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Sehenswertes in Zell am Harmersbach


Die Reichsstadt Zell am Harmerspach: Die Stadt Zell am Harmerspach, welche an den Grenzen des Schwarzwalds in der Ortenau liegt, ist von alten Zeiten her eine zu dem schwäbischen Kreis gehörige Reichsstadt und erhielt ihre Privilegien von Karl de IV. 1366. Dieses Privilegium ist von Kaiser Wenceslaus 1393, wie auch den nachfolgenden Kaisern, welches letztmals von Weyland der glorwürdigsten Kaiserin Maria Theresia 1747 und ihren Nachfolgern allergnädigst bestättigt worden.

Ihr Territorium besteht nicht nur in der Stadt und ihrem Bann selbst, sondern sie besitzt auch ausser ihrem Stadtbann, das Thal Nordrach und die Dörfer Bieberach, ober und unter Enterspach, welche zusammen das Zellische Gebiet ausmachen. Diese Stadt genießt all diejenigen Rechte und Vorzüge, welche überhaupt allen Reichsstädten zukommen und erkennt zugleich mit den Reichsstädten Offenburg und Gengenbach, mit welchen sie in einem besonderen Verein steht, einen jeweiligen Besitzer der Reichslandvogtey Ortenau für ihren Schutz und Schirmherrn. (Josef Johann Nepomuk Pehem - Geographische Beschreibung der Landvogtey Ortenau - Carlsruhe 1795)

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Der Storchenturm


Das Zeller Heimatmuseum ist im Storchenturm, dem Wahrzeichen der ehemaligen Reichsstadt, untergebrachtDas Zeller Heimatmuseum - von Thomas Kopp - die Ortenau 1970

Das Zeller Heimatmuseum ist im Storchenturm, dem Wahrzeichen der ehemaligen Reichsstadt, untergebracht. Vielleicht sollte man besser nicht von "unterbringen" reden, denn - und hiermit bezeichnen wir vorweg etwas vom Wesentlichen unseres Museums - der Storchenturm selbst ist ja auch ein Stück davon, was zugleich die Rechtfertigung gibt, einleitend kurz von ihm zu berichten.

Der Turm wird als Teil der gesamten Stadtbefestigung schon im 14. Jahrhundert erwähnt. Disch beschreibt ihn in der "Chronik der Stadt Zell am Harmersbach" (Seite 194) folgendermaßen: Der Storchenturm "ist von rechteckigem Grundriß und aus Bruchsteinmauerwerk mit Sandsteinquadern an den Ecken erbaut. Das oberste Geschoß zeigt Rundbogenfenster, darüber ein Satteldach mit an den Giebelseiten vorkragendem Abwalmdach. Auf der Südseite in halber Turmhöhe der Reichsadler und die Zahl 1462. Dieser Stein zierte ehemals das Untertor und wurde nach dessen Abbruch hier eingefügt. Auf der Nordseite oben unter dem Rundbogenfenster ebenfalls der Reichsadler und die Zahl 1599." Der "Lange Turm" - so hieß der Storchenturm ursprünglich - sicherte auf über 150 Meter die Südseite der ehemaligen Reichsstadt. Es gab in jenen Zeiten hier kein Tor; durch den Turm führte nur das schmale "Dreibatzenloch"(1). Erst 1907 wurde der Durchgang in seiner heutigen Form geschaffen, weil man eine breite Straße zum neueröffneten Bahnhof Zell der Nebenbahn Biberach-Oberharmersbach brauchte.

Auf einem Absatz der Außenseite des Storchenturms stehen die vier "Schwedenkanonen"; sie wollen an den Dreißigjährigen Krieg erinnern, sind aber zugleich ein schönes Hinweisschild fürs Heimatmuseum, ebenso wie neben dessen Eingangstür das große steinerne Zifferblatt einer Uhr (die einstens an der inneren Giebelseite des Untertors den Einwohnern die Zeit anzeigte).

Martin Hesselbacher - Die Stadtbefestigung von Zell am Harmersbach arrowRight

Gleich im "Empfangsraum des Museums" wird der Besucher schnell aus der Gegenwart entführt: ein Stein mit der Jahreszahl 1669, alte Straßenlampen, ein Bildstöckle, Ofenplatten berichten von der "guten alten Zeit". Sie wird dann besonders lebendig in den Handwerksstuben der Zeller Töpfer, Weber, Schuster, Seiler, Küfer, Bäcker, Nagel- und Hufschmiede. Holzpflüge u. a. weisen auf die frühere Bedeutung der Landwirtschaft in Städtle und Tal hin. Recht interessant wird die Herstellung von Wasserleitungsrohren aus Holzstämmen gezeigt. Eine Menge Hausrat beweist, wie die Ahnen sich das Leben praktisch und schön gestalteten. Zu den Kostbarkeiten gehören die kobaltblauen Trinkgefäße, die man in der Nordracher Glasfabrik im weiten, einsamen Wald der Moos herstellte, bedruckte Stoffe usw. Gebastelte Altärle und "Krippele" veranschaulichen die "Freizeitgestaltung" früherer Zeiten.

Jeder Besucher unserer Stadt, der an ihr Freude hat, müßte entweder zur Vorbereitung oder zur abschließenden Zusammenfassung den Museumsraum besichtigen, in dem das Modell der Reichsstadt Zell aufgestellt ist: es zeigt Anlage und Gesicht des Ortes, Verlauf der Mauern und Gräben, die vier Türme - und eben das "alte Städtle als Ganzes". Für Schulklassen ein herrlicher Anschauungsunterricht!

Volkskundlern und Freunden des Alemannentums werden die Zeller Fasnachtsgestalten unvergeßlich bleiben, besonders in ihrer gezeigten Entwicklung vom Welschkornund Schneckenhäuslenarro zum bunten Spielkarten- und Bändelenarro, ebenso die schönen Trachten aus Stadt und Tal und die Zeller Bürgerwehr mit Uniform und Waffen.

Bilder von Emma Heim (Scheffels "Dichterliebe", wie sie in einer Randbemerkung im Taufbuch genannt wird), Ritter von Buß (der erste parlamentarische Vertreter des Arbeiterschutzes in Deutschland) und Joseph Anton Burger (Begründer der Zeller Keramik) erinnern an bedeutende Persönlichkeiten unserer Stadt.

Und all dies u.v.a. befindet sich - um es nochmals zu betonen - nicht in irgendwelchen "neutralen" Räumen, sondern in einem alten Turm. Da kann man einen Wehrgang betrachten; an einer Stelle sieht man, wie die Mauern fast 1,5 Meter dick sind. Beim Schauen ins tiefe "Hungerverlies" und in den Turmkerker mit seinen zwei engen, "fast licht- und luftlosen Zellen" kommt einem wohl die Erkenntnis, wie die Strafen in der "guten alten Zeit" doch recht hart waren. Die Daumenschraube läßt die Folter lebendig werden, die "Schandglocke für böse Mäuler" und die "Halstafel für Obstdiebe" zeugen von oft drastischem Einschreiten der damaligen Obrigkeit.

Wer dann aber bis ins Turmwärterstüble des 5. Stocks oder gar unmittelbar unters Dach hochgeklettert ist, atmet auf und findet ausgerechnet dort oben - besonders auch an sonnigen Tagen - bei dem herrlichen Rundblick den Weg aus der Vergangenheit zurück in die Gegenwart: Da liegt tief unten das saubere, friedliche Städtle, umrandet von den Bauten der Nachkriegszeit, gebettet ins herrliche Umland der Matten und Äcker, Wälder und Berge.

So kann der Besuch des Zeller Heimatmuseums mit seiner Schau in Vergangenheit und Gegenwart zu einem Erlebnis werden, das lange und tief nachwirkt...

Die im Storchenturm untergebrachte Sammlung hat selbst auch ihre Geschichte:

Während seiner Arbeit an der Zeller Chronik kam Disch der Gedanke, das wertvolle heimatliche Gut, auf das er allerorts stieß, zu sammeln; er richtete damit 1935 in der "Alten Kanzlei" hinterm Rathaus drei Räume ein. Nach zehnjährigem Bestehen mußte 1945 das gesamte Material des Museums ins Archiv und vor allem - notgedrungen - auf den Rathausspeicher verlagert werden.

Um 1960 kamen Männer, die sich für diesen gehorteren Schatz verantwortlich fühlten - es gab ja im Stadtrat einen "Ausschuß für Heimatpflege" -, auf die Idee, den leerstehenden, aber zunächst noch völlig verwahrlosten Storchenturm in ein Museum zu verwandeln. Es war ein glücklicher Zufall, daß man damit den bei der Stadt beschäftigten Franz Berger beauftragte, der dann nicht nur die Dreckarbeiten verrichtete (in dem seit 20 Jahren nicht mehr geöffneten Turm lag der Schmutz zum Teil wirklich fast meterhoch!), sondern auch daranging, die Räume her- und einzurichten und, nachdem es soweit war, das Museum durch unermüdliches Sammeln in Stadt und Tal planmäßig zu erweitern.

Am Sonntag, dem 7. August 1960, konnte das "Neue Museum im Storchenturm" eröffnet werden; es hat im ersten Jahrzehnt seines Bestehens zahlreiche Einheimische und Gäste, darunter auch viele Schüler, auf die überlieferten Werte der Heimat hingewiesen. Und gar oft glauben wir Zeller unten im Städtle, ihr Ergriffensein zu spüren, wenn das Glöcklein erklingt und uns künder: Jetzt sind wieder Museumsbesucher bis unters Dach des Storchenturms vorgedrungen und läuten von dort oben ihr Erlebnis in die Welt zu ihren Füßen hinab ...

1.) Das "Dreibatzenloch" wurde seinerzeit zugemauert, im März 1970 aber wieder aufgebrochen und
als Fußgängerweg eingerichtet.

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Der Gröbernhof


In nächster Nähe des Turmes, der in einem von einer starken Mauer umgebenen Gelände, dem ehemaligen Tiergarten, liegt, befindet sich der Gutshof GröbernhofDer Gröbernhof Zell am Harmersbach im Ortsteil Entersbach wird heute vom Golfclub Gröbernhof e. V. betrieben. Über seine Vergangenheit berichtet uns Benedikt Schwarz - in die Ortenau 1927, 49 ff.

Wenn man mit der Oberharmersbacher Nebenbahn von Biberach nach Zell fährt, erblickt man rechts drüben am Fuße des Gebirges einen massiven im Quadrat erbauten Turm mit Giebelziegeldach; vielfach wird er für eine Kirche im Scheuernstil der Bodenseegegend und des Schweizerlandes gehalten. Dem ist nicht so. Wir haben hier die stolzen Ueberreste des ehemaligen Schlosses Gröbern vor uns.

In nächster Nähe des Turmes, der in einem von einer starken Mauer umgebenen Gelände, dem ehemaligen Tiergarten, liegt, befindet sich der Gutshof Gröbernhof, bestehend aus stattlichem Wohnhaus mit Wirtschaft und einem gewaltigen Oekonomiegebäude.

Den Leser der "Ortenau" dürfte ein kurzer geschichtlicher Abriß der Geschichte dieses Hofes interessieren. Den Namen verdankt der Hof wahrscheinlich einem großen Leichenfelde, das sich in fränkischer oder alemannischer Zeit der nächsten Umgebung befunden haben mußte. "Bei den Gräbern", oder wie es in den ältesten Aufzeichnungen heißt, "bi denen Greberen" entstand eine Siedelung, und das hier ansässige Geschlecht nannte sich "von Grebern", aus welchem eine urralte Adelsdynastie entstand, von welcher wir einzelne Mitglieder urkundlich nachweisen können.

Vom Jahre 1332 an finden wir wiederholt Schultheißen von Zell a. H. dieses Namens, so 1370 einen Tann von Grebern, 1522 einen Jakob von Grebern, 1568 einen gleichen Namens. Mit Georg von Grebern scheint um des Jahr 1582 das Geschlecht erloschen zu sein.

Diese Herren von Grebern beherrschten von ihrer "Veste" aus den Eingang zum Harmersbacher Tale; das "Schloß", wie es später heißt, scheint eine Art Wartturm gewesen zu sein. Eine gründliche Durchforschung der älteren Geschichte der Stadt Zell dürfte mancherlei Licht in das Dunkel der Geschichte des Gröbernhofes bringen.

