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Sehenswertes Nordrach


Nordrach war eine Gründung des Klosters Gengenbach. Mit dem bambergischen Lehen der Schirmvogtei über Kloster Gengenbach zuerst bei den Zähringern bis 1218, dann bei den Staufern bis 1245. In der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts wird der Ort durch den Gengenbacher Abt Lambert von Brunn (zusammen mit Biberach und Ober- und Unterentersbach) als Stabgemeinde an Zell a. H. angegliedert. Innerhalb der Reichsstadt Zell war Nordrach ein Landstab. Im Rat von Zell wurden sie durch einen Heimburgen (war für Finanzen zuständig, hatte aber auch Polizeibefugnisse) vertreten.

Im 15. Jahrhundert noch hatte Nordrach ein eigenes Gericht. Von 1670 - 1803 war Nordrach Stab von Zell a. H. und 1803 wurde der Ort selbständige Gemeinde (mit Vogt, Bürgermeister für die Finanzen und dem 4köpfigen Gericht) und es kamen zur Gemeinde die bisher gengenbachischen Schottenhöfe mit Mühlstein, Lindach und Nordrach-Fabrik. 1823 wurde Nordrach-Fabrik als eigene Gemarkung unter einem Stabhalter abgetrennt und 1929 wieder mit Nordrach vereinigt.

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Das Rothschild Haus (Sanatorium) - Nordrach


Viel ist nicht bekannt über die Rothschild’sche Lungenheilanstalt, die 1903 in Adelsheim als Stiftung gegründet und 1905 in Nordrach eröffnet wurdeDie Frau, die zu Gott betete: Baronin Adelheid de Rothschild - Von Eva Magin-Pelich - Aufbau - 07.08.2003

Rothschild: Ein Name, der Assoziationen weckt. Alter europäischer Geldadel, bester Wein. Ein Name, der nicht nur mit als Begründer der "Jewish Colonisation Association" in die israelische Geschichte einging. Auch sein Sohn James ist unvergessen mit dem Bau der Knesset verbunden. Und schließlich Baronin Adelheid de Rothschild, Ehefrau und Mutter der beiden Genannten.

Sie wird heute wieder in Nordrach im Schwarzwald geehrt. In Israel lautet die Inschrift ihres Grabsteines "...eine Frau, die zu Gott betete". Dort fanden Edmond und Adelheid de Rothschild 1954 bei Zikhron Ya‘akob unweit von Haifa die ewige Ruhe. Er war 1934, sie 1935 gestorben, beider Wunsch war, in Palästina begraben zu sein. Baronin Adelheid de Rothschild stammte aus dem deutschen Zweig der Rothschild-Dynastie. 1853 wurde sie in Frankfurt am Main geboren, eine der drei Töchter des Wilhelm Carl von Rothschild und seiner Frau Mathilde. Der Vater war der letzte Eigner des Frankfurter Zweiges des Bankhauses Rothschild, nach seinem Tod 1901 wurde die Firma liquidiert, ein Nachfolger hätte männlichen Geschlechtes und ein Rothschild sein müssen. Aber keiner aus dem Clan zeigte Interesse.

1877 hatte Adelheid den acht Jahre älteren Edmond aus Paris geheiratet. Sie verließ ein Elternhaus, in dem man der Religion große Bedeutung beimaß. Religiös waren auch die französischen Rothschilds, jedoch mit Unterschieden zu Frankfurt. Die Frankfurter galten als strenger, legten die Dinge konservativer aus als die Verwandten im lebensfrohen Paris. Eine Umstellung für Adelheid, wie noch ihr Urenkel Benjamin de Rothschild weiß, der von ihrer Reserviertheit gegenüber dem mondänen Pariser Leben berichtet. Er beschreibt sie als zurückhaltende, äußerst religiöse Frau mit einer "unerschöpflichen Großzügigkeit gegenüber den Menschen", die ihr Leben ihrem Mann - sie überlebte ihn nur um ein halbes Jahr -, ihren Kindern und der Wohltätigkeit widmete.

