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Sehenswertes in Oppenau


Oppenau, Noppenau, eine kleine Stadt in dem Bezirkamte Oberkirch, in einem engen und rauhen Thale, am Fuße des bekannten Kniebis, über welchen die Hauptstraße in das Königreich Wirtemberg führt. In der Gegend der Stadt bilden der kleine Fluß Nordwasser und der reissende Thalstrom Rench gleichsam eine Aue und einen Erdraum, der von ersterm durchströmt wird; wahrscheinlich trägt von dieser Aue der Ort zum Theil seinen Namen. Die Stadt an sich ist klein, hat nur 2 Thore und 2 Vorstädte. Jene am untern Thore, welche sich bis zur alten auf dem Berg stehenden Pfarrkirche des heil. Johannes des Täufers hinziehet, wird· die Allmend genannt, hat ansehnliche Gebäude und schöne geräumge Gasthäuser; jene am obern Thor aber ist weniger ansehnlich, und erstreckt sich bis zum Anfange der Oppenauer Steige, welche die Landstraße über den Kniebis nach Wirtemberg bildet.

Von dem Fuße des Kniebis-Berges zieht sich diese Straße 3 Stunden um den Berg herum, bis zur Höhe und Ebene, wo ehemals ein Kloster stund, an dessen Stätte gegenwärtig ein königlich wirtembergischer Hauptzoll errichtet ist. An der Mitte der Steig befindet sich ein Bauerngut, Steighof und Steigbauer genannt, wo die Fuhrleute den benöthigten Vorspann erhalten.

Die Gerichtsbarkeit der Stadt Oppenau, welche aus 300 Bürgern und 1838 Seelen besteht, erstreckte sich über die Stadtgemeinde und ihren innern Bann, dem ein eigener Stadtrath unter dem Vorsitze eines herrschaftlichen Amtsschultheißen mit einem Staabhalter vorstund; 6 für die umliegenden 9 Thalrotten oder Gemeinden, als Ramsbach, Ibach, Maisach, Lierbach, Freyersbach, Bästenbach, Döttelbach, Rench und Löcherberg bestellte Staabhalter oder Vögte bildeten zusammen das dem Oberamte ganz untergeordnete Gericht, letztere hatten aber an der beträchtlichen Stadtalmosenpflege und städtischen Gemeindsgut kein Antheil. (historisch - statistisches - tpographisches Lexicon von dem Großherzogthum Baden - J. B. Kolb III. Band 1816)

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Klosteruine Allerheiligen - Oppenau


Das ehemalige Prämonstratenserkloster Allerheiligen und die Denkmalpflege im 19. und 20. Jahrhundert - Jörg Sigwart †

Das vor 1196 von der Herzogin Uta von Schauenburg gestifete Kloster Allerheiligen liegt dreißig Kilometer östlich von Straßburg in einem der abgelegensten und schroffsten Gebiete des SchwarzwaldsIn diesen Jahren könnte das Prämonstratenserkloster Allerheiligen im Schwarzwald (Gemeinde Oppenau, Ortenaukreis) die 800jährige Feier seiner Gründung begehen. Auch wenn das exakte Gründungsjahr aufgrund der Überlieferung im Zeitraum zwischen 1191 und 1196 einzugrenzen ist, gibt dies doch Anlaß, die Überreste des Klosters auch aus denkmalpflegerischer Sicht zu würdigen. Gehörten die Ruinen in der Mitte des 19. Jahrhunderts doch zu den Objekten, welche die besondere Aufmerksamkeit der Großherzoglichen Altertümerkommission in Karlsruhe auf sich zogen, aus deren Tätigkeit letztendlich die Institution der staatlichen Denkmalpflege hervorgegangen ist.

Der vorliegende Aufsatz faßt die wichtigsten Kapitel einer Lizentiatsarbeit zusammen, die unter dem Titel "Aspekte des Prämonstratenserklosters Allerheiligen im Schwarzwald" im Frühjahr 1992 bei den Professoren Beat Brenk und Georg Mörsch am Kunsthistorischen Seminar der Universität Basel eingereicht wurde. Ziel der Arbeit war es, die bisherigen Forschungen zum ehemaligen Kloster sowie dessen Restaurierungsgeschichte kritisch aufzuarbeiten, wobei vor allem die Entwicklung nach der Säkularisation von 1802 und dem anschließenden Zerfall der Anlage im Zentrum des Interesses stand. In den Archiven wiederentdeckte Dokumente erlauben dabei interessante Beobachtungen zur Frühzeit der Denkmalpflege; zugleich wird der künftigen kunsthistorischen Forschung durch die Aufarbeitung dieser Quellen eine neue Basis bereitet*.

Das vor 1196 von der Herzogin Uta von Schauenburg gestifete Kloster Allerheiligen liegt dreißig Kilometer östlich von Straßburg in einem der abgelegensten und schroffsten Gebiete des Schwarzwalds. Die auf 620 m Höhe im Lierbachtal gelegene Klosterlichtung war nur schwer zugänglich, verunmöglichten doch imposante Wasserfälle eine direkte Wegführung entlang des Baches. Für die uns im folgenden interessierende Entwicklung des einstigen Klosters im 19. Jahrhundert sind diese Wasserfälle von einiger Wichtigkeit.

Nach gut 600jähriger Geschichte wurde das Kloster Allerheiligen am 29. November 1802 durch den Markgrafen und späteren Kurfürsten Karl Friedrich von Baden aufgehoben. Sämtlicher Besitz wurde sofort eingezogen, die zuletzt noch 28 Chorherren hatten nach Ablauf des Schuljahres das Waldtal für immer zu verlassen. Zum interimistischen Verwalter wurde der frühere Klosterarzt und Apotheker Karl Vernerand Heim eingesetzt. Seinem Einsatz ist es auch zu verdanken, daß nach einem Blitzschlag im Sommer 1804 - seltsamerweise am Festtag des Ordensstifters Norbert - nicht alle Gebäude ein Raub der Flammen wurden. Auf Anordnung des Karlsruher Baudirektors Weinbrenner wurde nach dem Brand für die Kirche sofort ein Notdach aus Ziegeln in Angriff genommen, die Klausurgebäude dagegen wurden nur notdürftig gesichert, war Weinbrenner doch der Meinung, "daß die beiden Seitenflügel an der Kirche ganz zu demolieren (...) sein möchten." Der ursprüngliche Plan, das Kloster als "Korrektionsanstalt" für Kleriker zu verwenden, ließ sich jedenfalls nicht mehr verwirklichen. Das Abteigebäude diente in der Folge als Dienstwohnung für den Förster, dem auch gestattet war, die ehemalige Klosterwirtschaft weiter zu betreiben.

Die übrigen Gebäude sollten auf Beschluß des kurfürstlichen Hofrates in Karlsruhe gewerblich genutzt werden. Die Enrichtung einer Wollmanufaktur durch den Fabrikanten Brenneisen aus Iffezheim, der den Grindenbach als Energiequelle zum Betrieb seiner Maschinen nutzen wollte, war aufgrund der Lage und der schlechten Verkehrswege von vornherein ein fragwürdiges Unternehmen, wurde aber von der Regierung massiv gefördert, so durch die Versetzung von Brenneisens Bruder als Förster nach Allerheiligen. Das einstige Kloster scheint aber zunehmend "Iiederliches Volk angezogen" zu haben, so daß Heim, der sich weiterhin um die Gebäude bemühte, feststellen mußte: "jeder Lump (...) glaubt (..) einen Zufluchtsort gefunden zu haben, wo er, weil ihm jetzt gar nichts gewehrt wird, jeden Unfug treiben darf." Brenneisen dürfte diese Entwicklung gefördet, sich gar selber am Kirchengebäude vergriffen haben, nachdem er die Vertreibung des ihm unbequemen Heim durchgesetzt hatte. Aber bereits 1806 hatte Brenneisen endgültig abgewirtschaftet, worauf die Gebäude zum Abbruch freigegeben werden sollten. Dazu kam es freilich erst 1816, nachdem noch bis 1814 gelegentlich Gottesdienste in der Kirche gefeiert worden waren. Nun war außer der Kirchenruine einzig noch der zur Gastwirtschaft umgestaltete Westflügel erhalten, die dem Förster ein eher schlechtes denn rechtes Einkommen sicherte.

"Situation der Kloster Gebäude zu Allerheiligen. Aufgenommen im October 1803." Übersichtsplan zu einer Serie von Detailplänen, die im Zuge der Säkularisierung des Klosters angefertigt wurden (GLA Karlsruhe, Sign,G/Allerheiligen,Nr.2)Hatte die Regierung aufgrund des desolaten Zustandes der Kirche noch 1821 und 1824 deren Verwendung als Steinbruch erlaubt, so markierte das Jahr 1840 einen grundlegenden Wandel; nun stand der Schutz der Ruine im Zentrum der Bemühungen. Das Ministerium des Innern in Karlsruhe wies den in Allerheiligen wohnenden Waldhüter Mittenmaier an, dafür zu sorgen, "daß an der Klosterruine nicht weiter gewaltätig, wie dies mitunter früher der Fall war, ruiniert und namentlich keine Hausteine mehr von dem Mauerwerk herausgebrochen und gestohlen werden." Vermutlich erfolgte diese Weisung auf Betreiben von Mittenmaier selber, der damit begonnen hatte, die inzwischen zugewachsenen Gebäulichkeiten und die verkommene barocke Gartenanlage von "Baum und Strauchwerk" zu befreien und "ansehnlich" zu machen. Über das Forstamt führte er einen Kampf um die Erhaltung der Ruine und der wenigen noch erhaltenen Gebäude, wofür schließlich Mittel aus verschiedenen staatlichen Kassen, darunter sogar der Spielbank Baden-Baden, zur Verfügung gestellt wurden.

Typisch für die Zeit war, daß mit dem Interesse für die Ruine auch dasjenige für die umgebende Natur einherging. Zusammen mit seinem Vorgesetzten, Forstmeister Eichrodt, begann Mittenmaier 1840 die Wasserfälle zu erschließen und sie begehbar zu machen. War es zu Beginn ein 1-2 Fuß breiter Weg, der innerhalb der Felsabbrüche, über die der Lierbach in die sieben "Bütten" stürzte, mit Leitern verbunden war, so konnte diese schwindelerregende Konstruktion schon 1842 mit 100 Gulden aus der Großherzoglichen Hofkammer durch breitere Wege mit Treppen und festen Geländern ersetzt werden. Aus der Bauernwirtschaft entwickelte Mittenmaier allmählich einen Touristen- und Sommerfrischebetrieb, der zum obligaten Tagesausflug der Kurgäste Baden-Badens wurde. 1853 hatte Baedeker die Örtlichkeit besucht und nahm im folgenden Jahr Allerheiligen "mit prächtigen Wasserfällen, Klosterruine und besuchenswerter Gastwirtschaft inmitten ausgedehnter Hochwaldungen" in seinen Reiseführer auf, was natürlich wesentlich zum Bekanntwerden des Ortes beitrug, so daß bereits 1871 und 1887 Hotelneubauten entstanden.

Bald nach seiner Gründung im Jahr 1844 nahm sich in Würdigung der Verdienste Mittenmaiers der Altertumsverein für das Großherzogtum Baden als erste öffentliche Institution der Ruinen in Allerheiligen an. Bereits im 1846 erschienenen ersten Jahrgang seiner "Schriften" wurde auf S. 141. flüchtig mitgeteilt, daß vom Vereinsdirektor (und nachmaligen ersten Konservator von Baden) August von Bayer Reisen nach Lautenbach, Allerheiligen und Sinsheim unternommen worden seien, um an Ort und Stelle Aufnahmen und Vermessungen der Baudenkmale für die Vereinshefte vorzubereiten. Doch ausgerechnet die Aufnahmen von Allerheiligen wurden nicht publiziert; die wertvollen Beobachtungen von Bayers gingen verloren und galten seither als verschollen. Erst im Laufe unserer Recherchen wurden sie wieder entdeckt. In einer Meldung vom 23. Juni 1850 beschrieb die Rhein-Zeitung die Arbeiten von Bayers und berichtete von "ebenso großartigen, als malerischen Resten der Kirche von Kloster Allerheiligen, die bisher in chaotischen Trümmern lagen (...), die - in ausgedehnter Weise untersucht - vom Schutte gesäubert, die aus den Trümmern noch gewinnbaren Elemente wieder aufgestellt, und auch diejenigen Theile noch ausgegraben werden, welche Schutt und Gneus bedeckte." Berichte, Rechnungsunterlagen, Materiallisten, eine kurze Beschreibung sowie die wieder aufgefundenen Originalzeichnungen ermöglichten eine Rekonstruktion der ausgeführten Arbeiten. Neben Ausgrabungen sind es vor allem Sicherungsarbeiten am Mauerwerk, wie Stützmauern, Einzüge von Holzbögen, Notdächern und Drainagen, die schließlich solche Summen verschlangen, daß die Behörden von Bayer durch einen Extraboten "eine momentane Einstellung sämtlicher Arbeiten hiermit anordnen (...) zu müssen" glaubten. Doch von Bayer verteidigte sein Projekt vehement; seine Hartnäckigkeit führte zu einem längeren Briefwechsel, dessen vorläufigen Höhepunkt das Finanzministerium lieferte. "Als Kunstdenkmal hat dieselbe (Kirche) keine besondere Bedeutung; auch ist uns keine Anzeige bekannt, daß dort an geschichtlichen Denkmälern etwas Erhebliches zu suchen wäre." Eine solche Argumentation konnte von Bayer kaum zum Aufgeben bewegen; vielmehr gelang es ihm, Punkt für Punkt die Gründe für die ablehnende Haltung der Ämter zu widerlegen und schließlich sein Wunschprogramm durchzusetzen. Für die Vorhalle beispielsweise bedeutete dies (in den Worten Baurat Fischers): "Das Gewölbe soll ausgebessert werden und mit einem wasserdichten Mörtel versehen, auch mit Erde bedeckt und angepflanzt werden." Es sei weiterhin "diese Gewölbefläche samt dem Stirnbogen auszuschiefern und zu verkeilen oben und unten, sodann die Fugen zu bestechen. (...) Die Widerlager beiderseits des Stirnbogens müssen verbessert werden (...) mit gutem Verband mit dem übrigen Mauerwerk nach besonderer Angabe mit den vorhandenen Steinen (..) da der frisch mit Moosmauerwerk aufgeführte Zugang keinen schönen Anblick bietet. (...) Nach Wegbruch des genannten Zugang sollte das Terrain in einem Halbzirkel mit Böschung (...) angelegt werden, damit der Anblick gegen das sogenannte Vorzeichen offener und der Zugang ungezwungener aussieht." Da ein Schlußbericht der Unternehmung fehlt, kann nur aus verschiedenen Indizien, vor allem der zunehmenden Präzision der Kostenvoranschläge und dem Fehlen jeglichen Hinweises auf Differenzen zwischen Planung und Ausführung, geschlossen werden, daß wohl sämtiche von von Bayer geplanten Arbeiten auch ausgeführt wurden.

Zeichnungen der Ruine um 1844, vermutlich August v. Bayer im Archiv des LDA Karlsruhe.
In den folgenden Jahren ist einzig ein Bittbrief des Schmiedemeisters und einer Handvoll Mitbürger aus Ottenhöfen erwähnenswert, in dem diese 1862 "seine königliche Hoheit den Großherzog" ersuchen, nach in Allerheiligen vermuteten "noch geheimen Gewölben, worin sich auch werthvolle Gegenstände befinden" graben zu dürfen, was ihnen schließlich gegen eine "Caution von 200 Gulden" für eventuell verursachte Schäden gewährt wurde. Über den weiteren Verlauf der Aktion ist in den Akten nichts ersichtlich.

Geschichte des Klosters Allerheiligen im Schwarzwald - Hugo Schneider - die Ortenau 1978 / 348ff  arrowRight

1876, eine Generation nach der ersten Konservierungskampagne, ist es das Ministerium des Innern, das aufgrund der "gefahrdrohenden" Situation die Initiative ergreift und Konservator Kachel zum Handeln auffordert. Aber erst als dieser im darauffolgenden Jahr zufälligerweise einen längeren Kuraufenthalt im benachbarten Ottenhöfen verbringen muß, kann er sich - nun überdurchschnittlich intensiv - mit dem Monument beschäftigen. Kachel übt massive Kritik an den früheren Arbeiten: "die ganze Art und Weise der bisherigen Herstellungen ist fast ganz zwecklos zu bezeichnen", weil "namentlich in kunstgeschichtlicher Hinsicht kritikbar verfahren wurde." "Es handelt sich hier überhaupt nicht um das in folge 'Restautieren' sondern um das ganz bescheidene 'Conservieren' des Vorgefundenen." Konkret bemängelt er, daß gewisse Architekturglieder falsch vermauert wurden, der verwendete Mörtel ungeeignet gewesen und die Kirche durch Einbauten und die Wegführung verstellt sei, so daß ihre einstige Gestalt unlesbar geworden war. Um diesem Mißstand Abhilfe zu schaffen, seien "Wiederherstellungsarbeiten unvermeidbar, selbst wenn die Kosten derselben, die sich bei der Eigenthümlichkeit der Verhältnisse nicht sicher feststellen lassen, den in Aussicht genommenen Aufwand überschreiten."

Photogrammetrische Aufnahme der Kirchenruine aus dem Jahr 1979 anläßlich der Ruinensicherung. Längsschnitt durch den Kirchenraum mit Blick nach Süden (Staatl. Hochbauamt I, Freiburg, Außenstelle Offenburg/Bildmessung GmbH Müllheim)Aus nicht nachvollziehbaren Gründen verschob Kachel die Arbeiten mehrfach; erst auf massiven Druck der Domänendirektion nahm er sie dann im Juni 1878 in Angriff. Anfang Juli stand das Gerüst an der Vorhalle; einen Monat später waren nur schon für die Maurer bereits 208 Taglöhne fällig. Die Arbeiten gestalteten sich für die bis zu sechs Maurer, deren Zementbedarf (!) schlußendlich einige Tonnen betrug, als gefährlicher und aufwendiger als vermutet. Dennoch war es durch ausgesprochen umsichtiges Handeln des aufsichtsführenden Schloßbaumeisters aus Heidelberg möglich, die Kalkulation einzuhalten und mit Ausnahme der witterungsbedingten Verschiebung der Betonierung über dem Vorhallengewölbe sämtliche Arbeiten bis Mitte Oktober zu beenden. Bemerkenswert ist das differenzierte Vorgehen bei gänzlich neuen gegenüber nur restaurierten Mauern. Solche neuen Mauern ließ er im Langhaus nach Entfernen eines störenden Waschkücheneinbaus anfertigen: Die "fehlenden Eckstücke der Kirchenmauern wurden hier durch Trockenmauerwerk (...) ersetzt, so daß der innere Raum hier jetzt wieder eine geschlossene Ecke zeigt. Diese Mauern, die nicht zum ursprünglichen Bau gehören, wurden mit Epheu bepflanzt." Alte, zum Teil ergänzte Mauern dagegen wurden "hierauf mit einer Zementschicht abedeckt und mit Rasen belegt, eine Schutzmaßregel, welche auch bei sämtlichen übrigen Mauern mit Ausnahme des Trockenmauerwerks in Anwendung kam."

1887 bemühte sich der amtierende Landeskonservator und Direktor der neu eröffneten "Großherzoglichen Alterthümersammlung" Wagner, die "sehr interessanten Fragmente, sculptieren Säulenkapitäle, Gewölbeschlußsteine mit Apostelköpfen", die in Allerheiligen herumlagen und "deren allmählicher Untergang zu befürchten" stand, "in der Gr. Alterthümersammlung, der es an gothischen Stücken ohnedem noch fast ganz fehlt, unterzubringen." Die Domänendirektion billigte zwar Wagners Begehren, klärte den Antragsteller jedoch zugleich über seine eigentliche Aufgabe als Denkrnalpfleger auf: "Da es zu den Obliegenheiten des Großh. Concervators gehön, die Erhaltung der Alterthümer nicht allein in der Alterthumshalle, sondern auch an Ort und Stelle zu fördern", sollten "verbleibende Stücke (...) der Witterung entzogen werden" und in der Vorhalle für Besucher ausgestellt werden, ein Vorhaben, dem Wagner nach längerem Briefwechsel schließlich zustimmte. Zugleich war eine erneute Restaurierung fällig, denn das Mauerwerk der 20 Meter hohen freistehenden östlichen Wand der Vierung war schon wieder derart schadhaft, daß "ganze Mauertheile herausgenommen und durch neues Mauerwerk ersetzt" werden mußten. Die Eindeckung der Kapelle erwies sich als vollständig morsch und faul, so daß das ganze Dach abgetragen und neu eingedeckt werden mußte. Statt mit näheren Berichten darüber, was konkret ausgeführt wurde, endeten die Arbeiten in Allerheiligen mit heftigen Differenzen: "Die Fähigkeiten des derzeitigen Vorstandes der Bezirksbauinspektion Achern zur Versehung des Dienstes in ordnungsgemäßer Weise, wurden mit jedem Tage geringer und kaum eine Arbeit des Letzteten ist mehr zu gebrauchen."

Die Interventionen in den ersten jahrzehnten unseres Jahrhunderts seien nur kurz resümiert: Im Rahmen der Kunstdenkmälerinventarisation fanden 1902 Grabungen statt, von denen es im entsprechenden Inventarband dann hieß: "So ziemlich das ganze Langhaus wurde in einzelnen Grabenzügen auf Baureste durchwühlt und auch einiges gefunden, ..." 1913/14 empfahlen die Denkmalpfleger, nachdem sie auch amtsfremde Personen in den Entscheidungsprozeß mit einbezogen hatten, eine "fortgesetzte sorgfältige Beobachtung" der Ruine. U. a. durch präzise Lotungen und "durch sog. Gipspfeifen" sollte festgestellt werden, "ob die vorhandenen Sprünge sich noch erweitern." Erstmals taucht hier in Allerheiligen ein zukunftweisendes Konzept auf: ständige Kontrolle mit Objektivierung der Einzelbeobachtungen mittels technisch unterstützter Maßnahme. Interessant ist auch, daß man sich veranlaßt fühlte zu bemerken: "An dem historischen Bestand wird durch die in Aussicht genommenen Maßnahmen nicht gerührt" Die "Erhaltung des Bestandes" stand fortan eindeutig im Vordergrund.


1937/38 erfolgten wiederum umfangreichere Sicherungs- und Konservierungsarbeiten, die vom Referenten für Denkmalpflege im Berliner Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung nach einem Augenschein "als mustergültig anerkannt" wurden. Ein abschließendes Beispiel belegt die dabei angewandhe Sorgfalt - aber auch die Folgen einer Unkenntnis der Restaurierungsgeschichte.

Gesamtplan der Grabungsbefunde (1978) im Bereich des Kreuzgang-Ostflügels (LDA Freiburg)Wir erinnern uns, wie 1878 das Langhaus-Südschiff durch eine Trockenmauer ergänzt wurde: Man arbeitete erkennbar, zerstörungsfrei und reversibel. Sechzig Jahre später gab die nördliche dieser Trockenmauern größten Anlaß zur Sorge und stand "fast unmittelbar vor dem Absturz", "weshalb an diesen Theilen der Ruine zu allererst (!) mit Sicherungs- und Festigungsarbeiten begonnen werden muß." "Abbruch und Wiederaufbau der vollkommen unhaltbaren und geborsteten Mauerteile an den nordwestlichen Eckpartien" war nach einmütigem Urteil unvermeidbar. Nun aber folgte ein den Bürgern von Schilda würdiges Handeln. Man reagiere nach bestem Wissen und dachte dennoch nur eine letztlich unnütze Tat zustande. "Den Abbruch- und Ausbesserungsarbeiten hat eine genaue (zeichnerische) Maßaufnahme vor allem der gefährdetsten Teile außen und innen voranzugehen, die noch durch photographische Detailaufnahmen zu ergänzen sind, damit bei Wiederaufmauerung der alte Charakter des bestehenden Mauerwerks bis in seine Einzelheiten als Vorbild dienen und gewahrt werden kann." Drei der höchsten Dienstgrade des Amtes mußten nach Allerheiligen ausrücken, um persönlich exakte Maßzeichnungen anzufertigen. Mit ungeheuerem Aufwand wurden die geeignetsten Maurer mit dieser Aufgabe betraut: keinem anderen Bauteil wurde in Allerheiligen je größere Aufmerksamkeit zuteil. Hätte man 1938 die Akten studiert, - man hätte viel Geld und Zeit gespart und damit vielleicht die Möglichkeit gewonnen, wie sechzig Jahre zuvor Kachel, einen Abschlußbericht zu verfassen.

Neuerliche Ansätze einer Instandsetzung und Sicherung der Ruinen werden aus den Akten seit Ende der 50er jahre erkennbar. Sie unterblieben jedoch mit Ausnahme kleinerer Reparaturen zugunsten von Modernisierungsarbeiten an Gaststätte und Kinderheim, das in den Gebäuden der Hotels des späten 19. Jahrhunderts eingerichtet worden war. Dabei wurden auch ohne große Bedenken durch Aufgrabungen für Leitungsgräben, Kläranlage, Müllboxen usw. vor allem im Konventbereich immer neue kleinere und größere Störungen und Zerstörungen hervorgerufen. So wurden die wohl spätmittelalterlichen Gewölbekeller des Südflügels für den Einbau der Heizöltanks bedenkenlos zerstört. Von begleitenden Dokumentationen, wie sie alle vorhergehenden Arbeiten seit Mitte des 19. Jahrhunderts immer wieder nach ihren Möglichkeiten durchführten, keine Spur.

Die in Verbindung mit der Neugestaltung des Hofes hinter der Gaststätte - im ehem. Konventbereich - 1978/79 durchgeführten archäologischen Untersuchungen machten gerade auch die gedankenlosen Zerstörungen der vergangenen 25 Jahre besonders deutlich. Im Zuge der 1980 begonnenen umfassenden Sicherung der Ruine wurden die Baubefunde der Ausgrabung im Kreuzgang Ostflügel, ehem. Sakristei usw. sichtbar konserviert. Mit den nunmehr zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln der Photogrammetrie wurde der gesamte Baubestand maßstabgerecht dokumentiert, womit eine seit Mitte des Jahrhunderts fast lückenlos belegbare Tradition der Baudokumentation fortgesetzt wurde. Bei der Ruinensicherung verfolgte man weitgehend die Grundsätze, die bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Leitschnur dienten: im wesentlichen reparieren, nur "Conservieren des Vorgefundenen", wie es Kachel 1877 kritisch abwertend beurteilte. Wo irgend möglich, versuchte man, auf moderne Baustoffe, insbesondere Zementmörtel, zu verzichten. Anders allerdings bei statisch gefährdeten Bauteilen, wie dem Gewölbe der Vorhalle. Ob mit diesen Grundsätzen die Oberflächenbehandlung des Mauerwerks mit Chemikalien zur Vermeidung von Bewuchs vereinbar war, muß aus heutiger Sicht bereits wieder in Frage gestellt werden. Auch bei den letzten Instandsetzungsarbeiten blieben z.B. die baugeschichtlichen Fehldeutungen am Ende des Schiffs durch die Sicherungsarbeiten von 1938 unbemerkt und stellen also auch heute noch dem Betrachter einige verwirrende Rätsel.

Einen sicher wiederum vorläufigen Abschluß bildet die Einrichtung eines Dokumentationsraumes, in dem Baugeschichte, Klostergeschichte und die Entwicklungen der Wiederentdeckung der Ruine und der Versuche ihrer Instandsetzung dargestellt werden. Dieses soll auch noch durch einen gedruckten Führer ergänzt werden.

*Die Krankheit des im Dezember 1993 verstorbenen Autors verunmöglichte ihm, seine Forschungen noch selber zur Publikation vorzubereiten. Im Andenken an lic. phil. Jörg Sigwart haben lic. phil. Carola Jäggi und Dr. Hans-Rudolf Meier diese Arbeit übernommen.

Zum Nachweis sämtlicher Zitate verweisen wir auf das im Landesdenkmalamt Baden-Württernberg, Außenstelle Freiburg, Referat Archäologie des Mittelalters, einsehbare Manuskript der Lizentiatsarbeit.

Literatur
Eva Zimmermann, Die Klosterkirche von Allerheiligen (Diss. Freiburg 1948).
Hugo Schneider, Geschichte des Klosters Allerheiligen im Schwarzwald. Die Ortenau 58, 1978, 348-387.
Hansmartin Schwarzmaier, Die Gründung des Prämonstratenserklosters Allerheiligen. Ein Beitrag zum Thema "Staufer-Zähringer-Welfen". In: Person und Gemeinschaft im Mittelalter, Karl Schmid zum 65. Geburtstag (Sigmaringen 1988) 433-454.

Max Wingenroth 1902 - Allerheiligen im Schwarzwald - ausführliche Beschreibung der Ruine  arrowRight

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Das Lierbacher (Ober) Tor - Oppenau


Von der ehemaligen Befestigung steht nur noch das Tor gegen das Lierbachtal zu, das wohl nach dem Brande im 16. Jh. erneuert wurde; es öffnet sich in einfachem abgefasten Spitzbogen gegen das Tal zu, flacher Bogen gegen die Stadt, mit steinernen Halten für die AngelnViele Worte verliert Wingenrot über das Lieberacher (Ober) Tor in seinem Badischen Kunstführer nicht. Allerdins zeigt er bereits das Glasbild in der Johannes-Kapelle - in einem 1908 sicher noch aufwendigen Druckverfahren - wie weiter unten dargestellt wird.

