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Sehenswertes Hornberg


Ueber 360 Jahre, von 1448 - 1810, gehörte Hornberg zu Württemberg· Infolge der Neuordnung der staatlichen und politischen Verhältnisse nach dem Zerfall des deutschen Kaiserreiches 1806 mußte 1810 Stadt und Amt Hornberg an Baden abgetreten werden. Mit St. Georgen und dem Klosteramte St. Georgen bildete Stadt und Amt Hornberg einen kleinen Bestandteil des ehemaligen Herzogtums Württemberg. Geographisch ohne engere Fühlung mit dem Herzogtume stellte dieses Gebiet eine wirtschaftliche Einheit dar, die in der Hauptsache von der Grafschaft Fürstenberg, von der zu Oesterreich gehörenden Herrschaft Hohenberg und vom Breisgau eingeschlossen war.

Im Osten wurde sie auf eine kurze Strecke von der freien Reichsstadt Rottweil begrenzt. Zu den wichtigsten Orten zählten Hornherg, Schiltach und St. Georgen. Hornberg, in der Württemberger Zeit überhaupt ein kleines Städtchen, hatte am Anfange des 16. Jahrhunderts kaum 600 Seelen. Aber seine Lage an der lebhaften Verkehrsftraße durch das Kinzigtal, durch das Gutachtal, über die Benzebene und den Brogen in die Baar und in das Donautal war eine äußerst günstige. Für den Personen-, Frachten- und Lastenverkehr über den mittleren Schwarzwald blieb Hornberg bis in die neue Zeit ein hervorragender Paß- und Durchgangspunkt. Der bedeutende Verkehr vom Kinzigtal und vom Breisgau durch das Elztal in die Hochebene der Baar bewegte sich durch Hornberg. (Die Ortenau 1927 - kleine Mitteilungen - Heck)

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Schloss Hornberg


Der Schloßberg (455 m ü.d.M.) ist ein flacher Bergvorsprung im Westen der Stadt Hornberg, die 100 Meter tiefer (Rathaus 350 m ü.d.M.) im Gutachtal liegt. Das Schloßgelände selbst ist etwa 150 Meter lang und erstreckt sich von Südosten nach NordwestenDas Schloß Hornberg - die Ortenau 1984 - Ansgar Barth - 425 / 433

Der Schloßberg (455 m ü.d.M.) ist ein flacher Bergvorsprung im Westen der Stadt Hornberg, die 100 Meter tiefer (Rathaus 350 m ü.d.M.) im Gutachtal liegt. Das Schloßgelände selbst ist etwa 150 Meter lang und erstreckt sich von Südosten nach Nordwesten.

Zum besseren Verständnis der folgenden Ausführungen ist es ratsam, sich am Plan des Schloßbergs aus der Zeit um 1800 und am Kupferstich von M. Merian (erschienen 1643) zu orientieren.

Der Hornberger Schloßberg in einem Plan aus der Zeit um 1800. Dem Besucher wird ein Rundgang vorgeschlagen, der ihn zunächst zum Rondell und damit zum Platz der ältesten Burganlage führt. Die dort aufgeführten Mauern stammen zwar aus dem 19. Jahrhundert, die Steine jedoch sind sicherlich schon früher verwendet worden und erlauben Rückschlüsse auf die Bauweise. Vorbei am Pulverturm (Jahreszahl 1621 über dem Türsturz) kommt man zum eigentlichen Wahrzeichen, dem mittelalterlichen Bergfried. Hinter den Wehranlagen - mit Blickrichtung Gutach - liegt das um 1900 erbaute Schloßhotel.

Der Bergvorsprung über der heutigen Stadt Hornberg bot sich für den Bau einer Burg aus verschiedenen Gründen geradezu an. Drei felsige Steilhänge begrenzen den Bereich des ersten Baus. Von hier aus lassen sich das Gutachtal und die Mündungsgebiete von Reichenbach, Schwanenbach und Offenbach trefflich überschauen und die Bewegungen auf Straßen und Wegen kontrollieren. Es ist noch nicht geklärt, wann die erste Burganlage auf dem Hornberger Schloßberg erbaut wurde; spätestens muß es nach der Teilung des Herrschaftsgebietes der Herren von Hornberg um 1200 gewesen sein. Ihre erste Burg stand auf dem Schloßfelsen in Alt-Hornberg. Hitzfeld vermutet, daß schon vor der Teilung der älteste Bau auf dem späteren Schloßberg errichtet wurde. Man kann dieser Annahme folgen, weil die mörtellose Mauerung dafür spricht und vor allem weil sicher schon in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts der Raum um Hornberg und Gutach wirtschaftlich für die Herren auf Alt-Hornberg von großer Bedeutung war. Die strategisch günstige Lage des Schloßbergs wurde erst mit der Zunahme des Handelsverkehrs und den damit verbundenen Auseinandersetzungen wichtig, also im 13. und 14. Jahrhundert. In diesem zeitlichen Rahmen muß man auch den Bau von drei Türmen sehen, die von den Herren von Hornberg errichtet wurden: den Bergfried oder Wartturm auf dem Schloßberg, den Turm im Tiefenbach und schließlich den Turm in Gutach. Diese wehrhaften Anlagen hätten in der Zeit des ungeteilten Herrschaftsgebietes, als besiedelt und gerodet wurde, keinen Sinn gehabt. Sie waren erst nötig geworden, als der Handelsverkehr zunahm, das Reisen unsicher war und Kontrolle und Geleitschutz dem Landesherren etwas einbrachten. Zumindest die Zeit der Erbauung des Bergfrieds und des Turms in Gutach sprechen für diese Überlegung.

Vom ältesten Bau beim heutigen Rondell sind nur noch große, behauene Granitblöcke vorhanden, die ohne Bindemittel zusammengefügt waren. Man kann annehmen, daß der Unterbau auf der Merian’schen Darstellung von der ältesten Burg stammt. Den Bau der ältesten Burg verlegt Hitzfeld zu Recht in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts; dafür sprechen die Bauweise und die Tatsache, daß es sich offensichtlich nicht um einen Wehrbau, sondern um einen herrschaftlichen Wohnbau und Wirtschaftshof für die Lehensgüter im unteren Reichenbach-, Schwanenbach- und Gutachtal handelte. Die weiteren Vermutungen über das Aussehen der ersten Burg aufgrund des Merian-Bildes oder der Hinweis Jäckles, noch im 19. Jahrhundert seien in der Nähe des heutigen Rondells Reste eines Turmes sichtbar gewesen, sind zu unsicher und entsprechen nicht dem heutigen Kenntnisstand. Leider wurden die Reste der 1. Burg gegen Ende des 19. Jahrhunderts beseitigt.

Das auf dem Merianstich anstelle des hochmittelalterlichen Burgbaus zu sehende Gebäude stammt sicher aus der Zeit der Württemberger. 1443 verkaufte nämlich Konrad aus der Nebenlinie der Herren von Hornberg seine Besitz- und Herrschaftsrechte an die Grafen von Württemberg. Schon Jahrzehnte zuvor hatte der Ausverkauf des Hornberger Besitzes begonnen, und nach 1443 zog alsbald ein württembergischer Untervogt auf, der im alten Gebäude wohnte und für den wohl bald der auf dem Merianbild gezeigte Bau errichtet wurde. Später diente dieses Gebäude als Fruchtkasten, Zeughaus und Gefängnis.

Wie so viele mittelalterliche Burgen wurde dieser Bau während des Dreißigjährigen Krieges zerstört. Von 1640 bis zum 20. Februar 1641 hatten sich hier schwedische und französische Soldaten festgesetzt und - ein Kuriosum auf so engem Raum - in der benachbarten Hauptburg bayrische Truppen. Ehe die Schweden und Franzosen abzogen, setzten sie den roten Hahn auf das Dach der Burg, die später auch nicht mehr aufgebaut wurde. Merians Blatt über Hornberg kam 1643 heraus, die Bauaufnahme muß indes schon einige Jahre früher vorgenommen worden sein. Hitzfeld nimmt für die Entstehung des Bildes gar das Jahr 1600 an.

Stadt und Burg Hornberg nach Merian um 1643
Stadt und Burg Hornberg nach Merian um 1643

Kupferstich von M. Merian, 1643 veröffentlicht. Die bei Merian abgebildeten Gebäude auf dem Schloßberg sind mit Ausnahme des Bergfrieds und der Grundmauern der ältesten Hornberger Burganlage (links) aus württembergischer Zeit. Letztere wurde 1641 niedergebrannt. Schon aus diesem Grund muß die Bauaufnahme Merians früher gewesen sein.

Auch über die Entstehungszeit der zweiten Burg mit dem Bergfried ist nichts bekannt. Allerdings bietet gerade der Bergfried als einziges erhaltenes Bauwerk aus der Zeit der Herren von Hornberg aufgrund des baulichen Befundes Hinweise auf die Zeit der Erbauung. Darüber hinaus läßt sich aus der Familiengeschichte der Herren von Hornberg mit ziemlicher Sicherheit ablesen, wann ein solch gewaltiger Bau für eine relativ kleine Landesherrschaft überhaupt nur möglich war. Hitzfeld hat dies überzeugend dargestellt, so daß hier seine Überlegungen zur Entstehungszeit der Hauptburg folgen sollen. Um 1200 fand eine erste Teilung der Herrschaft Hornberg statt, wobei die Herrschaft Triberg und (Neu-)Hornberg entstand. Ursache war sicher nicht nur die größer gewordene Familie, auch die wirtschaftliche Entwicklung im Gutachtal und der Gang der Geschichte im allgemeinen mögen dazu beigetragen haben. Städte entstanden, der Handelsverkehr nahm gewaltig zu und auch die Bevölkerungszahl stieg. Burkhard von Hornberg erhielt die Herrschaft Triberg, die Brüder Bruno und Werner Hornberg.

Seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gibt es zwei Hornberger Linien, ausgehend von Friedrich und Bruno, dem Minnesänger. Die Hauptlinie Friedrichs blieb beim Wappen mit dem grünen Dreiberg, während Brunos Linie einen schwarzen im Schilde führte. Eine regelrechte neue Lehensteilung fand nicht statt, man einigte sich auf bestimmte Einkünfte und Anteile an der Herrschaft, wobei Friedrich als älterem Bruder mehr zufiel als Bruno. Eine gewisse Wohlhabenheit der Brüder ist daran abzulesen, daß Friedrich 1312 als Besitzer der Schneeburg auf dem Schönberg bei Freiburg genannt wird und Bruno 1280 als Stifter der Kapelle der Zisterzienserabtei Tennenbach auftritt, die heute als einziger Überrest des Klosters an der Straße von Sexau nach Ottoschwanden steht. Jedenfalls scheinen die Hornberger in der Zeit Friedrichs und Brunos in geordneten Verhältnissen gelebt zu haben, und der Bau einer neuen Burg mit oder um den Bergfried liegt nahe. Gegen eine spätere Bauzeit spricht der beginnende Niedergang der Hornberger und der Ausverkauf des Herrschaftsgebietes. Beides deutet sich unter den Hornbergern der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts an. Wernher von Hornberg schenkt am 6. November 1349 "die burg genant Schneberg gelegen in Brisgö" und den darunter gelegenen Hof dem Kloster St. Gallen. Das Stift belehnte ihn wieder mit Burg und Hof und dazu mit Dorf und Herrschaft Ebringen. Deutlicher wird der Niedergang bei den Vettern Wernhers, Heinrich und Friedrich. Sie gerieten durch die Auseinandersetzungen mit den Straßburgern um den Turm in Gutach in Not, so daß Heinrich 1370 den "Newen Thurn" als offenes Haus an Hug und Johann von Fürstenberg verschrieb.

Die Schlösser bei Hornberg von Karlleopold Hitzfeld  arrowRight

Die neue Burg aus dem 13. oder frühen 14. Jahrhundert diente der Hauptlinie der Herren von Hornberg als Residenz. Aber schon 1423 verkaufte sie Brun Werner von Hornberg mit dem Anteil seines Herrschaftsgebietes an die Grafen von Württemberg, die ihm bis zur völligen Bezahlung des Kaufpreises das Schloß Schiltach als Wohnstätte zuwiesen.

Der Bergfried, heute neben dem Pulverturm einziges Relikt aus der Hornberger bzw. Württemberger Zeit, verdient hier als Wahrzeichen Hornbergs eine ausführliche Beschreibung.

Heute ist er noch 17 Meter hoch und in 16 m Höhe durch eine Plattform abgeschlossen. Die Grundrißaußenmaße betragen 8,05 m : 8,85 m, die Mauerstärke schwankt um 2 Meter, so daß sich eine lichte Weite von etwa 3,60 m :4,25 m über die ganze Turmhöhe ergibt; dort springt die Mauer um 1,25 m zurück. Durch diese Aussparung ergab sich ein größerer Raum, dessen Fenster auf dem Merianbild auszumachen sind und in dem Reiß-Vaseck und Hitzfeld eine Wächterstube vermuten. Über diesem Raum ragte ein sehr steiles Turmdach auf, so daß man für die Gesamthöhe etwa 22 Meter annehmen kann. Dafür sprechen auch die Angaben von 1804 (80 württembergische Fuß) und 1822 (53 - 60 badische Fuß). Die von Reiß-Vaseck angenommenen 26,40 m beruhen sicher auf einem Rechenfehler.

Mittelgroße Granitsteine bilden das Baumaterial; sie sind wenig kunstvoll zusammengefügt. Die Mauerecken sowie die Gewände der Öffnungen sind aus rotem Sandstein. Somit weist die Art der Mauerung eine Verwandtschaft zum Turm in Gutach auf.

Die Einteilung im Turminnern war recht einfach. In 4,80 m Höhe sind Auflagen für Balken zu sehen, die auf eine Decke deuten. Der Raum darunter - wohl das Burgverlies - erhielt durch einen an der nordwestlichen Wand eingelassenen Schacht Licht. Er befand sich nicht weit unterhalb der Decke und verjüngte sich auf allen vier Seiten von innen nach außen. Das mittlere Geschoß war der Aufgang zur Wächterstube und bekam Licht durch einen Mauerschacht in der Südwestseite und einen weiteren, jetzt zugemauerten in der Südostseite.

Die interessanteste Öffnung des Turms, die auch die meisten Rätsel aufgibt, ist ein großer, spitzbogiger Eingang in 9,40 m Höhe. Man findet zwar Eingänge in dieser Höhe am Bergfried vieler Burgen, aber dann meist auch ein Podest oder andere Bauspuren, die auf einen Aufgang hinweisen. Offenbar benutzte man in der Anfangszeit nur Leitern oder sehr einfache Treppen, um in den Turm zu gelangen. Beim Neubau von 1564 wurde, wie das Merianbild zeigt, eine Verbindung von dieser Bergfriedöffnung zum neuen Schloßbau geschaffen. Die Kaminvertiefung an der südöstlichen Außenmauer des Turms spricht dafür, daß schon zur Erbauungszeit Wohngebäude an diesen Turm angefügt wurden, zumal sich der Bergfried nicht als Wohnturm eignete und die 1564 angebauten Schloßteile sicher schon andere Heizungseinrichtungen hatten.

Im Jahre 1564 wurde an die Nordostseite des alten Bergfrieds eine neue Burganlage angebaut. Hornberg war unter den Württembergern Sitz des Obervogts am Schwarzwald geworden, und so ist verständlich, daß die von den Herren von Hornberg errichteten Gebäude inzwischen baufällig geworden waren und den Ansprüchen nicht mehr genügten. Wie die ganze Wohnbaugruppe aussah, zeigt das Meriansche Bild gut. Auf dem Bild noch nicht vorhanden ist der Pulverturm, über dessen Türsturz die Jahreszahl 1621 steht. Dies ist ein weiterer Beweis dafür, daß Merian die Bestandsaufnahme vor dem Dreißigjährigen Krieg anfertigte.

In diesem Hornberger Schloß fand Johannes Brenz 1548 während des Interims Zuflucht und lebte hier ein Jahr als Huldreich Engster. Während des 30jährigen Krieges war der berühmte Konrad Widerhold von 1633 bis 1634 Festungskommandant und forderte die nötigen Ausbesserungen für das übel zugerichtete Haus. Obwohl das benachbarte alte Schloß von Schweden und Franzosen besetzt war und 1643 niedergebrannt wurde, gelang die Einnahme des Hauptschlosses nicht. Sein Schicksal wurde 1689 besiegelt, als französische Truppen unter Chamilly sich dort eingenistet hatten und vor ihrem Abzug am 9. Januar das Schloß ansteckten. Der Brand zerstörte sämtliche Gebäude, nur der Turm widerstand dem Feuersturm.

Wie es auf dem Hornberger Schloßberg 1710 ausgesehen hat, erfahren wir aus der "Relatio über die mittlere Linie vom Feldberg biss an den Dobel", einer Beschreibung der Linien und Schanzen im Schwarzwald: "das Hornberger Schloß, allwo zwar noch eingeführter Thurn, und etwas alte Mauren, welche mit Erdarbeith zum Theil Verbunden, zum Theil die Öffnungen Vermacht seynd, wegen der Enge undt Baufälligkeit wenig resistenz Thun kan, auch der Platz wo ehemahln noch ein Schloß gestanden, und Jetzo mit auf einander gebundenen großen Bäumen statt einer Brustwehr, welche auch mit Erden außgefüllt, versehen ist..." Den Verfasser der Relatio beschäftigte der trostlose Anblick des Hornberger Schloßgeländes vor allem wegen des schlechten Verteidigungszustandes. Zu Beginn des Spanischen Erbfolgekrieges waren über den ganzen Schwarzwald in Eile Linien und Schanzen errichtet worden, wiesen aber noch viele Lücken auf, wie sich beispielsweise am 1. Mai 1703 zeigte, als französische Truppen durch das Wonnenbachtal (ein Seitental der Gutach) bergan marschierten und die Hornberger Schloßbefestigung, ohne auf Widerstand zu stoßen, einnahmen. Mit großem Eifer wurden zu Beginn des Polnischen Erbfolgekrieges (1734 / 35) die alten Linien und Schanzen ausgebessert und neue gebaut.

In diesem Zusammenhang entstand nun auf dem Hornberger Schloßberg ein neuer Gebäudekomplex, der unter der Bezeichnung "Barockschloß" in die Geschichte eingegangen ist. Hornberg, Garnisonstadt des Schwäbischen Kreises, benötigte dringend eine Unterkunft für die zeitweise 300 Mann starke Truppe. Zunächst wurde im alten Bergfried eine Mannschaftsunterkunft eingerichtet und deshalb zu ebener Erde ein neuer Eingang geschaffen (Jahreszahl 1735). Auf die Dauer war diese Unterkunft nicht denkbar. So entstanden seit 1736 unterhalb des Bergfrieds auf dem steil zur Stadt abfallenden Berghang zunächst der Kommandantenbau und später, nach Südosten anschließend, die Kaserne, die 1739 bezogen wurde. Da man beim Bauen allenthalben gespart hatte, zeigten sich bald Schäden, die durch dauernden Besatzungs- und Nutzungswechsel bis um 1800 bedenkliche Formen angenommen hatten. Ein Teil der Kaserne wurde abgerissen, der Rest durch eine Riegelwand gefestigt. Zunächst als Försterwohnung genutzt, dann 1802 Rauch- und Schnupftabakfabrik und unter badischer Herrschaft (seit 1810) im Jahre 1822 als Uhrenfabrik vorgesehen, mußte der Kasernenbau 1823 aus Sicherheitsgründen abgebrochen werden.

Der Kommandantenbau wurde 1743 vollendet, wie das große herzogliche Wappen im Prunksaal des Schlosses auswies. 1936 wurde die Stuckdecke mit dem Wappen abgeschlagen; allerdings findet man heute in der Gutacher Peterskirche das Ebenbild dieses Wappens mit dem Spruchband "Carl Eugen, Herzog zu Württemberg, 1743".