Im Dreißigjährigen Kriege und den nachfolgenden französischen Raubkriegen muß der Hof und mit ihm der alte Turm verwüstet worden sein. Um das Jahr 1690 herum erwarb der Stättmeister Johann Meyenhofen in Zell a. H. das gesamte Anwesen. Dieser bekleidete neben seiner Zeller Ratsherrenrwürde das Amt eines kaiserlichen Oberkriegskammissärs im Schwäbischen Kreis und wurde im Jahre 1695 vom Kaiser in den Adelsstand erhoben nnd nannte sich "Herr von und zu Grebern". Er hat die Gebäude und den Turm, der eine Tiefburganlage aufweist, wiederherstellen lassen, was sich aus einer Inschrift mit dem Wappen der Familien Mayerhöffer und Eberhard, welches sich über dem Eingang zum Turm befindet, schließen läßt. Diese Inschrift lautet: "Johann von Mayerhofen von und zu Grebern, Maria Cleopha von Mayerhofen geb. von Eberhard". Dasselbe Wappen mit der Jahrzahl 1699 finden wir an der Westseite des Wohnhauses.

Soweit das Ergebnis meiner Forschungen nach der älteren Geschichte des Gröbernhofes, wie ich sie in der Geschichte "des Evangelischen Weltlichen Kraichgauischen Adeligen Damenstiftes", Karlsruhe 1918, niedergeschrieben habe.

Bei der neuerdings durch Oberarchivrat Frankhauser vorgenommenen Repertorisierung des umfangreichen Aktenbestandes der ehemaligen Freien Reichsstadt Zell am Harmersbach wurden einige Aktenfaszikel zutage gefördert, welche den Gröbernhof betreffen und welche meine früheren Forschungen im wesentlichen ergänzen, weshalb ich sie hier der Oeffentlichkeit übergebe.

Neben einer Anzahl von Urkunden und Aktenstücken welche den Besitzstand der Güter und die von der Stadt Zell beanspruchte Landeshoheit betreffen, finden wir eine Drucksache vom Jahre 1779,ein ["Species facti"], welches uns über manches aus der Geschichte des Hofgutes unterrichtet. Da heißt es, daß ein alter "Riß" ehrwürdige Trümmer eines alten Schlosses sehen läßt, das, seiner Bauart nach einer Feste ähnlich und ganz zur Verteidigung eingerichtet, den kriegerischen Genius des mittleren Zeitalters aller Wahrscheinlichkeit nach seinen Ursprung zu danken haben mag.

Ich vermute, daß dieser "Riß" verloren gegangen ist und nicht identisch sein kann mit dem im Generallandesarchiv befindlichen kolorierten Situationsplan des ganzen Gutes Vom Jahre 1754, welcher auch eine Ansicht des Schlosses und der Wirtschafts- und Oekonomiegebäude zeigt. Auch sind hier die drei Tore und die alten Gemarkungssteine 1 bis 7 eingezeichnet.

turm groebern um 1900 unbewohnt
Im eben genannten ["Species facti"] findet sich eine Beschreibung, worin es heißt: Ein großer zerfallener Wall, hinter demselben 32 Schuh tiefer Graben, eine sechs Schuh und ebensoviele Zoll dicke Mauer, von welcher der zerstörenden Hand der Zeit nur noch ein 92 Schuh langer Rest entgangen ist, doch zeigen die vorhandenen Spuren noch das sichtbare Denkmal ihrer vorherigen Größe, und daß sie ringsherum gegangen ist. Wall und Graben sind heute verschwunden, von den einstigen starken Mauern nur noch kümmerliche Reste vorhanden.

Innerhalb dieser Mauer, heißt es in der alten Beschreibung weiter, befindet sich der alte Schloßturm oder das Stammhaus mit fünf steinernen, ehedem bewohnbaren Stockwerken, auf dem Felde mehrere große mit adeligen Gröberischen Wappen bezeichnete Bann- und Grenzsteine, denen aus der einen Seite die Aufschrist "Gröbern", auf der andern der verzogene Name des Dorfes und Bannes Enterspach nebst der Jahrzahl 1565 und 1602 eingehauen ist. "Das sind ebensoviele stolze Unterscheidungszeichen, welche das Gut Gröbern weit über den Begriff eines gemeinen schlechten Bauerngutes erheben."

Die Druckschrift bezeichnet das Gut ausdrücklich als Stammhaus der adeligen Familie gleichen Namens und hebt hervor, daß schon im Jahre 1495 nach dem Zeugnisse der ortenauischen Rittermatrikel die Herren von Gröbern zu Gröbern auf den Rittertagen erschienen sind und als solche zu den Rittersteuern beitragen mußten.

Solange die Familie von Gröbern im Besitz des Gutes war, blieb dasselbe von städtischen Beschwerden (Abgaben und Frohnden) frei und von städtischer Gerichtsbarkeit verschont. Wohl versuchte, wie aus den alten Zeller Ratsprotokollen hervorgeht, der Magistrat der Reichsstadt Zell wiederholt in die Jurisdiktion über Gröbern einzugreifen, wurde aber gewöhnlich abgewiesen.

Als, wie oben erwähnt, im Jahre 1582 der Gröbernsche Mannesstamm erlosch, fiel das Gut an die einzige Tochter Ursula von Gröbern, welche es ihrem Gemahl, "dem aus einem fremden Lande gebürtigen Junker Christoph Mondt" zuschreiben ließ. Dieser "fremde Junker" war nach dem oberbadischen Geschlechterbuch der [Dr. jur. u.] Christoph Mundt, Mitglied des Rates zu Straßburg und Sohn des zu Köln geborenen gelehrten [Dr. j. u.] Christoph Mundt in Straßburg

Die Stadt Zell a. H.suchte die Unwissenheit der Frau Ursula und ihres Mannes bezüglich der Jurisdiktion über Gröbern zu benützen und machte im Jahre 1599 den ersten Eingriff in die bisher unwidersprochene Freiheit des Gutes. Es karn zu einem Rechtsstreit, der 1602 mit einem Vergleich endigte, in welchem sich der Gutsbesitzer zu einer Abgabe an die Stadt verpflichtete und dadurch in ihre Abhängigkeit geriet, wenn auch das Gut ein "freiadeliges der Ritterschaft steuerbares Gut" blieb.

Im Jahre 1613 verkaufte Ursula von Gröbern das Gut dem Gotteshaus Gengenbach, welches dasselbe 1640 wiederum, weil es "unnutzbar", wahrscheinlich in den langen Kriegsjahren verödet war, an den Zeller Stadtschultheißen [Dr. jur.] Benedikt Finkh veräußerte. Der machte mit dem Gute schlechte Geschäfte. Sein Vermögen, das ursprünglich 80.000 Gulden betrug, nahm täglich ab, und als er starb, hinterließ er seiner zahlreichen Familie ein verschuldetes Gut. Die Witwe des ehemals so stolzen Zeller Stadtschultheißen heiratete einen Soldaten, namens Christoph Trotter, genannt Mattern, einen rohen Gesellen, wie sie der Dreißigjährige Krieg zu hunderten und tausenden hinterlassen hatte.

Von dem neuen Besitzer des Gröbernhofes heißt es in den Akten: "Er hat sich auf Gröbern zu wohnen gesetzt, sich aber gleich gegen die Stadt unfreundlich erzeigt, die onera (Lasten, Abgaben) abzustatten disputieret, sich unterstanden, Wein auszuschenken und Salz zu verkaufen, die Untertanen zu schelten und zu schlagen und in summa allerhand Mutwillen verübt, weshalb ihm das Weinausschenken und Salz verkaufen hoch verboten und er wegen der Schlag- und Schelthändel gebührend gestraft wurde."

Im Jahre 1662 wollte dieser gewalttätige Gutsherr Trotter, gen. Mattern,seinen Hofmeier Mathis Schille im Jähzorn erschießen; der Mann aber setzte sich zur Wehr und schoß seinen Herrn mit seinem eigenen Rohr (Gewehr) über den Haufen. Die Witwe geriet immer mehr in Schulden und mußte schließlich den Hof ihrem Schwager, dem Schultheißen Andreas Schaid in Gengenbach, abtreten. Wegen der ewigen Händel, die der jeweilige Hofbesitzer mit der Stadt Zell wegen der Abgaben und Gerichtsbarkeit hatte, verkaufte Schaid das Gut an Dr. jur. Martin Wehe, Sekretarius in der Ortenau. Da diesem die Stadt Zell Korn und Haber im Exekutionswege vom Gröbernhofe wegnahm, griff er 1676 ebenfalls zur Gewalt und nahm den Zeller Stadtschreiber Johann Meyenhoffen, welcher in Stadtgeschäften in Offenburg war, als er heimreiten wollte, bei Ortenberg gefangen und sperrte ihn im dortigen Schlosse ein. Hier ließ sich der Zeller Stadtschreiber durch den Laubenwirt köstlich traktieren und machte eine Zeche von 19 Gulden, welche hintenach niemand bezahlen wollte. Erst als die Stadt Zell eine Gesandtschaft an die vorderösterreichische Regierung nach Freiburg schickte, bekam sie ihren Stadtschreiber wieder zurück. Dr. Wehe mußte aber den Gröbernhof an die Stadt Zell verkaufen. Das war im Jahre 1682. Einige Zeit darauf überließ die Stadt den Hof käuflich ihrem inzwischen zum Stättmeister aufgerückten Stadtschreiber Meyenhoffen, wie niir oben gesehen haben.

Die Meyenhofen oder Freiherrn von Mayerhoffen, wie sie sich später nannten, blieben das ganze 18. Jahrhundert hindurch und noch später im Besitze des Gröbernhofes. Sie haben sich durch Melioration des Bodens, Entwässerungsanlagen und Errichtung einer neuen Wasserleitnng u. dgl. unstreitig große Verdienste um den nach dem Dreißigjährigen Krieg so verwahrlosten Hof erworben. An sie erinnern die heute noch erhaltenen weithin sichtbaren mächtigen Grenzsteine aus den Jahren 1759, 1764 und 1820, welche außer der Jahrzahl die Buchstaben H F V M Z G = Heinrich Friedrich von Mayerhoffer zu Gräbern ausweisen.

Aber auch die Freiherrn Von Mayerhoffer, obwohl ehemalige Zeller, hatten wegen Gerichtsbarkeit, Landeshoheit, Zins und Zoll manchen Strauß mit der Reichsstadt auszufechten, und da liest man in den Akten von so mancher Liebenswürdigkeit, die sich die streitenden Parteien an den Kopf warfen. So sagt Freiherr von Mayerhoffer in einem Schreiben vom 2. März 1766 an das Hofgericht: "Ich weiß nicht, was dem Zeller Magistrat immerfort im tiefsten Schlafe träumt", und der Magistrat meinte in einer Replik, der Mayerhoffer hätte ein hitziges Fieber der Negiersucht, er hätte keinen andern Herzenskitzel, als wenn dem Zeller Magistrat von Jemand etwas Verdrießliches gesagt wird.

Die Freiherrn von Mayerhoffer sahen sich gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts gezwungen, das Gut zu verkaufen, es kam in die Hände der Handelsleute Isak Dreyfuß in Basel und Joseph Zivi in Müllheim, von welchen es im Jahre 1861 das Adelige Damenstift in Karlsruhe um 115.000 Gulden kaufte; es umfaßte damals 189 Morgen. Das Stift, in dessen Besitz der Gröbernhof heute noch ist, setzte als Pächter, bzw. Verwalter Heinrich Fischer, später den Leonhard Rathmann und den jetzigen Beständer, Joseph Halter, ein.

Im Jahre 1916 umfaßte das gesamte Gut 89 ha 73 a 38 qm, darunter 28 ha 62 a 57 qm Wald.

Wenn der geneigte Leser einmal Zeit und Lust hat, mache er einen Ausflug ins Kinzigtal nach dem Gröbernhof. Hier hat er an einem idyllischen Plätzchen unter alten Kastanien und andern Bäumen Gelegenheit, über den Wandel der Zeiten nachzudenken, wie ihn uns die Geschichte des Gräbernhofes vor Augen führt.
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Fürstenberger Hof - Zell a. H.


Der Fürstenberger Hof im herrlichen Kurgartenareal am vorbeifließenden Harmersbach gelegen zählt zu den schönsten und bekanntesten Museen im SchwarzwaldDas Heimatmuseum "Fürstenberger Hof" in Zell am Harmersbach liegt direkt an diesem kleinen Flußlauf. Talaufwärts in die Richtung Unterharmersbach ist der Schwarzwaldhof mit seinem langestreckten Strohdach nicht zu übersehen. Zur Linken liegt er - der Fürstenberger Hof - und wartet auf Besucher*innen mit einem großen Angebot an bäuerlichen Gerätschaften schon entlang seiner Fassaden.

Am Ökonomiegebäude talabwärts erkennt man zunächst am hinteren Eingang alte Ochsengeschirre. Ein Tor weiter Richtung Harmersbach hängt ein altes Sieb (nur Holzgerüst) und rechts davon ein altes "Joch" (Doppelgeschirr für den Ochsenzugwagen). Weiter nach rechts führt eine doppelläufige Holztreppe zur Stube an welcher die unzähligen kleinen Scheiben zu sehen sind. Ein hölzernes Kruzifix rechts der Eingangstür begrüßt die Besucher*innen, was die einstmals - zum Teil noch heute - strenge Gläubigkeit der Talbewohner*innen zum Ausdruck bringt.

