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Sehenswertes in Appenweier


Die Gemeinde Appenweier liegt noch im nördlichen Teil des Ortenaukreises. Das Gemeindegebiet erstreckt sich im Übergangsbereich von der Oberrheineben zur Vorbergzone des Schwarzwaldes und greift östlich noch auf den Grundgebirgsschwarzwald über. Nordöstlich tritt die Rench aus der Gebirgszone. Im Westen des Gemeindegebietes ist durch die aus dem Schwarzwald entwässernden Bäche eine feuchte Niederungszone entstanden. Zum Teil wird auf den lößbedeckten Vorhügeln Obst bzw. Wein an den Hängen des Wannenbachtales angebaut.

Naturräumlich gehört das Gebiet zur übergreifenden Einheit der Offenburger Rheinebene, an die sich nach Osten die Ortenau-Bühler Vorberge anschließen. Der höchste Punkt liegt auf 142,70 m, der tiefste Punkt auf 140,32 m. Appenweier besteht aus der Hauptgemeinde Appenweier und den 1971 bzw. 1975 eingemeindeten Ortsteilen Urloffen und Nesselried Die erste urkundliche Nennung der Gemeinde ist für das Jahr 884 belegt. Appenweier gehörte bis 1805 zur Landvogtei Ortenau und kam dann zum Großherzogtum Baden. Ab 1810 bestand das Amt Appenweier, ab 1819 gehört der Ort zum Oberamt Offenburg und kam 1936 zum Bezirksamt, ab 1939 Landkreis Kehl. Seit 1973 gehört Appenweier zum Ortenaukreis. (LEO-BW)
 
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St. Michael Appenweier


Zum Schutzheiligen wählten sie - wie damals üblich - ihren eigenen himmlischen Patron, den Erzengel MichaelVon Karl Maier - Historischer Verein - Mitgliedergruppe Appenweier

Die früheste Urkunde, die den Ortsnamen Appenweiers ("Abbunvileri") nennt, informiert auch über die religiösen Verhältnisse im Dorf. 884 bestätigt Kaiser Karl III. dem Kloster Hönau, das auf einer Insel im Rhein stand, Eigentum in unserem Ort. Daraus schloss man, dass die Mönche von dort aus unseren Vorfahren das Christentum gebracht und ihnen eine Kirche gebaut hatten. Zum Schutzheiligen wählten sie - wie damals üblich - ihren eigenen himmlischen Patron, den Erzengel Michael. Belegt wird das Patrozinium allerdings erst durch eine Ortsbeschreibung von 1490 und ein Siegel des Landgerichtes Appenweier, das den Erzengel als Ritter zeigt, aus derselben Zeit.

Eine parallele Entwicklung vermutet man für Urloffen, wo die erst im 18. Jahrhundert abgegangene Kapelle St. Brigida von Honau gegründet worden sein soll.

Obwohl es keine weiteren Quellen mehr gibt, die auf eine Verbindung zwischen der Rheininsel und Appenweier hinweisen, können wir davon ausgehen, dass unser St. Michael, wie dargestellt, als klösterliche Eigenkirche während der Karolingerzeit entstanden ist. Als wichtiges Merkmal dieser Kirchenform begleitet uns durch einige Jahrhunderte das sog. Patronatsrecht, das dem Gründer weitgehenden Einfluss auf das Gotteshaus einräumte, das er einmal geschaffen hatte; er konnte alle Einkünfte für sich verlangen, die Person des Pfarrers vorschlagen und u.U. auswählen. Dieses Recht konnte der Inhaber vererben, verpfänden oder veräußern.

Wann sich das Kloster Honau oder seine Nachfolger von Appenweier trennten, wissen wir nicht. Irgendwann müssen sie das Kirchenprivileg an einen Ortenauer Grundherrn abgegeben haben, denn um 1330 - wie die spärlichen Unterlagen berichten - verkaufen zwei Brüder, Ritter aus der Familie Rodeck, das Patronat, das nun an einen Hof gebunden ist, dem Advokaten und Gerichtsvogt Andreas von Achern. Nach dessen Tod schenkt seine Witwe Gisela von Hofweier mit dem Hof in Appenweier auch die Verfügungsgewalt über die Kirche dem Kloster Allerheiligen zu ihrem eigenen Seelenheil, sowie dem ihres Mannes und ihrer Vorfahren. Über 400 Jahre lang gehörte nun die Pfarrei St. Michael den Prämonstratensern aus dem Schwarzwald, die auch, wie es zu den Grundaufgaben ihres Ordens gehörte, die Seelsorge übernahmen.

Zwei Bewegungen, die von außen über die Grenzen des Dorfes hereinschwappen, bringen, wenn auch nur für kurze Zeit, die überkommene Kirchenordnung ins Wanken: der Bauernkrieg und die Reformation. 1525 fordern die Einwohner von Appenweier wie anderswo eine stärkere Mitbestimmung bei der Wahl des örtlichen Seelsorgers und 1528 führte der Mitpfandherr der Ortenau Wilhelm von Fürstenberg die neue Lehre für zwanzig Jahre auch in unserem Orte ein.

Von dem mittelalterlichen Kirchengebäude wissen wir wenig. Eine Kriegskarte von 1690 zeigt eine einfache Kapelle, ein niedriges wohl nur einstöckiges Langhaus mit zwei Fensterchen, den Turm krönt ein hoher gotischer Helm, dessen Fuß vier kleine Türmchen zieren. Anders als auf der Karte stand der Turm in Wirklichkeit an der Südseite des Chores wie heute. Schon 1605 gab es in der Kapelle drei Altäre, einer davon, ein Flügelaltar, war "Unserer Lieben Frau" gewidmet. Nach einem Visitationsbericht von 1692 fand man die alte Kirche vom Krieg so zerstört vor, dass man keinen Platz mehr entdecken konnte, um die heiligen Geräte aufzubewahren.

Erst dreißig Jahre später renovierte man das Gotteshaus innen und außen. Die Wände erhielten ein z. T. barockisiertes Dekor, drei neue Altäre wurden aufgestellt, darunter ist einer dem Schutzpatron geweiht, ein anderer der Mutter Gottes, vielleicht mit dem überkommenen Relief "St. Anna Selbdritt". Warum man sich in Appenweier mit dieser Maßnahme nicht zufrieden gab, kann hier nicht dargelegt werden.

Jedenfalls errichtete man 1748 - 1752 auf dem Platz der alten Kapelle einen völlig neuen Bau. Schönheit und Bedeutung sind immer wieder gewürdigt worden. Wir können uns mit Hinweisen begnügen. Der Vogt des Landgerichtes Appenweier Simon Bruder warb, auch durch seine guten Beziehungen zum Rastatter Hof begünstigt, eine Gruppe aus den besten badischen Künstlern und Handwerkern für sein Projekt an. Franz Ignaz Krohmer, Schüler des bekannten Balthasar Neumanns, zeichnete den Plan, und Johannes Ellmenreich, der ebenfalls bei einem berühmten Meister gelernt hatte, führte ihn aus. Sie kappten einen Teil des Turmes und des Chores, erhöhten dann die Mauern und schlossen die beiden Teile mit einer neuen Gewölbedecke bzw. einem Zwiebeldach ab. Das Langhaus wurde völlig abgerissen und in zwei bis dreifacher Höhe der alten Kapellenwände hochgezogen. Eine wuchtige, das Langhaus überragende Fassade beschloss die Kirche nach Westen. Reich gegliedert durch Fenster, Gesimse und zwei kleine Obeliske bot sie dem schön gewandeten Haupttor Platz. Die Nische oben im Giebel wurde erst 1997 mit einer Statue Michaels als Seelenführer gefüllt.

Die Pfarrkirche St. Michael in Appenweier und ihre Restaurierung - Wolfgang Stopfel  arrowRight

Hohe Fenster brachten viel Licht in den Innenraum und ließen den vielgestaltigen Stuck in Weiß und Gold prächtig strahlen, den Johannes Schütz, durch seine Arbeiten am Rastatter Schloss wohlbekannt, meisterhaft angebracht hatte. Das liturgische Programm, das der malerischen Gestaltung zugrunde lag, erwuchs aus der Theologie der Prämonstratenser und rückt drei Glaubensgrundsätze vor die Augen der Gläubigen, Zunächst die Verehrung des Altarsakramentes, die einen großen Teil des Chores bestimmt: der Heilige Norbert mit der Monstranz, die seltene Apostelkommunion und der Pelikan auf dem Tabernakel, sodann der Lobpreis der Maria, in einer Immaculata des linken Seitenaltars, den Marianischen Symbolen der Embleme in den Stichkappen und dem großen Deckengemälde des Kirchenschiffes, und als drittes die Verkündigung des Glaubens, auf welche die Bildnisse der Evangelisten des Moses und Davids hinweisen. Dem himmlischen Schutzpatron wird dagegen nur das Hochaltarblatt mit dem Engelssturz gewidmet.

Den weitaus größten Teil der Arbeit leistete der sehr erfahrene Benedikt Gambs, dem auch das Lob der Nachwelt gehört. Das Hochaltarblatt lieferte der in der Region vielbeschäftige Johannes Pfunner und die Nebenaltäre schuf Heinrich Lihl, ein Lieblingsmaler des Markgrafen.

