ein rechteckiger Kreuzgang an, der nach Osten von einem entzückenden, achteckigen Marienkapellchen mit einer bedeutenden, hölzernen Marienmadonna der späten Gotik begrenzt wird, die genauso wie die so genannte kleine "Stiegenmadonna" im östlichen Treppenhaus aus der mittleren Klosterzeit stammen dürfte. Nach Westen hin lagen die Zellen der Brüder, das Refektorium, größere Empfangsräume, Werkstätten und die Klosterpforte mit ihrem drehbaren Schalter, durch den man den Armen die Suppe reichte. Nach Osten hin erstreckte sich ein größerer Wirtschaftstrakt. Darunter sind umfangreiche Kellerkomplexe für die Lagerung der Nahrungsmittel und Getränke erhalten, die sich zum Teil unter der Küfergasse bis zur Hauptstrasse fortsetzen.

Von den Gebäuden haben nur die Keller, der Chor, die Marienkapelle und die Klosterpforte die Einäscherung der Stadt im Katastrophenjahr 1689 überstanden. Der Rest des zerstörten Klosters wurde ab 1701 auf den alten Grundrissen wiedererrichtet. So steht uns das alte Offenburger Franziskanerkloster wieder in seiner Gesamtheit von den Anfängen bis heute eindrucksvoll vor Augen, wenn auch in einer durch die Entwicklung der Kunstgeschichte leicht verwandelten Gestalt. Dass unser Kloster neben der erwähnten großen Schenkung des Sandsteinbruchs auch andere Zuwendungen erfahren durfte, war durch päpstliche Regelungen im Zusammenhang mit dem erbitterten und fast ruinösen Armutsstreit des Franziskanerordens, der den Orden schon im 14. Jahrhundert gespalten hatte, ermöglicht worden. Der neutestamentarischen Aufforderung des Ordensgründers, in paupertate et humilitate Deo famulantes vadant tamquam peregrini et advenae, konnten nur ganz am Anfang Genüge geleistet werden. Permanentes Wanderapostolat ohne eine Bleibe zum Wohnen, absolute Besitzlosigkeit und eigener Hände Arbeit oder notwendigerweise auch das Betteln als Grundlage existentieller Daseinsvorsorge konnte auf Dauer nicht von allen Brüdern des Ordens gewährleistet werden. Es hätte auch die Ausbreitung der Franziskaner in den Städten mit ihrer Attraktivität als neuer christlicher Lebensform verhindert und die enorme Integrationskraft gerade für Söhne des mittleren und einfachen Volkes nicht entfalten können.

Die Klosterpforte des Franziskanerklosters Offenburg  arrowRight

Am 19. Mai 1517 dekretierte Papst Leo X. in seiner Bulle Ite et vos in vineam meam die Trennung des Franziskanerordens in die Vertreter einer Observanz der strengen ursprünglichen Ordensregel des absoluten Armutsgebots, also der Observanten, und der Konventualen, zu denen auch die Brüder in Offenburg gehörten, die persönlichen Besitz für sich zwar auch ablehnten, aber für ihre Klöster Naturalien und auch größere Schenkungen und Stiftungen annehmen durften(8). Das Offenburger Franziskanerkloster, in das im Laufe der Zeit auch viele Söhne der Stadt und der Dörfer mitsamt ihrem Besitz eintraten, wurde auf diese Weise im Laufe der folgenden Jahrhunderte eines der reichsten Klöster des Bistums Straßburg und des späteren Landes Baden. Die Offenburger Stadtväter hatten ja 1280 den berufenen Brüdern die Sicherung ihrer Lebensbedürfnisse garantiert, wozu auch die Nachbargemeinden beitragen sollten. So übertrug die Gemeinde Elgersweier als selbständige Pfarrei des Prämonstratenserklosters Allerheiligen im Schwarzwald den Franziskanern ihren Zehnten, den sie für jährlich 14 Scheffel Korn an das Kloster abtreten musste. In den Akten des Generallandesarchivs in Karlsruhe finden sich zahlreiche Urkunden mit Schenkungen und Verkäufen von Rebbergen, Wiesen und Kastanienwäldchen an die Franziskaner(9). Am oberen Albersbach im Ortsteil Fessenbach zeugen noch heute der Franziskanerberg mit seinen Forellenteichen und ein erhaltener franziskanischer Gewölbekeller ebenso von einem den Offenburger Minoriten ehemals übertragenen Grundbesitz wie der ansehnliche Sommersitz des Klosters Unserer Lieben Frau, der so genannte "Liebfrauenhof ", beim Franziskanersteinbruch am Schuckshof, zu dem auch Rebland mit eigenem Deputatswein gehörte. Für das Jahr 1399 ist umfangreiches Rebland am Offenburger "Kalbsbrunnen" nachgewiesen:

"Bodenzins durch Franziskaner für 4 Haufen Reben im Kalbsbronnen". 1428 vermacht Graf Wilhelm von Eberstein einen umfangreichen Streubesitz mit Hofgut, Wirtschaftsgebäuden, Äckern und Wiesen zwischen Ohlsbach und Schwaibach "dem Barfüßer Closter in Offenburg... zu meinem ewigen Selgerecht". Ein mehrseitiges Zinsregister von 1687 listet jährliche Einnahmen auf Martini aus landwirtschaftlichem Besitz der Umgebung und Pachtzinsen aus immerhin elf Häusern in der Nähe der Klosterstraße auf(10). Die "fratres minores Sancti Francisci Conventuales Offenburgenses", so ihr offizieller Name, wie er in Urkunden und Bücherbezeichnungen immer wieder auftaucht, gehörten organisatorisch anfangs innerhalb der Ordensprovinz zur "Custodia Alsatiae" (seit 1260), wie Hagenau, Saarburg, Weißenburg, Colmar, Baar, Schlettstadt, Rouffach und Kaysersberg neben dem Hauptort des Elsass, Straßburg, damals und auch später eine der führenden Reichsstädte im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Dort war bereits 1230 ein riesiges Franziskanerkloster gegründet worden, das den gesamten Raum des heutigen Kleberplatzes einnahm.

1240 hatte hier das erste Provinzkapitel der ein Jahr zuvor errichteten Straßburger Provinz (auch Oberdeutsche Provinz genannt) stattgefunden. Auf dem Pfingstkapitel 1239 in Rom war nämlich die große Rheinische Provinz in eine Kölner (oder Niederdeutsche) und eine Straßburger (oder Oberdeutsche) Provinz geteilt worden, so dass die einstige Teutonia mit der Saxonia im Nordosten jetzt drei Provinzen zählte. Zum Verbund der oberrheinisch-elsässischen Kustodie gehörten auch die Niederlassungen des "Dritten Ordens" in Straßburg: "Auf dem Markt" (1258), "Auf der Insel" (1290) und "Auf dem Wörth" (1299). Franziskus hatte in weiser Voraussicht diesen Orden neben dem Ersten der Minoriten und dem Zweiten der Klarissen für fromme Weltleute beiderlei Geschlechts 1221 gegründet. In ihm schlossen sich in den vielen Städten Bürger und Bürgerinnen unter Schutz und Seelsorge der nahen Klöster ohne Gelübde zusammen, um ein Gott geweihtes Leben zu führen und Werke der Barmherzigkeit zu tun(11).

Straßburg blieb bis zur Reformation, die sich hier ab 1520 durchsetzte, Bezugspunkt für das Offenburger Kloster (wie es heute noch das braune Schild der Ortenau an der Autobahn A5 abbildet). Hier, im Zentrum von Wissenschaft und Handel, war nicht nur der Verwaltungssitz der Kustodie und der Provinz, sondern auch der Ort des Studienseminars für die einjährige Unterweisung der Novizen und Ausgangsort der jährlichen Klostervisitationen. Hier kam immerhin 42-mal das mehrtägige Provinzkapitel zusammen, ein festliches und glanzvolles Ereignis, zu dem neben den Brüdern auch viele Gläubige anreisten. Denn mit der Anwesenheit in der Bischofsstadt mit ihrer prächtigen Kathedrale war ein 100-tägiger Ablass für alle und die Verteilung von Gnadenbriefen an Wohltäter des Ordens verbunden. In Straßburg gab es regelmäßig große Märkte für den Klosterbedarf von den Inventarien bis zu den Devotionalien, doch, wie gesagt, nur bis zur Reformation, in deren Folge der Stadtrat 1525 das Franziskaner- wie auch das Dominikanerkloster und die beiden Klarissenklöster auflöste(12).

In Straßburg , der weltbekannten Druckerstadt konnten die frommen Brüder ihren Bedarf an Predigtliteratur decken, wovon heute noch die Buchprovenienzen der Klosterbibliothek Zeugnis geben(13). Von Straßburg aus gab es auch verlässliche Verbindungen zu den Mitbrüdern in Frankreich, der Schweiz und im franziskanischen Mutterland Italien. 400 Jahre lang war die Hauptaufgabe des Franziskanerordens die Seelsorge in Predigt, Beichte und praktischer Nächstenliebe. Das galt nicht nur für Offenburg, sondern auch für den ausgedehnten Pfarrbezirk in den umliegenden Orten Weingarten, Elgersweier, Ortenberg, Durbach, Ebersweier, Bohlsbach, Weier, Rammersweier und Waltersweier. Ob es dabei zu Konflikten mit der Stadtpfarrei kam, wie es für Straßburg im Seelsorgestreit des 13. und erneut des 15. Jahrhunderts überliefert ist, ist nicht bekannt, aber wahrscheinlich. Hier wie dort ging es um das Recht zu predigen, die Beichte abzunehmen, Sakramente zu spenden und Begräbnisse und Totenmessen zu übernehmen, was meistens mit einträglichen Abgaben verbunden war. Sicher waren dabei die Franziskaner und Dominikaner überzeugendere Prediger und Seelsorger als die amtlichen Inhaber des gut dotierten Pfarrbenefiziums, die ohne geistlichen Impetus nur ihre Pfründe verzehrten und sich oft durch Vikare vertreten ließen, die mit ihrem kargen Hungerlohn auch nicht gerade hoch motiviert waren.

Der enorme Zulauf zu den Predigten in den neuen Ordenskirchen führte immer häufiger zu Übertragungen von Testamenten an sie, so dass sogar der Papst in Rom um Vermittlung angerufen werden musste und die Franziskaner sich z. B. 1284 in Straßburg schriftlich verpflichten mussten, "keinerlei Erbschleicherei zu betreiben"(14). Neben der Seelsorge widmeten sich die Offenburger Minoriten auch der Betreuung des Dritten Ordens und der Beginen, die sich ihrer seelsorgerischen Obhut anvertraut hatten(15). In Offenburg soll es sechs Beginenhöfe gegeben haben, wahrscheinlich in Klosternähe an der Langestraße. Als Zeugnis für diese Nähe kann die Altarfigur der heiligen Elisabeth (1207-1231) angesehen werden, die als Patronin des Dritten Ordens im Gewand einer Tertiarin am Südaltar des Klosters rechts vor den Chorschranken mit einem Brot in der Hand dargestellt wird, dem Symbol der Nächstenliebe.

Ein weiteres Beginenkloster ist urkundlich für das Gewann "Helgenantle" am Ebersweirer Weg auf der Gemarkungsgrenze zwischen Rammersweier und Bohlsbach belegt. Zum Dritten Orden gehörte auch die Bruderschaft des heiligen Antonius von Padua (1195-1231), dessen Statue mit dem Jesuskind und der Lilie in der Rechten die Hauptfigur des rechten Seitenaltars der Klosterkirche bildet. Sie hatte sich Mitte des 15. Jahrhunderts nahe dem Schloss Staufenberg im Wald hoch über dem Offenburger Nachbarort Durbach ein Bruderhaus mit Kapelle und Wirtschaftsgebäuden errichtet, wo sie als klösterliche Genossenschaft in völliger Abgeschiedenheit ein christliches Leben führten. "Sant Anthonien bruderhuß und cappele im hartwald bei Stouffenberg", ein eindrucksvoller verschwiegener Ort über den Weinbergen, wurde später ein viel besuchter Wallfahrtsort, wovon heute noch, trotz der Zerstörung des einsamen Klösterchens durch die Schweden 1632, die Konsole der Außenkanzel für die Wallfahrtspredigten zeugt. Eine andere lokale Wallfahrt schien sich auch in der großen Predigerkirche des Offenburger Stadtkonvents herauszuformen: die Verehrung der seligen Gertrud von Ortenberg. Geboren im Jahr der Offenburger Klostergründung 1280 auf dem nahen Schloss Ortenberg am Eingang des Kinzigtals, hatte sie früh die Burg ihrer Brüder mit ihrer Familie verlassen und in Straßburg und Offenburg mit einer Freundin das gottgefällige Leben einer Begine geführt.

Durch ihre Hinwendung zu den Kranken und Armen im Geist des heiligen Franziskus erwarb sie bald den Ruf einer Heiligen(16). Als sie am 23. Februar 1335 starb, wurde sie in der Franziskanerkirche an einem besonderen Ort beigesetzt, mit den Worten eines Chronisten: in ecclesia nostra sepelitur praenobilis Gertrudis uxor domini Riggoldi omnium opinione beata. Cuius tumuluscontegitur lapide maiori, humo altius prominente. Ihr Grab, das fortan hohe Verehrung genoss, konnte bis heute nicht exakt lokalisiert werden, vielleicht lag es am Hauptpfeiler der unteren Sakristei nahe dem 1382 dort ebenfalls bestatteten "Egenoff Hummel de Staufenberg", wurde dann aber 1689 zerstört. 1480 gab es für den Offenburger Konvent ein besonderes Ereignis, das auch mit positiven finanziellen Folgen für das Klostervermögen verbunden war, nämlich den Beschluss der 1451 gegründeten honorigen Bruderschaft St. Sebastian der Offenburger Schützen, sich unter den geistlichen Schutz des Franziskanerordens zu stellen. Jeden Montag wurde eine Bruderschaftskerze auf dem St. Ludwigsaltar aufgestellt und dazu von einem der Minoriten eine Messe gelesen. Jährlich am Sebastianstag gab es eine Singmesse, für Verstorbene fünf Leibfallmessen. Als Aufnahmegebühr mussten "2 Pfennige für den Heiligen" gezahlt werden, ein Schaffner verwaltete die beträchtlichen Geldanlagen, die zum Teil gegen jährlichen Zins ausgeliehen werden konnten, z. B. im Jahre 1506 20 Gulden zu 5%. Für "abgehende Mitglieder" dieser Bruderschaft zur Pflege des religiösen Lebens waren vier Grabplätze auf dem Klosterfriedhof reserviert.