Unter den vielen kleinen Fensterscheibe der Stube (zur Ortsmitte sind es 63) stehen auf einem Schaft Bienenkörbe. Kein Wunder, da das Tal für seine zahllosen Obstbäume bekannnt ist, welche gerade im Frühjahr mit ihrer Blütenpracht aufscheinen. Zur Bach- bzw. Straßenseite neigt sich das Dach mit einem schweren Halbwalm, unter welchem ein Laubengang angebracht ist. Darunter vor zwei Fenstern / Türen ein Balkon hervorkragent. Unter diesem Balkon führt eine weitere Tür wahrscheinlich in den Vorratkeller mit Erdboden? Damit konnten die Vorräte recht kühl und lange frischhaltend eingelagert werden.

Talaufwärts führt ein weiterer - ebenfalls zweiläufiger Treppenaufgang wiederum zur Stube. Rechts davon ein kleines Backhaus, welches direkt zur Parkanlage den Hang hinaufweist, wo die Höfe von Eck und Gräbenreute liegen. Entlang dieser Traufseite stehen wiederum landwirtschaftliche Gerätschaften aus alten Tagen und diverse Türen führen zu den unterschiedlichen Trakten des Ökonomiegebäudes.

krippenausstellung 2017Eine besondere Ausstellungsreihe stellen die engagierten Freunde des Fürstenberger Hofs in der Weihnachtszeit vor: man bemüht sich um hochwertige Krippenexponate. Aus dem Flyer 2017:

"Bereits schon dieses Jahr wieder öffnet der einmalig schöne 350 Jahre alte Fürstenberger Hof in Zell - Unterharmersbach für eine weitere seiner berühmten Krippenausstellungen seine Pforten. Paul Chaland, der berühmteste Krippensammler weltweit, öffnet erstmals sein Schatzkästlein mit seinen schönsten Krippen, die bisher noch nie öffentlich ausgestellt waren. Die Ausstellung ist einmalig und zugleich eine große Verneigung und bleibende Erinnerung an Paul Chaland, der wenige Tage nach der Zusammenstellung der Exponate dieser Ausstellung im Heimatmuseum Fürstenberger Hof am 27. Juli dieses Jahres in seinem Haus in Toulouse im Alter von 87 Jahren verstorben ist.

Glanzpunkt dieser einzigartigen Ausstellung der kostbarsten Perlen der Krippenkunst aus dem Schatzkästlein von Paul Chaland ist die auserlesene Sammlung der schönsten Krippen der weltberühmten sizilianischen Keramikkünstlerin Angela Tripi, die alle Figuren, ihre Kleider und die gesamte Szenerie ihrer Krippen selbst in hochwertigster Handarbeit geschaffen hat. Ein weiteres einmaliges Prachtexemplar dieser Ausstellung ist eine vier Quadratmeter große Krippenlandschaft, die um 1850 in der Provence gebaut wurde mit den Figuren in provenzalischer Tracht der damaligen Zeit. Hinzu kommen 150 Krippen - Exponate seiner einzigartigen 10.000 Krippen umfassenden Sammlung "Krippen aus aller Welt", die bisher noch nie ausgestellt waren und die er alle selbst in über 30 Jahren in aller Welt auf seinen Reisen entdeckt und erworben hat.

Ein Wunderwerk vor 170 Jahren waren die Dioramen, die erstmals in räumlicher Darstellung die Szenen der Weihnachtsgeschichte darstellten, 38 dieser Dioramen, um das Jahr 1840 in Spanien erbaut nach einer von Louis Daguerre erfundenen Technik, werden aus der Weihnachtsgeschichte gezeigt. 20.000 Besucher aus dem In- und Ausland hatte im vergangenen Jahr die einzigartige Ausstellung mit "Krippen aus aller Welt von Paul Chaland" im Fürstenberger Hof angezogen. Jetzt werden in diesem Jahr die Kostbarsten seiner Krippen gezeigt, die bisher noch nie für die Öffentlichkeit zu sehen waren. Dem Unterharmersbacher Ortsvorsteher Hans-Peter Wagner, in der internationalen Krippenwelt gut vernetzt und mit Paul Chaland freundschaftlich verbunden, gelang es, diese außergewöhnliche Ausstellung in den Schwarzwald zu holen.

Einen weiteren Schwerpunkt der Ausstellung im Fürstenberger Hof bilden traditionelle Krippen aus dem Schwarzwald. Der einheimische Krippenbauer Karl-Erich Schätzle mit seinem strohgedeckten Fürstenberger Hof als Krippe, und weitere einheimische Krippenbauer steuern ganz besonders schöne Krippen zu dieser einmaligen Ausstellung bei. Auch Gerhard Burkard, berühmter Krippensammler aus Bayrisch-Schwaben, wird einige besondere seltene und schöne Krippen ausstellen.Für diese einmalige Weihnachtsausstellung wird der 370 Jahre alte Fürstenberger Hof innen und außen in einen märchenhaft schönen Weihnachtshof verwandelt. Tausende von Lichtern erstrahlen. Das einmalige Ambiente des Hofes mit dem mächtigen Strohdach bildet den wunderschönen Rahmen für die geheimnisvolle Welt der Weihnacht. Ein kleiner, aber feiner Weihnachtsmarkt rund um den Fürstenberger Hof lädt alle zum Besuch ein.

Geschichte des Fürstenberger Hofes - aus der Museum-Seite

Der Fürstenberger Hof im herrlichen Kurgartenareal am vorbeifließenden Harmersbach gelegen zählt zu den schönsten und bekanntesten Museen im Schwarzwald.

Der strohgedeckte Bauernhof wurde 1660 von einem Bauern aus dem Fürstenbergischen Gebiet erbaut. Bis 1971 war der Hof von der Fürstenberger Familie Armbruster, bewohnt und bewirtschaftet.

Die Gemeinde Unterharmersbach kaufte den Hof und richtete darin ein Schwarzwälder Bauernmuseum ein, das inzwischen Jahr für Jahr Tausende von Besuchern aus aller Welt anzieht.

Rund 1500 Eichennägel und unzählige Pfosten und Balken halten das Haus auch heute noch wie vor 350 Jahren zusammen.

Typisch für diese Bauform ist der farbliche Wechsel zwischen dem sandsteinernem Untergeschoss, dem dunklen hölzernen Obergeschoss und dem gelben Strohdach.

Ein besonders schönes Zierelement:

Das alemannische Fensterband an der Südwestecke mit 112 kleinen Fensterscheibchen.

Beeindruckend ist die mächtige Stube mit der leicht gewölbten Decke, in der sich die Bauernfamilie mit ihren Mägden und Knechten am großen Tisch unter dem Herrgottswinkel zum Essen traf.

Ein Spaziergang durch und rund um das Haus eröffnet überraschende Einblicke in das Landleben von damals.

Da haben wir das "Brunnenhiesli" in dem die Milch in Milchkannen vom durchlaufendem Quellwasser gekühlt wurde.

Nicht weit weg davon steht das "Backhüsli", ein kleines Gebäude mit dem Backofen darin und separat vom Hauptgebäude wegen der Feuergefahr.

Wer Glück hat, der kann beim Brotbacken zuschauen, den Duft von frischen Brot einatmen und kosten wie es schmeckt. An der Stalltüre hängt noch das Kummet, eine Erinnerung an den Traktor der vergangenen Zeiten, dem Pferd.

Der Fürstenberger Hof liegt unmittelbar am rauschenden Harmersbach im Ortskern neben den Park- und Kuranlagen. Dort finden auch im Sommer kulturelle Veranstaltungen statt und eine kleine strohgedeckte Mühle klappert leise vor sich hin. Alles zusammen ein idyllisches Fleckchen für die Dorfbewohner wie auch für die vielen Feriengäste.

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Die Zeller Wäschkuchi


Als seltene, wohl einzige im Südwesten erhaltene Waschküche, die zumindest im 19. Jahrhundert schon bestand, darf die "Wäschkuchi" von Zell am Harmersbach geltenTafel des Historischen Vereins Zell am Waschhaus (Wäschkuchi):

Waschhaus im Volksmund auch "Alti Wäschkuchi" genannt. 1758 wurde ein hölzernes Waschhaus abgerissen und aus: Quadersteinen neu gebaut. 1976 brannte das Gebäude ab und ist 1981/82 wieder erbaut worden. Die Stadt vermietete einst die Kessel an die Haushaltungen (vor 1914 je Tag 20, später 50 Pfennige). Das Wasser holten die Wäscherinnen aus dem Gewerbekanal, das Brennmaterial brachten die Benutzer mit. Bei der alten Art des Waschens belegte man den Boden eines Zubers mit Birkenreisig, darauf kam ein grobes Leinentuch und Buchen-Asche (daher die Bezeichnung "Buch-Wäsche"). Das Ganze wurde mit heißem Wasser mehrmals übergossen. Die Wäsche blieb über Nacht eingeweicht, am Morgen folgte der eigentliche schwere Waschtag.

Auf dem Weg zur "Wäschkuchi", am alten Gewerbekanal entlang ist zur rechten Seite des Kanals eine Kleine Anlage eingepflegt, innerhalb derer historische Steinhauerarbeiten der alten Reichsstadt Zell am Harmersbach aufgestellt wurden.

Baden Online - Bertram Sandfuchs - 31. Dezember 2014


Der erste Waschsalon der Stadt

Als seltene, wohl einzige im Südwesten erhaltene Waschküche, die zumindest im 19. Jahrhundert schon bestand, darf die "Wäschkuchi" von Zell am Harmersbach gelten. Ravensburg beispielsweise hatte ehemals vier Waschküchen; keine einzige ist erhalten. Bei der Zeller Museumsnacht spielt die "Wäschkuchi" eine Rolle, wenn dort wie früher Wäsche gewaschen und getratscht wird. Allerdings aber nur dann, ansonsten fristet das Kleinod sein Dasein eher im Verborgenen.

Hinweispfeile

Da das Zeller Waschhaus etwas versteckt liegt, hat der Historische Verein Zell in Zusammenarbeit mit dem Hauptamt der Stadt nun Hinweispfeile anfertigen lassen. Mitarbeiter des Bauhofs der Stadt haben diese Hinweispfeile an geeigneter Stelle angebracht: Dort nämlich, wo sich Tagesbesucher oder Feriengäste überwiegend aufhalten, also an der Hauptstraße von Zell. Damit sollen Besucher auf die Idee gebracht werden das interessante, noch funktionsfähige Waschhaus anzusehen. Gegenüber des Gasthofs "Adler" biegt von der Hauptstraße das Sträßchen "Am Bach" ab. Zwei Rechtspfeile und ein Linkspfeil zeigen den Weg zur "Wäschkuchi".

Die "Wäschkuchi" war früher sozusagen ein öffentliches, an die - hier sichtbare - Stadtmauer angelehntes Gebäude mit offenen Arkaden. Hier trafen sich einst die Hausfrauen des Städtles zum gemeinsamen Wäschewaschen. Aus dem Gewerbekanal, der hier vorbeifließt, wurde das Waschwasser entnommen, in eingemauerte Kupferkessel gefüllt und dann mit Holzfeuer erhitzt. Dann wurde die Wäsche in großen Holzzubern auf massiven Holzböcken mit Hilfe von Bürste, Waschbrett, Wäschezange und Schmierseife in anstrengender Handarbeit gereinigt. Zunächst in städtischer Obhut, würde das Waschhaus dann von einer Pächterin verwaltet. Noch zu Beginn der 1950er-Jahre wurde das Waschhaus genutzt.

Sicherlich war die "Wäschkuchi" auch eine Nachrichtenzentrale der Hausfrauen: für Erfahrungsaustausch und für amüsanten Tratsch.

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Maria zu den Ketten


Die Kirche gehört zur Zeller Pfarrei St. Symphorian und damit zum Erzbistum Freiburg. Ihre Geschichte und Gestalt haben besonders der Lehrer und Heimatforscher Franz Disch (1870-1948) und der als Seelsorger in Zell am Harmersbach tätige Kapuzinerpater Adalbert Ehrenfried erforschtMaria zu den Ketten ist eine Wallfahrtskirche in Zell am Harmersbach, einer Stadt im Ortenaukreis von Baden-Württemberg, am Zusammenfluss von Harmersbach und Nordrach gelegen, die gemeinsam in die Kinzig münden. Die Kirche gehört zur Zeller Pfarrei St. Symphorian und damit zum Erzbistum Freiburg. Ihre Geschichte und Gestalt haben besonders der Lehrer und Heimatforscher Franz Disch (1870-1948) und der als Seelsorger in Zell am Harmersbach tätige Kapuzinerpater Adalbert Ehrenfried erforscht.