"Von der ehemaligen Befestigung steht nur noch das Tor gegen das Lierbachtal zu, das wohl nach dem Brande im 16. Jh. erneuert wurde; es öffnet sich in einfachem abgefasten Spitzbogen gegen das Tal zu, flacher Bogen gegen die Stadt, mit steinernen Halten für die Angeln. Außen am Scheitel in Stuck angeklebt in Rocaillekartusche das bischöflich Rohansche Wappen." (Max Wingenrot - Kunstdenkmäler des Großherzogtums Baden, Tübingen 1908 - 280)

über die Bauanlage der Stadt Oppenau - Die Ortenau 1910-11 / 46ff - Josef Ruf

Oberhalb der Stelle, an der sich die Rench mit der Lierbach zur eigentlichen Rench vereinigt, dehnt sich, der Lierbach nach, das Städtchen Oppenau aus. Es hat heute hauptsächlich seine Bedeutung als Ausgangspunkt nach den berühmten Rench- und Kniebisbädern sowie dem Kloster Allerheiligen. Es bildete von jeher einen zentralen Punkt des "Hintergetöses" im Renchtale - Hintergetös und Vordergetös sind durch eine Gebirgsenge, das Getös, bei Hubacker getrennt und seit alten Zeiten erwähnt - und hatte in älteren Zeiten schon dadurch eine grosse Bedeutung, daß es an einer uralten, über den Kniebis führenden Heer- und Verkehrsstraße liegt, die hinter Oppenau "an der Steig" emporstieg und ehemals ein Glied des kürzesten Verbindungsweges zwischen Wien und Paris bildete. Der Ort wird indessen erst zirka 1070 genannt. Ursprünglich anscheinend Reichsgut kam er 1316 unter König Friedrich von Habsburg, dem Gegenkönig Ludwigs des Bayern, durch Verpfändung in die Hände der Bischöfe von Straßburg, die ihn wie Oberkirch zur Stadt erhoben und befestigten. Von diesem Ereignisse an wird von der Anlage Oppenaus - dessen Stadtmauern jedoch erst 1383 erstmals erwähnt werden, während die Stadterhebung wohl weiter zurückdatiert - des näheren gesprochen werden können.

Die ersten planmäßigen Anhaltspunkte über die Anlage der Stadt gibt uns kein Geringerer als der berühmte Baumeister Heinrich Schickhardt, jedoch erst aus dem Jahre 1615. In seinen von Heyd 1902 herausgegebenen Handschriften und Handzeichnungen ist zu lesen (S. 349): "oppenaw ist den 21. Aug. 1615 biß an dreü Heiser faßt allerdings auff dem Boden henweg verbrunen, daher Ir F G. (Fürstliche Gnaden) mich auch in Gnaden abgefertigt und befohlen, das (daß) ich ein Abriß zu der ganzen Statt machen soll, wie dieselbig in besserer Ordnung, dan sie vor (vorher) gewesen, wiederumb mecht zu erbauwen sein, welchem ich auch gehorsamlich nachgesetzt". Von den aus diesem Aulaß hergestellte Rissen Schickhardts besitzt dass königl. Staatsarchiv zu Stuttgart - Bausachen Nr. XXIV - deren drei, von denen wir zwei hier wiederzugeben in der Lage sind. Der eine, jener mit den zahlreicheren Örtlichkeitsbezeichnungen, ist wohl das Konzept, während der andere die Ausarbeitung sein wird(1). Mit Hilfe dieser Risse läßt sich die ursprüngliche Anlage gegenüber der heutigen Ausdehnung der Stadt genau feststellen.

Gehen wir von dem mit "Kürch" bezeichneten Punkte der Ausarbeitung aus. Wir sind hier "an der Kapell" beim heutigen Hause des Küblers Adolf Schweiger. Von hier wenden wir uns östlich, zwischen der heute in spärlichen Trümmern liegenden Burg Friedberg und den am Fuße des Berges an der "Waldgasse" gelegenen Häusern hindurch bis zu der Stelle, wo eine etwas schräg ziehende Linie vom Hause des Sehreinermeisters Hoferer von der Hauptstraße her ausstößt. Beim Hause des Herrn Hoferer stand ehemals das "obere Tor", auch "Schwabentor" genannt, quer über die Straße, bis es im Jahre 1782 etwa um 179 Fuß weiter talaufwärts an seine heutige Stelle gerückt wurde. Vom Tore zieht die Linie der Stadtumgrenzuug über den Mühlbach bis hin zur heutigen "hinteren" Bachgasse, dann dieser entlang bis zu ihrem westlichen Ausgang, hierauf der Lierbach entlang — im Konzept mit ihrem mittelalterlichcn Namen "Nord-Wasser," d. h. nördlichcr Arm der Rench, angeführt - bis zum Garten der Frau André, wo die westliche Stadtbegrenzungslinie auffstößt. In ihr lag das "untere Tor" in der Gegend des Hauses des Herrn Bürgermeisters Huber. Über den Platz des heutigen Schulhauses zog die Grenze bis etwa hinauf zum Kapellenwege dem entlang die Grenze wieder zu unserem angenommenen Ausgangspunkt führte.

Oppenauer Stadtplan von Heinrich Schickartdt 1615Daß sich der von Schickhardt entworfene Stadtanlegungsplan in der eben heschriebenen Weise der heutigen Stadtausdehnung einfügen läßt, beweisen mehrere Tatsachen.

Daß das "obere Tor" in der angegebenen Gegend über die Straße stand, geht aus einer Abschrift der bei Gelegenheit der Torversetzuug 1782 in den Grundstein eingelegten Urkunde(2) hervor. Sie lautet:

Primum me Lapidem Angularem Portae huius a priori situ in publica Platea habito ad 179 pedes anterius protractae et ad meliorem Loci Clausuram Neo-aedificatae

Sub Papa Rom. Pio VI., Imp. Josepho II. austriaco, Principe et Episcopo Argentino Ludovico Renato Eduardo de Rohan, Oberambtmanno D. Joan. Nepom. Tschammerell, Parocho R. D. Carolo Walter Canonico, Superiore Hospitii fratrum Capucinorum P. Secundo ex Meningen, Physico Franc. Josepho Krapf posuere

Ludovicus Donatus Liechtenauer Schultetus
et Fidelis Jockerst Staabhalterus,
Anno 1782 Die Mensis Junii, Structoribus
Josepho et Antonio Weißhaar
Germanis et Civibus huius [civitatis].

Quod opus Deus Ter Opt. Max. cum omnibus sanctis suis in salutem et praesidium in-et accolarum, praesentium et futurorum Benedicat, Amen.

"Als den Grundstein dieses Tores-, das von seinem früheren Standort auf dem öffentlichen Platze um 179 Fuß vorgerückt und zu einem besseren Abschluß des Ortes neu aufgebaut wurde, legten mich:

Unter dem römischen Papste Pius Vl., unter dem Kaiser Joseph II., dem Österreicher, unter dem Bischof vou Straßburg Ludwig Renatus Eduard von Rohan, unter dem Oberamtmann Herrn Joh. Nepom. Tschammarell, unter dem Pfarrer dem Hochw. Herrn Kanoniker Chorherrn Karl Walter, unter dem Oberen des Hospizes der Kapuzinerbrüder Pater Secundus aus Menningen, unter dem Physikus (Amtsarzt) Franz Joseph Krapf:

Ludwig Donat Liechtenauer Schultheiß
und Fidelis Jockerst, Stabhalter
im Jahre 1782, an einem Tag des Monats Juni.
Baumeister waren Joseph und Anton Weißhaar
Deutsche und Bürger dieser Stadt.

Es segne dieses Werk der dreimal gütige, große Gott mit allen seinen Heiligen zum Heil und Schirm der Ein- und Anwohner der gegenwärtigen und zukünftigen Amen."

Bei der Herstellung der städtischen Wasserleitung l901 / 2 fand man in eben der Gegend des älteren Torplatzes im Boden verschiedene Reste der Holzteile und Mauerwerk in der Dicke von 2 m 20 cm(3) als Überbleibsel dieser östlichen Stadtbefestigung; die gleichen Funde wurden auf der südlichen Seite gemacht, wo die Stadt sicher durch einen Wassergraben

gegen Angreifer geschützt war. An den Standort dieses Tores, das übrigens auf einer sich in meinem Besitze befindlichen Ansicht Oppenaus von 1804 noch erscheint, knüpft auch die volksmundartliche Bezeichnung eines Hauses mit "s Thorbecke" an, und einen sichern Anhaltspuukt für die behauptete Wasserbefestigung bietet uns die Einzeichnung eines Befestigungsgrabens in das Konzept des Risses Schickhardts; diesem Graben wurde das Wasser wohl vom Schloßbächle her zugeführt. Ein weiterer Beleg ist die volksmundartliche Bezeichnung eines Teiles dieses Geländes mit "beim Weiher" und die traditionelle Bezeichnung eines Ahnwohners mit "Weiherbur". Das oberhalb des Städtchens in mäßiger Höhe am Fuße des Schloßgrundes, einem Vorsprung des Burgerwaldes (d. h. des Waldes der Burger) des früheren "Burgwalds," liegende Schloß Friedberg mit etwa 300 qm Fläche, die nunmehr Eigentum des Metzgers Winter ist, hat Schickhardt in seinen Plan nicht einbezogen. Es ist seit 1615, da es mitverbrannte und bis zu welcher Zeit es von der Zeit der Stadtbefestigung ab möglicherweise einen Teil dieser gebildet haben mag, nicht mehr aufgebaut wordeu(4). Die natürliche Stadtbefestigung gegen Süden bildete dass "Nordwasser".

Nach der allgemeinen Annahme, die sich indessen wissenschaftlich nicht stützen läßt, soll Noppenau oder Oppenau, ausgelegt als Au des Noppo oder Oppo,(5) gekürzt aus Odbert oder einem ähnlichen Namen, doch wohl nur in seiner früheren Zeit von der aus den Rissen Schickhardts hervorgehenden Lage wesentlich verschoben sich ausgedehnt haben. Hiernach wäre es weiter südwestlich gelegen gewesen, d. h. unterhalb des Kirchhofes in der heutigen Vorstadt, weshalb wohl auch die alte Pfarrkirche in dieser Gegend lag; doch kann sie auch deshalb, weil sie in der Enge der Stadtmauern keinen Platz hatte, an diese Stelle gebaut worden sein. Der Ort lag also hier in der Au, d. h. im nieder gelegenen Gelände. Die Tradition weiß heute noch davon zu erzählen, daß die Verlegung Oppenaus von hier in seine spätere Lage durch die Notwendigkeit, eines trockeneren Bodengrund zu gewinnen, geboten gewesen sei. Tatsache ist, daß das für die ehemalige Lage angenommene und heute größtenteils mit Kies und Sand angeschwemmte Gelände noch erkennen läßt, wie sumpfig es ehemals gewesen sein muß.

Schickhardt hat in der Ausarbeitung seines Planes vermutlich wohl am meisten auf die Trockenlegung der Stadt und dabei ans die Ausnützung des Platzes durch Einlegung entsprechender Straßen Bedacht genommen. Jnteressant ist auch die Einzeichnung einer "Mül", die in der Stadtmühle (heute Küblerei Schweiger) an ihrer Stelle noch auf uns gekommen ist. Ebenso die Einzeichnung des "Rhathaus" und "Ampthaus", deren eines davon noch im alten Gasthaus "zum Adler" war und nach einem beim Neubau 1895 auch in das neue Gebäude übernommenen Inschriftenstein 1616 erbaut worden war. Im Laufe der Zeiten hat sich nun das Stadtgebiet aus diesem "Heimburgertum" erheblich erweitert. Oberhalb des oberen nnd jetzt noch einzigen Tores(6) setzt hinter der Einmündung der Maisach die "Ansätze" ein, nach der Volksmeinung so geheißen, weil die früher nach Schwaben zahlreich durchziehenden Fuhrwerke hier die Vorspann "angesetzt" hätten, vielleicht aber auch so geheißen nach den Bewohnern als "Ansitzenden" oder Hintersassen, den Bürgern niederen und minderen Rechtes als die Stadtbürger. Unterhalb der Gegend des unteren Tores bildete sich die "Allmend," wo heute die Pfarrkirche steht. Unterhalb der Allmend dehnt sich die Vorstadt "Beilerstadt" aus, die angeblich nach einem Manne mit Namen "Beiler," tatsächlich jedoch so genannt ist, weil sie gewissermaßen ein "Anbau" (Anbäule) an die alte Stadt ist; sie wird auch "das Dorf" genannt; ein Teil davon heißt heute noch "die Insel". Die Bezeichnung "das Dorf," die schon 1395 vorkommt, deutet bestimmt auf seine ehemaligen Bewohner als Hintersassen.

Das von Schickhardt festgelegte Stadtgebiet hat also insbesondere seine Merkmale verloren durch die Hinausrückung des "oberen Tores" am Ende des 18. und durch die Beseitigung des "unteren Tores" im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts, sowie die Abbrechung der Kirche "an der Kapell", kurze Zeit später(7). Heute umfaßt das Stadtgebiet natürlich all die früher von den Hintersassen eingenommenen Niederlassungen. Auch gehören zn ihm die zerstreut an den Bergeshängen liegenden Bauernhäuser und früheren Niederlassungen der Hintersassen am "Guckinsdors", - das nach der Volksmeinung wegen des schönen Augsgucks in den eben erwähnten Stadtteil "Dorf" so heißt, ferner die am Holiswald, am Bocksberg, am Ottersberg, am Farrn, am Alberstein, am Überknie und im Eichelbach. Da wohl wenigen Oppenauern bekannt war, daß die Hand eines so berühmten Baumeisters wie Schickhardt den Plan für den Teil, der heute etwa das Herz des Stadtgebiets bildet, nach dem traurigen Brande der Stadt von 1615 schuf, so wollte ich diesen Plan hier ans Licht ziehen und ihn mit einigen Worten begleiten.(8)

Anmerkungen:

1.) Schickhardt hatte sich insbesondere auch durch Reisen nach Italien ausgebildet und sich zeitlebens mit unermüdlichem Fleiße betätigt. Zu seinen wichtigsten Schöpfungen gehören u. a. das Kollegium zu Mömpelgard (1598 - 16002), der "neue Bau" zu Stuttgart (1599 - 1607), die Kirche St. Martin zu Mömpelgard (1601 bis 1607), der Prinzenbau zu Stuttgart (begonnen 1601), die Kirche zu Göppingen; aus all diesen Bauten ist eine gewisse Verwandtschaft tnit italienischer Renaissance zu erkennen. Von seinen Städtebauten sind besonderes hervorzuheben Schiltach von 1590, der Bau der Neustadt in Möpelgard (1598) und vor allem die Anlage Freudenstadts von 1599 mit der in sonderbarer Winkelform angelegten Kirche. (Vergl. insbesondere hierzu Baum, Die Anlage von Freudenstadt in der Zeitschrift für Geschichte der Architektur (1909, Heft 2). Auch zum Aufbau der Stadt Oberkirch von 1615 hat Schickhardt den Plan gefertigt; eine von dem an anderer Stelle dieses Heftes mehrfach genannten Maler Walz gefertigte Kopie beruht auf diesem Plan. über seine Tätigkeit und über seinen Bildungsgang usw. hat er genaue Aufzeichnungen hinterlassen, die in Stuttgart noch verwahrt werden und eine gerechte Würdigung seiner Persönlichkeit und seines Schaffens gestatten. An weiterer Literatur über ihn sei noch angeführt: Heinrich Schickhardts, Baumeister von Herrenberg, Lebenbesehreibung, entworfen vou dem Riegierungspräsidenten von Gemmingen, Tübingen 1821 Württembergisches Jahrbuch V. Heft, 1882; Wintterlin, Württembergische Künstler, 1895, S. 11ff. Schickhardt war geboren am 5. Februar 1558 zu Herrenberg und starb am 31. Dezember 1634 in seiner Heimat, nachdem er zwanzig Tage vorher von roher Kriegerhand verletzt worden war. - Mit der angeführten Angabe, daß Oppenau 1615 "biß an dreii Heiser" verbrannt sei und ebenso mit dem Datum des Unglückstages steht eine andere überlieferung, die sich auf eine Inschrift auf einer Scheibe eines Chorfensters aus der Evangelienseite der Oppenauer Pfarrkirkhe stützt, im Widerspruch. Ein Bär, das Sinnbild der Stärke-, hält eine Fahne, auf der sowohl das Wappen von Oppenau (ein Torhaus mit zwei flankierenden Türmen, von Mauern und Zinnen umgeben), als auch des damit "verbundenen Wesens" (städtischen Gemeindewesens) von Oberkirch (ein Kirchlein) dargestellt ist. Außerdem findet sich das Wappen von Oppenau noch einmal besonders. Die Inschrift lautet:

Oppenauer BaerAlls wardt gezalt nach geburt Christi
im Monat den dreysigsten Augusti
Eintausendt Sechshundert fünfzehn jar,
da war Oppenaw in höchster gefahr,
Durch ein enstanden Schröckliche Brunst,
Es war alles Löschen umsonst
Daß gantze Stättlin ...bbronen ist.
Nicht ein haus; uffrecht gebliben ist
Nachmalen dises Ratthauß
Allerdings von Ney...
durch nachgesetzte...t
Wider gebauwen un
Daher sich keiner N...
...wolle sy ferner vor B....er
Ihnen nach diesem zu...n
Auff absterben daß...r
Amen daß werde auch...
Gott behüett weiter vor Feu...

Vgl. auch Kunstdenkmäler des Großherzogtums Baden, Vll. Band, Kr. Offenburg, S. 282, wo auch eine gute Illustration nach Photographie beigegeben ist, während die Wiedergabe der Inschrift im Text dort (S. 283) mit dem Originaltext nicht ganz übereinstimmt.

[Kapellenfenster mit Oppenauer Bär (Abbildung rechts) eingefügt aus Wingenrot ebenda]

Die Scheiben - es ist noch eine weitere im linken und mehrere andere im rechten Chorfenster - stammen nach einer a. a. O. S. 281 festgehaltenen, leider nicht mehr nachprüfbaren Angabe non Caspar Rotgießer, Daniel Lindmayr, einem der berühmtesten Schweizer Zeichner für Glasgemälde, oder Barth. Link (?) und von einem Schüler des letzteren und zwar aus der Zeit von 1588—1617. Sie dürften wohl alle aus dem alten Rathause hierher verbracht worden sein. Sechs weitere von hier stammende Scheiben sind nach Schloß Staufenberg bei Durbach gelangt. Die Verschiedenheit in der Datierung des Brandes bei Schickhardt und auf der Glasscheibe erklärt sich wohl aus de Wechsel zwischen altem julianischen und neuem gregorianischen Kalenderstil. Der 2l. August 1615 alten Stils (bei Schickhardt) ist allerdings nicht der 30. August (wie in der Inschrift, sondern der 31. August neuen Stils. Die Angabe des Jahres mit 1515 bei Zentner, Renchtal beruht auf einem Irrtum.
2.) Im Stadtarchiv Oppenau
3.) In anerkennenswerter Weise hat man aus Teilen des gefundenen Eichenholzes damals ein kleines Büchergestell hergestellt, das heute im Ratszimmer zu Oppenau steht.
4.) Da die Burg Friedberg bereits 1013 abbrannte, so ist es auch möglich, daß der in der Ruine liegende Türsturz mit der älteren Jahrzahl 1574 früher einen anderen Standort gehabt hat. Bei der Verpfändung Noppenaus durch König Friedrich an den Bischof Johann von Straßburg, den Herrn der Herrschaft Oberkirch, 1316, lag die Burg bereits auf einem Eigengut (allodium in valle Noppenau situm), dass der Bischof 1319 dadurch erwarb, daß er dem Kloster dafür ein bei der Ullenburg zu Tiergarten gelegenes Gut abtrat. Vgl. Schoepflin, Alsatia diplomatica, II 124, wo der Urkundliche Ausdruck "allodium...in quo castrum Fridperg cum oppido cidem castro contiguo tde novo aedificatum esse dignoscitur" sich wohl nicht auf einen vollständigen Neubau der Burg, sondern nur auf einen Umbau oder auf eine Errichtung an ihrer heutigen Stelle dicht oberhalb der Stadt am Kapellenberg bezieht, während sie früher weiter oben beim Pavillon oberhalb des Friedhofs gelegen sein mochte. Reste sind indessen dort nicht zu finden.
5.) Mone, Die bildenden Künste im Großherzogtum Baden, ehemals und jetzt, XIV. Bd., 1890, S. 105, führt den Namen Nopp, Noppel (Jakob) als in der Ortenau erhaltenen niedersächsischen Familiennamen, die früher Spottnamen waren u. a. an.
6.) Das Tor öffnet fich mit Spitzbogengewölbe. An seiner äußeren Seite (gegen Lierbach) ist ein größeres bischhöflich Rohan'sches Wappen in weißem Stuckwerk angebracht. Das Hauptwappen des Prinzen und Kardinals Ludwig Renatus von Rohan-Guémenée (1771-1803), Fürstbischofs von Straßburg, nimmt den inneren Herzschild ein, der senkrecht gespalten ist. Im ersten Feld auf Rot in drei Reihen neun durchbrochene goldene Fensterrauten. Im hinteren Feld ein Hermelin (wegen der Besitzungen der Rohan in der Bretagne), Das äußere Herzschild zeigt die hohe Verwandschaft dieses Prinzen an und ist geviert (quadviert): im ersten und vierten Feld die kreuzförmige goldene Kette in rotem Schild, im zweiten und dritten Feld die qoldenen Lilien von Frankreich in blaunem Schild. Das die beiden Herzschilde umgebende Hauptwappen ist wieder geviert: Das erste und vierte Feld enthält in rotem Schild den bischhöflich Straßburger silbernen rechten Schrägbalken. Dieser erscheint auch im zweiten und dritten Feld, nur ist er hier beiderseits mit je fünf Spitzen besetzt, welche die Landschaft Nieder- oder Unterelsaß bedeuten. Über dem ganzen Wappen ein Fürstenhut und darüber ein breiter rotseidener Kardinalshut; das Wappen stammt also aus der Zeit nach 1778, da Roban erst in diesem Jahr Kardinal wurde. Darum hängt ein purpurner Wappenmantel, innen mit Hermelin gefüttert, zu den Seiten des dergestalt mit Zeichen überladenen Wappens herab. - Ein Gelaß beim Tor heißt heute noch "das Zollstüble", weil in ihm die "Zölle" erhoben wurden. - Erfreulicherweise hat die Stadtverwaltung in bestimmte Aussicht genommen, das Tor fachgemäß erneuern zu lassen und so zu seiner Unterhaltung im altertümlichen Stile und zu seinem besseren Schucke beizutragen.
7.) Im Besitze des Verfassers ist eine wohl mit ziemlicher Sicherheit aus dieser Kirche stammende Holzskulptur, in zweidrittel Lebensgröße, wohl den hl. Gallus (550 - 645) darstellend. Zu Füßen des Heiligen sitzt ein Bär mit einen Holzstrunk. Weil ein Bär nach der Legende dem hl. Gallus im Arboner Forst während der Nacht den Rest der Mahlzeit aufgezehrt hat und dafür Holz herbeischleppen mußte, stellen die Bildhauer den genannten Heiligen stets mit einem Bären zu Füßen dar. Verbürgtermaßen hat das Bild 1781 der Horber Bildhauer Hilarius Geiger angefertigt. Herr Stadtpfarrer Stahl in Horb hat über ihn aus den Trauungs-, Geburts- und Totenregistern das folgende in liebenswürdiger Weise erhoben: Hilarius Geiger, Bildhauer, ist am 8. Februar 1734 in Schömberg, einem Städtchen im Oberamt Rottweil (doch gibt es auch ein Dorf SchÖmberg im Oberamt Calw) geboren, als Sohn eines Johannes Geiger. Er verehelichte sich in Horb am 14. September 1768 mit Victoria Erath, die am 29. August 1827 in Horb starb. Hilarius stavb am 7. September 1808. Er hatte vier Kinder, die jetzt längst gestorben sind. Herr Bildhauer Klink in Horb konnte diese Feststellungen noch ergänzen. Ihm ist früher erzählt worden, daß die meisten der Barockfigürlein, die in Horb und Umgebung erhalten sind, von einem in Horb ansässigg gewesenen Bildhauer stammen, namens Geiger. Nach Ansicht Klinks ist es nicht ausgeschlossen, daß es sich um diesen Hilarius Geiger handelt. Der Gewährsmann Klinks, Hausch, hatte durch seinen Vater, den Zimmermann Hausch, der sich viel mit Aufzeichnungen aus der Horber Lokalgeschichte beschäftigte, von diesem alten Künstler gehört, aber schriftliche Notizen über ihn waren in seinen Aufzeichnungen nicht zu finden.
8.) Notizen von Herrn Gutsbesitzer Carl CHrist in Ziegelhausen habe ich insbesondere einiges zu den Anmerkungen 4 und 6 entnonmen.

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Allerheiligen-Wasserfälle Oppenau


Die Wasserfälle gehörten über Jahrhunderte zum Kloster Allerheiligen, von dessen Ruinen sie nur wenige hundert Meter entfernt sindDas umgebende kristalline Grundgebirge des nördlichen Schwarzwalds besteht aus Zweiglimmergranit, der zu Klippenbildungen neigt. Die etwa 100 Meter hohen Wände beiderseits der Fälle bestehen jedoch aus noch widerstandsfähigerem Porphyr, der das Gebiet gangförmig durchzieht und hier vom Grindenbach angeschnitten wird. Dass der Bach aus dem nur 4,5 km² umfassenden Einzugsgebiet stark genug gewesen ist, eine so tiefe Schlucht in den Fels zu schneiden, liegt an den hier sehr hohen jährlichen Niederschlagssummen (um 2000 mm/Jahr) und am großen Gefälle zur nahen Oberrheinebene hin. Die auffällige Kaskadentreppe lässt erkennen, dass in den „Bütten“ am Fuß der Fallstufen die größte Erosionsleistung wirksam ist. Insbesondere bei Hochwasser trägt hier auch die Kavitation dazu bei.

Die Wasserfälle gehörten über Jahrhunderte zum Kloster Allerheiligen, von dessen Ruinen sie nur wenige hundert Meter entfernt sind. Erst am Anfang des 19. Jahrhunderts erkundete man die unzugängliche Schlucht mit Hilfe von Leitern. 1840 baute die Forstverwaltung einen Weg, der über mehrere Treppen und Brücken die Fälle begehbar machte. Dieser Weg lenkte auch die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Klosterruine und trug so indirekt zur Sicherung der verbliebenen Mauern bei. Der stark frequentierte Steig musste mehrfach renoviert werden und ist seit 1964 ein aus Sandstein aufgemauerter Treppenweg.

Die Fälle sind erreichbar über die Kreisstraße 5370, die von Oppenau zur Schwarzwaldhochstraße (Bundesstraße 500) führt, und über die Kreisstraße 5371, die von Ottenhöfen bis fast zum Parkplatz der Klosteranlage führt. Auch am unteren Ende der Wasserfälle liegt ein Parkplatz.

Allerheiligen nach der Auflösung des Klosters(1) - Hellmut Gnändinger - die Ortenau 1987 / 182 ff

Das Schicksal der Klostergebäude nach der Aufhebung des Klosters

Das Kloster Allerheiligen war 1803 aufgelöst und zunächst kurfürstliches, dann großherzoglich-badisches Eigentum geworden. Mit dem umliegenden Wald(2) unterstanden die verlassenen Klostergebäude nunmehr der großherzoglichen Verwaltung. Diese bestimmte das nach dem Klosterbrand 1804 stehengebliebene Abteigebäude als Dienstwohnung für den neueingesetzten Revierförster, der den umliegenden ehemaligen Klosterwald - nunmehr großherzoglichen Herrschaftswald - zu betreuen hatte und dem auch gestattet wurde, die ehemalige Klostergastwirtschaft zu betreiben. Die übrigen Klostergebäude standen leer, abgesehen davon, daß einige ehemalige Klosterbedienstete vorübergehend in ihnen Unterschlupf fanden, soweit sie anderweitig in benachbarten Gemeinden weder eine feste Wohnstatt, noch Beschäftigung hatten.

Die ehemalige Klostermeierei war 1805 an einen Anton Rösch aus dem Simmersbach, Ottenhöfen waldulmerseits zu 120 Gulden verpachtet worden, nachdem sie bis dahin von ehemaligen Klosterangehörigen bewirtschaftet worden war. Hierzu gehörten 1 Morgen Gärten, 23 1/2 Morgen Ackerfeld, 4 Morgen Wildfeld und 15 Morgen Matten, im ganzen 43 1/2 Morgen, rund 14 ha.

Durch einen Blitzschlag in die Turmspitze der Klosterkirche entstand ein Klosterbrand, bei dem in erster Linie das Kirchendach zerstört wurde, das Kloster selbst jedoch keine allzugroßen Schäden erlitten hatte. So konnte der ursprüngliche Plan, das Kloster als Korrektionsanstalt (Besserungsanstalt) für Kleriker zu verwenden, nicht durchgeführt werden. Die übrigen Gebäude sollten auf Beschluß des kurfürstlichen Hofrates in Karlsruhe(3) - die höchste Forstdienststelle, die Generalforstkommission hatte zunächst noch nicht zu entscheiden - gewerblich genutzt werden. Dies mußte von vornherein wegen der abseitigen Lage und der schlechten Verbindungswege als fragwürdiges Unterfangen erscheinen. Die Einrichtung einer Wollmanufaktur durch den Fabrikanten Brenneisen aus Iffezheim, der die Wasser des Grindebaches als Energiequelle zum Betrieb seiner Maschinen verwenden wollte, scheiterte trotz Förderung durch die Regierung schon 1806 nicht nur an den ungünstigen Standortsverhältnissen, sondern auch an der Unfähigkeit des Unternehmers. Nach den beiden Fehlschlägen und der aussichtslosen Situation, die noch erhaltenen und nicht genutzten Klostergebäude sinnvoll zu verwenden, resignierte die Regierung. Schon 1805 waren die Haushaltsgegenstände des Klosters versteigert worden; nun sollten auch die Gebäude zum Abbruch freigegeben und meistbietend versteigert werden, was zunächst jedoch noch nicht geschah. Das ehemalige Dienstpersonal war inzwischen fortgezogen, um sich anderweitig seinen Unterhalt zu suchen. Dies erwies sich in den benachbarten Dörfern als außerordentlich schwierig. Es gab außerhalb der Landwirtschaft keine Arbeitsplätze, ein Zustand, der bis zur Mitte des Jahrhunderts anhielt und zu den Hungersnöten 1816/17 und in den Vierzigerjahren führte und damit auch Mitursache der großen Auswanderungswellen war. Noch 1843 führt das Bezirksamt Achern die Armut und die Hungersnöte im Achertal auf die durch die Klosterauflösung geschaffenen trostlosen sozialen Verhältnisse zurück. Bis zu dieser Zeit seien die dadurch brotlos Gewordenen und ihre Nachkommen insbesondere der neugeschaffenen Gemeinde Ottenhöfen zur Last gefallen.