Die qualitätsvoll geschnitzte Statue des heiligen Sebastian aus der Spätgotik, die heute noch den Nebenaltar an der Nordseite des Chores krönt, ist wahrscheinlich ein Auftragswerk der Sebastian-Bruderschaft der Offenburger Schützen. Die Bruderschaft genoss hohes Ansehen in allen Kreisen der Stadt und hat drei Jahre später 1483 zu einem allgemeinen "Armbrust- und Handbüchsenschießen zur Kurzweile und um guter Gesellschaft willen" eingeladen. Sie veranstaltete in Verbindung mit dem Offenburger Jahrmarkt im Herbst jährlich ein Schützenfest "am mendag nebst nach sant Michelstag".1496 wählte dann auch die Bruderschaft der Schmiede, Goldschmiede und Wagner zum heiligen Eligius das Franziskanerkloster zu ihrem geistigen Mittelpunkt, nicht etwa die Offenburger Pfarrkirche Heilig Kreuz oder die Spitalkirche St. Andreas, wie die Bruderschaft der Bäcker- und Müllergesellen im Jahre 1406. Sicher waren mit ihrer Entscheidung für die Franziskanerkirche die oben für Straßburg angedeuteten Konkurrenzkonflikte auf pastoralem und finanziellem Gebiet auch in Offenburg vorprogrammiert. Der Schutzpatron Eligius war ein westfranzösischer Heiliger der Merowingerzeit, der für Schlosser, Goldschmiede und alle Metallhandwerker zuständig war, und gehörte zu den 14 Nothelfern(17). Wahrscheinlich besorgten die Zunftbrüder der Eligiusbruderschaft auch einige noch erhaltene Metallarbeiten im Kloster, wie zum Beispiel die Türschlösser. Die Bruderschaft hatte sich mit ihrem Anliegen übrigens direkt an den Provinzial der oberdeutschen Minoritenprovinz, Frater Gregorius, gewandt, der hier schon 1486 ein Ordenskapitel, bereits das achte in Offenburg , geleitet hatte. Seine dankbar aufgenommene Antwort entspricht gutem franziskanischem Geist und verdient es, hier abgedruckt zu werden:

So nehme ich euch in die umfassende Fürbitte unseres Ordens auf, für das gegenwärtige und das zukünftige Leben, und lasse euch teilhaben an allen Messen, Gebeten, Predigten, Wachen, Fasten, Kasteiungen, Übungen, Fürbitten und allen geistlichen Übungen, die durch unsere Brüder und Schwestern der deutschen Provinz Gott dargebracht werden. Ich füge auch diese besondere Gnade hinzu: Wenn uns der Tod eines Mitglieds eurer Bruderschaft gemeldet wird, so soll für ihn jährlich eine Seelenmesse gehalten werden gleich wie für unsere Brüder und Schwestern(18). 1671 wurde die Satzung der Bruderschaft vom Rat der Stadt Offenburg präzisiert und erweitert, unter anderem mit dem Zusatz, bei der Heiligen Messe "solle ein jeder seinen groschen ohne widerredt oder streiten geben, und im kloster, im cryzgang oder anderwetß soll kein streiten oder widerred mehr geschehen". Bereits 1709 wurde erneut eine Satzungsänderung der zehn Artikel nötig. Begründet wurde dies mit ihrer Vernachlässigung in den Kriegszeiten und der Einäscherung von Stadt und Kloster 1689, "teils aber auß lawigkeit einiger Christen. Nun mehro hat der grundgüetige gott die seelen seiner dienner mit dem liecht des verstandt erleuchtet". Neu festgesetzt wurde als jährliche Abgabe einen "halben reichßthaler, vier wax kertzen auf den altar undt vier auf die todten bahr zu raichen". Auch konnten jetzt zugereiste Gesellen der Zunft, die bei einem hiesigen Meister gearbeitet hatten und dann verstorben waren, auf dem Platz vor der Kirche begraben werden. Verhandelt und unterzeichnet wurde wahrscheinlich wegen des zerstörten Rathauses im wieder errichteten Franziskanerkloster von 1703. Die Beglaubigung erfolgte laut Unterschrift der mit Siegel erhaltenen Urkunde erst 1709 durch den Guardian des Konvents und Provinzial Frater Hyacinthus Pfister, dessen Grabstein heute noch an der Südwand im Kreuzgang mit seiner langen barocklateinischen Inschrift steht und der weiter unten noch genauer vorgestellt wird(19)

3.) Vgl. Otto Kähni, DasKloster Unserer Lieben Frau und das Lehr- und Erziehungsinstitut inOffenburg, in Die Ortenau 46 (1966) 84-121; Hermann Brommer, Offenburg. Kloster Unserer Lieben Frau, Regensburg 1997.
4.) So berichtet Jordan von Giano in seiner Chronica, Nr. 26: Jordan von Giano, Chronik vom Anfang der Minderbrüder besonders in Deutschland, eingeführt, nach den bisher bekannten Handschriften kritisch ediert sowie mit einem Anhang ihrer Weiterführungen ins Deutsche übertragen und herausgegeben von Johannes Schlageter, Norderstedt 2012, 79.
5.) Die meisten Angaben zur Geschichte des Ordens nach P. Konrad Eubel, Geschichte der oberdeutschen (Straßburger) Minoriten-Provinz,Würzburg 1886; vgl. auch Dieter Berg (Hg.), Spuren franziskanischer Geschichte. Chronologischer Abriß der Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinzen von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, bearbeitet von Bernd Schmies und Kirstin Rakemann, Werl 1999, 19-30.
6.) Übersetzung durch den Verfasser. Das Original befindet sich im Erzbischöflichen Archiv in Freiburg, eine Abbildung der Urkunde im Freiburger Diözesan-Archiv 64 (1936) 360. Vgl. Reinhard Klotz, Das Franziskanerkloster in Offenburg, inDie Klöster der Ortenau, herausgegeben von Wolfgang Müller, Offenburg 1978, 431-437.
7.) Abgedruckt in deutscher Übersetzung bei Karl Hanß, Geschichte der Ortenau, Band 2: Klerus und Adel, Offenburg 1995, 59; lateinisches Original in der Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 5 (1854) 243.
8.) Ausführlicher zu den Unterschieden in den Ordenszweigen, die sich auf Franziskus berufen: Lázaro Iriarte, Der Franziskus-Orden, Altötting 1984;Leonhard Lehmann, Franziskaner (Konventualen, Kapuziner) und Klarissen, in Kulturgeschichte der christlichen Orden, herausgegeben von Peter Dinzelbacher und James L. Hogg, Stuttgart 1997, 143-192; Pacifico Sella, Leone X e la definitiva divisione dell’Ordine dei Minori: La bolla «Ite vos» (29 Maggio 1517) (AF, 14), Grottaferrata 2001.
9.) GLA (= Generallandesarchiv) Karlsruhe 30/11 Albersbach: Generalia et Specialia. Kirchengut.
10.) Zitate, auch weitere Einzelheiten bei Eugen Hillenbrand, "unser fryheit und alt harkommen". Mittelalter in Offenburg und der Ortenau, Offenburg 1990, 63-81.
11.) Vgl. Andreas Rüther, Bettelorden in Stadt und Land. Die Straßburger Mendikantenkonvente und das Elsaß im Spätmittelalter (Berliner Historische Studien, 26; Ordensstudien, 11), Berlin 1997.
12.) Vgl. detailreich Anna Sauerbrey , Die Straßburger Klöster im 16. Jahrhundert. Eine Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung der Geschlechtergeschichte (Spätmittelalter, Humanismus, Reformation. Studies in the Late Middle Ages, Humanism and the Reformation, 69), Tübingen 2012.
13.) Vgl. Ute Obhof, Provenienzen der Bibliothek des ehemaligen Franziskanerklosters in Offenburg, in Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 145 (1997) 448-461.
14.) Ausführliche Details zu diesen Auseinandersetzungen bei Leo Pfleger, Kirchengeschichte der Stadt Straßburg im Mittelalter,Kolmar 1941, 92-97. Dazu auch Norbert Hecker, Bettelorden und Bürgertum. Konflikt und Kooperation in deutschen Städten des Spätmittelalters, Frankfurt 1981 und Bernhard E. Stüdeli, Minoritenniederlassung und mittelalterliche Stadt, Werl 1969.
15.) Vgl. Claudia Opitz, Die Anfänge der Beginenbewegung am Mittel- und Oberrhein (1250-1350), Konstanz 1979; Sabine von Heusinger, Beginen am Mittel- und Oberrhein zu Beginn des 15. Jahrhunderts, in Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 148 (2000) 66-96; Gertrud Hofmann – Werner Krebber, Die Beginen. Geschichte und Gegenwart, Kevelaer 2004.

Etappen der Ordens- und Schulgeschichte

1597 Pierre Fourier, ein Augustiner Chorherr, gründet mit Alix Le Clerc in Mattaincourt/ Lothringen den Orden der Augustiner Chorfrauen in der Congregatio Beatae Mariae Virginis (BMV). Als Grundlage für das Gemeinschaftsleben wählten sie die Regel des heiligen Augustinus.

1628 Der Orden wird von der Kirche offiziell anerkannt.

ab 1640 Das erste deutsche Kloster mit Schule entstand in Trier.

1689 Der Erbfolgekrieg Ludwig XIV. vernichtet weitgehend die Ortenau. Auch das 1280 gegründete Franziskanerkloster in Offenburg wird fast völlig zerstört.

ab 1692 Beginn des Wiederaufbaus des zerstörten Klosters durch die Franziskanerbrüder und Baumeister Eusebius Moosbrugger und Ulrich Beer.

1702 Wiederaufbau des Franziskanerklosters im barocken Stil. Die Bauarbeiten ziehen sich bis 1779 hin.

1731 Von Straßburg aus wurde Altbreisach, 1767 Raststatt und 1783 Ottersweier gegründet.

1806 im Zuge der Säkularisation wird das Kloster der Franziskaner aufgelöst.

1814 endgültige Auflösung der franziskanischen Klostergemeinschaft in Offenburg.

1811 - 1921 Im sogenannten Regulativ redete die staatliche Aufsichtsbehörde in das Klosterleben hinein. Klöster wurden nur noch als „Lehrinstitute“ geduldet. Durch die Einhaltung dieser Maßnahme konnten Klöster mit einem Erziehungsauftrag manchmal die Auflösung verhindern.

1823 Die Augustiner Chorfrauen ziehen in das leerstehende Franziskanerkloster um und setzen ihre Unterrichtstätigkeit fort. Eröffnung des „Instituts für die weibliche Jugend“.

1831 Gründlich Sanierung des Klosterkomplexes.

1843 Neubau eines größeren Schulgebäudes - Bis in die 1970er Jahre hinein werden die Schulgebäude laufend ausgebaut.

1927 Zusammenschluss der deutschen Klöster zu einer Föderation, zu der heute Klöster in Österreich und der Slowakei gehören.

1936 Aufgrund unsicherer politischer Verhältnisse Gründung des Klosters mit pädagogischen Einrichtungen in Recife / Brasilien.

1938 Schließung der Klosterschule in Offenburg durch das NS-Regime. Während des 2. Weltkriegs wurde das Schulgebäude beschlagnahmt und als Lazarett genutzt.

1945 Wiederaufnahme des Unterrichts. Die Schule wird als staatlich anerkanntes Mädchengymnasium errichtet.

1957 Errichtung von Deutschkursen für Spätaussiedlerinnen, daraus erwuchs die Realschule für Spätaussiedlerinnen.

1997 400-Jahr-Feier der Ordensgründung

2001 Übergabe der Schulen an die Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg, um deren Erhalt für die Zukunft zu sichern.

2017 Heute existieren Gymnasium, Realschule und Aufbaugymnasium für Mädchen.



zurück

Das Ritterhausmuseum Offenburg


Das Museum im Ritterhaus, im Juni 1900 gegründet, befindet sich in einem ehemaligen Gebäude der Ortenauer Reichsritterschaft Das Museum im Ritterhaus, im Juni 1900 gegründet, befindet sich in einem ehemaligen Gebäude der Ortenauer Reichsritterschaft aus dem 18. Jahrhundert. In großzügigen und hellen Räumen wird die facettenreiche Sammlung auf drei Etagen präsentiert.

Heute umfasst das Museum einen Bestand mit über 10.000 Objekten. Neben archäologischen Ausgrabungsstücken sind stadtgeschichtliche Zeugnisse vom Mittelalter bis in die Gegenwart zu sehen. Wissenswertes zur regionalen Naturkunde und geologische Exponate aus der Ortenau zeigt die neue naturkundliche Abteilung "Wald-Land-Fluss", die als ein Familienmuseum konzipiert wurde. Eine kolonialzeitliche Völkerkundesammlung und die Großwildtrophäen der Sammlung Cron werden im ersten Stockwerk des Museums gezeigt.

Spannende Wechselausstellungen und ein lebendiges Veranstaltungsprogramm gehören zum Angebot. Kinder können aus über 60 museumspädagogischen Kursen auswählen und auch ihren Geburtstag im Museum feiern. - Quelle: Webseite Stadt Offenburg

Die ganze Welt in einem Haus - Quelle: Museum im Ritterhaus

Vom kostbaren "Taufschein Amerikas" über exotische Tierpräparate aus den ehemaligen Kolonien, archäologischen Fundstücken aus der Römerzeit, detailreichen Waldlandschaften und sogar einer Zeitmaschine – hier gibt es die ganze Welt in einem Haus. Ein Erlebnisort voller großer und kleiner Schätze!

Objekt mit Weltbedeutung ist die Globussegmentkarte des Kartographen Martin Waldseemüller von 1507. Darauf erfolgte die Erstbenennung Amerikas – allerdings nach Amerigo Vespucci, der als Entdecker des Kontinents angenommen wurde. Die Karte ist das Herzstück der Ausstellung "Offenburg in der Welt. Eine Stadt zwischen 800 und 1800", in der 1000 Jahre Stadtgeschichte in fünf spannenden Stationen dargestellt werden.

Otto Kähni über das Ritterhausmuseum Offenburg - die Ortenau 1970  arrowRight

Daran knüpft die Dauerausstellung "Zwischen Revolution und Wirtschaftswunder" an. Sie zeigt den politischen und wirtschaftlichen Weg Offenburgs in die Moderne.

Einen großen Schritt zurück in der Zeitgeschichte geht es in der Präsentation "Verdammt lang her! Archäologie in der Ortenau". Dort werden archäologische Ausgrabungsstücke aus der Steinzeit bis in die Zeit der Alamannen ausgestellt. Die kolonialzeitliche Völkerkundesammlung und die Großwildtrophäen der Sammlung Cron sind in der Ausstellung "Ein Fenster zur Welt" die kolonialzeitliche Sammlung zu sehen.

Die interaktive Naturkundeabteilung "Wald - Land - Fluss" ist ein Erlebnisraum für Jung und Alt mit vielen Hands-on-Stationen zum Anfassen und Ausprobieren.

Spannende Wechselausstellungen und ein lebendiges Veranstaltungsprogramm mit anregenden Führungen für Erwachsene und Familien gehören zum Angebot des Museums. Kinder können aus über 60 museumspädagogischen Kursen auswählen und auch ihren Geburtstag im Museum feiern.

Kontakt:

Museum im Ritterhaus
Ritterstrasse 10 (Eingang Gerichtsstrasse)
77652 Offenburg

telefon 0781 - 82 2577
fax 0781 - 82 7521
email Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

museum-offenburg.de



zurück

Hort der Badischen Freiheitsbewegung - der Salmen


Salmen OffenburgTanzsaal - Revolutionslokal - Synagoge - Lagerhalle

Die Geschichte des "Salmen" in Offenburg im und als Brennpunkt lokaler und überregionaler Geschichte. - Martin Ruch - die Ortenau 1987 - 371 / 389

Vom einstigen Gasthaus "Salmen" in der Offenburger Lange Straße 52 ist heute nur noch das Hintergebäude vorhanden. Dort befindet sich jetzt ein Elektrogerätefachhandel, der seine Lagerbestände im Obergeschoß aufbewahrt; das Erdgeschoß dient als Verkaufsraum. Das Vorderhaus, das eigentliche Gasthaus, wurde 1955 abgebrochen und ein Neubau an seiner Stelle errichtet.

Zum letzten Male trat der Salmen wohl 1978 ins Blickfeld einer größeren Öffentlichkeit, als am Hinterhaus eine Gedenktafel angebracht wurde, die an die wechselvolle Geschichte dieses Hauses erinnert: Hier trafen sich nämlich von 1875 bis 1940 die Mitglieder der jüdischen Gemeinde Offenburgs zu Liturgie, Feier und Gebet; der Saal des Salmen war ihre Synagoge, und auch die anderen Räume des Salmenkomplexes dienten den Offenburger Juden.

Aber schon früher, während der Revolutionszeit von 1848, spielte dieses Gebäude eine bedeutende Rolle nicht nur in der kommunalen Geschichte. Hier versammelten sich bereits 1847 die "entschiedenen Verfassungsfreunde" und erhoben jene politischen Forderungen nach bürgerlicher Freiheit, die ein Jahr später auf revolutionärem Wege verwirklicht werden sollten.

Doch nicht nur diese weithin bekannten Sachverhalte verbinden das Anwesen mit Phasen und Entwicklungslinien badischer und deutscher Geschichte. Bei näherer Untersuchung können sehr viel mehr direkte Einbindungen des "Salmen" in die jeweils bestimmenden historischen und kulturgeschichtlichen Etappen festgehalten werden; ja, die Geschichte dieses Hauses kann auf sehr anschauliche Weise nicht nur Offenburger Alltagsgeschichte, sondern deutsche Zeitgeschichte schlechthin in ihrem Ablauf zeigen. Kaum eine Zeit nämlich hat es versäumt, sich in irgendeiner Weise im Salmen oder seinem Saal auf die ihr jeweils ureigene Art und somit beispielhaft zu konkretisieren. Damit gewinnt der Salmen eine Bedeutung als Denkmal für Offenburg, die nicht nur hier, literarisch, gewürdigt werden sollte...

Der Anfang: Straußwirtschaft, Werbelokal, Poststation

Über die Anfänge des Salmen (der übrigens erst 1822 das Schild und somit rein rechtlich auch den Namen erhielt) sind wir nicht unterrichtet. Das Wirtshaus an der Langen Straße muß aber um das Jahr 1769 errichtet worden sein, wie aus amtlichen Texten hervorgeht(1).

Der erste Besitzer hieß Xaver Alexander. Er trägt in den Akten abwechselnd die Zusätze "Posthalter" oder "Werbwirth"(2) Damit ist bereits auf zwei wichtige Sachverhalte im Zusammenhang mit der Frühgeschichte des Salmen verwiesen: Zum einen war hier nämlich die Poststation an der "Kinzigthalroute" vor dem Schwabenthor; hier wurden die Pferde gewechselt, hier stiegen die Reisenden, vom Schwarzwald kommend, aus der Kutsche (und wohl gleich im Salmen ab).