1776 wurde der Kommandantenbau noch einmal hergerichtet; denn Carl Eugen hatte dieses Schlößchen als Wohnsitz für seine erkrankte Schwester Auguste Elisabeth, Gemahlin des Fürsten Carl Anselm von Thurn und Taxis, ausgesucht. Auguste Elisabeth wohnte bis zu ihrem Tod 1787 im Hornberger Schloß. Aus dieser Zeit stammen die nach französischer Mode angelegten Gärten, die auf dem Plan von 1800 zu sehen sind.

1841 erwarb die Aktien-Bierbrauerei-Gesellschaft Hornberg das Schloßgut; der Kommandantenbau wurde Wohnhaus, im benachbarten Garten entstand eine Brauerei, und im Pulverturm war die Mälzerei untergebracht. Nach mehreren Besitzerwechseln kaufte der Hotelier Christian Wälde 1896 das Schloßgut, führte am Barockschloß zwei Ecktürmchen auf, die später als besonders typisch barock angesehen wurden, ließ das Brauereigebäude abreißen und ein großes Schloßhotel erbauen, das heute noch als solches betrieben wird. 1956 kaufte die Stadt Hornberg das Schloßgelände mit den Gebäuden und richtete im ehemaligen Kommandantenbau und im Schloßhotel Wohnungen ein. Im Laufe der Zeit verschlechterte sich der Bauzustand so, daß die Wohnungen geräumt werden mußten. 1976 wurde das Barockschloß abgerissen; es sollte wieder in gleicher Größe und Form aufgebaut werden.

Sagen:

Die Sagen berichten von einem wegen seiner Härte gefürchteten württembergischen Amtmann, dessen Geist in einem unterirdischen Gang umgehen muß; von einem weißen Schloßfräulein, das um einen verborgenen Schatz weiß; von einer harten und grausamen Prinzessin, die einen Bettler mit ihrer Hundemeute von der Burg verjagte und zur Strafe in einen Felsen verwandelt wurde. Am bekanntesten wurde Hornberg durch das "Hornberger Schießen", das sich allerdings in der Geschichte der Stadt nicht mit Sicherheit nachweisen läßt. Die eine Variante der Sage berichtet:

Einst erwartete man in Hornberg den Besuch des Landesherren. Bürgerschaft und Magistrat wetteiferten miteinander im Bestreben, den Herzog von Württemberg gebührend zu empfangen. Das Städtchen war festlich herausgeputzt und die Kanonen und das Pulver für den Salut gerichtet. Da gab der Wächter Alarm. Man hatte ihn eigens auf den Schloßturm postiert, um den nahenden Fürsten auszuspähen. Nach dem ersten Freudenschießen stellte man aber fest, daß es nur ein Hirte mit seiner Herde war, der so viel Staub aufgewirbelt hatte. Als das Horn vom Schloßturm zum zweiten Mal ertönte, krachten die Böller wiederum über das Städtchen. Aber auch in diesem Falle hatten sich die Hornberger getäuscht. Ein fahrender Händler hatte sie genarrt.

Schließlich nahte der Herzog mit seinem Gefolge. Die Hornberger, die zuvor im Freudentaumel alles Pulver zur Unzeit verschossen hatten, standen nun an die Straße und empfingen ihren Landesherren mit kräftigem "Piff-Paff"-Rufen. Zunächst verärgert über einen solchen Empfang, soll der Herzog später mit den Hornbergern ein frohes Fest gefeiert haben.

In einer anderen Lesart liegt dem hier so freudigen Ereignis ein kriegerisches Geschehen zugrunde.

Literatur:

E. Reiß-Vasek, Schloß Hornberg, in: Ortenau 21 / 1934, S. 449 — 462;
K. Hitzfeld, Die Schlösser bei Hornberg, in: Ortenau 50 / 1970, S. 373 — 402;
Ders., Hornberg an der Schwarzwaldbahn - Vergangenheit und Gegenwart der Stadt des Hornberger Schießens. Hornberg 1970;
A. Jäckle, Der Luftkurort Hornberg im badischen Schwarzwald. Hornberg 1983;
Chr. Weiner u. A. Heß, Aus der Geschichte von Schloß und Stadi Hornberg, in: Hornberger Taschenbuch 0.J., S. 22;
M. Merian, Topographia Sueviae 1643 - Relatio über die mittlere Linie vom Feldberg bis an den Dobel..., abgedruckt im Beitrag E. Boesser, Zur Geschichte der Schwarzwaldlinien, in: Alemannia N.F. 5/1904, S. 239.


Kraus, Durm und Wagner - Kunstdenkmäler der Großherzogtums Baden II - Freiburg 1890

Schloss Hornberg - Seit Anfang des 12. Jhs. erscheinen Freiherren von Hornberg, gleichen Stammes mit denen von Triberg Im 14. Jh. theilte sich die Familie in zwei Linien, von denen die eine Schneeberg tm Breisgau und Besitzungen im Elsass erwarb und 1450 erlosch, die andere, ältere, in Folge schwerer Familienstreitigkeiten Stadt und Schloss Hornberg allälig aufgeben musste. Die Stadt wechselte mehrfach den Besitz (Geroldseck-Sulz, Württemberg, Villingen); die Burg ebenso: dieselbe bestand ursprünglich aus zwei Schlössern, dem vordern und hintern (vgl. Hug’s Chron. h. v. Roder, S. 82. f.). Beide wurden den Villingern 1519 übergeben, welche indessen nur wenige Jahre im Besitz derselben blieben. Nach der Schlacht bei Lauffen (1534) kamen die Schlösser an Württemberg. Im Orléans'schen Krieg 1689 wurde ein Theil des Schlosses durch Brand zerstört (vgl. Roder a. a. O. S. 93 - 96), muss aber bald wieder hergestellt worden sein, da die Franzosen unter Villars es Anfangs Mai 1703 wieder ennahmen (eb. 120 f.). Die gänzliche Zerstörung geschah wahrscheinlich in den nächstfolgenden Jahren.

In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wurden auf dem Schlosse zwei Häuser erbaut, worin die Fürstin von Thurn und Taxis, eine württembergische Prinzessin, im Exil lebte, (vgl. Universallexicon S. 586 und Schnars S. 156). Auf Thal beherrschender Höhe, auf den zerklüfteten Felskamm aufgesetzt, ragen die Trümmer des alten Hornberger Schlosses mit seinen Wirthschaftgebäuden empor. Auf der höchsten Kuppe erhebt sich der Bergfried, ein schmuckloser Steinbau von quadratischer Grundform und 8,7 m Seite und 3 m 65 weitem innerm Hohlraum bei 16,98 m Höhe und 2,5 m cieken Bruchsteinmauern.

Den Zugang vermittelt eine rundbogige Thüröffnung, in deren Bogenschlussstein die Jahreszahl 1735 und in deren rechtes Gewände die Zahl 1736 eingehauen ist. Sie datiren somit aus der Zeit nach der Zerstörung des Schlosses durch den französischen Marschall Villars. Licht in das Innere geben eine grosse bogenförmig geschlossene Oeffnung nach der Ostseite und eine kleinere mit Steinplatten überdeckte Scharte... Das Mauerwerk besteht aus mässig grossen Granitbruchsteinen (40 x 20 cm und weniger Ansichtsfläche), die namentlich an der äussern Südseite möglichst regelmässig zu schichten versucht sind. Die aus dem schönen Schwarzwälder Rosa-Granit (der nur in Aegypten ähnlich wieder zu finden ist) hergestellten Umfassungswände zeigen ein in den Fugen gut verzwicktes Mörtelgemäuer, während die Ecken des Thurmes, Oeffnungseinfassungen und Scharten aus rothen Sandsteinen construirt sind. Die Eckquadern weisen einen Randschlag mit starken rauhen Bossen auf, soweit sie nicht bei der Zerstörung vernichtet wurden. Die Abmessungen derselben gehen bis 1,00 m Länge und 0,40 m Breite. An der Südseite ist noch ein offener, hoch emporgeführter Schlitz im Mauerwerk, der wol einst einem Kamine, der Verwendung von Backsteinen und den angeschwärzten Verputzflächen nach zu urteilen, angehörte. Der Thurm ist jetzt durch eine Plattform (Stampfbeton zwischen Eisenschienen) geschlossen und durch eine Holztreppe besteigbar gemacht.

Hornberg - Generalplan über das dasige Bergschloss und dessen Nebengebäude um 1800
"Hornberg - Generalplan über das dasige Bergschloss und dessen Nebengebäude um 1800"

Das rechteckige Plateau des Bergfriedes fällt nach allen Seiten ziemlich steil ab auf den zweiten Plan des Schlossgeländes. Geschickt mit dem hervorragenden Felsen verbunden, steht auf diesem der Südfront des Bergfriedes zugekehrt, ein kleiner, unrerelmässig rechteckiger Bau, vor welchem sich in geringem Abstand eine weitere Felskuppe erhebt, durch welche ein unterirdischer Gang, der sich in der Mitte zu einem grössern Gelässe erweitert, durchgetrieben ist. Der Gang führt in eine nach der Gutach abfallende Schlucht. Jenseits der letzteren erhebt sich (und jetzt durch eine Holzbrücke mit dem grossen Schlossplan verbunden) eine weitere Felskuppe, die nach Osten zu von Stützmauern gefasst ist, und an der äussersten Spitze einen halbrunden Mauerausbau zeigt. Nach Süden und Westen zu sind weitere Mauerzüge erhalten, von denen der Südzug gleichfalls einen halbrunden Mauerausbau noch zeigt.

Mit der Langseite dem Thale zugekehrt, den Bergfried zum Theil verdeckend, steht am Rande des Schlossplateaus das grosse moderne Wirthschaftsgebäude und nach Westen zu ein Remisenbau und ein Brauereigebäude.

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Uhrenspiel Hornberg-Niederwasser


In Hornberg-Niederwasser - weit über der Stadt - steht eine der größten Kuckucksuhren im Schwarzwald im HausformatIn Hornberg-Niederwasser - weit über der Stadt - steht eine der größten Kuckucksuhren im Schwarzwald im Hausformat. Das 1994 (Erbauer: Adolf Herr, Jürgen Herr, Herbert Schieck, Thomas Schieck) erbaute "Uhrenspiel" präsentiert sich mit einer Höhe von 10,80 m und Breite von 11,50 im Bahnwärterhäusschenstil als eines der weltweit bekannten Schwarzwaldsymbole.

Lebensgroße Holzfiguren zeigen sich beim "Werken" am Uhrenhaus, wie etwa der Schornsteinfeger aus einem Kamin hervorschauend oder die Musikanten, welche sich in der hausgroßen Uhr drehen. Zur Entwicklung dieses "schwarzwälder Markenkerns" mit vergleichbarem Bekanntheitsgrad, wie etwa dem Bollenhut, gibt die Webseite deutsches-uhrenmuseum.de einen kurzen Abriss:

"Im September 1850 rief Robert Gerwig, der Direktor der Großherzoglich Badischen Uhrmacherschule in Furtwangen, zu einem Wettbewerb für ein zeitgemäßes Uhrendesign auf. Der folgenreichste Entwurf stammt von Friedrich Eisenlohr. Als Architekt war er für die meisten Bauten entlang der badischen Staatseisenbahn verantwortlich. Eisenlohr versah die Fassade eines Bahnwärterhäuschens mit einem Zifferblatt. Das Urbild der heute noch als Souvenir beliebten Kuckucksuhr in Häuschenform war geboren.

Um 1860 entfernte sich die Bahnhäusleuhr deutlich von der ursprünglich eher strengen grafischen Form. So bot Johann Baptist Beha aus Eisenbach 1862 zum ersten Mal reich verzierte Kuckucksuhren mit geschnitzten Beinzeigern sowie Gewichten in Form von Tannenzapfen an.

Seit dieser Zeit ist die Bahnhäusleuhr mit üppigen dreidimensionalen Pflanzen- und Tierschnitzereien als Souvenir aus dem Schwarzwald beliebt."

Niemand wird in Abrede stellen, daß die Kunst, Uhren zu verfertigen, eine der nützlichsten und nothwendigsten Künste für Stadt und Land, und alle Vorfälle des menschlichen Lebens sey. Nun aber darf man dreiste sagen, daß eben diese Kunst vielleicht nirgendwo höher, vielfältiger und gemeinnütziger getrieben werde, als auf dem Schwarzwalde, und zwar von dessen Bewohnern, den Schwarzwäldern selbsten, deren Geschicklichkeit, Einsicht und erfinderischer Geist schier alle Vermuthung in diesem Fache übersteigt. Und was hiebey das Merkwürdigste ist; so beschäftigen sich nicht nur viele hundert Schwarzwälder mit Verfertigung aller Gattungen der Uhren, sondern sie verschleißen auch diese Waaren selbsten, handeln damit in die entferntesten Lande, und kommen insgeheim mit reichem Gewinne wieder zurück.

Der sonst rauhe und fürchterliche Schwarzwald ist es, welcher schon viele Jahre hindurch ganz Europa, und neuerdings Asien und Amerika mit vielen Tausend zwar mehren Theils hölzernen doch sehr dauerhaften, richtigen, schönen, theils gemeinen, theils künstlichen Uhrwerken versieht. Der Schwarzwald ist es, welcher ohne Lehrmeister, ohne Aufmunterung, ohne Unterstützung einer höhern Macht aus innerm Triebe und durch eignen Fleiß es in dieser Kunst so weit gebracht hat, daß er itzt die größten Künstler darin zählet, seinen Herren Ehre machet, etliche tausend Hände beschäftigt, das Land bereichert, und ein weit aussehendes, beträchtliches Gewerb treibt. Eine merkwürdige Epoche für den Schwarzwald. (Franz Steyrer - Geschichte der Schwarzwälder Uhrenmacherkunst - Freyburg im Breisgau, 1796)

Ausführlicher mit der Entstehung befasste sich bereits Eberhard Gotthein 1880 in seiner "Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes" (Seite 832 ff.) mit der Entwicklung des Uhrenbaus im Schwarzwald.


XI. Die Uhrenmacherei - Eberhart Gotthein - Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes - Seite 831 ff.

Die Bürstenbinderei ist schon dadurch von den anderen Hausindustrien des Schwarzwaldes unterschieden, dass sie sich der Hauptsache nach in einem Städtchen und in den benachbarten Thalzinken zusammendrängt; sie war auf einem früheren Entwicklungsstandpunkt geblieben, und insofern haben wir sie als das Gegenbild jener aufregenden Thätigkeit bezeichnet, in der der Scharfsinn des technischen Erfinders, der Geschmack des Kleinkünstlers, die Betriebsamkeit des Händlers, der die ganze Erde als sein Absatzgebiet betrachtet, zusammenkommen mussten, um eine Industrie zu entwickeln und zu erhalten, die doch bis auf die Krisis des letzten Menschenalters durchaus eine bäuerliche blieb: Es handelt sich um die Uhrenmacherei des hohen Schwarzwaldes.

Von ihrer Eigenartigkeit zeugt schon die Natur der Quellen, aus der wir das Bild ihrer Entwicklung allein schöpfen können. Wenn uns bisher Akten der Verwaltung, allenfalls einmal die Denkschrift eines Beamten leiteten, so versiegen diese archivalischen Quellen fortan beinahe völlig und ergeben nur nebensächliche Einzelheiten, an ihrer Stelle treten uns Memoirenwerke Mithandelnder oder unbeteiligter Zuschauer entgegen; in diesen gewinnt das persönliche Element die Oberhand; das sachliche ordnet sich ihm beinahe unter. Das gilt nicht nur von den Lebenserinnerungen einzelner, diesen Kreisen angehörender Männer, sondern auch von den vortrefflichen zusammenfassenden Schriften des Abtes Ph. Steyrer von St. Peter und des Pfarrers Jäck von Triberg. Auch sie wollen vor allem die Erinnerung an die einzelnen Erfinder und an die Fortschritte, welche man ihnen verdankt, festhalten. Was an ihren Schriften besonders anzieht, ist die aufrichtige Begeisterung für ihren Stoff. Sie behandeln ihn in der Ueberzeugung, dass hier ein merkwürdiger Abschnitt aus der Geschichte der Künste und des Handels gegeben, und dass jede Einzelheit der Erinnerung würdig sei.

Der Zweck unserer Darstellung ist natürlich ein anderer. An dieser Stelle müssen wir von der Mitteilung aller jener Namen, durch welche Steyrer und Jäck den Fortgang dieser Industrie bezeichnet haben, absehen; nur die sachlich wichtigen Entwicklungsmomente dürfen uns beschäftigen(1).

Den Schwarzwälder ist von jeher gleich allen Gebirgsvölkern die Geschicklichkeit eigen gewesen, das Holzmesser zu führen, mit ihm Geräte zu schnitzen und zu verzieren. Die Küblerei war ein allverbreitetes Gewerbe, in einzelnen Thälern war sie besonders häufig und hier versahen sich die Händler mit ihren Waren, die sie zugleich mit dem Glasgeschirr nach waldärmeren Gegenden verführten. Diese ländliche Hausindustrie ist ein geschichtsloses Gewerbe; sie hat sich seit den ältesten Zeiten nicht verändert; und wenn man etwas von ihr erfährt, so gibt den Anlass nur der Widerstreit, in dem sie sich stets mit den Interessen der Forstwirtschaft befand.

Hierum allein dreht sich der endlose Streit, in dem die immer erneuten und veränderten Waldentscheide nur vorübergehenden Waffenstillstand bedeuten, welchen die Stadt Baden mit dem Kloster Lichtenthal seit dem 15. Jahrhundert bestand. Das Kloster beanspruchte für seine Hintersassen, die Kübler von Beuren, ohne alle Einschränkung das Recht der Markgenossen, sich für ihr Gewerbe aus den Stadtwaldungen zu beholzen. Die Stadt Baden verweigerte es ebenso hartnäckig. So wird die Küblerei im hohen Schwarzwald auch nur gelegentlich erwähnt, wenn die österreichische Regierung, um dem drohenden Holzmangel zu wehren, die Ausfuhr aller Holzwaren verbot.

An der Ausfuhr hing die Existenz der Küblerei und Schnitzlerei geradeso wie die aller anderen Kleinindustrien; und mit diesen teilt sie auch die Neigung, Spezialitäten herzustellen, obwohl sie im ganzen dem gewöhnlichen Handwerk näher steht. Zugleich mit den Glasmachern der Rotwasserhütte hatten sich z. B. in dem wilden Kessel des Feldbergsees Schachtelmacher angesiedelt, welche die sonst kaum benutzbaren Stämme aufarbeiten sollten. Sie boten zugleich für die zerbrechlichen Industriewaren der Nachbarschaft das Verpackungsmaternal.

Professor Reuleaux bereist den Schwarzwald - Ein Gutachten zum Uhrengewerbe aus dem Jahre 1875 arrowRight16

Es war das wichtigste Ereignis in der Geschichte des Schwarzwaldes, als diese altvererbte Geschicklichkeit der Holzbearbeitung zum erstenmal angewendet wurde, um eine Uhr zu schnitzen. Da aber diese ersten Versuche noch nicht zur Ausbreitung einer Industrie führten, so hat man in späterer Zeit nur unbestimmte Nachricht von ihnen gehabt. Die Wahrscheinlichkeit bringt es mit sich, dass Glasträger zuerst eingetauschte Uhren auf den Schwarzwald mitbrachten; an verschiedenen Stellen zu Waldau, der äussersten der zu St. Peter gehörigen Vogteien, auf dem Schweibrunnen bei St. Märgen, im Stockwalde bei St. Georgen sollen sie ziemlich gleichzeitig ums Jahr 1665 nachgeahmt worden sein. Die Unruhe des Krieges, der ungleich dem 30jährigen gerade den Schwarzwald zum Schauplatz der Truppenbewegungen machte und, wie wir wissen, auch die Glasmacher aus der Herrschaft St. Peter zeitweilig verscheuchte, liess diese Keime bald wieder verdorren.