In Allerheiligen war nach der Auflösung nur ein Kapuziner verblieben, der, vom Kapuzinerkloster Oberkirch dorthin abgeordnet, die Seelsorge der bisher auf den Gottesdienst in Allerheiligen angewiesenen Bewohner der benachbarten Täler und Berghöfe zu übernehmen hatte. Nach dem Brand des mit Schindeln gedeckten Kirchendaches wurde die Kirche notdürftig mit Ziegeln gedeckt und diente bis 1814 als Gotteshaus, in dem allerdings schon ab 1812
nur mehr selten Gottesdienste abgehalten wurden, nachdem der Kapuziner wieder in sein Ordenshaus zurückgekehrt war. Die bisher geistlich von Allerheiligen aus betreute Bevölkerung mußte daraufhin die weit entfernten Gotteshäuser in Oppenau und in Kappelrodeck besuchen.

Nachdem 1814 die Diözese Konstanz darauf verzichtet hatte, in Allerheiligen eine eigene Pfarrei zu errichten, und nachdem beschlossen wurde, in dem neugegründeten, aus Kappelrodecker und Waldulmer Ortsteilen bestehenden und den gesamten ehemals Bosensteinischen Besitz umfassenden Ort Ottenhöfen eine Pfarrei zu errichten, wurde die Klosterkirche endgültig als Gotteshaus aufgegeben. Da die staatliche Baubehörde sich nicht mehr um die Erhaltung der unbenutzten Kirche kümmerte, verfiel sie mehr und mehr. Hierzu trug auch noch bei, daß die Einrichtung der Kirche, die Altäre, die Orgel und Kunstgegenstände an die benachbarten Kirchen in Kappelrodeck, Oppenau und Peterstal abgegeben worden waren. Verschiedene Kunstwerke gingen dabei verloren oder wurden geraubt.(4)

Es wurde sodann - für uns heute unverständlich - gestattet, das Baumaterial für das neue Gotteshaus Ottenhöfen und die neue Kirche in Achern der nicht mehr benützten Klosterkirche zu entnehmen, die nach diesen Aktionen zusammenfiel. Sie war schon vorher baufällig geworden(5), weil trotz des Neubaus des Daches Regen und Schnee in die Kirche eindrang, nachdem von einem unbekannten Täter ein Gewölbestein gewaltsam herausgebrochen worden war. Wohl viele der Bewohner der benachbarten Höfe warteten auch darauf in der Hoffnung, gute Bausteine zur Instandsetzung ihrer eigenen Anwesen zu erhalten. Mit dem Einsturz der Kirche war das bedeutendste gotische Bauwerk Mittelbadens, zu Beginn des 13. Jahrhunderts begonnen, im 14. Jahrhundert vollendet, untergegangen.

1816 wurden, soweit es für sie keine Verwendung gab, auch die übrigen Klostergebäude auf Abbruch versteigert. Hierzu gehörte auch das Meiereigebäude, das baufällig geworden war. Erhalten blieb nur die im ehemaligen Abteigebäude untergebrachte Försterwohnung und die Stallungen.

Die Verwaltung des Klosterwaldes in der nachklösterlichen Zeit

Nachdem während der Klosterzeit der Pater Kellerer für den Wald zuständig war, wozu ihm 1—2 Waldhüter zur Seite standen, wurde nach der Säkularisation ein kurfürstlich badischer Förster mit der Betreuung des bisherigen Klosterwaldes beauftragt. Zu diesem waren der unmittelbar angrenzende ebenfalls säkularisierte bischöflich straßburgische Sulzbacher Wald und Teile der eingezogenen Bosensteinischen Waldungen im Kapplertal hinzugekommen. Die Forstey Allerheiligen mit etwa 1000 ha unterstand bis zur Neubildung einer großherzoglichen Verwaltungsorganisation zunächst dem Forstamt Mahlberg, sodann dem neugebildeten Oberforstamt Gengenbach, das vorläufig seinen Dienstsitz in Oberkirch hatte(6). Doch schon 1808 wurde das Forstrevier Allerheiligen im Zuge einer abermaligen Neuorganisation zu einer Revierforstey erhoben und der Forstinspektion Achern unterstellt, aus der später das Forstamt Achern hervorging.

Man muß sich in die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse zu Beginn des 19. Jahrhunderts hineindenken, um zu verstehen, daß die Forstei Allerheiligen keine Pfründe für einen großherzoglichen Revierförster war. Dieser hatte einen abgelegenen, für damalige Verhältnisse sehr großen und schlecht erschlossenen Forstbezirk zu bewirtschaften, der zudem mit Lautenbach im Renchtal und dem Kapplertal nur durch schlechte Wege verbunden war. Dienstsitz und Wohnung des Försters waren im alten Abteigebäude südlich der heutigen Klosterruine.

Die Erträgnisse aus der ehemaligen Klosterwirtschaft, die durch Verleihung der Schildgerechtigkeit "auf Wohlverhalten" ein gewisses Äquivalent für die schwierigen Lebensverhältnisse bieten sollte, dürften kaum von Bedeutung gewesen sein, zumal es Besucher nur selten in das abgelegene Tal verschlug, das Geld rar war und der Tradition des Klosters entsprechend in der Wirtschaft weder Musik noch Tanz geboten wurden(7). Von einem einträglichen Zubrot zu den schmalen Einkünften des Försters konnte daher auch kaum die Rede sein. Was Wunder, daß in dem zur Einöde gewordenen ehemaligen Klostergebiet die dorthin versetzten Forstbeamten mit ihren Familien sehr unglücklich waren.

Amtliche und zeitgenössische Berichte schildern anschaulich die Lebensverhältnisse der nachklösterlichen Zeit(8). So geht aus einem Bericht der Forstei im Jahre 1820 hervor, daß ein Revierförster abgelöst werden mußte, weil er die Einsamkeit nicht ertrug. In einem andern wird die Schwierigkeit des Dienstes und des Lebens mit einer neunköpfigen Familie in dem abgelegenen Allerheiligen geschildert. Dort könne man sich nur mit Mühe ernähren, der Schulbesuch der Kinder sei gar nicht möglich und schon gar nicht dem Bildungsgrad des Vaters entsprechend. Zum Heraufschaffen seines Hausrates aus dem Lierbachtal habe der Förster 8 Ochsen vor einen Bauernwagen spannen müssen. Als Jahresbesoldung erhielt der Förster Beckmann in Geld 220 Gulden, für Schreibmaterial 2,30 Gulden; als Ersatz für Naturalien, die es hier nicht gab und die er in weit entfernt liegenden Ortschaften kaufen mußte, erhielt er 162 Gulden; auch die magere Landwirtschaft, die er in Allerheiligen gepachtet hatte, reichte nicht zur Ernährung aus. Die ihm zustehenden 12 Klafter Buchenholz, die ihm aus dem Wald geliefert wurden, berechnete man ihm mit 5 Gulden je Klafter, also mit 60 Gulden im Ganzen. Als sogenannte Beinutzungen wurden ihm berechnet: Frei Quartier im Klostergebäude mit 30 Gulden, für den Genuß eines Gartens 10 Gulden, für den Genuß von 3 Morgen Wiesen 10 Gulden und 2 Morgen Acker 52 Gulden. Für Schußgeld, Jägerrecht wird der Normalanschlag von 7,30 mit weniger als die Hälfte mit 3,45 Gulden verrechnet, da die Jagd kaum etwas bringt. So stand die Besoldung des Försters mit 549,75 Gulden auf dem Papier. Wohl um seine Lebens- und wirtschaftlichen Verhältnisse zu verbessern, hatte sich 1815 der in Allerheiligen residierende Förster Petry, der zugleich auch die Gastwirtschaft betrieb, nach dem Tode des Pächters Anton Rösch der Klostermeierei bereit erklärt, zusätzlich zu seinen bisherigen Geschäften diese auch noch zu übernehmen.

Aus dieser Bereitschaft entstand ein Schriftwechsel zwischen der Forstinspektion Offenburg, die gegen die Anpachtung der Meierei durch einen Forstbeamten grundsätzliche Vorbehalte erhob, und der Domanialverwaltung in Offenburg. In ihm werden die seinerzeit schwierigen Lebensverhältnisse des bisherigen Pächters anschaulich geschildert.

"Bekanntlich gehörte Allerheiligen zu den rauhesten und unfruchtbarsten Gegenden des unteren Schwarzwaldes, wo die Bewohner nur mit äußerster Anstrengung und saurern Schweiß der hier so sparsamen Natur ihre Nahrung abzwingen können; hieraus entstehet also auch die ganz natürliche Folge, daß kein vermöglicher, angesehener und rechtschaffender Mann bessere Gegenden verlassen werde, um Meier in Allerheiligen zu werden und nur solche Leute daselbst ihre Unterkunft suchen, die nicht sowohl, um das Meiergut zu zahlen als auf anderen unerlaubten Wegen und vorzüglich durch die in jener Gegend so häufigen Holzdiebereien sich ihre Nahrung und Unterhalt zu verschaffen, die rauhe Gegend von Allerheiligen beziehen werden, worüber der verstorbene Meier Rösch das augenscheinlichste Beispiel gegeben hat, indem er nach Ausweis der Frevelprotokolle unter die stärksten Waldfrevler gehörte, hieraus ein eigentliches Gewerbe machte und trotz der fleißigen Aufsicht und wiederholt erfolgten Bestrafung in den so weitläufigen Waldungen manche Frevel unentdeckt verübte. Er hatte nicht nur mit dem Weiden seines Viehs in herrschaftlichen Waldungen, weswegen er mehrmals gestraft wurde, großen Schaden angerichtet, sondern auch bei Nacht Bäume in herrschaftlichen Waldungen weggeschleppt, so gnädiger Herrschaft mehr Schaden, als Nutzen entstanden ist.

Das nämliche ist bei jedern anderen daher zu versetzendern Meier gleichfalls zu fürchten, weil demselben die von dem vorigen Meier in einigen Distrikten benutzte Waldweide schlechterdings nicht eingeräumt werden darf und weil er daher nebst Holzfrevel auch noch Waidexzesse verüben wird. All diesen in förstlicher Hinsicht so wichtigen Gebrechen könnten freilich durch Übertragung des Meiereigutes an den Förster abgeholfen werden. Ob hierdurch für den höchsten Dienst, wenn auch der Förster, wie es bei Petry der Fall ist, von Diensteifer beseelet ist, nicht andere den Vorteilen überwiegende Nachteil entstehen mögten, muß man der höheren Beurteilung eines Hochpreislichen Finanzministeriums - Oberforstkommission - unterstellen.

Von dem Grundsatze ausgehend, daß die Natur die wilde Gegend von Allerheiligen nur zu Holzprodukten, keineswegs aber zu Feldbau bestimmt habe, glaubet man diesseits, daß die bisher beurbarten Grundstücke ihrer ursprünglichen Bestimmung zurückzugeben, d.h. zu Wald anzulegen wären und höchstens Wiesen und Gärten dem Förster zu billigem Anschlage, jedoch unter der Bedingung, daß es keine Waldweide geben dürfte, zu überlassen mögten."

Dies geschah. Förster Petry übernahm die Meierei, bat jedoch, da die Vertragsbestimmungen ungünstig wären, um Ermäßigung des 120 Gulden betragenden Pachtpreises; er würde bei diesem nichts herauswirtschaften, sondern zulegen. Ob er die Ermäßigung erhalten hat, läßt sich nicht feststellen, jedenfalls behielt er die Meierei bis zu seinem Tode 1820. Das Gut wurde dann nochmals einem Pächter Himbele in Pacht gegeben. Nachdem man 1824 festgestellt hatte, daß der Pächter von den mageren Ergebnisen nicht leben konnte, entschloß man sich, die Weidfelder aufzuforsten und das verbleibende Ackerund Wiesengelände losweise an private Interessenten zu verpachten, was 130 Jahre lang kein Problem war. Unter Schwierigkeiten war die Verpachtung sogar noch bis in die sechziger Jahre dieses Jahrhunderts möglich. Heute sind die Wiesen mit der Gastwirtschaft Allerheiligens an den Caritasverband Mainz verpachtet. Das Gelände wird seit einigen Jahren aus landschaftlichen Gründen vom Forstamt gepflegt, wie alle übrigen zwischen den Waldungen liegenden Wiesen, an denen schon seit Jahren kaum oder nur geringes Interesse besteht.

Insgesamt wurden um Allerheiligen 1825 19 1/4 Morgen mit Fichten durch Saat aufgeforstet, "da der angrenzende Wald durchaus mit Rottanne und zwar vollkommen schön bestanden ist".

Es waren dies die Waldteile des heutigen Ochsenwaldes, die oberhalb der erst in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erbauten Landstraße liegen sowie das Gelände im Norden von Allerheiligen bis zur Kammlinie St. Ursulakapelle in Richtung Melkerei, wie aus dem Lageplan des Klosterwaldes von 1824 hervorgeht(10).

Die Waldgrenzen um Allerheiligen haben sich seit dieser Aufforstung nur durch einige unwesentliche, das Landschaftsbild kaum beeinträchtigende Aufforstungen geändert.

Seit Bestehen des großherzoglichen Forstamts Achern, das von einem Forstmeister geleitet wurde, der Vorgesetzter des Revierförsters in Allerheiligen
war, bestand die Revierforstei nicht nur aus dem bisherigen Herrschafts- oder Domänenwald; ihm gehörten auch alle Waldungen der umgebenden Gemeinden zwischen der Rench, den Gemeinden Waldulm, Kappelrodeck und dem oberen Achertal mit etwa 4000 ha an. Es war daher notwendig geworden, sie 1834 durch Erhebung zu einer Bezirksforstei aufzuwerten, einer Behörde, die der Bedeutung eines heutigen Forstamts entspricht, und sie mit einem qualifizierten Bezirksförster zu besetzen(11). Das noch bestehende Forstamt Achern, das bald danach aufgehoben wurde, hatte im wesentlichen nur noch Inspektionsbefugnis.

Mit Errichtung einer Bezirksforstei, die im Zuge einer allgemeinen Neuorganisation der Großherzoglichen Verwaltung erfolgte, war wenige Jahre danach eine neuerliche Verschiebung der zu bewirtschaftenden Waldungen nach Norden verbunden. Außer dem sich durch Ankäufe ständig vergrößernden Allerheiligenwald hatte nunmehr die Bezirksforstei die Waldungen des Acher- und Sasbachtales einschließlich der dazugehörigen Waldteile im Hundsbach- und Biberachtal zu bewirtschaften. Von den Waldungen des Renchtals verblieb nur der Gemeindewald Lierbach bei der Bezirksforstei Allerheiligen, während die übrigen Waldungen an die Bezirksforstei Renchen abgegeben wurden.

Die Entscheidung der Großherzoglichen Verwaltung in Karlsruhe, Allerheiligen zu einer Bezirksforstei zu erheben, erwies sich jedoch bald, vor allem aus Verkehrsgründen als falsch. Die Unzugänglichkeit im Winter, die Lage der Bezirksforstei am Rande und nicht in der Mitte des Bezirks oder zumindest in besserer Erreichbarkeit, abseits von anderen Behörden, mit denen sie Verbindung halten mußte, sowie die unzureichende materielle Versorgung des Bezirksförsters ließen nicht nur seitens desselben, sondern vieler Beteiligter, vor allem der Gemeinden und Geschäftspartner, wie z.B. Sägewerker den Wunsch aufkommen, die Bezirksforstei an einen geeigneteren Ort im Tal zu verlegen. Dies geschah 1843 mit der Verlegung nach Ottenhöfen. Im Zuge einer späteren Verwaltungsreform erhielt sie dann die Bezeichnung "Forstamt"(12). Eine Försterstelle in Allerheiligen blieb jedoch noch weit über hundert Jahre bis 1968 bestehen.

Die Erschließung Allerheiligens für den Fremdenverkehr

Nach der Freigabe der ehemaligen Klosterkirche zum Abbruch verödete das ehemalige Klostergebiet, das wieder der Natur überlassen wurde. Der sowohl die Meierei als auch die Gastwirtschaft betreibende Förster hatte wohl nicht die Zeit, es besonders zu pflegen, zumal sich hierfür niemand interessierte. "Schon 25 Jahre nach der Klosterauflösung schien alles mit Ausnahme der Försterwohnung und der Ruine der Kirche in die alte Wildnis vor der Gründung des Klosters zurückgefallen. Kaum die Grundmauern der früheren Gebäude waren mehr aufzufinden. Gar gierig nagt der Zahn der Zeit in so rauher Gegend an dem verlassenen Menschenwerk, und die ewig schaffende Natur überwuchert üppig die verlassenen Stätten mit Busch- und Dornengestrüpp." So schildert Boeckh die Verhältnisse um 1827(13). Allerheiligen wurde unter diesen Verhältnissen nicht mehr beachtet und vergessen, zumal vermutlich auch die Gastwirtschaft wenig Anreiz bot. Die Verhältnisse änderten sich, als Forstmeister Eichrodt, der Amtsvorstand des Forstamtes Achern, gemeinsam mit Forstaufseher Mittenmaier die Wasserfälle erschloß und sie begehbar machte. Zunächst geschah dies 1840 durch Anlage eines 1 - 2 Fuß breiten Weges, der innerhalb der Felsabstürze, über die der Lierbach in die 7 "Bütten" stürzt, mit Leitern verbunden wurde. Diese sicher nicht ungefährliche Anlage hatte zunächst genügt, um die kürzeste Verbindung in das Lierbachtal herzustellen. Man mußte jedoch schon Kletterer und gleichzeitig schwindelfrei sein, um diesen für die Allgemeinheit gefährlichen Weg mit einem Höhenunterschied von etwa 100 m zu durchsteigen.

Er gewann, insbesondere für Wanderer und Touristen, zunehmendes Interesse, nachdem die Erschließung publik geworden war und sich auch die Großherzogliche Hofkammer in Karlsruhe dafür interessiert hatte.

Diese übertrug Forstmeister Eichrodt 1842 die einmalige Summe von 100 Gulden für die Anlage eines breiteren, für die Allgemeinheit zugänglichen und sicheren Weges(14). Die Leitern wurden durch Treppen ersetzt, ein festes Geländer wurde an gefährlichen Stellen angelegt. Für 15 Gulden jährlich war die Anlage künftig zu unterhalten.

Etwa gleichzeitig wurde erkannt, daß die ehemaligen Klosteranlagen, insbesondere die kunsthistorisch wertvolle Kirchenruine gepflegt werden müsse, um sie ebenso wie die Wasserfälle für Touristen und Kunstinteressierte anziehend zu machen.

Hierfür war der 1838 nach Allerheiligen versetzte "Waldhüter vom Fach". Mittenmaier, der geeignete Mann, der zugleich die Klosterwirtschaft betrieb und sich durch den Besuch von Touristen einen ergiebigen Wirtschaftsbetrieb versprach. In den Jahren vorher war die Wirtschaft nur von Bauern und Waldarbeitern besucht worden und kann nur wenig ertragreich gewesen sein. Ob es seine Anregung war, die für eine unbeschränkte Steinentnahme freigegebene Kirchenruine hierdurch nicht weiter zerstören zu lassen, ist nicht festzustellen; jedenfalls beschloß 1840 das Ministerium des Innern zu Karlsruhe zugleich mit der Direktion der Forstdomänen und Bergwerke, den zu Allerheiligen wohnenden Waldhüter anzuweisen "daß an der Klosterruine nicht weiter gewalttätig, wie dies mitunter früher der Fall war, ruiniert und namentlich keine Hausteine mehr von dem Mauerwerk herausgebrochen und gestohlen werden"(15).

Ernst Ludwig Friedrich Mittenmaier, geb. 19. IV. 1800 im Großherzoglichen Forsthaus zu Ispringen bei Pforzheim, angeblich ein natürlicher Sohn des Großherzogs Karl Friedrich, hat sich als "Waldhüter vom Fach" zweifellos große Verdienste um die Entwicklung Allerheiligens erworben. Schon bald nach Aufnahme seiner Tätigkeit begann er die inzwischen zugewachsenen Gebäulichkeiten und die verkommene Barockanlage von Baum- und Strauchwerk zu befreien und ansehnlich zu machen, was sicher auch der Wirtschaft zugute kam. Er führte über das Forstamt einen Kampf um die Erhaltung der Ruine und die wenigen noch stehengebliebenen Gebäude, wofür schließlich Mittel aus verschiedenen staatlichen Kassen, darunter auch der Spielbank Baden-Baden zur Verfügung gestellt wurden. Die staatlichen Behörden hatten sich vorher verständlicherweise gegenseitig die Kompetenzen für Allerheiligen zugeschoben. Die Direktion der Forsten und Bergwerke war der Ansicht, daß die bisher zur Verfügung gestellten Mittel für den Weg durch die Wasserfälle "durchaus genügt hätten, um die Hut der Domänenwaldungen sicherzustellen, sie seien aber auch ausreichend für die Reisenden, um die Ansicht der dortigen großartigen Naturschönheiten zu genießen". Nachdem die Kompetenzen für den Raum Allerheiligen bisher noch unklar waren, wurde 1846 Verwaltung und Unterhaltung der Ruine und Umgebung mit 15 Morgen, 29 Ruthen schließlich offiziell an das Forstdomänenärar überwiesen, das bis 1958 dafür zuständig war. Von da ab untersteht das Gelände mit allen darauf befindlichen Gebäulichkeiten und den landwirtschaftlichen Grundstücken als sogenanntes L-Grundstück dem Domänenärar, während der Weg durch die Wasserfälle der Forstverwaltung gehört und auch von ihr unterhalten werden muß.

Zurück zur Jahrhundertmitte des vergangenen Jahrhunderts, als Mittenmaier für die Entwicklung Allerheiligens tätig war. Daß er dabei für Allerheiligen mehr getan hat, als für den Wald, für den er eigentlich dorthin versetzt worden war, geht aus zahlreichen Erzählungen, Visitationsberichten und Akten des Forstamts hervor, in denen immer wieder geklagt wird, er würde im Gegensatz zu den anderen Waldhütern dem Wald zu wenig und der Bewirtschaftung Allerheiligens zu viel Aufmerksamkeit schenken. 1839 wurde ihm sogar seitens Laurops(16) - Mittenmaier war erst ein Jahr in Allerheiligen - wegen einiger Nachlässigkeiten eine Rüge erteilt. Jedenfalls ist es jedoch das nicht zu schmälernde Verdienst seiner Persönlichkeit, durch Verbesserung des Landschaftsbildes um das Kloster und der Wirtschaftsverhältnisse des Gasthauses Allerheiligen zu einem vielbesuchten Ausflugsziel gemacht zu haben, dessen Besuch ab etwa der Jahrhundertmitte vor allem in den gebildeten Kreisen Badens, insbesondere auch in Kreisen der Studentenschaften zum guten Ton gehörte, wie dies aus den lesenswerten Gästebüchern hervorgeht. Mittenmaier wird dort als Vatertyp geschildert, der als geselliger und geschäftig fluchender, jedoch als immer gutmeinender Gastwirt und Vater der von Heidelberg, Karlsruhe und Göttingen angereisten Studenten gilt (Gästebuch 1852— 1862)(17). Ab 1844 hatte es Mittenmaier fertiggebracht, die bisher gegen Entgelt verpachtete ehemalige Klosterwirtschaft unentgeltlich zu betreiben, bzw. durch seine Angehörigen betreiben zu lassen. War sie bisher lediglich Bauernwirtschaft, die gelegentlich von den wenigen Touristen aufgesucht wurde, die weg- und steglos seinerzeit den Schwarzwald, zumeist von Baden-Baden über die Hornisgrinde kommend, von Nord nach Süd durchstreiften, richtete sich Mittenmaier allmählich für Touristen- und Sommerfrischenbetrieb ein(18). Um 1860 standen für Feriengäste und Touristen 5 Zimmer mit 15 Betten zur Verfügung, die von Mitte Mai bis Anfang Oktober mehr oder weniger stark benutzt wurden. 1853 bereits besuchte Karl Baedecker Allerheiligen und nahm im folgenden Jahr Allerheiligen "mit prächtigen Wasserfällen,Klosterruine und besuchenswerter Gastwirtschaft inmitten ausgedehnter Hochwaldungen" in seinen Reiseführer auf, was natürlich wesentlich zum Bekanntwerden des Ortes beitrug. Die Voraussetzungen für die Erreichbarkeit waren inzwischen durch den Bau der Eisenbahn im Rheintal von Karlsruhe nach Basel gegeben. Von Achern und Oberkirch aus war nun Allerheiligen mit Stellwagen für damalige Verhältnisse einigermaßen gut zu erreichen.

In einem zeitgenössischen Bericht(19) heißt es von Allerheiligen, daß "Annehmlichkeit des Aufenthalts, die Tüchtigkeit Mittenmaiers und richtige Verpflegung in guten Fremdenzimmern und an wohlbestellter Tafel bei verhältnismäßig billigen Preisen Allerheiligen zum Sommeraufenthalt für Gäste aus nah und fern, besonders auch aus Norddeutschland gemacht hätten." Aus der ärmlichen Försterwohnung und Wirtschaft sei ein wohleingerichteter Gasthof mit vorzüglicher Unterkunft und Bewirtung geworden(20). Allerheiligen sei inzwischen ein weltbekannter Luftkurort geworden, seine früher unzugängliche Felsenschlucht mit den 7-fachen Wasserfällen erfreue sich einer gewissen Berühmtheit in den weitesten Kreisen der den Schwarzwald durchwandernden Touristen. Euphorisch heißt es u.a., Allerheiligen sei Ziel aller Nationen geworden, was im übrigen die Einträge in den Gästebüchern der Wirtschaft beweisen. Im Hochsommer seien alle Räumlichkeiten von Kurgästen besetzt, welche wochenlang dort blieben. Zahllos seien Eintagsbesuche aus Oppenau, Rippoldsau, Peterstal, Oberkirch, Lautenbach und dem aufkommenden Luftkurort Ottenhöfen, von wo aus man mit der Chaise gebracht werden konnte, die dort der "Pflug" oder die "Linde" zur Verfügung stellte. Diese beiden Gasthöfe vermittelten auch gern die Fahrten vom Bahnhof Achern aus nach Allerheiligen, was zu den obligaten Tagesausflügen der Kurgäste Baden-Badens gehörte.

Hier sei Mark Twain zitiert, der anläßlich seiner Rundreise durch Europa Allerheiligen und seine berühmten Wasserfälle besuchte:(21) "Nach dem Abendessen gingen wir die Schlucht abwärts. Sie ist herrlich in ihrer Abwechslung von waldiger Lieblichkeit und kahler Wildnis. Ein heller Giessbach stürzt die Schlucht hinab, windet sich durch einen engen Spalt zwischen den Hängen hin und plätschert von Wasserfall zu Wasserfall. Wenn man den letzten passiert hat, öffnet sich rückwärts ein sehr reizvoller Blick über die ganzen Fälle, die sich in einer siebenstufigen Treppe schäumender, glitzernder Kaskaden erheben, ein Bild, das ebenso entzückend, wie ungewöhnlich ist."

Nach dem Tode Mittenmaiers 1859 hatte sein Sohn Karl Mittenmaier den Wirtschaftsbetrieb übernommen. Er war nicht mehr Förster, jedoch zumindest ein ebenso tüchtiger Wirtschafter wie sein Vater. 1871 baute er zunächst neben dem Gasthaus auf ärarischem Boden ein 3-stöckiges Kurhaus, daneben 1887 ein 2. Kurhaus auf dem inzwischen käuflich erworbenen Boden, so daß Raum für 90—100 Gäste in 55 Zimmern zur Verfügung stand. Für weitere Gäste erbaute Mittenmaier 1878 das Wasserfallhotel im Lierbachtal, etwa 500 m vom Fuß der Wasserfälle entfernt. Seine Pläne, auf dem Sohlberg oder gar auf dem Melkereikopf weitere Lokalitäten mit weitem Blick über den Schwarzwald und die Rheinebene zu errichten, zerschlugen sich. Es war dies übrigens die Zeit des großen Bauens von Hotels auf den Höhen des nördlichen Schwarzwalds, die später durch die Schwarzwaldhochstraße verbunden wurden. Zur Erleichterung der in der zweiten Jahrhunderthälfte von Jahr zu Jahr zunehmenden Touristen wurden, einerseits durch die Initiative des Kurhausbesitzers Mittenmaier, andererseits daran interessierter Nachbargemeinden diese mit Allerheiligen durch markierte Fußwege verbunden. Zum größten Teil wurden hierfür die neugebauten Holzabfuhrwege des Staatswaldes und anderer Waldungen benützt. Seit 1879 verbindet die blaue Raute des Schwarzwaldvereins Allerheiligen mit dessen Wegenetz, ab 1896 auch mit dem Schwarzwaldhöhenweg Pforzheim-Basel, der in einer knappen Stunde am Schliffkopf erreicht wird. Im Wasserfallgebiet verlängerte Mittenmaier den "Brevierweg" zum Aussichtspunkt "Engelskanzel" hoch über den Wasserfällen, gegenüber entstand über dem Studentenfelsen die Aussichtsplatte "Teufelskanzel" an der Straße nach Oppenau. Er baute auch die Aussichtsbrücke über den Wasserfällen, die heute verschwunden ist. Für die Kurgäste wurden in nächster Nähe Spazierwege mit Bänken durch Wiesen und Wald angelegt, Aussichtspunkte und Wanderziele im Bereich Allerheiligen mit Namen wie Abrahamsruhe und Louisenruhe u.a. bezeichnet, die heute vergessen sind. Der von Mittenmaier erbaute Aussichtsturm auf dem Hundskopf mit Blick auf Allerheiligen, den Schliffkopf und das Unterwassertal ist heute verschwunden.