Als der Bau 1752 vollendet war, besaßen die Einwohner von Appenweier ein ausgesprochen modernes Gotteshaus. Exemplarisch im gültigen Stil der Jahrhundertmitte errichtet, doku-mentierte es in ihren Darstellungen eine ganze Reihe von wichtigen Sachverhalten und Ge-gebenheiten der damaligen Gegenwart: Der Pfandherr der Ortenau, der Markgraf von Baden, demonstriert unübersehbar im Scheitel des Triumphbogens mit seinem Allianzwappen die Herrschaft von Gottes Gnaden. Auf der Apostelkommunion erinnert die Betonung der Hostie gegenüber Kelch und Wein an die auslaufende Gegenreformation (Schmitt-Köppler). Von der blühenden Volksfrömmigkeit jener Zeit künden die beiden überlebensgroßen Figuren des Pestheiligen Sebastian und des Patrons der Tiere St. Wendelin auf dem Hochaltar. Prozessionen innerhalb der Gemarkung und Wallfahrten zu den Heiligtümern der beiden im Renchtal waren sehr beliebt. Dazu gehört auch der 1729 heilig gesprochene Johannes Ne-pomuk aus den Stammlanden der noch unvergessenen Markgräfin Sibylla. Im Ort gab es eine nach ihm benannte Brücke, zu der man an seinem Fest von der Kirche aus mit Kreuz und Fahne zog.

In einem ganz anderen Sinn modern stellt sich dar, was die Schrifttafel außen über dem Hauptportal dem Besucher mitteilt: "Anno 1750 hat die Gemeinde Appenweier diese Kirche… unter der Direktion Simon Bruders des Vögten erbauen lassen." Nicht der Patronatsherr bestimmt in diesem Fall über die Maßnahme, sondern die bürgerliche Gemeinde als Bauherr und der Vogt als Bauleiter. Obwohl vom Gesetzgeber nichts geändert wurde, beginnt sich das alte Privileg aufzulösen. Den letzten Schritt aus dem Mittelalter heraus wird ein halbes Jahrhundert später die Weltgeschichte tun: 1803 nimmt die Säkularisation den Prä-monstratensern Besitz und alle Rechte, auch das Patronat über Appenweier. Der letzte Chorherr aus Allerheiligen, der St. Michael betreute, blieb als Weltgeistlicher in der Gemeinde und vertrat, trotz seiner klösterlichen Laufbahn neue Vorstellungen in der Seelsorge. Zeitgenossen schätzten seine fortschrittliche Religionspädagogik und insbesondere seine kollegiale Zusammenarbeit mit dem evangelischen Dekan und Pfarrer Koch von Marlen.

Das Erscheinungsbild des Gotteshauses von 1748/52 bleibt Aufgabe und Maßstab für den Kirchenbau der nächsten Jahrhunderte. Die empfindliche Oberfläche des Innenraumes er-forderte eine Sanierung von jeder Generation. Im zwanzigsten Jahrhundert hat man dreimal grundlegend und aufwändig restauriert. Da die alten Sorgepflichtigen Patronats- bzw.Zehntherren abgesetzt wurden, lag die Verantwortung zunächst bei der politischen Gemeinde und dann immer mehr bei den katholischen Einwohnern. Heute geben die Kommunen höchstens noch einen Zuschuss wie zu jedem Vereinslokal. Deshalb werden finanzielle Mög-lichkeiten, künstlerische Phantasie und Werktreue immer wieder aufs neue zu einem Ansporn, eine gemeinsame gottgefällige Leistung zu erbringen.

Literatur
Burg, Andre Marcel: Kloster Honau. Ein geschichtlicher Überblick, in: Müller, Wolfgang (Hrsg.), Die Klöster der Ortenau, in Die Ortenau 58/1978.
Ginter, Hermann: Die Pfarrkirche in Appenweier, in: In und um Offenburg, hrsg. von Ernst Batzer, Offenburg 1920.
Kauß, Dieter: Die mittelalterliche Pfarrorganisation in der Ortenau, Bühl 1970 .
Krieger Albert: Topographisches Wörterbuch des Großherzogtums Baden, 2 Bde. 1904/1905.
Kuner, Peter, Maier, Karl: Pfarrkirche St. Michael Appenweier, kleiner Kunstführer 2002.
Maier Karl: Zur Geschichte unseres Gotteshauses, in: 700 Jahre St.Michael Appenweier, Hrsgb. Pfarrgemeinde Appenweier, 1987.
Reinfried, Karl: Visitationsberichte aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts über die Pfarreien des Landkapitels Offenburg, in: FDA 30/1902.
Ruppert, Philip: Kurze Geschichte der Stadt Achern, Achern 1880. Reprint 1991.
Schmitt-Köppler: August, St. Michael in Appenweier, Studien zum Programm der Michaelskirchen in Süddeutschland (1700-1800). Magisterarbeit der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i.Br. 2008 Schnell, Hugo, Schäfer,Wilhelm: Kunstführer St. Michael Appenweier 2./1973.
Weiß, Wilhelm: Geschichte des Dekanates und der Dekane des Rural - oder Landkapitels Offenburg, 3.Heft, Offenburg 1893.
Wingenroth, Max: Die Kunstdenkmäler des Kreises Offenburg, Tübingen 1908.

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St. Martin Zimmern - Appenweier


Als Baujahr der spätgotischen Kapelle nimmt man 1517 an, obwohl Turm, Langhaus und Sakristei zu unterschiedlichen Zeiten errichtet wurdenKirche St. Martin Zimmern - eine alte Marienwallfahrtskirche - Von Karl Maier - Historischer Verein - Mitgliedergruppe Appenweier

Der "Zimmerer Waldbrief" von 1389, die Erneuerung eines undatierten, damals sicher hundert Jahre alten Schenkungsprotokolls, liest sich wie die Gründungsurkunde einer grundherrlichen Eigenkirche: Ein reicher Edler namens Eppo stiftet dem Kirchspiel St. Martin in Zimmern ein Gotteshaus aus Holz, eine reiche Ausstattung und den sog. Freier Leute Wald, womit der künftige Unterhalt der Pfarrei bestritten werden soll. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts bleibt St. Martin der religiöse Mittelpunkt der drei früheren Dörfer Zimmern, Urloffen und Rüchelnheim, die das Kirchspiel bildeten. Trotz vieler wohl begründeter Theorien hat man noch nicht herausgefunden, welche reale Person sich hinter dem Namen Eppo verbirgt, die Tradition der Zimmerner Anniversarien reiht ihn in das Geschlecht der Zähringer ein.

Als Baujahr der spätgotischen Kapelle nimmt man 1517 an, obwohl Turm, Langhaus und Sakristei zu unterschiedlichen Zeiten errichtet wurden. Am Gebäude standen verschiedene Jahreszahlen. Eine Vorgängerkirche wird außer im Waldbrief bereits 1300 belegt. Die barocken Altäre des heutigen Bestandes stellte der Offenburger Künstler Franz Leonhard Vivell um 1730 her.

Ebenfalls uneins sind sich die Forscher über die Frage, wann sich eine Marienwallfahrt mit dem Martinspatrozinium verbunden hat. 1423 hatte ein Provinzialkonzil in Köln ein eigenes Fest zu Ehren der Schmerzensmutter eingeführt. Daraus entwickelte sich eine große marianische Bewegung, die auch in Süddeutschland zahlreiche Anhänger fand. 1502 finden wir den Kult in Straßburg. Von dort, der Bischofsstadt, könnte er nach Zimmern gelangt sein.

Es gibt dafür jedoch keine Belege. Wir können uns sicher dem Urteil des Urioffener Pfarrers und Lokalhistorikers Wilhelm Weiß anschließen, der schreibt: "Über die Wallfahrt liegt bei den hiesigen Pfarrakten gar nichts. Daß aus alter Zeit her Maria ihrer Schmerzen wegen…hier besonders verehrt wird, das beweisen die in der Kirche teilweise aus alter Zeit herstammenden Tafeln." Auch das Gnadenbild der Wallfahrt, eine Pieta, deren Stil von spätgotisch bis barock beschrieben wird, führt uns nicht weiter. Schriftlich greifbar wird die Wallfahrt erst im ausgehenden 18. Jahrhundert, in einer Zeit, in der St. Martin immer mehr Funktionen an die Johanneskirche in Urloffen abgeben musste und das Zimmerner Gotteshaus durch die Revolutionskriege zugrunde gerichtet wurde.

Aber obwohl St.Martin, durch viel Kriegsgräuel entwürdigt, 1800 profaniert worden war, kamen Pilger von nah und fern, in ein Gotteshaus, in dem nach dem Kirchenrecht kein Gottesdienst gehalten werden durfte. In der Pfarrei entwickelten sich zwei Parteien. Auf der einen Seite stand die Amtskirche mit den jeweiligen Ortspfarrern, ihren Mitbrüdern aus den Nachbargemeinden, dem Dekan und sogar dem Bezirksamt. Sie wollten St. Martin in Zimmern abreißen und in Urloffen, das auch politisch inzwischen zum Hauptort geworden war, eine neue Kirche bauen. Auf der anderen Seite schlossen sich hauptsächlich die Zimmerner Katholiken zusammen. Als ein Pfarrer das Gnadenbild aus dem durchziehenden Soldaten ausgesetzten St.Martin in die zweifellos geschützte Johanneskirche bringen lassen wollte, drohten Bürger aus Zimmern, diesen Schritt mit "bewaffneter Gewalt" zu verhindern, und obsiegten.