Baugeschichte

Die heutige Kirche wurde in vier Etappen gebaut. Vom Bau von 1480 stammen der Turm, der Chor mit seinem Netzgewölbe und der östliche Teil des Langhauses bis zu der Mauerecke nah der Kanzel. 1654 wurden Schäden aus dem Dreißigjährigen Krieg beseitigt - die Kirche war zwar, wie die Legende berichtet, nicht zerstört worden, hatte aber doch gelitten. In einer zweiten Etappe wurde um 1700 das Langhaus nach Westen verlängert. 1715 wurde der jetzige Hochaltar errichtet. 1739 entstanden die Sakristei östlich des Chors und das darüberliegende Mesnerhaus. Man brauchte aber auch mehr Platz für die Gläubigen. Eine weitere, dem Platzbedarf entsprechende Verlängerung nach Westen in Langhausbreite hätte ins Gebiet der Stadt (damals Freien Reichsstadt) Zell gereicht. Um Zwistigkeiten bezüglich der Hoheitsrechte vorzubeugen, baute man ein westliches Querhaus, den "Zwerchbau". In der vierten Etappe 1910 bis 1911 schließlich wurde doch nach Westen auf Zeller Boden erweitert, und zwar in der Breite des alten Langhauses. Das alte Portal wurde dabei in die neue Westfassade eingefügt.

Im 20. Jahrhundert wurden vier größere Renovierungen durchgeführt, die letzte von 1985 bis 1987.

Gebäude

Das alte Portal mit einer Figurennische hebt sich durch seinen roten Sandstein vom gelben Sandstein der Fassade von 1910/11 ab. Im Osten des Langhauses geben Seiteneingänge links und rechts Zutritt. Die ehemals gotisch-spitzbogigen Fenster des östlichen Langhauses erhielten bei der Erweiterung von 1700 Rundbögen. Im Chor sind die Spitzbogenfenster geblieben, aber ohne ihr Maßwerk. Der Chor schließt in drei Seiten des Achtecks. Er besitzt ein sechsteiliges Rippengewölbe, während das Vorchorjoch kreuzrippengewölbt ist. Die Rippen ruhen auf achteckigen Konsolen.

Die Wallfahrt "Maria zu den Ketten" in Zell am Harmersbach arrowRight

Ausstattung

Auf dem Kirchplatz steht in einer Vertiefung, zu der fünf Stufen hinabführen, ein Brunnen von 1790. Zuunterst tragen zwei Putten Ketten. Darüber steht auf einem mit Voluten und Rocaillen geschmückten Postament die Maria Immaculata mit dem Jesuskind auf einer Weltkugel.

Eine weitere Marienstatue, von 1710, steht in der Supraporta des Kirchenportals. In gelbem Sandstein ist darüber ein großes Relief der Krönung Mariens angebracht. Unter Maria halten zwei Putten eine zerrissene Kette, weiter unten stehen die vierzehn Nothelfer.

Maria zu den Ketten und Kapuziner in Zell am Harmersbach arrowRight

Deckengemälde

Das Deckengemälde in der Mitte der Kirche zeigt oben auf einer Wolke schwebend und von Engeln verehrt das Gnadenbild, anders als heute in barocken Gewändern. Darunter geschehen vor der Silhouette von Zell mit einem Turm, der Wallfahrtskirche vor der letzten Verlängerung und St. Symphorian die Kettenwunder: rechts die Heimkehr des Mannes aus Schuttern mit der zerrissenen Kette, links die schwedischen Soldaten und der vergebliche Versuch, die Kette zu Hufeisen umzuschmieden. Die vier Gemälde um das Hauptbild zeigen Mariengeheimnisse: die "unbefleckte Empfängnis", die Geburt Marias, die Verkündigung des Herrn und die Aufnahme Marias in den Himmel.

Chor und Altäre

Die historischen Eisenketten hängen links und rechts am Chorbogen.

Die zwei Ewig-Licht-Ampeln wurden im 17. Jahrhundert von Augsburger Goldschmieden hergestellt.

Der Hochaltar von 1715 ist ein barockes Kunstwerk mit gedrehten Säulen sowohl im Hauptgeschoss als auch im Auszug. In der Mitte steht über dem Tabernakel das Gnadenbild, eine Madonna aus der Zeit um 1350. Strahlenkranz, Krone und Zepter wurden in der Barockzeit hinzugefügt. Joseph Dettlinger hat sie in Gold gefasst. Die barocken Gewänder sind heute entfernt. "Noch ist Maria auf einem Thron sitzend dargestellt. Diese Komposition wurde bald von den stehenden Madonnen abgelöst. Haltung und die Anordnung des Kleides sind sehr würdevoll, die Figur durchgeistigt und fraulich. Anmutig ist das Schleiertuch um das Haupt gelegt, und in sanften Falten schwingt das Kleid dem Boden zu aus." Im Auszug steht über dem Gnadenbild König David mit Zepter und Harfe, links Benedikt von Nursia, rechts Benedikts Schwester Scholastika, beide mit Abtsstab und an Gengenbach erinnernd. Eine klassizistische Vase krönt den Aufbau. Zahlreiche kleine Engel huldigen Maria. Auch auf Durchgängen links und rechts neben dem Hochaltar stehen Engel, jeder mit einer Kette, dazu Reliquiare.

Die Seitenaltäre ähneln dem Hochaltar, besitzen aber glatte Säulen.

Im Zentrum des linken, von 1712, sind die heilige Anna, nach apokrypher Überlieferung die Mutter Marias, Maria und ihr Kind als Anna selbdritt dargestellt, im Auszug in der Mitte Marias apokrypher Vater Joachim, links der Apostel Johannes, rechts Augustinus, auch als Pirminius deutbar, ganz oben Johannes Nepomuk.

Das Zentrum des rechten Seitenaltars, von 1741, bildet ein Relief der Kreuzigung Jesu von Joseph Dettlinger aus dem Jahr 1910, eine "ausgezeichnete Bildhauerarbeit". Im Auszug stehen über dem Relief die heilige Helena mit dem der Legende nach von ihr aufgefundenen Kreuz Jesu, links der Apostel Andreas mit dem Andreaskreuz, rechts Petrus mit dem umgekehrten Kreuz, an dem er, wieder nach apokrypher Überlieferung, mit dem Kopf nach unten gekreuzigt wurde. Ganz oben steht der heilige Laurentius als Diakon mit Märtyrerpalme und Rost.

Die Altäre im Querhaus tragen Statuen des heiligen Josef und des heiligen Antonius von Padua aus dem 17. Jahrhundert.

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Keramikmuseum Zell a. H.


Das Material zum "Häfilidrille", Gruben mit bestem Ton, hatte der Herrgott den Zellern als sein besonderes Geschenk mit auf die Welt gegebenWagner, Hans-Peter - Aus der Geschichte der Zeller keramischen Fabriken (Geroldsecker Land, Heft 27 - 1985) Seite 161-181

Der Lahrer Handelsherr Jakob Ferdinand Lenz und die erste deutsche Steingutfabrik in Zell am Harmersbach

Wer weiß es heute noch, daß drüben im benachbarten Zell "an einem sehr vortheilhaft gewählten Platz auf der Gemeindsmatte" einem Lahrer Mitbürger ein Denkmal errichtet wurde? Die "Ehrensul", wie sie im Zeller Volksmund genannt wird, erinnert auch heute noch an den Lahrer Handelsherrn Jakob Ferdinand Lenz, der - wie die Inschrift der staunenden Nachwelt verkündet - "als glücklicher Gründer der hiesigen Steingutfabrike vielen Bürgern nährende Arbeit, der Umgebung belebenden Betrieb gab". Inzwischen ist die Zeller Steingutfabrik 190 Jahre alt geworden. Während die meisten Handwerke und Zünfte aus der damaligen Zeit längst vom Erdboden verschwunden sind, hat die Zeller Steingutfabrik die Zeiten überdauert und viele goldene, aber auch schwere Jahre erlebt. Mehr denn je sind heute sogar in aller Welt ihre Erzeugnisse berühmt, geschätzt, ja geliebt. Wer kennt sie auch nicht, die ewig jungen und so reizvollen Dekore wie "Hahn und Henne", "Alt Straßburg", "Favorite" oder das erst aus der Taufe gehobene "Wölkchen", um das sich sogar die Jugend reißt? Wenn auch Lenz nicht der Gründer, sondern eher ein unersetzlicher Geburtshelfer der Zeller Steingutfabrik war, ist ihm doch sehr viel zu verdanken. Ein Lahrer stand also mit am Anfang der ersten deutschen Steingutfabrik - sicher Grund genug, ein wenig in der wechselvollen Geschichte von nahezu zwei Jahrhunderten zu blättern ...

Das "Hafnern" legte der Herrgott den Zellern in die Wiege

Das Material zum "Häfilidrille", Gruben mit bestem Ton, hatte der Herrgott den Zellern als sein besonderes Geschenk mit auf die Welt gegeben. Was lag da für ihn näher, als ihnen auch die Gabe in die Wiege zu legen, aus den braunen Tonklumpen mit den bloßen Händen und mit Gefühl für Raum und Schönheit bauchige Krüge, ausladende Töpfe und schlanke Gefäße entstehen zu lassen? Die Zeller nutzten, was ihnen die Natur geschenkt hatte. Schon früh gab es in dem Reichsstädtle Hafner wie Sand am Meer. Doch obwohl sie die schönsten Töpfe und Krüge weit und breit modellierten, obwohl sie die weitaus schönsten Sprüche in die Suppenschüsseln schrieben, die Zeller Hafner blieben arme Schlucker. Denn soviele Häfen und Schüsseln konnten das Jahr über gar nicht zerbrechen, wie die Zeller in ihren kleinen Werkstättle produzierten. Und Jahrmärkte ringsum waren trotz allem zu dünn gesät, als daß man hier mit der anerkannt guten Ware und lautstarker Stimme das große Geld hätte machen können.

Wer es also mit der Hafnerei zu etwas bringen wollte, für den war in Zell kein Platz mehr. So erging es auch dem Hafnergesellen Josef Anton Burger. Sein Vater hatte in Zell eines jener kleinen Werkstättle als Hafner, wie man sie zu Dutzenden in dem Reichsstädtle finden konnte. Der Bub, Josef Anton, mußte schon früh mithelfen. Kinderarbeit war gang und gebe, und, wo der Hunger daheim ist und nicht der Wohlstand, ist jedes Mittel recht, um zu überleben. Natürlich entging dem Vater nicht, wie geschickt der Sohn war und wie gut, fast schon genial er mit dem Ton und der Drehscheibe umzugehen vermochte. Doch, was half's! Die kleine Werkstatt konnte kaum die Familie richtig ernähren, und der so begabte Josef Anton mußte in die Fremde, um sein eigenes Glück zu versuchen. Vor allem in der Schweiz, aber auch in Frankreich lernte der junge Burger viel hinzu. Als er einmal von der Wanderschaft nach Hause kam, wollte er seine neuen Kenntnisse sofort anwenden. Auf dem Acker des Vaters errichtete er mit den eigenen Händen einen vielbestaunten Brennofen, in dem er feuerfestes Geschirr herstellen wollte. Doch das Experiment mißlang gründlich; das Geschirr war in tausend Teile zersprungen. Burger ließ sich nicht entmutigen. Kurzerhand zerschlug er den Brennofen und wanderte wieder hinaus in die Fremde.

Die Geburtsstunde der Zeller Steingutfabrik - der 22. Oktober 1794

1790 berichten die Akten wieder von Josef Anton Burger, der sich inzwischen in Zell niedergelassen hatte. Er hatte nun einen Krämerladen aufgemacht, und vom Rat war er in das Amt des "Salzmessers" berufen worden. Trotzdem ließ ihn die Hafnerei keine Sekunde los, und jede freie Minute saß er an der Töpferscheibe. Seine Begabung und sein Geschick machten im Städtle bald die Runde. Am 15. Juni 1790 wurde Burger "in Anbetrachtung seiner besonderen Geschicklichkeit und Kunst" die Erlaubnis erteilt, "seine Werkstatt in ledigem Stand und auf Prob hin aufzuschlagen und alle in sein Handwerk einschlagenden Stücke von Fayence verfertigen zu dörffen". Dies war für den jungen Handwerker eine ganz besondere Vergünstigung, die zeigt, wie beeindruckt der Rat von der Schönheit der Form und von der Güte der Qualität gewesen sein muß. Denn erstmals wurde in Zell geltendes Stadtrecht außer Kraft gesetzt, das nach alter Überlieferung bestimmte, daß nur verheiratete Bürger eine eigene Werkstatt eröffnen durften. Wie groß das Ansehen Burger's schon damals war, geht auch daraus hervor, daß ihm "zur fleißiger Fortsetzung seiner erlernten Kunst 100 Gulden aus allhiesiger Spitalkasse auf ein Jahr" geliehen wurden.