Die Religion behielt stets ihren Platz im Leben der Baronin, mit positivem Einfluss auf Edmond, mit dem sie 57 Ehejahre und drei Kinder verbanden. Bestandteil von Adelheids Religionsauffassung war immer die Mildtätigkeit, so wie ihre Eltern es vorgelebt hatten. Frankreich, Deutschland, Palästina: Überall hinterließ sie ihre wohltätigen Spuren, gemeinsam mit Edmond, aber auch alleine. Seien es ein Krankenhaus in Palästina, die Zuweisung von Geldmitteln an gemeinnützige und kulturelle Einrichtungen in ihrer Heimatstadt Frankfurt oder in Paris. Museen, Büchereien, Wissenschaftler, Künstler, Kranken- und Waisenhäuser, sie alle profitierten vom Willen der Baronin, Gutes zu tun. Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass sie der Idee eines Frankfurter Stiftungsberaters folgte und 1903 zwei Millionen Reichsmark zur Gründung einer Lungenheilanstalt zur Verfügung stellte.

Die Rothschild’sche Lungenheilanstalt in Nordrach / Schwarzwald

Viel ist nicht bekannt über die Rothschild’sche Lungenheilanstalt, die 1903 in Adelsheim als Stiftung gegründet und 1905 in Nordrach eröffnet wurde. Nordrach hatte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts als Lungenkurort etabliert, eine Vielzahl der Patienten kam aus England und Frankreich in die dortigen Sanatorien. Der Nordracher Arzt Hettinger sah eine gute Möglichkeit, sein Arbeitsfeld zu erweitern, selbst ein Sanatorium zu eröffnen. 1896 kaufte er mitten in Nordrach Grund, ließ einen Sanatoriumsbau errichten. Letztlich aber übernahm er sich mit dem Projekt und musste neun Jahre später verkaufen.


Die Gründung der M.A. von Rothschild’schen Lungenheilanstalt in Nordrach - von Uwe Schellinger
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Unter den Interessenten bekam die im Andenken an Adelheids Vater gegründete "M. A. von Rothschild’sche Lungenheil-Anstalt" den Zuschlag. Im Oktober 1905 wurde der Kauf juristisch besiegelt. Ziel war die Einrichtung einer Lungenheilstätte speziell für jüdische tuberkulosekranke Frauen, die Behandlung war kostenlos. In anderen Kliniken konnten die Frauen weder die Richtlinien der Speisegesetze noch sonstige religiöse Gebote einhalten. In der Rothschild’schen Heilstätte gab es auf Anweisung von Adelheid de Rothschild koschere Küche, die jüdischen Feiertage wurden eingehalten und zelebriert. Die religiöse Ausrichtung bedeutete aber keinesfalls eine Ausgrenzung anderer Religionen, die Heilanstalt war offen für alle Konfessionen.

Zusätzlich zu den Gebäuden kaufte die Stiftung ein außerhalb des Ortes im Wald gelegenes Grundstück. Hier entstand ein kleiner jüdischer Friedhof. Er existiert bis heute, das letzte Begräbnis fand im Jahre 1977 statt. Im November 1905 nahm die modern ausgestattete Lungenheilanstalt mit sieben ersten Patientinnen, darunter eine Christin, den Betrieb auf. Vier Wochen später hatte sich die Zahl verdoppelt.

Die wechselvolle Geschichte des Sanatoriums

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten führte das Rothschild’sche Sanatorium seinen Betrieb bis in den September 1942 hinein fort. Zunächst setzte sich der Nordracher Bürgermeister Spitzmüller aus wirtschaftlichen Gründen gegen eine Schließung ein. 1938 stellte man die Stiftung unter die Verantwortung der "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland". Es blieb beim reinen Frauensanatorium, auch wenn das Innenministerium die Aufnahme von Männern genehmigt hatte. Spitzmüller konnte das verhindern. Seine kategorische Ablehnung ging soweit, dass er ein Dienstverfahren gegen sich riskierte, hatte er doch ohne Rücksprache mit dem Ministerium gehandelt und die Reichsvereinigung schriftlich aufgefordert, keine Männer nach Nordrach zu schicken. Diesen Brief musste er korrigieren, konnte aber mittels Schreiben an den Landrat und den Kreisleiter der NSDAP seinen Willen durchsetzen. Im Sommer 1942 gab es Überlegungen, die Lungenheilanstalt für Mitglieder der Waffen-SS bereitzustellen, man entschied sich jedoch am 7. September dagegen.

Nur zwölf Tage später räumte die Gestapo das gesamte Sanatorium: Ärzte, Personal, Patienten: Alle wurden nach Theresienstadt abtransportiert, von da weiter nach Auschwitz, wo sich die Spuren verlieren. Mit dem dem NS-Regime eigenen Zynismus verwandelte man die jüdische Lungenheilanstalt, deren letzte Insassen wohl alle den Tod fanden, in ein SS-Mütterheim des Vereins "Lebensborn e.V". Die Schwangeren fanden hier vor und nach der Entbindung für einige Wochen Aufenthalt. Das Mütterheim existierte bis zum 15. April 1945. Heute beherbergt das Gebäude das Pflegeheim "St. Georg" der Oberrheinischen Kliniken.