Zum andern war hier aber auch ein offizielles Werbelokal für Soldaten. Das kann und wird kein Zufall gewesen sein in Anbetracht der auf dem Schwarzwald zu jener Zeit verbreiteten Armut. Das Erbrecht, das dort herrschte und das nur einen Alleinerben kannte, machte dessen Geschwister entweder zu Tagelöhnern und Knechten oder Mägden auf dem Hof des Erben, oder aber es trieb sie in die Ferne auf Arbeitssuche. Für die jungen Männer gab es dabei eine Möglichkeit, sich der Not zu entziehen, nämlich den Dienst in irgendeiner Armee. Werber waren allenthalben unterwegs und versuchten, in bestimmten Lokalen Kontrakte abzuschließen. Hier der Salmen, also an der Post-Endstation "Sehnsucht", war solch ein Gasthaus, in dem man sich einschreiben lassen konnte für irgendeinen absolutistischen Kriegsherrn.

Auch übernachten konnten die frisch geworbenen Soldaten hier, wie aus einem Besitzinventar des "Werbwirths" von 1787 hervorgeht:

"8 Soldaten Better samt Strohsäck und Anzug auch Bettladen etliche alte Couverten für die Recrouten(3)."

Zu dieser Zeit war das Gasthaus eine Straußwirtschaft: Es durfte neben Käse und Wurst nur der "von der hiesigen Bürgerschaft selbst producirte Wein"(4) gereicht werden. Wein auszuschenken, der von Händlern stammte, war also verboten, und das Essen kann man wohl ruhig als Imbiß bezeichnen.

Die "Behausung samt Hof, Scheuer, Stallung und Garten an der Langen Straße nächst dem Schwabenthor gelegen" besaß 1787 einen Wert von 2000 Gulden(5).

Vom "Werbwirth" Alexander ging die Kneipe an den Sohn Joseph über, den das Nachlaßinventar (er starb 1803) einen "bürgerlichen Straußwirth" nennt(6). Der spätere Salmen besaß also um diese Zeit noch kein Schildrecht, sondern war eine Busch- oder Straußwirtschaft. Er wurde weiter in der Familie vererbt; der Bruder Josephs, Xaver Alexander, der junge, war nun rechtmäßiger Posthalter und Werbwirt. Eine erste Investition des neuen Besitzers in den Wirtschaftsbetrieb bestand 1804 in der Aufstellung eines Billard-Tisches für die Offenburger Bürger. 1806 beantragte er den Bau eines Saales im Hinterhof seines Gasthauses und führte ihn auch aus; ob dies noch im selben Jahr geschah, ist nicht festzustellen. Akten aus späterer Zeit meinen über die Motivation zu dieser doch nicht unerheblichen Investition:

"Die Erbauung des großen Tanzsaals war ein Unternehmen des Alexanders auf Speculation der damaligen Kriegszeiten, um das ganze Offiziers Corps zum Nachtheil sämtlich hiesiger Wirthe an sich zu ziehen; daß aber dieser Saal zu dem gehofften Zweck nicht schnell genug hergestellt wurde, ist ein Mißlingen des Unternehmers. Soviel bleibt aber immer wahr, daß dieser Saal unmöglich für Offenburger Einwohner erbaut worden sein kann(7)!"

Der Alexander feindliche Tenor des Schreibens läßt bereits auf die Richtung schließen, aus der diese Vorwürfe stammten: Die versammelten Offenburger Wirte machten gegen ihren Kollegen 1819 diese Eingabe an den Stadtrat. Der Grund: Alexander hatte das Schildrecht für die Wirtschaft "Zum Salmen" beantragt. Damit hätte er aber neben dem Gasthaus "Zum Kaiser", dem "Adler" samt Poststall, einem Badhaus mit Wirtschaft vor der Stadt und einer Bierbrauerei eine weitere wichtige Gaststätte an privilegierter Stelle besessen, was seine Kollegen von der Wirtszunft "die drückendste Ungerechtigkeit gegen sämtliche hiesige Schildwirte"(8) nannten. Alexander hatte sein Gesuch damit begründet, daß "in der ganzen langen Straße in der Kinzig Thal Route außer der fraglichen Wirthschaft nur noch eine einzige bestehe", (ersagte nicht, daß auch diese, der "Kaiser", ihm gehörte), und daß sein Vater "als Gastwirth pro 1796 bei dem französischen Überfall geblündert worden, daß dieser Schaden sich auf 9000 Gulden beloffen habe(9)", womit er wohl seine besondere Unterstützungswürdigkeit herausstreichen wollte.

Auch der Namen "Salmen", den Alexander für die Wirtschaft vorschlug, steht bereits in enger Verbindung mit der Offenburger Stadtgeschichte: Der Salm oder Gangfisch, also der Lachs, erinnert an den inzwischen leider historischen Fischreichtum der Kinzig, der in Offenburg ja eine eigene Fischerzunft entstehen ließ, die in ihren frühen Statuten um 1500 ausdrücklich auch den Salmenfang regelte:

"jtem es soll keiner kein jungen Aeschen noch kein jungen Selmling in der kintzig fahen von ostern bis Sant Johans abent(10)."

Auch die Nachbarstädte Offenburgs haben jeweils ihre Wirtshäuser "zum Salmen" getauft (Gengenbach, Kehl u.a.), und in einigen Wappen dieser Gemeinden springt der Gangfisch als Symbol ausgewogener Nahrungsversorgung und kommunalen Reichtums (Gengenbach).

Das Gesuch Alexanders wurde mehrere Male abgelehnt - und unverdrossen erneut gestellt. Ein Schreiben hält fest, daß die Wirte gegen die Bewilligung des Schildrechts, die Stadträte aber dafür seien(11), wobei vielleicht bei letzterem Gutachten eine Rolle gespielt haben mag, daß Alexander inzwischen selbst Stadtrat geworden war.

Am 17. April 1822 erhält das Gasthaus aber endlich seinen Namen "Zum Salmen"; die königliche Hoheit in Karlsruhe hatte geruht, "dem Alexander die Schildwirthschaftsgerechtigkeit auf sein Haus am Schwabenthor zu erteilen(12)."

Nun mußte es sich erweisen, ob die Wirtskollegen des jungen Salmenwirts Recht gehabt hatten, als sie ihn denunzierten, "er sucht solchen zu verkaufen, damit aber der Verkaufspreis bedeutend höher ausfallen soll, so wünscht er vorerst darauf ein Schildrecht zu erhalten(13). Alexander wird sich über einen solchen Plan, sollte er ihn denn gehabt haben, wohl nicht selbst öffentlich geäußert haben, und deshalb geben die Wirte in ihrer Klage eine auch ihnen nicht unbekannte Praxis der Wertsteigerung eines Gebäudes durch die Erlangung der Schildgerechtigkeit wieder, lassen also Einblick nehmen in die Frühzeit der Offenburger Grundstücks- und Immobilienspekulation. . .

Schließlich behielten sie sogar Recht: Alexander verkaufte den Salmen 1823 prompt, ein knappes Jahr, nachdem er den kostbaren Namen erhalten hatte.

Biedermeiersaal

Die Tatsache des Verkaufs 1823 setzt uns nun in die Lage, wenigstens einen kleinen Eindruck von der Inneneinrichtung des Saales wenige Jahre nach seiner Erbauung zu bekommen und einen möglichen Verwendungszweck belegen zu können: Das "Kauf Contracten Protokoll"-Buch spricht von einem "Tanzsaal", der unter die Verkaufsmasse falle und der im Kaufpreis von 10500 Gulden inbegriffen sei. In diesem Saal befänden sich:

"3 Lüster, Spiegel, Vorhänge, gepolsterte Bänke, Tische, Glaswerk, Schränke und dergleichen(14)".

Der neue Besitzer, Wilhelm Göring, wurde 1802 in Appenweier geboren. Er hatte erst im Jahr des Salmenkaufs das Bürgerrecht in Offenburg erhalten und heiratete 1825 die Elisabeth Brandstetter, die zwei Jahre jünger war als er, aus gutem Hause stammte und eine ansehnliche Mitgift in die Ehe brachte. Görings Tätigkeit als Salmenwirt fällt in die Zeit des deutschen Biedermeiers, jener Zeit also zwischen der Jahrhundertwende 1800 und der bürgerlichen Revolution von 1848/49, die von einer idyllischen Häuslichkeit geprägt erscheint. Zwar gärt unter der Fassade stets der Vormärz-Geist des Protestes; nach außen dringt davon aber nur selten etwas. Das "Bild" dieser Epoche und ihrer Menschen wird von einer stillen Zurückgezogenheit bestimmt; eine Vielzahl von Porträts stellt diese Innerlichkeit dar. Auch der Salmenwirt ließ sich und seine Familie im Stile dieser Zeit malen.

Ehepaar Goehring1829 saßen er und seine Frau Elisabeth für je eineinhalb Stunden dem reisenden Porträtmaler Heinrich Lang aus Marbach/Neckar Modell. Ihre Bilder, die sich unter den Beständen des Städtischen Museums in Offenburg befinden, atmen ganz den Geist ihrer Zeit(15).

Und noch ein anderer Maler hat, für Geld oder aus Sympathie, die Görings gemalt. Carl Sandhaas (1801  - 1859), der "'närrische' Maler aus dem benachbarten Haslach hielt sich über mehrere Jahre hin und wieder auch im "Salmen" auf und verdiente sich mit Porträts seinen Lebensunterhalt(16). Dabei zeichnete er auch die beiden Kinder der Görings, Franz und Elisabeth(17).

Sandhaas verdanken wir weiter auch eine Zeichnung, die die Wirtsleute Göring im Kreis ihrer Bekannten und Freunde zeigt: Frau Göring in der Mitte, ihr zur Linken Wilhelm, am rechten Bildrand der Zeichner Sandhaas selbst(18). Die Szene, der Sandhaas 1835 den Titel "Im Salmen" gegeben hat, spielt möglicherweise im Saal des Salmen. Einige Einrichtungsgegenstände, die auch im Nachlaßverzeichnis von 1838 für diesen Raum bezeugt sind (gepolsterte Bänke, Strohstühle, lange Tafel etc.) sprechen vielleicht dafür.

In diesem biedermeierlichen Offenburg findet am 4. Juli 1832 eine Veranstaltung im Salmensaal statt, die heute nahezu vergessen ist, aber doch an dieser Stelle hervorgehoben zu werden verdient: Die erste Wahl eines Bürgermeisters nach der neuen badischen Gemeindeordnung. Von nun an wurde der Bürgermeister nicht mehr aus den Reihen des Stadtrats und nur von dessen Mitgliedern bestimmt, sondern dieses Datum markiert die erste geheime und demokratische Wahl des Stadtoberhauptes Offenburgs durch die versammelten Bürger!

wochenblatt 1Bereits in einer frühen Phase ist der Salmensaal also mit der Geschichte der demokratischen Bestrebungen in Baden verknüpft. Mitten im tiefen Biedermeier steht der Saal für die Existenz bürgerlicher Kämpfe um Liberalität, belegt er ihre Erfolge - mögen die Zugeständnisse der herrschenden Aristokratie aus heutiger Sicht auch noch so klein erscheinen(19).

Der Salmenwirt bietet seinen Saal aber nicht nur als Wahllokal an, er ist auch selbst bereit, als Wahlmann aktiv zu werden und wird für die Badische Landtagswahl von 1835 als einer von 14 Wahlmännern Offenburgs, die wiederum nun ihren Abgeordneten in den Landtag zu wählen haben, bestimmt(20). Natürlich kann man als Wirt von Bürgermeisterwahlen allein nicht leben. Ball-Veranstaltungen, Vereinstagungen oder Gemäldeversteigerungen sollen deshalb für Publikum sorgen(21). Der repräsentative Saal wird bald zu den entsprechenden Veranstaltungen genutzt - es sind besondere,
herausragende Anlässe, zu denen man sich hier trifft. So findet am 23. April 1835 der offizielle Empfang zu Ehren des in den Ruhestand tretenden Oberlehrers Mayer im Salmensaal statt. Während des Bürgerfestes wird dem Geehrten eine Grußadresse des Großherzogs Leopold überreicht, die mit der heute leicht komisch anmutenden Anrede beginnt: "Mein lieber Oberlehrer Mayer!..." Ein Augenzeuge: "Die Versammlung in dern prächtigen Saale des Gasthauses zum Salmen bot einen erfreulichen Anblick dar(22). Das wird wohl auch Mayer (der seine Ehrung nur wenige Monate überlebte) so empfunden haben; er war zu Tränen gerührt und mußte seine Dankesworte verlesen lassen. im salmen 1835

Wilhelm Göring stirbt 1838 im Alter von nur 36 Jahren

Wie bei einem Todesfall damals in Baden üblich, wird das gesamte Vermögen der Eheleute inventarisiert und beschrieben, werden die Erben benannt und bedacht. Das Vermögensverzeichnis des Schildwirts nennt und taxiert wieder die Gebäulichkeiten:

"Ein zweistöckiges Wohnhaus mit der ewigen Schildgerechtigkeit zum Salmen, mit zwei gewölbten Kellern, Scheuer, Remiß, und Stallungen nebst einem Saalgebäude an der langen Straße: 16500 Gulden(23)."

Der Wertzuwachs in den 15 Jahren ist nicht unerheblich; vor allem "Verbesserungen am Saal während der Ehe für 5000 Gulden" tragen zu dieser Summe bei. Die "Fahrende Hab", also die gesamte Einrichtung, ist massemäßig enorm gestiegen, das Gesamtvermögen beläuft sich inzwischen auf 48.680 Gulden.

Aus der Fülle von Angaben, die in diesem Nachlaßinventar stecken, mögen einige von kulturhistorischem Wert hier angeführt werden: 1838 konnte man im Salmen als Gast wählen unter 80 Maß Kirschwasser, 24 Flaschen Rheinwein, 16 Flaschen Champagner, 42 Flaschen Markgräfler, 8 Flaschen Arrak, verschiedenen Likören und natürlich einer Unmenge weißen und roten Weines. Dienlich waren dazu 36 Champagnergläser, 400 Trinkgläser, 366 Teller.

Die Einrichtung in Gasthaus und Saal (leider wurden beide Räume nicht gesondert beschrieben) bestand u.a. aus 150 Strohsesseln, 10 gepolsterten Bänken, 13 Nußbaum-Tischen, 5 langen Tafeln - es sind wirklich nur wenige Posten aus der gesamten Fahrnis hier angeführt!

Unter dem eigentlichen Saal, zu dem im Hinterhof eine Treppe hinaufführte, befanden sich die Stallungen. 2 Pferde, 4 Kühe, 1 Kalb, 6 Schweine sorgten dort 1838 für das leibliche Wohl der Görings und ihrer Gäste; in Hof und Garten, also auf demselben Anwesen, scharrten noch 20 Hühner. - Der Salmensaal, der dem aufstrebenden Bürgertum der Stadt noch oft Gelegenheit zu repräsentativer Selbstdarstellung geben wird, kann also wenigstens in dieser Phase seiner Geschichte noch lange nicht seine bäuerliche Komponente leugnen. Die Ackerbürger Offenburgs feiern und genießen quasi über ihren Haustieren, haben auch bei der erhebendsten oder revolutionärsten Versammlung den Duft von Mist in der Nase, schweben beim Tanz nur wenige Meter über dem Kubstall. ... Es hat sich niemand daran gestört, wie aus der Beliebtheit des Saales für alle Sorten von Veranstaltungen geschlossen werden darf, und wie aus der lebendigen Schilderung des "alt Offenburgers", Adolf Geck, hervorgeht, der sich an seine Jugend um 1850 erinnert:

"Den ganz jungen Offenburgern und den Eingewanderten muß man erzählen, daß die jetzige Synagoge in der Langestraße ein halbes Jahrhundert lang das Volkstheater der Stadt Offenburg war. Ein Pegasus stand nicht flatternd wie bei Hoftheatern und Opernhäusern auf des Daches Zinnen. Wiehern und Gestampfe der Rossehufe vernahm man aus dem Orkus, aus der Gegend der Versenkungen. Denn unter dem Theatersaal befanden sich die Stallungen des ehemaligen Gasthauses "zum Salmen". Das Wort "Salmen" oder "Salmensaal" klingt in den Ohren eines alten Offenburgers sehr wunniglich. (...) Der schöne, breite, hohe, große Salmensaal mit seinen Logen und seiner Gallerie bildete den Raum, in welchen die Muse der dramatischen Kunst alljährlich ihren Einzug hielt. (...) Der dritte Platz oder die Volkstribüne führte, weil man für nur einen Sechser Eintritt dort nichts "besitzen" durfte, den klassischen Namen "Stehwagen", auch "Standesamt". Seine Bewohner befanden sich auf einer schiefen Ebene von Brettern, unter welchen Buben sich versteckten(24)."