3 Generationen der Familie Mittenmaier haben während nahezu 90 Jahren das weiterhin im forstdomänenärarischen Besitz befindliche Gasthaus betrieben, wozu dann die zum Familienbesitz gehörenden Kurhäuser kamen. Ein 1910 auf Erbpachtbasis erbautes Wohnhaus, die sog. "Villa" im Gartengelände gegenüber dem Gasthaus diente der Familie als Wohnsitz. Die 3. Generation Mittenmaier kam nach dem 1. Weltkrieg nicht nur aus eigenem Verschulden in wirtschaftliche Schwierigkeiten, mußte die Kurhäuser verkaufen und die Bewirtschaftung des Gasthauses aufgeben. Dazu trugen die allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse bei. Die Kurhäuser wurden schlechter besucht, da die Erholungssuchenden nicht mehr so sehr die Täler, sondern die Höhen bevorzugten. Im übrigen änderten sich aber auch nach Weltkrieg, Inflation und Weltwirtschaftskrise die Interessen und Erholungsgewohnheiten des bisher Allerheiligen besuchenden Bürgertums grundlegend. 1929—1947 befanden sich die Kurhäuser im Besitz einer Familie Nassoy, die auch das Gasthaus gepachtet hatte.

Schon in den Jahren der Hitlerzeit und dann während des Krieges wurden die Kurhäuser zeitweise als Kinderheim, zeitweise als Landschulheim benützt. Von Kriegsende bis 1947 wurden sie von der französischen Besatzungsmacht für die Erholung französischer Kinder requiriert und dienten auch zeitweise etwa 20 französischen Waldarbeitern als Unterkunft für die Zeit der Durchführung der Exploitationshiebe im Staatswald in den Jahren 1947/48. 1947 wurden die Kurhäuser an den Caritasverband der Diözese Mainz verkauft, die dort wieder ein Kinderheim einrichtete. Die seit Kriegsende geschlossene Gastwirtschaft wurde 1949 ebenfalls an den Caritasverband, seit kurzem an einen privaten Pächter verpachtet und für die Allgemeinheit wieder geöffnet.

1958 ging die Verwaltung Allerheiligens, soweit es nicht Privatbesitz der Diözese war, von der Forstverwaltung an die staatliche Domänenverwaltung über. Die Ruine muß von der Hochbauverwaltung überwacht und erhalten werden. Mit dem Bau einer neuen Kirche für das Kinderheim oberhalb der Ruine im Jahr 1960 nahm die Diözese Mainz zugleich die Tradition der früheren kirchlichen Versorgung der Bevölkerung der benachbarten Gegend wieder auf. Der Kirchenbesuch findet Resonanz in der Bevölkerung der angrenzenden Täler und der vielen Sonntagswanderer aus allen Gegenden des Landes.

Die Gastwirtschaft Allerheiligen ist Tageswirtschaft geworden, die nicht nur während der warmen Jahreszeit stark sowohl von Wanderern, als auch von Auto- und Omnibustouristen besucht wird. In einem anstelle des vorigen Privathauses der Familie Mittermaier 1964 von der Diözese Mainz erbauten Gästehaus sind seitdem in beschränktem Umfang wieder vorzügliche, zeitgemäße Übernachtungsmöglichkeiten geboten.

Seit 1925 steht das Ehrenmal des Schwarzwaldvereins in beherrschender Lage oberhalb Allerheiligens. Alljährlich findet hier am 2. Oktobersonntag die mit einer Sternwanderung verbundene Totengedenkfeier aller Ortsgruppen des Vereins für die Gefallenen beider Weltkriege statt.

Anmerkungen

1.) Für die Arbeit verwendete der Verfasser seine Schrift "Zur Geschichte des Klosterwaldes Allerheiligen und des aus ihm hervorgegangenen Staatswaldes Ottenhöfen". Schriftenreihe der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg Bd. 58. Stuttgart 1982
2.) Vgl. H. Gnändinger, Zur Geschichte des Klosterwaldes Allerheiligen, in: Ortenau 65/1985, S. 274-295
3.) GLA 84/7
4.) H. Schneider, Geschichte des Klosters Allerheiligen im Schwarzwald, in: "Die Klöster der Ortenau". Ortenau 58/1978, S. 348—387. — K. Rögele, Säkularisation und Untergang des Klosters Allerheiligen. FDA 27/1926
5.) GLA 84/10
6.) Behlen und Laurop, Handbuch der Forst- und Jagdgesetzgebung des Großherzogtums Baden. Mannheim 1827
7.) GLA 84/118
8.) GLA 84/11
9.) GLA 391/2417
10.) GLA 391/2421 (Lageplan vgl. Anmerkung 2)
11.) Statistik des Forstamtes Ottenhöfen
12.) ebd.
13.) F.v. Boeckh, Geschichte des Kurortes Allerheiligen im Badischen Schwarzwald. Lahr 1879
14.) GLA 3917/2408
15.) ebd.
16.) Visitationsprotokoll 1840. Forstamt Ottenhöfen
17.) Allerheiligen Fremdenbucherinnerungen. Frankfurt 1873
18.) E. Frommel, Erlebtes. Aus seinen Schriften herausgegeben von Adolf Neef. Stuttgart 1929
19.) K.G. Fecht, Das Kloster Allerheiligen 1. Aufl. 1872, 2. Aufl. 1890 Karlsruhe
20.) ebd.
21.) Mark Twain, Ein Bummel durch Europa 1880. Ullstein-Taschenbuch 1969

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Renchtalmuseum Oppenau - beim Rathaus Oppenau


Die "Alte Schule" - so die Absicht der Gemeinde - sollte nach der Renovierung im Erdgeschoss Heimat für das Renchtalmuseum bieten und im Oberschoss könne man Räumlichkeiten für die örtliche Vereinsarbeit bereithaltenDas Oppenauer Heimatmuseum - schon zur Gründungszeit 1934 - 1938 als Renchtalmuseum gedacht, wie Erwin Schopferer weiter unten ausführt - hat in den vergangenen zehn Jahrer eine "bewegte Vergangenheit" bewältigt. 2013 war die Zukunft des Hauses - wie Baden Online am 20.11.2013 berichtete - noch offen bzw. ungeklärt. Fest stand, dass das Alte Schulhaus zur Renovierung anstand und die Denkmalpfleger im Regierungspräsidium Freiburg "ein Wörtchen mitzureden hatten".

Die "Alte Schule" - so die Absicht der Gemeinde - sollte nach der Renovierung im Erdgeschoss Heimat für das Renchtalmuseum bieten und im Oberschoss könne man Räumlichkeiten für die örtliche Vereinsarbeit bereithalten.

Der Umzug wurde 2014 damit eingeleitet, dass die Exponate des Museums währen der Renovierungszeit "eingemottet" wurden. 2017 war die Renovierungsarbeit abgeschlossen. Erfreulicherweise konnte der Kostenrahmen eingehalten werden:"Die Prognose vom Juni vergangenen Jahres wurde eingehalten, das Ergebnis liegt sogar leicht darunter" berichtet Gaby Haas, Leiterin des Technischen Amtes, am 26. Mai 2017 laut Baden Online. Damit stand der Weg für den Umzug der Exponate des Museum frei und auch die "Schuckstücke", die "Schweizer Kabinettscheiben" - Glasbilder aus dem 16ten und 17ten Jahrhundert wurden mit auf den Weg gegeben. Die Einrichtung des neuen Museums war eine gemeinschaftliche Unternehmung. "Mitglieder des Historischen Vereins Ortsgruppe Oppenau und engagierte Mitbürger gründeten einen Beirat, erörterten in sporadischen Treffen die Neugestaltung des Museums und halfen bei der Umsetzung mit Rat und Tat", schreibt die Landesstelle für Museumsbetreuung in ihrem Museumsbrief I/2017.

Damit konnte für das Renchtalmuseum ein angemessener und repräsentativer Standort gefunden werden. "Das 1899 errichtete Gebäude ist grundlegend saniert worden und steht künftig dem Museum und den Oppenauer Vereinen zur Verfügung. Das Oppenauer Museum zählt mit zu den ältesten Einrichtungen seiner Art in Baden" (Museumsbrief, ebenda), was durchaus nicht immer selbstverständlich war, wie uns Erwin Schopferer nachfolgend berichtet. Die "Schmuckstücke" - die Schweizer Kabinettscheiben wurden - wie aus einem Telefongespräch mit Herrn Andreas Huber, offizieller Ansprechpartner für das Renchtalmuseum, zu erfahren war - in besonders geschüzten Vitrinen im neuen Museum untergerbracht (mehr dazu unten im Link: "Schweizer Kabinettscheiben im Renchtalmuseum"). Zunächst soll Erwin Schopferer über die Entstehung und Gestaltung des Renchtalmuseums berichtet:

Das Renchtal- Heimatmuseum in Oppenau - von Erwin Schopferer - die Ortenau 1970 / 208ff

Dieses regionale Heimatmuseum ist in seinem Aufbau für das gesamte Renchtal gedacht. Es ist im oberen Stockwerk des Oppenauer Rathauses untergebracht und umfaßt drei Räume. Nach langer Vorbereitungszeit und in Zusammenarbeit mit Professor Dr. Hans Rott, dem damaligen Leiter des Badischen Landesmuseums, wurde das Heimatmuseum für das gesamte Renchtal aufgebaut und konnte dann am 20. November 1938 eröffnet werden.

Den Anstoß zur Errichtung eines Heimatmuseums gab schon 1919 Bürgermeister Josef Ruf. Die Nachkriegszeit und der allzufrühe Tod von Bürgermeister Ruf (1920) haben die Verwirklichung dieses Vorhabens hinausgezögert. Wie aus den Akten zu ersehen ist, wurde in den Jahren 1934 - 1938 unter Bürgermeister Ludwig Schmid und Ratschreiber Josef Börsig, sowie unter ständiger Beratung und fachgerechter Überwachung von Professor Dr. Hans Rott, der Aufbau des Heimatmuseums tatkräftig vorangetrieben.

Nicht unbeantwortet blieb in den einzelnen Renchtalgemeinden der Aufruf um Überlassung von Ausstellungsgegenständen für dieses regionale Heimatmuseum. Wohl aus jeder Gemeinde des Tales sind nun hier Museumsstücke zu sehen. Alte Stiche, Zeichnungen, Gemälde und auch Photos veranschaulichen, wie es in früherer Zeit im Tale ausgesehen hat.

Ein Heimatmuseum ist zuerst für die Bewohner seines Erfassungsgebietes, in diesem Falle für die Einwohnerschaft des Renchrates, gedacht. Da aber das Renchtal seit altersher ein Gebiet des Fremdenverkehrs ist, so lädt das Museum mit seinen vielseitigen Schätzen auch den Fremden, den im Tale weilenden Kurgast, zu einem Besuche ein, um ihm mit den zur Schau gestellten Gegenständen zu zeigen, was aus der Geschichte des Tales und seiner Menschen auf die heutigen Bewohner überkommen ist.

In seinen drei Ausstellungsräumen weist das Heimatmuseum eine gewisse Gruppierung seiner ausgestellten Gegenstände auf. Über die fünf Fenster, der Frontalseite des Gebäudes, in allen drei Räumen sind die noch vorhandenen zehn Oppenauer Glasgemäldescheiben aus der Zeit von 1588—1623 auf die zehn Fensterflügel verteilt. Sie stellen den weitaus wertvollsten Teil des Renchtal-Heimatmuseums dar. Diese Scheiben sind sogenannte „Schweizer Kabinettscheiben“ und stammen aus der Glasmalerwerkstatt von Bartholomäus Link aus Straßburg. Sie stellen alle, mit Ausnahme von zwei Wappenscheiben, einen Oppenauer Gerichtszwölfer, einen Ratsherrn mit seiner Gemahlin dar. Diese Glasgemäldescheiben haben ein durchschnittliches Ausmaß von etwa 23cm x 35 cm und fanden bereits eine ausführliche Behandlung im Jahrbuch „Die Ortenau 1968“.

Über die Opppenauer Schweizer-Kabinettscheiben (Glasbilder) im Heimatmuseum - Wolfram Brümmer arrowRight16

Im Raume I sind allgemeine Sammlungsgegenstände teils frei, teils gruppiert oder in Glasschränken ausgestellt. Sie geben einen Einblick in das Handwerk und die Erzeugnisse des Tales und vermitteln auch die Wohnkultur seiner Bewohner. Ein mächtiger Webstuhl lenkt gleich den Blick des Eintretenden auf sich; Spinnrad, Haspel und Hanfbreche stehen daneben (Bild 1). An der Wand sind alte Druckstöcke der Tuchfärber ausgestellt. Für den Besucher unserer Tage, der sich diesen Handdruckvorgang gar nicht mehr vorstellen kann, wurden Originaldruckproben von diesen Druckstöcen in letzter Zeit angefertigt und ausgestellt. Daß im Renchtal in früherer Zeit das Harzsammeln gestattet war und einen Nebenerwerb der Talbewohner bildete, zeigen die ausgestellten Gerätschaften. In die Arbeitsweise in der Landwirtschaft weisen noch ein Holzpflug und ein großes Fläschelrad (= kommt von Flaschenzug) hin. Den Abschluß auf dieser Wandseite bildet eine alte Schlafstube mit Kinderwiege und der Jahreszahl 1767.

An das Handwerk erinnern Zunftwappen, Zunftsiegel, Zunftiade und Zunftbücher. Das Zunftbuch der „Becken, Müller und Mehlkrempen“ reicht bis in das Jahr 1766 zurück. Kunstvolle Schlösser, eine sehr alte, mit Eisen beschlagene Truhe sowie ein schön geschmiedetes Grabkreuz, örtlich das „Pestkreuz“ genannt, sind Schaustücke, die auf ein hohes handwerkliches Können hinweisen. In einem großen Glasschrank sind: Durlacher, Lothringer, Hornberger und Zeller Bauernkeramikstücke zu schen. Auch aus der ehemaligen Oppenauer Krugbäckerei sind Steinzeug, Tintengefäße, Schreibgarnituren und Krüge noch vorhanden. Wie lebhaft der Fremdenverkehr in den Renchtalbädern vor etwa 130 Jahren war, zeigen Werbeprospekte mit anschaulichen Stahlstichen; ebenso, wie alte Münzen und Geldscheine auf frühere Zahlungsmittel hinweisen.

In zwei Glasschränken sind die schmucken Renchtaltrachten zu bewunder. An den Wänden, dem Fußboden entlang, sind sehr schöne, zum Teil über 300 Jahre alte gußeiserne Ofenplatten aufgestellt, die meist Motive aus dem religiösen Leben darstellen. Nicht zu vergessen sei ein Schrank mit Gesteinsproben aus dem Renchtal. Hier ist besonders erwähnenswert eine Ofenschlacke aus dem Lautenbacher Hochofen, in welchem im 16. bis 18. Jahrhundert Eisenerze aus den Renchtalgruben verhütter worden waren. Die freien Wandflächen sind mit Stichen aus dem Renchtal ausgefüllt.

In alle Räume fällt das Tageslicht durch die Butzenscheiben und die wertvollen Glasgemäldescheiben ein und verleiht den einzelnen Räumen eine eigenartige Stimmung in der Zusammenschau mit den ausgestellten Gegenständen.

Im Raum II des Heimatmuseums, dem „Bürgerzimmer“, stehen ein schöner Renaissance-Schrank sowie die Fahne der Oppenauer Burgerkompagnie aus dem Jahre 1763. Viele Bildnisse von Renchtäler Persönlichkeiten sind hier zu sehen. Stahlstiche der letzten neun Fürstbischöfe von Straßburg (1592—1803), die die Landesherren im Renchtal waren, sind hier. Eine Kostbarkeit für den Sippenforscher stellen die hier ausgestellten Stammbäume der beiden Renchtalgeschlechter „Roth“ und „Erdrich“ mit sämtlichen Begleitunterlagen dar. In mühevoller Kleinarbeit wurden diese beiden Geschlechterbäume von Postamtmann a.D. Bittiger, Karlsruhe, aufgestellt. Der Stammbaum des „Roth“-Geschlechtes geht bis 1347 zurück, während derjenige des „Erdrich“-Geschlechts, das im Giedesbach (= Gemeinde Oedsbach) beheimatet ist, bis 1588 nachzuweisen ist.

Von der einstigen Burg- und Stadtgründung „Friedberg“ ist nur ein einziger Stein, ein Türsturz, mit der Jahreszahl 1574 auf uns gekommen und hat in diesem Raume seine Aufstellung gefunden. Der Adelsbrief der Familie von Oppenau sowie der Ehrenbürgerbrief für Ignaz von Oppenau sind hier auch ausgestellt.

Der dritte und kleinste Raum des Renchtalmuseums ist der religiösen Kunst gewidmet. Alle hier untergebrachten Gegenstände stehen in irgendeiner Form in Beziehung zur ehemaligen Prämonstratenser-Klosterabtei Allerheiligen, die 1803 der Säkularisation zum Opfer fiel. Hier sind zwei Holzplastiken zu nennen: Heiliger Johannes der Täufer um 1500 sowie eine Hausmadonna um 1530. Ein Olgemälde von Anton Bresle, 1727 gemalt, zeigt den Abt Joachim Bahr, der der 37. Vorsteher von insgesamt 42 Vorstehern dieser Klosteranlage war. Ein Ölgemälde von einem unbekannten Meister stellt den heiligen Antonius dar, während Baron Roeder von Diersburg ein Ölgemälde der ehemaligen Klosterkirche geschaffen hatte. Ebenfalls heimatgeschichtlichen Wert hat der Taufstein aus der 1464 erbauten Tal- und Pfarrkirche Sankt Johann auf dem Hügel. Der Taufstein, eine saubere Steinmetzarbeit, trägt die Jahreszahl 1600.

Räumlich sehr beengt ist das Renchtal-Heimatmuseum in Oppenau; trotzdem bietet es einen reichen Überblick über das Tal und seine vielseitige Entwicklung. Da die Räume des Museums beheizt werden, ist auch im Winter ein Aufenthalt in denselben möglich. Geöffnet ist das Museum am Mittwoch- und Freitagnachmittag. Außerhalb dieser Zeit kann vor allem für geschlossene Gruppen, bei rechtzeitiger Anmeldung und nach Vereinbarung mit dem Betreuer des Heimatmuseums, Herrn Ratschreiber Fritz Huber, ein Besuch jederzeit ermöglicht werden.

Kein Heimatfreund wird den Besuch des Museums bereuen und hier vielseitige heimatliche Eindrücke empfangen. Vor allem wäre zu wünschen, daß die Jugend in ihren vielseitigen Organisationen innerhalb der Renchtalgemeinden auf das Renchtal-Heimatmuseum in Oppenau hingewiesen würde. Unter sachkundiger Führung in kleineren Gruppen könnte sie hier das Lebensmilieu ihrer Vorfahren nacherleben.

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Kloster Allerheiligen - Max Wingenroth 1902


Über den Autor des nachvollgenden ausführlichen Berichts von 1902 zum Kloster Allerheiligen in Oppenau:

Allerheiligen Max Wingenroth Kunstdenkmaeler des Kreises OffenburgMax Wingenroth stammte aus einer großbürgerlichen Mannheimer Familie, sein Elternhaus war das Palais Bretzenheim.

Lebensdaten:
1878–1890 Vorschule bis 1881, dann Gymnasium in Mannheim
1890–1891 zwei Semester Medizinstudium an der Albert-Ludwig-Universität Freiburg
1891–1893 Studium der Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München
1893–1894 Wintersemester in Freiburg: Kunstgeschichte u. Französisch - 1894 Sommersemester Universität in Wien
1894–1896 Studium an der Universität Heidelberg zur bis Promotion bei Henry Thode (? IV 294) zum Dr. phil.: "Die Jugendwerke des Benozzo Gozzoli"
1895–1896 Einjährig-Freiwilliger beim Badischen Grenadierregiment Kaiser Wilhelm I. Nr. 110, danach Assistent am Germanischen Museum Nürnberg
1901–1909 Direktionsassistent an den Vereinigten Sammlungen in Karlsruhe
1909–1922 Konservator der Städtischen Sammlungen in Freiburg
1909 Gründungsmitglied der Badischen Heimat, 1914 Zweiter Vorsitzender u. Schriftleiter
1921 Weichenstellung zur Vereinigung d. städtischen Sammlungen mit den Beständen des Freiburger Diözesanmuseums, Beginn d. Umbauarbeiten des lange geplanten Augustinermuseums dessen Eröffnung 1923 er aufgrund seines frühen Todes nicht mehr erlebte.

Kirchbauliche Fachbegriffe werden am Ende des Textes in einem Glossar erläutert.

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KLOSTER ALLERHEILIGEN

Schreibweisen: Coenobium in honorem omnem Sanctorum ca. 1196; Monasterium Omnium Sanctorum 1224; Cella omnium Sanctorum (Annal. Marchtal.) 13. Jh.; de Omnibus Sanctis 1287; von Allen helgen 1347; zu Allenheilgen 1356.

Literatur:

Schannat, Notitiae Monasterii Omnium Sanctorum in Vindemiae liter. I, S. 142-151.
Ruppert, Regesten zur Geschichte der Schauenburger, Oberrh. Ztschr. XXXIX, S.83-180. Freib. Diöz.-Archiv XXI, S. 311 ff., XIV, S. 268 ff.
Gams, Nekrologium des aufgehobenen Klosters, Freib. Diöz.-Archiv XII, S. 231-234.
Petrus, Suevia ecclesiastica, Augsburg 1699, S. 651-657.
Hugo, Annales Ord. Praemonstratensis, Nancy 1734/36,II, S. 453-460.
Grandidier, Oeuvres inédites III, S. 149 ff, 228 ff.
J. Bader, Führer für Fremde durch die Umgegend von Achern, in die Rench- und Kniebisbäder, nach Allerheiligen etc., Karlsruhe 1844 (die einzelnen Teile auch gesondert). Schriften des bad. Altertumsvereins Heft V.
F. von Böckh, Geschichte des Kurortes Allerheiligen. Gründung und Geschichte des Klosters, Lahr 1879.
G. Mayer, Triumphierende Übersetzung zweier heiliger Leiber, der Blutzeugen Clemens und Bonifacius, welche im Stifte Allerheiligen begangen, Rastatt 1773.
Das Kloster Allerheiligen im Schwarzwalde, Katholik 1850, II, S. 461-470.
K.G. Fecht, Das Kloster Allerheiligen, Karlsruhe 1872,2 1890.
Wilh. Weiß, Geschichte des Dekanates und der Dekane des Real- und Landkapitels Offenburg, S. 112-145.
J. P. Scherer, Allerheiligen im badischen Schwarzwald einst und jetzt, Leipzig o. J. (1900).
F.J. Schmitt, Die Bauthätigkeit der ehemaligen Prämonstratenserabtei Allerheiligen, Oberrh. Ztschr. NF. IX, S. 274-283.
Kolb, Lexikon vom Großh. Baden I, S. 11-13.
Krieger, Topographisches Wörterb. I, S. 36-40.

Ansichten des Klosters von 1680 in Näher, Die Ortenau; v.J. 1734
in Hugo, Annales ordin. Praemonstratensis, Nancy 1734/36.
Eine Ansicht v. J. 1783, deren Original mir unauffindbar, Reproduktion im Kurhaus, stammt vom Abt Felix.
Eine farbige Lithographie der Klosterruine von F. Stroobant ca. 1850.

Geschichtliches: Für eine geschichtliche Würdigung des Klosters Allerheiligen sind weder von seiten des Konventes im Laufe seiner 600jährigen Existenz größere Vorarbeiten gemacht worden, noch liegt aus neuerer Zeit ein irgendwie brauchbarer Versuch vor. Die literarische Tätigkeit des ersteren, soweit sie der eigenen Vergangenheit galt, beschränkte sich auf Anlegung eines Totenbuches, eines unter Propst Johann Schüßler angelegten Kopialbuches (Hypothecarum, privilegiorum, immunitatum, censuum ac jurium

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monasterii Omnium Sanctorum Tomi I et II), fortgesetzt unter dem Titel "Schriftliche Dokumente des Gotteshauses Allerheiligen" (Karlsruhe, Generallandesarchiv), sowie auf den völlig verschollenen Anfang einer Klosterchronik von P. Georg Hempfer († 1648) und auf gleichfalls verschwundene Annalen von Propst Hodapp und Abt Kistner (17. Jh). Im 19. Jh. sind Dekan Haid und Ruppert über die Sammlung von Materialien nicht hinausgekommen. Das geschichtliche Bild ist infolge dieses Mangels an reicher fließenden Quellen wie an Bearbeitungen in vielen, namentlich mittelalterlichen Partien sehr lückenhaft und wenig plastisch.

Als Gründerin ist die Herzogin Uta von Schauenburg (1) bezeugt. Tochter des Pfalzgrafen Gotfrid von Calw-Schauenburg, des Vertrauten Heinrichs V., und der Tochter des Herzogs Berthold II. von Zähringen, Luitgard, war sie in erster Ehe mit Berthold von Eberstein, in zweiter mit Welf VI., Grafen von Altdorf, Herzog der Reichslehen Spoleto und Tuscien, verheiratet. Nach dem frühen Tode eines Söhnchens überließ sich der in seiner Hoffnung auf Nachkommenschaft enttäuschte Herzog einem zügellosen Leben, indes Uta die einsamen Jahre in Sindelfingen und auf der Schauenburg vertrauerte. Alter und die Folgen seines Lebens führten Welf wieder zur Frau zurück. Eine Frucht dieser inneren Umkehr ist die Stiftung des Klosters Allerheiligen, die Uta nach dem Tode Welfs (1191) ausführte. Über den genauen Zeitpunkt sind wir nicht unterrichtet, da der Stiftungsbrief nur in der undatierten Bestätigungsurkunde Kaiser Heinrichs VI. v.J. 1196(2) enthalten ist; doch ist nur ein Spielraum zwischen 1191 und 1196 denkbar. Ausgestellt ist die Gründungsurkunde in Sindelfingen, wo die Herzogin, abwechselnd mit der Schauenburg, sich aufzuhalten pflegte. Dieser Ort und die Herkunft des Herzogs Welf bieten uns genügende Anhaltspunkte zur Beantwortung der Frage, aus welchem Grunde gerade Chorherren vom Prämonstratenserorden berufen wurden, die im südwestlichen Deutschland damals so selten zu treffen waren wie später. In der Diözese Straßburg kam nur noch ein Hagenauer Kloster (gegründet 1198) in Betracht, mit dem Allerheiligen auch für die ganze Folgezeit nahe Beziehungen unterhielt. Aber zur Zeit der Gründung bestand jenes noch nicht. Aus dem Stiftungsbrief hat auch ein Filiationsverhältnis zu einem Würzburger Kloster schließen wollen. Aber die betreffenden Worte der Urkunde: ad Argentinensem quoque ecclesiam et episcopatum Claustrum spectare, sicut cella Erbipoldi, unde plantatum est, constituimus, sprechen somit von einem uns bisher nicht bekannten Kloster wohl in der Straßburger Diözese. Andererseits wissen wir, daß auch in Sindelfingen ein Kloster des gleichen Ordens bestand, und aus den Annalen des kurz zuvor (1171) gegründeten Prämonstratenserklosters Marchthal, daß dieses Stift ein Paternitätsrecht (ius paternitatis) über Allerheiligen hatte. Worin dieses bestand, wird uns nicht gesagt; schon Propst Dietrich von Wittenhausen (1242 bis 1251). verzichtet aber wegen der Schwierigkeit der Wege auf Ausübung dieses Rechtes, quod ecclesia ista in cella omnium Sanctorum se recognovit habere.(3) Das Marchthaler Kloster war eine Stiftung des Pfalzgrafen Hugo von Tübingen und seiner Gemahlin Elisabeth, einer Nichte des Herzogs Welf. Dadurch wird auch die Wahl des Ordens bei den

1.) Vgl. Jos. Bader, Frau Uta Herzogin zu Schauenburg, Badenia I (1839), S. 114— 118.
2.) Veröffentlicht bei Petrus, Suevia ecclesiastica, S. 651. - Schöpflin, Alsatia diplom. I, S 306. Grandidier, Oeuvres inéd. III, S. 229. Vgl. dazu Ruppert, Oberrh. Ztschr. XXXIX, S. 105.
3.) Annal. Marchthalenses, FDA. IV, S. 186.

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Gründern von Allerheiligen erklärlich. Wie bei Marchthal mochte auch für Welf und Uta die Erwägung: quod ordo Praemonstratensis in brevi multum coram Deo et hominibus profecit,(1) den Ausschlag gegeben haben.

Die Stiftung des Schwarzwaldklosters wurde noch im gleichen Jahr wie durch Kaiser Heinrich VI. durch Eberhard von Eberstein, den nächsten Erben der Uta, bestätigt, ebenso durch Kaiser Philipp (2) und Papst Innocenz III. 1200 und 1203; durch Papst Honorius III. 1217 und 1222; durch Kaiser Friedrich I. 1218(3) und Bischof Heinrich von Straßburg 1220. 1203 und 1216 werden als primi fundatores den eigentlichen Gründern, Herzog Welf frommen Angedenkens und seiner Frau Uta, noch beigefügt Conradus seligen Angedenkens Bischof von Straßburg, Hugo de Ulmburg, Bertoldus Herzog von Zeringen, die den Ort durch fromme Zuwendung von Besitzungen ursprünglich gegründet haben.(4) Im Stiftungsbrief ist die Lage des Klosters bestimmt am Nordwasserbach neben dem Büttenstein. Nach der Legende wäre sie von einem von der Schauenburg ausgesandten Esel, der das für den Bau bestimmte Geld trug, gefunden worden; nur daß nicht die Höhe des Sohlberges, sondern der Talgrund darunter gewählt wurde. Den durch eine entsprechende Inschrift gekennzeichneten Eselsbrunnen habe das Tier durch einen Hufschlag zur eigenen Labung erschlossen, Als Klosterbesitz wiesen die Stifter ein Gebiet an, das im Osten bis an die Hornisgrinde, im Westen bis an den Sohl- und Brunnberg, im Norden bis an den Griesbaumkopf reichte, außerdem Güter in Renchen, Ramsbach, Hesselbach, Elesweiler, den vierten Teil der Fischerei in Busterich, den Kirchensatz in Nußbach. 1203 werden in der Bestätigungsbulle Innocenz’ III. noch weitere Grundstücke in Appenweier, Ufholz, Grisbaum, 1216 das Spital von Simon und Juda in Gamshurst genannt; 1224 das von S. Jakob und S. Johann in Urloffen;(5) nach dem Kopeybuch kam schon 1198 noch der Kirchensatz in Oberkirch, Oppenau und in der Burgkapelle der Schauenburg hinzu.