Erst gegen 1720 wurden, wiederum an mehreren Stellen gleichzeitig, diese Versuche aufgenommen. Man nimmt wohl mit Recht an, dass einige übrig gebliebene Uhrwerke aus der Zeit vor den französischen Kriegen das Vorbild abgaben, denn auch diese Uhren bedienten sich zur Regulierung noch des Wagbalkens statt des Perpendikels, der sonst seit Huygens allgemein in Brauch gekommen war. Auch jetzt waren einige dieser zweiten Erfinder wohlhabende Hofgutsbesitzer, die ihre Feierstunden dazu verwendeten, die schwierige Aufgabe, die sich ihnen hier stellte, zu lösen, und für die, wenn es ihnen gelungen, die weitere Verwertung kein Interesse mehr hatte. Noch jetzt sind solche Fälle nicht selten: der Hofbauer verschmäht das Gewerbe, aber er findet im Nachsinnen über kleinere mechanische Probleme und im Konstruieren seine Erholung; allenfalls stellt er seine Erfindungen den Nachbarn zur Verfügung(2).

Auch damals hat solch ein Bauer, Matthias Löffler, nachdem er erst einmal seine Uhr zusammengesetzt hatte, sich weiterhin lieber mit der Verbesserung der dazu verwendeten Instrumente beschäftigt. Er erfand das Zahngeschirr, das den Uhrenmacher der Mühe überhob, jeden Zahn der Räder besonders auszumessen und zu schnitzen, und gab dadurch eigentlich erst die Möglichkeit einer wirklich industriellen Entwicklung, die über das Handgeschick des einzelnen Schnitzers hinausging. Man rechnete, dass die Leistungsfähigkeit des Arbeiters dadurch um das sechsfache erhöht werde(3).

Aber nicht von solchen reichen Hofbauern, sondern von Häuslern, die im Gewerbebetriebe ihre Nahrung suchen mussten, ging die Verbreitung der Erfindung aus. Simon Dilger von Urach, Franz Ketterer von Schönwald werden als die beiden gleichzeitigen Erfinder, die zuerst Uhren für den Verkauf arbeiteten, genannt. Sie schienen dem Pfarrer Jäck den Namen von Patriarchen ihrer Kunst zu verdienen, denn aus ihren Werkstätten, von ihren Schülern leiteten sich die einzelnen Stänme der Uhrenmacherfamilien ab, und es blieb den Nachkommen eine wahre Genealogie der Kunstfertigkeit im Gedächtnis.

Wir ersehen aus diesem Stammbaum der Werkstätten, wie er von Steyrer und noch ausführlicher von Jäck mitgeteilt wird, in welcher Weise die Uhrenmacherei bald im Umkreise der beiden Orte ihrer Entstehung sich verbreitete.

Die ersten Schritte waren natürlich die langsameren. Ein gewisses Misstrauen gegen die neue Erfindung war zuerst zu überwinden, da man Bedarf und Absatz nicht übersah.

Es war ein weiter Weg von der pessimistischen Warnung, die ihre Angehörigen an die ersten Lehrlinge ergehen liessen: "Die Uhren würden nicht immerdar abgehen, weil sie schier ewig dauern," bis zu der freudigen Zuversicht, mit der Steyrer in einer Zeit, als er die Jahresproduktion des Schwarzwaldes eher zu niedrig als zu hoch auf 75.000 Uhren berechnete, schliessen konnte:

"Die Welt ist gross, und solange man die Uhrenhändler in fremden Landen duldet, solange kann das Uhrenmachen einen dauerhaften Fortgang haben." Aber dieser Weg ward doch in kaum zwei Menschenaltern durchmessen. Schon in der ersten Generation wurden die Grenzen der örtlichen Ausbreitung des Gewerbes festgesetzt. Furtwangen und Neustadt kann man wohl als die eigentlichen Mittelpunkte bezeichnen; in jeder Vogtei, jedem Thale sassen wenigstens einige Uhrenmacher.

Links: Bahnhäusleuhr von Friedrich Eisenlohr, 1850/1851; rechts: Kreuzer, Glatz & Co., Furtwangen, 1853/1854 (Deutsches Uhrenmuseum, Inv. 2003-081) - aus wikipedia
Man glaubte zu bemerken, dass sie sich in den Thälern, wo die ersten Erfinder ansässig gewesen, am dichtesten drängten: so in Waldau und Neukirch, in Urach mit seinen Zinken und in Gütenbach; aber niemals klebt der Uhrenmacher an der Scholle; von einer Kunstfertigkeit, die sich in diesem oder jenem Dorfe besonders festgesetzt und ausgebildet hätte, wie wir es sonst eigentlich bei allen Hausindustrien finden, ist hier nicht die Rede. Die Söhne einer und derselben Familie, die Lehrlinge, die aus einer gemeinsamen Werkstatt hervorgegangen, zerstreuen sich alsbald im ganzen Gebiet. Die Freizügigkeit hatte der Schwarzwälder trotz mannigfacher Anfechtungen sich im ganzen zu bewahren gewusst und übte sie ausgiebig; sie diente sofort dazu, die Keime dieses Gewerbes nach allen Richtungen auf dem Schwarzwald zu verbreiten.

Einzelne der ersten Meister verlegten wohl selber ihre Werkstatt. So geschah es, dass selbst in die protestantischen Gebiete, die zu Württemberg gehörten, nach Kirnach und St. Georgen der Betrieb gleich anfangs verpflanzt wurde. Man hatte ein Sprichwort, dass man von der kalten Herberge bei Urach ringsum 5 Stunden weit die Orte zählen könne, wo die Uhrenmacher lebten. Bittenweiler bei Freiburg und das Glotterthal waren die letzten vorgeschobenen Posten nach Westen, die württembergischen Dörfer über Hornberg bildeten die Grenze nach Norden. Im Jahre 1796 glaubte Steyrer die Gesamtzahl auf 500 selbständige Meister annehmen zu können, doch zählten 1815, als die Uhrmacherei eher zurück als vorwärts gegangen war, die Amtsbezirke Triberg und Neustadt allein 688 Uhrenmacher und 127 Nebenarbeiter mit einer Produktion von über 187.000 Uhren.

Die Bahnhäusle-Uhr - ein Jahrhundertdesign arrowRight16

Diese rasche Ausbreitung ging Hand in Hand mit einer ungewöhnlich reichen Entwicklung im Inneren; sie ist um so merkwürdiger, weil sie sich fast ganz auf das 18. Jahrhundert zusammendrängt. Im 19. erhielt die Uhrmacherei nach langem Schlummer erst durch die Grossindustrie und den Staatsunterricht einen neuen Anstoss.

Hierbei handelt es sich nicht nur um eine gewerbliche, sondern auch um eine bedeutende geistige Entwicklung. Das eigentliche Wesen wissenschaftlicher Technik: fortzuschreiten von Aufgabe zu Aufgabe, eine aus der anderen zu entwickeln, ist von diesen ländlichen Künstlern ganz richtig erfasst worden; es hat bei ihnen nur eine bäuerliche Färbung angenommen. Bei allen begabten Förderern dieser Industrie macht sich nämlich die Lust am Seltsamen, am Ueberraschenden geltend, worin immer der Folgende seine Vorgänger zu überbieten trachtet. Es war eben von Anfang an die Freude am Experiment, vielleicht auch der Trotz, ohne Lehrmeister etwas Künstliches machen zu können, was andere gelernt haben, was diese eigenrichtigen Köpfe zum schwierigsten aller Gewerbe geführt hatte. Die Eröffnung eines neuen Nahrungszweiges hatten sie anfänglich nur als Zugabe mitgenommen. In ihren Erzählungen betonen diese alten Uhrenhändler deshalb nichts lieber als die Verwunderung, in welche sie die Laien versetzen. Es gilt ihnen als höchster Stolz, bei allen uncivilisirten Völkern, von den Russen an bis zu den Wilden Nordamerikas, als Zauberer zu gelten. Jede neue Erfindung eines Meisters verkünden seine Gesellen ruhmredig und erwecken bei den Zuhörern neuen Wetteifer.

Dieser Wunsch, den Neuling zu verblüffen, hat den Schwarzwälder Künstlern besonders die Fertigkeit und Findigkeit im Ersinnen automatischer Werke, oft auch nur bizarrer Spielereien verschafft. Der Mechanismus eines Uhrwerks interessierte sie ganz besonders dann, wenn er mit der Thätigkeit des Menschen zu wetteifern schien. Hiermit aber nahmen sie teil an einer Hauptrichtung der wissenschaftlichen Technik ihrer Zeit, die zwar nur zu unbedeutenden Resultaten führen konnte, aber um so tiefer in der gesamten geistigen Richtung des Jahrhunderts wurzelte(4). Ich möchte sagen: in der Schwarzwaldindustrie hat diese Zeitrichtung ihren bleibenden industriellen Niederschlag gewonnen.

Die klassische "Schwarzwälder Kuckucksuhr" - aus wikipedia
Die klassische "Schwarzwälder Kuckucksuhr" - aus wikipedia


Wenn nun auch das Idealbild des Uhrenmachers der "Tausendkünstler" ist, wie er sich selber am liebsten bezeichnen hört, so liegt doch schliesslich seinen Leistungen immer eine wirkliche mechanische Aufgabe zu Grunde, die mit Ernst gelöst sein wollte. Dass den Erfindern dies ohne eigentliche mathematische Kenntnisse gelang, bleibt immer merkwürdig. Anschaulich hat ihr eigener Pfarrherr und aufrichtigster Bewunderer diese bäuerlichen Denker geschildert: "Einen solchen Wälder tagelang über eine neue Idee sinnen, Schlaf und Essen vergessen - und dann das Entzücken sehen, der erhaschten Idee auf die Spur gekommen zu sein, ist keine seltene Erscheinung. Es bedarf nur eines Mannes, der einem denkenden Wälderkünstler den Mechanismus eines Radwerkes begreiflich zu machen weiss; hat dieser Lehrling der Natur nur einmal aufgefasst, was eigentlich durch das Radwerk bewirkt werden soll, so sinnt er sich die Einrichtung nach seiner eigenen Vorstellungsgabe aus und stellt alsdann die gefasste Idee realisiert dar."

In allen diesen Stücken erscheint die industrielle Entwicklung des Schwarzwaldes der des anderen Uhrmacherlandes, des Schweizer Jura, geradezu entgegengesetzt. Dort beruhte alles auf der Autorität, auf strenger Unter- und Einordnung des Einzelnen, auf der peinlich genauen Arbeitsteilung einer ganz sesshaften Bevölkerung. Wenn demungeachtet eine bedeutende Mannigfaltigkeit der Ware erreicht worden ist, so geschah dies doch immer innerhalb der Beschränkung auf das eine engbegrenzte Gebiet der Taschenuhrenfabrikation. Im Schwarzwald dagegen sucht sich jeder Arbeiter über seinen Gegenstand zu erheben; er sucht ihm immer neue Seiten abzugewinnen; er fühlt sich als Künstler; und selbst die arme Arbeiterin, die einen Aufsatz für die Sonntagsschule des trefflichen Jäck abfassen soll, hebt voll Stolz ihren Reim an:

"Ich hab’ die Woche gearbeitet in der Uhrenmacherei;
Ich weiss, dass es eine der freien Künste sei."

und dann geht sie erst zur Schilderung der dürftigen Lage ihres Standes über.

Bei einem solchen individuellen Selbstgefühl ging die Arbeitsteilung denn auch nur gerade so weit, als sie dem selbständigen künstlerischen oder technischen Nachsinnen diente. Hier hat sie wirklich geleistet, was ihr der wissenschaftliche Entdecker ihrer Bedeutsamkeit, Adam Smith, etwas einseitig überall nachrühmte: sie hat die individuellen Fähigkeiten geschärft und entwickelt.

Die hier geschilderte Richtung erkennen wir ebensowohl bei jenen Erfindern des 17. Jahrhunderts, die zunächst keine Nachfolge fanden, wie bei der zweiten Gruppe, die 50 Jahre später fällt. Mathias Löffler, der Hofbauer und Konstrukteur, konnte als einer ihrer ersten Repräsentanten gelten. Bei erhöhtem Wettbewerb steigerten sich auch diese Eigenschaften. Schon der zweiten Generation gehört die charakteristische Gestalt Friedrich Dilgers aus Urach an, des Sohnes des ersten Erfinders Simon Dilger - "ein Künstlertalent", wie Jäck von ihm sagt, "dem nichts unversucht blieb, der nebst der Kunst, Uhren zu machen, die geschicktesten Schreiner- und Glaserarbeiten zu verfertigen wusste, und nicht nur Instrumente für die Musik, wie sie damals möglich waren, ausarbeitete, sondern auch von selbst sie spielen lernte." Mit einem Pack seiner Uhren gelangte er bis Paris, und hier schaute er in den Werkstätten der Kleinuhrenmacher, die vor dem täppischen ländlichen Kollegen wohl, kaum etwas verbargen, mit gespannter Aufmerksamkeit so lange zu, bis er die Arbeitsinstrumente und die Einrichtung der Werke selber erfasst hatte. In Gedanken an das Ziel legte er sich nach Art dieser zähen Gebirgssöhne ein Jahr über jede Entbehrung auf, unterzog sich jeder niedrigen Dienstleistung und kehrte dann im modernen roten Rock - denn auch durch ihr Aeusseres wollen solche Menschen gerne imponieren - nach der Heimat zurück.

Hier setzte er seine Landsleute in Erstaunen ebenso durch eine Fülle automatischer Spielereien, wie durch die Lösung des schwierigsten Problems, die Konstruktion der Uhr mit Jahres- und Monatszeigern. Seine Werksätte in Urach ward eine der bedeutendsten Pflanzstätten für die verschiedenen Teile des Schwarzwaldes.

Aus diesen sozialen und persönlichen Verhältnissen heraus erklärt sich die eigentümliche, einen scheinbaren Widerspruch enthaltende Doppelseitigkeit der Schwarzwaldindustrie, die sie von ihrem Beginn an zeigt, bis mit der Grossindustrie teilweise auch hier eine Aenderung in unseren Tagen eingetreten ist. Sie stellt einerseits billige Massenprodukte dar, einfache Holzuhren für die Bürgerstube, das Bauernhaus, andererseits ausgesuchte Spezialitäten: Automaten, Spielwerke für den Prunksaal, das Raritätenkabinett. Sie überspringt aber, was in der Mitte liegt: die Massenproduktion feiner Uhrwerke. Denn der Arbeiter, welcher für sich allein oder nur mit einem Gesellen schafft, muss entweder Handwerks- oder Künstlerarbeit hervorbringen; die Präzision und Feinheit, die bei tausendfacher Wiederholung die gleiche bleiben soll, ist nur bei durchgeführter Arbeitsteilung zu erreichen. Man wird es bezeichnend finden, dass auch die Schwarzwälder bisweilen Taschenuhren herstellten, aber nur solche, in denen alles ausser Feder und Spirale aus Buchsbaumholz hergestellt war - Proben einer bis zur Caprice getriebenen Handgeschicklichkeit, die als Seltenheit, als Schaustück gesucht wurden.

Die ältesten Uhren, die nur mit dem Zirkel und den gewöhnlichen Werkzeugen des Holzschnitzers hergestellt waren, die statt des Pendels den Wagbalken anwendeten und nur aus drei Rädern mit Getriebe und Vorwerk bestanden, hatten doch nur geringen Absatz gefunden. Man hatte schon Verfeinerungen anderer Art in Menge gefunden, Kuckucksuhren, Repetieruhren, automatisehe Figuren hergestellt, ehe man erst gegen 1740 die wichtigste Aenderung für die Genauigkeit des (Ganges vornahm, den Pendel allgemein einführte(5). Zehn Jahre später begann man, das innere Werk teilweise aus Metall statt ganz aus Holz herzustellen. Etwas früher hatte man das einfache Radwerk, das nur zwölf Stunden hielt, übersetzt und die Ablaufzeit der Gewichte für die besten Uhren bis auf acht Tage erhöht. Die Regel blieb freilich die 24stündige Ablaufzeit. Zwei Gattungen, die bis heute allgemein verbreitet sind, tragen noch die Namen ihrer Erfinder: die kleinen Wanduhren, die Jakob Hebstreit in Hinterzarten, nach Schwarzwälderart mit einem Scherznamen "zweimal Jockele" bezeichnet, herstellte, die Jockelesuhren, und die noch jetzt allgemein gebräuchlichen Schottenuhren, nach Joseph Schott benannt.

Gleichlaufend mit diesen technischen Verbesserungen wurde eine Reihe kleiner Erfindungen gemacht, die alle den Hang zum Seltsamen, zum unterhaltenden Spielwerk verraten. Es scheint, dass ziemlich gleichzeitig(6), bereits um 1730, sei es durch Beobachtung des Blasebalgs an der Orgel, sei es durch Berichte von Uhrenhändlern angeregt, zwei Uhrmacher in Schönwald und in Waldau auf die Einrichtung der Kuckucksuhr kamen. In ihrer mannigfaltigen Ausbildung, wobei uns ein Wechsel artiger kleiner Veranstaltungen begegnet, haben sich die Schwarzwälder auch weiterhin besonders gefallen.

Ein Beispiel für die Designform "Jagdstück", Schwarzwald, um 1900, Deutsches Uhrenmuseum, Inv. 2006 – 015 - aus wikipedia
Ein Beispiel für die Designform "Jagdstück", Schwarzwald, um 1900, Deutsches Uhrenmuseum, Inv. 2006 – 015 - aus wikipedia


Mit dem Kuckuck, der sein Thürchen öffnet und die Stunden ausruft, war der erste Automat und das erste Spielwerk gegeben. Zur Herstellung der vielfachen Automaten, die sich auf den Uhrwerken bewegten, und deren schon Steyrer eine grosse Anzahl aufzählt, musste sich die Kunst des Uhrenmachers und des Bildschnitzers vereinigen; Vorbilder fand man hier bereits in den grossen Uhrwerken der Kathedralen; die Strassburger Münsteruhr blieb das vielbewunderte Muster und man gelangte bis zur Herstellung grösserer Astrolabien, die man natürlich nicht selber berechnete. Solche Werke mussten dann besonders dazu dienen, den Uhrenhändlern den Weg in fremde Länder zu öffnen. Ihr kunstreichster Verfertiger, Matthias Hummel in Waldau, der alte Jägersteiger zubenannt, war wohl der bekannteste Mann auf dem Schwarzwalde.

Sachlich bedeutender und folgenreicher für die Zukunft war der Uebergang zur Fabrikation von Musikwerken. 1768 verfertigte Johann Wehrle aus Neukirch die erste Spieluhr, wozu er noch Glasglöckchen brauchte. Auch diesmal findet sich der Fall, der sich in der Technik so oft ereignet, und hier, wo eine ganze Bevölkerung nach solchen Neuerungen suchte, besonders nahe lag: dieselbe Erfindung tritt gleichzeitig an mehreren Stellen auf; und einmal gemacht, wird ihr Prinzip bald in vollkommenerer Weise ausgebildet.

Der Sohn Wehrles setzte schon nach wenigen Jahren Klaviersaiten und Resonanzboden hinzu, Trompeten und Pfeifen wurden schon zwei Jahre nach der Erfindung mit diesen beiden verbunden; wiederum wenige Jahre später wurden Einrichtungen, die Noten auf die Walzen zu stechen, getroffen, die Härten des Anschlags und der Uebergänge zu mildern, den Ton jedes Instrumentes nachzubilden. Die besten Köpfe wandten sich gleichmässig der Förderung dieses einen Zweiges zu; das Raffinement der Technik, das die eigentliche Uhrmacherei oft vermissen liess, ward hier, wo selbst das Erträgliche nur durch vollständiges Zusammenstimmen und Ineinanderfliessen der Töne möglich gemacht wird, um so besser nachgeholt.