Der Streit dauerte fast fünfzig Jahre, bis ihn ein neuer Pfarrverweser beendete, indem er sich an die Spitze der Volksbewegung stellte. Er, Pfarrer Ginshofer, muss eine charismatische Persönlichkeit gewesen sein, der gelegentlich wohl auch mit volkstümlichem Aberglauben seine Pfarrkinder zum richtigen Christentum brachte.

Sein Hauptanliegen war, die Zimmerner Kirche von dem Verbot, das auf ihr lastete zu befreien. Doch das Ordinariat zögerte, wohl durch die Verwaltungshierarchie dazu bewogen. Da reiste Ginshofer kurzerhand über den Rhein und bat den Bischof von Straßburg, die Filialkirche neu zu weihen. Und Bischof Andreas Raess kam in den fremden Sprengel und feierte mit vielen "Geistlichen aus Deutschland und Frankreich und einer ungeheueren Volksmenge".

Die zuständige Behörde in Freiburg machte gute Miene zu den Vorgängen und nannte das Spie! wohl auch nicht böse, denn der Erzbischof schrieb Gingshofer einen freundlichen Brief, aber nach einem Vierteljahr wurde der Amtsverweser nach Wolfach versetzt.

Die Ereignisse in Zimmern brachten einen nachweisbaren Aufschwung für die Wallfahrt, der Höhenflug jedoch ließ sich auf die Dauer nicht durchhalten. Auch die Verehrung der Schmerzensmutter hing von Temperament und Theologie der Ortspfarrer ab. Dennoch war eine feste Basis aufgebaut. Jeden Freitag wurde ein Wallfahrtsgottesdienst gehalten, in der Fastenzeit auch mit Predigt. In den Wochen vor Ostern betete man eine besondere Andacht an Sonntagnachmittagen. Mittelpunkt der Marienverehrung bildete das Fest der Sieben Schmerzen Mariä, das am Freitag nach dem Passionssonntag mirt Amt und Predigt begangen wurde. Während die offiziellen Marienfeiertage in der neuen Kirche in Urloffen zelebriert wurden, scheinen die Gläubigen in Zimmern eher die ganz persönlichen Anliegen der Gottesmutter vorgetragen zu haben. Formulierungen wie "eine heilige Messe zu Ehren der Schmerzhaften Maria für ein Lebendes, für ein Presthaftes, für einen kranken Mann und eine kranke Frau, für eine bedrängte Familie, für einen in Amerika Verstorbenen, für die armen Seelen" zeichnen die Intentionen aus. Es war daher nur folgerichtig, wenn die Gläubigen mit ihrer Kirche immer stärker die helfende Gottesmutter verbanden, und in der Praxis das Martinspatrozium, das ja 1835 auch von der neuen Urioffener Kirche übernommen wurde, zugunsten Marias zurückdrängten. Diese Entwicklung können wir auch in Alltagshandlungen nachweisen, wenn Handwerker auf ihren Rechnungen Maria-Hilfkirche vermerken, oder der Heiligenpfleger diese Bezeichnung im Fondsbuch, auch bei offiziellen Ausschreibungen im " Badischen Beobachter" verwenden.

Finanziell lebte die Zimmerner Kirche von Spenden, nachdem das Schauenburger Patronat auf die neue Kirche in Urloffen übertragen wurde und während der Revolution von 1848/49 erloschen war, und musste dabei nicht darben. Keinen Einfluss auf die Wallfahrt dürfte eine Maßnahme des badischen Staates gehabt haben, die tief in die wirtschaftliche Struktur der Zimmerner Kirche eingriff. Als während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die großherzogliche Verwaltung das Grundbuchwesen den modernen Gegebenheiten anpasste, wurden auch die Besitzverhältnisse neu aufgenommen. Dabei beanspruchte die politische Gemeinde, zunächst vom Pfarrer unwidersprochen, beide Martinskirchen als ihr Eigentum. Zwar bekam später die Pfarrgemeinde durch ein Gerichtsurteil die neue Kirche wieder zugesprochen, die Zimmerner aber blieb Liegenschaft der Kommune. Daher wurde auch die letzte große Restauration von 2008 von der Gesamtgemeinde Appenweier organisiert und bezahlt.

Es wurde oben schon daraufhin gewiesen, wie sehr die Marienverehrung in der Gemeinde von den persönlichen Vorstellungen der jeweiligen Seelsorger abhing. An einigen Beispielen soll diese These erläutert werden, wobei wir uns allerdings nur auf Äußerungen in den Verkündbüchern beziehen können. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges betreute Pfarrer Zapf die Gemeinde Urloffen. Er war ein sehr frommer Mann und seine Ansprachen an die Männer, die zur Wehrmacht eingezogen wurden, lebten von christlichem Verantwortungsbewußtsein, Realismus und großem Mut.. Aber er schien eine merkwürdige Scheu davor gehabt zu haben, Maria in diesen Notzeiten um Hilfe zu bitten, den Erzengel Michael dagegen schon und natürlich den Soldaten Martin.

Ganz anders sein Nachfolger, der Klosterpfarrer Beck aus Offenburg, nachdem Zapf an Ostern 1940 nach Ödsbach versetzt worden war. Beck bezog die Kirche in Zimmern stärker in das Gottesdienstangebot ein, besonders an Marientagen, gebrauchte die Bezeichnung Wallfahrtskirche wieder und hielt einige besondere Marienpredigten. Beck schien in der kurzen Zeit, die er in Urloffen arbeitete, eine Renaissance der Marienverehrung geglückt zu sein, denn sein Nachfolger Göppert stellte die Bitten an Maria ganz unter das Ziel, die immer schwerer werdenden Leiden des Krieges zu ertragen. Göppert führte am 15. September 1941 den zweiten Schmerzensfreitag in die Liturgie Urloffens ein, ein Schritt, der einen großen Zuwachs der Wallfahrer bedingte.

In den Jahren um das Kriegsende warb der Pfarrer von Urloffen bei seinen Mitbrüdern in den Nachbargemeinden für seine Wallfahrtsgottesdienste, zu denen er auch auswärtige Prediger einlud. Die Resonanz muss erheblich gewesen sein, denn 1954 ließ Pfarrer Ritzi eine Empore in die zu klein gewordene Kirche einbauen. Weil stilwidrig, nahm man sie nach einigen Jahren wieder heraus, obwohl während des 18. Jahrhunderts eine viel größere Bühne im Kirchenschiff eingefügt worden war.

Überblickt man die religiösen Angebote der Kirche in Zimmern während der letzten fünfzig Jahre, so wird man der Wallfahrt gerne das Prädikat "lebendig" zugestehen. Immer wieder wählten junge Leute das Gotteshaus zum Ziel überörtlicher Zusammenkünfte. 1984 trafen sich 200 Ministranten "aus nah und fern" zu einem Pontifikalamt mit Weihbischof Dr. Kalata, 1988 verbanden Jugendgruppen aus Appenweier, Renchen und Urloffen die beiden Martinskirchen mit einem Kreuzweg, heute noch beendet in Zimmern die Mitternachtsmesse am Heiligen Abend das Wallfahrtsjahr: Die örtliche Blaskapelle, die Singgemeinschaft und natürlich der Kirchenchor gaben Konzerte. Auswärtige, z.T. sehr renommierte Musikgruppen und Vokalensembles umrahmten Sonntagsgottesdienste und Maiandachten.

Als 2008 Pfarrer Karl Heinz Scheyerle in Urloffen das Amt übernahm, entwickelte er von diesem Fundament aus seine Vorstellung von Marienverehrung mit großem Eifer. Jeden ersten Sonntag im Monat hält er einen Wallfahrtsgottesdienst, jeden dritten Donnerstag betet er einen Sühnerosenkranz vor ausgesetztem Allerheiligsten und zelebriert danach einen Wallfahrtsgottesdienst mit Predigt. Am Freitag vor der Karwoche begeht die Gemeinde den ersten "Schmerzensfreitag" und am 15. September den zweiten Gedenktag an die "Sieben Schmerzen Mariä" Dieses Fest bezeichnet Pfarrer Scheyerle gerne als Patrozinium der Wallfahrtskirche. Dank seiner guten Verbindungen zu vorzüglichen Chören konnte er das gewohnte musikalische Programm wesentlich erweitern.

Literatur
Huber, Erich, Arnold: Dreizehnhundertjährige Heimat, Urloffen 1971.
Kauss, Dieter: Drei Feldkirchen in der südlichen Ortenau als Zeichen frühen Christentums, in Römische Quartalsschrift 68,1973.
Kurrus, Theodo: Zur Geschichte des Kirchleins in Zimmern, in: Appenweierer Heimatblatt 1978.
Maier Karl: Zur Geschichte des Kirchspiels Zimmern, in: Pfarrgemeinde Urloffen (Hg.) 600 Jahr Feier der Wallfahrtskirche Zimmern o.J.
Spengler, Siegfried: Wallfahrtskirche St.Martin Zimmern, Kleiner Kirchenführer, Faltblatt der Gemeinde Appenweier (Hg.).