Nach der Tradition begann die Errichtung des Stiftes schon 1191; die eines offenbar bescheidenen Gotteshauses 1192/93 und im folgenden Jahr die der Gebäulichkeiten für anfangs fünf Insassen. Als Todesjahr der Stifterin wird 1196 genannt; 1200 ist sie jedenfalls nicht mehr am Leben. Das Mortuarium verzeichnet ihr Gedächtnis zum 26. August. Als erster Propst begegnet in den Urkunden von 1203 und 1217 Gerungus,(6) ein angeblicher Sohn der Uta, der aber nur aus ihrer ersten Ehe stammen könnte. Der zweite Abt Walter ist urkundlich nachweisbar erstmals 1221;(7) er stand ursprünglich dem Marchthaler Kloster vor und kam bald nach seiner Resignation dort (1214) als Propst nach Allerheiligen,(8) aber nicht vor 1216. Ein Propst H.[einricus] wird 1248 und 1249 genannt; der vierte Vorsteher war Konrad von Schauenburg (1262

1.) Annal. Marchthalenses, FDA. IV, S. 159.
2.) Würdtwein, Nova subsidia X, S. 187. Schöpflin, Alsat. dipl. 1, S. 308. Böhmer, Regesta imperii V, S. 1, 17.
3.) Schöpflin, Alsat. dipl. I, S. 333. Böhmer, Regesta imperii V, S: 1, 221.
4.) FDA. XXI, S. 312.
5.) Hugo, Annal. Praemonst. II, S. 279. Böhmer, Regesta imperii V, S. 1, 710.
6.) Das Allerheiliger Mortuarium bezeichnet ihn als sacerdos et fundator huius ecclesiae, de quo datur conventui solatium, Badenia I, S. 114.
7.) Schannat, Vind. lit. I, S. 142.
8.) Annal. Marchthalenses, FDA. IV, S. 176.

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bis 1290), der 1290 resignierte und neun Jahre spater erst starb.(1) Das Ansehen und die materielle Macht des Klosters hatten sich wesentlich gefestigt und bis zu einem Maße gemehrt, über das es später kaum noch hinausgekommen ist. Zuwendungen von Gütern und Rechten erfolgten von allen Seiten, namentlich von den Schauenburg, Eberstein, Stauffenberg, Neuenstein, Winterbach, Ulmburg, Röder u. a., aber auch von Bürgerlichen und Geistlichen. 1227 vergab Kaiser Heinrich einen Hof in Reichenbach bei der Schauenburg und empfiehlt gleichzeitig die Almosensammler des Klosters seinen Dienstmannen und Amtleuten; 1233 vermacht er zu ewigem Besitz die früher als königliche Lehen dem Bertold von Winterbach zugewiesenen Güter in Winterbach, Trutkindesberge, Lautenbach, Sulzbach, Zirbirchen (Hofgut bei Ulm), Dachshurst.(2) 1228 stiftet der gleiche Bertold für sich und seine Frau gegen Zusicherung einer Jahresrente ein Seelgerät; er übernimmt dagegen vom Kloster gegen eine Jahresabgabe für sich und seine Erben die Burg in Winterbach, die "turris lapidea".(3) Von Hirsau übernahm Allerheiligen den verpfändeten Klosterhof und den zugehörigen Zehnten in Sasbach (1233);(4) die um diesen Besitz und um Güter in Neusatz entstandenen Irrungen mit den Windeckern wurden 1249 geschlichtet. 1254 kamen Güter in Sand, 1262 in Walldorf (von Uta, Witwe des Grafen Gotfrid von Calw), 1275 eine Jahresgilte in Kork, 1284 durch Propst Heinrich von Honau Höfe und Güter in Ebersweier, Zusenhofen und Willstätt noch hinzu.(5) Zu mancherlei Unruhen führten die Rechte und Besitzungen in Nußbach. Schon Markgraf Hermann V. von Baden focht die Schenkung der Herzogin von Schauenburg und Eberhards von Eberstein an und erhob Anspruch auf die Vogtei und die Gotteshausleute in Nußbach, wobei der Propst Heinrich gefangengesetzt und dem Kloster beträchtlicher Schaden im Wert von: über 100 Pfund zugefügt wurde. Im Vergleich, den Bischof Konrad von Speyer herbeiführte (1241), wurde der Markgraf zum vollen Schadenersatz und zum Verzicht auf seine Ansprüche angehalten.(6) Dreißig Jahre später machte Graf Heinrich I. von Fürstenberg dem Kloster die Nußbacher Rechte und Besitzungen streitig. Wahrscheinlich im Anschluß an den auf dem Erbweg erfolgten Übergang der Herrschaft Oberkirch an den Grafen (1271) verlangte dieser den "unteren Hof" in Nußbach mit dem Patronatsrecht über die dortige Kirche und ihre Filialen, den Allerheiligen von der Mutter des Fürstenbergers käuflich erworben hatte, wieder zurück. Nach Erlegung der Kaufsumme von 120 Pfund fiel ihm der Hof auch wieder zu, dagegen verzichtete er auf alle anderen Rechte und Güter in Nußbach, ebenso auf das Patronatsrecht in Nußbach, Oppenau, Oberkirch und der Kapelle der Schauenburg, desgleichen auf den noch von der Herzogin Uta herrührenden "oberen Hof" (1275).(7)

1.) Ruppert, Oberrh. Ztschr. XXXIX, S. 108 ff.
2.) Grandidier, Oeuvres inéd. III, S. 243; Oberrh. Ztschr. XXXIX, S. 106; NF. I, S. 70. Schöpflin, Alsat. dipl. I, S. 360. Böhmer, Regesta imperii V, S. 2, 736.
3.) Schannat, Vind. lit. I, S. 142.
4.) 1293 ging durch Verkauf noch ein Sasbacher Hof an das Kloster über, den bisher Johann von Neuenstein als markgräflich badisches Lehen innehatte. Fester, Regesten der Markgrafen von Baden I, Nr. 617.
5.) Schannat, Vind. lit. I, S. 142 ff.
6.) Schöpflin, Hist. Zaringo-Badensis V, S. 211 (wo eine Kopie z. J. 1246 publiziert wird). Grandidier, Oeuvres inéd. III, S.250. Fester, Regesten der Markgrafen von Baden I, Nr. 379.
7.) Schannat I, S. 146 ff.

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Weitgehend wie die Güterzuwendungen waren auch die Privilegien und die Gerechtsame, mit denen Allerheiligen von allem Anfang an bedacht wurde. Es wurde unabhängig gestellt von jeder Vogtei und frei von landesfürstlichen und gemeinen Auflagen. Von Seiten Straßburgs wurde es später nur zur Tragung der mit dem Bürgerrecht zusammenhängenden Verpflichtungen, Kriegslasten etc. angehalten, wie 1360, wo es "2 Helme" zum Kontingent der Stadt Straßburg für den Zug des Kaisers gegen den Herzog von Württemberg zu stellen hat.(1) Außer dem gewöhnlichen Zehnten vom angebauten Land wurde dem Stift durch eine Bulle Alexanders IV. v.J. 1256 und eine solche Bonifaz’ VII. v. J. 1295 in allen zehntpflichtigen Orten der Neubruchzehnte und Novalzehnte zugestanden. Auch bezüglich der Introitus- und Egreßtaxe bei Pfarreibesetzungen wurden den Konventualen von seiten des Kapitels Offenburg mancherlei Vergünstigungen zu teil (1462).(2)

Daß mit diesem äußeren Aufschwung auch das moralische Ansehen gleichen Schritt schon in den ersten Jahrzehnten hielt, ersehen wir aus der Berufung von Konventualen des Schwarzwaldklosters nach der Abtei Lorsch, um dort im Auftrag des Mainzer Bischofs gegen widerspenstige Mönche gründliche Reform durchzuführen und den wahren Geist der Disziplin wiederherzustellen.(3) Außer diesem Ereignis bleibt die Geschichte von Allerheiligen für die nächsten Jahrhunderte fast nur auf Änderungen im Besitz- und Rechtsstand beschränkt; das innere Leben bleibt für uns stumm, und auch im äußeren ist der Brand v.J. 1470 das erste wieder registrierte Ereignis. Nach der traditionellen Annahme hätte das Feuer damals fast das ganze Kloster vernichtet. Wie Ruppert aber mit Recht betont, bedarf diese Ansicht einer wesentlichen Einschränkung. Denn schon 1469, 17. März, beschlossen Propst und Konvent, das von Propst Berthold hinterlassene Geld zur Tilgung der Klosterschulden aufzuwenden und die Restsumme von 3.575 Gulden auf Zinsen anzulegen und daraus die Kosten der Restaurierung des Klosters zu bestreiten, bis Kreuzgang, Schloßhaus, Propstei, Münster, Siechenhaus, Gasthaus und die Ordensgebäude mit Steinwerk, Ringmauer und Pforten nach Herkommen versehen wären.(4) Die ganze Klosteranlage befand sich somit nach diesem Dokument in einem teilweise unfertigen Zustand. Nach dem Brand zog der Konvent nach Lautenbach und richtete sich dort häuslich ein, bis der Neubau in Allerheiligen wieder bewohnbar war. Diesem Anlaß verdankt Lautenbach seinen schönen Kirchenbau. Einen Augenblick schien es sogar, als ob das rauhe und einsame Waldtal Allerheiligen ganz aufgegeben werden sollte. Aber die Klosterinsassen widersetzten sich solchen Bestrebungen des Propstes mit aller Entschiedenheit und vor allem mit dem Beschluß, daß kein Propst in Zukunft länger in Lautenbach sich aufhalten dürfe (1480). 1484 wurde ein Kapitelsstatut angenommen, daß jeder Konventuale bei der Aufnahme eidlich geloben müsse, jeder Verlegung des Stifts sich zu widersetzen.

Die religiösen und politischen Unruhen des 16. Jhs. machten sich in Allerheiligen zunächst nur in der Bauernerhebung bemerkbar. Indem wir auf die allgemeine Darstellung dieser Bewegung in der Einleitung oben verweisen, berühren wir hier nur die

1.) Straßburger Urkundenbuch V, S. 448.
2.) FDA. XIV, S. 268 ff.
3.) Vgl. Falk, Geschichte des Klosters Lorsch, Mainz 1866, S. 95.
4.) Allerheiligen, Kopialb. II, S.670. Ruppert, FDA. XXIV, S. 274.

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Allerheiligen allein betreffenden Vorgänge. Nachdem der hauptsächlich von der Grafschaft Hanau-Lichtenberg aus genährte Aufstand schon in der unteren Ortenau am 12. April 1525 am Kloster Schwarzach ein Opfer gefunden hatte, waren auch im Amt Oberkirch zur gleichen Zeit durch den Oberkircher Haufen von etwa 8000 Mann ähnliche Exzesse begangen worden. Anfangs Mai 1525 war hier der Klosterhof von Allerheiligen in Oberkirch geplündert und in fanatischer Weise in der dortigen Kirche gewütet worden: der Altar wurde erbrochen, das Ciborium seines Inhaltes entleert und die Hostien auf der Erde zertreten; drei Heiligenbüsten wurden zerschlagen, ebenso alle Fenster mit Adelswappen; von den Grabsteinen der Messingschmuck weggerissen. Ähnliches wird auch vom Klosterhof in Lautenbach und vom Kloster Allerheiligen selbst gemeldet, wo man aber die wertvollsten Sachen schon in die Feste Schauenburg geflüchtet hatte.(1) Nachdem sich der Markgraf von Baden und die Stadt Straßburg auf der Tagung in Renchen (22. - 25. Mai 1525) mit den Bauern geeinigt hatten in 12 Artikeln, machte auch Allerheiligen, als erstes der Stifte, auf der gleichen Basis seinen Frieden mit den Bauern. Propst und Konvent wurden wieder in die alten Rechte und den Genuß von Gütern und Zinsen eingesetzt und sollten von den Bauern alle Ornate und Kirchengeräte, Hausrat und Urkunden, die in Allerheiligen wie in Lautenbach und Oberkirch geraubt worden waren, zurückerhalten, nicht aber das sonst noch Entwendete und Veräußerte. Dagegen hatte das Kloster dem Bauernausschuß 100 fl. zu zahlen.(2)

War damit dem Kloster die Ruhe wieder zurückgegeben, so brachte schon 1555 ein Brand wieder neues Unheil. Ihm fiel das Dach und die Innenausstattung der Kirche, von den Klostergebäulichkeiten selbst das Dormitorium und Refektorium, die Werkstätten und Kirche, das Spital, die Prälatur und die Wirtschaftsräume anheim. Der Konvent mußte sich nach Lautenbach und auf die benachbarten Stiftshöfe zerstreuen. Schon vor dem J. 1562 war die Kirche wieder in stand gesetzt; der Aufbau der Stiftsgebäude zog sich aber, infolge mangelnder Mittel, bis in die 80er Jahre hinaus. Und kaum war diese Sorge behoben, so brachen die Folgen der Reformation über die stille Mönchsniederlassung herein. Zwar blieben Allerheiligen wie sein Gebiet und seine Pfarreien der neuen Lehre größtenteils verschlossen, dafür aber fiel es mit dem rechtsrheinischen Gebiet des Bistums Straßburg im Kapitelstreit dem protestantischen Bischof, dem Markgrafen Johann Georg von Brandenburg, zu (1592). Auch Vierordt muß zugeben, daß das Verfahren dieses Administrators in dem geschlossenen katholischen Gebiet unrechtmäßig und gewalttätig war:(3) der streng protestantische Kanonikus Ernst von Mansfeld wurde Amtmann in Oberkirch. In dieser Stellung versuchte er auf gütlichem wie gewaltsamem Wege, das Renchtal zu protestantisieren. Dem Kloster Allerheiligen setzte er einen eigenen Schaffner und mischte sich auch in die geistlichen Angelegenheiten ein. Durch das Verbot, neue Novizen aufzunehmen, sollte das Stift zum Aussterben verurteilt sein, damit es desto leichter säkularisiert werden konnte. Zuletzt fanden sich nur noch vier Religiosen vor, die Stiftschule wurde gleichfalls in ihrer Wirksamkeit gehemmt. Aus dem Straßburger Klosterhof nahm Mansfeld das Silbergerät an sich. Als sich der Konvent beschwerdeführend an den Kaiser wandte,

1. Hartfelder, Die Geschichte des Bauernkrieges in Südwestdeutschland, S. 383 ff., nach einem gleichzeitigen Bericht. .
2.) Ebenda S. 392.
3.) Vierordt, Gesch. der evang. Kirche in Baden I, S. 76 ff.

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rügte Rudolf II. in mehreren Erlassen das Vorgehen Mansfelds sowie die Versuche, die Klosterinsassen zu protestantisieren, und ordnete die Herausgabe der widerrechtlich weggenommenen Klosterhabe und die Erhebung des P. Peter Jehle zum Propst an. Ernst von Mansfeld wollte ihn nur gegen die Zusicherung zulassen, ihn jederzeit entfernen zu können und die Schlüssel zum Kloster eingehändigt zu bekommen. Als sich Jehle darauf nicht einließ, wurde er gefangen nach der Feste Dachstein gebracht, wo er noch im gleichen Jahr 1595 starb, wie das erregte Volk glaubte, nicht eines natürlichen Todes.(1) Diese völlige Okkupation durch Mansfeld hatte erst ein Ende, als Rudolf II. aus dem Prager Schwesterkloster Strahow den energischen Prior Johannes Schüßler in das Schwarzwaldkloster als Propst abordnete (1599). Durch den Willstätter Vertrag (1600) mit den Vertretern des protestantischen Bischofs wurden die schlimmsten Rechtsverletzungen Mansfelds beseitig. Schüßler erhielt wieder die Verwaltung des Klosters, die Lautenbacher Kirche und den Straßburger Hof zum Reibeisen zurück, dafür entrichtete er von da an die jährliche Abgabe anstatt ans Reichskammergericht an den Bischof. Um wieder Ordnung in die Rechtsverhältnisse des Klosters zu bringen, sorgte der neue Propst für die Wiederherstellung und Sichtung des Archivs und für Anlage eines Kopialbuches, das mit seinen späteren Fortsetzungen 24 Bände umfaßt. Schon 1601 dankte Schüßler, kurz vor seinem Tode, ab; auch sein Nachfolger hielt sich nur wenige Wochen in seinem Amte, das noch immer in den wesentlichsten Funktionen gehemmt und beeinträchtigt war. Erst das Abkommen zwischen den zwei Bischöfen v.J. 1604 brachte dem Kloster wieder die notwendige Bewegungsfreiheit und damit die Möglichkeit einer gedeihlichen Entwickelung: der protestantische Administrator wurde für seinen Gebietsteil durch eine größere Geldsumme abgefunden. Zu deren Deckung kam das Amt Oberkirch mit Allerheiligen als Pfand an den Herzog von Württemberg. 1665 wurde auch das wieder eingelöst.

Inzwischen hatten die Schrecken und Nöten des Dreißigjährigen Krieges von Oberkirch aus wiederholt an die stille Waldsiedelung geklopft; immer aber war sie ihnen, zum Teil durch Protektion Richelieus, entgangen, nur daß 1638 am 19. Februar bei Erstürmung der Oberkircher Kirche durch Franzosen und Schweden auch einige Konventualen fielen. 1657 wurde das Kloster zur Abtei erhoben. Mit allem Nachhalt ging man jetzt in verhältnismäßig langer Friedenszeit an die Ausbesserung der materiellen Schäden und an die Festigung der inneren Ordnung. Auch die Klosterschule, die schon lange vor 1590 begegnet, später Gymnasium genannt, eine überaus segensreiche Pflanzstätte humanistischer Bildung für Mittelbaden, nahm einen immer höheren Aufschwung bis zur Aufhebung des Stiftes. Bei Ausbruch der französischen Revolution siedelte das Straßburger Priesterseminar unter der Leitung Liebermanns in die gastlichen Räume, die auch manchem emigrierten Priester ein einsames und sicheres Obdach boten. Dank einer weisen und umsichtigen Verwaltung hatte das Kloster während seiner ganzen Existenz alle Besitztitel zu wahren gewußt. Unmittelbar vor seiner Aufhebung hatte es noch eine gemilderte Auflage des Bauernaufstandes zu bestehen, der sich ebensosehr gegen die bischöflichen wie die klösterlichen Gerechtsame richtete. Anlaß zur Unzufriedenheit gegen das Kloster gab ein das ganze 18. Jh. hindurch spielender

1.) Vgl. Descriptio historica in tabulis domesticis coordinata bei Petrus, Suevia eccles. S. 652. Badenia III (1844), S. 250.

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Prozeß wegen der Benutzung eines Genossenschaftswaldes der Gemeinden Ulm, Waldulm, Renchen u. a., der sog. Ulmhartprozeß. Ermutigt durch die revolutionäre Erhebung jenseits des Rheins versuchten die Talgemeinden (1789) durch Gewalt sich Recht zu verschaffen. Wiederholt erschienen die empörten Scharen in der Nähe des Klosters; Hilfe kam weder vom Bischof noch am Anfang vom Markgrafen. Erst eine länger dauernde kurpfälzische und kurmainzische Besatzung schuf wieder Ruhe; eine Bestrafung der schuldigen Rädelsführer verhinderte aber der milde Abt Felix Kemmerle.

Auf dem Gebiet der Wissenschaften hat Allerheiligen glänzende Namen oder auch nur solche zweiten Ranges in größerer Anzahl nicht aufzuweisen: auf dem der Theologie, vornehmlich der praktischen, und der Ascese u. a. P, Sebastian Alber († 1752), Gerungus Goetz († 1687) und Ludwig Goetz († 1710); den sehr verdienten Pfarrer von Lautenbach P. Adalbert Hard († 1754),(1) Georg Hempfer, über 20 Jahre Prior des Klosters († 1648), schrieb außer theologischen Arbeiten eine Historia illustrium virorum Sueviae und den Anfang eines Chronicon Monasterii Omnium Sanctorum.(2) Ein gleichfalls für die Geschichte des Klosters wertvolles Unternehmen führten der Propst Norbert Hodapp (1639 bis 1653) und sein Nachfolger der Abt Gottfried Kistner (1657 bis 1692) mit der Abfassung der Annalen von Allerheiligen aus, die aber handschriftlich in neuerer Zeit verschollen sind.(3) Von den Persönlichkeiten, die ihre Ausbildung dem Stiftsgymnasium verdanken, verdienen Erwähnung der Haslacher Adalbert Eisenmann, später Professor der Mathematik in Paris, und Fr. Xaver Merk, später Professor der Theologie in Heidelberg und Freiburg.

Außer der Klosterkirche stand auf dem Stiftsboden noch eine Ursulakapelle, die erstmals 1352 und 1370 erwähnt wird, angeblich an der Stelle errichtet, wo am Fest der h. Ursula (21. Oktober 1191) der mit dem Geld für den Klosterbau beladene Esel Halt machte. 1370 wurde die Kapelle neu gebaut und anläßlich der Einweihung am Fronleichnamstag ein Ablaß verliehen. Aus älterer Zeit werden Grablegen in der Klosterkirche erwähnt: von einem armiger Rudolf de Schowenburg und seinem Sohn, qui apud nos quiescunt (13. Jh.);(4) von Bertoldus de Schowenburg, der tumbam habet oblongam in ambitu claustri australi cum hac inscriptione: Anno Domini MCCCVIII cal. April. Bertoldus de Schowenburg feliciter obiit;(5) von einer Agnes de Zeiskeim, Frau des Heinrich Röder, später des Reinbold von Schauenburg (zweite Hälfte des 14. Jhs.).(6)

1803, 14. Februar, wurde das Stift säkularisiert. Der größte Teil des aus 28 Chorherren bestehenden Konventes zog mit seinem Abt nach Lautenbach. Schon am 6. Juni schlug der Blitz in den Turm der Kirche und äscherte infolge der leicht entzündlichen Bedachung Turm und Dach der Kirche und den größeren Teil der Klostergebäude ein. Erhalten blieben u. a. die Prälatur, Bibliothek und das Gymnasium. Auch der Hoch-

1.) Goovaerts, Ecrivains, artistes et savants de l’ordre de Prémontré I, Brüssel 1899, XVI, S. 324, 353.
2.) Bader, Badenia III, S. 252. Goovaerts a.a. O. I, S. 373.
3.) Goovaerts (a.a. O. I, S. 392, 446) erwähnt, daß die Handschrift 1883 durch den Buchhändler Auer in Wien zum Verkauf angeboten und rasch auch abgesetzt wurde.
4.) Ruppert, Oberrh. Ztschr. XXXIX, S. 108.
5.) Straßb. Stadtarchiv K. v. K. Argentoratensia hist. polit. Tom. i. Ruppert, ebenda S. 114.
6.) Ruppert, ebenda S. 137.

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altar, sechs kleinere Nebenaltäre und ein kunstvolles altes Ciborium blieben unbeschädigt. Aber auch die Kirche wäre bei der Widerstandsfähigkeit der Gewölbe leicht wieder in stand zu setzen und zu erhalten gewesen, wenn sich damals jemand darum angenommen hätte und wenn sie nicht später als Steinbruch hätte dienen müssen. Ein trauriges Ende dieser alten Kulturstätte! Die erhaltenen Gebäude wurden als Forsthaus eingerichtet und neuestens als Kurhaus. (Sauer.)

Daß der Brand von 1803, wie oben geschildert, nicht allzuviel zerstörte, geht aus der Beschreibung Kolbs hervor: "Von der schönen, großen, aus Quadersteinen erbauten Kirche ist nur das Dach, wie auch das Holzwerk des Spitzturms verbrannt, vier Glocken geschmolzen, auch haben die schönen Kreuzgewölbe des Kirchenschiffs, welche auf vier steinernen Säulen ruhten, hin und wieder Schaden gelitten. Der prächtige Choraltar, nebst noch sechs kleineren, blieben vom Feuer verschont. Alle anderen Nebengebäude, das Schulhaus, zwey große Gasthäuser, die Mühle und Bäckerey, Scheuern und Stallungen blieben unversehrt."(1)

"Nach Aufhebung des Klosters wollte man," erzählt Kolb weiter, "hier eine Spinnfabrik errichten; allein bey den ersten Anstalten, die getroffen wurden, zeigte es sich, daß wegen der rauhen und bergigten Gegend nur das Fuhrwesen mehr Kosten verursachen würde, als man Nutzen zu hoffen hätte." Man gab es also auf, und nun wohnte in den weitläufigen Gebäuden der Meier mit seiner Familie, an den man Wiesen und Felder verpachtet hatte, der Förster, der zugleich Wirt war, und ein Kapuziner.

Mit geringen Reparaturen hätte man die Baulichkeiten. erhalten können. Allein man versteigerte sie 1811 auf Abbruch. Unter anderem soll von den hier gewonnenen Steinen die Kirche in Achern erbaut sein. Indes stand man auch davon, des kostspieligen Transportes wegen, bald ab. Aber die Einbrüche hatten genügt; die Natur führte das Zerstörungswerk weiter. Die Gewölbe der Kirche stürzten zusammen, die Klostergebäude ebenfalls; nur weniges ist stehen geblieben. 1834 war hier die Bezirksforstei, die 1838 nach Ottenhöfen verlegt wurde, während der Waldhüter, E. Mittermaier, nach Allerheiligen versetzt wurde, der 1844 die Erlaubnis zum Betrieb einer Wirtschaft erhielt. Erst als 1840 der Forstmeister Eichrodt mit Beihilfe Mittermaiers die Wasserfälle, in denen unterhalb des Klosters der Bach "das Nordwasser" zu Tale braust, wieder zugänglich machte, stieg auch das Interesse an der Ruine, über die i. J. 1848, im III. Jahrgang der Schriften der Altertums- und Geschichtsvereine Badens, der um die Kunde der Badener Altertümer verdiente G. J. von Gerlat-Wellenburg eine kurze Notiz brachte, worin er allerdings fälschlicherweise von einer Cisterzienserabtei redete. Nun nahm sich der Badische Altertumsverein der Ruine an. 1842 wurden nur geringe Ausbesserungen vorgenommen, 1845 aber begannen die Arbeiten unter Leitung des Konservators A. von Bayer, der in den Schriften des Altertumsvereins 1846 darüber berichtet. 1850 werden Zeichnungen des Bestehenden aufgenommen. Damals standen von dem eigentlichen Klosterkomplex noch die Umfassungsmauern und der an die Kirche anstoßende, wohl umgebaute, heute noch stehende Teil der Gebäude, der als Forsthaus diente; von ihm aus hatte man in die Kirchenruine hinein einen Anbau gemacht. (Siehe Fig. 125.)

Die Spuren des Kreuzganges waren noch erkennbar und, wie heute noch, an der Langhaussüdseite die Ansätze seiner Gewölbe, die Gewölbe selbst sind auf dem Plan rekonstruiert, ebenso wie die zusammengefallenen Gewölbe der Kirche, deren nördliche Langhausmauer nicht mehr stand bezw. unter der Erde lag. Verschüttet lagen auch die Seitenräume neben dem Haupteingang. Von dem engeren Klosterbezirk aus erstreckte sich noch ein Mauerrest nach Süden; verschiedene Ökonomiebauten und zwei Gartenanlagen waren noch vorhanden.

1851 ging die Sorge für die Erhaltung an die Finanzverwaltung über. Unter persönlicher Leitung A. von Bayers wurde das baufällige Tonnengewölbe des Paradieses hergestellt; die Bogenrippen des Kapellchens (Akten des Konservators) wurden alle vorgefunden, auch die "Füße

1.) Kolb I, S. 11.


Allerheiligen Lageplan 1803
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der umgefallenen Säulen" waren noch vorhanden, die Quader kamen wieder an ihre früheren Stellen. Die Mittel waren ursprünglich vom Badischen Altertumsverein hergegeben,(1) später von der Regierung. Es wurden "sowohl großartige Lichtungen und Wegräumungen von Schutt und Graus als auch Bauergänzungen" vorgenommen, "so daß die ihrer reichen Bauart wegen lehrreichen Reste der ehemaligen Klosterkirche frei zu liegen kamen und gefahrdrohende Bautheile wieder verfestigt wurden". Außer den obenerwähnten Aufnahmen ist auch in der handschriftlichen Beschreibung der Baudenkmale Badens, die G.J. von Gerlat-Wellenburg in den fünfziger Jahren des 19. Jhs. anlegte, eine Aufnahme der Ruine in ihrem Stand von 1857 erhalten. Kunstgeschichtlich blieb die Ruine ziemlich unbekannt, von ganz kurzen und irrigen Notizen bei Lotz(2) und Otte(3) abgesehen. 1876 bis 1878 wurden neue, ausgedehntere Erhaltungsarbeiten unter Direktor Kachel vorgenommen. Nach den Berichten war ein Teil der Blendarkaden vor dem Paradies als Prellsteine gebraucht; das Gewölbe des letzteren und der vordere Gurtbogen mußten erneuert, Fensterteile neu aufgestellt werden, die Umfassungsmauer der Kirche wurde wiederhergestellt; das Gewölbe in der Kapelle, an deren Wänden damals "Fresken" konstatiert wurden, wurde neu eingewölbt, die Rippen gestützt, außen die Strebepfeiler ausgebessert; letzteres geschah auch mit dem Treppentürmchen und seinem Steindach. Damalige Grabungen im nördlichen Querschiff und in der Kapelle haben nichts ergeben; die skulpierten Platten in der Vorhalle wurden wieder aufgerichtet etc.