Dass Menschen, deren musikalische Bildung bisher über den monotonen Volksgesang nicht hinausgegangen war, so rasch diese Stufe erreichten, ist noch seltsamer als ihre raschen Fortschritte in der angewandten Mechanik. Hier musste Anregung von anderer Seite hinzutreten; eine beständige Beeinflussung that hier not, wo dort meistens Zusehen und Nachahmen genügte. Sie fanden in der Nähe, was sie brauchten. Die notwendigen Beziehungen zum wissenschaftlichen und künstlerischen Leben, die sie sich selber nicht verschaffen konnten - auch auf Wanderungen im Auslande nicht - vermittelten ihnen die Benediktinerklöster ihrer Nachbarschaft.

Wir sahen früher, wie abschätzig, wie widerwillig sich in dieser Zeit die Staatsbeamten über die Bevölkerung des Schwarzwaldes aussprachen, wie alles, was von ihr erreicht wurde, eigentlich in Opposition gegen jene geschah. Da war es denn um so wichtiger, dass diese bäuerlichen Künstler bei dem reichlich vorhandenen geistlichen Element Verständnis und rege Förderung fanden. Noch einmal vor ihrem Erlöschen nahmen im 18. Jahrhundert die Benediktinerklöster des Schwarzwaldes eine Stellung ein, die an Bedeutsamkeit für das geistige Leben der Nation zwar nicht mit jener zu vergleichen war, die sie bei ihrer Gründung, in den Zeiten der grossen Kämpfe des Mittelalters ausgefüllt hatten, die aber in friedlicher und fruchtbarer Thätigkeit die ursprüngliche Idee des Ordens in würdiger Weise wiederspiegelte. Im Titel der grossen Sammelschrift des Abtes Gerbert von St. Blasien: Silva Hercynia colonia ordinis S. Benedicti spricht sich schon die Gesinnung aus, mit der der Orden den Schwarzwald betrachtete. Der Anspruch, dass er eine Benediktinerkolonie sei, ist wohl etwas weitgehend; das Gefühl einer besonderen Zugehörigkeit zu dieser Landschaft ist um so lobenswerter. Die Art, wie diese Sankt-Blasianer, immer bedacht, ihre Werke in jener monumentalen Form zu geben, die der Orden bei seinen wissenschaftlichen Leistungen forderte, allgemeine und lokale Geschichte zu verbinden wussten, wird immer denkwürdig bleiben. Ihre Akademie - wie sie sie wohl selber nannten - bildete einen Brennpunkt wissenschaftlicher Studien, wie er sonst in Oesterreich vergebens gesucht wurde. Bescheidener aber im gleichen Geiste war die Thätigkeit, die in anderen Klöstern einzelne Väter in der Sichtung der Urkunden, im Zusammentragen von Quellen, der Abfassung von Jahrgeschichten entwickelten. Ihrer eifrigen Unterstützung verdanken doch auch Gerbert und Herrgott ihre Materialien zum grossen Teil.

Was uns aber hier am meisten angeht, ist die rege Teilnahme an den wirtschaftlichen Bestrebungen, die wir in fast allen Klöstern des Schwarzwaldes antreffen. Das Aelteste und das Neueste, die Regel des heiligen Benedikt und die Ideen des Zeitalters der Humanität, denen sie sich arglos hingaben, wirkten hierbei ungestört zusammen.

Wir erinnernuns jenes unternehmungslustigen Abtes von Gengenbach, der in den Schluchten des Mooswaldes eine Fabrikenkolonie gründete; wir haben die Bethätigung Gerberts bei der Einführung der Textilindustrie kennen gelernt. Denn auch auf dem künstlerischen und technischen Gebiete wollte der ehrgeizige Abt seinen Platz behaupten. Wie sich unter ihm der Prachtbau der neuen Kuppelkirche, weitaus des bedeutendsten Monumentalwerkes, das Süddeutschland im 18. Jahrhundert entstehen sah, erhob, so brachte er im Innern des Klosters technische Neuerungen zur Anwendung, die sein regsamer Geist ersann. Die erste Eisenbahn, die man auf dem Kontinente sah - halb Spiel halb Experiment - diente dem Gebrauch der St. Blasianer Mönche.

Anspruchsloser aber tiefergreifend waren die Arbeitsleistungen der Benediktiner zu St. Peter und St. Märgen, zu denen auch wohl einmal ein Kapuziner von Neustadt trat. Wie lange hatten nicht diese Mönche mit den Bauern gehadert! Auch nachdem die Klöster aufgehört hatten, Versorgungsstätten des Adels zu sein, seitdem sie sich wesentlich aus dem Bürgerstande ihre Novizen holten, hatten doch noch immer die alten, ebenso rechtsgültigen wie unbilligen Forderungen mehrfacher Zehnten, schwerer Grund- und Leibeigenschaftsabgaben den alten Zwist wachgehalten. Aber nach den verwüstenden Kriegen Ludwigs XIV. scheint er wie erloschen; mehr als eine 700jährige Vergangenheit hatte die Not der letzten Zeit bewirkt: Bauern und Mönche hatten sich fester aneinander geschlossen. Der vertraulichste Verkehr mit den Uhrenmachern seines Gebietes, eine ungekünstelte Begeisterung für ihre Talente lässt sich aus jeder Zeile der Schrift des Abtes Ph. Steyrer ersehen. Er hat sich ganz den Stolz der Bauern zu eigen gemacht, "dass der Schwarzwald ohne Lehrmeister, ohne Aufmunterung, ohne Unterstützung einer höheren Macht nur aus innerem Triebe und durch eigenen Fleiss es in dieser Kunst so weit gebracht, dass er jetzt die grössten Künstler zählt."

In diesen Klöstern fanden sich zahlreiche kunstliebende Mönche, welche mit Eifer auf die Industrie der Musikwerke eingingen. Sie übernahmen den musikalischen Unterricht der Fabrikanten, lehrten ihnen die Tonsetzung, richteten selber die Stücke der grossen Zeitgenossen Haydn und Mozart für ihren Gebrauch ein, und übten eine wohlwollende Kritik so lange, bis, wie sich Jäck ausdrückte: "bei den Bauern der gefällige einschmeichelnde Ton erwachte, der in den kleinen musikalischen Galanterien der Spieluhren entzückt."

Ebenso wichtig ward für die Uhrmacherei die Hilfe, die ihr ein anderer Konventuale von St. Peter, der zugleich Professor der Mathematik in Freiburg war, leistete, Pater Thaddäus Rinderle.

Dasselbe einleuchtende Ziel verfolgte der Schwarzwälder überall mit Konsequenz, wie es denn in der Natur jeder industriellen Entwicklung liegt. Um die zerbrechlichen gläsernen Glöckchen zu ersetzen, war Friedrich Dilger nach dem Jura gewandert und hatte aus Solothurn die Metallglöckchen mitgebracht. Von hier und bald noch mehr von Nürnberg wurden sie zunächst bezogen, bis es einem Schmied auf dem hohlen Graben, der vielumstrittenen Passhöhe auf der Strasse vom Rhein- zum Donauthal, Paul Kreuz, gelang, die Nürnberger Ware zu übertreffen. Er goss in seiner Hütte bald 60 Zentner Uhrenglocken, und mit grosser Schnelligkeit(7) verbreitete sich im Anfang der 80er Jahre diese Technik über den Wald. Steyrer zählte 1794 bereits 10 Giesshütten, die sich sogar einen bedeutenden, durch die Uhrenhändler vermittelten Export nach England verschafft hatten.

Länger dauerte die Abhängigkeit von Nürnberg im Bezug der gegossenen Uhrräder. Auch Steyrer schien eine Konkurrenz bei gleicher Güte und Billigkeit (45 kr. das Pfund) schwer möglich. Er setzte in die Versuche, die seit einigen Jahren angestellt waren, kein besonderes Vertrauen. Aber auch diese sollten gelingen(8). Im Jahre 1787 machte der Gerichtsmann und Salpetersieder Hofmayer zu Neustadt in seiner Salpeterhütte Versuche zum Giessen der Uhrräder, wobei ihn seine Söhne, weitgewanderte Uhrenhändler, unterstützten. Jedoch ward er alsbald von der fürstenbergischen Regierung in Strafe genommen und ihm bis zur "Einholung hochfürstlich gnädigster Herrschaft gnädigster Erlaubnis" weitere Versuche untersagt, weil er seine Kompetenz überschritten habe. Neustadt war einer der wenigen Punkte, wo man die Zunftverfassung auf dem Schwarzwald durchgesetzt hatte. Die - übrigens resultatlose - Antwort Hofmayers zeigt nochmals die Gesinnung der Schwarzwälder Kleinindustriellen gegen jede Art von Beschränkungen. Er macht die Behörde auf die Verdienstlichkeit einer Konkurrenz mit Nürnberg aufmerksam und fährt fort: "Es ist bekannt, dass in andern, nämlich wohleingerichteten und aufgeklärten Staaten die Unterthanen zu dergleichen Spekulationen statt gestraft mit Belobungsdekreten und Privilegien aufgemuntert, ja sogar von der Landesherrschaft zur Anlegung neuer Fabriken mit Geld noch unterstützt werden." Solches begehre er nicht, erklärt er weiter, aber wenigstens Hindernisse auf seinem Wege solle man ihm nicht bereiten. 1791 legte dann Hofmayer eine grössere Hütte zum Giessen von jährlich 200 Zentner Rädern und Zeigern an, ein anderer Händler in Gütenbach, der sich auf seinen Wanderungen die nötigen Kenntnisse gesammelt, folgte seinem Beispiel, und als Jäck schrieb, im Jahre 1815, versorgte sich der Schwarzwald auch mit diesem Material selber.

Diese Absonderung eigener Gewerbszweige wird man kaum zur Arbeitsteilung innerhalb der Uhrmacherei rechnen; wohl aber gehört hierher die Trennung, die sich sehr bald zwischen der Herstellung des Werkes und des Kastens notwendig machte. Die Gestellmacher gingen aus den Reihen der Schreiner oder Kübler hervor. Die naturalistische Schnitzerei, wie sie allen Gebirgsvölkern eigen ist, die Nachahmung von Tier- und Pflanzengestalten ward ursprünglich allein zur Verzierung angewandt.

Sie hat späterhin wieder lange allein in der Schwarzwälder Uhrenmacherei geherrscht, und ist sogar vom Publikum bevorzugt worden, als ob sie allein den Produkten ländlicher Industrie zukomme. Aber gerade in den ersten, rasch voranschreitenden Generationen hat der Wunsch sich lebhaft geltend gemacht, die Verzierung reicher zu gestalten und sie namentlich mit dem herrschenden Kunststil in Einklang zu setzen. Schon die Vorliebe für Automaten musste zur Pflege der Figurenschnitzerei führen, der naturalistische Geschmack herrschte aber auch hierbei, wo es galt, Scenen des täglichen Lebens mit der Wahrheit der Bewegung nachzuahmen. Aber an diesen kleinen Aufgaben übte sich die Hand; ein begabter Schnitzer, Matthias Faller von Neukirch, suchte seine weitere Ausbildung in Italien. Zurückgekehrt hat er alle Kirchen und Klöster des Schwarzwaldes mit Statuen ausgeschmückt, die, so wenig sie die hohe Bewunderung seiner Zeitgenossen und Landsleute rechtfertigen mögen, doch zu den virtuosesten Leistungen des Rokoko gehören(9). Wichtiger war es, dass er das ideale Ornament in die Dekoration der Uhren und namentlich der Spielwerke einführte. Seine Kinder führten zunächst diese Richtung weiter, sie verbanden Bildhauerei im Uhrenschilde, Malerei in der Fassung; in beiden Gattungen fanden sie Nachfolger. Holzschnitzerei und Gravierung suchten "niedliche Bildhauer-Ideale im modernen Geschmacke der Zeichnung" wiederzugeben.

Denselben Gang nahm die Schildmalerei. Eine kleine Bilderpresse, um Heiligenbildchen zu vervielfältigen, die ein Eremit bei Kirchzarten besass, gab um 1740 einem Uhrmacher in Gütenbach Anlass, in gleicher Weise die Zifferblätter zu drucken und zu verzieren. Erst 1770 begann man, zunächst noch in roher Weise, die Uhrenschilder zu bemalen. Auch hierbei verführen in der Wahl des Lacks und Firnisses die Schwarzwälder als Autodidakten. Ein anderer Matthias Faller von Gütenbach war es, der hier die Handfertigkeit zur Kunst erhob. Jäck, der in ihm den Vollender der Schwarzwälder Kunst bewunderte, hat ihn geschildert als eine Art von bäuerlichem Leonardo da Vinci. Die Lust zum Experiment, die Zuversichtlichkeit, mit der er alle ihm irgend erreichbaren Künste und Fertigkeiten verband und wechselweise nutzbar machte, kennzeichnen ihn als den Vollender jener Richtung, die wir in Matthias Löffler und Friedrich Dilger beginnen sahen.

Als Musiker, als Dichter, "der mit einem natürlichen Zartgefühle des Gemütes in ungekünstelten Poesien seine Empfindungen zu malen weiss", als Maler, Modelleur, Kupferstecher, als Chemiker - es handelt sich dabei um Zusammenstellung seiner Farben und um neue Metalllegierungen - als Mechaniker, ja sogar als Experimentator auf dem landwirtschaftlichen Gebiete erregte er das Staunen seiner Landsleute. "Wie ein Proteus verändert er die Form seiner Arbeiten," ruft sein Pfarrherr und Bewunderer aus; und sein Einfluss auf den verschiedenen Gebieten seiner Thätigkeit war in der That nicht unbeträchtlich.

Erst diese reiche Entfaltung der individuellen Eigenschaften verleiht der Schwarzwälder Industrie des 18. Jahrhunderts ihr eigenartiges Interesse. Sie zeigt vor allem, dass die herrschenden Richtungen der deutschen Kultur im 18. Jahrhundert sich noch in den entlegensten Thälern des Schwarzwaldes geltend machten. Oft hat sich sonst der rege Bildungseifer der Deutschen in seinen Stoffen und Wegen vergriffen. Die Klagen über eine flache Halbbildung sind dem Zeitalter unserer klassischen Litteratur mindestens ebenso geläufig wie dem unseren. Der Bauernstand aber war allerwärts so gut wie unberührt von dieser mächtigen Kulturbewegung geblieben. Nur hier im Schwarzwald sehen wir eine ländliche Bevölkerung eifrig bemüht, sich verschiedene ihr erreichbare Bildungselemente anzueignen und für sich nutzbar zu machen. Die Anregungen hierzu erhält sie nicht von ihren Regierungen, deren Eifer sich überall sonst fruchtbarer erwies als gerade hier, sondern teils durch die alten geistlichen Bildungsstätten im eigenen Lande, teils durch den internationalen Weltverkehr, an dem sie, zwar in bescheidenem Masse, aber um so thätiger Anteil nahmen.

1.) Die neueren Bearbeitungen kombinieren für die frühere Zeit fast nur das von Jäck und Steyrer gelieferte Material. Die Entwicklung der Industrie hat, als sie auf ihrem tiefsten Standpunkt angelangt war, vortrefflich A. Meitzen in seiner Inauguraldissertation "Die Uhrenindustrie des Schwarzwaldes" (Breslau 1848) dargestellt.
2.) Mir selber ist ein solcher sehr reicher Bauer bekannt, der durch Selbststudium seine Kenntnisse vertieft hat und aus blosser Gefälligkeit weit im Umkreis auf den Hofgütern verschiedenste Wassermotoren anlegt.
3.) Steyrer und Jäck geben übrigens verschiedene Erfinder an. Gothein, Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes. I. 53
4.) Siehe hierüber die Einleitung zu Helmholtz, Erhaltung der Kraft.
5.) Jäck, der die Zeit angibt, erklärt: Man wisse nicht, von wem die Aenderung ausgegangen. Steyrer nennt den Christian Wehrle. Hat er recht, so müsste das Datum sogar noch um 10 Jahre später gerückt werden.
6.) Steyrer und Jäck teilen, ihren verschiedenen Wohnsitzen entsprechend, auch hier verschiedene Traditionen mit.
7.) Die Konzessionen im Fürstenberger Archiv.
8.) Das Folgende nach den Akten im Fürstenbergischen Archiv.
9.) Die Holzstatuen in St. Peter geniessen sogar eine gewisse Berühmtheit.

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Die Hornberger Freilichtbühne


Hornberg - ein kleines Schwarzwaldstädchen mit ca 4.500 Einwohnern begrüßt die Gäste der Freilichtbühne im von den fleißigen "Ehrenamtlichen" erbauten Spieldorf vor großer KulisseBeim ersten Besuch der Hornberger Freilichtbühne darf man über deren Dimensionen überrascht sein.

Hornberg - ein kleines Schwarzwaldstädchen mit ca 4.500 Einwohnern begrüßt die Gäste der Freilichtbühne im von den fleißigen "Ehrenamtlichen" erbauten Spieldorf vor großer Kulisse. Es mangelt nicht an der Verkehrserschließung, reichlich Parkplätze sind vorhanden und die große Tribühne bietet ausreichend Sitzplätze für die interessierten kleinen und großen Besucher*innen. 

Ebenso überaschend, wie die großräumige Spielstätte ist die beachtliche Anzahl der begeistert vortragend und spielenden Theatertruppe. Mit Recht stellt man sich die Frage, wo der Hornberger Historische Verein seine Schauspieler rekrutiert. So sind es beim "Hornberger Schießen" Dutzende von Kindern, Jugendlichen und Erwchsenen, welche alle ihrer Freude am spielerischen Vortrag Ausdruck verleihen.

Damit noch lange nicht genug sind auch die Tiere zu erwähnen, (welche Baden Online weiter unten näher beschreibt) die an den Vorträgen beteiligt sind. Große und klein Pferde (Ponys) zeigen sich ebenso, wie Geisen oder wagenziehendes Rindvieh.

Eine kurze Gründungsgeschichte stellt nachfolgend der Historische Verein Hornberg samt der Gründungsmitglieder und weiteren Aktivitäten des Vereins vor:

Gründung der Hornberger Freilichtbühne durch den Historischen Verein Hornberg

1955 gründeten seine 14 Mitstreiter und er den Historischen Verein Hornberg. Mit immensem Einsatz wurden Kulissen und Tribünen gebaut, und nur sechs Wochen nach Vereinsgründung fand die von 2000 Zuschauern umjubelte Uraufführung statt. Seit dieser Zeit wird das Stück jeden Sommer mehrmals von Hornberger Bürgern zum Besten gegeben.

1958 wurde auch die alte Hornberger Amtstracht wieder ins Leben gerufen. Die Trachtengruppe des Vereins pflegt seither nicht nur die Darbietung der traditionellen Trachtentänze, sondern auch den Vortrag humorvoller Schwänke und Gedichte aus längst vergangenen Tagen.

Die schriftstellerischen Zeugnisse vom Wirken Erwin Leisingers sind in Hornberg geblieben. Seine Frau überließ nach dessen Tod im Jahr 1996 die Rechte am Hornberger Schießen dem Historischen Verein. Damit wurde die wirtschaftliche Basis für dessen Existenz gelegt. Der Verein hat dieses Erbe umsichtig weiter entwickelt. Seit den 1980er-Jahren wird das Programm auf der Freilichtbühne um ein jährlich wechselndes Erwachsenenstück und einem Familienstück erweitert. So zieht der Storenwald Jahr für Jahr rund 10.000 Theaterfreunde an und beglückt nicht nur Zuschauer, sondern auch Generationen von Laienschauspielern aus Hornberg und Umgebung. Viele der zahlreich mitwirkenden Kinder spielen heute "sehr erwachsene" Rollen, und der eine oder andere hat gar sein Hobby zum Beruf gemacht.