Die Gedenktafel zu Ehren der Baronin - eine mysteriöse Geschichte

Spät kam das Haus zurück in den Besitz der Rothschilds, die es 1952 verkauften. Die Gedenktafel aus Messing, die an die Stifterin erinnern sollte, hat eine eigene Geschichte, die leider noch im Dunkeln liegt. Der Historiker Uwe Schellinger (siehe auch den Aufruf auf dieser Seite) ist an allen Informationen zur Geschichte des Hauses und zur Aufklärung des Weges, den die Tafel nahm, interessiert. Bislang kann über deren Schicksal nur spekuliert werden. Da das Todesdatum auf der Tafel erwähnt wird, wird sie nach dem Tod der Baronin angebracht worden sein. Der Rest ist ungesichert: Entfernung im Zuge der Reichskristallnacht oder bei der Übernahme des Hauses durch die SS. Denkbar ist auch, dass sie bewusst abgenommen wurde, um sie vor Schaden zu bewahren. Jedenfalls war die Tafel lange Zeit verschwunden, bis sie von einem Schrotthändler entdeckt, gekauft und dem Förderverein "Ehemalige Synagoge in Kippenheim" übergeben wurde. Der "Historische Verein Mittelbaden", der in seinen Jahrbüchern 1992 an den Lungenkurort Nordrach und 2002 an Adelheid de Rothschild erinnerte, sorgte schließlich dafür, dass die Tafel seit Mai 2003, also im 100. Jahr der Stiftungsgründung und im 150. Geburtsjahr der Stifterin, wieder in altem Glanz erstrahlt. Man findet sie an einer zum Klinikgelände gehörigen Mauer neben dem Eingang, sichtbar für alle Passanten.

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Der Mühlstein Nordrach


Wer hierhin kommt, interessiert sich aber auch für die berühmte Vogtstochter Magdalene, deren Schicksal im bekannten Hansjakob-Roman "Der Vogt auf Mühlstein" beschrieben wirdSehenswert ist auch der Mühlstein. Die waldreiche Anhöhe besitzt sozusagen für jeden etwas: Der Geschichtsinteressent sieht hier den Sitz des früheren Vogts, der Wanderer liebt die von hier ausgehende herrlichen Wanderwege und den gemütlichen Rastplatz im Höhenwirtshaus innerhalb des alten Vogtshofs (mit Bildern des Vogts und seiner Nachfolger), der stille Beter schätzt die Ruhe in der alten St. Wendelins-Kapelle...

...Wer hierhin kommt, interessiert sich aber auch für die berühmte Vogtstochter Magdalene, deren Schicksal im bekannten Hansjakob-Roman "Der Vogt auf Mühlstein" beschrieben wird. Sie wurde von ihrem Vater, dem mächtigen Vogt Anton Muser, zur Hochzeit mit einem reichen, älteren Bauern (der bereits Witwer war) gezwungen, obwohl sie einen jungen Handwerksgesellen liebte. Nicht einmal zwei Monate nach der Hochzeit starb sie vor Kummer über das ihr zugefügte Leid. Ihr Grab auf dem Zeller Friedhof ist heute noch (200 Jahre nach ihrem Tode!) zu besuchen. Diese Mitleid erregende wahre Geschichte wird hier oben auf dem Mühlstein natürlich schnell wieder lebendig.

Bildstock für den Hermesbur - Ein Bildstock erinnert an den Vogt von Mühlstein - Der Altvater - 8. November 1958, Seite 88)

Jahr um Jahr um die Herbstzeit treffen sich die Freunde des Schwarzwalds und Hansjakobs auf dem "Mühlstein", hoch über Nordrach und Zell am Harmersbach gelegen. Ist dieser Ort doch der Schauplatz von Hansjakobs berühmtester Erzählung "Der Vogt auf Mühlstein". Des Vogts Tochter Magdalena wurde gezwungen, den reichen Hermesbur zu heiraten; acht Wochen nach der Hochzeit starb sie. Sie fand ihre letzte Ruhestätte auf dem Gottesacker in Zell. Ihr Grab, das immer mit Blumen geschmückt ist, wird viel besucht.