Über die frühen Jahre der Zeller Keramikmanufakturen arrowRight

Das Geld der Stadt war gut angelegt, denn Burgers Hafnerei blühte: 1792 errichtete er vor dem oberenTor auf dem Anwesen des Färbers Vetter einen großen Brennofen, der nun auch funktionierte. Die eigentliche Geburtsstunde der Zeller Keramik schlug dann am 22. Oktober 1794. An diesem denkwürdigen Tag schloß Burger mit dem Rat einen Vertrag, daß er auf dem Anwesen des Färbers Vetter eine "Fayence-Fabrik" errichten durfte. Man darf jetzt nicht an große Fabrikationsgebäude denken. Vielmehr waren die Anfänge dieser Fabrik mehr als bescheiden. Die Fabrikation begann nämlich in einem kleinen "Stüblein", das durch eine einfache Bretterwand in zwei Räume geteilt war. Die beengten, einfachen Verhältnisse behinderten aber Burger's Höhenflug nicht. Im Gegenteil: Schon in kurzer Zeit hatten seine Erzeugnisse, feuerfeste Kochgeschirre aus Ton einen so ausgezeichneten Ruf, daß die Räumlichkeiten vor dem oberenTor für die Produktion nicht mehr ausreichten. Burger konnte gar nicht soviel Geschirr herstellen, wie er hätte verkaufen können. Trotz dieser, für seine Sparte außergewöhnlich guten Geschäftslage, gab sich Burger mit dem Material nicht zufrieden. In zahllosen Experimenten, in denen er den Ton mit Kieselerde und Feldspat vermischte, versuchte Burger, das Geschirr zu verhärten und verdichten. Seine Bemühungen waren vom Erfolg gekrönt: Bald stand sein Material dem damals berühmten englischen und französischen Steingut in keiner Weise nach.
Jakob Ferdinand Lenz tritt 1802 in die Steingutfabrik als Teilhaber ein

Je besser die Qualität der Burger'schen Geschirre wurde, desto größer wurde die Nachfrage. Eine Erweiterung der bestehenden Räumlichkeiten schien dringend geboten, doch Burger hatte seine ganzen Mittel in seine Fabrik, vor allem in die Entwicklung besserer Steingutqualität, gesteckt. Für eine Betriebserweiterung fehlte ihm nun das notwendige Geld.

Da trat als rettender Engel der Lahrer Handelsherr Jakob Ferdinand Lenz in das junge Unternehmen ein. Lenz war sehr begütert: Ihm gehörte eine Zichorie-Fabrik in Lahr. Er war der Erbauer des späteren "Lotzbeckschlößchens", des heutigen Rathauses. Mehrere Jahre hatte er in England verbracht. Dort war er mit dem Steingut in Berührung gekommen. Staunend hatte er den einmaligen Siegeszug dieses neuen leichten Töpfermaterials über die gewöhnliche Hafnerware auf der einen Seite und über das den obersten Schichten vorbehaltene Porzellan miterlebt. Jeder in England aß damals vom weißen Teller aus Steingut.

Als Kaufmann mit dem Gespür, wo Geschäfte zu machen sind, sah Lenz hier die große Chance, mit Burger's Steinguterzeugnissen den englischen Siegeszug nun auch auf dem Kontinent wiederholen zu können. Daher stellte er Burger nun auch die Mittel zur Verfügung, die zur Betriebserweiterung notwendig waren. Mit diesem Geld konnte Burger weitere Grundstücke, darunter die obere Mühle, und damit dringend benötigte Wasserrechte erwerben. Dies war im Jahre 1802. Von nun an war das Wirken von Lenz beim Aufbau der jungen Fabrik tatkräftig zu spüren. An die Seite des Praktikers Josef Anton Burger war nun der Kaufmann Lenz getreten, der mit seinen finanziellen Mitteln das Fundament für die schöpferische Tätigkeit Burger's geschaffen hatte.

Lenz war von der Fabrik begeistert und 1805 gelang es ihm, zwei weitere Lahrer Kaufleute, Georg Schnitzler und David Knoderer, dazu zu bewegen, ihr Kapital in die Zeller Steingutfabrik zu investieren. Damit konnte sich die Fabrik ohne Geldsorgen entfalten. Burger, Lenz und Schnitzler bildeten eine "Societät", und die Gesellschaft zeichnete von 1805 als Schnitzler, Lenz und Burger. David Knoderer blieb stiller Teilhaber.

Der Großherzog besichtigt die Zeller Fabrik

Die Gründung einer "Scietät" bedurfte der Genehmigung der großherzoglichen Regierung in Karlsruhe. Nun war das damals eher eine Formsache, die meist ohne großes Hin und Her genehmigt wurde. Im Falle der Zeller Steingutfabrik aber hatte der Fürst persönlich, Markgraf Karl Friedrich, schon mehrmals sein Interesse bekundet und sich von seinen Regierungsbeamten Informationen geben lassen. Schließlich besaß seine Gattin im der Residenz benachbarten Rothenfels selbst eine Steingutfabrik, und auch Fürsten sahen es nicht gerade gern, wenn gerade vor ihrer Haustüre eine Konkurrenz entstand. So kam es Karl Friedrich gerade recht, daß die Genehmigung beantragt worden war. Er beschloß nämlich, mit einem Besuch in der Steingutfabrik sich selbst ein Bild von der Konkurrenzfirma zu verschaffen.

Der Besuch war für den Markgrafen überwältigend. Mit Geschenken und Gedichten, mit Huldigungen und Ovationen wurde er in dem Reichsstädtchen empfangen. Auch die Steingutfabrik beeindruckte den Markgrafen sichtlich. Er erklärte sich bereit, der Firma ein "Privilegium" auszustellen, das sie in ihren Rechten weitaus stärker als bisher stützen und stärken sollte. So besagte dieses am 27. Juni 1807 ausgestellte Schriftstück, daß auf die Dauer von 15 Jahren in Zell die englische Steingutfabrik betrieben werden dürfe. Damit sich die Fabrik entwickeln und entfalten könne, dürfe im Umkreis von zehn bis zwölf Stunden (mit dem Pferdefuhrwerk zu befahren) kein weiteres Steingutwerk entstehen. Weiter wurde in dem Privilegium die ausdrückliche Erlaubnis erteilt, daß "allein die Zeller Fabrik" in den Distrikten Gengenbach, Mahlberg, Lahr und Ettenheim, Staufenberg und Hochberg, Triberg und im Prechtal bis Waldkirch die benötigten Erden, Bachkiesel und Quarze entnehmen dürfe. Die übrigen Landesteile Badens wurden der Rothenfelser Fabrik zugesprochen. Festgelegt wurde weiter, daß die verheirateten Arbeiter der Stadt nicht zur Last fallen dürften, sondern im "Falle ihrer Unvermöglichkeit" von den Firmeninhabern unterstützt werden müßten. Ausdrücklich vermerkte das Privilegium, daß in Zell "keinerlei Waren wie in Rothenfels fabriciert" werden durften und "daß das Etablissement der Steinguthfabrike zu Zell den der Steingeschirr-Fabrike zu Rothenfels in keinem Betracht hinderlich und schädlich sein kann".

Bevor das Privilegium durch "höchste Resolution" ausgestellt wurde, mußte der Rastatter Oberbergrath Erhardt ein Gutachten erstellen. In ihm heißt es: "Mit dem Postwagen erhielt ich Proben von dem Zellischen Steinguth von gantz unerwarteter Schönheit und es stehet zu glauben, daß dieses Fabricat mit der Zeit sich sehr dem englischen Steinguth nähern dörfte." Die Haltbarkeit des Geschirres und die Festigkeit der Glasur mußte der Karlsruher Hofapotheker Baer untersuchen. Er goß in eine Kaffeetasse "sowohl in den Becher wie auch in die Schale" eine gute "Partie" hochprozentigen Weingeist mit etwas Zucker vermischt, zündete die Flüssigkeit an und ließ sie in den Gefäßen zuende brennen. Danach stellte er das glühend heiße Geschirr in eine Schüssel "mit frisch vom Bronnen Wasser gefüllt". Das abschließende Urteil des Hofapothekers: "Es blieben beede Gefässe gänzlich unbeschädigt, erhielten keinen Sprung auch im mindesten nicht an der Glasur. Demnach wäre dieses Geschirr dem Englischen Steingut sowohl an Güte und Ansehen im gleichen Verhältnis."
Burger scheidet aus der Firma aus

Zwei Steingutteller mit Kupferstichdekoration 1820/40. Links der "Englische Park" der Fabrik, rechts die Fabrikeinfahrt, die Vorlage für das Postkartenbild - Firmenarchiv
Mit dem dicken finanziellen Polster der Lahrer Geschäftsleute, und unter dem Schutz des Privilegiums konnte sich die Firma gut entwickeln. Burger war inzwischen zum Direktor ernannt worden und er widmete sich nun ganz und gar der Fertigung, während sich Lenz um die kaufmännische Seite kümmerte. Schnitzler war bereits 1809 wieder aus der Firma ausgetreten, die nun nur "Lenz und Burger" hieß. Wie fortschrittlich beide Firmeninhaber waren, geht aus der Tatsache hervor, daß sie bereits 1814 von England mit Segelschiffen mechanische Drehmaschinen kommen ließen. Außerdem wurden die Mahlanstalten erweitert und neue, modernere Brennöfen errichtet.

1819 verkaufte Burger seinen Anteil der Firma an Lenz, der damit alleiniger Besitzer wurde. Der Kampf um den Erhalt der jungen Firma, zahllose Eingaben an die Regierung hatten den eigentlichen Firmengründer aufgerieben. Außerdem spürte er wohl in seinem Innersten, daß er ohne Kapital nicht mehr der eigentliche Herr seiner Fabrik war. Dennoch trennte er sich von Lenz im Guten und er verkaufte seinen Anteil an ihn "unter Verzichtung auf Errichtung eines ähnlichen Geschäfts".

Privat hatte Burger zudem viel Leid erfahren müssen. Von seinen zehn Kindern waren ihm acht gestorben; eines war sogar im Gewerbekanal der Fabrik ertrunken. Da seine beiden Töchter kein Interesse an der Firma zeigten, fiel ihm der Verkauf leicht. Er verließ Zell und fand im benachbarten Haslach eine neue Heimat. Seine Tüchtigkeit war auch hier allen Bürgern wohlbekannt und mit überwältigender Mehrheit wurde er zum Haslacher Bürgermeister gewählt. Am 6. Oktober 1830, an seinem 64. Geburtstag, wurde Josef Anton Burger aus seinem schaffensreichen Leben abgerufen. An der Friedhofskapelle zu Haslach wurde er zur letzten Ruhe gebettet.

Der Denkmalsstreit: "Hie Lenzianer - hie Burgerianer"

Bis zu seinem Tod im Jahre 1828 blieb Lenz Alleininhaber der Steingutfabrik. Unermüdlich und zugleich umsichtig setzte er seine ganze Kraft für sein Lebenswerk, die Fabrik, ein. Im Herzen war er schon längst ein echter Zeller geworden. Hier wohnte er jetzt auch: In seinem 1815 erbauten Wohnhaus inmitten eines Parkes, den er auf dem Fabrikgelände nach englischem Vorbild hatte anlegen lassen.

Als Fabrikherr war Lenz bei seinen Arbeitern sehr beliebt. Er hatte Verständnis für ihre Sorgen, er zahlte gerechte Löhne und in seinem Arbeitszimmer brannte das Licht meist bis spät in die Nacht. So kam es, daß ihm einTeil der Bevölkerung schon zu Lebzeiten ein Denkmal setzen wollte. Doch Lenz wollte von einem solchen Vorhaben nichts wissen. Im Gegenteil, er ließ alle Bilder von sich verbrennen, weil er nicht wollte, daß nach ihnen eine Büste von ihm angefertigt wurde. Auch die Bürger waren sich über das geplante Denkmal keineswegs einig. Wenn schon ein Denkmal für den Gründer der Steingutfabrik geschaffen werde, dann müsse auch Burger darauf verewigt werden, meinte ein Teil der Bürgerschaft. Erst als sich Lenz ein Denkmal in aller Entschiedenheit verbat, kehrte wenigstens vorübergehend im Zeller Städtchen in der Denkmalsfrage Ruhe ein.