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Rathaus Appenweier


Das Haus - ein stattlicher Barockbau mit sieben Achsen - traufseitig zur Straße - mit barockem Mansarddach zu den Giebelseiten gewalmt und fünf Achsen auf der Giebelseite ist in der Tat ein großzügiger Bau für das seinerzeitige Landgericht AppenweierDass Appenweierer Rathaus wurde 1765 von Vogt Simon Bruder als Gerichtsgebäude erbaut. Bruder war als "bauwütiger" Vogt bekannt (mehrer Kirchen wurden im Amt während seiner Regentschaft erbaut) und lies es bei der Erbauungs des Gerichtsgebäudes "an Prunk und Größe" nicht fehlen.

Das Haus - ein stattlicher Barockbau mit sieben Achsen - traufseitig zur Straße - mit barockem Mansarddach zu den Giebelseiten gewalmt und fünf Achsen auf der Giebelseite ist in der Tat ein großzügiger Bau für das seinerzeitige Landgericht Appenweier.

Errichtet wurde das Haus in zwei Stockwerken über einem großen Wein- und zwei Speisekellern und umgeben war es zur Zeit der Erbauung von einem großzügigen Gelände in geschlossenem Hof und einem eigenen Brunnen.

Die Fenster sind in Sandsteingewänden gefasst und werden im Sturz korbbogig geschlossen. Sockel und und massiges Gesims in Sandstein vermitteln - genau wie die stark ausgeprägten Ecklisenen - ein statisch "gedrungenes" Gesamtbild, was der Persönlichkeit Bruders durchaus zu entsprechen scheint.

Bruder war nicht nur - wie bereits erwähnt - nicht nur "bauwütig" sondern auch ansonsten einem handfesten Streit durchaus nicht abgeneigt, wie Otto Kaehni in der Zeitschrift des historischen Vereins der Ortenau zu berichten weiß. Der 1697 in Unterharmersbach geborene Bruder trat in die Dienste der Landvogtei Ortenau und war in den 30er Jahren seines Jahrhunderts Stabhalter in Urloffen. 1742 wurde er Vogt des Appenweierer Gerichts und zwölf Jahre später erwarb er in Offenburg sein Privathaus.

Otto Käni über den Erbauer - Simon von Bruder  arrowRight

Die Baupläne zum Gerichtshaus in Appenweier legte Bruder so großzügig aus, der er sich herber Kritik des damaligen Landesherrn August, Markgraf von Baden unterziehen musste.

Zu dieser repräsentativen Gestaltung gehörte das heute nicht mehr vorhandene Mittelportal zur HaupstraßeZu dieser repräsentativen Gestaltung gehörte das heute nicht mehr vorhandene Mittelportal zur Haupstraße - wie es auf der alten Ansicht links noch zu erkennen ist - über dessen Rudiment (Fenster)...

Eine genauere Auskunft zur Geschichte des ehemaligen Gerichts in Appenweier gibt uns Karl Maier, ehem. Gemeinderat in der Festschrift zur Einweihung des Renovierten Rathauses Appenweier aus dem Jahre 1971:

Aus der Geschichte unseres Rathauses

I. Unser Rathaus als Gerichtsgebäude

Die Geschichte unseres Rathauses, so wie wir sie aus den schriftlichen Quellen herauslesen können, beginnt mit einem handfesten Streit. Der Vogt Simon Bruder hatte sich durch den Bau eines neuen Gerichtsgebäudes in Appenweier, eben unseres Rathauses, den Unwilien seines Herrn und der Bürger seines Gerichtes gleichermaßen zugezogen und dadurch eine Untersuchung seiner Geschäftsführung heraufbeschworen. Am 24. Juli 1765, also in dem Jahre, das nach der Inschrift über dem ehemaligen Hauptportal als Entstehungsjahr unseres Rathauses gilt, erließ August, Markgraf von Baden, an seine Regierung folgends Anordnung:

"Auch Wohlgebohrene und Hochgelehrte, Ehrsame Liebe Getreue, werdet Ihr aus dem hier beygehenden fasciculo aciorum in mehrerem ersehen, wasmäßen der Cammerrath und Vogt Bruder zu Appenweyer ohne vorhergehende Begenehmigung ein sehr kostbares Gebäu zu gedachtem Aspenweyer auff Kösten unserer Unterthanen auffgeführt habe. Wenn Wir aber nicht zugeben mögen, daß derley Sachen willkührlich, somit zur großen Belästigung und Nachtheil ersagt unserer Unterthanen, auch in seiner Art zur Verminderuns derer Uns von Zeit zu Zeit abgetragen werdenden sogenannten Freysteuern vorgenommen werden; Als habt Uns Ihr pflichtmäßig und ohne Rücksicht auff die Person gehorsamst an Handen zu geben, was in diesem Fall fürzukehren und zu vefügen seye, auch zu untersuchen, wer und welche ehedessen auch dergleichen kostspiehlige Gebäu eigenmächtig aufstellen habe lassen."

wir wissen nicht, von wem der Markgraf zu diesem Schritt angeregt wurde. Waren Eifersüchteleien zwischen den markgräflich-badischen Beamten und denen der Landvogtei der Grund? Die Kammerräte Tschamerhell und Eichhorn, die die Untersuchung leiteten, scheinen jedenfalls ihren Kollegen in Appenweier nicht sehr wohlgesinnt gesinnt gewesen zu sein. Vielleicht hatten aber auch die Bürger des Gerichts einfach genug vom Bauen, denn Zeit seines Lebens war der Vogt ein aktiver Bauherr gewesen. Nach einem Bericht seines Sohnes Benedikt hatte Simon Bruder seit 1725 im Gebiet des Landgerichtes Appenweier in Nußbach, Urloffen, auf dem St. Wendel und in Appenweier neue Kirchen gebaut, in Nußbach dazu noch eine neue Schule, und die Kirche von Zimmern war renoviert worden und hatte eine neue Orgel erhalten. Alles dies war geschehen, wie Benedikt seinen Vater verteidigt, "auf Begehren" und "Anverlangen" der Bürger. Alles dies hatte aber auch Geld und Frondienste gekostet, vielleicht hatte man Angst vor neuen Lasten, als man den stattlichen Bau in Appenweier heranwachsen sah.

Wer nun auch die Beschwerdeführer gewesen sein mögen, weder sie noch der Markgraf hatten es eilig. Erst 1770, nach wenigen Vorerhebungen, begann die Kommission ihre Arbeit. Da aber inzwischen (1768) Simon Bruder gestorben war, mußte sein Sohn Benedikt, der auch die Nachfolge als Vogt in Appenweier angetreten hatte, mit seinem Vermögen für das unbekümmerte Vorgehen seines Vaters einstehen, der für den Bau des Vogtshauses weder eine behördliche Genehmigung eingeholt noch sich mit den Gemeinden über die Finanzierung geeinigt hatte. Als die Endabrechnung für den Neubau zusammengestellt wurde, lehnte es der Bürgerausschuß der Gerichtsgemeinden ab, für die volle Höhe der Kosten aufzukommen. Dabei war man keineswegs kleinlich; die tatsächlichen Kosten beliefen sich auf 7.361 fl, davon wollte der Bürgerausschuß 7.000 fl übernehmen, einschließlich der in Geld umgerechneten Frondienste, die allerdings von den Zwölfern sehr niedrig angesetzt wurden, "weilen durch frohn dienst niemahlen die Helfte dessen, was durch gedingt- und belohnte Fuhren geschehen kann bekannter maßen verrichtet wird." Der Ausschuß glaubte, daß er mit diesem "ohne Vorwissen der Gemeinden" gemachten Angebot dem Vogt großzügig entgegengekommen sei, der aber war so wütend über die Ablehnung, daß er, wobei er sich als der echte, gelegentlich recht gewalttätige Simon Bruder zeigte, "mit allen Teuflen um sich geworfen habe" und "den Ausschuß mit viel Eyfer und Heftigkeit angegangen, auch sogar in Drohung ausgebrochen sey, daß er dasjenige, waß ihm hieran würde gestrichen werden, in einem Jahr schon wieder einbringen werde."

Gustav Brudy über das ehemalige Amtshaus arrowRight

 Die Ausschußmitglieder waren verständlicherweise über solch rüde Behandlung empört und beklagten sich später bei der markgräflichen Kommission, aus deren Berichten wir denn auch ausführlich über die Streiterei unterrichtet werden. Als der Ausschuß von den Herren Tschamerhell und Eichhorn erfuhr, daß der Vogt dem Markgrafen gegenüber die Baukosten nur auf 4.867 fl beziffert hatte, legten sie die ganze Angelegenheit den Bürgern zur Abstimmung darüber vor, wieviel sie zu dem Bau beisteuern wollten.

Am Ende einigten sich die Gemeinden auf den Betrag von 5.000 fl, also 2.000 fl weniger als sie ursprünglich angeboten hatten. Nur die Appenweierer machten dabei eine Ausnahme. Richtig abschätzend, daß ihr Dorf durch das stattliche Gerichtshaus an Bedeutung gewonnen hatte, waren sie ehrlich genug vorzuschlagen, "es bei denen aufgewendeten Kosten bewenden zu lassen" und erklärten sich bereit, ihren Anteil an der festgestellten Gesamtsumme zu übernehmen.