Die Gründungsmitglieder von 1955
Albert Ketterer Johann Hirschbühl
Konrad Brohammer Willi Heidig
Emil Bernet Wolfgang Neuß
Kurt Moser Erwin Leisinger
Christian Staiger Karl Schmidt
Karl Aberle Willi Martin
Helmut Ruder Fritz Schweizer

Eckhard Gräff berichtet am 07.07.2015 im Schwarzwälder-Bote über die Gründungswochen

Hornberg. Was im Jahre 1955 noch als einmalige Aufführung geplant war, hat sich inzwischen zum Dauerbrenner entwickelt. In diesem Jahr feiert das "Hornberger Schießen" seinen 60. Geburtstag.

Alles begann am 4. Juli 1955. Da wurde nämlich im damaligen Restaurant "Stadt Hornberg" der Historische Verein gegründet. Er hatte sich zur Aufgabe gemacht, die altverbundenen Traditionen innerhalb der Stadt Hornberg zu wahren, zu fördern und späteren Generationen zu erhalten.

"In erster Linie dachte man aber an den Erhalt und Ausbau des nicht nur in unseren deutschen Landen, sondern nach aller Welt hin bekannten Wortes ›Es geht aus wie das Hornberger Schießen‹", ist in dem Gründungsprotokoll zu lesen. Die Geschichte selbst "ist wahrheitsgemäß", heißt es in diesem weiter, nur "die überlieferten historischen Darstellungen gehen nach Ansicht der Historiker etwas auseinander".

Die Vereinsmitglieder waren sich am 4. Juli 1955 sehr schnell einig: "Die im Volksmund am meisten bekannte Darstellung ist als die Richtige anzunehmen". Nun ging man daran, den Grundstein zu legen für das Freilichtbühnenspiel des "Hornberger Schießens". Und da hatte der Hornberger Friseurmeister und Heimatdichter Erwin Leisinger schon fleißig vorgearbeitet. Er hatte nämlich von sich aus bereits damit begonnen, "Dem Schabernack und Narretei unserer Vorfahren beim Empfang des Herzogs Gestalt und Form zu geben".

Das von ihm verfasste Bühnenstück erhielt höchstes Lob: "Erwin Leisinger, bekannt durch seine dichterische und humorvolle Ader, hat die Geschichte historisch einwandfrei geschrieben und die Anerkennung hierfür bei allen Kennern, denen die Urschrift zur Begutachtung vorgelegt wurde, gefunden", ist im Protokoll festgehalten.

Die gleichen aktiven Mitglieder, die bisher in etwas lockerer Form die Fasnet in Hornberg in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg ausgerichtet hatten, beschlossen nun, dem nunmehr bestehenden Historischen Verein auch die Freilichtbühnen-Aufführung als zusätzliche Aufgabe zu übertragen.

Das Hornberger Schießen - verschiedene Lesearten  arrowRight

Zunächst galt es aber erst einmal, Überzeugungsarbeit unter anderem auch bei der Stadtverwaltung zu leisten, die ihre Bedenken hatte. Nach intensiven Verhandlungen kam dann der Durchbruch: Bereits für den 28. August 1955, also gerade mal sechs Wochen nach der Gründung des Historischen Vereins, war die Aufführung des Theaterstücks angesetzt. In Windeseile musste nun ein geeigetes Gelände gefunden werden. "Erst war der Storenwaldkopf im Gespräch, dann schließlich der Storenwald", erzählt Bärbel Ketterer, Schwiegertochter des Vereinsgründers, dem SchwaBo von den Anfängen. Da allerdings stand noch ein Musikpavillion, der abgerissen werden müsste.

Nach einigem Zögern und nachdem sich der damalige Hornberger Förster eingesetzt hat, kam schließlich das Okay der Stadt mit der Auflage: "Aber wenn das nichts wird mit dem Theater, dann müsst ihr den Pavillion wieder aufbauen", hieß es damals. Dann kam der 28. August 1955, ein Sonntag. Die Kulisse der Freilichtbühne war aus Holzgerüsten und Sackleinen gestaltet.

Die Zuschauertribüne bestand aus Stein- und Lehmstufen, auf die Stühle gestellt wurden. Die Aufführung wurde zu einem großen Spektakel: Nachmittags gab es in der Hornberger Innenstadt einen großen Festumzug.

Abends eröffnete der Kraichgau Fanfarenzug Mühlhausen das Bühnenstück, der Musik- und Trachtenverein spielte zum Ausklang. Die Aufführung selbst wurde zu einem solchen Erfolg, dass schnell klar war: "Im kommenden Jahr spielen wir das "Hornberger Schießen" wieder. Das Nachsehen hatte einzig der Musikpavillion: "Das Ding ist dann sicher irgendwo vermodert", sagt Bärbel Ketter und schmunzelt.

Historischer Verein Hornberg mit erfreulichen Zahlen - BO 03. September 2018

Am vergangenen Wochenende ging die Freilichtbühnen-Saison 2018 mit dem "Hornberger Schießen" zu Ende. Mehr als 11.000 Besucher besuchten die drei verschiedenen Vorstellungen des Historischen Vereins Hornberg. Von den 22 Terminen fiel nur einer aus.

Zum letzten Mal donnerten am Samstagabend in der Freilichtbühne die Kanonen, und letztmals musste der Herzog das klägliche Piff-Paff der Hornberger zu seinem Empfang über sich ergehen lassen. Mit dem Volksschauspiel vom "Hornberger Schießen" vor erfreulich großer Kulisse setzte der Historische Verein einen Schlusspunkt hinter seine diesjährigen Vorstellungen.

Nur einen Ausfall wegen Regens

Von den 22 angesetzten Terminen der drei verschiedenen Vorführungen fiel nur einmal das "Schießen" wegen Dauerregens aus. Vorsitzender Thomas Bossert und der Spielleiter des "Schießens", Thomas Weißer, waren dann am Samstag nach der Aufführung beim "Hock" voll des Lobes für alle, die auf, vor und hinter der Bühne in irgendeiner Weise zum großen Erfolg beitrugen. Ein Sonderlob erfuhr "Hoffotografin" Ingrid Kegel für ihre ausgezeichneten Szenenbilder aller drei Stücke. Thomas Weißer warf gleichzeitig einen Blick auf die kommende Saison. Da etliche Mitwirkende eine Auszeit nehmen oder aus Altersgründen aufhören wollen, müssen nun "Neue" in die entsprechenden Rollen eingeführt werden. Im nächsten Jahr ist mit der Theaterpädagogin und Regisseurin des Märchenstücks, Corina Rues-Benz, ein Workshop für die Sprechrolleninhaber vorgesehen. Die Terminplanung ist im nächsten Jahr nicht ganz einfach, sind doch Pfingsten und der Beginn der Sommerferien ziemlich spät.

Pferde sind Stars

Zu den Stars in der Freilichtbühne zählen auch die Pferde. Mit dem siebzehnjährigen rassigen Friesenhengst "Binne" von Freizeitreiter Walter Schindler aus Aichhalden ritt Michael Ketterer dreimal als Kurier ein. Ebenfalls dreimal verkündete Kurier Thomas Hochmann aus Schonach mit seinem Quarter-Horse-Wallach Sam die Ankunft des Herzogs. Dessen Kutsche wurde von zwei prächtigen Pferden hereingefahren. Den Krämerkarren zieht das Pony "Lukas". Alle Tiere werden nicht nur stets mit großem Beifall sondern auch mit begeisterten "Ahs" empfangen.

In seinem Rückblick hatte Vorsitzender Thomas Bossert schon die neuesten Zahlen bereit. Die Besucher kamen aus dem ganzen Ortenaukreis und vor allem auch aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis. Aus dem Württembergischen, aus dem Elsass und aus der Schweiz stammten ebenfalls zahlreiche Gäste. Bei den 21 Aufführungen wurden 11.064 Besucher gezählt, was einen rechnerischen Durchschnitt von 526 ergibt. Das fünfmalige "Hornberger Schießen" sahen 1.728 Besucher. Die zehn Märchenvorstellungen "Der Zauberer von Oz" hatten 5.934 Zuschauer zu verzeichnen und das sechsmalige Erwachsenenstück "Currywurst mit Pommes" begeisterte 3.402 Fans. Neben dem "Hornberger Schießen" von Erwin Leisinger wird wie berichtet 2019 das Märchen "Heidi" aufgeführt. Das Erwachsenenstück steht noch nicht fest.

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Stadtmuseum Hornberg


Stadtmuseum Hornberg - Die Ausstellung im Stadtmuseum besteht aus drei Bereichen: Geschichte, Brauchtum und Handwerk.Die Ausstellung im Stadtmuseum besteht aus drei Bereichen: Geschichte, Brauchtum und Handwerk.

Der Eingangsbereich

In der Glasvitrine auf der linken Seite sehen wir die Reichenbacher Trachten mit dem weltberühmten Bollenhut, wie sie auch im benachbarten Gutach und Kirnbach zu besonderen festlichen Anlässen heute noch immer mit berechtigtem Stolz getragen werden. Der Landsknecht in der Ecke, die hölzerne Kanone und die Schautafel an der rechten Wand verweisen auf des vielzitierte "Hornberger Schießen", das in jedem Jahr mehrfach auf der Erwin-Leisinger-Freilichtbühne im Storenwald aufgeführt wird.

Die Bilder an der Wand sind Werke des Malers Wilhelm Wurzel, der einige Jahre in Hornberg gelebt und gewirkt hat. Die beiden Glasvitrinen gehören zum benachbarten Wilhelm-Hausenstein-Gedächtnisraum. Sie beinhalten diverse Memorabilien aus dem Leben Hausensteins und einen Teil seines literarischen Werkes.

Der Geschichtsraum

In ihm finden wir die Darstellung der Geschichte Hornbergs und seiner Umgebung. Schalensteine, Menhire und Werkzeuge geben Kunde von der Besiedlung des Schwarzwaldes schon in neolithischer Zeit (um etwa 3500 vor Chr.). Auf zahlreichen Schautafeln ist die Geschichte unserer Raumschaft zusammengestellt. Vergessen wir nicht, auch einen Blick auf die zahlreichen Scherbenfunde aus verschiedenen Epochen zu werfen und auf die mineralischen Funde aus der Zeit des Bergbaus in unserer Heimat. Schließlich sei noch auf die aufschlußreiche Dokumentation aufmerksam gemacht, in der die zahlreichen Schwarzwaldhöfe der Gemarkung Hornberg mit ihrer zum Teil fast 500jährigen Geschichte nachgewiesen sind.

Die Holzschnitzkunst

Sie stellte von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg einen bedeutenden Erwerbszweig Hornbergs dar. Das einst blühende Gewerbe war um 1850 von den Brüdern Hindenlang mit Schweizer Holzschnitzern eingeführt worden. Bald waren es bis zu 45 Meister und 65 Gesellen, die hier Arbeit und Brot fanden. Einen wichtigen Produktionszweig bildete damals die Herstellung von Kuckucksuhren. Mit Walter Kühn starb 1996 der letzte Holzbildhauermeister. Die Einrichtung des "Raumes der Holzschnitzer" gibt beredt Zeugnis von deren künstlerischem Empfinden und handwerklichem Können.

Das Hornberger Steingutgeschirr

Besonders stolz sind wir Hornberger auf die reichhaltige und wertvolle Sammlung alten Steingutgeschirrs, das ausschließlich aus der Produktion der früheren Steingutfabrik (heute DURAVIT AG) in der Zeit von 1817 bis 1912 stammt. Sehr anschaulich lassen sich die verschiedenen Herstellungstechniken und Produktionsphasen von "Steingut weiß" über den Blau- zum Schwarzdruck verfolgen. Alle Exponate sind von mannigfaltigem Dekor und werden deshalb auch Bildergeschirr genannt.

Der Hausenstein-Gedenkraum

Mit bewundernswertem Einfühlungsvermögen hat Reneé-Marie Parry Hausenstein, die in Amerika lebende Tochter des in Hornberg geborenen Wilhelm Hausenstein, zusammen mit ihrem Mann Kenneth das Arbeitszimmer ihres 1957 verstorbenen Vaters von Florida/USA in den Schwarzwald überführen lassen und originalgetreu eingerichtet. Dieser Raum atmet spürbar den Geist des Mannes, der als Schriftsteller und Diplomat - er war der erste deutsche Botschafter in Paris nach dem zweiten Weltkrieg - ein reiches literarisches Lebenswerk hinterlassen hat, der mit höchsten Auszeichnungen geehrt wurde und der als Ehrenbürger seiner Heimatstadt hier eine bleibende Erinnerungsstätte gefunden hat.

Über Wilhelm Hausenstein - Diplomat und Schriftsteller  arrowRight

Bäuerliches Brauchtum und Leben

Die in der Stadt Hornberg und in ihren Ortschaften Niederwasser und Reichenbach getragenen Trachten finden wir im Eingangsbereich des Museums, vor allem aber in der Heimatstube. Alle dort gezeigten Exponate sind echte "Originale": der Kachelofen, die Möbel, das Spinnrad, der Tischwebstuhl, die Kleider und die Wäsche, die Trachten, ihr Zubehör und alle die vielen anderen Einzelstücke.

Das Kellergeschoß

Versäumen Sie nicht, im Kellergeschoß der Schnapsbrennerei und den zahlreichen land- und forstwirtschaftlichen Geräten einen Besuch abzustatten, auch dem Küchengeschirr, der Flachsbreche, der Obst- und Beerenverwertung und der Imkerei früherer Zeiten. Es sind Zeugnisse bäuerlichen Lebens und Arbeitens von damals. (Text: Stadtmuseum Hornberg)

Öffnungszeiten:

Das Stadtmuseum Hornberg ist das ganze Jahr über an jedem 1 Sonntag im Monat
von 14.00 Uhr bis 17.00 Uhr geöffnet

Führungen auch nach Voranmeldung bei der:

Tourist - Info Hornberg
Telefon: 07833 793-33
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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Die evangeliche Stadtkirche Hornberg


Um 1300 entstand an der Stelle, wo heute unsere Kirche steht, ein kleines gotisches Kirchlein,- wegen Platzmangel außerhalb der Stadtmauer. Von diesem alten Bauwerk ist heute noch der wundervolle hochgotische Chor erhalten.Eine evangelische Pfarrkirche mit Beginn der Bauphasen um 1300? Das scheint zunächst "fragwürdig".

Hatte doch Martin Luther erst im frühen 16ten Jahrhundert mit seinen Predigten gegen die verwerflichen Sitten - insbesonders dem Ablasshandel - "seiner" Kirche begonnen.

Die berühmten 95 Thesen sollen am 31.10.1517 angeschlagen worden sein und erst dann nahm die Reformation ihren Lauf. Zu dieser Zeit war die Pfarrkirche zu Hornberg tatsächlich katholisch.

1548 erließ Kaiser Karl V. in Augsburg das "Interim", womit Fürsten und deren Herrschaftsbewohner - auch "abtrünnige" Priester für die katholische Kirche zurückgewonnen werden sollten.

Zu dieser Zeit war Hornberg "wirtembergisch" und das umliegende Kinzital fürstenbergisch. 1534 hatte Herzog Ulrich von Württemberg - zuvor unter kaiserlichem Bann - seine Macht zurückbekommen und setzte sich für die evangelischen Religion ein.

Der Fürstenberger Graf Wilhelm tat im gleich und so wurden oberes Kinzig- und Gutachtal "von oben reformiert".

So weit zur oben gestellten Frage: warum ist eine Hornberger Pfarrkirche aus dem 14ten Jahrhundert heute evangelisch?

Ausführliche Erklärungen zum Reformationsgeschehen in Kinzig- und Gutachtal im 16ten Jahrhundert leisten weiter unten Gustav Bossert "Einführung der Reformation im Amt Hornberg" und Johannes Volker Wagner "Graf Wilhelm von Fürstenberg als Protestant und Reformator".

Um 1200 gründeten die Herren von Hornberg die gleichnamige Stadt. Von 1423 bis 1810 war sie württembergisch; danach, ab 1810, badisch. An die württembergische Zeit erinnert die von Schickhardt in den Jahren 1602 bis 1603 erbaute Stadtkirche. Der spätgotische netzgewölbte Chor der Vorgängerkirche wurde beibehalten; der Turm kam neu hinzu.

Kirchenbeschrieb: KRAUS, DURM und WAGNER - DIE KUNSTDENKMÄLER DES GROSSHERZOGTHUMS BADEN - BAND II - KREIS VILLINGEN - FREIBURG i. B. 1890 - (Seiten 35 - 37)

Kirche, einschiffiger geringer Bau von 1762. Die Errichtung bezeugt durch die Inschrift über dem Seitenportal:

HERZOG FRIDRICH ZV WVRTEMBERG
ERWEITERN LASSEN HAT DIS WERCK
VON TVBINGEN GRAF EBERHARDT
CORNELY KELLER DANKH SO SPAHRT
IN FVRBITT BEY IHR FVRSTLICH GNADT
HEINRICH SCHICHARDT DAS BESTE THAT
HORNBERG VND REICHEBACHERGMEIN
ZVR FRON SICH GTEILET GHORSAMLI

In grösseren Charakteren:

FECIT: M// ioHANN: BISINGER
DER ZEIT ALHIE EIN PRAEDIGER

Von dem ältern Bau ist der spätgothische, aus drei Seiten des Achtecks geschlossene Chor erhalten, über welchem, wie in dem benachbarten Gutach der Thurm aufgebaut ist (Abbildung). Die hohlprofilirten Rippen des Chorgewölbes steigen aus Eckconsolen auf, an drei gemalten Schlusssteinen Wappen der Württemberg (Fische), ein Engel und ein Steinbock. Die Fenster zweigetheilt, mit Fischblasenmaasswerk. Zwei Fenster enthalten spätgothische Glasmalereien (15. Jh.):

1) Johannes Evgl. mit dem Kelch, unter schönem Baldachin, sehr zerstört;
2) Helmzier unter reichem Astwerk, vortrefflich gebrannt.

Die Thüre zur Orgelbühne hat Wappenschild mit dem Datum 1603. An der Bühne Epitaph mit Holzumrahmung der Familie Hosch (18. Jh.); ferner kleines Epitaph mit guter Holzumrahmung, Spätrenaissance, c. 1680 (?); weiter eine Rocoumrahmung, geringe Arbeit des 18. Jhs.

An der Schiffswand Epitaph des Oberamtmanns Hauch in Hornberg, Württembergischen Regierungsrathes, gest. 1703; desgl. des Eberhard Christian Wilhelm von Schauroth, aus dem Hause Caschwitz, Steinbrück und Rüben, und müttterlicher Linie der letzte Sprossen der grossen von Kulpis: geb. in Stuttgardt 20. Oct 1720. gest. in Hornberg als ordtl. Reg.-Rath und Oberamtmann, 7. Maj 1766.

Die Einführung der Reformation im Amt Hornberg  arrowRight

Nach dieser älteren Beschreibung von St. Johannes der Täufer - hier, wie sie heute von der Evangelischen Kirchengemeinde Hornberg auf deren Webseite beschrieben wird:

Evangelische Kirche St. Johannes Baptist - Hornberg (aus der Webseite der Evangelischen Stadtkirche Hornberg)

Um 1300 entstand an der Stelle, wo heute unsere Kirche steht, ein kleines gotisches Kirchlein,- wegen Platzmangel außerhalb der Stadtmauer. Von diesem alten Bauwerk ist heute noch der wundervolle hochgotische Chor erhalten.

Um 1600 wurde das Kirchenschiff in seiner jetzigen Form an den alten Chorraum angebaut. Vermutlich waren diese Arbeiten 1603 abgeschlossen. Diese Jahreszahl ist nämlich in einen Stein an der hinteren Türe zum Kirchenschiff eingeschlagen. Im letzten Krieg wurde die Kirche stark beschädigt und 1953-1955 renoviert und restauriert. Als man anfing, den Gipsverputz an den Chorwänden zu entfernen, kamen plötzlich Farben zum Vorschein.