Revolutionslokal

Die junge Witwe Göring (sie ist erst 34 Jahre alt) heiratet sechs Jahre nach dem Tode Wilhelms den von nun an als "Salmenwirt" zeichnenden Georg Trautvetter, 1806 geboren. In dessen Zeit als Wirt fällt jene Episode aus der Vorgeschichte der 48er-Revolution, an die in einschlägigen Veröffentlichungen bereits oft erinnert wurde, die "Versammlung entschiedener Verfassungsfreunde" vom 12. Septernber 1847, ein Jahr also bereits vor dem "offiziellen" Beginn der badischen Volkserhebungen. Sie fand im Salmensaal statt. Relativ unverfänglich hatte die Einladungs-Annonce im "Wochenblatt für die Amtsbezirke Offenburg..." gelautet:

"Am nächsten Sonntag dem 12. Sept., Mittags 1 Uhr, findet im hiesigen Gasthause zum Salmen eine Versammlung von Verfassungsfreunden aus verschiedenen Theilen des Landes statt, zum Zwecke gegenseitiger Besprechung und Verständigung(25)."

Dabei ging es doch bei diesem "Besprechen und Verständigen" um nicht weniger als um "persönliche Freiheit, Presse-, Gewissens- und Lehrfreiheit ebenso wie Vertretung des Volkes beim deutschen Bund, volkstümliche Wehrverfassung, gerechte Besteuerung durch Einführung einer progressiven Einkommensteuer, Ausgleich des Mißverhältnisses von Kapital und Arbeit, Geschworenengerichte, volkstümliche Staatsverwaltung und Abschaffung aller Vorrechte(26)" - systemsprengende Forderungen nur dazumals?

Aus der Tatsache, daß diese Versammlung im Salmen stattgefunden hat, kann möglicherweise auf eine politische Sympathie des neuen Wirtes geschlossen werden, auch wenn sich dieser zukünftig nicht politisch besonders profilieren wollte. Das eigentliche Versammlungslokal der Republikaner war auch nicht der Salmen, sondern der Zähringerhof, dessen Wirt, Johann Baptist Geck, sich 1850 - zusammen mit anderen Gemeinderäten und dem Altbürgermeister Ree wegen angeblicher Teilnahme am Hochverrat vor Gericht verantworten mußte(27).

In seiner Verteidigungsschrift schilderte Ree den Verlauf der Revolution in Offenburg;(28) dabei kam er auch auf die Versammlung der Verfassungsfreunde von 1847 zu sprechen und meinte:

"Die Zusammenkunft war im Saale des Gasthauses zum Salmen, wo schon die ganze Anordnung und Verzierung des Raumes zeigte, wie sehr die Ortsbehörde von Offenburg ihren loyalen Sinn den Männern aus dem ganzen Großherzogtum zu bestätigen suchte. Die Farben des Landes schmückten den Raum, und unter dem Baldachin waren die Büsten Karl Friedrichs und das Bild unseres verehrten Landesfürsten, welcher mit dem Lande selbst durch die nächste Zukunft bald so schwer geprüft werden sollte. Die Kosten für die äußeren Ausschmückungen trug, wie bei allen hiesigen Festen, unsere Stadtkasse(29)."

Leider sind die Rechnungen für diese Veranstaltung, zu der Revolutionäre wie Hecker und Struve aufgerufen hatten(30), in den Offenburger Stadtrechnungsbüchern jener Zeit noch nicht zu finden gewesen, können hier also nicht angeführt werden. Die Tatsache der Finanzierung (die schließlich durch Ree, den damaligen Bürgermeister, glaubhaft genug versichert wird) der staatsverändernd angelegten Versammlung durch die Stadt ist jedenfalls bemerkenswert. Selbstverständlich scheint die Bezahlung auch für Ree wohl nicht gewesen sein, sonst hätte er sie ja nicht gesondert aufgeführt.

Ein Jahr später beginnen die Quellen des Offenburger Stadtarchivs reichlicher zu fließen: Die Deputiertenwahl zur deutschen Nationalversammlung in Frankfurt fand im Saal des Salmen statt. Der Wirt Trautvetter berechnete der Stadtkasse 2 Gulden für zwei Essen, 12 Kreuzer für zwei Tassen Kaffee und 17 Gulden für 5 Flaschen Champagner. Der Gärtner Albrecht hatte "für den Saal im Salmen mit Girlanden und Blumen" zu zieren 18 Gulden zu fordern(31)."

Gewählt wurde bei dieser Wahl der Bürgermeister Ree mit 131 von 134 Stimmen. Er mag wohl auch den Champagner fließen gelassen haben angesichts eines solchen Wahlergebnisses (das im übrigen die demokratische Gesinnung der Offenburger Bürger eindrucksvoll unter Beweis stellt, denn Ree kann zwar nicht als Revolutionär, aber doch wenigstens als aufrechter Liberaler gelten).

Diese Wahl hatte am 18. Mai 1848 stattgefunden. Zuvor war der Salmensaal aber bereits schon einmal in den Rechnungsbüchern aufgetaucht, und der Beleg, der hier abgeheftet ist??, dokumentiert wohl besser, als es manche ausführliche historische Abhandlung vermag, den Verlauf der revolutionären Ereignisse des Jahres 1848 in Offenburg:

"Abtretung des Saales wegen Bürgerversammiungen am 14. und 24. Merz
a 4 Gulden 8 Gulden
am 7., 14. und 19. April 12 Gulden
einschließlich der Beleuchtung, auch Tierspeiße sodann wegen Beherbergungen des Militärs
am 20. April 490 Mann 15 Gulden
am 22. 249 15
am 24. 160 15
am 25. 250 15
am 26. 400 15
am 30. 250 15
mit Einschluß gelieferten Wachs und Oel (. . .) ferner für durch Militär zerbrochene und wieder eingesetzte Glasscheiben im Saal 3 Gulden 48 Kreuzer
Zusammen 183 Gulden 48 Kreuzer."

Ein letztes Mal werden übrigens im selben Jahr 1848 die conscriptionspflichtigen jungen Männer des Oberamtes Offenburg hier im ehemaligen Werbelokal, "in den Saal des Gasthauses zum Salmen" einberufen, gemustert und ausgelost:

"Sämtliche Bürgermeister, denen mit nächstem Botentage die Verzeichnisse der Conscriptionspflichtigen ihrer Gemeinden zugehen, haben Obiges den Pflichtigen zu eröffnen, sich selbst mit ihnen pünktlich einzufinden und dafür zu sorgen, daß jene sich hier sowohl, als auch auf dem Her- und Rückwege ruhig und anständig benehmen. Den Eltern oder Vormündern der Pflichtigen ist zu eröffnen, daß es ihnen frei stehe, der Ziehung anzuwohnen(33)."

Tanz-, Theater-, Festsaal

Nach dem Abzug des preußischen Militärs, das zur Zerschlagung der Revolution in Offenburg einquartiert war und der Stadt enorme Lasten aufgebürdet hatte, kehrte wieder "normales" Leben auch in den Salmensaal ein. Die Art der Veranstaltungen, die in den Salmen verlegt werden, zeigt jedoch deutlich, daß auch weiterhin die etwas "bessere" Sorte von Vergnügen hier ihren Platz hatte. Zwar lädt auch der Salmenwirt Trautvetter wie seine Kollegen zu Fastnachts-Bällen ein(34), oder läßt er zum Tanz in den Mai bitten(35), zwar können sich die Offenburger im Salmensaal auch nach dem neuen Verfahren der Daguerrotypie, "mit Couleurs nach dem neueren Verfahren" photographieren lassen und somit im Salmen den Fortschritt der Technik erfahren und ausprobieren(36). Üblicherweise steht der Saal aber erhebenden Konzerten oder dem Theater zur Verfügung:

anzeige ortenauer bote 1857
"Zum Vortheil der Verunglückten in Mainz wird Dienstag, 1. Dez. 1857 Joseph Wolfram, erster Flötist von der Großherzogl. Badischen Hofkapelle ein Concert im Saale zum Salmen zu geben die Ehre haben. Programm: 1-Morgenlied, von Abt, 2-Fantasie für die Flöte über Thema aus der Oper "Die Nachtwandlerin(37)"..."Theater in Offenburg. Mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung. Verwirrung an allen Ecken, oder: Der Muthwillige...(38)"

Ein kurzer Vergleich mit den Veranstaltungen in den anderen Sälen, die Offenburg inzwischen erhalten hat (und die, so wird von den Zeitgenossen um 1870 bereits heftig geklagt, allesammt zu klein seien), zeigt, daß der Salmensaal nicht unbedingt volkstümliche Ereignisse bot: Im Bahnhof-Hotel tobte 1871 ein Militärkapellen-Konzert(39), in der Bierbrauerei Kopf war die "Tyroler Sängerfamilie Penz" und bald darauf eine "Tiroler Sänger-Gesellschaft" zu hören(40), im Drei-König-Saal fand der Dienstpersonal-Ball statt(41), im Deutschen Kaiser war Ernte- und Abschiedstanz. Vor allem der Drei-König-Saal bot ein sehr abwechsiungsreiches Programm, wenn er beispielsweise eine "Abgöttschlange, den jungen Menschenfresser und eine Wahrsagerin(42) vorstellte", aber auch einen "Ballettmeister Pasqualis und Fräulein Fabri von der Kaiserlichen Oper Wien" der Offenburger Bevölkerung vortanzen ließ(43) einem "Wunderthäter" wurde hier Gelegenheit gegeben, "das scheinbar Übernatürliche vorzustellen"(44), und ein ""mechanisches Welttheater", das "in seiner Art hier noch nicht gesehen wurde"(45), gastierte hier.

Bei soviel Konkurrenz auf dem Unterhaltungssektor (und vom Theaterbesucher allein kann der Wirt nicht leben) ist das Ende für den Salmen bereits abzusehen, zumal der Wirt Trautvetter 1867 stirbt und seine Witwe nicht ein drittes Mal einen Gastwirt ehelichen will, der möglicherweise neuen Schwung in den Betrieb gebracht hätte.

Der alleinige Erbe des Anwesens ist nun Franz Göring, also jener Sohn aus erster Ehe von Frau Trautvetter, den Sandhaas damals gemalt hatte. Er wird 1875 den Salmen verkaufen.

Doch noch ist es nicht soweit. Ein letztes Mal spielt der Salmensaal als öffentlicher, weltlicher Raum eine kleine Rolle an einem Wendepunkt deutscher und damit auch Offenburger Geschichte: 1870/71 tobt der Deutsch-Französische Krieg. Die einträchtigen Nachbarn Elsaß und Baden, die über den Rhein hinweg stets freundschaftlich fraternisiert hatten, müssen gezwungenermaßen gegeneinander kriegen und schließlich den deutschen Sieg akzeptieren. Die Gründung des Deutschen Reiches wird vollzogen, und während noch in den Offenburger Gasthäusern Verwundete und Gefangene ver- und gepflegt werden, findet die offizielle Siegesfeier (die den verschleiernden Namen "Frieden-Dankfest" trägt) statt: Im Salmensaal!

Aus der Rechnung des Salmenwirts:

"Das Frieden-Dankfest betr.
Juni, 18
114 Couverts a Gulden
13 Nachtessen a 46 Kreuzer
13 Schoppen a 12 Kreuzer
4 Flaschen Champagner für die Musik noch 4 Flaschen
Champagner...(46)"

Zuvor war der Saal natürlich dekoriert worden. Emil Merke stellte deswegen seine Rechnung auf (er war als Tapezierer für dergleichen verantwortlich):

"2 Deutsche Fahnen gemacht, dazu 8 Ellen rother Stoff, dito weißer, dito schwarzer, 2 angestrichene Stangen und Knöpfe, Salmensaal dekoriert(47)..."

Damit ist die große Zeit des Salmensaals als Versammlungsort der Offenburger Öffentlichkeit vorbei. Nur noch wenige Anlässe versammeln die Bürgerschaft in der geschichtsträchtigen Umgebung.

Im Februar 1875 berichtet der Ortenauer Bote:

"seit einigen Tagen ist viel Bewegung in hiesiger Stadt wegen Besitzveränderungen. Wie man hört ist der Gasthof zum Deutschen Kaiser an einen Pforzheimer Wirt als Eigenthum gegangen. Wegen Ankauf des Gasthauses zum Salmen mit seinem historischen Saal steht die israelitische Gemeinde in Unterhandlung. Sollte dieser Verkauf zu Stande kommen, so hat Offenburg eine große Räumlichkeit, die so vielfach zu öffentlicher Angelegenheit benutzt wurde, eingebüßt und tritt dann das Bedürfnis eines großen Lokals mehr als je an die hiesige Gemeinde(48)."

Wenige Tage zuvor, am 31. Januar 1875, war im Salmensaal noch der "Große Maskenball" des Männergesangsvereins Concordia über die Bühne gegangen, nur "costümiert oder im Ballanzug" war der Eintritt gestattet gewesen(49)." Es war die letzte Veranstaltung. Im März 1875 geht der gesamte Salmenkomplex an die jüdische Gemeinde Offenburg über(50).

gesangsverein ortenauer bote 1875

Synagoge

Nach dem "Gesetz über die bürgerliche Gleichstellung der Israeliten in Baden" von 1862 bildete sich erstmals wieder seit dem Mittelalter eine jüdische Gemeinde in Offenburg. Ihre Zahl stieg durch Zuzug vor allem aus der näheren ländlichen Umgebung (Diersburg, Durbach, Schmieheim z.B.) rasch an: 1863 wohnten in Offenburg 37, 1875: 290, 1900: 337 jüdische Bürger(51).

"1866 erhielt die israelitische Religionsgemeinde Offenburg öffentlichrechtlichen Charakter und wurde der Bezirkssynagoge Schmieheim zugewiesen(52)."

Der erste Gottesdienst fand 1863 im Nadlerschen Hause in der Seestraße, der späteren Essigfabrik Pfaff statt(53).

1875 kaufte die Gemeinde den Salmen und richtete im Saal des Hintergebäudes, also über den früheren Stallungen, die nun Lagerraum wurden, ihren Gebetssaal ein. Eine eigentliche Synagoge wurde in Offenburg nicht errichtet.

Ein Kuriosum am Rande dieser Transaktion: Zum Saal im Hinterhaus führte eine Treppe vom Hofraum hoch. Diese Treppe gehörte merkwürdigerweise der Stadt Offenburg, und die jüdische Gemeinde mußte, um Besitzer des gesamten Anwesens werden zu können, die Stadt um Überlassung dieser hölzernen Treppe (die also eine Vorgängerin der jetzigen, massiv aus Steinen gebauten Freitreppe war) bitten. Im April 1875 wurde das betreffende Gesuch an den Stadtrat gerichtet:

"Es ist wohl demselben bekannt, daß die israelitische Gemeinde das Gasthaus zum Salmen behufs Herstellung einer notwendigen Synagoge und Schulhaus käuflich erworben und dadurch ein großes Opfer gebracht hat. Vom Hofe des genannten Gebäudes führt eine Stiege in den Saal, welche auch künftig in die eingerichtete Synagoge führen soll. Diese Stiege ist Eigenthum der politischen Gemeinde und bitten wir deshalb ergebenst um die Vergünstigung, dieselbe als unentgeltliches Eigenthum der israelitischen Gemeinde überlassen zu wollen(54)."

Vielleicht gab dieser Antrag auf Überlassung der Treppe aus städtischem Besitz den Anstoß zur bislang in der Literatur unwidersprochen gebliebenen Aussage, die Stadt selbst habe den Salmen verkauft, sei also Besitzer des Hauses gewesen(55). Die Adreßbücher der Zeit, vor allem aber die Feuerversicherungsbücher verzeichnen einmütig jedoch den Besitzwechsel von Franz Göring auf die jüdische Gemeinde; auch melden die Ratsprotokolle an keiner Stelle etwas von einem solchen Verkauf aus städtischem Besitz(56), so daß die Frage nach dem Vorbesitzer wohl endgültig beantwortet ist.

Der Saal wird nun das geistige Zentrum der Offenburger Juden und wird nach einem Umbau für liturgische Zwecke genutzt. Dabei erweist es sich als ideal, daß der Saal eine Galerie besitzt, denn der jüdische Ritus sieht für ein Gotteshaus eine spezielle Frauenempore vor. Wahrscheinlich ist der Salmen aber gerade deshalb als Synagoge gewählt worden.

In der Offenburger Presse taucht der Saal nun allerdings nicht mehr so häufig auf, nur an hohen Feiertagen oder Festveranstaltungen wird über ihn als Ort jüdischen Gemeindelebens gesprochen.