Auf diese Regelung stützte sich dann auch das Urteil des Markgrafen, das den Kammerrat und Vogt Benedikt Bruder zur Übernabne des 5.000 Fl übersteigenden Betrages abzüglich des Appenweierer Anteils verpflichtete.

Wie sich die Kosten im einzelnen aufteilten, wer das Gebäude plante und welche Handwerker es bauten, wissen wir nicht. Weder die Risse noch die Abrechnungen sind aufzufinden. Aber eine Baubeschreibung aus dem Jahre 1808 kann uns ein Bild von der ganzen Anlage vermitteln, sie ist ausführlich und klar und dürfte den ursprünglichen Zustand wiedergeben

Das Vogteihaus besteht

1. aus einem Keller nach der ganzen Flache des vorderen Hauses, worin sich die Weine immer sehr gut gehalten.

2. aus zwei rückwärtigen Speisekeller.

3. in der unteren Etage aus zwei Haupt- oder Wohnzimmern - vier Nebenzimmern, einer Gewölbekammer und einer geräumigen Küche.

4. in der oberen Etage aus einem großen Saal, nebst sechs Zimmern, einem weiten und hellen Gange.

5. aus in jeder Etage bequem angebrachten Abtritten.

6. aus einem großen, die ganze Fläche des Hauses umfassenden Speicher mit einer Rauchkammer.

7. aus zwei kleineren Speichern oberhalb des ersteren.

8. aus einem Waschhause neben welchem ein Gewölbe angebracht ist, "so ehehin das gerichtliche Salzmagazin gewesen ist", auch sind an diesem Waschhause ein Holzschopf und Schweineställe angebaut. Auf diesem Ökonomiegebäude befindet sich eine Bühne durch die ganze Fläche.

9. aus einer großen Scheuer, vorne Pferde- und Rindviehställe, auch Chaise und Wagenremise sind angebaut, und oberhalb des letzteren kann ebenfalls Futter aufbewahrt werden.

10. aus einem sehr geräumigen, geschlossenen Hofe, "worin ein Bronnen von sehr guter Quelle angebracht ist".

11. aus einem Blumengärtchen und einem sechs Vierteln großen Hausgarten.

Aber zu der Zeit, als dieser Bericht im "Mittelrheinischen Provinzbiatt" erschien, war dem Gerichtshaus nicht mehr viel von dem "sehr kosthar Gebäu" anzusehen, als das es der Markgrai 43 Jahre früher bezeichnet hatte.

Nach dem Übergang der Landvogtei an Baden 1805, verließen die alten Vögte Appenwsier, die Gerichtsverfassung war aufgelöst worden, Appenweier wurde ins Oberamt Offenburg eingegliedert und verlor seinen Glanz als Verwaltungsmittelpunkt. Das Gerichtsgebäude aber war schon früher glanzlos geworden. Es wird berichtet (1808), daß das Haus in der Art baufällig ist, daß schon der ehemalige Vogt Bargehr wegen dessen Reparatur nachdrücklich Vorstellungen gemacht und solches sogar aus dem Besorgnisse des Einfallens ad tempus verlassen wollte. Man ist beunruhigt wegen des "großen und schweren Daches" und "weil das Haus nur mit einem Balkenkeller versehen war" und kein festes Fundament hatte. Die Kosten eines gründlichen Umbaues wurden als recht beträchtlich angesehen. Sie mußten in die Überlegungen darüber einbezogen werden, was mit dem Gebäude, jetzt, da es seinem ursprünglichen Zweck nicht mehr dienen konnte, geschehen solle. Die Gemeinden Appenweier, Urloffen, Zimmern, Zusenhofen, Nußbach, Meisenbühl, Nesselried und Herztal waren Rechtsnachfolger des alten Landgerichts, deshalb war das Gerichtsgebäude auch ihr gemeinsames Eigentum, aus demselben Grunde aber mußten die Gemeinden auch hinterlassene Schulden des Gerichts abtragen.

So lag der Gedanke nahe, das Haus zu verkaufen und mit dem Erlös den finanziellen Verpflichtungen nachzukommen, besonders da man doch keinen Verwendungszweck finden konnte, der allen Gemeinden zu Vorteil gereichen würde. Am 4. Juli, 25. August und 29. September fanden die drei vorgeschriebenen "Verfailungen" (Versteigerungen) im Gasthaus zur "Sonne" in Appenweier statt, jedesmal bot der "Bürgerliche Handelsmann" Franz Joseph Schrempp aus Urloffen den höchsten Betrag. Aber die Regierung "ratifizierte" die Versteigerung nicht. Schrempp bat und das Oberamt mahnte vergeblich. Als im Dezember 1808 die Genehmigung immer noch nicht erteilt worden war, verzichtete Schrempp auf den Kauf, und die Gerichtsgemeinden standen erneut vor ihrem alten Problem.

Da kam ihnen der Plan einer Umorganisation des Oberamtes Offenburg zu Hilfe. In einer gemeinsamen Petition baten die Gemeinden des Gerichts, das zweite Landamt nach Appenweier zu verlegen. In deutlichem Abwägen gegenüber Renchen, in dem man den aussichtsreichsten Konkurrenten fürchtete, zählt die Bittschrift die Vorteile auf, die Appenweier bieten konnte:

Zur Besoldung der Beamten sollten 300 fl, 4 Klafter Brennholz und der Genuß von 3 1/4 Tauen Matten beigesteuert werden; und dann wird das alte Gerichtsgebäude herausgestellt und als neues Amtshaus empfohlen, dessen Unterhaltung man ebenfalls übernehmen wollte, denn gerade in der Möglichkeit, dem neuen Amt eine würdige Unterkunft zu bieten, glaubte man Appenweier Renchen deutlich überlegen, "weil dieser Ort Renchen durch die im Laufe der vorigen Kriegen und anderen Unglücksfällen in einem so bedrängten Zustand versetzt wurde, das derselbe nicht einmal die schon seit 12 Jahren verfallenen Kirche aus Gemeindsmitteln aufzubauen vermag".

Die "untertänigsten" Bitten der Gemeindevertreter des alten Gerichts wurden erhört, und nachdem man die Bürger der einzelnen Dörfer getrennt zur Sache vernommen hatte, bekam Appenweier das Landamt zugewiesen. Bei diesen ganzen Bemühungen um das Landamt, erwiesen sich zwei Männer aus Appenweier als besonders tatkräftig, die beiden Wirte Knapp und Woerner. Sie verfaßten wohl die ausführliche Petition an den Großherzog und Üübergaben sie auch in Karlsruhe als Deputierte der Gemeinden des Gerichts. Sie griffen aber auch, wenn es ihrer Sache nützlich schien, zu etwas zweifelhaften Mitteln. Als das Landamt in Appenweier eingerichtet werden sollte, wurde das Gerichtsgebäude auf seine Brauchbarkeit überprüft. Ein Baumeister Krämer schätzte die notwendigen Reparaturen auf 1.005 fl 30 x. Dieser Betrag schien dem Oberamt zu niedrig, es ließ ein zweites Gutachten anfertigen, das die voraussichtlichen Kosten auf 1.875 fl bezifferte. Im Streit um die Zuverlässigkeit der beiden Voranschläge stellte sich heraus, daß die Wirte von Appenweier, darunter Knapp und Werner, "deren Interesse vorzüglich mit Errichtung eines Amtes im Orte verknüpft ist", dem Zunftmeister der Appenweierer Maurer, auf dessen Angaben die Berechnungen Krämers beruhten, "suggeriert halben, die Kosten nur auf die erste Summe anzutragen, mit dem Versprechen, ihn, wenn der Bau mehr kosten sollte, nicht stecken zu lassen."

Dies war nun wirklich ein "Hinterlistiges Benehmen", wie das Oberamt feststellte; aber zu ihrem Versprechen standen die Wirte dann doch, als sie gegen das Urteil aller Fachleute vor dem Oberamt zu Protokoll gaben, sie hielten 1.005 fl für ausreichend. Am Ende mußten sie sogar den Beweis für ihre Behauptung noch antreten. Als nämlich trotz zweifacher Ausschreibung kein Maurer, auch der Zunftmeister nicht, sich imstande sah, die Arbeiten zu diesem Preis zu übernehmen, fällte das Oberamt eine

weise Entscheidung:

Es wies die Wirte an, den Umbau nach ihrem Vorschlag auszuführen, warnte sie aber gleichzeitig, "daß sie solange keine Zahlung zu erwarten haben, bis durch Augenschein von Sachverständigen probat sein werde, daß sie pünktlich nach dem Krämerschen Riß und gut gebaut haben."