Die Vermutung, es könnten sich unter dem Verputz Fresken befinden, bestätigte sich. Diese Fresken sind etwa um das Jahr 1600 entstanden. Unter den jetzigen Fresken kamen Farbreste noch älterer Bilder hervor, die aber leider keinerlei Schlüsse mehr zuließen. Die wieder zum Vorschein gekommenen Fresken stellen folgenden Bibelgeschichten dar:

die Himmelsleiter in Jakobs Traum ( 1.Mose 28 ),
Josef wird von seinen Brüdern aus dem Brunnen gezogen und verkauft (1.Mose 37),
des Herrn Besuch beim Abraham ( 1.Mose.18 ),
die Opferung Isaaks (1.Mose 22 ) und
Josef begegnet seinen Brüdern

Die freigelegte Ornamentikan der Chordecke stammt zum Teil noch aus der Gotik, dann aus der Renaissance und teilweise auch aus dem Ende des 16. Jahrhunderts.

Graf Wilhelm von Fürstenberg, 1491 - 1549 - Der Reformatorische Landesherr  arrowRight

An den drei Stellen der Chordecke, wo früher die Glockenseile zum Läuten herunterhingen, wurden die auf dem Speicher gefundenen alten Wappen eingelassen. Das eine Wappen ist das Württembergische Landeswappen, das zweite das der Ritter von Hornberg und das dritte ist das Hornberger Stadtwappen. Alle drei stammen ebenfalls aus früheren Jahrhunderten.

Die neuen Chorfenster von P.V. Feuerstein zeigen Darstellungen alt- und neutestamentlicher Geschehnisse. Das alttestamentliche Fenster zeigt uns von unten nach oben:

Noahs Opfer nach der Sinnflut und das gnädige Gotteszeichen des Regenbogens . Darüber sehen wir Mose mit den Gesetzestafeln und das Zeichen der erhöhten Schlange in der Wüste. Darüber die Könige David und Salomo und zuletzt den Propheten Jona unter dem Rizinus, wie er Gott zürnt, dass er die Stadt Ninive nicht vernichten wird und dann "das Zeichen des Jona", wie der Prophet vom Walfisch an Land gespeit wird.

Das zweite Fenster zeigt die Taufe Jesu durch Johannes den Täufer im Jordan - Johannes-Täufer-Kirche - Darunter ist die Kirche dargestellt im Bild eines Schiffs, in das Jesus mit seinen Jüngern getreten ist, wie es von den Wellen des Sees arg bedrängt wird. Das dritte Fenster- das neutestamentliche- zeigt zunächst die Anbetung der drei Weisen aus dem Morgenland, dann die Predigt Jesu in seiner Heimatstadt Nazareth, in der auf die Erfüllung der alttestamentlichen Weissagungen : " Heute ist diese Schrift erfüllt vor euren Ohren", in seiner Person hinweist.

Zu den Kirchenfenstern von St. Johannes Baptist im Detail arrowRight16

Dann folgt die Kreuzigungsszene und das folgende Ereignis der Auferstehung. Das vierte Fenster bringt Bilder aus der Offenbarung des Johannes. Das erste Bild zeigt aus Offenbarung 12 den Drachen,der die Frau, die gebären will, verschlingen möchte. Wir sehen den Drachen, wie er mit seinem Schwanz Sterne vom Himmel holt, wir sehen die zerbrechende Welt, den Kampf des Erzengel Michael mit dem Drachen, sodann das Lamm auf dem Buch mit den sieben Siegeln (Offenbarung 5). Es alleine kann die Siegel öffnen. Um das Lamm herum gruppieren sich die 24 Ältesten, andächtig vor ihm sich verbeugend. Darunter endlich das himmlische Jerusalem.

Der Taufstein stammt aus dem Jahr 1501.

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Eisenbahnviadukt Hornberg


Der Hornberger Eisenbahnviadukt ist eine 1924 bis 1925 errichtete Gewölbebrücke der Badischen Schwarzwaldbahn und überspannt das Reichenbachtal in Hornberg. Es ist der einzige Viadukt der SchwarzwaldbahnDer Hornberger Eisenbahnviadukt ist eine 1924 bis 1925 errichtete Gewölbebrücke der Badischen Schwarzwaldbahn und überspannt das Reichenbachtal in Hornberg. Es ist der einzige Viadukt der Schwarzwaldbahn.

Der Viadukt ist 150 m lang, 24 m hoch und besitzt sieben Bögen von je 14,50 m lichter Weite, die auf sechs Pfeilern und zwei mächtigen Widerlagern ruhen. Es besteht aus etwa 14.000 m³ Beton und ist mit etwa 3800 m³ Granitsteinen verkleidet. Durch den Bau konnte eine alte, zwischen 1869 und 1871 errichtete zweigleisige Stahlbrücke ersetzt und die Gleisanlagen auf drei Gleise erweitert werden. Dies wurde durch den zunehmenden Verkehr und den Einsatz schwererer Lokomotiven notwendig. (wikipedia)

Die Bautechnik - 5. Jahrgang BERLIN, 18. März 1927 Heft 12

Der Umbau des Hornberger Talüberganges bei km 42,3 der Schwarzwaldbahn. Von Reichsbahnrat Wilhelm Keim, Villingen (Baden)

Aus der Baugeschichte.

Die im Bahnhof Offenburg von der Badischen Hauptbahn Mannheim - Basel abzweigende und über Triberg Singen nach Konstanz führende Schwarzwaldbahn weist in ihrem Zuge nur einen einzigen Talübergang von Bedeutung auf - den Viadukt über das Reichenbachtal ein östliches Seitental des Gutachtales beim Bahnhof Hornberg. Die Bahn liegt auf der Brücke in der Geraden und hat eine Neigung von 1 : 8.

Der alte, durch das nachstehend beschriebene Bauwerk ersetzte Viadukt (Abb. 1) hatte eine Länge von rd. 150 m und bestand aus eisernen Gitter- und Fachwerkträgern über vier Öffnungen von 31,50 m und 31,46 m Stützweite. Jede Öffnung war für sich mit einem Träger von 32,30 m Länge überspannt, der einerseits Gleitlager, anderseits Rollenlager besaß. Die steinernen Zwischenpfeiler hatten eine Höhe von rd. 21 m über der Talsohle. Auf den beiden Widerlagern und auf dem mittleren Pfeiler waren feste Auflager angeordnet, während sich auf dem ersten und dritten Pfeiler bewegliche Rollenlager befanden.

Die bei Eröffnung der Bahn im November 1873 in Betrieb genommene Brücke bestand aus einer Gitterwerkkonstruktion achtfachen Systems mit |-förmiger Gurtung und Streben aus abwechselnd [-Eisen und Flacheisenstäben. Jedes der beiden Gleise, von denen im Jahre 1873 zunächst nur das rechtseitige (westliche) ausgeführt worden war, erhielt zwei Hauptträger über einer Öffnung. Das Eisenwerk der Gitterbrücke, das von der Firma Gebrüder Decker in Cannstatt ausgefuhrt worden war, hatte ein Gewicht von 270.000 kg.

Das Eisenwerk der linkseitigen (östlichen) Brücke wurde beim Bau des zweiten Gleises in der Zeit vom September 1887 bis Januar 1888 durch die Filiale Gustavsburg der Maschinenbauaktiengesellschaft Nürnberg erstellt. Die Inbetriebnahme fand statt im Mai 1888.

Das Mauerwerk für die Auflager des Eisenwerks war bereits im Jahre 1873 bei Eröffnung der eingleisigen Strecke ausgeführt worden. Die Eisenkonstruktion für je eine Öffnung des linkseitigen Gleises wurde gebildet von zwei Fachwerkträgern mit gekreuzten Streben in elf Feldern. Die Gurtungen hatten je T-förmigen Querschnitt. Das Gewicht der linkseitigen Fachwerkbrücke betrug 240.000 kg.

Die mit zunehmendem Alter der Brücke nötig werdenden Ausbesserungsarbeiten am Steinbau sowie die infolge ständiger Erhöhung des Zuggewichts und der Fahrgeschwindigkeit namentlich zur Erzielung der notwendigen Knicksicherheit der auf Druck beanspruchten Konstruktionsglieder erforderliche Verstärkung der Eisenkonstruktion zwangen mehr und mehr dazu, einen durchgreifenden Umbau bezw. Neubau des ganzen Bauwerks ins Auge zu fassen. Nach vorausgegangenen Besprechungen der maßgebenden Stellen des Reichsverkehrsministeriums und der Reichsbahndirektion Karlsruhe wurde im August 1922 dem sofortigen Umbau und dreigleisigen Ausbau des Talüberganges zugestimmt. Die Anlage eines dritten (Überholungs-) Gleises auf der Brücke war durch die Anforderungen des Verkehrs und die ungenügende Länge des Bahnhofs Hornberg geboten und sollte deshalb gleich beim Umbau der Brücke geschehen, zumal hierdurch der Umbau während des Betriebes wesentlich erleichtert wurde.

Die gesamte Dokumentation mit Bildmaterial zum "Neubau 1927" können Sie hier herunterladen download

Daß der im Jahre 1922 gefaßte Entschluß zur Erstellung eines völlig neuen Bauwerkes durch den Zustand der alten Eisenkonstruktion dringend geboten war, trat gelegentlich einer im Herbst 1923 nochmals vorzunehmenden Nietauswechslung, als infolge der damaligen politischen Lage nicht abzusehen war, ob der Bau bald in Angriff genommen werden konnte, deutlich in die Erscheinung. Die Streben der Hauptträger hatten namentlich in den mittleren Feldern an den Knotenpunkten gestreckte Niete, an denen eine Scherwirkung merklich zu sehen war. Beim Abklopfen mit dem Hammer hatten diese Niete durch die vorhandene Spannung vollen Klang; wurden jedoch an einem solchen Knotenpunkt l bis 2 neue Niete eingezogen, so legte sich der Stab wieder satt auf das Knotenblech, die übrigen Niete wurden dann, weil entlastet, lose. Die beschriebene Erscheinung zeigte sich an den meisten Knotenpunkten.

Auch die Nietverbindungen der Schienenlängsträger mit den Hauptträgern waren durch die erhöhten Beanspruchungen und Zusatzspannungen weit mehr zerstört, als beim Abklopfen festgestellt werden konnte. Die bei dieser Nietauswechslung gemachten Beobachtungen hatten dazu geführt, die bereits früher schon auf 30 km/Std. herabgeminderte Höchstgeschwindigkeit der den Talübergang befahrenden Züge auf 15 km Std. zu ermäßigen. Nach gründlichen, sich länger hinziehenden Voruntersuchungen, wobei auch die Frage der Herstellung eines Dammes statt einer Brücke in Erwägung gezogen worden war, entschied man sich für die letztere Lösung. Die Herstellung eines so hohen Dammes mit den steilen Böschungen 1:1 ohne genügende Bermen erschien auch bei guter Ausführung und Steinverkleidung bedenklich. Ferner wurde der Damm-Entwurf auch wegen des zu erwartenden Widerstandes der Stadt Hornberg und der Anlieger nicht gutgeheißen, ganz abgesehen von der Verunzierung des Landschaftsbildes durch Abriegelung des malerischen Reichenbachtales durch einen Dammkörper von solch gewaltigen Abmessungen. Während beim Bau der Schwarzwaldbahnstrecke Hausach - Villingen in den Jahren 1867 bis 1873 bei fast allen größeren und kleineren Brücken das Eisen als Baustoff Verwendung fand, was seinen Grund vermutlich in den damals billigeren Eisenpreisen und vielleicht auch in einer gewissen Vorliebe der bauausführenden Ingenieure für diesen Baustoff hatte, wurde hier der Ausführung in Stein der Vorzug gegeben.

Abb. 1. - Ansicht der alten Eisenbrücke (westliche Brücke, Gittertrager).
Maßgebend für die letztgetroffene Wahl war vor allem die Tatsache, daß ein Bauwerk aus Stein bezw. Beton auch bei Erhöhung der Verkehrslasten keine weiteren Verstärkungen erfordert, und daß ferner die mit zunehmendem Alter nötigen Unterhaltungsarbeiten hinter denen eines Eisenbaues bedeutend zurückbleiben. Weiterhin fiel auch der Umstand in die Wagschale, daß sich ein Steinbauwerk dem schönen Landschaftsbilde, das den Talübergang allseits umgibt, besser einfügt.

Bei der erstmaligen Ausschreibung der Arbeiten im Jahre 1923 war von den an dem öffentlichen Wettbewerb sich beteiligenden Firmen die Abgabe von drei Angeboten für die Ausführung des Mauerwerks (Pfeiler und Gewölbe) verlangt:

a) Rauhes Bruchsteinmauerwerk.

b) Stampfbeton mit Verkleidung aus raulien Bruchsteinen.

c) Stampfbeton ohne Verkleidung und ohne Vorsatzbeton, mit sauberen, glatten, aber unbearbeiteten Sichtflächen.

Der Wettbewerb, an dem sich 24 Firmen beteiligt hatten, ergab, daß die Ausführung a, weil zu teuer, nicht in Frage kam, da zudem auch die genügende Anzahl geeigneter Maurer fehlte, Die Ausführungsart b, die nur um etwa 5%, teurer kam als Ausführungsart c und ästhetisch mehr befriedigte, wurde daher von der mit dem Bauvollzug betrauten Stelle vorgeschlagen. Die Prüfung der Angebote, die auch einige Sonderentwürfe von Firmen enthielten, machte es erwünscht, noch einige Fragen technischer und wirtschaftlicher Art vor der Ausführung eingehend zu klären. Dadurch hätte sich der Beginn der Bauarbeiten so verschoben, daß er im gleichen Jahre nicht mehr zweckmäßig erschien.

Weitere Gründe, den Baubeginn zu verschieben, waren die schwierigen finanziellen Verhältnisse, in denen sich die Reichsbahn 1923 befand. Der Bau wurde daher im Jahre 1923 nicht in Angriff genommen; man beschränkte sich darauf, mit den zur Verfügung stehenden Geldmitteln die unter der künftigen Brücke erforderliche Verlegung des Reichenbaches durchzuführen. Im Frühling 1924 wurden die Arbeiten nochmals ausgeschrieben und im April desselben Jahres mit der Ausführung begonnen.

Beschreibung der neuen Brücke.

Der Beschreibung des Bauvollzugs sollen zunächst Angaben über die Gesamtanordnung und Abmessungen des neuen Bauwerks sowie über dessen statische Berechnung vorausgeschickt werden.

Abb. 5 - Ausgeführter Entwurf
Nachdem ein Entwurf, der drei große Mittelöffnungen mit Spargewölben über den Pfeilern vorsah, aus den nachstehend genannten Gründen aufgegeben worden war, erhielt das Bauwerk die in Abb. 4 u. 5 ersichtliche Anordnung. Der zur Ausführung gekommene Entwurf hatte vor dem ersten den Vorzug, daß sich bei gleicher Weite sämtlicher Öffnungen die Kosten für die Gerüste verminderten; er befriedigt ferner auch in ästhetischer Hinsicht dadurch, daß das Verhältnis der lichten Weite zur Hohe - vom Boden bis Oberkante Brücke - günstiger wirkt und nicht den gedrückten Eindruck des ersten Entwurfs hervorruft.

Abb. 4 - Ausgeführter Entwurf
Das ausgeführte Bauwerk besitzt sieben Öffnungen mit einer Lichtweite in Höhe der Kragsteine an den Pfeilerköpfen von 14,30 m mit sechs Zwischenpfeilern, die alle samt den beiden Widerlagern der Brücke für das dritte Gleis auf gewachsenem Fels gegründet wurden. Die Pfeiler, die in der Stirnfläche des Bauwerks und senkrecht dazu Anzug von 40:1 bezw. 20:1 aufweisen, haben oben eine Dicke von 4 m und unten von 5,40 m. Die Gewölbeform sowie die Lage der Kämpferfugen gehen aus Abb. 6 u. 7 (siehe PDF-Dokument) hervor. Die Gewölbe, deren Stärke im Scheitel 0,90 m, an den Kämpfern 1,58 m beträgt, sind ganz aus Granitsteinen ausgeführt, die in der Bauwerkstirn rauh bossiert, in der Leibungsfläche gespitzt sind.

Wie die Eisenbahn den Schwarzwald veränderte  arrowRight

Die aus Stampfbeton erstellten Pfeiler sind mit rauh bossierten Vorsatzschichtensteinen aus Granit verkleidet. Die Gewölbezwickel über den Pfeilerköpfen sind voll ausgemauert; die Sichtflächen sind auch hier rauh bossiert. Über dem Gewölbe befindet sich der Füllbeton der Fahrbahn, der durch seitliche Stirnmauern begrenzt ist, die über den Pfeiler kanzelartig ausgekragt sind, so daß geräumige Ausweichplätze für die über die Brücke Gehenden geschaffen sind. Die Oberfläche des Füllbetons über den Gewölben ist durch eine doppelte Tektolithabdeckung gegen das Eindringen von Wasser sorgfältig geschützt. Die Tektolithschicht ihrerseits ruht auf einem als Ausgleichschicht des Füllbetons dienenden Zementglattstrich. Auf ihrer Oberseite ist die Tektolithabdeckung durch einen weiteren Glattstrich mit Drahtnetzeinlage gegen mechanische Angriffe gesichert. Als oberer Abschluß dient auf beiden Seiten der Brücke ein flußeisernes Geländer.

Abfallrohr für das Abschütten des Betons beim Betonieren und Ansicht der Senktürme Senktürme und Lehrgerüste Senk- und Aufzugvorrüstung auf dem Senkturm Senktürme und Lehrgerüste Senktürme und Lehrgerüste

Um Schwind- und Wärmerisse zu vermeiden, erhielten die Stirnmauern, wie auch anderwärts schon mit Vorteil angewendet, über den Kämpfern Fugen, die mit einer doppelten Lage von Dachpappe ausgelegt sind; letzteren Fugen entsprechen durchgehende Fugen in allen Bauteilen über den Gewölben. Die sonstige Anordnung des Bauwerks - vor allem die Lage der neuen Brücke für das Überholungsgleis zu der zweigleisigen Brücke - kann aus den in Abb. 6 u. 7 (siehe PDF-Dokument) dargestellten Querschnitten deutlich ersehen werden. Zur Abführung des Sickerwassers sind an den in Abb. 6 (siehe PDF-Dokument) ersichtlichen Stellen des Gewölbes Entwässerungsrohre eingebaut, nur im südlichen Widerlager wurde mit Rücksicht auf die unter der siebenten Brückenöffnung ziehende Straße die Entwässerung seitlich durch das Widerlager mittels zweier Wasserspeier geleitet. Der Auslauf des Wasserspeiers muß im Winter sorgfältig von Eis befreit werden, um dem sich hinter den Stirnmauern sammelnden Wasser den Weg offen zu halten, der sonst durch die Fugen des Mauerwerks gesucht würde (Abb. 7) (siehe PDF-Dokument).

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Erster Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Frankreich


Wilhelm Hausenstein um 1906 - Wilhelm Hausenstein (* 17. Juni 1882 in Hornberg; † 3. Juni 1957 in München) war ein deutscher historischer Schriftsteller, Kunstkritiker und Kulturhistoriker, Publizist und Diplomat.Wilhelm Hausenstein (* 17. Juni 1882 in Hornberg; † 3. Juni 1957 in München) war ein deutscher historischer Schriftsteller, Kunstkritiker und Kulturhistoriker, Publizist und Diplomat. Er setzte sich gegen den Nationalsozialismus und Antisemitismus ein und widmete sich nach dem Zweiten Weltkrieg intensiv der deutsch-französischen Freundschaft.

Hausensteins Mutter Clara, geb. Baumann, war die Tochter des „Bärenwirts“ in Hornberg; sein Vater Wilhelm war großherzoglich badischer Finanzbeamter, er starb, als sein gleichnamiger Sohn neun Jahre alt war. Wilhelm Hausenstein besuchte das Gymnasium in Karlsruhe und legte 1900 das Abitur ab. In Heidelberg, Tübingen und München studierte er Klassische Philologie, Philosophie, Theologie, Kunstgeschichte, Nationalökonomie und Geschichte, unter anderem bei Lujo Brentano. 1901 arbeitete er während eines Aufenthalts in Belgien als Hauslehrer der Familie von Gustav Schönleber. 1905 wurde er mit der von Karl Theodor von Heigel betreuten Dissertation über Die Wiedervereinigung Regensburgs mit Bayern im Jahre 1810 promoviert. 1906 war er ein halbes Jahr lang Vorleser der im Pariser Exil lebenden einstigen Königin beider Sizilien, Marie in Bayern.