Doch dies war nur die Ruhe vor dem Sturm. Als nämlich Lenz gestorben war, wurde die Denkmalsfrage neu aufgerollt. In Versammlungen lieferten sich die "Burgerianer" und die "Lenzianer" hitzige Wortgefechte. Doch zu einer Einigung kam es in dieser Frage leider nicht. Im Gegenteil, viele Zeller Familien grüßten sich wegen dieses Denkmalstreites über Jahre hinweg nicht mehr und gingen einander aus dem Weg.

Aus freiwilligen Beiträgen der Lenzianer wurde dann doch noch das Denkmal errichtet. Der Platz in dem oberen von vier Säulen getragenen Raum blieb aber leer. Hier hätte nach dem Plan der Befürworter die Büste von Lenz stehen sollen. Auch der Name von Burger fehlte - leider. In einer seiner Schriften nahm Hansjakob 1891 zur Denkmalsfrage Stellung: "In der Denkmalsfrage bin ich auf der Seite der Burgerianer, denn ohne ihn wäre nie ein Lenz nach Zell gekommen." Daß Hansjakob 62 Jahre nach der Denkmalsetzung den Streit nochmals aufgreift, zeigt, welche tiefe, nach so langer Zeit kaum verheilte Wunden jene Auseinandersetzung unter den Zellern hinterlassen hatte.

Zölle machten der Zeller Fabrik das Leben schwer

Gerade in ihren Anfangsjahren kamen auf die junge Fabrik oft schier unüberwindliche Schwierigkeiten zu. Da waren zunächst die Zölle. Anders als heute war Deutschland in viele kleine Staaten unterteilt, deren Haupteinkünfte vor allem bei den Zöllen lagen. Diese Zölle wurden oft willkürlich und so hoch angesetzt, daß sie kaum zu bezahlen waren und für die Zeller Fabrik unüberspringbare Hürden darstellten.

Während der badische Einfuhrzoll für Steingut und Porzellan sehr niedrig war, hatten die Zeller für den Ausfuhrzoll das Mehrfache der Zollsumme zu bezahlen. So kam es, daß billige Steingutwaren aus Frankreich und England den Markt überschwemmten, während es für die Zeller Steingutfabrik nahezu unmöglich war, ihre Ware ins bayrische oder württembergische Ausland zu verkaufen. Um überhaupt exportieren zu können, mußte die Zeller Fabrik ohnehin "billige Preise für das Ausland und hohe für Baden machen". Denn für den Export mußten ja die Zölle bezahlt werden. Die zahllosen Eingaben an die Regierung wegen der Zölle blieben ohne große Wirkung. Erst 1818 wurde schließlich ein neuer Zolltarif geschaffen, der nunmehr auf dem Gesetz der Gegenseitigkeit beruhte. Das bedeutete, daß Einfuhr- und Ausfuhrzölle gleich waren.

Konkurrenz verstößt gegen das Privilegium

Neben den Zöllen machte unliebsame Konkurrenz den Zeller Steingutfabrikanten das Leben schwer. So gründete 1816 die Firma Kreglinger & Companie in Emmen-dingen eine Steingutfabrik. Dies widersprach eindeutig dem Privilegium, denn Emmendingen war auch bei langsamen Pferdefuhrwerken höchstens acht Stunden von der Zeller Fabrik entfernt. Damit nicht genug: Ohne Genehmigung holten sich die Emmendinger ihre Tonerde aus Heimbach, einem Distrikt also, der im Privilegium der Zeller Steingutfabrik zugesprochen worden war. Dennoch kam die Zeller Fabrik mit ihren Beschwerden bei der Regierung nicht durch. Offensichtlich hatten die Regierungsbeamten andere Sorgen, denn das Emmendinger Werk blieb ungeachtet aller Zeller Rechte bestehen.

Weitaus größere Sorgen als die Emmendinger Fabrik bereitete den Zeller Fabrikherrn eine andere Steingutfabrik, die der Steuerobereinnehmer Hörn im nur fünf Stunden entfernten Hornberg 1818 eröffnet hatte. Auch hier blieben die Eingaben an die ferne Regierung in Karlsruhe ohne Wirkung, da Hörn in seinen Erwiderungen frech behauptete, daß er nur Porzellan herstelle. Und hierzu habe er ja die Erlaubnis bekommen.

Erst als die Zeller in akribischer Kleinarbeit nachweisen konnten, daß Hörn Steingut in großen Mengen produzierte und die Erde hierfür sogar dem Gaisberg entnahm, der zu den bevorzugten Zeller Distrikten gehörte, wurde auch die Regierung hellhörig. Erfolg hatten die Zeller schließlich mit dem Argument, daß die Stellung als steuereintreibender Staatsbeamter nicht mit dem Geschäft eines Fabrikanten zu vereinbaren sei. Die Ehre des Staates werde durch Hörn leichtfertig aufs Spiel gesetzt.

Postwendend wurde nun Hörn aufgefordert, seine Firma zu schließen. Außerdem mußte er 150 Reichstaler zahlen, weil er der Anordnung nicht sofort nachgekommen war. Dennoch war die Freude der Zeller über den errungenen Sieg über den unerwünschten Konkurrenten nur von kurzer Dauer. 1822 lief das Privilegium für die Zeller Fabrik aus und es wurde trotz mehrfacher Eingaben an die großherzogliche Regierung auch nicht mehr verlängert. Damit war der Weg für die Konkurrenz frei. Die Kinder Horn's, denen der Vater die Hornberger Fabrik übergeben hatte, erhielten nun schließlich 1829 "auf Prob" und 1830 "ohne Einschränkung auf bestimmte Zeit" die Erlaubnis zur Steingutfabrikation. Für die Zeller Fabrik war diese Genehmigung ein harter Schlag.

Was alles als Zeller und Pariser Geschirr verkauft wurde

Immer wieder bereitete es den Zeller Steingutfabrikanten Schwierigkeiten, daß nicht verbindlich vorgeschrieben war, daß das Geschirr mit einem Stempel mit Ortsangabe und Hersteller versehen sein mußte. Gerade Hausierer nutzten nämlich diese Gesetzeslücke zu ihren Gunsten aus. Sie verkauften überall im Land an den Haustüren Geschirr, das sie als Zeller Fabrikat ausgaben, obwohl es nur minderwertige Ware war. Dadurch konnten die geschäftstüchtigen Straßenhändler den Preis nächtig anheben, dem Ruf der Fabrik schadete diese Geschäftspraxis aber sehr. Käufer schrieben an die Zeller Fabrik empörte Briefe wegen der miserablen Qualität des Geschirrs. Doch dort konnte man nur hilflos die Hände ringen.

Natürlich hätte die Zeller Steingutfabrik diesem Mißstand dadurch abhelfen können, daß sie nun ihr Geschirr künftig mit einem Stempel versah. Doch damit hätte man sich selbst einen gut florierenden Markt kaputt gemacht. Denn französische Händler wünschten Zeller Geschirr ausdrücklich ohne Stempel. Über dem Rhein setzten sie dann die Teller, Tassen und Schüsseln aus Zell als echte Pariser Ware mit entsprechendem Preisaufschlag ab.

Den Zeller Fabrikherren tat es - wie aus verschiedenen Schreiben hervorgeht - recht weh, den eigenen guten Namen des Geldes wegen verleugnen zu müssen. Aber, was wollte man machen? Die Konkurrenz war groß. Da war jeder Käufer, der gut zahlte, recht. Zumal es auch darum ging, den vielen Bürgern der Stadt Zell durch den Arbeitsplatz in der Fabrik Brot und Lebensunterhalt zu geben.

Von der Hafnerware zum Bildergeschirr

Waren die ersten Erzeugnisse Burger's in seiner neugegründeten Fabrik um 1794 der damals gängigen Hafnerware noch sehr ähnlich, so vollzog sich doch recht rasch ein beachtlicher künstlerischer Aufschwung bei der Herstellung der Steingutwaren. Selbstsicher im Geschmack und mit der besonderen Begabung für Schönheit, Raum und Form entwarf Burger bald eigene Kreationen, die den Weg zu seinem frühen Ruhm weit über das Zeller Städtle hinaus ebneten. Es waren vor allem kühn geschwungene Gefäßformen mit ausladenden Maßen und plastischen Verzierungen und bauchige Kannen, die der Künstlerhand Burger's entsprangen. Diese Formen entsprachen der ausgeprägten Lebensfreude des Rokoko.

Steingutgeschirre der Firma J. F. Lenz mit Kupferstichdekorationen 1820/40. Alle Stücke mit Fragezeichen "Zell" - Firmenarchiv
Doch je größer der Kundenkreis Burger's wurde, um so weniger konnte er sich dem Trend der Zeit verschließen. Auch er mußte nun produzieren, was modern war. Als in England in der Empirezeit glatte, großflächige Formen aufkamen, zog auch Burger bald mit seinen Erzeugnissen in diese Richtung nach, wenngleich in zahlreichen Nuancen für den Kenner sein persönlicher Stil unverkennbar blieb. Die Farbskala der Zeller Steingutwaren ging zunächst nur vom zarten Rahmweiß bis hin zum Strohgelb, das als "créante wäre" begehrt war. Das Steingut wurde naturbelassen mit einer farblosen Glasur überzogen. Aus der Farbe des Steingutes zog der Käufer Rückschlüsse auf die Qualität der Ware. Später wurde das Steingut auch bemalt. Meist wurde aber die Farbe auf die Glasur aufgetragen, weil die alten, herkömmlichen Mineralfarben nicht für den Brand geeignet waren.

Die Steingutfabrik stellt das erste Bildergeschirr in Deutschland her

Wie schnell sich die Zeller Fabrik auf den je weiligen Trend der Zeit und auf neue Entwicklungen bei der Herstellung von Steingutgeschirr einzustellen wußte, geht aus zwei Tellern hervor, die heute im Reiß-Museum in Mannheim zu besichtigen sind. DieseTeller wurden in der Zeller Steingut-Fabrik hergestellt. Sie gelten als die ersten Exemplare des Bildergeschirres in Deutschland und zeigen auf dem Tellergrund die Sternwarte und die Jesuitenkirche von Mannheim.

Dieses neue Umdruckverfahren, mit dessen Hilfe Papierdrucke von Kupferplatten auf das Geschirr übertragen wurden, kam wie das Steingut selbst zuerst in England auf. Vor allem auf Tellern und Kannen wurden berühmte Sehenswürdigkeiten großer Städte, auch burgenreiche Rheinansichten abgedruckt. Durch diese "Souvenirbilder" kam die große, weite Welt in die Häuser. Die Zeller Fabrik beschäftigte schon früh eigene Kupferstecher, die die Kupferplatten nach entsprechenden Vorlagen mit beliebten Städte- oder Landschaftsbildern ausschmückten.

Als Farbe wurde in Anlehnung an das chinesische Porzellan zunächst ein modisches China-Blau verwendet. Später wurden die Teller im kontrastreichen Schwarz bedruckt, wodurch die Wirkung der Bilder noch erheblich gesteigert wurde. Die Ränder wurden mit hübschen Traubenranken verziert, durch eine naturbelassene Zone klar vom eigentlichen Bild in der Tellermitte abgegrenzt. Detailgenauigkeit, aber auch eine gewisse Sinnenfreude zeichnete diese Bildergeschirre aus. Bald wurden sie nicht nur mit Landschaftsbildern, sondern auch mit Vögeln, Menschen und Blumen ausgeschmückt.

Besonders bekannt und beliebt war damals das Zeller Dekor "Rose Pattern", mit dem das Geschirr wie mit einer Rosentapete vollkommen überzogen wurde. Um die Wirkung dieses Musters noch zu verstärken und um die Verbindung zur Natur zu unterstreichen, wurden nicht die herkömmlichen Farben blau oder schwarz, sondern - geradezu sensationell für jene Zeit - ein kräftiges, dunkles Grün verwendet. Die Rosenmuster wurden so beliebt, daß sie immer mehr anstelle der Traubenranken als Randverzierungen benutzt wurden. Leider gibt es in der Zeller Fabrik kaum noch Kupferplatten aus jener Zeit. Als die Zeit des Bildergeschirres zuende war, wurden die bearbeiteten Platten als Blitzableiter rund um die Fabrikgebäude in der Erde vergraben, weil "Kupfer den Himmelsstrahl am besten" leitet. 1818 gab es schon 400 verschiedene Geschirrgattungen

Schon 1818 hatten Lenz und Burger in einer Eingabe an die großherzogliche Regierung hervorgehoben, daß in der Zeller Fabrik "400 verschiedene Figuren oder Geschirre verfertigt" werden und "von diesen manche, zum Beispiel Platten 17, Kaffeekannen 8 und nach Bedürfnis noch mehrere Unterabteilungen haben". Dies war für die junge Fabrik eine erstaunliche Leistung, die zeigt, daß sie mit der englischen und französischen Konkurrenz durchaus mithalten konnte.