Karl Maier, Gemeinderat

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Mariä Himmelfahrt - Nesselried-Appenweier


Nach jahrelangen Streitigkeiten konnte schließlich 1874 mit dem Bau einer neuen Kirche begonnen und 1875 der Grundstein gelegt werden. Freiherr von Frankenstein hatte das Gelände für den Bau eines Pfarrhauses zur Verfügung gestelltDie Wallfahrtskirche Nesselried - Karl-Rolf Gissler - Historischer Verein - Mitgliedergruppe Appenweier

Anlass für den Kirchenbau

Schon im Jahr 1804 stellte der Amtmann des Amtes Staufenberg an die kurfürstliche Kirchenvogtei Offenburg den Antrag zu prüfen, ob man in Nesselried nicht eine eigene Pfarrei errichten könne. Anlass dafür war der Umstand, dass die Bürger aus Obernesselried, Illental und Wiedergrün bisher zum sonntäglichen Gottesdienst nach Durbach mussten. Wohnten sie jedoch in Unternesselried, führte ihr Weg in die Kirche St. Sebastian nach Nußbach, während sieben Häuser zur Pfarrei St. Michael in Appenweier gehörten. Die überlieferte Begründung für den Antrag lautete: "Die Entfernung, 2 Berge, Waldungen, die die Gläubigen hinter sich bringen mussten, und besonders das Horrible des Weges in den nassen und Wintermonaten rechtfertigen den Wunsch nach einer eigenen Kirche vor der ganzen Welt". 1811 gab es in Nesselried 52 Haushaltungen. Davon gehörten 33 zur Pfarrei Durbach, 13 zur Pfarrei Nußbach und sechs zur Pfarrei Appenweier. Die alte Kapelle war offensichtlich zu klein geworden: "Genau maß das Langhaus der Kapelle 632,2 Quadratfuß und bot Platz für vierzehn Bänke mit je 5 Sitzen, der Chor 17,5 auf 21 Fuß hatte zwei Bänke mit je 6 Plätzen, und die Empore wies sieben Bänke mit je 6 Plätzen auf…

Die neue Kirche

Nach jahrelangen Streitigkeiten konnte schließlich 1874 mit dem Bau einer neuen Kirche begonnen und 1875 der Grundstein gelegt werden. Freiherr von Frankenstein hatte das Gelände für den Bau eines Pfarrhauses zur Verfügung gestellt. Dieses Grundstück befand sich gegenüber dem Platz der alten Kapelle.

Das erzbischöfliche Bauamt hatte festgestellt, dass die alte Kapelle für alle Gläubigen von Unter- und Obernesselried sowie Illental um das Vierfache der bestehenden Größe zu klein sei und weniger als die Hälfte der nötigen Sitzplätze aufweise. So wurde schließlich ein Neubau der Kirche genehmigt.
Die neue Kirche wurde an der gleichen Stelle errichtet, an der die 1630 zum ersten Mal erwähnte Kapelle zu Nesselried ("Unserer Lieben Frau Kapell") stand. Im Protokoll eines Hexenprozesses bekennt ein Angeklagter, er habe sich vier Jahre zuvor mit dem bösen Geist in der Gestalt eines ihm bekannten Mädchens bei der "Kirchweihung" von Nesselried getroffen. Kirchweihung bedeutet hier nicht der Akt der Kirchengründung, sondern das jährliche Kirchweihfest. Diese Verwendung ist in den Nesselrieder Kirchenrechnungen bis 1776 belegbar.

Die neoromanische Kirche wurde nach den Plänen des Karlsruher Architekten Angelus Weiß zwischen 1874 und 1878 erstellt und nur unter großen finanziellen Mühen der Bevölkerung, aber auch durch Spenden der umliegenden Pfarreien finanziert.

Am 12. Oktober 1878 erfolgte die Einweihung der neuen Kirche durch den Bischof von Leuka Lothar Kübel, der in seiner Funktion als Verweser des Erzbistums Freiburg die Weihe vornahm.

Geschichte der Pfarrei

Nesselried war wohl eine sehr alte Filiale der Nußbacher Pfarrei, wo schon seit deren Gründung 1196 die Prämonstratenser des Klosters Allerheiligen das Patronatsrecht übernommen hatten. 1223 wurde die Nußbacher Pfarrei mit allen Filialen - also auch Nesselried - dem Kloster Allerheiligen einverleibt. In kirchlicher Beziehung gehörte Nesselried wie auch Durbach zur Pfarrei Nußbach. 1666 wurde dann die Aufteilung der Gläubigen nach Nußbach, Durbach und Appenweier vorgenommen.

Den Prämonstratensern von Allerheiligen war schon seit 1333 das Recht zugesprochen, das Fest der "Unbefleckten Empfängnis" zu feiern, was ansonsten noch umstritten war.

Am 13. März 1892 wurde die Pfarrkuratie errichtet und 1900 schließlich zur selbstständigen Pfarrei "Maria in den Himmel aufgenommen" erhoben. Kurat und erster Pfarrer der Nesselrieder Pfarrgemeinde war Pfarrer Ernst Fink.

Die Marien-Wallfahrt von Nesselried

Es wird angenommen, dass die Wallfahrt in Nesselried um 1450 vom Kloster Allerheiligen gegründet wurde; dessen Mönche betreuten sie ursprünglich bis ins 17. Jahrhundert. Seit 1666 war Nesselried der Pfarrei Durbach zugeteilt. Die beiden Kapellenneubauten bzw. Renovierungen des 17. und 18. Jahrhunderts lassen auf eine besondere Blütezeit der Wallfahrt in dieser Zeit schließen. Als Beweis hierfür dienen verschiedene ältere Votivtafeln, von denen in der Literatur die Rede ist. Daneben zeugen moderne Tafeln von der Lebendigkeit der Wallfahrt auch im 19. und 20. Jahrhundert. Um 1820 wird berichtet, dass ein Brunnen "wegen der Wallfahrt" errichtet wurde, der "zur Befriedigung der Wallfahrtslustigen" dienen sollte.
Die Legende vom singenden Bild

Dazu berichtet der ehemalige Pfarrer von Nesselried, Geistl. Rat Emil Bielmann, 1957:

Die Legende weiß über das Gnadenbild, daß der österreichische Leutnant Josef von Ried das singende Bild in den Nesseln gefunden und 3 mal mit in seine Wohnung genommen habe, … und 3 mal wieder in den Nesseln gefunden habe…

Danach sei es von ihm in die bestehende Kapelle gebracht worden. Diese weit verbreitete Form der Legende ist wohl einem alten Legendentypus nachempfunden, wie sie auch aus unserer Region bekannt ist. (z. B. in der Wallfahrtskirche "Maria zu den Ketten" in Zell am Harmersbach).

Nesselried galt von jeher als vielbesuchter Wallfahrtsort; so wird um 1928 von einer jährlichen Pilgerzahl von etwa 2000 Gläubigen berichtet. Marienfeiertage wurden festlich begangen, besonders das Patrozinium am 15. August "Mariä Himmelfahrt". Heute ist die Wallfahrt allerdings weitgehend zum Erliegen gekommen.
Das Innere der Kirche: Bilder und Skulpturen

Die Nesselrieder Kirche besaß ursprünglich neben dem Hauptaltar noch zwei Seitenaltäre. Diese existierten bis zur Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (und einer danach durchgeführten Kirchenrenovierung).

Das Gnadenbild

Besondere Verehrung erfährt bis in die heutige Zeit das Gnadenbild "Maria von der immerwährenden Hilfe", das Bestandteil des ursprünglichen Gnadenaltars (s. Foto) war. Die Holzstatue, die die gekrönte Gottesmutter mit dem segnenden Jesuskind - ebenfalls mit Krone - zeigt, entstand nach fachmännischer Schätzung wohl Ende des 15. Jahrhunderts. Das Jesuskind wurde um 1500 geschnitzt. Maria sitzt auf dem mit Löwenfüßen verzierten Herrscherthron. Sie trägt wie das Kind auch heute noch verschiedene, während des Kirchenjahres wechselnde Gewänder, die von Nesselrieder Familien gestiftet wurden.

Das ursprünglich in den vergoldeten Altar eingelassene Gnadenbild war von den Bildern eines Hans-Baldung-Grien-Schülers umgeben, der diese um 1520 vermutlich für den Flügelaltar der Kapelle auf Erlenholz gemalt hatte.

Umrahmt war das Gnadenbild "Maria von der immerwährenden Hilfe" von drei Bildern des
Altars: Links der Erzengel Gabriel, der Maria die Botschaft Gottes zur Annahme der Gottesmutterschaft verkündet. Rechts erwartet die Gottesmutter, dem Engel zugewandt, dessen Botschaft. Auf der Rückseite der beiden ursprünglich drehbaren Altarflügel sind die zwei Märtyrerinnen St. Barbara - die Sterbepatronin mit Kelch und Turm - sowie die Stadtpatronin von Offenburg, St. Ursula, mit den Pfeilen dargestellt. Heute weisen die beiden Flügelbilder lediglich auf das Thema "Mariä Verkündigung" hin: links der Erzengel Gabriel und rechts die Jungfrau Maria.