Karlleopold Hitzfeld über das ehemalige Mühlsteinterritorium - die Ortenau 1970 arrowRight

Wenig bekannt ist es, daß der Vater der Magdalena, der Vogt Anton Muser vom Mühlstein, 1800 in der Nähe des Stollengrundhofs, eineinhalb Wegstunden nordwärts vom Mühlstein, erfroren ist. Ein Bildstock wurde an der Stelle seines Todes errichtet. Nachdem die Inschrift des Bildstocks, der in seiner Nische ein Marienbild trägt, kaum mehr leserlich war, wurde die Schrift durch Nordracher Heimatfreunde aufgefrischt. Nun kann man die Inschrift wieder mühelos entziffern.

Der Mühlstein gehörte zum Gebiet der Gengenbacher Klosterhöfe, der sog. "Schottenhöfe". Der historische Bildstock ist nicht leicht zu finden, er liegt abseits der Heerstraße, im sog. "Stollengrund".

Zur Inschrift auf dem Bildstock für den "Gewesten Vogt Anton Muser vom Mühlstein" teilt uns das katholische Pfarramt Nordrach folgendes mit: "Der Mühlsteinhof, dessen Besitzer Anton Muser war, gehört zur Gemeinde Nordrach, aber zur Pfarrei Zell. In den Kirchenbüchern von Nordrach ist deshalb über den Tod des Vogts auf Mühlstein nichts zu finden. Merkwürdigerweise ist aber auch in den Sterbebüchern von Zell a. H. ein Sterbeeintrag über den Vogt auf Mühlstein nicht aufzufinden.

Ein Christian Muser ist nach dem Eintrag der Zeller Kirchenbücher am 11.6.1848 gestorben und am 14.6.1848 in Zell begraben worden, 53 Jahre alt; er war Küblermeister in Schottenhöfen. Dieser Christian Muser wurde am 8.5.1796 als Sohn des Arbeiters (Knechtes?) Matthias Muser vom Mühlstein geboren. Dieser Christian Muser, dessen Alter und Lebenszeit passen könnte für jenen Christian Muser, der den Bildstock für den Vogt auf Mühlstein 1836 errichtete, war demnach nicht der Sohn des Vogtes Anton Muser.

Heinrich Hansjakob - Der Vogt vom Mühlstein
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Maile-Gießler-Mühle - Nordrach


Der örtliche Schwarzwaldverein hat die Mühle nach dreijähriger Eigenarbeit zu einem funktionstüchtigen Schmuckstück für das Dorf hergerichtet.Werfen Sie einen Blick in die historische Maile-Gießler Mühle am Ortseingang von Nordracher.

Der örtliche Schwarzwaldverein hat die Mühle nach dreijähriger Eigenarbeit zu einem funktionstüchtigen Schmuckstück für das Dorf hergerichtet. Lassen Sie sich von unserem Mühlenmeister die kleine Getreidemühle erklären und erfahren Sie Wissenswertes, wie zu früheren Zeiten Mehl gemahlen wurde. Bringt das Wasserrad die Mühle erst einmal zum Laufen, ertönt ein lautes Geklapper.

von Hanspeter Schwendemann - Schwarzwälder Post - 11.06.2019


Seit Pfingstsamstag klappert das Mühlrad der Maile-Gießler-Mühle wieder. So war es beim Mühlentag am gestrigen Pfingstmontag für die beiden Nordracher Mühlenmeister Andreas Oberle und Paul Boschert möglich, den interessierten Besuchern die Schwarzwaldwald-Mühle in voller Funktion zu zeigen. Trotz des wechsel­haften Wetters war der Festplatz am Ortseingang den ganzen Tag über sehr gut besucht.

"Am 18. August 2018 hat sich das alte Mühlrad mit einem lauten Krachen verabschiedet", berichtet Andreas Oberle. "Das hat man im ganzen Dorf gehört", bestätigt Paul Boschert. Die beiden Mühlenmeister betreuen die Maile-Gießler-Mühle und waren plötzlich arbeitslos. Einige Holzbretter des alten Mühlrades hatten sich gelöst und verklemmten sich im laufenden Wasserrad, das nach diesem Unfall nicht mehr betriebsfähig war.

Die Maile-Gießler-Mühle wurde im Jahr 1881 von Hofbauer Johann Maile erbaut. Bis zum Jahr 1919 wurde sie von einem hölzernen Wasserrad angetrieben, das dann durch ein Eisenrad ersetzt wurde. Letzter Mahlgang der Mühle am Ortseingang von Nordrach war im Jahr 1948.