"Das Jubiläum unseres Rabbiners Dr. M. Rawictz wurde hier in solenner Weise gefeiert. Am Freitag Abend und Samstag Morgen war in der Synagoge Festgottesdienst. (...) Es kam eine Deputation des literarischen jüdischen Vereins "Harmonie" in Offenburg, den der Rabbiner im Verein mit anderen vor 7 Jahren gegründet hat(57)."

Das Zusammenleben der Konfessionen in Offenburg wurde nicht nur von den örtlichen Vertretern der Religionen in der Zeit um die Jahrhundertwende im allgemeinen als gut bezeichnet. Auch die Gläubigen und ihre Stadtverwaltung praktizierten Toleranz und nahmen an den Festlichkeiten der jeweils Andersgläubigen teil:

"Am 3. Juni fand in Offenburg das 5. Verbandsfest der oberbadischen Synagogenchöre statt. Trotz des strömenden Regens kamen die Gäste in großer Anzahl von nah und fern. (...) In anerkennenswerter Aufmerksamkeit ließ die Stadtverwaltung in der Nähe des Bahnhofs einen Triumphbogen mit der Aufschrift "Willkommen" anbringen und die Hauptstraße mit Flaggenmasten flankieren.

(...) Die gesangliche Aufführung, zu der sich trotz des häßlichen Wetters ein etwa 1200 Köpfe zählendes Publikum eingefunden hatte, nahm mittags 2 Uhr im Unionsaal - die Synagoge erwies sich als zu klein - ihren Anfang. (Wir vermerken es mit Befriedigung, daß die Aufführung außerhalb der Synagoge stattfinden mußte. D. Redaktion) Die Festrede schloß mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf den allverehrten Landesfürsten(58)."

Das Zitatende mag für eine staatsbejahende Einstellung vieler deutscher Juden im Kaiserreich stehen, die auch ihnen am Ende viele im 1. Weltkrieg für "Reich und Kaiser" Gefallene abverlangte(59).

1922 wurde die Synagoge erneuert, der Saal von Kunstmaler Kolb restauriert;(60)

"Die Neueinweihung der gänzlich renovierten Synagoge fand unter großer Anteilnahme auch Andersgläubiger statt. Die Weiherede hielt Herr Bezirksrabbiner Dr. Halpersohn(61)."

Am 18. Oktober 1925 kann die Gemeinde zu der "Feier des 5Ojährigen Bestehens der Synagoge" einladen:
"Programm für die Jubiläumsfeier
1 Mah towu. . . (Synagogenchor)
2 Ausheben der Thora
3 Mischeberach
4 Gebet für die Obrigkeit
5 Einheben
6 Arioso von Händel (Frl. Schilklapp)
7 Festpredigt
8 Lob Gottes von Ph. E. Bach (Synagogenchor)
9 Ansprache
10 Schlußlied: Gebet von Hugo Wolff"(62)

Der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Emil Neu, ging in seiner Ansprache erneut auf die Tatsache ein, daß zwischen den Juden und den Angehörigen der christlichen Konfessionen in Offenburg ein friedliches und harmonisches Verhältnis bestehe(63).

Dasselbe bezeugt noch für 1928 der Herausgeber von "D’r alt Offeburger", Adolf Geck, wenn er in seinem Blatt über eine jüdische Hochzeit berichtet:

"Was ischs Roselis Trauung in dr heimatlige Synagog doch e herrlichs Fescht gsin. Em Bräutli zliäb, vrsammelt sich im ehmolige Salmesaal en Ehrebublikum, zuem gröschte Dheil us dr chrischtlige Inwohnerschaft. Un dr Rawiner Dr. Zlocisti predigt im Sinn vun alle Zuhörer, wo er im Synagogediener sin Döchterle als e brave Offeburgeri globt het, wo jetzt vun dr Heimat Abschied nimmt(64)."

1933 ist die Machtergreifung Hitlers eine endgültige Zäsur im Leben der Offenburger Juden und damit auch in der Geschichte ihrer Synagoge.

Die nun einsetzende Phase der Vertreibung und weitgehenden Vernichtung alteingesessener Offenburger Familien durch die Nazis wird im Rahmen eines mehrjährigen wissenschaftlichen Projektes am Stadtarchiv Offenburg erforscht und zur Darstellung in einer umfassenden Dokumentation vorbereitet, Darin wird auch über das weitere Schicksal der Synagoge berichtet werden. So viel sei aber vorweg gesagt: Auch nach seiner jüdischen Geschichte spiegelt das Schicksal des Salmensaales wieder alle Phasen der weiteren historischen Entwicklung wider. Vom Lager eines für die Rüstung wichtigen Betriebes (Munitionsverpackungen) über ein Gefangenenlager zum Schlupfloch für die Offenburger Bürger (die großen Weinkeller des alten Salmen dienten schließlich als wichtige Luftschutzbunker) wandelte die ehemalige Synagoge ihre Funktionen. Und nach dem Krieg brauchte auch das Offenburger Wirtschaftswunder den alten Saal, als Warenlager zuerst für Möbel, dann Medikamente, schließlich und bis heute für Elektrogeräte. In dieser vorerst letzten Bedeutung ist die Synagoge, ist der alte Salmensaal heute - was sehr zu bedauern ist - nicht öffentlich zugänglich.

Anmerkungen

1.) 1819: "Der Stadtrat, überzeugt, daß auf diesem Hause schon seit einem halben saeculum die Wirtschaft betrieben wird..." Stadtarchiv Offenburg (= StA OG) 5/4.605
2.) "Das Haus, auf welches Posthalter Alexander dahier den Wirtsschild zum Salmen nachsucht. ... SiA 5/4.630;, ""Vermögensaufstellung 1787 des Werbwirths Xaver Alexander" StA OG 4/776
3.) SA 0G 4/776
4.) Über die Rechte einer Straußwirtschaft, 1835. In: Offenburger Wochenblatt Nr. 17, 24. 4. 1835, S. 66-67
5.) SIA OG 4/7716
6.) SA 0G 4/1721
7.) StA 0G 5/4.630. - Über die interessante Bauweise und Konstruktion des Saalbaues: "Über dem mächtigen Dachboden des 1806 erbauten Hinterhauses, einem zweischiffigen früheren Stall- und Remisengebäude, befindet sich die seltene Konstruktion eines hängenden Dachstuhls." Friedmann, Michael: Die Offenburger Innenstadt. Ein historischer Rundgang. Offenburg 1978, S. 81
8.) StA OG 5/4.630
9.) StA OG 5/4.605: Bittgesuch um die Schildgerechtigkeit
10.) Ordnung der Fischerzunft Offenburg. StA OG 10/3/1
11.) "Der Stadtrat, überzeugt, daß (...) die Alexandersche Familie in den abgewichenen Kriegsjahren große Vermögenseinbuße erlitten habe, trägt umso mehr auf Willfahrung der Alexanderschen Bitte an, als diese Wirtschaft nicht frisch errichtet, sondern nur fortgesetzt wird und überhaupt diese Straße nach dem Kintzigerthale außer dem Kaiser keinen Gastgeber oder Schildwirth besitzt." StA OG 5/4.605
12.) StA 0G 5/4.630
13.) Eingabe der Wirte v. 6. 12. 1819. SiA OG 5/4.630
14.) Kauf Contracten Protokolle 1823. SIA OG 10/18/141
15.) Wilhelm und Elisabeth Göring. Inventar Nr. 3220, 3222
16.) 1835 und 1839 machte er eine Zeichnung und eine Lithographie von dem ungarischen Grafen Negry, der sich mehrmals im Salmen aufhielt. SCA OG M 26/2/232 und M 26/2/233
17.) StA OG M 26/2/96
18.) StA OG G 26/20/25
19.) Auszüge aus dem Gesetz über die Verfassung und Verwaltung der Gemeinden, veröffentlicht in: Offenburger Wochenblatt 41, 23. Juni 1832, S. 163-165: "Der Bürgermeister wird von der Gemeindeversammlung gewählt und von der Staatsbehörde bestätigt. (...) Zur Gültigkeit der Wahl wird erfordert, daß sämtliche Wahlberechtigte dazu eingeladen und wenigstens zwei Drittel desselben erschienen sind. (...) Die Wahl des Bürgermeisters geschieht mittel geheimer Stimmgebung. (...) Wahlberechtigt sind sämtliche Gemeindebürger. Wählbar sind alle Gemeindebürger christlicher Religion. (...)"
20.) Bekanntmachung von Localstellen. In: Offenburger Wochenblatt Nr. 6, 6. 2. 1835
21.) "Unterzeichneter macht einem verehrlichen Publikum anmit die ergebenste Anzeige, daß er Sontags den 1. März öffentlichen Ball geben wird; wozu er mit dem Anfügen höflichst einlädt, daß auch anständigen Masken der Zutritt gestattet ist. (...) W. Göring, Zum Salmen". In: Offenburger Wochenblatt Nr. 8., 20. 2. 1835;
"Am Donnerstag den 13. d.M., Morgens acht Uhr, feiert der Verein Großherzoglich Badischer Medizinalbeamter für Beförderung der Staats-Arzneykunde sein Constituierungsfest im Saale des Gasthauses zum Salmen dahier..." In: Offenburger Wochenblatt Nr. 32. 7. August 1835; "Die Ziehung meiner angekündigten Gemälde-Lotterie ist unwiderruflich auf Sonntag den 11. Nachmittags im Salmen dahier festgesetzt (...) Joh. Nep. Ummenhofer, Maler von Villingen‘ In: Offenburger Wochenblatt Nr. 1, 2. 1. 1835
22.) Offenburger Wochenblatt Nr. 18, 1. 5. 1835
23.) StA OG 4/2454
24.) Zur Geschichte des Offenburger Stadttheaters. In: D’r alt Offeburger Nr. 52, 13. 5. 1900
25.) Wochenblatt für die Amtsbezirke Offenburg..., Nr. 36, 10. Sept. 1847, S. 406
26.) Friedmann (wie Anm. 7), S. 81
27.) Huber, Franz: Offenburg in der Zeit des Vormärz und den Revolutionsjahren 1848/49: Verteidigungsschrift des Bürgermeisters Ree für sich und die Gemeinderäthe... 0.0.U.]. (=StA 0G: Dek/Hube)
28.) Zum weiteren Verlauf der Revolution vgl. in gedrängter aber historisch korrekter Form: Friedmann (wie Anm. 7), S. 81-85
29.) Ree (wie Anm. 27), S. 12
30.) a.a.0.
31.) Offenburger StadtKassenRechnung für 1848, Beleg Nr. 1721, 1722. SIA OG 11/3428
32.) Offenburger StadtKassenRechnung 1848, Beleg Nr. 2661. StA OG 11/3429
33.) Wochenblatt für die Amtsbezirke Offenburg. . ., 15. Aug. 1848, S. 719
34.) Ortenauer Bote, 1857, S. 104
35.) Ortenauer Bote, Nr. 108, 8. 5. 1870
36.) D’r alt Offeburger, Nr. 103, Mai 1901
37.) Ortenauer Bote, 1857, S. 749
38.) D’r alt Offeburger, Nr. 52, 13. 5. 1900
39.) Ortenauer Bote, 1871, S. 684
40.) Ortenauer Bote, 1875, S. 826
41.) Ortenauer Bote, 1875, S. 36
42.) Ortenauer Bote, 1871, S. 1172
43.) Ortenauer Bote, 1875, S. 1214
44.) Ortenauer Bote, Nr. 211, Sept. 1875
45.) Ortenauer Bote, Nr. 281, Dez. 1875
46.) Offenburger StadtKassenRechnung für 1871, Band 5, Beilage Nr. 2156, StA 11/3578
47.) Offenburger StadtKassenRechnung 1871, Band 5, SIA OG 11/3578
48.) Ortenauer Bote, Nr. 46, Febr. 1875
49.) Ortenauer Bote, Nr. 21, Jan. 1875
50.) Ortenauer Bote, Nr. 55, März 1875
51.) Alle Angaben aus: Hundsnurscher, Franz - Taddey, Gerhard: Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, Geschichte, Schicksale. Stuttgart 1968, S. 224 ff. (= Veröffentl. d. staatl. Archivverwaltung Bad.-Württbg., 19)
52.) a. a.O., 225
53.) a. a. O., 226
54.) SIA OG 5/5.157. - Aus dem Ratsprotokoll geht hervor, daß es sich um eine hölzerne Treppe gehandelt hat: StA OG 10/30/130, Nr. 549
55.) "Im Jahre 1875 verkaufte die Stadi das Gasthaus "Salmen", Lange Straße 52, an die israelitische Gemeinde." Kähni, Otto: Geschichte der Offenburger Judengemeinde. Sonderdruck aus: Die Ortenau, 49. Jg., 1969, S. 15
56.) Feuerversicherungsbuch der Stadt Offenburg für 1866, 2. Band SIA OG 10/14/6: "1866 Franz Göring zum Salmen 1875 die israelitische Gemeinde."
57.) Allgemeine Zeitung des Judentums, 65. Jg., Nr. 35, 30. Aug. 1901, in Beilage "der Gemeindebote", S. 3
58.) Der Israelit, 47. Jg., Nr. 25, 21. Juni 1906, S. 9
59.) Kähni (wie Anm. 55), S. 16: "Außer Adolf Weil starben Ludwig-Louis Bloch, Alfred Hauser und Sigmund Stern im ersten Weltkrieg den Soldatentod."
60.) Hundsnurscher (wie. Anm. 51). S. 226
61.) Israelitisches Familienblatt, 5. Okt. 1922, S. 4
62.) Stadtarchiv Offenburg, Bestand Varia
63.) Kähni (wie Anm. 55), S. 18
64.) D’r alt Offeburger, Nr. 1532, Dez. 1928



zurück

Mikwe - jüdisches Bad in Offenburg


Bei der "Wiederentdeckung" 1978 war der Boden des quadratischen Raumes bis auf die Höhe des Stufenpodestes im Treppenabgang mit Kies angefülltDas Haus Glaserstraße 8 in Offenburg ist ein stattliches Bürgerhaus aus dem Jahr 1793 mit einem geräumigen Innenhof, um den sich einige Nebengebäude gruppieren. Aus dem mächtigen Gewölbekeller des Hauses gelangt man durch eine unscheinbare Türöffnung nahe der Südostecke zu einem engen, steil in die Tiefe führenden Treppenschacht mit insgesamt 44 Stufen. Nach 37 Stufen erreicht man eine Art Zwischenpodest. Hier finden sich in beiden Seitenwänden je eine flache rundbogige und eine tiefere Rechtecknische. Weitere sieben Stufen führen durch eine aus Werksteinen gefügte Rundbogenöffnung in einen fast quadratischen Raum von 2,05 × 2,25 m. Bis fast auf Schulterhöhe bestehen dessen Wände aus Sandsteinquadern, darüber folgt Bruchsteinmauerwerk. In 5 m Höhe setzt über einer schmalen Quaderlage auf einfachen Konsolen ein gedrungenes Kreuzrippengewölbe an. Sein Zentrum bildet ein Ringschlussstein mit 1,05 m lichter Öffnung.

Darüber folgt mit gleichem Durchmesser ein runder Schacht. Er ist zunächst aus Bruchsteinen gemauert, dann, über einer Ausgleichsschicht, aus Ziegelmauerwerk. Die obere Mündung des Schachtes im Hinterhaus bildet ein knapp kniehoher Brunnenkranz aus Buntsandstein. Das Ganze wird von zwei halbkreisförmigen Sandsteinplatten bedeckt, die eine runde Aussparung als Durchlass für einen Wassereimer aufweisen. Das heutige Bodenniveau liegt 14 m unter dem Hofniveau. Es gibt keinen befestigten Bodenbelag, sondern man steht direkt auf dem natürlichen Kiesuntergrund.

Bei der "Wiederentdeckung" 1978 war der Boden des quadratischen Raumes bis auf die Höhe des Stufenpodestes im Treppenabgang mit Kies angefüllt. In seiner Mitte befand sich ein runder Mauerkranz aus Ziegelsteinen in gleicher Weise abgedeckt wie im Hinterhaus. Der Ziegelkranz ruhte auf einer dichten Reihe von ringförmig in den Boden gerammten Holzpfählen. So wurde ein Sammelschacht für das Grundwasser hergestellt. Dieser nachträgliche Brunneneinbau wurde 1978 abgetragen und die Kiesauffüllung bis unter die erste Stufe abgegraben. Heute liegt der Grundwasserspiegel unter Offenburg aufgrund der Kinzigbegradigung 1 bis 1,50 m tiefer als noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Bei den Untersuchungen 1978 wurde in etwa 0,50 m unter der letzten Stufe Wasser angetroffen.