1907 trat er der Sozialdemokratischen Partei bei (1919 trat er wieder aus) und betätigte sich in deren Arbeiterbildungsgesellschaft Vorwärts. Eine Habilitation war infolgedessen unmöglich. Hausenstein wurde daraufhin freier Schriftsteller. 1908 heiratete er Marga Schröder, die Adoptivtochter eines Bremer Großkaufmanns.

Im Ersten Weltkrieg wurde Hausenstein aus gesundheitlichen Gründen nicht zum Kriegsdienst eingezogen. Da er 1915 die Schrift Belgien – Notizen veröffentlicht hatte, darin auch ein Kapitel über „Wirtschaft und Politik“, galt er als Kenner Belgiens und wurde zum Generalgouvernement Belgien, der deutschen Verwaltung des besetzten Landes, abgeordnet. Ab Januar 1916 war er Redakteur der von Anton Kippenberg gegründeten deutsch-belgischen Monatszeitschrift Belfried. In Brüssel lernte Hausenstein 1916 Alice Marguerite (Margot) Kohn (1890–1997) kennen. Kohns damaliger Ehemann, Richard Lipper, starb am 22. November 1916 in einem Lazarett. Hausenstein ging Ende Oktober 1917, nach Beendigung seines Dienstes in Brüssel, nach München zurück, begann bei der Zeitung Münchner Neueste Nachrichten und wurde gleichzeitig freier Mitarbeiter der Frankfurter Zeitung. Hausenstein motivierte Ulrich Christoffel kunstkritische Berichte für die Münchner Neuste Nachrichten zu verfassen.

Margot brach mit ihrer Familie und folgte ihm nach München. Im November 1918 ließ Hausenstein sich von Marga scheiden; am 5. Mai 1919 heiratete er Margot. Trauzeugen waren Emil Preetorius und Rainer Maria Rilke.

Am 3. Februar 1922 wurde Tochter Renée-Marie Parry Hausenstein geboren († 2015). Sie wurde katholisch getauft; ihre Eltern verschwiegen ihr, dass Margot Jüdin (und Renée-Marie damit ebenfalls Jüdin) war. Beides erfuhr sie 1936. 1932 zog die Familie nach Tutzing am Starnberger See.

1926 erschien in der Sowjet-Enzyklopädie ein umfänglicher Beitrag Hausensteins über das Barock. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten erzwang die politische Polizei am 14. April 1933 Hausensteins fristlose Entlassung als Redaktionsmitglied der Münchner Neuesten Nachrichten.

Von 1934 bis 1943 war Hausenstein verantwortlich für das Literaturblatt und die Frauenbeilage der Frankfurter Zeitung. Am 24. November 1936 wurde er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, durfte also keine Bücher mehr veröffentlichen. Denn er hatte sich geweigert, moderne Werke als entartete Kunst zu bezeichnen und die Namen jüdischer Künstler aus seiner Kunstgeschichte zu entfernen. Die noch vorhandenen Exemplare der Kunstgeschichte ließ das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda einstampfen. 1943 wurde er auch aus der Reichspressekammer ausgeschlossen. Dadurch verlor er seine Stelle bei der Frankfurter Zeitung (kurz bevor diese ihr Erscheinen einstellen musste) und unterlag fortan einem Verbot jeglicher publizistischer Arbeit. Hausenstein konzentrierte sich auf seine Autobiografie Lux Perpetua und bereitete weitere Bücher vor – ständig in der Gefahr, dass seine Frau Margot „abgeholt“ wird.

Nach Kriegsende bot ihm 1945 die US-amerikanische Besatzungsmacht die Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung an; Hausenstein lehnte das Angebot wegen seiner angegriffenen Gesundheit und seiner literarischen Pläne ab.

1949 gründete er mit 48 anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern (darunter Adolf Grimme, Erich Kästner und Marie Luise Kaschnitz) die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung.

1950 ging er, auf persönliche Bitte von Konrad Adenauer, als Generalkonsul der neugegründeten Bundesrepublik nach Paris. Anschließend wurde er Geschäftsträger und schließlich erster Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Frankreich. Anfang 1955 ging Hausenstein in den Ruhestand; sein Nachfolger wurde Vollrath von Maltzan.

Hausenstein schrieb rund 80 Bücher über kulturelle Themen, Kunst- und Reisebücher, Erzählungen und auch Erinnerungen; einige von ihnen erschienen unter den Pseudonymen Johann Armbruster und Kannitverstan. Sein Tagebuch im Kriege gilt als eines der eindrucksvollsten Dokumente der Zerstörung Münchens im Zweiten Weltkrieg. Auch als Übersetzer, etwa von Baudelaire-Gedichten, tat Hausenstein sich hervor.

Zu seinem Freundeskreis zählten unter anderen Paul Klee, Annette Kolb, Alfred Kubin, Rainer Maria Rilke, Karl Valentin, Albert Weisgerber, Franz Josef Schöningh und Theodor Heuss. Mit Weisgerber und Heuss traf er sich auch in Paris. Nach dem frühen Tod Weisgerbers im Ersten Weltkrieg verfasste Hausenstein im Jahre 1918 dessen Biografie. Hausenstein hatte mehrere Ämter inne und fungierte ab 1950 als Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Außerdem wurde er 1955 zum Großoffizier der Ehrenlegion ernannt. Wilhelm Hausenstein erlag am 3. Juni 1957 einem Herzinfarkt und wurde auf dem Bogenhausener Friedhof in München begraben.


Arbeiter-Jugend - 1 - 1909 - Heft 15 - S. 172 / 173

Andreas Hofer und der Tiroler Freiheitskampf

Andreas Hofer - der Name ruft die Erinnerung an eine Schulstunde wach, in der uns vom Lehrer gar erbauliche Dinge erzählt wurden. Hofer - der sei das leuchtende Beispiel des braven Volksmannes, ein Vorbild unentwegter Treue gegen das angestammte Fürstenhaus, frommen Gehorsams gegen die Kirche. Mehr hört man gewöhnlich nicht - höchstens noch dies, daß Hofer und seine Leute lobenswerte deutsche Franzosenfresser gewesen seien. So meint man natürlich, der Krieg der Tiroler sei ein besinnungsloser Kampf für Kaiser nnd Kirche gewesen - sonstnichts.

Nun kommt der Sozialdemokrat und sagt, mit diesem Geschichtsbild sei es eine windige Sache. Das sieht dann leicht so aus, als ob er ein niederträchtiges Vergnügen daran hätte, alles herunterzureißen, was anderen Leuten heilig ist. Ihr müßt das aber nicht glauben. "Heilig" ist immer nur die Wahrheit. Unwahr ist aber auch alle halbe Wahrheit.

Wir geben gerne zu: Hofer war ein gottseliger Volksheld, ein treuer Untertan seines Kaisers, ein Mustersohn der katholischen Kirche. Und wir gestehen weiter: die meisten seiner Landsleute verdienen das gleiche Lob. Lob? Ist das denn so sicher ein Lob? Oder am Ende das Gegenteil? Ist es denn der Gipfel der Tugend, kaisertreu und kirchenfromm zu sein? Die Sache ist zum mindesten des Zweifelnswert. Hat man uns also am Ende in der Schule das gepriesen, was am Tiroler Volkskrieg von 1809 gerade das Unwichtigste, das Wertloseste gewesen ist? Man hat uns wohl Wahrheit gesagt - aber nicht die Wahrheit. Sehen wir heute einmal zu, prüfen wir kritisch, während unklare "Patrioten" Feste der verschwommenen Begeisterung feiern. Untersuchen wir mit einer Ruhe und Unparteilichkeit, als ob uns die ganze Geschichte gar nichts anginge. Dann wird sich zeigen, was am Tiroler Volkskrieg von 1809, was an Hofer gut und köstlich gewesen ist - und was nicht.

Nach langer, harter Bedrückung durch König, Adel und Geistlichkeit erhoben sich 1789 die Bürger und Bauern Frankreichs gegen ihre Bedränger. Jene große Erhebung, in der die unteren Klassen siegten, nennt man die französische Revolution. Einen breiten, geschlossen auftretenden Lohnarbeiterstand gab es damals noch nicht. Die heut den Proletarier bedrucken, die Bürger, waren bis zum Jahre 1789 selbst die Mißhandelten gewesen und streiften nun gerade ihre Ketten ab. Diese revolutionsären französischen Bürger mit ihrem Anhang von Bauern und Arbeitern guillotinierten (köpften) im Januar 1798 den französischen König Ludwig [XVI.] der den Staat ganz zugunsten der großen Herren verwaltet hatte. Da fühlten alle Herrscher Europas ihre Throne und Köpfe wackeln; in Oesterreich, in Preußen, in Spanien, in Rußland, in den übrigen Ländern Europas war ja die staatliche Mißwirtschaft nicht geringer. Die europäischen Souveräne schlossen also einen Bund, um sich gegen die Ausbreitung der ansteckenden französischen Revolution zu schützen und das gefährliche Beispiel der französischen Revolutionäre zu bekämpfen, die ihrem Lande eine republikanische, seine demokratische Verfassung gegeben, die in ihrem Lande die unmittelbare Volksherrschast errichtet hatten. Der deutsche Kaiser saß damals nicht in Berlin, sondern in Wien. Kaiser Franz [II.], der Oesterreicher, war ein Hauptstimmführer im Kampf gegen die französische Revolution. Aber die französischen Bürgermilizen siegten 1796 und 1797 über die geübtesten österreichischen Regimenter und Kaiser Franz mußte sich zu einem harten Frieden bequemen. Der Feldherr, der die Oesterreicher geschlagen hatte, war der junge französische Revolutionsgeneral Napoleon Bonaparte. Er war es auch, der in einem neuerlichen Kriege - 1800 - die Oesterreicher abermals überwand. Oesterreich gab sich dennoch nicht zufrieden. 1805 nahm es den Kampf gegen Frankreich wieder auf. Damals war Frankreich freilich keine Republik mehr; 1804 hatte sich Bonaparte, der Meister vieler glänzender Schlachten, zum Kaiser der Franzosen aufgeworfen. Man sollte nun meinen: nachdem Frankreich Kaiserstaat geworden, nachdem die französische Republik übertrumpft war, hätte sich Oesterreichs Regierung, ja das ganze monarchische Europa beruhigen können. Aber es gab doch noch Gründe zum Kampf. Napoleon versuchte jetzt, Frankreich die Vorherrschaft in Europa zu sichern. Er machte diesen Versuch aber keineswegs bloß aus persönlichem Ehrgeiz, aus persönlicher Eroberungssucht. Vielmehr war er im Grunde der Angegriffene England setzte alles daran, Frankreichs Stellung zu erschüttern, denn Frankreich war der einzige Konkurrent, der der englischen Seeherrschaft gefährlich werden konnte. Darum steckte sich England hinter die Höfe von Wien und Petersburg. Der englische Minister Pitt hatte den Krieg von 1800 gemacht; er machte auch den Krieg von 1805. So ereignete es sich, daß Napoleon auf Oesterreich und Russland losschlug, während er eigentlich England meinte, das er mit seiner schwachen Flotte nicht erreichen konnte.

Das sind die großen Verschlingungen der europäischen Politik vom Anfang des 19. Jahrhunderts. Was aber hat Tirol mit ihnen zu tun? Sehr einfach. Im Krieg von 1805 wurde Oesterreich von Napoleon abermals geschlagen. Der entscheidenden Schlacht von Austerlitz folgte bald der Friede von Preßburg. Durch diesen Frieden mußte Kaiser Franz Tirol und Vorarlberg herausgeben. Was fing Napöleon mit diesen Provinzen an? Er schenkte sie einem seiner deutschen Bundesgenossen, dem Kurfürsten Max Josef von Bayern, den er zugleich zum König erhob. (Weshalb sich Bayerns Könige "Könige von Gottes Gnaden" nennen.) Tirol, das seit 1363, seit den Tagen der Tiroler Gräfin Margarete Maultasch, zu Oesterreich gehört hatte, war nun bayerische Provinz.

Weshalb wohl gab Napoleon Tirol dem bayerischen König? Sicher nicht aus Gutmütigkeit. Napoleon stärkte Bayern, um selber Vorteil davon zu haben. Das schwache Bayern war 1805 von Napoleon gezwungen worden, sich mit Frankreich zu verbinden. Im Besitz von Tirol war Bayern ein mächtigerer Staat: zwar lange nicht stark genug, Um sich von Napoleon loszumachen, aber doch eher fähig, dem Kaiser der Franzosen hinfort wertvolle Dienste zu leisten. Bayern sollte - so und nicht anders meinte es Napoleon - aus Tirol Geld und Soldaten herausquetschen und damit dem Kaiser der Franzosen jederzeit beistehen. Tirol sollte ein Vorspann am napoleonischen Siegeswagen - die bayerische Regierung aber der Knecht sein, der das Roß einschirrt. Hätte sich. König Max geweigert, die Rolle zu übernehmen, so hätte Wittelsbach die Krone und Bayern mutmaßlich die staatliche Selbständigkeit eingebüßt. Der Tiroler Volkswitz erfaßte die Lage ganz richtig, wenn er dem bayerischen Fürsten zurief:

"Möcht’st holt gern an König moch’n,
Müessan Küeh’ und Kölber loch’n,(*)
O, der Bonapart’ is fein!
Ziagt di bei der Nos'n ummer,(**)
Und du Deifelsnarr, du dummer,
Mueßt sein Kommerdiener sein."


*) Müssen Küh’ und Kälber lachen.
**) Zieht dich an der Nase herum.


Max - die Münchener Spießbürger sprachen bloß von "unserem Moxl" - war persönlich ein ganz netter alter Herr, aber dabei recht verdrückt, hinterlistig und feig. Seine persönlichen Eigenschaften fielen freilich gegenüber den großen politischen Zeitereignissen gar nicht ins Gewicht. Diese Ereignisse mußten wir studieren - der Privatcharakter des bayerischen Königs kann uns gleichgültig sein.

Konnte Tirol ein Vergnügen daran haben, Napoleons Handlanger zu sein? Konnte es die bayerische Regierung begrüßen, die bestellt war, diese Handlangerdienste zu fordern, zu organisieren? Nein. Und eben darum, weil es dies nicht wollte, erhob sich Tirol 1809 unter Hofer gegen Bayern und Frankreich.

Ich höre fragen: wäre es denn für Tirol im Grunde nicht einerlei gewesen, ob es für Bayern und Frankreich oder für Oesterreich zahlte und Krieg führte? Schließlich ist’s doch egal, wer mir die Haut über die Ohren zieht! Die Einwendung ist klug. Sehr möglich, daß Tirol auf die Dauer unter bayerischer Herrschaft eben so gut und schlecht gefahren wäre, wie unter österreichischer. Aber wir müssen bedenken: die Zeiten waren unruhig und Bayern hat daher - zum großen Teil wider Willen - von vornherein mit besonderer Heftigkeit in die Verhältnisses dieses Berglandes eingegriffen. Tirol war ein staatliches Leben gewöhnt, das man in der politischen Sprache mit einem ganz klaren Ausdruck "Selbstverwaltung" nennt. Das Tiroler Volk hatte seine öffentlichen Angelegenheiten selber in der Hand; nicht die Herren am grünen Tisch in Wien, sondern Tirols Volk selber gab dem Lande Gesetz und Verwaltung. Das Tiroler Volk zerfiel in vier Stände: in Prälaten, Adelige, Stadtbürger und Bauern. Diese vier Stände ließen sich durch frei gewählte Abgeordnete auf dem Tiroler Landtag vertreten.

Fällt euch dabei nicht eins auf? Wie stand es bis ins 19. Jahrhundert hinein mit dem europäischen Bauer? Er war leibeigen. Er konnte sich nicht frei bewegen, hatte kein Grundeigentum, zahlte dem Grundherrn, der ihm einigen Acker lieh, tausend Abgaben, leistete ihm tausend unentgeltliche Dienste und fand bei gröbster Mißhandlung kaum jemals Recht. Aber in Tirol gab es nie eine Leibeigenschaft.

Der Tiroler Landtag, auf dem dieser freie Tiroler Bauernstand so gut vertreten war, wie der Adel oder die Geistlichkeit, besaß das Recht, Steuern auszuschreiben und die gesetzlichen Steuern, die er ausgeschrieben hatte, auch selber zu erheben und zu verwalten. Der österreichische Landesherr, der draußen in Wien saß, nahm auf Tirols innere Angelegenheiten wenig Einfluß. Ist das nicht merkwürdig? Bedenkt, daß überall in Europa, wo es überhaupt noch eine Art von Volksvertretung gab, Landtage und Reichstage zu willenlosen Steuerbewilligungsmaschinen herabgewürdigt waren, deren sich absolutistische Herrscher, Fürsten von tatsächlich unbeschränkter Herrschgewalt, lachend bedienten!

Aber Tirol besaß nicht nur ein unabhängiges Steuerwesen, sondern auch das wichtige Grundrecht der Selbstverteidigung. Der österreichische Fürst hatte nicht das Recht, dem Land Tirol österreichisches Militär auszuzwängen. Tirol schützte sich selber gegen den Feind. Das ist jedoch nicht einmal das einzig Entscheidende. Tirol war nämlich auch keineswegs verpflichtet, ein stehendes Heer zu unterhalten. Da gab es keine Kasernen, keinen Trill, keine Spielerei mit Paradepuppen. Sonntags übte sich der Tiroler am Gemeindeschießstand; Werktags ging er der Arbeit nach und da gab sich manche Gelegenheit, zu steigen, ja selbst mit dem Gemsbock um die Wette zu klettern. Der Tiroler konnte schießen, er konnte klettern und er kannte sein "Landl": mehr brauchte es nicht zur Landesverteidigung. Wahrlich, es ist leicht, österreichisch und kaisertreu zu sein, wo Oesterreich, wo der Kaiser so wenig zu sagen hat.

Arbeiter-Jugend - 1 - 1909 - Heft 16 - S. 186 / 187

Andreas Hofer (* 22. November 1767 am Sandhof bei St. Leonhard in Passeier in der Grafschaft Tirol; † 20. Februar 1810 in Mantua, Königreich Italien) war Anführer der Tiroler Aufstandsbewegung von 1809 als Freiheitskämpfer gegen die bayerische und französische Besetzung seiner Heimat bekannt.Als Tirol nun bayerisch geworden war, gab die neue Regierung zunächst das Hochheilige Versprechen: kein Haar sollte der Alttiroler Verfassung gekrümmt werden! Trotzdem ging die bayerische Regierung schleunig daran, die Tiroler Verfassung durch Taten anzugreifen.