Der Schwarzwaldverein hat unter der Regie der beiden Nordracher Zimmermeister Andreas Oberle und Karl Bendler das Kulturdenkmal von 1979 bis 1982 renoviert. Am 16. Juni 1982 fand der erste Mahlgang nach der Instandsetzung statt. Im Jahr 1999 musste das Wasserrad erneuert werden. Im gleichen Jahr ist die Maile-Gießler-Mühle in den Besitz der Gemeinde Nordrach übergegangen.

Mühle und Kräutergarten - Heimatbrief 2019 arrowRight

19 Jahre lang hat das letzte Mühlrad seine guten Dienste geleistet, ehe es letzten Sommer zu Bruch gegangen ist. Andreas Oberle hat im Auftrag der Gemeinde Nordrach die beschränkte Ausschreibung für die Reparatur des Wasserrades im Herbst 2018 vorbereitet, bei der drei heimische Zimmereien angefragt wurden. Die Nordracher Zimmerei Bendler erhielt den Zuschlag.

70-prozentige Förderung durch den Naturpark

Das Metalllager wurde überarbeitet und neu gestrichen. Das Holzwerk ist komplett neu. Die Speichen des Mühlrades wurden aus Tannenholz angefertigt, die wasserführenden Zellen sind nun aus Eichenholz. Am Pfingstsamstag haben die Mitarbeiter der Zimmerei Bendler das Schwergewicht eingebaut.

"Das neue Mühlrad läuft ruhig und mit gleichmäßigem Schwung", ist Paul Boschert zufrieden. Nach der Montage musste die Verbindung zum Mahlwerk über die Klauenkupplung neu eingestellt werden. So konnte nun beim Mühlentag am gestrigen Pfingstmontag nach der Instandsetzung wieder der erste Mahlgang durchgeführt werden.

Die Kosten von über 12.000 Euro für die Erneuerung des Mühlrades müssen von der Gemeinde getragen werden. "70 Prozent davon werden vom Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord gefördert", informiert Barbara Kamm-Essig, die Leiterin der Touristen-Info Nordrach. Ohne diese finanzielle Zuwendung wäre eine so schnelle Reparatur nicht möglich gewesen. Der Naturpark fördert mit diesem Programm den Erhalt von kulturellem Erbe außerhalb des Ortskerns.

Es steht eine Mühle im Schwarzwälder Tal

Dass die historische Schwarzwald-Mühle in unserer hochtechnisierten Welt eine besondere Attraktion ist, bestätigte sich beim gestrigen Mühlentag. Die beiden Mühlenmeister führten unermüdlich durch die Mühle und zeigten, wie das Korn zum Mehl wird und erklärten vielfach die Funktion des Mahlwerks.

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Nordrach - das Badische Davos


Nach Konflikten mit den großherzoglich-badischen Behörden in Offenburg, die Otto Walther wegen dessen sozialistischer Tätigkeit für kurze Zeit verhafteten, begann das Ehepaar ein geeignetes Gelände für eine TB-Heilstätte zu suchen. Im Nordrach wurden sie fündigVon BUKO Pharma-Kampagne - Gesundheit und Dritte Welt e.V.
 
Bis 1965 gab es in dem kleinen Schwarzwalddorf Nordrach gleich vier Tuberkuloseheilstätten, die letzte bestand bis 1975. Die klare Luft und die nebelfreie Lage zogen viele Tuberkulose-Kranke an. Daher wurde der Ort auch "badisches Davos" genannt. Das schweizerische Davos war in der damaligen Zeit eine Hochburg der Tuberkulose Behandlung. Bevor TB mit Antibiotika behandelt werden konnte, boten Frischluftkuren die größte Heilungschance für die Kranken. Jede der Heilstätten in Nordrach wendete sich an eine bestimmte Bevölkerungsgruppe. Die jeweilige Entstehungsgeschichte unterstreicht die unterschiedliche Bestimmung und Ausrichtung der Häuser.