Die Offenburger Mikwe im neuen Gewand  arrowRight

Spuren an den Wänden des Raumes weisen auf einen dauerhaften Wasserstand mindestens in Höhe der vorletzten Quaderlage, also etwa 1,50 m über dem heutigen Kiesboden, hin. Das heißt, dass das Wasser bis dicht unter das Stufenpodest bei den Wandnischen im Treppenstollen reichte. Mindestens die letzten sechs Stufen waren also unter Wasser. Dieser Befund rechtfertigt die Deutung der Anlage als Mikwe – als Ritualbad – einer verschwundenen Judengemeinde. Mikwe heißt "Sammlung des Wassers". Sie diente in erster Linie den Waschungen von Frauen nach der Geburt eines Kindes oder nach den Monatsblutungen, vielfach auch der Reinigung von kultischen Gefäßen. Eine Mikwe muss "lebendiges" Wasser enthalten. Daher wurde sie in ländlichen Gemeinden häufig an fließenden Gewässern angelegt (zum Beispiel in Emmendingen am Brettenbach oder in Sulzburg am Sulzbach).

In den dicht bebauten Städten war man vielfach gezwungen, die Anlagen bis ans Grundwasser einzutiefen (zum Beispiel Speyer, Worms, Köln Friedberg). Offenbar im Jahr 1857 wurde dies ungewöhnliche Bauwerk wieder entdeckt. Im "Generalbericht der Direktion des badischen Altertumsvereins ....1858" (dem Vorläufer der staatlichen Denkmalpflege) berichtete erstmals August von Bayer von der "Steintreppe zu Offenburg". Wohl schon bald wurde die wahre Zweckbestimmung erkannt. Dies fiel umso leichter, als die heutige, an dem Anwesen vorbeiführende Bäckergasse bis 1828 noch Judengässle hieß. 1883 wurde eine Bauaufnahme angefertigt (G. Armbruster) und 1891 eine Abhandlung über das Bauwerk veröffentlicht. Die Entstehungszeit der Mikwe schien bis vor kurzem klar.

Aus den Architekturdetails des Gewölbes und der Bearbeitung der Sandsteinquader erschloss man eine Entstehung im späten 13. Jahrhundert, allenfalls noch im frühen 14. Jahrhundert. Da seit den großen Judenpogromen 1348/1349 auch in Offenburg bis ins 18. Jahrhundert keine jüdische Gemeinde mehrsicher nachweisbar ist, war an dieser Datierung nicht zu zweifeln. Nun hat im Jahr 2003 die Bauforscherin Monika Porsche im Auftrag der Offenburger Kulturstiftung eine eingehende Bauanalyse angefertigt, nach deren Ergebnis sie eine Erbauung der Mikwe im späten 16. Jahrhundert oder beginnenden 17. Jahrhundert vorschlug. Hauptargument dafür ist, dass sämtliche Werksteinteile Spuren einer Zweitverwendung aufweisen. Teilweise sind sie sehr unexakt versetzt, im Türbogen sogar verkehrt herum. Die Gewölberippen und der Ringschlussstein sind für das Gewölbe unverhältnismäßig groß; sie waren für einen größeren Bogenradius vorgesehen und sind ebenfalls unexakt versetzt. Schließlich sieht sie in der Mauertechnik des Bruchsteinmauerwerks typische Merkmale nachmittelalterlicher Bauweise. An den bauhandwerklichen Unregelmäßigkeiten kann kein Zweifel bestehen. Es ist offenkundig,dass das Bauwerk unter Benutzung von Baumaterialien errichtet wurde, die ursprünglich an einem anderen Gebäude verwendet waren.

Für eine frühneuzeitliche Datierung reichen die angeführten Argumente jedoch nicht aus. Immerhin ist für die Zeit des 30-jährigen Krieges die vorübergehende Existenz einer jüdischen Gemeindebezeugt. In einer späteren Quelle heißt es rückblickend, dass schon vor dem Schwedenkrieg mehrere jüdische Familien in Offenburg gelebt hätten und sogar zwei Synagogen besaßen. Exaktere Quellenbelege fehlen jedoch bislang. Im Herbst 2006 wurde das Bruchsteinmauerwerk der Mikwe von einer Spezialfirma nach denkmalpflegerischen Vorgaben neu ausgefugt und an wenigen Stellen ausgebessert. Vom Gerüst ausversuchte man, weiter Hinweise für die baugeschichtliche Diskussion zu finden, jedoch ohne Erfolg. Noch steht allerdings die detaillierte Auswertung der Dokumentation aus. Auch in der Neuzeit erfuhr die Mikwe nochmals eingreifende Baumaßnahmen. Bei der großen Zerstörung Offenburgs im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 wurde auch das Anwesen vernichtet, auf dessen Grundstück sie sich befindet. Bis ins späte 18. Jahrhundert wurde das Areal als unbebauter Hausplatz bezeichnet.

1787 hieß es ausdrücklich, dass darauf Reben angepflanzt seien. Es darf vermutet werden, dass beim Neubau des heute noch stehenden Hauses 1793 der "Brunnen" wieder entdeckt oder zumindest in der eingangs beschriebenen Weise erneuert wurde. Der aus Ziegeln gemauerte Schacht beginnt etwa 0,80 m tiefer als das Fußbodenniveau des Gewölbekellers. Auch unmittelbar neben dem Teil des Hofgebäudes, in dem sich der obere Brunnenkranz befindet, wurde ein kleinerer, aber ähnlich tiefer Keller neu angelegt. In diesem Zusammenhang wird auch der obere Brunnenschacht in der heute sichtbaren Gestalt errichtet worden sein. Ob auch die auffällige Verengung des Treppenabgangs nach der Stufe 20 und die von hier an geänderte Bauart der Treppenstufen mit dieser vermuteten Erneuerung der Mikwe als Tiefbrunnen zusammenhängt, kann erst eine noch eingehendere Bauuntersuchung zu klären versuchen. Es bleiben also noch manche Fragen offen. Vielleicht finden sich in Zukunft weitere Archivalien, die die Geschichte der Offenburger Mikwe weiter aufhellen.

Eine Besichtigung der Mikwe ist möglich; Auskünfte erteilt das Ritterhausmuseum in Offenburg.

Peter Schmidt-Thomé Regierungspräsidium Freiburg Referat 25 – Denkmalpflege



zurück

Das Alte Kapuzinerkloster Offenburg


Reinhard Klotz - die Ortenau 1978 - 501 ff

Altes Kapuzinerkloster OffenburgDer Kapuzinerorden wurde im 16. Jahrhundert als Reform der Franziskanerobservanten (einer der beiden Zweige des urspr. Ordens des hl. Franz von Assisi; stand seit 1517 im Gegensatz zu den "Konventualen", die in Deutschland auch "Minoriten" genannt wurden) mit dem Ziel gegründet, den Orden zum ursprünglichen franziskanischen Ideal zurückzuführen (strenge Armut, Betonung des Eremitenlebens - Forderungen, die jedoch bald abgeschwächt wurden). Im Jahre 1619 wurde der Orden selbständig und stellte sich in den Dienst der katholischen Gegenreformation.

Seit Beginn des 17. Jahrhunderts besaßen die Kapuziner Besitzungen in der Schweiz und im Elsaß. In den Jahren 1630 und 1631 wurden Klöster in Baden-Baden, Oberkirch und Haslach gegründet. Zur selben Zeit hatten sich die Kapuziner auch zu einer Niederlassung in Offenburg erboten. Die Ordensoberen wünschten sich hier eine Einkehr und Herberge für die von Haslach nach Baden-Baden und von da zurückreisenden Patres.

Dieses Ansinnen wurde jedoch vom Rat der Stadt abgewiesen. Die Stadt empfand schon das durch Kriegsverheerungen in Not geratene Franziskanerkloster als Belastung und war unter diesen Umständen nicht bereit, einen weiteren Orden aufzunehmen. (siehe dazu die Ausführungen über das Offenburger Franziskanerkloster) Im Jahre 1637 erreichten die Kapuziner endlich, daß eine Niederlassung genehmigt wurde. (FDA 3 (1869) 173)

Die Gründung des Klosters war das Werk von Pater Karl aus Hagenau. Er konnte seinen Vetter, den kaiserlichen Rat und Oberstwachtmeister Eucharius Harst von Porenau und Slavadin in Mähren bewegen, ihm die nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen. Nun konnte Pater Karl, der zu dieser Zeit das Kloster in Breisach leitete, seinen nach Offenburg gesandten Ordensbruder Filician dem Rat der Stadt mitteilen lassen, daß Offenburg durch die Klostergründung keine Kosten entstehen würden, da die zum Bau nötigen Mittel von einem freigebigen Wohltäter gestiftet worden seien.

Der Rat erteilte daraufhin die Genehmigung. Bis zur Fertigstellung des Klosters erhielten die Patres als Unterkunft am 3. August 1637 das Syndikatshaus, das sie am 20. Oktober des selben Jahres bezogen. Ihre Messen lasen sie in der Spitalkirche. Am 13. April 1640 stellten die Mönche nochmals einen Antrag auf Gewährung eines Bauplatzes, der ihnen wenige Tage später auch im sog. "faulen Pelz" zugeteilt wurde, jenem Platz in der Gymnasiumsstraße, wo heute noch das alte Kloster Zeugnis einer großen Vergangenheit ablegt. Am 3. Juli 1641, nachdem Pater Karl nach Offenburg versetzt worden war, fand die Grundsteinlegung statt, die vom damaligen Offenburger Stadtkommandanten, Oberst Reinhard von Schauenburg, vorgenommen wurde. Der Bau fiel in die Zeit des Schwedenkrieges. Anfangs durften die Mönche noch mit zwei Ochsen das Baumaterial selbst während der Belagerung der Stadt herbeifahren, was ihnen aber später verboten wurde. Dazu verloren sie auch noch ihre Ochsen mit Wagen an den Feind. (Kolb III, 32) Nur langsam schritten daher die Bauarbeiten voran. Das Baumaterial stammte von der Ruine des Schlößchens Uffhoven und aus dem Stadtwald. Die Ratsprotokolle berichten, daß den Kapuzinern ein altes Glöcklein aus dem Rathauskeller für ihre Kirche zur Verfügung gestellt wurde. Im Juli 1645 konnte das Kloster bezogen werden.

Die Auflösung des Offenburger Kapuzinerklosters  arrowRight

Am 12. Mai 1647 wurde die Kirche vom Straßburger Bischof geweiht. Erster Guardian wurde Pater Karl, der jedoch wenige Jahre später am 16. Februar 1651 mit 61 Jahren verstarb. Zunächst bestand zwischen den Mönchen und der Bevölkerung kein besonders gutes Verhältnis. Die Bürger nahmen Anstoß an den Bärten und den derben Kutten der Mönche. Die Chronik berichtet aber, daß die Bettelmönche durch ihre Freundlichkeit, ihre strenge Sitten, ihr demütiges Wesen, ihren Eifer im Gebet und im Predigen sich sehr bald viele Freunde geschaffen hätten. Dies zeigte sich an einem Vorfall während der Bauarbeiten. Ein Pater, der sich besonders beliebt gemacht hatte, wurde versetzt. Daraufhin traten die Arbeiter in den Streik, der erst wieder beendet wurde, als die Ordensvorgesetzten den Pater wieder nach Offenburg zurückschickten. Das Kapuzinerkloster genoß ohne Zweifel großes Ansehen und wurde von verschiedenen Seiten wirtschaftlich unterstützt, so z. B. vom Kaiser selbst, den Familien von Schauenburg und von Neveu sowie von der Stadt und Abtei Gengenbach.

Manch hoher Gast übernachtete im Kloster, so z. B. Herzog Karl von Lothringen im Jahre 1678. Sehr oft wurde das Kloster als neutraler Ort für politische Verhandlungen gewählt. Im Jahre 1688 wurde Offenburg im Verlaufe des Pfälzer Erbfolgekrieges von französischen Truppen besetzt. Im August 1689 entwickelte sich die Lage so bedrohlich, daß viele Bürger ihre Habe in das Kapuziner- und Franziskanerkloster brachten und sich in den Schwarzwaldtälern in Sicherheit brachten. Das Zerstörungswerk begann. Die Kapuzinerpatres konnten erreichen, daß die Einwohner die Stadt verlassen durften. Am 9. September 1689 - ein Samstag - wurde Offenburg gegen 16 Uhr in Flammen gesetzt. Der Feuerschein war so hell, daß man in Niederschopfheim in der Nacht lesen konnte. (Im Pfarrzinsbuch Niederschopfheims aus jener Zeit findet man: "Ist also ein erschröökliches Feur gewest, das ich, Caspar Schaupp, in meiner Stuben bey der Nacht in einem Buch hab gelesen von der Helle des Feuers.")

Mit Ausnahme des Kapuzinerklosters und zweier Häuser in der Kesselgasse (so das sog. "Schweizer Knappenhaus"; abgerissen im Jahre 1888) brannte die ganze Stadt nieder. Dieser Umstand wird auf die Sympathie Ludwigs XIV. dem Kapuzinerorden gegenüber zurückgeführt. Angeblich soll der französische König selbst befohlen haben, das Kloster zu schonen. (FDA. 30/1902, 301) Offenburg war, wie überliefert wurde, "totaliter ruiniert und in Aschen gelegt, daß nit ein einziges Gebäud zum Trost der armen Bürger und alliglicher Angehöriger aufrecht geblieben, daß es der Hierosolimitanischen Zerstörung wohl gleich geschienen." (Aus einer Bittschrift der Stadt an den Kaiser und den Reichstag) Der Schaden wurde auf über 1160000 Gulden geschätzt. Was die Kapuziner in jenen entsetzlichen Tagen für die Bevölkerung getan haben, ist ein bleibendes Ruhmesblatt für den Orden. Alle Räume des Klosters waren mit Kranken und Hilfesuchenden belegt, die von den
Patres versorgt wurden. (Ein Ratsprotokoll vom 14. Mai 1698 spricht von der aufrichtigen Dankbarkeit, die der Rat der Stadt den Patres entgegengebracht hat)

Das Geschehen von damals wird von einem Wandbild des Offenburger Künstlers E. Brischle festgehalten, das sich im Kreuzgang des Klosters befindet. Es zeigt das Kloster vor brennenden Ruinen; darunter stehen die Worte: "Das einzige Haus, das den Stadtbrand vom 9. September 1689 überstanden hat."

Ab 1803 wurden infolge der Säkularisation auch die badischen Kapuzinerklöster geschlossen. Im Jahre 1808 wurde das Offenburger Kloster nominell aufgehoben. Die Patres erhielten von der badischen Regierung ein Dekret, wonach ihr Kloster zu einem anderen Zweck bestimmt sei. Dochblieb das Kloster noch fortbestehen, wie die Ernennung eines neuen Guardians im Jahre 1819 zeigt. (FDA 18/1878, 205) Im Jahre 1820 war es aber so weit, daß die Mönche das Kloster aufgeben mußten.

In das Gebäude wurde 1822 das Gymnasium aus dem ebenfalls aufgehobenen Franziskanerklosters verlegt. (siehe dazu die Ausführungen über das Offenburger Franziskanerkloster) Die Klosterbibliothek wurde verkauft. Von den sakralen Gewändern und Geräten ist nichts mehr erhalten. Die Klosterkirche wurde bis zur Erstellung einer eigenen Kirche (1864) von den Protestanten, seit 1873 von den Altkatholischen benutzt. 1881/82 wurde das im Kloster untergebrachte Gymnasium auf volleneun Klassen ausgebaut. Im Jahre 1891 wurde ein Gymnasiumsneubau über dem Rosengarten erstellt (das heutige Grimmelshausen-Gymnasium).

Der Umzug in die neue Schule erfolgte 1901.

Die ehemaligen Klosterräumlichkeiten dienten seither als Bibliotheksraum, für provisorische Schulräume, als Dienstwohnung des Hausmeisters und zur Unterbringung des Notariats. Die Kapuziner gaben jedoch nicht auf. Im Jahre 1927 gründeten sie an der "Bühlerstraße" das neue Kloster St. Fidelis. Der geplante großzügige Ausbau konnte infolge der knappen finanziellen Mittel nicht verwirklicht werden. Es entstand so das "Klösterle", wie es die Offenburger heute noch nennen. Seit 1941 übt ein Pater des Klosters die Pfarrseelsorge aus. Unvergeßlich werden den Offenburgern Männer wie Pater Fridolin und Pater Werner bleiben. Im Jahre 1963 konnte die neue Klosterkirche St. Fidelis konsekriert werden. Im Oktober 1970 übernahmen die Kapuzinerpatres die Pfarrei Bühl, 1973 die Pfarrei Griesheim. Über 50 Jahre sind es nun her, seit die Kapuziner von ihrem neuen Kloster aus wieder in und um Offenburg wirkten, über 340 Jahre, seit Gründung ihres ersten Klosters. Noch heute kann man sagen, daß "die Offenburger an ihrem Klösterle hängen", wie es bereits 1933 in der Klosterchronik vermerkt wurde.