Die Nesselrieder "Heilige Sippe"

Unterhalb der beiden Altarflügel befindet sich die Darstellung der "Heiligen Sippe". Dieses Bild diente ursprünglich wohl als Predella unter den Skulpturen der Hl. Katharina und der Maria Magdalena. Es zeigt die heilige Mutter Anna, wie sie dem Jesuskind, das auf dem Schoß von Maria sitzt, einen Apfel reicht. Die Darstellung mit der hl. Anna war auch im theologischen Sinne von Bedeutung: Sie hatte als Mutter die immerwährende Jungfräulichkeit Mariens zu verteidigen. Außerdem "sind auch zugegen die drei Ehemänner Annas, deren Töchter, Schwiegersöhne und Enkelkinder, entsprechend einer Legende des 9. Jahrhunderts…" (Jeanne Peipers). Damit sollte wahrscheinlich die Existenz der Brüder Jesu glaubhaft gemacht werden. Das Nesselrieder Bild verdeutlicht Mariens unbefleckte Empfängnis und ihre allzeit währende Jungfräulichkeit. Darauf verweist auch schon ein Visitationsbericht vom 17.9.1666, in dem die Kirche als "sacra divinae Virginis" bezeichnet wird.

Weitere bemerkenswerte Kunstwerke sind die beiden Johannes-Skulpturen in Lebensgröße - ursprünglich am Hochaltar aufgestellt und nach der letzten Renovierung 1997 auf die Empore "verbannt": Johannes der Täufer und Johannes der Evangelist, die um das Jahr 1734 geschaffen wurden. Des Weiteren sind die Figuren von St. Wendelin über dem rechten und St. Sebastian über dem linken Seiteneingang zu erwähnen. Sie weisen auf die ehemalige Verbindung zur Pfarrei Nußbach hin, zu der ein Teil Nesselrieds gehörte. Kreuzpartikel und Reliquien von St. Heinrich und St. Kunigunde erinnerten an Durbachs Pfarrei St. Heinrich, die einst den größten Teil der Nesselrieder Gläubigen betreute.

Renovierungen

Das Innere der Kirche erfuhr mehr oder weniger gravierende Veränderungen. Um 1750 wurde die ursprüngliche Kirche im Rahmen einer Renovierung durchgehend im barocken Stil umgestaltet.

Die erste grundlegende Veränderung des 20. Jahrhunderts erfolgte in den Jahren 1933-37: Die Altäre erhielten vergoldete Stuckrahmen, Wände und Decke wurden ausgemalt.

Als Dank für die wunderbare Rettung des Dorfes in den letzten Kriegstagen ließ die Gemeinde nach 1945 durch den Offenburger Glasmaler Karl Vollmer ein Kirchenfenster anfertigen, das Maria schützend über dem Dorf schwebend zeigt. Es erinnert daran, dass die Gemeinde Nesselried im II. Weltkrieg nur von einer einzigen Granate getroffen wurde. Dabei wurden die Fenster an der Westfront der Kirche zerstört. Die gesamte Pfarrgemeinde spendete für das neue Fenster, das folgende Inschrift trägt: "Maria schützte wunderbar unser Dorf in großer Kriegsgefahr 24. 2. 1945".

Nach dem II. Vatikanischen Konzil erfuhr die Nesselrieder Kirche die nachhaltigste Änderung: Die Neben-Altäre wurden entfernt, die Kanzel herausgenommen und die Bilder an Decke und Wänden übermalt.

Das Gnadenbild steht nach der letzten Renovierung 1997 an der Stelle des linken Seitenaltars auf einer modernen Stele. Parallel dazu sind auf der rechten Seite des Gotteshauses die beiden Altarflügel mit den Heiligendarstellungen sowie die Nesselrieder "Heilige Sippe" aufgestellt.

Literatur
Bielmann, Emil, in: Geschichte der Wallfahrt in Nesselried, Festschrift, Offenburg 1957
Bielmann, Emil, in: St. Konradsblatt Nr. 41 (19. Jahrg.), Karlsruhe, 13.10.1935, S. 844 f.
Brommer, Hermann (Hrsg.): Wallfahrten im Erzbistum Freiburg, München; Zürich 1990
Heitzmann, Ludwig: Wallfahrtsorte in der ehemaligen Ortenau, 1921
Kauß, Dieter: Die mittelalterliche Pfarrorganisation in der Ortenau, Bühl 1970
Krieger, Albert: Topographisches Wörterbuch des Großherzogtums Baden, 2 Bände, 1904/05
Maier, Karl: Rede zum 100. Jahrestag der Grundsteinlegung der Wallfahrtskirche "Maria Himmelfahrt" in Nesselried, 1975
Magazin der Seelsorgeeinheit "Hand in Hand", Appenweier, 2008, S. 113 f.
Peipers, Jeanne: Die Nesselrieder Heilige Sippe - Ein Werk des Meisters des Lautenbacher Hochaltars. In: Die Ortenau 71 (1991), S. 414 - 435
Reinfried, Karl: Visitationsberichte aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts über die Pfarreien des Landkapitels Offenburg, in: FDA 30/1902
Schreiber, Christian (Hrsg.): Wallfahrten durchs deutsche Land, Berlin 1928, S. 140
Welser, Benedikt: Von Gnadenort zu Gnadenort in Baden-Württemberg, Ehingen 1956, S. 111 f. Wingenroth, Max: Die Kunstdenkmäler des Kreises Offenburg, Tübingen 1908

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St. Martin Urloffen-Appenweier


1830 kaufte die Gemeinde den Bauplatz, und der Bezirksbaumeister Voß zeichnete die Pläne. Voß war damals ein bekannter und vielbeschäftigter ArchitektSt. Martin in Urloffen - ein Beispiel klassizistischer Baukunst - von Karl Maier - Historischer Verein - Mitgliedergruppe Appenweier

Schon früh in ihrer schriftlich nachweisbaren Geschichte handelten die drei benachbarten Dörfer Rüchelnheim, Urloffen und Zimmern gemeinsam als ein Kirchspiel. Ihre Pfarrkirche stand in Zimmern. Als himmlischen Schutzpatron hatten sie den Frankenheiligen Martin von Tours, das irdische Patronatsrecht hielt die Familie der Freiherrn von Schauenburg. Im 15. Jahrhundert verfügte auch Rüchelnheim über eine Kapelle. Sie dürfte mit der Brigiden- oder Johanneskirche identisch sein, von der ein Visitationsprotokoll von 1699 berichtet. Als Standort wird hier allerdings Urloffen genannt, was sich daraus erklärt, dass es inzwischen das bedeutendere der drei Dörfer geworden war, und Rüchelnheim sich in dieser Zeit im größeren Verband auflöste. Mit dem Spital St. Johannes und St. Jakobus in Urloffen, das Uta von Schauenburg dem Kloster Allerheiligen schenkte, dürfte dieses Patrozinium nichts zu tun haben, denn hier wird sein Attribut "der Täufer" ausdrücklich erwähnt, während beim Spital Johannes immer in einem Zuge mit seinem Bruder genannt wird.

Um 1750 baute die Gemeinde eine neue St. Johanneskirche, wohl am Platz der alten. Schon während des Dreißigjährigen Krieges hatte der Ortspfarrer seinen Sitz aus dem an der Heer-straße gefährdeten Zimmern an die Kirche St. Johannes verlegt. Aber das Pfarrrecht blieb in St. Martin bis 1831; als man in Urloffen begann, die neue Kirche zu erstellen.

Wie bekannt, wuchsen während des 17. und 18. Jahrhunderts die Einwohnerzahlen stark an. 1666 zählte man im Kirchspiel 300 Seelen, 1830 schon 2200. Da der Kirchenraum jedoch nicht entsprechend vergrößert wurde, gerieten die Gläubigen in viel beklagte Not. Weder zwei Frühmeßpfründen noch die Johanneskirche von 1750 schafften Abhilfe. Als dann das Gotteshaus in Zimmern, durch Kriegseinwirkungen verwüstet, profaniert wurde, plante die Kirchenverwaltung eine ganz neue Kirche nun in Urloffen zu errichten. Nachdem die zunächst zäh widerstrebende Bevölkerung durch langes Zureden gewonnen werden konnte, wehrten sich die beiden Schauenburger Freiherrn, die gemeinsam das Patronatsrecht innehatten und daher an Turm, Chor und Sakristei baupflichtig waren, gegen die Abwertung von Zimmern. Während dann die Merzhausener Linie nachgab, musste Lambert von Gaisbach durch Gerichtsbeschluss zum Einverständnis gezwungen werden.

1830 kaufte die Gemeinde den Bauplatz, und der Bezirksbaumeister Voß zeichnete die Pläne. Voß war damals ein bekannter und vielbeschäftigter Architekt. Er entwarf u.a. nicht nur die Illenau in Achern, sondern auch das Schulgebäude in Urloffen, das 2008/09 zu einem Bürgerhaus umgebaut wurde, und die alte Volksschule bei der katholischen Kirche in Appenweier. Als Schüler des berühmten Residenzbaumeisters Friedrich Weinbrenner richtete er seine Arbeit ganz nach dem damals gültigen Stil, dem Klassizismus, aus. Nachdem zwei Jahrhunderte Pracht und Vielgestaltigkeit des Barock und des Rokoko die Kunst beherrscht hatten, suchte man nun das Schöne in der einfachen Darstellung. Aus diesem Gedanken entwickelten Voß, der Generalunternehmer Alois Meisburger von Offenburg und der Stukkator Jodok Wilhelm ihre Vorstellungen in der neuen Kirche.