Die Volksheilstätte Kolonie

Der Sozialist und Arzt Otto Walther hatte im Studium in Leipzig seine erste Frau Hope Adams kennen gelernt, die als erste Frau im deutschen Kaiserreich ein medizinisches Staatsexamen ablegte. In Frankfurt a. M. hatten die beiden erst eine Gemeinschaftspraxis. Sie waren mit Friedrich Engels, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht befreundet. Als Ende 1886 das Bismarck’sche Sozialistengesetz alle SozialistInnen aus Frankfurt a. M. ausweisen ließ, kam das Ehepaar dem zuvor. Sie siedelten in den Schwarzwald, denn Hope Adams war zudem an TB erkrankt und erhoffte sich dort eine Linderung ihrer Krankheitssymptome. Nach Konflikten mit den großherzoglich-badischen Behörden in Offenburg, die Otto Walther wegen dessen sozialistischer Tätigkeit für kurze Zeit verhafteten, begann das Ehepaar ein geeignetes Gelände für eine TB-Heilstätte zu suchen. In Nordrach wurden sie fündig und kauften zahlreiche Gebäude, um dann 1890 ihre Heilstätte zu eröffnen. Ihre Therapie basierte auf dem Prinzip, den Kranken gute Unterkünfte, gutes Essen und viel körperliche Bewegung an frischer Luft angedeihen zu lassen. Walther war strikter Gegner der damals üblichen Liegekuren. Die Kranken würden verweichlichen, so seine Theorie. Statt herumzuliegen sollten die Kranken wandern gehen.


Nordrach als ehemaliger Lungenkurort - "Badisches Davos"
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Das Walther'sche Paradies

Die verstreut liegenden Häuser, die den meist armen PatientInnen als Einzelunterkunft dienten, erhielten wegen ihrer recht luxuriösen Ausstattung von den Einheimischen den Beinamen "das Walthersche Paradies". Die Gebäude hatten elektrisches Licht und viele sogar schon Duschen. Neben mittellosen Menschen kamen Persönlichkeiten aus ganz Europa in die Volksheilstätte, darunter August Bebel und Klara Zetkin, die an TB erkrankt waren.

Bis 1893 leitete das Ehepaar die Heilstätte gemeinsam. Dann ließ sich Hope Adams von ihrem Mann scheiden und zog nach München. Otte Walther führte die Volksheilstätte zunächst weiter, bis er sie 1908 an die Landesversicherungsanstalt (LVA) Baden verkaufte. Die LVA errichtete Liegehallen, Gemeinschaftsbäder und Gemeinschaftsräume, die luxuriöse Ausstattung, z.B. die Duschen, wurde abgebaut. Doch der Charakter einer Volksheilstätte, in der arme Bevölkerungsschichten, Männer, Frauen und Kinder behandelt wurden, blieb erhalten. Die Heilstätte bestand mit kleinen Unterbrechungen bis 1975, als der letzte TB-Kranke entlassen wurde. Seitdem ist das Haus eine Rehaklinik mit dem Schwerpunkt Hirnfunktionsstörungen.

Die Privatheilstätten Kurhaus und Sanatorium

Bereits 1893 wurde im Dorf ein Kurhaus für Lungenkranke gegründet. Der Andrang der Kranken war aber so groß, dass TB-Kranke teilweise sogar in Privathäusern zur Miete wohnten. Relativ erfolglos versuchte das Großherzogliche Bezirksamt Offenburg diese Art der Unterbringung von TB-Patientinnen zu unterbinden.

Viele der gut zahlenden PatientInnen kamen aus England und Frankreich in die Kurbetriebe Stube und Linde. Seit 1912 holte eine Omnibuslinie, die bis 1920 mit Pferden betrieben wurde, die PatientInnen vom Bahnhof ab. Nach einem Neubau des Sanatoriums 1913 leitete auch hier eine Frau - Hilda Spitzmüller - bis 1918 das Sanatorium. Nach dem ersten Weltkrieg bestanden das Kurhaus im Dorfkern und das etwas abgelegenere Sanatorium im Winkelwald weiter und warben zahlungskräftige PatientInnen aus ganz Europa an. Die Privatheilstätten warben mit Luxus wie elektrischem Licht und Duschen. Das Sanatorium war sogar mit einer Dunkelkammer für Amateur-Fotograflnnen ausgestattet.

Schwerstkranke unerwünscht

Das Kurhaus legte allerdings immer Wert darauf, nur Leichtlungenkranke zu behandeln, bei denen Aussicht auf Heilung bestand. Liegekuren und diätische Maßnahmen, die streng überwacht wurden, waren in allen Heilstätten das Herzstück der Therapie. In allen Kliniken bestand jedoch auch die Möglichkeit Operationen durchzuführen, es gab Röntgengeräte und ein Labor. Das Kurhaus behandelte TB-PatientInnen bis 1970, das Sanatorium bis 1973. In den beiden Kliniken werden heute PatientInnen in der Krebsnachsorge betreut.