Im Jahre 1887 wurden auf Anregung des Konservators Geheimrat Wagner die in der Ruine vorhandenen Schlußsteine etc. in der Vorhalle aufgestellt, 1883 verschiedene kleinere Restaurierungsarbeiten durch die Bezirksbauinspektion in Achern vorgenommen. Unterdes hatte auch die Forschung den Bau etwas gründlicher berücksichtigt; Lübke hat in seinen Streifzügen durch Baden darauf hingewiesen und schon eine besonders frühe Hallenkirche zu erkennen geglaubt. Ein Aufsatz Franz Jakob Schmitts im Repertorium für Kunstwissenschaft(4) brachte eingehendere Mitteilungen über die Kirche, die er in Beziehung zu bringen versuchte mit Notre Dame zu Laon, eine unhaltbare Annahme, wie wir sehen werden. - Als ich dann i. J. 1900 für dies Werk die Kirche untersuchte, wurde mir klar, daß nur durch Nachgrabungen ihre einstige Gestaltung endgültig festgestellt werden könnte, daß aber die kunstgeschichtliche Bedeutung des Baues solche Nachgrabungen auch rechtfertige. Mit den vom Großh. Ministerium der Justiz, des Kultus und Unterrichts und dem Karlsruher Altertumsverein zur Verfügung gestellten Mitteln konnten Professor Karl Statsmann und ich in den Jahren 1902 und 1903 die Nachgrabungen ausführen mit befriedigenden Resultaten. Es wurde vor allem der Raum nördlich der Vorhalle ausgegraben; von einer Untersuchung des südlichen mußte abgesehen werden, weil dadurch die Schönheit der Ruine zu sehr beeinträchtigt worden wäre; auch dürfte er dem nördlichen durchaus ähnlich gewesen sein. So ziemlich das ganze Langhaus wurde in einzelnen Grabenzügen auf Baureste durchwühlt und auch einiges gefunden, im Querschiff vor allem einige Bestattungen. An der Nordseite wurde durch Versuchsgrabungen das Nötige festgestellt, desgleichen vor dem Eingangstor zum Paradies, an der Stelle des alten Kreuzganges und des östlichen Klostertraktes. Die einzelnen Resultate werden bei der Beschreibung der Kirche erwähnt werden.

Für die Baugeschichte der Kirche sind folgende Nachrichten festzuhalten: Die Gründung muß zwischen 1191 und 1196, jedenfalls vor letzterem Datum erfolgt sein, möglicherweise mit Marchthaler Mönchen, Mitte des 13. Jhs. verzichtet indes das Marchthaler Kloster auf sein Paternitätsrecht. Kurz nach der Gründung muß die Errichtung eines Gotteshauses und die der Gebäulichkeiten für fünf Insassen erfolgt sein. Wichtig ist, daß der zweite Propst Walter (um 1221) vorher dem Marchthaler Kloster vorgestanden hatte. In der zweiten Hälfte des 13. Jhs. war die materielle Macht des Klosters auf ihrem Höhepunkt. Die Gebäude müssen indes in den kommenden Jahrhunderten nie ganz fertiggestellt worden sein; nur so erklärt sich der oben S. 218 zitierte Beschluß

1.) Generalbericht der Direktion des badischen Alterthumsvereines, Karlsruhe 1858, S. 17.
2.) Statistik II, S. 7.
3.) Kirchl. Kunstarchäologie 5II, S. 282.
4.) Bd. XVII, S. 439 ff.

Allerheiligen Grundriss Klosterkirche

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des Propstes und Konventes von 1469, Geld auf Zinsen zu legen, um damit die obengenannten Bauten zu restaurieren: "mit Steinwerk, Ringmauer und Pfosten nach Herkommen zu versehen". 1470 erfolgte der große Brand, der wohl gerade des geschilderten

Allerheiligen Ausgrabungsplan 1902 3 Klosterkirche

Zustandes wegen ungeheuer um sich griff und die zeitweise Residenz der Mönche in Lautenbach sowie die dortigen Bauten veranlaßte. 1555 erfolgte ein zweiter Brand, 1562 war die Kirche wieder im Stand, erst in den achtziger Jahren das Kloster. Das ist alles, war wir über die Bauten wissen.

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Allerheiligen VierungspfeilerAußer den obenerwähnten Abbildungen kommen unserer Vorstellung von den ehemaligen Bauten noch die ausgezeichneten Grundrisse zu Hilfe, die bei der Säkularisation im Oktober 1803 auf sechs Blatt von einem W. Schn.? aufgenommen wurden und von denen wir die wichtigsten Blätter wiedergeben.

Das Kloster liegt in dem kleinen Tal, genannt die Wiesenau am östlichen Fuße des Sohlberges; rings von Bergen eng umgeben, füllte es mit seinen Baulichkeiten und Gärten das ganze Tal aus, das im Osten von einem Bache, dem Nordwasser, durchströmt wird. Die Ostmauern des Konventes stießen hart an eine steile Schlucht, welche dies Wasser durchströmt, der Chor der Kirche ist nur wenige Meter von ihr entfernt. Südlich, im tieferen Teil des Tales, ebnet sich das Terrain, das Wasser fließt friedlich zwischen Wiesen und Gärten dahin, um eine halbe Stunde weiter in mächtigen Fällen herunterzubrausen.

Von den bedeutenderen Gebäuden ist nur noch die Ruine der Kirche (s. Fig. 126) erhalten. Der Grundriß zeigt uns ein dreischiffiges Langhaus von 15,44 m Breite, das Mittelschiff 6,30 m, die Seitenschiffe 3,52 m breit; die Länge etwa 20,20 m. Die Gewölbejoche des Mittelschiffs sind quadratisch, die der Seitenschiffe oblong. Die Arkaden des Langhauses, von denen die südlichen noch in ihrem Hochbau stehen, werden von Achteckpfeilern getragen mit Halbsäulenvorlagen nach dem Langhaus und den Seitenschiffen zu. In dem nördlichen Seitenschiff entsprachen diesen Pfeilern an den Wänden je drei runde Dienste, die die Rippen trugen, im südlichen Seitenschiff Konsolen. Mächtige Pfeiler mit Halbsäulenvorlagen stützten das Quadrat der Vierung, das die Grundrißdimensionen bestimmt; ihm sind die Quadrate des Mittelschiffs gleich sowie die des nördlichen und südlichen Querschiffs und das Chorquadrat, während die Seitenschiffe um je 37 cm breiter sind als die Hälfte des Mittelschiffs, übrigens eine geringe Abweichung. An die Ostseite des südlichen Querschiffs ist die Kapelle Omnium sanctorum angebaut. Dem Mittelschiff des Langhauses ist eine tonnengewölbte Vorhalle vorgelagert, die zu beiden Seiten entsprechend der Breite der Seitenschiffe von Nebenräumen flankiert wird. Die Nordwand der Kirche hat an zwei Stellen den Gurtbögen

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der Seitenschiffe entsprechend ganz schwache Strebepfeiler, wenn man es so nennen darf, stärkere an den Ecken des nördlichen Querschiffs(1) und des Chores. An der Westecke des nördlichen Querschiffs ein Wendeltreppentürmchen, das wohl den Zugang zum Vierungsturm bildete, dessen Mauern zum Teil noch aufrecht stehen, bis zu dem ehemaligen Anfang des Turmdaches. Zwei der Wasserspeier sind hier noch erhalten. Nach den Bildern des 18. Jhs. war das gesamte Langhaus nebst Vorhalle mit einem Satteldach abgedeckt, der Turm mit einem Zeltdach; auch die schwachen Strebepfeilerchen der Nordseite sind auf diesen Bildern ersichtlich.

Allerheiligen Kaempfer Vierung
Bei der Beschreibung des Einzelnen beginne ich mit den Ostteilen der Kirche, und zwar mit der Vierung. Mächtige viereckige Pfeiler mit stärkeren runden Diensten, d. i. Halbsäulenvorlagen für die Gurtbögen, schwächeren für die Gewölberippen, tragen die spitzbogigen Arkaden. Der Mittelpunkt der Spitzbögen liegt nahe der Achse. Diese Halbsäulenvorlagen haben tellerförmige Basen mit zum Teil merkwürdigen Eckblättern und Schnauzen (s. Fig. 127) auf viereckigen Postamenten. Sie endigen in schmucklosen Kelchkapitellen, welche die in einfacher Abschrägung profilierten Rippen tragen (s. Fig. 128). Aus dieser Gestaltung der Vierungspfeiler ergibt sich das ehemalige

1) An das südliche stießen die Klosterräumlichkeiten an.

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Kreuzrippengewölbe. Noch stehen die Arkaden gegen das südliche Querschiff und den Chor zu; ihre Bögen sind den Rippen entsprechend profiliert. Über ihnen erheben sich die Reste des Vierungsturmes mit Sandsteinquadern an den Ecken, sonst geringerem Bruchsteinmauerwerk. Er zeigt im unteren Geschoß eine flachbogige Tür, im oberen ein schlichtes Spitzbogenfenster, die Geschosse von einander durch Wasserschrägen getrennt, an den Ecken oben Wasserspeier (s. Fig. 129), sehr stilisierte und unbeholfene liegende Löwen.

Allerheiligen Wasserspeier Vierungsturm
In gleichseitigem Spitzbogen öffnet sich die Vierung in den gerad geschlossenen Chor (s. Fig. 131), dessen südliche Wand noch zur Hälfte in der Höhe von ca. 8 m erhalten ist, von der nördlichsten wenigstens der an die Vierung anstoßende Teil, die östliche in etwa 1 m Höhe. Die um die Ecke herumgeführten Pfeiler der Vierung gaben hier einen ihrer schwächeren Dienste für die Rippen des Chorkreuzgewölbes, denen in den Ostecken schlanke Dreiviertelsäulen entsprachen, deren Tellerbasen in Spuren noch vorhanden sind. An der südlichen Chorwand stehen noch die Reste einer dreifachen Kleeblattbogennische (s. Fig. 132), deren Bögen auf Doppelsäulen mit Tellerbasen ruhten; erhalten drei Viertel des ersten Bogens, die Kapitelle und die Basen der ihn tragenden Doppelsäulen, die Basen der weiteren Doppelsäulen, der Anfang des flachen Entlastungsbogens darüber und die westliche Hälfte des Gewändes des großen Spitzbogenfensters darüber

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(s. Fig. 133). Danach ließ sich die Nische und das Fenster rekonstruieren,(1) wobei allerdings zu bemerken ist, daß der Mittelpfosten des Fensters lediglich  eine Vermutung auf Grund der vorhandenen Reste eines frühgotischen Schiffensters ist.(2)

Allerheiligen Blick Ostteile Kirche
Die gegenüberliegende Chorwand hat eine entsprechende Nische mit vermutlich nur zwei Doppelsäulenpaaren, während das noch erhaltene Gewände der Nische an der Ecke abgefast

1.) Die Phantasien Schmitts über den Zweck der "vierfachene" Blendarkaden fallen damit sofort weg.
2. ) Die Blendarkaden der Südwand ähneln denen im Münster zu Freiburg und Straßburg; in letzterem Bau sind sie erst nach Vollendung des Schiffes, um die Mitte des 13. Jhs., eingebaut worden.

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ist und den Anfang eines Spitzbogens (ergibt sich bei Berücksichtigung der Säulenstandspuren) zeigt. Die Anordnung war also hier eine andere, ich möchte sagen, ausgesprochener gotische; vermutungsweise ist sie in Fig. 131 rekonstruiert.

Allerheiligen Chor Grundriss
Darüber dann ebenfalls ein großes Fenster, dessen seitliches Gewände noch vorhanden ist. Noch

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geringer sind die Auskünfte, die wir aus den Resten der Ostwand erhalten. Wir sehen hier auch eine Nische mit einer Mittelsäule; das Profil der weit ausladenden, flachen, tellerförmigen Basis ist in Fig. 131 oben gegeben; das Gewände der Nische ist zu beiden

Allerheiligen Blendarkaden Suedchorwand
Seiten abgeschrägt. Eine Nische aber muß es wohl gewesen sein, über der sich erst das Fenster erhob, denn wir können so tief unten nicht schon den Ansatz des Chorfensters annehmen. Über die Fundamente der Chormauern gibt Fig. 126a oben Auskunft. Von dem nördlichen Querschiff steht noch ein Teil der Ost- und der größte Teil der Nordwand, während die westlichen Mauern nur noch in ihren Fundamenten

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erhalten sind. In der Ostwand findet sich in geringer Höhe vom Boden eine Nische (s. Fig. 134) in gedrücktem Spitzbogen, die ein einpfostiges Fenster umschließt, mit einfachstem Maßwerk, das sich nach den Resten leicht ergänzen ließ. Diese Nische, vor der seinerzeit ein Altar gestanden, hat in ihrem nördlichen Gewände eine kleine rundbogige Nische, darunter einen Wasserbehälter mit Ausfluß (s. Fig. 134A). Über der Nische noch erhalten die Fensterbank eines großen gotischen Fensters (s. Fig. 135) mit den Ansatzspuren der Pfosten etc. Die Formen sind hier ausgesprochen gotisch. An der Nordwand (s. Fig. 136) sind noch die Kelchkapitelle der Halbsäulen erhalten, die die Rippen des Kreuzgewölbes trugen; ihre Behandlung ist durchaus dieselbe wie bei den Vierungspfeilern. Auch die Ansätze der Rippen selbst sind noch vorhanden, ebenso der Schildbogen. Aus der Einfachheit dieser Kapitelle dürfte kein Schluß zu ziehen sein auf ein größeres Alter, ihre Schlichtheit wird rein ökonomisch zu deuten sein.

Allerheiligen Saeulenfuesse SuedchornischeEin großes einpfostiges Spitzbogenfenster durchbricht die Nordwand. Der Pfosten ist weggebrochen, aber die Spitzbögen, das Rund etc., die Laibung und die Fensterbank noch erhalten,(1) so daß die Gestalt des ausgesprochen gotischen Fensters mit Genauigkeit festzustellen ist. Das westlich darunter befindliche Türchen (s. Figur 137) in rundem Kleeeblattbogen, von einem Blendspitzbogen umrahmt mit dem Profil von unten zusammenlaufenden Rundstäben und Hohlkehlen, weist dagegen die Formen des Übergangstiles auf. Daran aber, daß die Fenster der Ost- und Nordwand etwa später eingesetzt seien, ist, wie die Mauerbehandlung beweist, nicht zu denken. Diese ist bis zur Scheitelhöhe des Schildbogens wie auch im Chor überall eine tadellose aus sauber behauenen Sandsteinquadern. Wie bei der Vierung, so beginnt auch hier über dem Gewölbe geringes Bruchsteinmauerwerk. Hier oben führte aus dem Treppentürmchen eine Tür in den Dachboden, der daneben durch ein einfaches spitzbogiges Fenster Licht empfing. Das Treppentürmchen, im gleichen soliden Quaderbau wie die unteren Teile hochgeführt, ist von achteckigem Grundriß außen, rund im Innern und enthält eine sich um sich selbst drehende Wendeltreppe mit angearbeiteter Spindel (s. Fig. 138). Erhellt wird es durch kleine geradsturzige Fenster mit starker Abschrägung, von denen das eine eine später hergerichtete Verschlußvorrichtung besitzt (s. Fig. 138 unten). Abgeschlossen wird das Türmchen durch eine Wasserschräge mit starker Hohlkehle und einen achtkantigen Steinplattenhelm, an dem die Jahreszahl 1556 auf eine Reparatur nach dem zweiten Brande hindeutet.

Das südliche Querschiff ist in viel größeren Resten auf uns gekommen. Noch steht hier die Arkade, in der sich die Vierung nach ihm öffnet. Die zwei hierher

1.) Auch die Spuren der Pfostenbasis.

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gewandten, jüngeren Dienste des Vierungspfeilers und zwei ihnen entsprechende Halbsäulen trugen das Kreuzgewölbe. Die Ostwand, in der unten sich der spitzbogige Eingang zur Kapelle öffnet, hat in der Höhe zwei Rundfenster, die merkwürdigerweise von dem Schildbogen durchschnitten wurden und an den Durchschneidungsstellen entsprechend abgearbeitet sind, also vor dem Gewölbe da waren. Das wird wohl so zu erklären sein, daß man anfänglich aus irgend welchen Gründen die Wölbung hier sparen wollte und eine gerade Holzdecke eingezogen hatte. An der äußeren Ostwand des südlichen Querschiffs ist zu ersehen, wie das hohe gotische Dach der Kapelle zwischen den Oculi hinaufschneidet, daß letztere also des Daches wegen nicht in der Mitte des Gewölbeschildes sitzen (s. Fig. 157). Da der obere Teil der Ostmauer im 15. Jh. verändert

Allerheiligen Nische Querschiff Nord
worden ist, worauf die andere Bearbeitungsweise der Quader und ihre Steinmetzzeichen hinweisen (s. Tabelle Fig. 152 bei L), so könnte man annehmen, daß die Wölbung im südlichen Querschiff erst um diese Zeit eingesetzt worden ist, nach dem großen Brande. Es ist aber wahrscheinlicher, daß eine Ausbesserung dieses Teils im 15. Jh. zwar stattgefunden hat, daß aber eine Wölbung doch schon im 13. Jh., kurz nach Einbrechen der Kapelle, in die Ostmauer ausgeführt worden ist. Denn es ist doch nicht recht glaubhaft, daß man im 13. Jh. die schon angefangenen Rippenansätze über den Kapitellen nicht weitergeführt haben sollte. Die Gleichheit des Schlußsteines und der Rippen mit denen der anderen Querschiffteile hat auch nach einer etwas größeren Unterbrechung im 13. Jh. nichts Befremdendes, wäre aber im 15. Jh. unmöglich gewesen.

Die Südwand öffnete sich in zwei Türen auf einen Gang und die daneben liegende Sakristei, deren Außenmauern zum Teil noch stehen. Hier aber hat einer der Brände ganz besonders stark gewütet, die Steine sind geradezu versintert, das Mauerwerk, so

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möchte man sagen, geschmolzen, so daß über die Gestaltung dieser Mauern nichts mehr ausgesagt werden kann. Besser ist die Westseite des Querschiffes erhalten, sowohl die spitzbogige Arkade ohne Wulst (der hier am Vierungspfeiler ursprünglich vorhandene Dienst bezw. Halbsäule ist weggehauen) als das Quadermauerwerk darüber, in dem sich ein zum Teil seiner Gewände beraubtes Spitzbogenfenster nach dem Seitenschiff zu öffnet. Da dieses Fenster in die später hier vorhandenen Gewölbe des Seitenschiffes einschneidet, so muß dieses also im 13. Jh. anders geplant gewesen sein.

Allerheiligen Fensterbank Querschiff Nord
Im Gegensatz zu dem nördlichen Seitenschiff ist die Mauer des südlichen Langhauses mit der des Querschiffes nicht zusammenhängend, was allein schon auf verschiedene Bauzeit schließen läßt. Die an die Ostmauer des Querschiffes angebaute Kapelle Allerheiligen (Tafel IX) ist dagegen trotz der vorgeschrittenen Bauformen mit diesem, aber nicht mit dem Chore im Verbande. Aus fünf Seiten des Achtecks konstruiert, öffnet sie sich nach dem Querschiff in großem Spitzbogen, dessen Laibung in Hohlkehlen und Abschrägungen profiliert ist (s. Fig. 139). Das sechsteilige Gewölbe mit geradem Scheitel und tief herabgezogenen Kappen wird von Wandpfeilern getragen, die in drei Rundsäulen gegliedert sind, welche im Querschnitt wie auch in Einzelformen (z. B. der Säulensockel mit den Konsölchen unter den Basen) Verwandtschaft haben mit den Dienstresten in Fig. 141 links unten. Diese ruhen mit ihren flachen, tellerförmigen Basen auf aus dem Achteck konstruierten Sockeln mit kleinerem Durchmesser, wo die Basen übergreifen, werden sie durch blattartige Gebilde gestützt. Feingebildetes, leider stark verwittertes Blattwerk schmückt auch die Kelch-

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kapitelle. Zu beiden Seiten des Altars sind die Säulchen nicht auf die Erde herabgeführt, sondern ruhen in der Höhe der Fensterbank auf kantigen, leis konkaven Konsolen. Die Rippen haben ein schlankes Birnenprofil und endigen in einem Schlußstein, der mit

Allerheiligen Nordwand Querschiff Nord
Vierpaß und Kreuz verziert ist (s. Fig. 143 unten). Die Fensterchen mit stark abgeschrägter Sohlbank zeigen spitze Kleeblattbögen und darüber Dreipässe; an einem sind der Spitzbogen und die Endigungen des Dreipasses stark kielförmig geschweift (s. Fig. 140). Strebepfeiler (Fig. 143), deren Köpfe turmartig mit Giebeln und (abgebrochener) Kreuz-

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blume ausgestaltet waren und in den Giebeln Dreipässe aufweisen - ein Kopf ist mit sich durchschneidenden Giebeln gebildet -, begegnen im Äußern dem Schub der Gewölbe. Die Bedachung der Kapelle mit Steinplatten ist ein Werk des 19. Jhs. Der Ansatz des weit steileren alten Daches und dessen Abdeckleiste an der Wand samt oberer Spitze ist außen noch gut sichtbar.

Südlich von dem Altar der Kapelle ist in die Wand eine kleine Nische zum Aufstellen der Meßkännchen eingelassen, die auf vierkantiger Konsole ruht und sich den Fenstern ähnlich im Spitzbogen und darüber einem Dreipaß öffnet. In der nördlichen

Allerheiligen zum Treppentuermchen
Wand ist zwischen Kapelle und Chor ein mannshoher Hohlraum entstanden, zu dem eine kleine in flachem Spitzbogen geschlossene Öffnung führt, die von einem Blendspitzbogen mit Kleeblattbogenfüllung umrahmt wird. Zu was diese Nische gedient haben mag, bin ich nicht im Stande bestimmt anzugeben; vielleicht ein Sacrarium zur Aufbewahrung des Kirchenschatzes?

An der gesamten Ostpartie, also um Querschiffe und Chor, zieht sich der ausgesprochen romanische Sockel herum, der in Fig. 130 zu sehen ist und den wir auch an der Vorhalle wiederfinden werden. Er besteht aus einer Abschrägung und zwei Wülsten.

Im Langhaus (s. Fig. 141) stehen heute noch die südlichen Arkaden aufrecht, von den nördlichen nur noch die Sockel. Diese sind aus dem Achteck konstruiert, mit zwei kleineren Seiten, da wo sich die runden Dienste vorlegen. Eine außergewöhnlich

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tiefe Hohlkehle bildet den Übergang vom Sockel in den Pfeiler; sie endigt nach unten wie oben in einer Abschrägung, die von der Basis, wenn ich es so nennen darf, der Dienste in der auf der Zeichnung wiedergegebenen Weise durchschnitten wird. Der Pfeiler geht kapitelllos in den Spitzbogen über; kapitelllos auch die Dienste, aus denen die drei trocken profilierten Gewölberippen hervorstrahlen. Das Quaderwerk der Pfeiler ist weit entfernt von der sauberen Arbeit der Ostteile, die Hochmauern sind in unregelmäßigem Bruchsteinmauerwerk ausgeführt.

Geradezu liederlich wird dies Mauerwerk an der südlichen Langhauswand, in die ziemlich roh die Konsolen eingefügt waren, welche, mit den Diensten der Pfeiler, die ebenso wie im Langhaus behandelten Dienste der Seitenschiffgewölbe trugen. Aus dem Seitenschiff führt an seinem östlichen Ende ein Portal in den Kreuzgang, dessen Gewände nach innen zu zerstört ist, weshalb es erst mit dem Kreuzgange besprochen wird. Von den Konsolen des Seitenschiffes sind in Fig. 141 zwei Beispiele gegeben. In der Seitenschiffmauer, die die Spuren eines offenbar kolossalen Brandes trägt, liegt jetzt ein Rundfenster mit abgeschrägtem Gewände und, der mittelsten Langhausarkade entsprechend, der Rest eines Spitzbogenfensters.

Allerheiligen Wendeltreppe Querschiff Nord
Vollständig anders waren die Stützen des nördlichen Seitenschiffgewölbes. Den Diensten der Mittelpfeiler entsprach ein reichgegliederter, früh- bezw. hochgotischer Wandpfeiler (s. Fig. 141 unten links) mit abgeschrägten Ecken und drei vorgelagerten runden Diensten, deren flache Basen übergreifend, mit daruntergesetzten kleinen Konsolen, auf einem hohen Sockel mit abgefasten Ecken ruhen, dem Sockel der Vierungspfeiler nicht unähnlich. Diese Wandpfeilerreste sind erst bei der Restauration von 1850 wieder freigelegt worden. Ihnen entsprechen im Äußern schwache Strebepfeiler, wie sie die Bilder des 18. Jhs. bestätigen. Der Mauerzug ist hier teils 1850 ausgegraben, teils mit alten Steinen neu angelegt worden.

Das Langhaus, das im Mittelschiff und im südlichen Seitenschiff zweifellos der späten Gotik entstammt, also einige hundert Jahre später als das Querschiff entstanden ist, bewahrte, wie es scheint somit, in dem nördlichen Seitenschiff die Reste seiner ehe-

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maligen, der Ostpartie gleichzeitigen Ausgestaltung. Auf die Fragen, die uns dieser Befund aufgibt, wird indes erst nach Schilderung der in der Vorhalle aufbewahrten Bauteile eine Antwort zu erteilen sein.

Allerheiligen Kapelle Sued Querschiff
Die Vorhalle besteht heute aus drei Teilen. Der mittlere, dem Mittelschiff vorgelagerte ist von einem Tonnengewölbe bedeckt aus Bruch- und Backsteinen, das zweifellos nicht ursprünglich ist, wenn auch die Konsolen des Schildbogens ursprünglich scheinen. Die Ostwand der Vorhalle aber, die noch zum Teil in die beiden Seitenräume

Tafel IX

Allerheiligen Kapelle Querschiff Sued
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Allerheiligen Fenster Kapelle Suedquerschiffübergreift, ist ihrem Quaderverband nach aus der gleichen Zeit wie Chor und Querschiff. In ihr das ausgesprochen spätromanische Portal (s. Fig. 142), dessen Umrahmung sich als Sockel fortsetzt und auch an Querschiff wie Chor wiederkehrt. Über dem Portal die Spuren einer Rankenbemalung, an ihm selbst die einer gemalten Quadrierung, deren Fugen sich, wie gewöhnlich, nicht mit den tatsächlichen decken. Die Vorhalle öffnet sich nach außen in einer neu hergestellten Türe, zu jeder Seite erleuchtet ein Fensterpaar den Raum. Je zwei abgefaste viereckige Pfosten mit einem wenig ausladenden plumpen Kämpferstück tragen die Spitzbogen. Nur diese Fenster stammen aus dem 13. Jh, die Mauer selbst ist ihrem Verband nach zweifellos später, wie auch die Nord- und Südmauer der Vorhalle. Zwei geradsturzige Türen führten von ihr in die beiden Seitenräume; über dem Tonnengewölbe ist an der Nordwand die Sohlbank einer Tür erhalten. Die noch in ziemlicher Höhe erhaltenen Mauern über der Mittelvorhalle, aus geringem Bruchsteinmauerwerk (auch im Osten hört, etwa in der Scheitelhöhe der Schiffsarkade, das gute Quaderwerk auf), lassen zunächst auf einen Westturm schließen, wogegen aber die erhaltenen Bilder sprechen. Ein an der Wand (bei Fig. 158 A rechts) außen laufendes Gesimsstück läßt es als möglich erscheinen, daß der Mittelteil der Vorhalle ursprünglich vielleicht (?) allein bestand, etwa mit abfallend anschließenden seitlichen Pultdächern der Seitenschiffe.

Der nördliche Seitenraum (s. Fig. 144), der ganz verschüttet war, wurde von Herrn Statsmann und mir ausgegraben. Dabei wurde das schon erwähnte Übergreifen der alten Ostwand der Mittelvorhalle konstatiert, aber auch daß das übrige Mauerwerk durch seine Zusammensetzung (Bruchstein) sich als bedeutend später erweist. In der Nordwestecke fand sich noch in situ ein Eckdienst 13. Jhs. Auf polygonalem, durch eine Hohlkehle gegliedertem Sockel die übergreifende flache Basis und der Runddienst. Des weiteren fanden sich die Fundamente eines Altares und die Bodenfliesen des Raumes, Backsteine mit Handstrichrillen (s. Fig. 144 Nr. 13). Im Schutt aber lagen, ganz in der Reihenfolge, wie sie beim allmählichen Zusammenstürzen liegen mußten, zunächst der spätgotische mit einer Rosette verzierte Schlußstein (Nr. 11 u. 12), aus dessen Rippenansätzen sich unschwer ein oblonges Kreuzgewölbe ergab; dann Rippen dieses Kreuzgewölbes, ein Stück einer polygonalen Konsole (10) und endlich Teile der Fenstermaßwerke (4-8). Der Wandbündelpfeiler des nördlichen Langhauses ist heute durch die eingezogene Mauer teilweise vermauert; er war ursprünglich auch bestimmt, das Gewölbe dieses Teils der Vorhalle mitzutragen. Hier haben wir also deutlich einen Raum vor uns, der im 13. Jh. angelegt, entweder nie vollendet oder zerstört und Ende des 15. Jhs. neu hergerichtet worden ist, zu dieser Zeit als eine Art Kapelle, die westlich ein großes Maßwerkfenster hatte (die Spuren noch sichtbar) und gewissermaßen eine Verlängerung des nördlichen Seitenschiffes darstellte. Den südlichen Vorhallenraum auszugraben war wie gesagt nicht möglich; er war vermutlich ähnlich gestaltet, aber birgt wohl gar keine Reste des 13. Jhs. mehr, da auf dieser Seite der Brand stärker gewütet hat.