Literatur und Quellen

Kähni, O., Offenburg. Aus der Geschichte der Reichsstadt. Offenburg 1951
Ders...Die Aufhebung des Offenburger Kapuzinerklosters. In: Die Ortenau 20 (1940)
Ders., Reformation und Gegenreformation in der Reichsstadt Offenburg und der Landvogtei Ortenau. In: Die Ortenau 3 (1950)
Heizmann, L., Die Klöster und Kongregationen der Erzdiözese Freiburg. München 1930
Ders., Sacra Ortenavia. Die Klöster der Ortenau. Weingarten 1936
Bechthold, P. Kunibert, Das Kapuzinerkloster in Offenburg. Sonderdruck aus der Offenburger Zeitung, 1927, Nr. 283
Graf, Th., Die Kapuziner. Freiburg (Schweiz) 1957
Kolb, J. B., Historisch-statistisch-topographisches Lexikon vom Großherzogtum Baden. Bd. Ill, 1816
FDA 3 (1869) 173
FDA 18 (1878) 9 - 108
FDA 1902, 30-301
Akten und Ratsprotokolle der Stadt Offenburg



zurück

Palais Ried - Vinzentius-Haus Offenburg


Offenburg VinzentiusHaus (1)Quelle: Stadt Offenburg

Dreigeschossiges barockes Haus, dessen Traufseite zur Kornstraße und Giebelseite zur Kittelgasse zeigt. Im Erdgeschoss befindet sich an der Kornstraße ein rundbogiges Portal, gerahmt von zwei dorischen Säulen auf hohem Sockel, die ein Gebälk mit Sprenggiebel tragen. Die Fenster sind von profilierten Sandsteinrahmen eingefaßt, die in den Rundgiebeln Aufsätze, im Erdgeschoß Pyramiden und im Obergeschoß Kugeln tragen.

Entlang der Kittelgasse erstreckt sich ein zweigeschossiger Seitenflügel. Im Inneren dieses Hauses und vom Hof aus zugänglich liegt ein altes Treppenhaus mit schwerer hölzerner Treppe und einem eingemauerten Schlußstein vom Straßburger Münster am Eingang. Das Hofportal stammt vom Gottwaldschen Haus in der Hauptstraße und gelangte nach dessen Abbruch 1903 hierher.

1764 wurde das Haus von Generalfeldmarschall-Leutnant Josef Freiherr von Ried erbaut.

Nach dem Freiherrn von Ried gelangte das Haus in den Besitz von Baron Renouard de Bussière. Der bot es 1884 für 60 000 Gulden zum Kauf an. Um die nötigen Mittel zum Erwerb zu bekommen, gründete der Vincentius-Verein eine Aktiengesellschaft. Am 28. November 1884 erfolgte vor dem Amtsgericht der Eintrag in das Gesellschaftsregister. In der Bekanntmachung heisst es:

Über den Bauherrn des Palais Ried - aus die Ortenau   arrowRight

"Zweck der Gesellschaft ist die Krankenpflege, insbesondere auch der Erwerb und Betrieb eines Hauses zur Pflege und Unterstützung kranker, gebrechlicher oder bejahrter Persönlichkeiten ohne Unterschied der Religion und des Standes."

Erfreulicherweise unterstützten viele Leute das caritative Werk durch Kauf von Aktien, sodass die neu gegründete AG am 3. Dezember das Bussièresche Anwesen kaufen konnte.

Das Vinzentiushaus ist der Nachfolger des St.-Andreas-Hospitals. Entsprechend einem Vertrag mit dem Hospital aus dem Jahre 1886 übernahm das Haus die Verpflegung von vier Hospitalpfründnerinnen. Schon 1892 bewarben sich mehrere Frauen um die Aufnahme in die Pfründe. Die Einkaufssumme belief sich auf 3000 Mark. Nachdem der Gemeinderat aber erkannt hatte, dass diese Summe nur für fünf Jahre ausreichte, mussten die Pfründer für eine lebenslängliche Versorgung ihr gesamtes Vermögen abtreten. 1901 lebten im Vinzentiushaus achtzehn Pfründner. Dann wuchs die Zahl zusehends. Heute betreut das Heim etwa neunzig Personen.

Die rasche Entwicklung machte immer wieder Um- und Erweiterungsbauten notwendig. Der erste Neubau in der Gärtnerstraße 2 am Marktplatz im Jahre 1964 brachte die Bauarbeiten zu einem vorläufigen Abschluss. Zur gleichen Zeit schuf man hygienische und hauswirtschaftliche Einrichtungen. So sind heute in jedem Stockwerk Bäder eingerichtet. An die Stelle der aufgehobenen Kneipp-Anstalt trat eine Pflegestation mit zehn Betten. Die Hauptküche erhielt modernste Einrichtungen und die Sozialstation St. Ursula löste die veraltete Krankenstation ab.

Am 16. März 1974 starb der langjährige Direktor, Hotelbesitzer Karl Otto Schimpf, der sich um den Ausbau des Vinzentiushauses sehr verdient gemacht hatte. Zu seinen Nachfolgern bestimmte man den bisherigen Rechner und Bankbevollmächtigten im Ruhestand Karl Killius und dessen Stellvertreter Adolf Brandstetter.

Zum Haus gehört der Vinzentiusgarten auf einer Terrasse über der Stadtmauer (zwei Rondelle), zwischen Mauer und Kittelgasse, mit steinernen Vasen und Figuren aus dem 18. Jahrhundert (die Originale befinden sich teilweise im Lapidarium) und prächtigem altem Baumbestand. Berühmt ist das Gartenportal mit schmiedeeisernem Gitter im Rocaillestil und dem Ried'schen Wappen darüber. Jahrelang fanden hier, an einem der reizvollsten Flecken der Stadt, Konzerte, Chorvorführungen und sogar, unter der Anleitung von Karl Otto Schimpf, kleine Schauspiele statt.

Ende August 1999 wurde das Altenpflegeheim in das neue Gebäude in der Grimmelshausenstraße verlegt.

Am 28. Juli 1999, dem 90. Geburtstag der Stifterin, begannen die Bauarbeiten für das Aenne-Burda-Stift im Vinzentiushaus. Nach fast zwei Jahren, am 23. Juni 2001, wurde die neue Seniorenwohneinrichtung offiziell eröffnet.

Mit dem Aenne-Burda-Stift im Vinzentiushaus, einem der wichtigsten historischen Gebäude in der Innenstadt, und dem dazu gehörigen Vinzentiusgarten, dem ältesten bestehenden gartenbaulichen Kleinod, hat das Stadtbild im Herzen Offenburgs eine sichtbare Aufwertung erfahren.

Gleichzeitig wurde die Eröffnung des städtischen Lapidariums, bestehend aus dem Vinzentiusgarten und dem Gewölbekeller im Vinzentiushaus gefeiert. Hier ist nun die Sammlung von Steindenkmälern, Grenzsteinen und Skulpturen untergebracht.



zurück

Das Billet'sche Schlösschen im Bürgerpark


billetsches schloesschenMit dem Neubau des Stadtteil- und Familienzentrums Innenstadt im Bürgerpark wurde auch das Billet'sche Schlösschen grundlegend saniert. Die Fassade wurde denkmalgetreu renoviert. Das Innere erhielt eine behutsame, der Gebäudestruktur angepasste Gestaltung. Im Erdgeschoss ist ein offener Bürgerraum entstanden, der sich über die Terrasse am Mühlbach auch dem Außenbereich formschön erschließt. Diese Räume des denkmalgeschützten und für die Stadtgeschichte bedeutsamen Gebäudes können ebenfalls für Trauungen genutzt werden. (Stadt Offenburg)

Über den Erbauer - die Ortenau - 1974 - 181 ff - [Auszug] - Otto Kähni

Joseph Anton Billet

Unter den einheimischen Kaufleuten werden gegen Ende des 18. Jahrhunderts genannt: Fortunawirt Anton Gönner, Joh. Georg Kapferer, Joachim Wolf, Joseph Rimel, Anton Lehner, Adam Kleile und Lorenz Hermann.

An der Spitze aller Handelsleute stand Jos. Anton Billet. Der Name weist nach Frankreich. Billet war 1759 in Ettenheim als Sohn eines Metzgermeisters geboren. Vermutlich standen seine Vorfahren in den Diensten des Bischofs von Straßburg; denn Ettenheim war seit dem 8. Jahrhundert eine bischöflich Straßburgische Stadt. Am 3. März 1789 stellte der Offenburger Magistrat Billet das Zeugnis über "gute Aufführung und Handlungsfähigkeit" aus.

Vier Wochen später leistete er den Bürgereid. 1790 heiratete er die Frankfurter Kaufmannstochter Maria Johanna Lind. In den folgenden Jahren wirkte er als Salzlieferant der Reichsstadt. Die Bürger durften nämlich ihren Salzbedarf nicht auswärts kaufen. Die Stadtobrigkeit allein hatte das Recht der Salzeinfuhr und überließ diese einem Unternehmer gegen Entrichtung einer Pachtsumme. Im Salzhaus wurde das gelieferte Salz von verordneten Salzmessern verkauft. Aus den Ratsprotokollen geht hervor, daß der Magistrat wiederholt mit Billet Verträge über Salz- und Zuckerlieferungen abschloß.

Immer wieder wird auf den "ausgedehnten Billetschen Salzhandel" hingewiesen. 1796 mußte er den Salzakkord kündigen, weil in der "Verkaufsbude" Soldaten einquartiert wurden. Trotzdem erklärte sich Billet bereit, die Stadt weiterhin mit Salz zu versorgen. Er hatte es zu einem beachtlichen Wohlstand gebracht. 1793 erstellte er am Marktplatz ein Wohn- und Geschäftshaus; im folgenden Jahr erwarb er von Maurermeister Jakob Fuchs an der Spitalstraße einen Bauplatz.

Ein weiteres Bauwerk Billet's - das Haus "Battiany"   arrowRight

Die Kriegsereignisse brachten Billet in schwere Bedrängnis. Die Französische Republik riß nach dem Einfall ihrer Truppen in die Grafschaft Hanau-Lichtenberg die öffentlichen Gefälle, besonders den Hanauer Zehnten, an sich und ließ sie an den Meistbietenden versteigern. Der Offenburger Bürger Car! Hurtault erhielt den Zuschlag, und Billet leistete Bürgschaft. Später machte das Straßburger Domkapitel seinen Anspruch auf den Zehnten geltend und forderte von Billet dessen Rückerstattung mit Zinsen. Im Mai 1800 befand er sich als Geisel in französischer Gefangenschaft in Straßburg.

Da seine Geschäfte unter seiner Abwesenheit sehr litten, beschloß der Rat auf seine Bitte, sich bei dem General Moreau um die Entlassung zu verwenden. Stettmeister Meyer löste ihn ab. Dies spricht auch für das gute Einvernehmen zwischen ihm und der Stadt. Nachdem er 1799 Mitglied des Jungen Rats geworden war, wurde er im Jahr 1800 als "vorzüglich Vereigenschafteter" mit Joh. Nep. Lihl zum Stettmeister bestellt.

Kampf der Handelsleute gegen die Konkurrenz und ihre Auseinandersetzungen mit der Schneiderzunft

Inzwischen hatte sich der Handel in der Reichsstadt erfreulich entwickelt. 1797 waren die Kaufleute stolz darauf, daB in Offenburg 8 Häuser den Handel "so groß betreiben, als es nur immer gefordert werden kann". Sieben Bürgersöhne befanden sich in der kaufmännischen Lehre. Und man gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Stadt "in Bälde mit lauter ordentlich gelernten und geübten Handelsleuten mehr denn einer anderen Profession besetzt seien". DaB die Kaufleute zu Wohlstand gelangt waren, beweist die Tatsache, daB sie der Stadt in Notzeiten finanzielle Hilfe leisteten.

Zur Beseitigung der durch die französischen Truppen angerichteten Schaden, die sich im Jahre 1796 auf 11880 Gulden beliefen, streckte Guerra 6000 und Billet "einige 1000 Gulden" vor. Und als am 22. April 1797 die Franzosen wiederum einrückten und von der Stadt 11 000 Gulden forderten, die an diesem Tag bis 12 Uhr bezahlt sein sollten - widrigenfalls mußte sie mit Gewaltanwendung rechnen - schossen die Handelsleute das Geld vor. Guerra verpflichtete sich, für 4 400 Gulden einen Schuldschein zu übernehmen. Für ihren Wohlstand spricht auch der für 1801 festgesetzte Steueransatz. An der Spitze standen J. B. Guerra und J. A. Billet mit je 2 500 Gulden. Es folgten Kapferer (1 600), Battiany (1 100), Wolf (900), Génner, Rimel und Lehner (je 800).

Die Handelsleute hatten aber auch ihre Sorgen. Einmal glaubten sie, sich gegen Eingriffe in ihre Handelsbefugnisse wehren zu müssen; denn fremde Krämer gingen in der Stadt hausieren, und fremde Handwerker boten auf den Wochenmärkten ihre Erzeugnisse feil. Zum andern litten die Kaufleute unter der Zugehörigkeit zur Schneiderzunft, der sie wie seit dem Mittelalter die Krämer hatten beitreten müssen. Da ihre beruflichen Interessen sich von denjenigen der Schneider sehr unterschieden, wollten sie von dieser Zunft unabhängig sein und ein Eigenleben führen. Das war der Inhalt des Schreibens, das Guerra, Billet, Gönner und Wolf 1792 im Namen sämtlicher Handelsleute an den Rat richteten. Sie baten um Schutz ihres Gewerbes, besonders um Abstellung des "übermäßigen Hausierens", und um die Genehmigung, sich von der Schneiderzunft trennen und eine eigene Zunft bilden zu dürfen. Der Rat zeigte zunächst Verständnis für diesen Wunsch und erklärte, die Sache sei als wichtig anzusehen und zu überlegen; jedoch müsse die Schneiderzunft gehört werden. Aber einige Wochen später äußerte er Zweifel und gab zu bedenken, daß der Fall bei anderen Zünften zu Absonderungen führen könne, lehnte das Gesuch ab, räumte jedoch ein, daß die Meinungen der Handelsleute und Schneider in manchen Fragen auseinandergehen könnten, und forderte die ersteren auf, "besondere Artikel für ihre Linie" vorzulegen. Gegen diesen Ratsbeschluß legten die Handelsleute bei dem Reichskammergericht Berufung ein.

Die Schneidermeister protestierten beim Magistrat gegen dieses Vorgehen. Das veranlaßte diesen, bei anderen Städten Erkundigungen einzuziehen. Und es stellte sich heraus, daß in Lahr, Schwäbisch Gmünd und Memmingen die Kaufleute in einer besonderen Zunft zusammengeschlossen waren. Im Januar 1795 reichten die Handelsleute ein neues Gesuch ein; sie baten dringend um Abstellung des Hausierens und um die Erlaubnis, ein eigenes "Gremium" errichten zu dürfen. Der Rat verwies sie auf den Beschluß von 1792. Wenige Wochen später aber wurde der Entwurf einer neuen Verordnung besprochen und Abänderungsvorschläge erwogen, jedoch ohne Erfolg. Am 27. Febr. 1795 wurden Billet, Guerra, Gönner und Kapferer aufs neue vorstellig. Ihr Wunsch, zur Förderung des Handels wenigstens eigene Versammlungen abhalten zu dürfen, wurde nun entsprochen. Die Antwort des Magistrats lautete: Die Handelsleute sollten im Zunftverband bleiben und dessen Satzungen befolgen. Es sollte ihnen jedoch "ohnverwehrt" sein, sich in der Zunftstube zu versammeln und zur Förderung ihrer Bedürfnisse eine Vorsteherschaft zu wählen. Über ihre Beschlüsse sollten sie der Schneiderzunft berichten und ihr eine Entschädigungsgebühr entrichten.

Dem Wunsch, den Handel gegen fremde Eingriffe zu schützen, entsprach der Rat durch folgende Bestimmungen: Nur Bürger sollten Handel treiben dürfen. Wer ein Geschäft eröffnen wollte, sollte eine Gebühr von 15 Gulden bezahlen. Das Hausieren sollte nur an den Jahrmarktstagen erlaubt sein. Der Besuch des Wochenmarktes am Dienstag wurde nur Handelsleuten aus der Landvogtei Ortenau gestattet. Auf dem Samstagsmarkt durften nur Offenburger Handelsleute und Handwerker Waren feil bieten. Waren, die in der Stadt gekauft werden konnten, durften von "Kremlern, Fuhrleuten und Boten" nicht feilgeboten werden.