Pferdebuslinie nach Zell a. H. - Privat-Archiv Spitzmüller

Das Rothschild-Sanatorium

Die orthodoxe Jüdin Baronin Adelheid de Rothschild gründete 1903 in Adelsheim die Rothschild-Stiftung und überließ dieser zwei Millionen Reichsmark zur Gründung einer Lungenheilanstalt, die in Nordrach gebaut und auf Anweisung der Stifterin orthodox geführt wurde. Es gab darin eine Synagoge, eine koschere Küche und die jüdischen Feiertage wurden gefeiert. Tote wurden auf dem heute noch existierenden jüdischen Friedhof beigesetzt. Jüdische Frauen wurden kostenlos behandelt, doch das Sanatorium stand auch Männern und andern Religionen offen. Der Chefarzt aß gemeinsam mit seinen PatientInnen und überwachte die Einhaltung der Diät sowie alle anderen Maßnahmen persönlich. Die Heilstätte konnte ihre Arbeit nach 1933 zunächst relativ ungestört fortsetzen, denn der Bürgermeister bat eindringlich darum, das jüdische Sanatorium bestehen zu lassen, allerdings nur für Frauen. Die Reichspogromnacht überstanden Heilstätte und Synagoge unbeschadet. So ging die Stiftung 1938 an die "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" über. 1942 geschah jedoch das Unvermeidliche:

Das Haus wurde geräumt. Ärztinnen, Personal und Patientinnen wurden nach Theresienstadt und die meisten weiter nach Auschwitz abtransportiert. Von 116 Patientinnen und Angestellten des Sanatoriums sind von 1933 bis 1942 mindestens 56 Personen ermordet wurden. Unrühmlicherweise wurde die jüdische Lungenheilanstalt 1942 in ein SS-Mütterheim des Vereins "Lebensborn e.V." für schwangere Frauen vor und nach der Entbindung umgewidmet. Dieses Heim bestand bis zum 15. April 1945. 1950 wurde das Haus an seine rechtmäßigen jüdischen BesitzerInnen zurückgegeben, die das Anwesen wieder verkauften. 1952 wurde das Rothschild-Sanatorium als Lungenheilstätte wiedereröffnet und behandelte TB-Kranke bis 1969. Danach wurde auch hier Krebsnachsorge betrieben. Nachdem das Gebäude zwischenzeitlich als Psychiatrie diente, ist das ehemalige Rothschild'sche Sanatorium heute ein Pflegheim. Eine Gedenktafel erinnert an das jüdische Erbe.

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Teer und Holzkohle aus dem Schwarzwald – Ein Salveofen bei Nordrach


Bei der Nordracher Anlage handelt es sich um einen so genannten "einmanteligen" Teer- oder SalveofenAus Nordrach wurde der Denkmalpflege im Herbst 2002 ein südlich des Moosbächles gelegener "Kohlenmeiler" gemeldet. Eine engagierteGruppe des Verkehrsvereins räumte die teilweise eingebrochene Anlage und besprach mit derGe-meinde das weitere Vorgehen. Schnell war klar, dass die aus Backsteinen aufgemauerte und mit Erde überschüttete Anlage kein Meiler zur Herstellung von Holzkohle war (Abb. 1). Der runde Ofen hat einen Innendurchmesser von ca. 4 m und eine Höhe von ca. 2 – 2,5 m, die Wände sind mit einer schwarzen, holzkohleartigen Masse versottet. Außerdem weist der mit Backsteinen ausgelegte Boden eine bis 15 cm breite und ebenso tiefe Rinne auf, die sich über den Zugang hinauserstreckt. Einst besaß der Ofen vier Belüftungsöffnungen. Die Ofenöffnung erstreckte sich nach Nordosten zum Bach, einem Zufluss der Nordrach. Ursprünglich waren die Wangen der Öffnung mit Backsteinen aufgemauert.