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Allerheiligen Langhaus
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Die erwähnten Trümmer des nördlichen Seitenraumes werden heute in der mittleren Vorhalle aufbewahrt, in der auch alle früheren Funde wie die Funde unserer Ausgrabungen aufbewahrt sind. Da liegen u. a. eine Anzahl Schlußsteine (s. Fig. 144), von denen ich zunächst eine Gruppe hervorhebe: ein ziemlich großer Schlußstein mit den Ansätzen für die einfach durch Abschrägung proflierten Rippen eines Kreuzgewölbes; an der unteren Fläche ein segnender Christus, zwischen den Rippen drei Engelsköpfe und ein bärtiger Mannskopf; ein nicht ganz so reicher Schlußstein nur mit einem verwitterten Flachreliefkopf in dem Rund und den gleichen Rippenansätzen. Letztere kehren auch an zwei weiteren, schlichten Schlußsteinen wieder, die einfach aus einem Steinring bestehen. Ein Blick auf die Abbildung lehrt, daß sie mit dem vorhergehenden zweifellos zusammengehören. Und da nun die Rippenansätze dieser vier Steine zu den Rippen in den Ostteilen der Kirche passen, so dürfen wir in ihnen wohl sicher die Schlußsteine der Chor-, Vierungs- und Querschiffgewölbe sehen, wobei es dann unerheblich ist, ob wir den reicheren Schlußstein dem Chor, wie ich, oder der Vierung, wie Herr Statsmann, zuteilen, während die beiden schlichten natürlich dem nördlichen und südlichen Querschiff angehören.

Allerheiligen romanisches Portal Vorhalle West
Außer diesen sind noch sechs Gruppen von Schlußsteinen zu unterscheiden: (I) eine ziemlich große Sorte, etwa 40 cm im Durchmesser, mit krausem Blattwerk, in flauer Ausführung verziert. Sechs Rippenansätze, von denen vier auf ein oblonges Gewölbe oder, in Verbindung mit den zwei, im spitzen Winkel zwischen ihnen ansetzenden auf ein Netzgewölbe deuten. Erhalten sind vier Steine und der Rest eines fünften. Die Zahl spricht dagegen, daß wir in ihnen die Schlußsteine des nur drei Joche großen Mittelschiffes besitzen. Diesen ganz ähnlich, nur in einem Exemplar erhalten, (II) ein Schlußstein mit Blattwerk von ca. 30 cm Durchmesser und den Rippenansätzen für ein Kreuzgewölbe. Eine dritte Gruppe (III) mit nur drei

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unregelmäßig zueinander stehenden Rippenansätzen zeigt in einem Dreipaß den Schild mit den Marterwerkzeugen Christi. Diese nur in einem Exemplar erhaltene Sorte, von ca. 35 cm Durchmesser, deutet auf ein ganz unregelmäßiges Gewölbe, das in den

Allerheiligen Reste Nordseitenraum Vorhalle
Kreuzgang zu versetzen nach den dort erhaltenen Rippenansätzen nicht angängig ist. Eine vierte (IV), der vorigen ganz ähnliche Gruppe, in zwei Exemplaren erhalten, ebenfalls mit nur drei Rippenansätzen, zeigt in einem Dreipaß von ca. 32 cm Durchmesser

Allerheiligen Fenster der Vorhalle
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Allerheiligen Gewoelbeschlusssteinein flachem Relief das Lamm. Die fünfte Gruppe (V), in einem Exemplar erhalten, ebenfalls in einem Dreipaß mit dem Namen Jesu, hat vier Rippenansätze (s. Fig. 145) eines oblongen Gewölbes.

Diese letzten drei Gruppen scheinen mir näher zusammen zu gehören. Eine sechste Gruppe (VI) mit Schilden, die teilweise skulpiert, teilweise in Malerei langgestreckte Blätter aufweisen (s. Fig. 145 u. 147), hat im Rund ca. 32 cm Durchmesser, einmal auch 36 cm, ist in drei Exemplaren erhalten mit den Ansätzen für die Rippen eines oblongen Gewölbes. Endlich existiert noch ein Stein, den ersten Gruppen ähnlich, sehr zerstört, ca. 30 cm Durchmesser, krauses Blattwerk, mit ganz unregelmäßigem Ansatz von zwei Rippen.

Eine Anzahl von Rippenstücken wird hier aufbewahrt, alle in der schlichten, trockenen Hohlkehlung der Spätzeit, wichtig einige Exemplare sich im spitzen Winkel durchschneidender Rippen.

Reste einer Wölbung des frühgotischen Langhauses fehlen danach gänzlich. Da wir über die Gestaltung des Chorgewölbes, der Querschiffgewölbe und derjenigen der seitlichen Vorhallenräume Gewißheit besitzen, so können wir obige Schlußsteine nur auf das Langhaus und den Kreuzgang verteilen.

Da ist es denn möglich, daß das Mittelschiff mit einem Netzgewölbe, wie Lautenbach, überdeckt war, wobei sich dann die vielen Schlußsteine der ersten, dritten und vierten Gruppe erklären ließen; trauen wir aber dem Grundriß von 1803, so müssen wir ein Kreuzgewölbe annehmen mit Schlußsteinen etwa wie die zweite Sorte, und die vorhin genannten Schlußsteine dem Kreuzgang zuweisen. Die Stücke der sechsten Gruppe dürfen wir wohl für die oblongen Seitenschiffgewölbe in Anspruch nehmen.

Aufbewahrt werden hier auch die Funde aus dem Kapitelsaal (s. Fig. 126a). Weitere Funde sind: ein Doppelkapitell mit Laubwerk von der Chornische, vielfache Reste der Wandpfeiler des nördlichen Seitenschiffes, genau zu den dort aufgestellten passend, ein plumper Wasserspeier der Vierung, stark verwitterte Reste eines romanischen Ormnamentes (s. Fig. 146), zwei weitere Ornamentstücke (s. Fig. 147), von denen das letztere der Renaissance angehört; ein Steinfragment mit dreifachem Kleeblattblendbogen (s. Fig. 147); die Reste eines frühgotischen Fensters (s. Fig. 148), aus denen sich dieses Fenster mit Leichtigkeit rekonstruieren läßt. Es ist dem Fenster des nördlichen Querschiffes sehr ähnlich, und da es, ohne jede Brandspuren, vom südlichen nicht stammen

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Allerheiligen Schlusssteine Mittekschiff
kann, so müssen wir seinen ursprünglichen Platz wohl im Norden, also in der Außenwand des nördlichen Querschiffs oder des nördlichen Seitenschiffs, suchen. Für ein weiteres, frühgotisches Fenster, dessen Reste ebenfalls in Fig. 148 abgebildet sind, vermögen wir bis jetzt keinen Platz anzugeben.

Es ist noch in einem zweiten Exemplar erhalten, das heute kurz vor dem Abstieg zu den Wasserfällen Allerheiligen romanisches Ornamentsfragmentaufgestellt ist. Die Reste eines dritten Fensters gestatten ebenfalls eine genaue Rekonstruktion (s. Fig. 149).

Außerdem werden hier in der Vorhalle zwei Steinsarkophage (s. Fig. 150) aufbewahrt, von denen sich der erstere bei dem Fundament der nördlichen Langhauspfeiler im dritten Joch vorfand, der zweite im Bezirk des östlichen Kreuzganges (s. den Ausgrabungsplan Fig. 126a),

Beide waren ohne Deckel und ohne Inhalt. Der weitaus interessantere erste zeigt in guter Arbeit die Aushöhlung für Kopf und Schultern des Toten, eine Form, die man gewöhnlich sehr frühen Perioden unserer Geschichte zuzuschreiben pflegt, die aber hier doch kaum älter sein kann als 1200.

Offenbar aber ist eine gewisse Ausarbeitung des Steinsarges in Allerheiligen länger Sitte geblieben, denn auch der zweite Sarkophag zeigt wenigstens eine Aushöhlung für den Schädel des Toten.

Grabstätten ohne Särge bezw. mit jetzt zerfallenen Holzsärgen haben sich in den Fundamentmauern der Vierung vorgefunden, hier auch ein silbernes Sterbekreuz (18. Jh.).

In der Vorhalle haben endlich noch einige Grabsteine, wohl auch aus dem Innern der Kirche, Aufstellung gefunden.

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Zwei kleinere aus dem 17. Jh., der eine mit teilweise zerstörter Inschrift für einen Chrysostomus, der andere:

HIC   IACET Allerheiligen Schlussstein Ornamentsstuecke
ANTONIVS

DIACON   CO
NFRATER
AMANDVS
...AV . MDCLXIII.

Ein Inschriftstein
vom Abteigebäude mit
dem Wappen des Abtes
Anastasius und dem Rest
der Inschrift:

CONDIDIT   HAS
AEDES   ABBAS   EX
ORDINE
PRE...

Unter dem Wappen:

L6        69
MDC    LXIX

An den Wänden der Kirche, ganz besonders an den Ostteilen, haben sich eine Fülle von Steinmetzzeichen ergeben, über welche die beiliegende Tabelle (s. Fig. 151) von Herm Prof. Statsmann eine vorzügliche Übersicht gibt. Wenn man auch sicher für Vergleiche mit anderen Bauten diesen Zeichen keinen allzu großen Wert beilegen darf, so stimmen die sich aus ihnen ergebenden Resultaten hier  doch so auffallend mit denen der baulichen Untersuchung, daß sie deren Beweiskraft sehr unterstützen.

Professor Stasmann bemerkt über diese Steinmetzzeichen und die daraus zu  ziehenden Folgerungen (Wth.):

Es sind gegen 50 verschiedene Zeichen vorhanden.

Dieselben befinden sich auf den Quadern der noch stehenden Reste der Klosterkirche, insbesondere an den Wänden in Chor, Querschiffen, östlicher  Seitenkapelle, an den Gurtbögen der Vierung, an den Vierungspfeilern, an den Schiffpfeilern der spätgotischen Zeit, an der nördlichen Türe nach dem Kreuzgang.

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Die Zeichen sitzen sowohl am Äußern der Kirche als auch im Innern, an Quadern etwa in der Mitte der Sichtfläche, regellos, in verschiedensten Stellungen. Außer an Glattquadern sitzen sie auch an profilierten Stücken (G 23, K 20, L 24, Q 25 - 27) und vereinzelt an Kapitellen (H 17 des Vierungspfeilers, R 21, 29 am Säulenfuß). Nicht jeder Stein besitzt sichtbare Zeichen.

Die Zeichen der ältesten Periode (frühgotische Zeit) sind fein mit dem Meißel eingeschlagen und bestehen daher meist aus linearen Formen (1, 3 - 6, 9, 12 - 17, 20 von 3 - 6 cm Höhe; die Zeichen 2, 7, 8, 10, 14, 17, 18, 21, 22, 23 - 30 von 5-8 cm Höhe). In der hochgotischen Zeit

Allerheiligen Schifffenster
(östliche Kapelle des südlichen Seitenschiffes) erscheinen Flächengebilde R 20, 21, M 22, E 33 und Gabelungen (15, 16), das Zeichen 2 wurde auch an einem Stück des Wandpfeilers des (nördlichen ?) Seitenschiffes gefunden, welcher vermutlich aus der hochgotischen Zeit herrührt (Reststück in der Westvorhalle); in der spätgotischen Zeit erscheinen die feinen, gut gearbeiteten Zeichen wie T 34, S 34 - 43 oder die sehr roh, groß (bis 10 cm) und tief gearbeiteten L 33 - 37, P 33 - 37. Zeichen R 10, 14 und 16, 20 kommen auch in der Westfront des Münsters zu Straßburg unten vor.

Sehr häufig kommen Nr. 1, 2, 4, 7, 8 vor. Zeichen 9, 18 (Hexenbesen!) sitzen wie auch an anderen Kirchen dieser Zeit an einem Fenster der Nordseite; als Apotropeion? Die Zeichen 23 - 28 sitzen an den Vierungsgewölbebogen; Zeichen der Wölbemeister? Selten kommen 11 - 13, 17 - 31 Vor.

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In der westlichen Vorhalle ist nur ein Zeichen A 1 nachweisbar; dasselbe verschwindet in der hochgotischen Zeit.

Vorkommen, Zahl und Art der Zeichen lassen somit folgende Entwickelungserklärung des Kirchenbaues zu:

Allerheiligen Rekonstruktion Fensterreste Vorhalle
Die Klosterkirche wurde mit der Westvorhalle begonnen (frühestens um 1200). Lebhafte Bautätigkeit beginnt dann einige Jahrzehnte später am östlichen Teile der Kirche. Zunächst wird hier der Ostchor begonnen, dann fast gleichzeitig das nördliche Querschiff und das südliche Querschiff. Nicht lange darauf wird im südlichen Querschiff, aber schon in der zweiten Hälfte des 13. Jhs. frühestens, die östliche Kapelle eingesetzt (vgl. die sehr vorgeschrittenen Formen der Fenster und Strebepfeileraufsätze daselbst). Gleichzeitig wird das Schiff der Kirche in Angriff genommen (hochgotischer nördlicher Wandpfeiler), aber nicht vollendet. Zwar wird die Vierung durch neu hinzukommende Meister gewölbt, die Schiffwölbung unterbleibt jedoch und wird erst im 15. Jh. vollzogen. Zur Stabilisierung des Vierungsgewölbes und des nördlichen Querschiffgewölbes wird im Verlauf des 13. Jhs. der Vierungsturm aufgesetzt. Die Wölbung des südlichen Seitenschiffes unterbleibt bis zu dieser Zeit oder bis nach dem ersten Brand im 15. Jh.

Ich möchte noch darauf aufmerksam machen, daß die meisten Zeichen vom Chor und den beiden Querschiffen, nämlich 2, 3, 5, 6, 7, 9 an sämtlichen Ostteilen einschließlich der Kapelle wiederkehren, Zeichen 14, 15 und 22 am südlichen Querschiff und der Kapelle allein, das Zeichen 1 an Vorhalle und Chor, dann aber nur an den unteren Teilen der Querschiffe. Es scheint danach, daß an Vorhalle und Chor sowie an den unteren Ostteilen gleiche Steinmetzen, des weiteren an sämtlichen Ostteilen mit der Kapelle die gleichen Arbeiter tätig waren, neu hinzukommende besonders am südlichen Querschiff und der Kapelle, woraus sich ergeben würde, daß Vorhalle, Chor, Vierung, Querschiffe und Kapelle in nicht zu langen Zwischenräumen, etwa in der Dauer eines stattlichen Menschenlebens, erbaut worden sind. Damit stimmt auch die kunstgeschichtliche Betrachtung der Bauteile. (St.)

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Allerheiligen SteinsarkophagDie Baugeschichte Die Baugeschichte dürfen wir also folgendermaßen rekonstruieren:

Das Portal der Vorhalle sowie deren Ostwand dürften ziemlich gleichzeitig in Angriff genommen worden sein mit den Fundamenten der Ostteile. Wenn wir als wahrscheinlich annehmen, daß die Mönche ihre Andacht in einem provisorischen Holzbau verrichtet haben, und andererseits die offenbar durchaus kontinuierliche Bautätigkeit mit größtenteils denselben Arbeitern bis zur Hochgotik in Betracht ziehen, so werden wir diesen Beginn etwa in die Zeit um 1220 bis 1230, also etwa die Regierungszeit des Marchtaler Abtes, ansetzen.

Der Bau wurde in den Formen des Übergangsstils fortgeführt, die sich unmerklich in solche der Frühgotik umwandelten, und zwar zunächst im Chor, in der Vierung, im nördlichen und dann im südlichen Querschiff sowie der Vorhalle. Chor, Vierung, Querschiffe wurden mit frühgotischen Kreuzgewölben eingewölbt, die auf den Vierungspfeilern mit schwächeren und jüngeren Diensten und entsprechenden Diensten in den Ecken ruhten. Diese Dienste haben noch die ausgesprochen flachen Basen der Frühzeit und die schmucklosen Kelchkapitelle.

Daß die konstruktive Neuerung der Gotik verstanden wurde, das zeigen die wenn auch nicht überaus entwickelten, so doch vollkommen genügenden Strebepfeiler an den Ecken. In den Wandarkaden des Chors ist der allmähliche Übergang zum neuen Stil am besten zu erkennen:

während die der Südwand mit ihren runden Kleeblattbögen, den Eckblättern an den Basen, den geriefelten Blättern an den Kelchkapitellen noch ziemlich in den Formen des Übergangsstils gebildet sind, lassen die Reste der Nordarkade auf eine schon mehr gotische Bildung schließen. Ausgesprochen gotisch waren dann die Fenster des Chors, ebenso wie die des nördlichen Querschiffes, in welchem nur die Tür zu dem Treppenturm noch den Übergangsstil verrät.

Dabei geht doch aus allem hervor, daß hier keine große Unterbrechung des Baues stattgefunden haben kann, und wir müßten also ungefähr die Jahre 1230 bis 1250 dafür in Anspruch nehmen. Das ist allerdings ein ziemlich frühes Datum in Anbetracht der sonstigen Zeugen des Eindringens der Gotik am Ober-

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Allerheiligen Tabelle Steinmetzzeichen
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rhein, welches in Straßburg und Wimpfen erst in der zweiten Hälfte des 13. Jhs. zu konstatieren ist. In unserer Gegend, in Lahr, haben wir es für die Jahre zwischen 1250 und 1270 wahrscheinlich machen können. Mit den genannten Bauten, insbesondere mit Lahr und Wimpfen, hat Allerheiligen in seinen Formen vieles gemeinsam. - Möglich bleibt immerhin, daß durch die Beziehungen des Ordens zu Frankreich das frühe Datum zu rechtfertigen ist. - Das südliche Querschiff zeigt ein merkwürdiges Schwanken.

Allerheiligen Vierungspfeiler SW Arkade zum Querschiff
Wir haben die Rundfenster in seiner Ostwand erwähnt, die von den Schildbögen des 13. Jhs. durchschnitten wurden. Da aber das Querschiff doch ersichtlich auf Wölbung angelegt war, und zwar auf Wölbung der Vierung entsprechend, und da nach dem vorhandenen Schlußstein diese Wölbung nicht etwa unausgeführt blieb, so ist nur die oben gegebene Erklärung möglich. Allerdings hat der große Brand von 1470 ganz besonders an der Südseite der Kirche gewütet. Er ist, wie begreiflich, von dem Kloster ausgegangen, das offenbar nach dem obenzitierten Beschluß von 1469 an baulicher Solidität zu wünschen übrigließ, hat von hier aus das südliche Seitenschiff völlig zerstört, dann

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das Langhaus ergriffen, aber auch an der Südmauer des südlichen Querschiffes sehr ruiniert, so daß sie, wie auch die Westmauer gründlich renoviert werden mußte.

Zu gleicher Zeit etwa mit den Unterteilen des Chors wird wohl die Vorhalle angelegt worden sein. Wie aber haben wir uns sie ausgebaut zu denken? Das Tonnengewölbe der mittleren Teile ist nicht ursprünglich, das beweist schon die spitzbogige Tür in dem Oberbau, deren Schwelle unterhalb des Gewölbescheitels liegt. Der gesamte Oberbau selbst aber scheint mir seiner Mauertechnik nach eher dem 15. als dem 13. Jh. anzugehören. Damit fiele auch für dieses die Beweiskraft der an dessen Nordwand bezw. also an der Südwand des nördlichen Seitenraumes vorhandenen Konsolen, die zunächst darauf hinzudeuten scheinen, daß diese Seitenräume niedriger als die Seitenschiffe waren. Wir bleiben schließlich, was das Aussehen dieser Westteile im 13. Jh. anbelangt, ganz auf unsere Phantasie angewiesen, der einzig der Eckdienstrest des nördlichen Raumes, das Portal der Mittelhalle und ihr nach Norden übergreifendes altes Mauerwerk als Anhaltspunkte dienen können. Einstweilen scheint mir am naheliegendsten, uns eine einheitliche Vorhalle vorzustellen, wie sie die Kirchen der neuen Orden damals häufig besaßen, eine Vorhalle, deren Rippenkreuzgewölbe auf Wandpfeilern mit Halbsäulenvorlagen und Eckdiensten ruhten, darin den Querschiffen ähnlich. Im 15. Jh. haben dann hier nach dem Brand von 1470 große Veränderungen stattgefunden. In dieser Zeit ist die Vorhalle zweifellos in drei Teile geteilt worden durch die Querwände, auf denen jetzt die Tonne ruht, die mittlere eigentliche Vorhalle und die zwei Seitenräume. Erstere wohl flachgedeckt, letztere (die Wahrscheinlichkeit zugegeben, daß der südliche dem nördlichen gleich war) unter Verwendung der noch brauchbaren Teile (Eckdienst) als Kapellen ausgebildet in Verlängerung der Seitenschiffe, mit spätgotischem Kreuzrippengewölbe und je einem großen, zweipfostigen Maßwerkfenster, welches auch in den Bildern des 18. Jhs. ersichtlich. Diese zeigen in der Mitte der Westfassade ein barockisiertes Portal, darüber nach den Annales zwei schmälere Langfenster, nach der Zeichnung des Abtes Felix fast zu beiden Seiten kleine Spitzbogenfenster. Sollten damit die gekuppelten Spitzbogenfensterchen der heutigen Vorhalle gemeint sein, von denen ich nicht sicher behaupten möchte, wo sie ursprünglich angebracht waren? Ob auch in der Vorhalle? Darüber dann nach den Ansichten des 18. Jhs. ein Rundfenster und im Giebel noch einmal ein Spitzbogenfenster.

Im Langhause hat der große Brand ganz besonders gewütet. Die südliche Seitenschiffmauer ist ihm vollkommen zum Opfer gefallen, ebenso die Arkaden des Mittelschiffes mit ihren Hochmauern, wenn sie überhaupt je in Stein vorhanden waren. Daß das nicht der Fall, darauf deutet das gänzliche Fehlen irgendwelcher Reste des 13. Jhs. Auch die Fundamentreste der bestehenden Schiffspfeiler sind neu, d.h. 15. Jh. So groß, daß er alles geradezu weggeschmolzen hätte, kann der Brand nicht gewesen sein, er hätte sonst auch an den Vierungspfeilern stärkere Spuren hinterlassen müssen. Damit bringe ich wieder die Notiz von 1469 zusammen, und es will Herrn Prof. Statsmann sowohl wie mir danach scheinen, daß das Langhaus nie ausgeführt war, an Stelle der Pfeiler vielmehr Holzstützen standen und das Ganze mit flachen Holzdecken eingedeckt war. Damit erklärt sich auch leicht die Gewalt des Brandes. Die Wandpfeiler der Seitenschiffe mit ihren Diensten waren dagegen offenbar schon ausgeführt und sind auch da, wo der Brand am wenigsten wütete, im nördlichen Seitenschiff, stehen geblieben. Wir haben nun Fingerzeige, wie im 13. Jh. das Langhaus geplant war, und zwar hat

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damals schon eine Änderung im Bauplan stattgefunden. Zuerst nämlich dachte man sich die Seitenschiffe ziemlich niedrig, was das spitzbogige Fenster in der Westwand des

Allerheiligen vom Mittelschick zu Vierungspfeilern
südlichen Querschiffes beweist. Danach ist gar nichts Anderes möglich, als daß je zwei Gewölbejoche der Seitenschiffe auf ein Joch des Mittelschiffes fielen; wenn wir aber daraufhin den Grundriß ansehen, so ergab sich dabei der Grundriß einer Kirche im

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alten, gebundenen System. Zur Ausführung ist das aber nicht gekommen, sondern wurde verdrängt durch einen ungleich wertvolleren und

Allerheiligen suedlicher Vierungspfeiler
neuen Baugedanken. Der stehen gebliebene westliche Dienst des südlichen Vierungspfeilers (s. Fig. 152) gibt den Anhaltspunkt für die dann geplanten Seitenschiffgewölbe, das Ganze war danach als frühgotische Hallenkirche gedacht,

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Allerheiligen Kirche Rekonstruktion Nordseite
aber nie ausgeführt. Dieser Vierungspfeiler hat in späterer Zeit verschiedene Bearbeitungen erlitten. Wir sehen an der dem Langhaus zugekehrten nördlichen Seite oben noch die Kapitelle der Dienste. Das des nordwestlichen Eckdienstes ist abgearbeitet,

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Allerheiligen Querschnitt durch Vierung
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die Spuren, die Steinfugen zeigen die Erneuerung und geben deutlich an, daß es in der Höhe der anderen Kapitelle lag. Also ist die frühgotische Arkade höher gewesen als die jetzige. Dafür spricht auch der abgearbeitete westliche Dienst, der da, wo jetzt der Bogen der Arkade ansetzt (s. Fig. 153), noch nicht aufhörte, dessen Kapitell also höher lag; die Arkade war demnach höher. Das Fenster in der Westwand des südlichen Querschiffes wurde von den Gewölbeschildbogen des 15. Jhs. durchschnitten. Der Arkade entsprechend muß derjenige des 13. Jhs. höher gewesen sein und so liegt die Annahme nahe, daß er das Fenster in sich schloß, womit das Gewölbe die gleiche Höhe gehabt hätte, wie das des Mittelschiffes. Auch der südwestliche Eckdienst ist offenkundig abgeschnitten, des niederen Ansatzes der spätgotischen Rippen wegen. Da von einer Kapitellabarbeitung aber keine Spuren zu bemerken sind, so lag dieses höher, somit also ebenfalls der Ansatz des frühgotischen Gewölbes. Betrachten wir nun die südliche Seite des Pfeilers (s. Fig. 154), so finden wir, daß der südliche Dienst in seinem unteren Teile intakt erhalten, in seinem oberen Stück aber abgearbeitet ist. Und zwar scheint hier das Kapitell abgearbeitet zu sein, wenn dieser Stein nicht überhaupt dem 15. Jh. angehört, denn irgendwie später eingesetzt ist er. Das Kapitell der Halbsäule des 13. Jhs. muß aber höher gelegen haben, da sich bei dem unteren Durchmesser sonst eine unerträglich plumpe Form ergeben hätte. Der gegenüberliegende Kämpfer der Arkade ist in seinem heutigen Aussehen ebenfalls dem 15. Jh. zuzuschreiben. Das Sockelgesims - der ehemalige Fußboden lag um etwa 20 cm niederer - an dieser Stelle ist dagegen alt, es zog sich auch nach Süden herum; eine Langhausmauer war also hier in frühgotischer Zeit nie fertiggestellt. Daß an dieser Stelle nach dem Brand große Veränderungen stattgefunden haben, wird, abgesehen von der Bearbeitung der Steine an der Querschiffwestwand, auch dadurch bewiesen, daß in der Südwestecke des südlichen Querschiffes der zweifellos ursprünglich vorhandene Dienst in der Spätgotik durch eine Konsole ersetzt wurde. - So steht also das Projekt der Hallenkirche klar vor uns. Prof. Statsmann hat in Fig. 141 u. 157 gezeigt, wie nach diesem Projekte die Schiffpfeiler wohl gestaltet sein sollten. Dieses Projekt mag der Zeit nach 1250 entstammen. Nicht allzuviel später muß die Kapelle im nördlichen Querschiff erbaut worden sein, zumal sie mit Querschiff und Chor bündig ist, also von vornherein geplant war. Ihre ausgesprocheneren, fast hochgotischen Formen hindern nicht, sie in die Zeit um 1260/70 zu setzen. Nach dem Brande von 1470 hat die Spätgotik die Kirche dann ausgestaltet, der Scheitel der Seitenschiffgewölbe lag bei ihr nur ca. 2 m niederer als der des Mittelschiffes. Im nördlichen Seitenschiff benutzte man die stehen gebliebenen Wandpfeiler des 13. Jhs., die schon durch die schwachen Strebepfeiler etwas verstärkt waren, im Langhaus errichtete man die Pfeiler, die man stark fundierte und durch feste Quaderzüge verband, da sie ohne Unterstützung durch ein ausgebildetes Strebesystem den Druck des Mittelschiffgewölbes zu tragen hatten. Im südlichen Seitenschiff, d. h. an dessen Südwand, trugen Konsolen das Gewölbe. Die Seitenschiffe waren nach den Funden mit oblongem Rippengewölbe eingewölbt, für das Langhaus hatte man früher ein komplizierteres Gewölbesystem angenommen, das auch den Zeichnungen von 1850 zugrunde gelegt ist. Dagegen spricht allerdings der Grundriß von 1803, der hier Kreuzgewölbe zeigt;(1) doch scheint mir die Einzeichnung der Gewölbe so flüchtig, daß

1.) Danach in unserem Grundriß.

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Allerheiligen Rekonstruktion Querschnitt
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Allerheiligen Rekonstruktion Laengsschnitt
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darauf kein großer Wert zu legen ist. Die Schlußsteine für Langhaus und Seitenschiffe haben sich in einer stattlichen Zahl erhalten, die uns leider keine deutliche Vorstellung ermöglicht.

Allerheiligen Rekonstruktion Ostteile
Nach dem Dargelegten sind die Rekonstruktionsversuche des Herrn Prof. Statsmann, die den vermutlichen Zustand um 1500 wiedergeben, ohne weiteres verständlich (s. die Figuren 155— 159).

Chor und Querschiff waren mit Satteldächern gedeckt, deren Giebel unter der erwähnten Mauerschräge des obersten Turmgeschosses anschlossen. Das angebliche Fenster in dem Geschoß darunter ist eine Tür in die Bühne. Der Turm - dessen Ober-

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mauern den Wasserspeiern nach dem 13. Jh. entstammen — hatte ein spitzes Pyramidendach, das aus den Abbildungen des 18. Jhs. ersichtlich ist.

Langhaus und Vorhalle waren vor und nach 1470 mit einem großen Satteldach überdeckt, dessen Traufe tiefer herabging als die des Querschiffes. (Man hätte sonst

Allerheiligen Portal Kreuzgang Rippenanfaenger
die Seitenschiffmauern unnötig hoch führen müssen und das Dach wäre sehr flach geworden.)

Auch der Brand von 1555 muß die Kirche etwas in Mitleidenschaft gezogen haben; damals wurde der Treppenturm im nördlichen Querschiff wieder hergestellt und die Fenster des südlichen Seitenschiffs, wie wir aus der Betrachtung der Klosteranlage ersehen werden, verändert.

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Später wurde eine Empore eingefügt, deren Balkenlöcher in der Westwand noch vorhanden sind (s. Fig. 157). Außerdem schloß nach dem Grundriß eine große, barocke Chorgestühlanlage die Vierung ab.