Gewohnt an die vergangene Kunst, muss den Gläubigen die Kirche von 1835 recht karg vorgekommen sein. Bot doch der große viereckige Raum mit seiner Flachdecke den Blicken lediglich die Blätter dreier Altäre als sehenswerte Objekte. Die langen Wände dagegen wirkten, durch Pilasterreihen verstärkt, gleichförmig, waren allerdings im Süden in der ganzen Raumhöhe von einem Stuckkreuz als sinngebendem Bauelement unterbrochen.

Noch waren die Deckenflächen grau und ohne Bilder, der mit eigenen Baumaßen vom Langhaus abgesetzte Chor hinter einem schmucklosen Triumphbogen enthielt lediglich einen kleinen Altartisch vor einem Gemälde des hl. Martin.

Ein liturgisches Programm, nach dem die Altarblätter und Deckenausstattung gestaltet worden sein könnten, sucht man im ersten Bestand vergeblich. Nur einmal wird an den himmlischen Schutzpatron Martin erinnert mit einer allerdings übergroßen Darstellung des Heiligen als altdeutscher Ritter, wie er den Mantel teilt. Es ist eine Kopie nach van Dyk, die Großherzog Leopold der Gemeinde aus dem Vorrat des Rastatter Schlosses geschenkt hatte. Ursprünglich gewährte man ihr den Ehrenplatz über dem Hochaltar, heute hängt sie, zwar gut sichtbar, aber doch abseits, an der Nordwand.

Das Bild der "Heiligen Familie" des linken Seitenaltars malte Johann Baptist Kirner, ein berühmter Illustrator der Werke des Johann Peter Hebel, er lebte in Furtwangen. Das entsprechende Altarblatt auf der anderen Seite "Der göttliche Kinderfreund" stammte von Bernhard Endres.

Erst im neuen Jahrhundert, 80 Jahre nach Baubeginn, vollendeten Pfarrer Stöckel und die Stiftungsräte das große Werk. Von den Themen, die sie illustriert haben wollten, hatten sie nun klare Vorstellungen. Josef Wagenbrenner aus Rastatt erhielt den Auftrag, eine Himmelfahrt und Krönung Mariens zu malen. Dieses in der Ortenau sehr beliebte Thema und die Darstellung des Pfingstwunders von August Pfizer nehmen heute einen großen Teil der Langhausdecke ein. Die Verehrung des Altarsakramentes und ein Bildnis der heiligen Cäci- lia, ebenfalls von Pfizer, wurden sinnvoll über dem Hochaltar bzw. der Orgel angebracht. Das Bild des Kirchenpatrons, das ein offensichtlich moderner Künstler anbot, lehnten die Stiftungsräte ab, weil sie den Heiligen darauf nicht finden konnten..

Um die Gemälde auf der ausgedehnten Fläche unterzubringen, teilte man die Langhausdecke in drei Bahnen ein. Das rechte und das linke Feld wurde mit großen gleichen Rosetten gefüllt. Dazwischen ordneten die Künstler, ausgehend vom Triumphbogen, die Darstellungen ein.

Eine nicht leicht zu lösende Aufgabe stellte die Größe des Chorraumes dar. Nachdem das Martinsbild aus Rastatt zur Seite gerückt worden war, richtete Bildhauer Josef Eberle aus Überlingen den heutigen Altar, aus Holz gefertigt, auf. Seine Predella zeigt Menschen aus dem Alten Testament, Melchisedes, Abraham, Josef von Ägypten und Isaias. Auf dem Tisch steht der Tabernakel, flankiert von zwei Reliefs, Maria Verkündigung und Christus am Ölberg. Darüber stehen in einem romanischen Aufbau ein Kreuz über dem Tabernakel und rechts und links davon Heiligenfiguren. Leicht erkennbar an dem badischen Wappen im Schild des jugendlichen Ritters der selige Bernhard von Baden. Neben ihm St. Martin, zu seinen Füßen die Gans, die den Heiligen verriet, als er sich vor der Bischofswahl versteckt hielt. Auf der anderen Seite des Kreuzes der heilige Konrad als Bischof von Konstanz, in der linken Hand hält er einen Kelch, über dessen Rand die giftige Spinne krabbelt, die ihm nichts anhaben konnte, nachdem er ein Kreuz geschlagen hatte. Konrad wurde nach der Gründung des Erzbistums Freiburg (1821) sein himmlischer Patron. Die Reihe wird links abgeschlossen durch den jungen Johannes Evangelist, einen der beiden Schutzheiligen des alten Spitals von Urloffen. Über Tabernakel und Kreuz steht wie im benachbarten St. Michael eines der Sinnbilder für Christus: der Pelikan, der sein Blut den dürstenden Jungen zu trinken gibt.

Über die Geschichte der Kirche Urloffen arrowRight

Dieser Altar jedoch gefiel nicht. Er wirkte verloren in dem großen Raum. Um ihn bedeutender erscheinen zu lassen, vergoldete man ihn und gab ihm das Aussehen eines Metallaltars. Als auch diese Hilfsmaßnahmen nichts brachten, baute man um und über den Altar einen hohen Baldachin. Vielleicht weil man sich an Bekrönungen barocker Hochaltäre erinnerte, erhielt das Dach auf den vier ionischen Säulen eine Gruppe von überlebensgroßen Figuren: die beiden Apostelfürsten Petrus mit dem Schlüssel sowie Paulus mit Buch und Schwert. Zwischen ihnen die Darstellung der Heiligen Dreifaltigkeit. Sie besteht aus seinen einem realistischen Brustbild Gott Vaters mit den Herrscherinsignien und Christus, nicht in seiner menschlichen Gestalt, sondern in seinem Symbol des Gotteslammes. Der Geist, aus der Ferne nicht sichtbar, prangt an der Unterseite der Baldachindecke als gewaltige Taube in einem Strahlenkranz.

Das Bauwerk erreicht zweifellos seinen Zweck, es füllt den Raum, zieht aber auch soviel Aufmerksamkeit auf sich, dass man den Altar selbst darüber fast vergisst.
Keine bautechnischen oder ästhetischen Mängel, sondern theologische Neuerungen schoben während der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts den alten Hauptaltar völlig an den Rand des religiösen Handelns. Die Liturgiereform des zweiten Vatikanischen Konzils forderte grundlegend ein neues engeres Zusammenwirken zwischen Priester und Laien während der heiligen Messe. Wie in vielen Gotteshäusern brauchte man auch in Urloffen einen neuen Zelebrationsaltar, und wie verlangt, stellte man ihn in St. Martin vor dem Triumphbogen zwischen die vordersten Bänke auf. Um jedoch keine allzu große Distanz zum alten Hochaltar entstehen zu lassen, erhöhte man das Bodenniveau, auf dem alle vier Altäre ihren Platz hatten, um drei Stufen und verband so mit einer Art Insel die beiden wichtigsten Teile der Kirche sinnfällig miteinander.

Der neue Altar ist keinem der traditionellen Kunststile verpflichtet, sondern stellt ein eigen-ständiges Werk unserer Zeit dar. Als gestaltendes Symbol verwendete der Bildhauer Michael Huber aus Oberkirch die Wurzel Jesse nach dem Propheten Jesaias, in dessen ausgetrie-benem Laubwerk fünf Heilige als Früchte wachsen. Dabei wählte der Künstler Namen, die den Gläubigen besonders vertraut waren. An erster Steile natürlich den heiligen Martin, aber auch einen der beiden aus der Geschichte der Pfarrei bekannten Patronen des mittelalterlichen Spitals, Jakob den Älteren; sodann Johannes den Täufer, den Schutzheiligen der früheren Dorfkirche, und St Elisabeth, das Vorbild christlicher Nächstenliebe, die vom Urioffener Frauenverein besonders verehrt wurde. Im fünften Heiligen, dem Franziskanerpater Maximi-lian Kolbe, griff Huber ein Problem seiner damaligen Gegenwart auf. 1982 sprach Papst Jo-hannes Paul II. seinen polnischen Landsmann Kolbe heilig, weil er sich im KZ Auschwitz 1941 anstelle eines Familienvaters hatte hinrichten lassen. 1984 wurde der Zelebrationsaltar eingeweiht.

Kehren wir zurück zu den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg mit der wichtigen Renovation. Ein Jahr vor dem Hochaltar wurden die bisher noch fehlenden Kirchenfenster eingebaut. Sie zeigen Geheimnisse des freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Rosenkranzes in der damals typischen Manier der Bibelillustrationen. Sie kamen den Bedürfnissen der Gläubigen sehr entgegen und alle mit einer Ausnahme wurden von kirchlichen Vereinen und Ein-zelpersonen bezahlt. Hergestellt hat die recht gefälligen Fenster die Glasmalerei Protz und Ehret in Freiburg.

Die letzte Renovation der Jahre 2007 und 2008 brachte keine grundsätzliche Veränderung am Bestand. Obwohl sie trotzdem sehr aufwändig war, konnte die Pfarrgemeinde die Unkosten aus eigenen ersparten Mitteln bezahlen.

Literatur
Sauer,Josef: Die kirchliche Kunst der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Baden, in: FDA 32/1931 - 522 ff.
Kurrus, Theodor: Die Herkunft der Altarbilder in der Pfarrkirche von Urloffen, in FDA 70/1950.
Katholische Kirchengemeinde St. Martin Urloffen (Hg.): 150 Jahre Katholische Pfarrkirche Urloffen 1835-1985, Urloffen 1985.

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