Dick gedruckt ist auf den heute noch vorhandenen Preislisten aus dem Jahre 1818 vermerkt, daß es sich bei den Zeller Fabrikaten um Steingut handelt "im englischen Geschmack nach der Art von Wegdwood". Glatte einfarbige Stücke und Teile "mit schwarzem Kupferdruck unter Glasur" waren getrennt aufgeführt. Die schlanken, schnörkellosen Gefäßformen der Empirezeit waren schnell verschwunden. Die Modellierfreude der Geschirrhersteller gewann wieder die Oberhand. Die Kannen wurden zylindrisch geformt und auf der großflächigen Wandung trugen sie hübsche Umdruckmuster. Die kleinen Mokkatäßchen, damals die gebräuchlichen Kaffeetassen, verschwanden ebenfalls. Dafür kamen recht große, runde Tassen mit geschweiften und geschwungenen Henkeln in den Handel - auch solche in "Nachttopfform mit Henkel". Diese neuen Formen waren eigentlich Mittel zum Zweck. Sie waren geschaffen worden, um die dekorativen, großflächigen Umdruckmuster auch aufbringen zu können. In den alten Preislisten finden sich "Kummen und Näpfe", "Bolles oderTassenbolles". Damit waren Schüsseln und Kannen gemeint. Kaffeekannen wurden in allen möglichen Variationen aufgeführt: "Pariser Façon, in Eiform, geschweifte Frankfurter Façon mit Stiel und Deckel mit beweglichem Knopf". Außerdem gab es Spülkumpen, "um Tassen gut zu reinigen", Potpourris mittlerer Größe, Rahmgießer, Pfeiffenköpfe mit im Boden angebrachtem Wassersack, Chokoladenkannen, Bart- und Ohrenschüsseln und Bettpfannen.

Aus Limoges, Frankreich, kam die erste Porzellanerde

Der Siegeszug des "weißen Tellers", des Steingutes, wurde schon nach wenigen Jahrzehnten jäh gestoppt. Die Käufer bevorzugten jetzt auf einmal wieder mehr das Porzellan, das nun auch für die bürgerlichen Schichten durchaus erschwinglich war. Das bedruckte Steingut, das Bildergeschirr, wurde als industrielles Produkt jetzt mehr und mehr abgelehnt.

Die Zeller Fabrik reagierte rasch auf die veränderte Marktsituation. Inzwischen führten die Neffen von Jakob Ferdinand Lenz, Gottfried Ferdinand Lenz und Wilhelm Schnitzler, die Fabrik als Alleininhaber weiter. Sie stellten die Fabrikation nun teilweise auf Porzellanherstellung um. Schon 1842 wurde mit Pferdefuhrwerken die erste Porzellanerde aus Limoges, Frankreich, geholt. Mit dem neuen Material erlebte die Zeller Fabrik eine große Blütezeit. Schon 1846, also nach vier Jahren, nachdem mit der Porzellanherstellung begonnen wurde, überreichte der Großherzog den Firmeninhabern im Karlsruher Schloß anläßlich der Industrieausstellung die "Goldene Medaille" für die "fabricierten" Porzellanwaren. Sie seien- so das Urteil der Bewertungskommission - "an Reinheit des Materials und Schönheit der Formen, Farben und Verzierungen den Pariser Waren dieser Art gleichzustellen".

Weitere Auszeichnungen erhielt das Zeller Werk im Jahre 1854 anläßlich der Münchner Ausstellung "wegen vorzüglich schönen Porcellan Körpers und vorzüglichem Scherben". 1858 wurde die Zeller Fabrik auf der Schwarzwälder Industrieausstellung "für die Erreichung hoher Vollkommenheit in der Porzellanfabrikation und deren Anwendung auf dem Uhrenschilde" mit der Goldmünze ausgezeichnet. In dem Prüfungsbericht wurde hervorgehoben, daß die ersten Uhrenschilder aus Porzellan "aus dieser Fabrik kamen", die "damit für die Schwarzwälder Uhrenindustrie einen nicht unwichtigen Beitrag liefere".

Trotz aller Auszeichnungen, die der Steingut- und Porzellanfabrik zuteil wurden, hatten die Fabrikbesitzer immer wieder Grund zur Klage. In wiederholten Eingaben beschwerten sie sich darüber, daß "ihr die Muster, welche sie mit Zeit und Geld angeschafft hat, nachgemacht werden". Dieser Zustand hat sich zum Leidwesen der jetzigen Fabrikbesitzer bis heute nicht geändert.

1870 ist die Porzellan- und Steingutfabrik in den Konkurs gegangen

1869 endete die Aera der Lahrer in der Leitung der Zeller Porzellan- und Steingutfabrik. Gottfried Ferdinand Lenz verkaufte nämlich das Werk als Alleinbesitzer an den Berliner Kaufmann Bruno Prößel. Zu diesem Zeitpunkt hatte die "große Porzellanfabrik" - wie das Bezirksamt Gengenbach vermerkte - 160 Arbeiter, fünf Wasserräder und Turbinen sowie 32 Pferdekräfte. Das Zeller Porzellan sei so bekannt, - hieß es weiter -, daß Fuhrwerke die begehrte Ware bis in entlegene Städte, selbst nach Königsberg in Ostpreußen bringen mußten.

1870 wurde dem so blühenden Werk ein schwerer Schlag versetzt. Bedingt durch den Krieg zwischen Deutschland und Frankreich blieb auf einmal die Porzellanerde aus Limoges aus. Zwar versuchte Prößel eine Masse herzustellen, die der Porzellanerde ähnlich war, doch das "Surrogat litt an einigen Mängeln" schrieb das Bezirksamt Gengenbach in seinem Jahresbericht 1871. Dies war noch sehr gelinde ausgedrückt. Denn die zahllosen Versuche Prößels blieben fruchtlos, und es gelang kaum mehr, überhaupt noch brauchbares Porzellan aus den Brennöfen zu bringen. Die einstmals blühende Fabrik geriet an den Rand des Ruins. Sie verschuldete immer mehr, und

1874 war es soweit: Prößel mußte den Konkurs anmelden.

Es wäre für die Bevölkerung des Zeller Städtchens nicht auszudenken gewesen, wenn die Fabrik damals tatsächlich eingegangen wäre. Viele Familien wären auf einen Schlag ohne Brot und Arbeit gewesen. Zum guten Glück fand sich aber ein Retter. Mit den Mitteln seines Vaters ersteigerte sich der Kehler Kaufmann Carl Schaaff die Fabrik, und er schaffte es tatsächlich, den Betrieb zu sanieren und zu neuer Blüte zu führen.

Zunächst ließ sich Schaaff selbst in der berühmten Porzellan-Manufaktur in Limoges ausbilden. Von dort brachte er tüchtige Arbeiter und Werkmeister mit nach Zell, die in der Porzellanherstellung bewandert waren. Aus Böhmen ließ er außerdem versierte Porzellanmaler kommen. Nun setzte die Fabrik zu einem neuen Höhenflug an. Ja, in Deutschland übernahm sie sogar die Führung in der Herstellung feiner Tafelservices. Das weiße, schwere Hotelporzellan wurde als Massenware produziert. Daneben gab es sorgfältig handbemaltes Porzellan für höchste Ansprüche. Die Zahl der Arbeiter stieg auf 365 Köpfe, und neben den zwei Steingutöfen waren auch drei Porzellanöfen in Betrieb. Jetzt kam die große Zeit der Porzellanmaler. Allein 80 von ihnen wurden beschäftigt, und sie waren auch die eigentlichen Herren in der Fabrik, die auf alle anderen Mitarbeiter herabschauten. Dies alles war das Werk des weitblickenden Carl Schaaff. 1894 errichtete er in einer alten Mühle sogar ein Elektrizitätswerk, das der Stadt damals schon Licht und Strom brachte. 1907 verkaufte Carl Schaaff die obere Steingut- und Porzellanfabrik an den Fabrikanten Georg Schmider, der schon unterhalb des Städtchens eine Steingutfabrik besaß. Carl Schaaff aber wurde für seine Verdienste um die Fabrik im gleichen Jahr das Ehrenbürgerrecht der Stadt Zell am Harmersbach verliehen.

Die Geschichte der unteren Steingutfabrik

Von alters her stand am anderen Ende der Stadt in Richtung Biberach am Gewerbekanal eine Hammerschmiede. Diese Hammerschmiede ging 1857 für 7000 Gulden in die Hände von schwäbischen Kaufleuten über. Doch das neue Besitztum brachte den beiden Geschäftsleuten wenig Glück. Sie errichteten nämlich gegenüber der Hammerschmiede eine Schwerspatmühle. Bevor das Bauwerk aber überhaupt fertig war, gingen die beiden wackeren Schwaben in Konkurs. Hammerschmiede und Schwerspatmühle gehörten nun den drei Gläubigern Schaible, Haager und Deimling, Textilfabrikanten aus Waldkirch und Offenburg.

Um ihr Geld wieder möglichst schnell hereinzubekommen, betrieben die neuen Herren einige Jahre die Schwerspatmühle. 1859 begannen sie mit der Fabrikation vonTonwaren. Sie fertigten feuerfestes Geschirr, Nistkästen für Vögel aus Ton und vor allem Bauornamente als Häuserschmuck an. Dieser Schmuck befindet sich auch heute noch an zahlreichen Häusern Offenburgs, auch in Zell ist er als Dachfries am Schöttgenhaus in der Stadtmitte zu sehen. Ein beredtes Zeugnis von dieser Bauornamentenfabrikation legt auch der Zaun mit den graubraunen Elementen entlang der unteren Fabrik ab, wenn man von Biberach her ins Zeller Städtle fährt.

Die neue Fabrik, die unter dem Namen "Schaible und Companie" firmierte, hatte einen guten Start. Schon 1869 konnte das Bezirksamt Gengenbach in seinem Jahresbericht vermelden: "Das Werk von Schaible hat großen Aufschwung genommen. Für die Fabrikation der beliebten Ton waren ist ein großes Gebäude parallel zur Biberacher Straße errichtet worden". In diesem Gebäude wird heute noch gearbeitet. Auch die neue Firma hatte unter dem 70er Krieg schwer zu leiden - ein Vierteljahr lang mußte sie ganz geschlossen werden. Inzwischen ging die Firma in andere Hände über und hieß nun "Steingutfabrik Haager, Hoerdt und Companie". Dennoch war der Aufschwung nicht zu verkennen: 1875 wurden 80 Arbeiter beschäftigt, nur 10 dagegen im Jahre 1865. Unter Haager wurde die Fabrik nochmals um ein Gebäude erweitert; außerdem wurden zwei Öfen neu erstellt.

Georg Schmider vereinigt 1907 die Zeller Fabriken

1890 betrat nun mit dem Zeller Georg Schmider der Mann die Bühne der Zeller Steingut- und Porzellanindustrie, unter dem sich die größte Entwicklung vollzog. Noch heute ist die Firma nach ihm benannt. Zunächst wurde Schmider Teilhaber der unteren Steingutfabrik. Georg Schmider war der Sohn des Zeller Postmeisters Franz-Josef Schmider. Das Interesse an Porzellan und Steingut war ihm schon in die Wiege gelegt, denn sein Patenonkel war der Besitzer der Schramberger Majolikafabrik Faißt, dessen Vorfahren aus Nordrach stammten. Schon 1898 schieden die anderen Teilhaber aus der unteren Steingutfabrik aus, und Georg Schmider wurde nun Alleininhaber. Mit ungeheurem Engagement, bewundernswertem Geschäftssinn und mit persönlichem unermüdlichem Einsatz machte Schmider aus der unteren Steingutfabrik ein bedeutendes Unternehmen. Sein eigentliches Lebenswerk war aber 1907 die Vereinigung seiner unteren Steingutfabrik mit der "Schaaff-schen, vormals Lenzschen Steingut- und Porzellanfabrik", die Schmider von Carl Schaaff käuflich erwarb. Danach trug die Firma lange Jahre den Namen "Georg Schmider, Vereinigte Zeller keramische Fabriken". Heute heißt sie "Georg Schmider, Zeller Keramik". Durch die Vereinigung neu gestärkt, konnte die Firma gesichert ins 20. Jahrhundert gehen. Sie kam zu neuer Blüte und beschäftigte in den 20er Jahren bis zu 500 Arbeiter. 1934 starb Georg Schmider. Ihm folgte Heinrich Haiss, der das Lebenswerk seines Schwiegervaters im gleichen Sinne weiterführte und als Mensch und Vorgesetzter allen ein echtes Vorbild war. Heute ist die Zeller Steingutfabrik als "Familien-GmbH" im Besitz der Nachkommen von Georg Schmider.