Von den Klosterbauten des 13. Jhs. ist heute auch nicht die geringste Spur mehr zu entdecken; auch die Grabungen ergaben nichts. Dagegen können wir die Konventanlage des ausgehenden 15. Jhs. noch in den wesentlichsten Zügen feststellen, sie ist auch die Grundlage für die künftige Gestaltung geblieben. An die Langhaussüdseite schloß sich der Hof mit dem Kreuzgange an. Ein spitzbogiges Portal (s. Fig. 160), dessen äußeres noch erhaltenes Gewände aus sich kreuzendem und teilweise totlaufendem Stabwerk und Hohlkehlen besteht, führte von hier in das südliche Seitenschiff. Daneben ist noch eine polygonale Konsole mit hohlgekehlten Rippen erhalten aus dem nördlichen Kreuzgangflügel, weiterhin sind an der Südwand der Kirche noch die Sandsteine erkennbar, an denen die Konsolen und Rippenansätze später abgespitzt wurden. Danach muß man wohl annehmen, daß dieser nördliche Kreuzgangflügel einstmals bestanden hat, aber nicht dauernd, da sein Dach die Fenster des südlichen Seitenschiffes zum Teil bedecken würde. Daß er im 18. Jh. nicht mehr bestand, zeigen die Ansichten sowie die Pläne von 1803. Da er seinen Formen nach (Portal und Rippen) sich etwa auf die Zeit um 1470 datieren läßt, so wird man annehmen müssen, daß er mit dem ganzen Konvent damals neu erbaut wurde(1) und daß vielleicht das Seitenschiff damals nur durch die Rundfenster erhellt wurde, von denen noch Beispiele erhalten (die mit den anderen Spitzbogenfenstern nicht mehr recht zusammenzubringen sind); nach dem zweiten Brande von 1555 erneuerte man aber den wohl ganz besonders mitgenommenen Nordflügel nicht mehr, man konnte daher bei der Wiederherstellung der südlichen Schiffswand (deren Mauerwerk das allerschlechteste in der ganzen Kirche ist) ihr tief herabführende Fenster geben, die reichliches Licht spendeten. Die drei anderen Kreuzgangflügel blieben bestehen, sie sind noch auf den Bildern des 18. Jhs. zu erkennen. Ihr Gewölbe (wie das ehemalige des Nordflügels) war entweder ein einfaches Kreuzgewölbe (s. Fig. 160) - die vermutlichen Schlußsteine desselben habe ich bei den Funden in der Vorhalle erwähnt - oder ein Netzgewölbe, wie es der Plan der Grabungen annimmt.

An das Querschiff der Kirche stieß nächst dem südlichen Kreuzgang zunächst ein gewölbter Gang an, der direkt in den Kapitelsaal führte, neben diesem Gange die Sakristei, über deren Gestaltung wir nur noch Vermutungen haben. Dagegen gelang es Herrn Prof. Statsmann, die Reste des Kapitelsaales mit genügenden Anhaltspunkten auszugraben. Es fanden sich die Standpunkte und Sockel des Mittelpfeilers, der Wandpfeiler im Norden und Süden (Fig. 126a) sowie ein Schlußstein, nach dem wir ein sternförmiges Gewölbe, etwa in der angedeuteten Art, anzunehmen haben, dessen Rippen an Ost- und Westwand entweder auf Konsolen ruhten oder unmittelbar in die Wand übergingen. Auch die Stelle des Altars fand sich, wie er in dem Plan von 1803 eingezeichnet ist. Dort sehen wir das gleiche Netzgewölbe und scheinbar überall Wandpfeiler bezw. Konsolen, von denen aber die Grabungen keine Spur gaben.

Weiteres über die Klostergebäude des 15. und 16. Jhs. vermögen wir nicht mehr festzustellen. Im 17. und 18. Jh. ist an ihnen jedenfalls immer weiter verbessert und das

1.) Daß vor 1469 kein architektonisch bedeutender Kreuzgang bestand, dafür spricht der in der Einleitung citierte Beschluß.

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Allerheiligen 1732
Ganze ausgebaut worden (s. Fig. 161). 1735 bestand es nach dem Stich der Annales aus folgendem: der unveränderten alten Kirche, dem Konvent mit dem alten Kreuzgang (ohne Nordflügel), der vordere Teil des Konventes diente als Abtshaus, seine Ecke zierte ein Erker mit dem Tulpendach des 17.Jhs. Ein hölzerner Gang führte von hier herüber in das

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Allerheiligen Einfassung Klostergartendaneben liegende vierstöckige Gasthaus, daneben das kleine molendinum (Mühle). Ihnen gegenüber, also westlich, das langgestreckte "domus famulorum et peregrinontium" (Knechte und Fremden), das offenbar viele Insassen aufzunehmen fähig war, daneben das horreum (Scheuer) und gallinarium (Hühnerhaus) und endlich an die Südmauer des Bezirks angebaut die Ställe. An der Westmauer gegenüber dem Abteigebäude ein Garten und ein Bau, der als macellum (Metzig) et lavatorium (Badehaus) diente. Der ganze Bezirk mit der Kirche war von einer Mauer eingeschlossen und öffnete sich in drei Toren, einem südöstlichen, das auf den Kniebisweg führte, einem südlichen, das talabwärts schaute (nach den Fällen zu), und einem nordöstlichen neben der Kirche etwa auf den heutigen Fahrweg nach Oberkirch und Ottenhöfen; davor lagen noch einige Gärten, eine Mühle und ein Teich. Bis zu der Zeichnung des Abtes Felix von 1783 sind noch einige Veränderungen vorgenommen worden: die Abtei wurde aus dem Westflügel des Konventes in das frühere Gasthaus verlegt, dieses deshalb mit dem Konvent durch einen Erweiterungsbau (statt Holzbrücke) über breitem gewölbten Torweg verbunden. Der Erker des Konventes wurde über diesem Torweg angebracht. Das kleine Gebäude neben dem Abtshaus wurde zum Spielsaal. In dem Westgebäude des Konventes, das heute noch (etwas verändert) als altes Gasthaus steht, wurden Krankenwohnung, Kellerei und Küche eingerichtet. Das domus peregrinontium wurde lediglich Gasthaus. Im Südosten wurde ein neues größeres Gebäude errichtet, an das sich jetzt die Metzig anschloß. Der Garten im Westen des Bezirks, in dem das Gymnasium stand, erhielt wohl jetzt erst die hübsche Balustrade, von der wir in Fig. 162 ein Beispiel geben. Vor den alten Mauern wurde ein terrassenförmiger Garten für die Gäste, um den Mauerbezirk herum ausgedehnte Prozessionswege mit Ruhebänken angelegt.(1) - Nördlich von der Kirche befand sich der Friedhof. - Von dem allen steht außer Kirchenruine und westlichem Konventshaus nur noch ein Teil des Gasthauses, die rundbogigen Türen mit Sandsteingewänden an einem Wirtschaftsgebäude und die Reste der Umfassung der zwei Gärten.

Das Ganze ein ansprechendes Bild beschaulich-ruhigen und einer gewissen Wohlhabenheit, nicht Üppigkeit, sich erfreuenden Klosterdaseins, in dem, wie in der Einleitung dargelegt worden, neben der Frömmigkeit auch die Lehrtätigkeit gepflegt wurde. - Für die Kunstgeschichte ist lediglich die Kirchenruine interessant. Da sie in ihrer ursprünglichen Gestalt doch wohl im zweiten und dritten Viertel des 13. Jhs. entstanden sein muß,

1.) Die Pläne von 1803 zeigen uns alle Einzelheiten: die Sakristei und die Kapelle, das Museum und das Archiv, die an den alten Kreuzgang anstießen, Gesindestuben, Bäckerei, Küchen, Apotheke, Ställe usw. Es würde zu weit führen, darauf näher einzugehen. Interessenten mögen die in der Plansammlung des Großh. Generallandesarchivs aufbewahrten Blätter einsehen.

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so ist sie neben der Stiftskirche in Lahr ein neues und man kann wohl sagen bisher noch nicht gekanntes Beispiel für das Eindringen der Gotik am Oberrhein. Bestimmte Beziehungen mit irgendwelchen oberrheinischen Bauten, etwa nach Straßburg oder Wimpfen hin, sind nicht nachzuweisen. Höchstens ließe die eigenartige Querschnittbildung, aus welcher das Quadrat und das gleichseitige Dreieck sich ergeben (Fig. 152 u. 156), auf Verwandtschaft mit der Straßburger Bauhütte schließen. Gänzlich verfehlt aber ist der Versuch F. J. Schmitts,(1) Allerheiligen in irgendwelche Beziehungen mit Notre Dame zu Laon zu bringen.(2) Wie er das bei der unglaublichen Verschiedenheit in Grundriß und Aufbau fertigbringen konnte, ist unbegreiflich. Denn die Kreuzesform, der Zentralturm über der Vierung, der gerade Chorschluß und die Apside am südlichen Querschiff dürften gewiß hundert Kirchen gemeinsam sein. Dafür hat Notre Dame zu Laon einen dreischiffigen Chor fast von der Länge des Langhauses, mit Ausnahme der Vierung überall oblonge Gewölbejoche, auf ein oblonges Gewölbejoch im Langhaus ein quadratisches im Seitenschiff, also in allem der direkte Gegensatz von Allerheiligen, von dem Aufbau überhaupt zu schweigen! Auch mit dem Bausystem des Langhauses der Prämonstratenser-Abteikirche St. Martin zu Laon hat das Langhaus von Allerheiligen nicht das mindeste zu tun. Dagegen ist ein Blick auf die Prämonstratenserkirche in Rüti im Kanton Zürich in mancher Hinsicht interessant(3) deren Langhaussystem aber ebenfalls gerade das umgekehrte gewesen ist. Wichtig ist aber, daß dieser Bau (1214 bis 1219, beendigt?) unter denen der Nordschweiz einer der ersten war, in welchen der Spitzbogen zur praktischen Verwertung gelangte. Wir werden es daher leicht verstehen, wenn auch in Allerheiligen verhältnismäßig früh die Gotik eindrang. In jener Kirche zu Rüti aber legten sich den Seitenschiffen in westlicher Verlängerung zwei schmale, seitwärts abgeschlossene Räume vor und zwischen denselben eine große Vorhalle mit rundbogigem Tonnengewölbe, während wir in Allerheiligen eine einheitliche Vorhalle anzunehmen haben. - Die zweite kunstgeschichtliche Bedeutung unseres Baues liegt in dem Plane einer frühgotischen Hallenkirche, der allerdings nicht zur Ausführung kam. Er reiht sich damit den frühesten gotischen Hallenkirchen an, d.h. wenigstens in der kühnen Konzeption. Ausgeführt, wäre bei diesem klaren Grundriß, den im Verhältnis zu dem Grundriß weiten Bogenspannungen wohl ein sehr einheitlich wirkender Raum entstanden. So wenig allerdings als an den meisten frühen gotischen Hallenkirchen sind die konstruktiven Vorteile des Systems verstanden, nämlich die dadurch mögliche Überleitung des Schubs der Mittelschiffgewölbe auf die Seitenschiffgewölbe und ihre demgemäß entwickelten Strebepfeiler; gerade das ist hier sogar direkt verkannt worden. Möglich, daß während des Baues eben dieser Wölbungsschwierigkeiten halber von der Ausführung abgesehen wurde.

Die Prämonstratenser haben in der Geschichte der Baukunst nicht die Rolle gespielt, wie die Cluniazenser und die Cisterzienser; immerhin aber waren auch sie selbstverständlich Träger des französischen Einflusses und diejenigen, welche der Gotik den Weg freigemacht haben. Man kann auch nicht sagen, daß sie ein besonderes Kirchenschema ausgebildet haben; sie schlossen sich vielmehr eng an das der gleichstrebenden Orden an. Und so treffen wir denn bei ihnen den gerade abgeschlossenen Chor, der Kapellenumgang fehlt, östliche Kapellen am Querschiff kommen vor, die

1.) Repertor. XVII, S. 440.
2.) Viollet le Duc, Tafel 362.
3.) Rahn, Die bild. Künste i. d. Schweiz, S. 385.

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Grundrißgestaltung ist schlicht und klar, die Details sparsam und nüchtern behandelt: alles Eigenschaften, die wir auch in Allerheiligen wiederfinden, wie auch die in der ganzen Breite des Langhauses diesem vorgelegte Vorhalle. Gleich den Cisterziensern haben auch die Prämonstratenser sie bevorzugt. Wir treffen sie in der zweiten Hälfte des 12. Jhs. u. a. in Enkenbach(1). Wäre jener allerfrüheste, vermutliche Plan in Allerheiligen zur Ausführung gekommen (vor der Hallenkirche) mit je zwei quadratischen Jochen der Seitenschiffe auf eines des Mittelschiffs etc., so wäre die Ähnlichkeit des ganzen Grundrisses mit Enkenbach auffallend gewesen, woraus wir allerdings heute keine Schlüsse mehr ziehen können.

Neben der Anziehungskraft der malerischen Ruine in hochgelegenem, von tannenbewaldeten Bergen umschlossenem Gebirgstal kann Allerheiligen künftig noch den Anspruch erheben, bei der Einführung der neuen Kunstweise am Oberrhein eine vielleicht nicht unbedeutende Rolle gespielt zu haben und als eine der frühesten Hallenkirchen auf deutschem Boden wenigstens geplant gewesen zu sein.

1.) Dehio u. Bezold, Kirchl. Bauk. d. Abendlandes, Tafel 165.

Glossar:

Baustile zur Klosterzeit

Allerheiligen Baustile zur Klosterzeit













Romanik
Die Romanik gilt als erste große gesamteuropäische Kunstepoche seit dem Untergang Roms im 5. Jahrhundert und damit dem Ende der Antike. Als "typische" Erkennungsmerkmale romanischer Bauten gelten Rundbögen, Rundbogenfenster, Säulen mit blockartigen Kapitellen und Wände mit betont wuchtigen Steinmassen. Grundrisse und Baukörper folgen einfachen geometrischen Formen.

Gotik
Gotische Kathedralen scheinen dem Himmel zuzustreben. Somit symbolisieren sie Gottesnähe. Durch neuartige Bauweise gelang es, die Mittelschiffe enorm hoch zu bauen. Sie wurden mit wuchtigen Kreuzrippen überwölbt. Ein aufwendig gestaltetes Strebewerk leitete das Gewicht der Gewölbe in das Erdreich.

Renaissance
Der Renaissancestil betont die Symmetrie, die Proportion, die Geometrie und die Anordnung der Bauteile, wie sie in der Architektur des Alten Roms in vielen erhaltenen Bauwerken zu sehen war. Die nach festgelegten Regeln erfolgte Anordnung der Säulen, Pilaster und Lisenen, der Bau von Bögen, Kuppeln, Nischen, auch als Wandnische (Ädikula), ersetzten die komplexen Proportionssysteme und unregelmäßigen Profile gotischer Bauteile und Bauwerke.

Barock
Vorreiter und Hauptexponent des Barock war Italien, von wo er sich in oft abgewandelter Form in ganz Europa verbreitete. Die Kunst des Barock ist ausdruckvoll, bewegt und gefühlsbetont, und besonders in Architektur und Innendekoration oft durch üppige Prachtentfaltung gekennzeichnet. Sie wurde unter anderem von den politisch-religiösen Idealen der Gegenreformation und des Absolutismus beeinflusst.


Wortherleitung: franz. arcade "Bogengang" - latein. arcus "Bogen" -. Eine Arkade ist im Grunde ein Bogen, der von zwei Säulen an beiden Enden getragen wird. Heutzutage verwendet man den Begriff Arkade für eine Reihung solcher, wobei der Plural "Arkaden" treffender wäre.


ApsisMeist halbkreisförmiger Abschluß eines rechteckigen Langhauses - wichtiger Innen wie Außen besonders geschmückter Teil eines Kirchenbaus.


Frühe Säulen ruhten auf einem gesondert angefertigten Fundament. Dieses hat sich in der Geschichte zu einem festen Bestandteil der Säule entwickelt und wird Basis genannt. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie „Sockel“ oder „Fuß“. Dieses ist etwas verwirrend, denn in der Baugeschichte steht die Basis oft wiederrum auf einen schmucklosen Unterbau, der auch Sockel genannt wird.


Eine Blende ist ein Bauteil, das räumlich nicht vorhanden ist. Es dient nur zur Gliederung oder zur Dekoration z.B. einer Fassade. Ein Blendbogen oder Blendfenster sind Gestaltungsmerkmale, die nur die äußere Form wiedergeben, aber keine Funktion oder Tiefe besitzen.


Chor leitet sich aus dem Griechischen ab und bezeichnet einen Platz für Tanz und Gesang. In der sakralen Architektur bezeichnet der Chor den Altarraum in Kirchen. Im Kirchengebäude ist der Chor genau genommen der für den Gesangschor bestimmte Raum, der sich meist westlich des Hochaltars befindet. Den Chor findet man für gewöhnlich im Langbau des Kirchenbauwerks.


Dienste sind Säulen,Halb- oder Viertelsäulen, die einer Wand oder einem Pfeiler scheinbar vorgelegt sind. Sie dienen zur Aufnahme der Rippen, Gurte und Schildbögen des in der Gotik üblichen Kreuzrippengewölbes und tragen deren Lasten ab. Ein dicht von Diensten umstandener Pfeiler wird auch Bündelpfeiler genannt. Es wird differenziert zwischen alten Diensten, den stärkeren und dickeren, und den jungen Diensten, den dünneren.


Dreipasse sind häufige Ornamente der Spätromanik und der Gotik. Ein Dreipass besteht aus drei nach außen weisenden Kreisbögen mit gleichen Radien, die einem Kreis einbeschrieben sind.


Ein Mittelschiff (Halle) mit in in der Regel zwei symetrisch parallel angelegten Seiten(Begleit)schiffen (Hallen)


Eckblatt oder Eckknollen ist in der Architektur eine Verzierung an der Basis einer Säule. Das Eckblatt bildet die Vermittlung zwischen den vier Ecken der rechteckigen Fußplatte und dem auf dieser ruhenden untersten Glied der Basis. Am häufigsten findet sich die Blattform, weniger oft andere Ornamente, selten Tierformen.


fialeFialen (von italienisch foglia, Blatt oder Nadel in der Pflanzenwelt) oder Pinakel sind aus Stein gemeißelte, schlanke, spitz auslaufende, flankierende Türmchen, die in der gotischen Architektur der Überhöhung von Wimpergen und Strebepfeilern dienten.













Die Fresko- oder Frischmalerei (italienisch a fresco, affresco, al fresco; deutsch "ins Frische") ist eine Technik der Wandmalerei, bei der die zuvor in Wasser eingesumpften Pigmente auf den frischen Kalkputz aufgetragen werden. Bei der Carbonatisierung des Kalkes werden die Pigmente stabil in den Putz eingebunden. Fachleute nennen diesen Vorgang auch Einsinterung. Das fertige Wand- oder Deckenbild wird das Fresko oder seltener die Freske genannt.


1. Mittelalterlich: Schräg in eine Mauer eingeschnittene Fenster- oder Portaleinfassungen mit Profilierungen.
2. Neuzeitlich: Portal- und Fenstereinfassungen mit tragendem profiliertem Naturstein, bestehend aus Bank, Seiten und Sturz.


gewoelbeformen wissen deEine nach oben hin gewölbte Gebäudedecke nennt man Gewölbe, die nicht flach auf denn Wänden aufliegt wie zum Beispiel die Balkendecke. Es gibt in der Regel 4 unterschiedliche Gewölbearten (Tonnen-, Kreuz-, Kloster- und Kreuzrippengewölbe). Die Lastverteilung funktioniert über das Gewölbe selbst: das Gewölbe leitet aus der Nutzlast und dem Eigengewicht die Kraft als Drucklast über die Pfeiler ab.


Gewölbeabschnitt entsprechend der Jochfolge im Langhaus einer Kirche. Die Joche können bei Tonnengewölben mit Gurtbögen gekennzeichnet und verstärkt werden. Bei Kuppelgewölben sind die jochbildenden Gurtbögen eine statische Voraussetzung. Als Joch wird in der Architektur eine im Grundriss rechteckige Raumeinheit genannt, deren Überdeckung auf vier Auflagerpunkte bezogen ist. Die Auflager oder Stützglieder können Säulen, Pfeiler oder Wandpfeiler sein. Additiv in Längsrichtung angeordnet bilden Joche die Gliederung des Langhauses einer Kirche.


Die Rippe oder auch Gewölberippe entsteht durch das Zusammenfügen von zwei dreidimensional gebogenen Bauelementen. In der Gotik wurde die Rippe zum stilbildenden Element. Rippengewölbe und Rippendecken sind die Hauptstilelemente in Kirchen und Rathäusern dieser Zeit.


Bandartiger Verstärkungsbogen des Tonnengewölbes quer zur Längsachse


halbsaeulen vorlagen Museum Kasselsind, wie der Name besagt, "halbierte" Säulen (vergl. Architekturzeichnung - Museum Kassel), die eingestellt (an Flächen / Wände) werden. Sie können Traglasten aufnehmen oder dienen nur der architektonischen Gliederung von Bauwerken.






jochJoch oder Säulenjoch wird in der Architektur der Achsabstand zwischen zwei Säulen oder Pfeilern genannt. Gemessen wird von Mittelpunkt zu Mittelpunkt. Dies unterscheidet das Joch vom Interkolumnium, dem lichten Abstand zwischen Säulen oder Pfeilern.






Statischer Begriff für die Zone des Widerlagers am Bogen oder am Gewölbeansatz. Beim Fehlen einer architektonischen Ordnung (mittelalterlich) als Platte oder Aufsatz über dem Kapitell


Ausladendes Kopfstück einer Säule oder eines Pfeilers, je nach Säulenordnung in unterschiedlich reicher Ausführung.


Kapitell, von lat. capitulum bzw. capitellum, heißt wört. Köpfchen. Bezeichnet wird damit das Kopfstück einer Säule oder eines Pfeilers. Das Kelchkapitell in der Romanik, Renaissance, Barock und im Klassizismus greifen auf die Kapitellformen der Antike zurück.


Der Kreuzgang (lateinisch ambitus, claustrum) ist ein überdachter, gewölbter Bogengang um einen in der Regel quadratischen (oder auch rechteckigen) offenen, nichtüberdachten Innenhof. Die Bauform des claustrum unterstreicht die weltabgeschlossene monastische Lebensform in der "Klausur".


Das Langhaus beschreibt das längere Ende eines traditionellen Kirchenbaus. Es erstreckt sich vom Eingang bis zum ersten Querschiff. Das Langhaus tritt nur bei Kirchen auf, die auf der Form des lateinischen Kreuzes basieren. Das Langhaus kann daher auch unterschiedlich ausgebildet sein. Entweder handelt es sich um einen einzigen Raum oder dieser Bauteil wird durch mehrere Schiffe unterteilt.


mittelschiffAls Langhaus wird der langgestreckte Hauptteil eines traditionellen Kirchenbauwerks im christlichen Abendland bezeichnet, der ein oder mehrere Kirchenschiffe umfasst und oft fälschlich mit dem Mittelschiff gleichgesetzt wird. Das Mittelschiff (ggfs. auch die Seitenschiffe) nimmt (nehmen) die die Kirchgemeinde beim Gottesdienst auf.



Rechteckig flächig - abgerundete Ecken sind durchaus möglich


Allerheiligen (lateinisch Festum Omnium Sanctorum) ist ein christliches Fest, an dem aller Heiligen gedacht wird.


Eine kreisrunde oder ovale Fensteröffnung ohne jede Füllung heißt "Ochsenauge" oder "Oculus" (Plural = Oculi)


Stammt aus der Ableitung von "Garten" (bilisches Paradies) und bedeutet in dieser Hinsicht Vor(bereitung)- Reinigungshalle


Ein gemauertes Stützglied mit rechteckigem, polygonalem oder rundem Grundriss (Rund-pfeiler). Ohne Verjüngung und ohne Kapitell, kann eine Basis und muss einen Kämpfer haben.


Der Pilaster ist ein in den Mauerverbund eingearbeiteter Teilpfeiler, der auch als Wandpfeiler bezeichnet wird. Er kann tragende statische Funktion haben, muss diese aber nicht besitzen. Ähnlich wie die "Halb- oder Blendsäule" kann der Pilaster ein Element der Scheinarchitektur in Putz und Stuck sein


Das Postament, auch das Piedestal (mittelfrz. piédestal, ital. piedestallo, zu ital. piede "Fuß" und stallo "Sitz"), ist ein bisweilen recht aufwendig gestalteter Unterbau oder Sockel von Gebäuden, Säulen oder Plastiken wie Skulpturen und Statuen.


Das Querhaus ist ein Bauteil einer christlichen Kirche. Es wird auch Querhaus oder Transept genannt. Da die meisten Grundrisse einer Kirche auf der Form eines lateinischen Kreuzes basieren, kreuzen sich ein langer und ein kürzerer Bauteil. Dieser kürzere, Quer zum Langschiff liegende Teil, stellt das Querhaus dar. Hier wird der Übergang zum Chor, dem Bereich des Klerus, bewerkstelligt. Die Kreuzung von Langhaus und Querhaus wird Vierung genannt. Oft liegt über der Vierung der Vierungsturm.


Die Rippe oder auch Gewölberippe entsteht durch das Zusammenfügen von zwei dreidimensional gebogenen Bauelementen. Die Sichtbarmachung der Naht führt zur Rippe. Diese kann rein ornamental sein oder tatsächliche Lasten abtragen. In jedem Fall handelt es sich um ein bogenförmiges Bauteil, das aus Naturstein hergestellt wird. In der Gotik wurde die Rippe zum stilbildenden Element. Rippengewölbe und Rippendecken sind die Hauptstilelemente in Kirchen und Rathäusern dieser Zeit.


SatteldachDer Grund für das häufige Vorkommen des Satteldaches ist der einfache Aufbau des Dachstuhls und die gerade, rechtwinklige Form der Dachflächen. Damit entfallen Details, die einen hohen Arbeitsaufwand erfordern und anfällig für Schäden sind. Sind die Winkel und/oder die Sparrenlängen der beiden Dachflächen unterschiedlich, spricht man von einem asymmetrischen Satteldach.





Den Schlussstein (auch Scheitelstein) findet man als Keilstein im Scheitelpunkt eines Bogens oder als besonders geformter Stein im Kreuzungspunkt von Gewölberippen. Auf ihm wurden meist das Jahr der Fertigstellung, Wappen oder andere Symbole abgebildet.


befindet(befinden) sich als Zierelement am Säulenfuß meinst als Pflanzen- oder Tiersymbol


mittelschiffEine der Haupthalle einer Kirche (Mittelschiff) i.d.R. parallel beigeordnete Seitenhalle.





Skulptieren (neulat., richtiger skulpieren, vom lat. sculpere), ausmeißeln - früher skulpieren - bedeutet aus einem Material herausarbeiten.


Die Fensterbank, auch Fensterbrett, -bord oder Sims, ist die waagerechte Verkleidung des oberen Abschlusses der Brüstung eines Fensters. Eine Außenfensterbank, die nicht Bestandteil des Fensters selbst ist, sondern als Teil des Mauerwerks der Wandlaibung gesehen werden kann, wird auch als Sohlbank bezeichnet.


Fenstermasswerk gotischer SpitzbogenDer Spitzbogen gilt als ein zentrales Element der gotischen Baukunst, die deswegen früher auch als "Spitzbogenstil" bezeichnet wurde. Der Spitzbogen ist konstruktiv eine Annäherung an die Bogenform, die dem günstigen statischen Kräfteverlauf einer Parabel entspricht.







Strebepfeiler , bei gotischen Kirchenbauten außerhalb der Seitenschiffe befindliche, die Seitenschiffe überragende Pfeiler.
Sie sind mit den Strebebogen (* Schwibbogen) mit dem Haupthaus in Verbindung und nehmen einen Teil des Gewölbeschubs auf. Aufgesetzte Fialen beschweren die Strebepfeiler und verhindern ihr seitliches Ausbrechen. Strebepfeiler werden auch "Sporn" oder "Widerhalter" genannt


gewoelbeformen wissen deDas Tonnengewölbe ist ein einfaches gemauertes Flächentragwerk, das die Form eines Zylinders (einer Tonne) hat. Die Oberfläche des Gewölbes lässt sich durch einen Zirkelschlag zeichnen. Die Fugen des Mauerwerkes verlaufen parallel zur Achse und zum Widerlager. Die Bogenlinie kann überhöht oder flacher sein, wobei ein sehr flaches Gewölbe mit geringer Spannweite das Kappengewölbe ist.


vierungUnter Vierung wird im Kirchenbau der Raum bezeichnet, der beim Zusammentreffen des Haupt- und Querschiffes einer Kirche entsteht.
Die Vierung trennt in Kirchen mit kreuzförmigem Grundriss den Chor vom Langhaus. In Kirchen mit kurzem Chor kann bei Kloster-, Stifts- und Domkirchen hier das Chorgestühl untergebracht sein.


vierungspfeilerPfeiler, welche das Gewölbe über den Bauabschnitt tragen, wo sich Langschiff und Querschiffe durchdringen







vierungsturmEin Vierungsturm ist ein Überbau in Form eines Turmes. Dieser Überbau ist häufig bei Kirchen zu finden. Damit eine Vierung entsteht, müssen sich das Lang- und Querhaus einer Kirche treffen. Es entsteht ein Vierungsquadrat. Darüber wird der Vierungsturm errichtet.






wasserspeiherSie dienen zur Ableitung von Regenwasser. Sie können entweder wie ganz normale Ablaufrinnen aussehen oder in Form einer ausgehöhlten Figur in Erscheinung treten.











wimpergDer Wimperg gilt als ein Architekturelement, das als Ziergiebel den Höhendrang der Gotik verstärkt. Er kann von Fialen flankiert, gerahmt oder auch damit besetzt sein. Die Giebelschrägen des Wimpergs wurden oft mit Krabben gerahmt beziehungsweise besetzt. Seine Giebelspitze ist häufig als Giebelblume ausgeführt, beispielsweise in der Form einer Kreuzblume.











zeltdach in dachformenDas Walm- oder Zeltdach, auch Holländisches Dach genannt, ist ein allseitig geneigtes Dach mit gleicher Traufe.







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