Wiederum drei Jahre später, am 21. Febr. 1798, führten die Handelsleute beim Magistrat Beschwerde darüber, daß die obrigkeitliche Verordnung vom Jahre 1795, die in den Gasthäusern angeschlagen war, abgerissen worden war und daß die Wirte nach wie vor fremde Kaufleute und Krämer aufnehmen würden, und baten um polizeiliche Unterstützung. Als der Rat nicht reagierte, griffen sie zur Selbsthilfe. Sie erteilten fremden Krämern gedruckte, mit dem Stadtwappen versehene Erlaubnisscheine zum Hausieren, verhängten Strafen und konfiszierten Waren. Der Magistrat nahm empört Stellung zu diesen "Anmaßungen" und verbat sich Eingriffe in seine Befugnisse.

Dann kam es zu neuen, schweren Auseinandersetzungen mit der Schneiderzunft. Wie schon erwähnt, war J. A. Billet seit Nov. 1800 Stettmeister des Jungen Rats. Da dieser von den Zünften auf deren Vorschlag gewählt wurde, erwarteten die Schneidermeister begreiflicherweise, daß Billet ihre Belange vertreten würde, und beschlossen, ihn zum Achtmann und Zunftmeister zu wählen. Seine Ablehnung war für sie eine schwere Enttäuschung. Sie erklärten, er habe sich nicht gescheut, Mitglied ihrer Zunft zu werden; infolgedessen brauche er sich auch nicht schämen, dem Zunfteid nachzukommen. Sie bestanden darauf, daß er die Wahl annehme. Obwohl er aufs neue ablehnte, wählten sie ihn auf der Zunftversammlung am 7. Januar 1802 einstimmig. Da erhoben sich die Handelsleute mit der Erklärung, daß keiner von ihnen dieses Amt annehmen könne noch würde. Die Schneider bezichtigten Billet des Eidbruchs nicht nur der Zunft, sondern auch dem Rat gegenüber und warfen ihren Gegnern "Verunglimpfungen und Verletzung der Zunftpflichten" vor. Die Folge war, daß der entrüstete Billet um Entlassung aus den städtischen Ämtern bat mit der Bemerkung, daß er nie in den Rat eingezogen wäre, wenn das befragte Zunftmeisteramt ein Haupterfordernis gewesen wäre. Die Handelsleute baten um ein "Öffentliches Zeugnis über ihre biederen politischen Gesinnungen und ihr rechtschaffenes Betragen". Der Magistrat antwortete, daß er in dieser Sache weder Richter noch Zeuge sein könne.

Dann schweigen die Quellen. Offenbar trat eine Beruhigung ein. Das dürfte mit den großen politischen Veränderungen Ende 1802 (Verlust der reichsunmittelbaren Stellung und Übergang Offenburgs an Baden) zusammenhängen. Das Zunftwesen verlor an Bedeutung. Der Zunftzwang wurde gelockert. 1808 verkaufte die Schneiderzunft ihr Zunfthaus.

J. A. Billet als Stettmeister und Franz Guerra, der Gründer des Stahlbades in Weierbach

J. A. Billet blieb im städtischen Dienst. 1804/05 ließ er sich zwischen Mühlbach und Grabenallee ein Wohnhaus bauen, heute "Haus der Jugend". Der zweistöckige Pavillonbau mit seiner Rokokofassade wird in der Liste der Denkmalobjekte als eines der "schönsten und qualitätsvollsten" Häuser der Stadt bezeichnet. Der älteren Generation ist der Name "Billet’sches Haus" noch geläufig. Offenbar vermißte aber der Hausbesitzer die Sonne; denn im Sept. 1808 stellte er, von einigen Mitbürgern unterstützt, den Antrag auf "Wegschaffung der Allee". Der Gemeinderat gab ihm jedoch zu verstehen, daß ein Spaziergang durch die Allee der Bevölkerung Freude bereite. Nach wie vor vertrat Billet auch die Interessen der Handelsleute.

1802 hatte er gegen die Einführung des Frühjahrsmarktes (Montag und Dienstag nach "Kreuz-Auffindung") Einspruch erhoben, weil die Kaufleute und Handwerker dadurch Schaden leiden würden. Der Rat entgegnete, daß deren Waren immer genügend Absatz fänden. Daß die Stadt ihm aber ihr volles Vertrauen schenkte, beweist u. a. folgender Vorgang im Jahre 1831. Sie schickte ihn als Deputierten nach Karlsruhe, damit er dem Badischen Landtag ihre Beschwerden vortrage. Schließlich nahm sich Billet der Armen an. 1833 erbot er sich, in das Armenhaus 1 000 Gulden zu geben, wenn für die Armen eine Sparkasse errichtet werde. Der Magistrat bat ihn, das Geld für diesen Zweck der Stadtkasse zu überlassen.

Am 8. März 1834 starb Billet im Alter von 75 Jahren. Ein ergreifender Nachruf im Ortenauer Wochenblatt rief der Bevölkerung die Wohltaten des Heimgegangenen in das Gedächtnis zurück: "Dankbare Erinnerung an den verlebten Städtmeister Billet, Ehre dem Toten und Dank der Lebenden für die unvergeßlichen Wohlthaten, welche der Verstorbene einer Familie erwiesen hat. Ohne seine fortdauernde Nachsicht, seine unermüdbare Unterstützung wäre dieselbe rettungslos verloren und um ihr ganzes Lebensglück gebracht. Durch seine großmuthige Verwendung aber ist nun die Zukunft dieser Familie gesichert. Der Engel des Friedens führte den unvergeßlichen Mann zu schnell in seine ewige Heimath, als daß wir noch unsere dankbaren Gefühle dem Lebenden aussprechen könnten. Mögen die hinterbliebenen Kinder diesen unaussprechlichen Dank für ihren edlen Vater aufnehmen und möge des Himmels Segen ihr ganzes Leben erfüllen. - Eine dankbare Familie". Ein Gedicht "Auf das Hinscheiden des Handelsmanns und Städtemeister Billet" ist angeschlossen.



zurück

Hl. Kreuz Kirche Offenburg


Quelle: Stadt Offenburg

Offenburg Heilig Kreuz KircheAlte Offenburger Pfarrkirche, mit einem schlichten Langhaus, welches mit Ausnahme der ovalen im Fassadengiebel nur flachbogige Fenster gliedern. Die Treppenvorhallen betritt man durch schlichte Rundbogentüren. Direkt aus der Fassade steigt der Turm auf. Im Erdgeschoss schmückt ihn ein Portal mit Halbsäulen, verkröpftem Gebälk und einem gebrochenen Rundgiebel, im nächsten Stockwerk einfache Rundbogenfenster. Das letzte Viereckgeschoß ist mit ionischen Pilastern verziert, über denen verkröpftes Gebälk sitzt. Dann folgt ein reicher Achteckabschluss wie bei der Klosterkirche in Gengenbach, mit korinthischen Säulen, langgestreckten ovalen Fenstern und einem dreifachen Zwiebeldach.

Die Kirche hatte eine lange Bauzeit vom 13. Jahrhundert bis ins Spätmittelalter. Nach dem Brand von 1689, der vom damaligen Bau nicht viel übrigließ, leitete Franz Beer, ein bedeutender Vertreter der am ganzen Oberrhein tätigen Voralberger Bauschule, den Wiederaufbau und gab der Kirche die Gestalt, in der sie noch heute zu bewundern ist.

Die erste Erwähnung der - damals romanischen - Kirche stammt aus dem Jahr 1223. Im ganzen 14. Jahrhundert baute man am Gotteshaus, und zwar mindestens am Chor. Der Stich von Merian aus dem Jahre 1643 zeigt Langhaus und Chor unter einem hohen Satteldach vereint.

Der große Stadtbrand ließ von der Pfarrkirche nur Mauern, zum Teil bis unter die Dachfirstlinie, den Chor, das Josefs-Chörlein und die Sakristei stehen. Die verarmte Bürgerschaft baute zunächst ab 1696 den noch erhaltenen, aber unüberdachten Chor auf und schloß ihn gegen das Langhaus ab. Gegen 1700 war diese Arbeit vollendet. Gleichzeitig begann die Planung für den Wiederaufbau des Langhauses.

Im Juni 1700 verpflichteten die Verantwortlichen der Stadt Maurermeister Franz Beer und Leonhard Albrecht aus Begrenz. Beer galt damals als einer der tüchtigsten Architekten überhaupt. Er leitete auch die Restauration der Kirche und den Neubau des Klosters in Gengenbach. Mit viel Geschick benutzte er die stehengebliebenen Reste des Langenhauses, übernahm auch Sockel und Fensterstürze und fügte im Westen der Kirche einen Turm ein, der zu einem Drittel im alten Langenhaus stand.

Der Ölberg bei der Heilig Kreuzkirch zu Offenburg  arrowRight

Auch bei der Gestaltung des Innenraumes (Eingang durch die vordere Tür an der Pfarrstraße) verband der Baumeister eigene Ideen mit den vorgegebenen Grundrissen und Mauerresten. In Erinnerung an die Dreischiffigkeit der mittelalterlichen Kirche errichtete er auf den alten Fundamenten mächtige Pfeiler, die die stark gebogene Tonne des Mittelschiffs tragen. Auf die Seitenschiffe legte er im Sinne der Voralberger Bauschule durchgehende Emporen über gedrückte Arkadenbogen, an welche flache Kreuzgradgewölbe grenzen.

Vor dem stark eingezogenen Chor mit gotischen Mauern und Maßwerkfenstern, die bis zur Decke emporgezogen sind, öffnet sich ein Querschiff, das mehr als doppelt so breit ist als die übrigen Joche. An die rechte Südseite grenzt die im 15. Jahrhundert angefügte Sakristei, an die linke Nordseite das sogenannte Josefs-Chörlein. Der Chor schließt mit drei Seiten eines Achtecks, d.h. es ergibt sich ein dreiseitiger Abschluß mit drei Fenstern: ein im Mittelalter häufig verwendeter symbolischer Hinweis auf die Dreifaltigkeit.

Der Hochaltar aus dem Jahr 1740 von Franz Lichtenauer gilt als überdurchschnittlich gutes Rokoko-Werk. In lockerem Säulenaufbau, der die Fenster mit einbezieht, steigt in dreifacher Abtreppung die Linienführung zum Hochaltarbild empor. Seitlich erscheinen außen die beiden Nebenpatrone der Kirche: rechts der heilige Ritter und Klostergründer Gangolf, der in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts am Hofe Pipins lebte und gegenüber die Figur des Hl. Alper (französisch Ever), um 500 Bischof von Toul. Zu den beiden Seiten des Altarbildes stehen links die Hl. Ursula, die Schutzheilige Offenburgs, und rechts die Hl. Helena, die nach der Legende um 335 n. Chr. das Kreuz Christi aufgefunden haben soll.

Es ist unbekannt, ob Lichtenauer nur Schreiner und Altarbauer war oder auch als Bildhauer diese ausgezeichneten spätbarocken Skulpturen geschaffen hat.

Das 1956 von Josef Geschöll jun. renovierte Hochaltarbild von Joseph Esperlin stellt die Kreuzerhöhung dar. Der lockere, hohe Altarabschluss mit Strebebogen, Girlanden und Engeln schließt mit einem Kreuz, das ein Kornreif umgibt. Da in der Zeit des Barock der Opfertisch mit dem Tabernakel sehr betont wurde, ist der Altar selbst diesem Wandaufbau vorgestellt. Als wertvolles Beiwerk zum Altar sind die schön geformten Rokoko- und Sanktusleuchter (1728) ebenso zu erwähnen wie die Presbyterien, das Chorgestühl von Johann Speckert und die vier Zunftstangen von 1750. Die barocke Ewig-Licht-Ampel stammt aus Innsbruck.

Franz Lichtenauer schuf auch die beiden Seitenaltäre im Stil des Rokoko. Ihre Gestaltung und Stuckmarmorierung lebt aus dem Formengut des bayrischen Spätbarock, speziell der Wessobrunner Schule. Das linke Altarblatt zeigt die Szene "Maria übergibt dem Hl. Dominikus den Rosenkranz", das rechte die Kreuzigung Christi.

Kriegsnot und Wiederaufbau in der Pfarrei Offenburg - Nach den Offenburger Ratsprotokollen von Hermann Ginter  arrowRight

In der Ecke rechts steht der Taufstein, um 1790-1800 wahrscheinlich von Johann Speckert geschaffen, das Wahrzeichen einer Pfarrkirche. Darüber hängt ein ein großes Kreuz, das Speckert wohl mit Unrecht zugeschrieben wird. In die Wand ist ein Steinepitaph für Schultheiß Philipp Berger mit der Darstellung des auferstehenden, den Tod bezwingenden Christus in reichen Ornamenten eingelassen.

Links im gotischen Josefs-Chörlein an der Nordseite hat das Original des hervorragenden Steinkruzifixes von Andreas von Urach, das früher vor der Kirche aufgestellt war, seinen Platz gefunden. Den Durchgang zum Chor bildet der früher hinter dem Ölberg eingemauerte gotische Steinbogen. Die Pieta aus Stein links an der Wand, etwa vom Jahre 1650, stammt aus dem Garten des Kapuzinerklosters. Das Josefsfenster hat der Glasmaler Karl Vollmer, Offenburg, im Jahr 1948 geschaffen.

Das Grabmal des Ritters Jörg von Bach († 1538) an der Außenseite der Pfarrkirche in Offenburg Grabmal Jörg Bach - Wappenzier rechts unten (heraldisch) Grabmal Jörg Bach - Wappenzier rechts oben (heraldisch) Grabmal Jörg Bach - Wappenzier links unten (heraldisch) Grabmal Jörg Bach - Wappenzier links oben (heraldisch)
Auch die Sakristei schmücken alte, leuchtende Glasfenster: eine stimmungsvolle Kreuzigung sowie das Bild "Heiliger Maternus und Frauen" um 1400. Im Kirchenschatz kann man wertvolle Stücke bewundern: eine spätromanische mit Drachen und Adler verzierte Messingkanne, vielleicht aus dem 13. Jahrhundert, das in Weißsilber getriebene und gegossene Vortragskreuz von 1515, das auf der Vorderseite Christus auf naturalistischem Holzstamm mit Evangelistensymbolen und hinten eine schöne Madonna nach Albrecht Dürer zeigt. Der Meister dieses berühmten Offenburger Beschauzeichens ist unbekannt. Eine spätgotische Monstranz mit Filialenaufbau auf Renaissancefuß ist ein Geschenk des Straßburger Domkapitels zur Kirchweihe 1791.

Die Kanzel aus Marmor von St. Blasien und selbstgebranntem Stuck von 1792 ist das Meisterwerk von Johann Speckert. Sieben Alabasterreliefs zeigen die Geburt Christi, Jesus im Tempel, die Bergpredigt, die Speisung der Fünftausend, Christi Himmelfahrt, den Sämann und den guten Hirten. Einige blieben wegen Speckerts frühem Tod unausgeführt und mußten später vollendet werden.

Über die Entwicklung der Pfarrei Offenburg berichtet Otto Kähni  arrowRight

Der Orgelmacher Ignatius Seufert aus Würzburg stellte 1760 die Orgel auf. 1784 mußte sie in Rastatt renoviert werden. Bemerkenswert ist der schöne Orgelblick mit dem alten Rokokogitter und dem mittleren Gehäuse.

Die einstigen Deckengemälde sind heute übermalt. Sie zeigten Maria, St. Ursula und in dem großen Feld vor dem Chor eine Szene nach 1. Kor. 11, 26: "Sooft ihr dieses Brot eßt und den Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt."

Zu den frühesten Teilen gehören die zwei Kirchenbänke an der Westwand unter der Empore, mit reichen Barockschnitzereien an den Rückwänden.

Die alten Glocken, wegen ihres schönen Klanges weit und breit berühmt, sind 1689 von den französischen Truppen weggeführt worden. Als diese sie bei Breisach über den Rhein bringen wollten, gelang es den dortigen Einwohnern, die zwei größten zu kaufen und sie im Münster aufzuhängen, wo sie heute noch zu bewundern sind. Die größte stammt laut Inschrift aus dem Jahre 1491, die kleinere von 1662.

Von den heutigen Glocken der Heilig-Kreuz-Kirche stammen drei von 1728, die vierte von 1763.

In die Außenwand der Kirche sind verschiedene Grabsteine eingemauert: an der Nordseite der Epitaph von Rudolf Blumenstein und Mutter, am Chor das Grabmal des Jörg von Bach, ein Ritter in Rüstung mit Schwert, Helm und reicher Wappenzier, um 1538 von dem Renaissancebildhauer Christoph von Urach geschaffen, daneben eine St.-Michaels-Figur von 1732, die an die ehemalige Michaels-Friedhofskapelle erinnert und an der Südseite das Grabmal von Caspar Wydt, einem Straßburger Domkapitular, aus dem Jahr 1596.

An der Traufseite des Hauses Kreuzkirchstraße 19 sind die Kreuzwegstationen 1-3 eingemauert, die angeblich von der Wallfahrtskirche Weingarten stammen.



zurück
Click to listen highlighted text!