Sofort wurden Von der neuen Regierung neue Steuern eingeführt. Eine Kopfsteuer - eine Steuer, die jeder Einzelne dafür bezahlt, daß er überhaupt in der Welt ist - sollte 330.000 Gulden Rohertrag einbringen. Die Steuer auf den Grundbesitz wurde erhöht, ebenso die Steuer auf den Wein, der sogenannte Schenkpfennig. Die Münchener Regierung brachte den Tirolern eine Fleischsteuer, einen Zoll auf die Ausfuhr des Viehs nach Altbayern, eine Stempelsteuer, die jeden verpflichtete, sich zu Eingaben an Behörden oder zu Rechtsgeschäften eines teuren, amtlich gestempelten Papiers zu bedienen. Diese Steuer war besonders verhaßt, denn Tirol hatte sich noch in österreichischer Zeit für immer vom Papierstempel losgekauft. Das sind einige Proben bayerischer Steuerpolitik. Zum verhaßten Inhalt kam die verhaßte Form. Die neuen Steuern wurden ja keineswegs vom Tiroler Landtag gemacht - nein, man hatte sie ganz einfach von München her diktiert! Dies Gebaren damit nur das Beispiel der Alten nachahmen. Für den jungen Proletarier ist es mit den größten Schwierigkeiten verknüpft sich ein besseres Wissen anzueignen, als es ihm die dürftige Volksschule bietet. Für den jungen Bürgersohn ist der Quell des Wissens dagegen, den ihm die höheren Schulen bieten, meist weit eher ein Brechmittel als ein Erquickungstrank. Der Erfolg ist denn auch danach. Man glaubt gar nicht, wie ungebildete Leute man z. B. unter den höheren Beamten trifft, mit denen zu Verkehren ich früher so oft Gelegenheit hatte. Da ist alles, was nicht zum engsten Fach gehört, oderflächlichste Oberfläche kein Blick in die Zusammenhänge der verschiedenen Wissenszweige, keine moderne Weltanschauung kein Streben, tiefer zu dringen, nur das, was man für gewandtes gesellschaftliches Auftreten und für streberische Schaumschlägerei braucht. Aber die herrschenden Klassen haben ein großzügiges Wissen auch gar nicht nötig, da sie ja die Macht haben. Für die jungen Proletarier dagegen, die nicht die Macht haben, wohl aber dazu berufen sind, dem Proletariat die politische Macht erobern zu helfen, gilt das Umgekehrte, da heißt es Wissen erwerben, um die Macht zu haben; denn Wissen ist Macht, wenn es ein Gesamtgut der unterdrückten Klasse wird.

Das wissen die herrschenden Klassen auch sehr wohl, deshalb suchen die Regierungen, die Handelskammern, die Innungen der freien Jugendbewegung alle möglichen Steine in den Weg zu werfen, ja sie, wo möglich, ganz zu vernichten, obwohl sich diese Bewegung das schönste und edelste Ziel gesetzt hat, das sich nur denken läßt, nämlich das, die Jugend mit Wissen zu versorgen. Die Jugendorganisationen der Bourgeoissöhnchen dagegen, die dem Wissen entgegenarbeiten und nichts weiter als stumpfsinnige Sauferei zum Zwecke haben, läßt man ruhig weiter gedeihen, da man ihr Ideal, die Studentenverbindungen, vor allem die Korps, hegt und pflegt und ihnen sogar ein für allemal das Führen Von Waffen bei ihren Umzügen gestattet hat, während man gegen Umzüge hungernder Arbeitslosen mit dem Polizeisäbel einschreitet.

aber war das schwerste Verbrechen, dessen sich eine Regierung schuldig machen kann: es war ein Verfassungsbruch. Und nicht der einzige. Denn alsbald kam die Militärkonskription. Das ist die Zwangsaushebung von Landeskindern zum Militärdienst. Hatte es bisher in Tirol überhaupt keinen Militärdienst in Friedenszeit gegeben, so sollte künftig jeder 120. Tiroler Jungmann sechs lange Jahre fern der Heimat in bayerischen Kasernen zubringen! Das war zuviel und scharenweise entliefen die Rekruten den Aushebungskommandos - selbst unter Anwendung von Waffengewalt. Bayern griff aber auch in Handel und Wandel der Tiroler ein. Noch aus österreichischer Zeit war in Tirol eine Masse Papiergeld im Umlauf. Die zahlreichen unglücklichen Kriege Oesterreichs hatten jedoch bewirkt, daß der Wert des österreichischen Papiergeldes gewaltig gesunken war. Papiergeld ist eigentlich bloß ein Gutscheinz der Münzherr - der Staat - gibt diese Gutscheine aus, um dem Verkehr mehr Bequemlichkeit zu verschaffen. Man denke, wie unbequem es wäre, mit Tausendmarkstücken zu wirtschaften! Aber der Staat muß jederzeit im Stande sein, für eine Banknote gutes Metallgeld auszuzahlen. Kann er das nicht, gibt er zum Beispiel zu viel Papiergeld heraus oder verliert er plötzlich sein Edelmetall -, dann fällt oder verschwindet der Wert des Papiergeldes. Für Oesterreich traf beides zu. Es hatte zuviel Papier ausgegeben - Papiergeld über das Maß seiner Edelmetallvorräte hinaus. Nun kamen die napoleonischen Kriege dazu, die große Edelmetallvorräte aus Oesterreich hinausschleppten. So stand der tatsächliche Wert der österreichischen Banknoten auf einem Drittel des Nennwertes. Damit war Tirol natürlich sehr geschädigt.

Aber der Kurs der österreichischen Papiergeldzettel drohte noch tiefer zu fallen. So wurde es für die bayerische Regierung zur Pflicht, einzugreifen. Es gab bloß ein Heilmittel: vollkommene Beseitigung des österreichischen Papiergeldes. Die bayerische Regierung erbot sich, die Zettel zu einem leidlichen Kurs zu nehmen und gutes Metallgeld dafür zu geben; sie setzte zugleich eine halbjährige Frist, nach deren Ablauf die österreichischen Noten in Tirol überhaupt keine Geltung mehr haben sollten. Die Tiroler gingen also an die bayerischen Kassen und zeigten ihre österreichischen Noten. Aber da stellte sich heraus, daß die bayerischen Kassen selber nicht genug gutes Metallgeld hatten, um alle diese Zettel einzulösen. Nun entstand eine furchtbare Aufregung bei den Tirolern. Die Zeit der vollkommenen Entwertung nahte heran und noch war eine Menge österreichisches Papiergeld in Tirol im Umlauf. Da traten gewissenlose Spekulanten auf, brachten zum Ueberfluß gefälschte Noten auf den Markt und setzten so den Wert auch der echten Noten abermals herunter. Zugleich erboten sie sich, die österreichischen Noten zu wechseln, aber sie nahmen ein so schamloses Draufgeld - das sogenannte Agio -, daß ein Papiergulden schließlich bloß mehr 18 Kreuzer galt! Man hat ausgerechnet, daß das Tiroler Volksvermögen sich durch diese "Finanzreform" um ein Drittel verminderte. Die Erbitterung kehrte sich gegen die bayerische Regierung, obwohl Bayern mit der Reform - wenn auch in Wirklichkeit viel zu hastig - einen richtigen Weg betreten hatte.

Zum Ueberfluß tastete Bayern auch noch die tirolische Kirchenverfassung an. In der Absicht, das Volk durch die Geistlichkeit zu beherrschen, die ja das unbedingte Vertrauen des Volkes besaß, beschloß die bayerische Regierung, zunächst einmal die Geistlichkeit selber in ihre Gewalt zu bringen. So wurde verordnet, daß die Tiroler Bischöfe künftig nicht vom Papst, sondern vom bayerischen König, die Pfarrer nicht von den Bischöfen, sondern gleichfalls vom König zu ernennen seien. Auch wurde den Priestern unbedingter Gehorsam gegen die Staatsregierung zur Pflicht gemacht. Die Folge dieser Umwandlung war die heftigste Opposition im geistlichen Lager. Aber die Regierung machte kurzen Prozeß. Die Bischöfe von Trient und Chur, die sich widersetzten, wurden einfach des Landes verwiesen. Widerspenstigen Pfarrern ward das Gehalt gesperrt, ja der Gottesdienst verboten. In Hofers Heimat, im Passeyertal, war der Kampf besonders heftig. Dort wurde sogar Militär einquartiert, damit es Bauern und Geistliche überwache. Während der Messe und der Predigt standen Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett dem Altar nahe und unter der Kanzel. Man kann sich denken, daß dies Verfahren die Bauern gewaltig empörte.

Es war ja auch sehr unklug von der bayerischen Regierung, daß sie die geweihten Gefäße aufgehobener Klöster an jüdische Händler losschlug, die damit einen frechen Mißbrauch trieben. Es war unklug, daß sie die Christmesse von der Mitternacht auf die fünfte Morgenstunde verlegte. Das Tiroler Volk liebte die Poesie des mitternächtigen Weihnachtsgottesdienstes, ob auch die Regierung meinte, es sei gesünder, wenn der Bauer um 12 Uhr nachts schlafe. Zu allem kam persönliche Mißhandlung der Priester, Mönche und Bauern durch bayerische Kommissäre und Soldaten. Es wurden sogar Prügelstrafen verhängt. Wie man über die bayerische Kirchenpolitik auch denken mag: sicher ist das eine, daß sie nicht geschickt, nicht zartfühlend, nicht taktvoll vorging. Politik - das heißt aber nicht bloß, Pläne haben, sondern auch, sie geschickt verwirklichen.

Arbeiter-Jugend - 1 - 1909 - Heft 17 - S. 199 / 200

Als das Jahr 1809 herankam, war die Verstimmung der Tiroler zu einer gewaltigen Zornmasse geworden. Oesterreich erhob sich zum viertenmal gegen Napoleon, der es zu tief gedemütigt hatte. Tirol nahm die Gelegenheit und die allgemeine europäische Gärung gegen Napoleon wahr; sich von Bayern freizumachen. Die Parole hieß: für Kaiser Franz und die Kirche! Aber leicht erkennt man jetzt, daß die Tiroler im Grunde - vielleicht bloß halb bewußt - etwas anderes, Wertvolleres meinten. Die Parole hätte eigentlich lauten müssen: für unsere alte Tiroler Freiheit - für das gewohnte Recht der Selbstverwaltung! Bayern hatte diese Freiheit stark beschnitten - so ward die kaiserliche Zeit mit ihrer klugen Duldung tirolischer Freiheiten zum Inbegriff des goldenen Zeitalters. Tatsächlich hatten Kaiser und Kirche Tirols Freiheit gar nicht gemacht, sondern Tirol hatte seine Freiheit trotz Kaiser und Kirche besessen!

Mitten im Krieg erklärten einmal Tiroler Bauern: wenn sie nach wie vor Abgaben zahlen müßten, "so hätten sie auch können bayerisch bleiben und nicht gebraucht so viel zu tun und alles aufs Spiel zu setzen". Klingt das so unbedingt nach österreichischem Patriotismus? Und ein Tiroler Richter, Michael Senn, trat dafür ein, dass sich Tirol zum Freistaat, zur Republik erklären solle. Auch das sieht wohl nicht aus, wie bedingungsloser österreichischer Patriotismus, wie ganz überzeugte Kaisertreue! Nein - der Kampf der Tiroler ist darum so achtenswert, weil er ein Kampf gegen kecke Uebergriffe einer selbstherrlichen Regierung, ein Kampf um die Volksherrschaft, um demokratische Freiheit gewesen ist. Daß ein Volk sein politisches Leben in Freiheit selber bestimme, daß erscheint der Sozialdemokratie, das erschien von je den großen Staatsweisen als die edelste Form gesellschaftlichen Daseins. Wir sehen, daß im Tiroler Freiheitskampf ähnliche Bedürfnisse - wenn auch in verworrener Gestalt - wirksam gewesen sind. Darum und aus gar keinem anderen Grunde bringt die Sozialdemokratie dem Tiroler Kampf Von 1809 zum Jahrhundertjubiläum gerne das Ehrenopfer der Hochachtung und der Bewunderung.

Was dünkt uns aber insbesondere um Andreas Hofer? Die Ueberlieferung hat ihn zum Führer des Tiroler Aufstandes gestempelt. Aber diese Ueberlieferung ist unecht.

Verfolgt man die Geschichte des Tiroler Krieges-, so fällt bei einiger Aufmerksamkeit sofort eine Merkwürdigkeit auf: von einer wirklichen Führertätigkeit Hofers zeigt sich kaum eine Spur. Hofer hat im Vergleich zu anderen Häuptern, etwa zu dem hochintelligenten Speckbacher, der in seiner Jugend das gefährlich-romantische Abenteurerdasein des Wilderers durchlebt hatte, zu dem wahnsinnig tapferen, heißblütigen Kapuziner Haspinger, zu dem kühnen Wirt Oppacher, dem Verteidiger des Strubpasses, zu dem Wirt Peter Mayr, der nach dem österreichisch-französischen Frieden von Wien im Herbst 1809 den Krieg gegen die siegreiche Partei - nämlich die Bayern und Franzosen - mit unglaublicher Tapferkeit und Ausdauer fortsetzte, sowohl als Kämpfer wie als leitender Feldherr äußerst wenig geleistet. Unter den Dutzenden tirolischer Führer mag kaum einer gewesen sein, der Hofer nicht gewachsen gewesen wäre.

Hofer war von Hause aus mit einem sehr mittelmäßigen Verstand begabt. Er hatte nicht bloß sehr geringe Kenntnisse, sondern auch ein schwaches Urteilsvermögen und enge sittliche Anschauungen. Als Wirt, als Getreidehändler und Pferdehändler reiste er viel im Lande herum. So wurde er manchem bekannt. Er war im persönlichen Umgang sehr

freundlich und gemütlich; man konnte sich beim Tiroler Roten kaum einen behaglicheren und trinkfesteren - Zechgenossen wünschen. Seine Gesinnungen waren die eines durchaus anständigen Menschen. Aber sie ersetzten schließlich nicht den Mangel an Ueberlegenheit des Geistes und des Willens. Seine enorme Körperkraft trug in einem Lande, in dem das Raufen zur überlieferten Sonntagsheiligung gehört, gewaltig zu seinem Ansehen bei, nicht minder der mächtig wallende Vollbart, der Hofer in den Augen der Leute eine gewisse natürliche, fast hohepriesterliche Würde gab. 1790 entsandten ihn seine Heimatgenossen in den Tiroler Landtag. In den ersten österreichisch-französischen Kriegen führte er Passeyrer Landesverteidiger. Mit einer etwas renommiersüchtigen Hartnäckigkeit spielte er seit 1805 den Verächter bayerischer Verordnungen. 1809 war er mit anderen in Wien - schon vordem ein Günstling des österreichischen Erzherzogs Johann -, um mit den hohen Herren der Hofburg den Plan des Tiroler Aufstandes zu beraten.

So war Hofer aus manchen Gründen offenbar der gegebene Mann. Man darf indes nicht glauben, daß es ihm an Nebenbuhlern fehlte. Wahrscheinlich wurde Hofer deshalb zum Oberkommandanten gewählt, weil er so harmlos war und nicht die Art hatte, seine Gewalt mit Energie zu brauchen. Wäre Hofer eine wirkliche Führernatur gewesen, so hätte ihm die Eifersucht der Landsleute das Amt wohl nicht gegeben. Aber Hofer tat eigentlich immer bloß das, was das Volk, was seine Umgebung von ihm wollte. Er war sehr leicht zu behandeln und zu beeinflussen. Er hatte weder die Gabe noch den Ehrgeiz, den Aufstand und die Landesverwaltung nach eigensten persönlichen Plänen zu leiten. Einem Mann, dem es so ganz an Herrscherbewnsztsein, an Führerhochmut gebrach, konnte man sich Vertrauen. Er wurde im Laufe der Zeit natürlich ein bißchen eitel. Das kann ihm nicht verdacht werden. Er erinnerte sich immer wieder rasch der Mutter Gottes und tat immer wieder rasch den demütigen Griff nach dem Rosenkranz - dem Rosenkranz, an den er in schwierigen Lagen lieber appellierte, als an seine eigene Geistesgegenwart und Urteilsschärfe. Wenn ihn die Tiroler nach siegreichen Schlachten feierten - für die er im allgemeinen nichts konnte -, dann äußerte er wohl: "Pst, Pst, jetzt beten, nit schrei'n und musizier'n - i nit, ös a nit, der da drob'n hot's tan!" Und nichts ist begreiflicher, als daß die Tiroler dem Biedermann ihre Sympathie gewährten, der das Amt des "Ober Commedanten in Dirol" mit den öffentlichen Worten antrat: "Nu, so grüaß enk holt God, meine liaben Sprugger*)! Weils ös mi durchaus zum Oberkommedanten hobt's g'wöllt, so bin i holt do. Sein aber mit mir no viel and're do, dia koane Sprugger sein. Alle, dia meine Wassenbrüada sein woll'n, dia müessan für Gold, Koasa und Vattaland als dapf're, brave und rödle Tirola streit'n; dia dös nit woll'n, soll'n liaba glei hoam geh'n. Meine Waffenbrüada soll'n mi nit verlass'n. I will enk a nit verlass'n, so wahr i Andre Hofer hoaß. So, g'sagt hob' i enk 's, g'segn hobt 's mi, jetzt pfüat enk God!" Der so sprach, war gewiß nicht aus dem Holz-, aus dem man Machthaber schnitzt. Hofer besaß die äußeren Zeichen, er besaß die Würde - aber weder die tatsächliche Gewalt noch die Eigenschaften des Führers. Man hat ihn sehr gut mit der Bundeslade der alten Israeliten verglichen. Das Schwergewicht des Aufstandes lag außerhalb der Person Hofers - es ruhte in der wuchtigen Masse der Bauern, die sich selbsttätig, fast führerlos erhob, als die Not zu groß geworden war. Monarchisten und Kirchenleute aber nähren noch heute den Glauben, Hofer sei der eigentliche Mann von 1809 gewesen - sie nähren diesen

*) Insbrucker.

Glauben, weil Hofer mit besonderer Leidenschaft für Kaiser und Kirche ins Zeug ging, also weil er die Seiten hervorkehrte, die uns am Tiroler Krieg die unwichtigsten scheinen. Auch wir geben gerne zu, daß Hofer bei seiner an Geistesarmut grenzenden Einfalt und Biederkeit sein heldisches Herz besaß. Eine in ihrer Kindlichkeit rührend große Heimatsliebe hinderte ihn, zu fliehen, als man ihm auf der Spur war. Als das Mantuaner Kriegsgericht ihn auf Napoleons Geheiß zum Tode verurteilte, da blieb er gelassen, wiewohl er seine Freisprechung bestimmt erwartet, wiewohl ihn sonst jede Kleinigkeit zu Thränen gerührt hatte. Und seine Gelassenheit wuchs in der Stunde seines Todes zu altrömischer Grösse auf. Mit lauter Stimme, aufrecht stehend, unverbundenen Auges erteilte er den Grenadieren des französischen Kaisers das Schußkommando selber: "Gebt 's Feuer!" Das ist erhaben.

Was haben wir gelernt? Wir sahen ein Volk, das in kleinbäuerlich-demokratischer Freiheit die eigenen Angelegenheiten selbst verwaltete. Wir sahen seinen Kampf gegen den bayerischen Absolutismus, der dem an Freiheit gewöhnten Bergvolk von außen herrisch drückende Gesetze gab. Wir sahen in diesem Kampf um Selbstverwaltung den eigentlichen Wert jenes Krieges und lernten einsehen, daß die klingenden Worte von österreichischem Partiotismus und Kirchentreue nichts gewesen sind, als die Hülle um den Kern, der politische Selbstbestimmung heißt.

Der Sozialdemokrat weiß, was der Tiroler nur halb erkannte: er weiß, daß es bessere Burgen der Freiheit gibt als Kronen und Kirchen. Der Sozialdemokrat ergreift die Freiheit selber - ohne Mittler, ohne Schutzengel Tirol, das 1809 nochmals Bayern zufiel, ist nach Napoleons Sturz wieder österreichisch geworden. Aber wie gleichgültig dünkt uns die Frage: österreichisch oder bayerisch? Wir müssen die Frage so stellen, wie sie von den Alttirolern selber gemeint war: frei oder unfrei?

Trotz Kaiser und Kirche gibt es heute in Tirol der Unfreien genug. Wir dienen der Erinnerung an die Helden nicht, wenn wir laute "patriotische" Feste feiern. Wir ehren jene unglücklichen Kämpfer besser, wenn wir ihren Enkeln heute die sozialdemokratische Lehre zutragen - die einzige Garantie der Freiheit, die es in dieser miserablen Zeit noch gibt!

Dr. Wilhelm Hausenstein.

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