Schwere Zeiten im letzten Jahrhundert für die Zeller Keramikmanufakturen arrowRight

während die Hauptverwaltung in der ehemals Burger'schen Villa und in dem hinteren Haus mit dem Glöckchen untergebracht ist. Die Fabrikationsstätten wurden gründlich renoviert und den Erfordernissen der Zeit angepaßt. Hieß es noch 1902 in einer Beschwerde des Bezirksamtes, daß "aus dem Kamin der Fabrik mitten in der Stadt eine ungeheure schwarze Rauchsäule aufsteigt, die große schwarze Flocken abwirft und die gesamte Wäsche verrußt", so sind heute diese Zeiten längst vorbei. Das Geschirr wird jetzt nämlich in zwei Tunnelöfen elektrisch gebrannt. Vorbei sind auch die Zeiten, in denen das Unternehmen Deutschlands schönstes Porzellan herstellte. Kriegsbedingt mußte 1942 die Porzellanherstellung in der Zeller Fabrik aufgegeben werden.

Die Zeller keramischen Fabriken heute

Dekor Hahn + Henne seit 1898 - Aus dem Firmenarchiv - Reproduktion: Reprographia, Lahr Dekor Favorite seit 1897 - Aus dem Firmenarchiv - Reproduktion: Reprographia, LahrDurch alle Wirren und schweren Zeiten hindurch hat die Zeller Fabrik ihren Platz bis heute behauptet. Während gerade im letzten Jahrzehnt bedeutende Steingutfabriken ihre Pforten schließen mußten, verdienen in der "Keramik" - wie die Fabriken in Zell genannt werden - rund 250 Mitarbeiter ihren Lebensunterhalt. Oft kommen sie aus Familien, deren Angehörige schon seit Generationen in der Keramik tätig sind. Die heutige Fabrikation umfaßt vor allem Gebrauchsgeschirre, also Kaffee- und Teeservices sowie Geschenkartikel. Weil das Geschirr bemalt wird, liegt der Lohnkostenanteil mit rund 60 Prozent des Endpreises ungewöhnlich hoch. Dennoch wissen die Käufer gerade diese Handarbeit besonders zu schätzen, und sie zahlen dafür gerne einen höheren Preis. Erhebliche Schwierigkeiten bereitete dem Unternehmen vor einigen Jahren unliebsame Konkurrenz aus Fernost, die die bekanntesten Dekore der Firma, unter anderem "Hahn und Henne" einfach nachproduzierte und sie aufgrund geringer Lohnkosten billig auf den Markt brachte. Inzwischen konnten aber Vereinbarungen getroffen werden, die diesen Mißbrauch verhindern. Im Gegensatz zu den Billigimporten sind die in Zell verwendeten Glasuren entsprechend dem Lebensmittelgesetz völlig blei- und cadmiumfrei. Die Zeller Glasuren werden übrigens ständig bei der Staatlichen Fachhochschule für Keramik in Höhr-Grenzhausen untersucht.

Monatlich werden in den Zeller keramischen Fabriken zwischen 80 und 90 Tonnen Steingutmasse verarbeitet. Pro Mitarbeiter sind dies also nahezu 400 Kilogramm. In konkreten Zahlen ausgedrückt: Monatlich werden etwa 250.000Teller oder 270.000 Tassen mit Untertassen oder 20.000 Kaffeeservices hergestellt. Der Ausfall dabei ist relativ gering und wird in II. und III. Wahl sortiert.

Der Vertrieb der Ware erfolgt durch Provisionsvertreter in der gesamten Bundesrepublik. Musterzimmer sind in Frankfurt, Köln, Hamburg sowie in Holland und der Schweiz eingerichtet. Auf der zweimal jährlich stattfindenden Fachmesse in Frankfurt hat die Firma einen 140 qm großen Stand. Leider ist der Export aufgrund der ostasiatischen Konkurrenz zurückgegangen. Hauptabsatzmärkte sind heute die Schweiz, Holland, Belgien und Österreich. In den USA hat das Unternehmen noch einen Großkunden, der als deutschstämmiger Amerikaner einfach Wert darauf legt, nur echte deutsche Ware zu kaufen. Jedoch waren die letzten Messeaufträge so erfolgreich, daß sich in den USA eine erhöhte Nachfrage abzuzeichnen scheint, was auch für andere Kontinente gilt.

Leicht zurückgegangen ist der Anteil der Handmalerei. Bedingt durch die hohen Lohnkosten für das Handbemalen wurden neueTechniken gesucht und gefunden, mit denen eine preisgünstigere Fabrikation möglich ist. Die Keramik hat eigene Designer beschäftigt, die immer neue, den Trends angepaßte Dekore entwerfen. Trotz großer Erfolge mit den neuen Dekoren in den letzten Jahren sind jedoch die um die Jahrhundertwende entstandenen Dekore wie "Hahn und Henne" oder "Favorite" die absoluten "Renner" in der Angebotspalette geblieben.

Stadt und Fabrik waren stets eng miteinander verbunden

Schon von Anbeginn an waren die Zeller keramischen Fabriken und die Stadt Zell auf das Engste miteinander verbunden. Beide gehörten einfach zusammen. Die jeweiligen Besitzer konnten sich dem Reiz des Städtchens und der stets spürbaren Zuneigung seiner Bürger einfach nicht entziehen. So stand bei den jeweiligen Fabrikherren meist nicht nur die Sorge um das Bestehen und um die Rentabilität des Unternehmens im Vordergrund, sondern gleichrangig lag ihnen das Wohl der Stadt und der in der Fabrik beschäftigten Bürger mit am Herzen. Man muß sich vorstellen, daß das Zeller Städtchen bis zum Entstehen der Steingutfabrik keinerlei Einnahmequellen hatte. Lediglich die Wallfahrt "Maria zu den Ketten" brachte fremde Gäste und damit Geld nach Zell. Doch auch das war selten genug und brachte auch nur wenigen Bürgern Geld und Nutzen. Es bedurfte sicher großer Anstrengung der damaligen Fabrikbesitzer, um die Hungerjahre 1816/17 so gut zu überstehen, daß "das gesamte Fabrikpersonal beibehalten" werden konnte. In einer Eingabe schrieb Lenz 1818 an das Innenministerium: "Es leben viele Familien einzig aus dem Verdienst der Fabrik. Sollte eine große Anzahl ihre Beschäftigung verlieren, müßten diese armen Familien verhungern oder auswandern."

Auch die Auswirkungen des 70er Krieges trafen die Steingutfabrik hart. Mit Zufriedenheit vermerkte aber das Bezirksamt Gengenbach in seinem Jahresbericht an die Regierung, daß "kein einziger Arbeiter entlassen werden mußte". Zwar kam es zu einer empfindlichen Verminderung von Lohn und Arbeit, doch die Arbeiter hatten - so der Bericht - noch genug, um davon leben zu können.

Auch Carl Schaaff zeigte sich offensichtlich nicht nur als fortschrittlicher, sondern auch als sozialer Fabrikherr, der viel für seine Belegschaft tat, wozu er nach Recht und Gesetz nicht verpflichtet gewesen wäre. So kleidete er jedes Jahr an Weihnachten 60 Arbeiterkinder neu ein und schenkte ihnen Spielzeug. Außerdem brachte er - was damals noch höchst ungewöhnlich war - einen Teil der Belegschaft in werkseigenen Wohnungen unter. Er richtete sogar eine "Speiseküche mit Dampfbetrieb" ein, in der die Arbeiter für wenige Pfennige gutes Essen erhielten. Auch der spätere Fabrikbesitzer Georg Schmider war dafür bekannt, daß er für seine Arbeiter stets ein offenes Ohr hatte und in Notlagen nach besten Kräften half. Dies gilt natürlich im gleichen Maße für seinen Nachfolger Heinrich Haiss, der persönlich nach dem Krieg mit der französischen Besatzungsmacht verhandelte, um für die Belegschaft Geschirr gegen Schuhe, Lebensmittel und Kleider zu tauschen. Außerdem wurde den Betriebsangehörigen ein besonders großes Geschirrquantum zugestanden, mit dem sie selbst handeln konnten, etwa zwei Töpfe gegen ein Stück Speck. Es wird sogar berichtet, wie Heinrich Haiss vor Weihnachten 1945 selbst auf "Hamstertour" ging, um für seine Betriebsangehörigen zu Weihnachten ein paar Strümpfe zu bekommen. Dies gelang ihm unter großen Gefahren, und unter dem Weihnachtsbaum weinten der Fabrikbesitzer und die Mitarbeiter, weil es allen damals so schlecht ging.

Wie sozial das Unternehmen zu allen Zeiten war, geht auch daraus hervor, daß bereits am 12. Juli 1854 in der Lenz'schen Fabrik eine Betriebskrankenkasse gegründet wurde. Auch heute noch besteht diese Betriebskrankenkasse. Sie zählt damit zu den ältesten Krankenkassen in Deutschland.

Das berühmteste Zeller Dekor: Hahn und Henne

Noch nie ist Federvieh so alt geworden. Trotzdem kein bißchen ergraut, sondern strahlender denn je konnten Hahn und Henne in den Zeller keramischen Fabriken 1983 einen Riesengeburtstag feiern, und Millionen von Kindern in aller Welt freuten sich mit. Wer kennt auch nicht den gravitätisch daherschreitenden Hahn und die munter gackernde Henne, auf unzähligen Tellern, Tassen und Schüsseln verewigt? Seit 87 Jahren erfreuen "Hahn und Henne" groß und klein. Mancher volle Teller wäre in all den Jahren stehengeblieben, hätten nicht die beiden Federviecher die Kinder zum Essen geradezu aufgefordert.

Der Rundofen in Zell am Harmersbach arrowRight

Gewiß hätte es sich der Obermaler Karl Schöner vor 87 Jahren nicht träumen lassen, daß sein Entwurf mit "Hahn und Henne" - als Nachfolger für den "Suppenkaspar" gedacht - auch heute noch immer neue Freunde findet. Autos, Zeppeline, Flugzeuge, Motorräder, Teddybären - Kinderdekore der Zeller Keramik - sind längst wieder von den Kindertellern verschwunden. Nur "Hahn und Henne" gackern so munter wie vor 87 Jahren.

Rund drei Millionen Geschirrteile mit "Hahn und Henne" schicken die Alleinhersteller, die Zeller keramischen Fabriken, jährlich in alle Welt. In Amerika, in Japan, in Australien, in Neuseeland haben "Hahn und Henne" begeisterte Anhänger, und sogar auf englischen Adelsschlössern kann man das Federvieh neben feinstem englischen Porzellan finden. Als der Schriftsteller und Heimatforscher Thomas Kopp in den dreißiger Jahren im tiefsten argentinischen Urwald zum Kaffee eingeladen wurde, war der Tisch mit "Hahn und Henne" gedeckt. Hätte es für den Zeller einen schöneren Gruß aus der Heimat geben können?

Selbst Ministerpräsident Barschel von Schleswig-Holstein schmeckt sein Frühstück in "Hahn und Henne" am besten, und in ganzseitigen Anzeigen der deutschen Kaffeewerbung duftete der Kaffee aus einer Hahn- und Henne-Tasse.

149 verschiedene Teile werden heute in der Zeller Fabrik mit diesem Dekor hergestellt. Von Tassen und Tellern, von Butterdosen über Eierbecher bis hin zu speziellen Kindersets gibt es alles mit "Hahn und Henne" geschmückt. Der große "Renner" sind die Kinderbecher; eine Million werden von ihnen jährlich verkauft. Schier unerschöpflich ist die Nachfrage nach den Namensbechern, auf denen neben Hahn und Henne der Vorname des Besitzers steht. Unter den 360 verschiedenen Namen sind die Becher mit den beliebtesten Vornamen fast immer ausverkauft. Wie vor 87 Jahren wird "Hahn und Henne" auch heute noch nach dem gleichen Schema handgemalt. Zuerst wird mit einem Schwämmchen der Grasboden angedeutet. Danach werden mit dem Pinsel dreimal fünf Grashalme aufgemalt und der Boden gegrünt. Mit Hilfe einer Schablone werden nun mit schwarzer Farbe Hahn und Henne aufgetragen, die beide mit schnellem Pinselstrich auch noch Kamm und Kinnlappen in leuchtendem Rot bekommen. Wenn der obere Rand mit halbrunden Bogen verziert ist und der Henkel seinen "Schmiß" bekommen hat, ist die Arbeit der Handmalerin getan.

Nach dem Bemalen werden die Geschirre in eine durchsichtige grüngelbe Glasur getaucht. Wenn sie 16 Stunden im Ofen gebrannt und auf Fehler untersucht wurden, können "Hahn und Henne" auf die Reise in die weite Welt gehen und Kindern wie Erwachsenen wie vor 87 Jahren einfach Freude machen.

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