Bei der Nordracher Anlage handelt es sich um einen so genannten "einmanteligen" Teer- oder Salveofen. Diese kleinen meilerartigen Öfen, mit nur einem gemauerten Steinmantel und einem Füll-Loch, waren im Schwarzwald einst weit verbreitet. Von mittelalterlichen Anlagen blieb meist nur noch eine Ansammlung von Bruchsteinen als Relikt erhalten. Selten sind jedoch intakte Salve- oder Teeröfen überliefert. Im Schwarzwald wandelte man bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts in so genannten Salveöfen Harz zu Teer um. In Gegensatz zu offenen Holzkohlemeilern, in denen durch das Verschwelen von Holz ausschließlich Holzkohle entsteht, wurden Teeröfen nach dem Füllen, Anfeuern und Abdichten bis auf kleine Belüftungsöffnungen zur Regulierung des Brandes zugemauert. Bei dem mehrere Tage andauernden Schwelbrand verkohlte das Holz. Die Verschwelung oder trockene Destillation von harzreichem Holz, vor allem Kiefer, zählt zu den alten Produktionsverfahren der Waldwirtschaft.

Das Harz wurde in Holzessig und Teer umgewandelt, beides sammelte sich am undurchlässigen Boden und floss über eine Rinne nach außen. Lässt man das Gemisch stehen, trennt es sich in die beiden Bestandteile. Holzessig fand vor allem als Konservierungsmittel und bei der Farbenherstellung Verwendung, während der Holzteer ebenso zur Konservierung aber auch als Dichtungsmittel und Schmierstoff diente. Als Nebenprodukt fiel nach dem Öffnen des ausgebrannten Ofens Holzkohle an. Der aus Backsteinen aufgemauerte, runde Ofen bei Nordrach gehört wohl zu den jüngsten Anlagen dieser Art im Schwarzwald und veranschaulicht die Arbeitsprozesse dieses alten Waldgewerbes. Die ursprünglich von einem Rindendach geschützte Ofenöffnung diente zum Füllen des Ofens mit Holz und zum Ausräumen der gewonnenen Holzkohle. Während des Brands war sie zugemauert, vier gemauerte Belüftungsöffnungen erlaubten eine geregelte Brandführung.

Beim Nordracher Teerofen handelt es sich um die kleinere von zwei Anlagen, die der Forstarbeiter und "Köhler" Wilhelm Bildstein im Moosbächlestal in den 1940er und 1950er Jahren im Nebenerwerb betrieb (Abb. 2 und 3). Viele Details des Arbeitsablaufs sind von seinen beiden Töchtern zu erfahren. Nach ihren Aussagen habe ihr Vater im Ofen vor allem Holzkohle hergestellt. Offenbar war ihnen das eigentliche Ziel des Destillationsprozesses nicht mehr präsent. Sie hatten als Kinder die Aufgabe, die Belüftungsklappen in regelmäßigen Abständen zu öffnen und zu schließen. Ihr Vater habe in Lübeck in den 1940er Jahren diese Technik gelernt und nach der Rückkehrin den Schwarzwald den Ofen errichtet, der bis in die 1950er Jahre betrieben wurde.

Die ersten Nordracher Köhlertage lassen alte heimische Kunst aufleben arrowRight

Der noch weitgehend original erhaltene Nordracher Salveofen gilt als seltener Beleg für die einst weit verbreitete Destillation von Holz im Schwarzwald. Bei Sicherungsmaßnahmen durch die Gemeinde Nordrach beließ man größtenteils den vorgefundenen Zustand. Im Mai 2003 wurde die Maßnahme abgeschlossen, seither erfährt der Besucher auf einer Informationstafel Details zum Nordracher Teerofen und dieser in Vergessenheit geratenen Technologie. Unweit des Ofens entstand ein Pavillon, der Gäste zu einer Rast einlädt.

Der Nordracher Teerofen in Betrieb, Foto um 1950Der Nordracher Teerofen in Betrieb, Foto um 1950

Literatur

Oswald Schoch: Die kriegsbedingte Harznutzung an Forche (Kiefer) und Fichte in den Staatswaldungendes württembergischen Schwarzwaldes von 1915 bis 1920. Schriftenreihe der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg 71, Stuttgart 1989.

Dr. Bertram Jenisch - Regierungspräsidium Freiburg Referat 25 - Denkmalpflege

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St. Ulrich - Nordrach


Wie ein kleines Münster erhebt sich die reichgegliederte neugotische Pfarrkirche St. Ulrich mit ihrem 63 Meter hohen TurmWie ein kleines Münster erhebt sich die reichgegliederte neugotische Pfarrkirche St. Ulrich mit ihrem 63 Meter hohen Turm: Der Stolz der Gemeinde, die überwiegend katholisch ist. Die 1904 / 05 erbaute Kirche ist nicht wie üblich geostet, sondern - bedingt durch den Flußlauf im engen Tal - nach Nordosten gerichtet.

Im linken Seitenschiff steht in der gewölbten Taufkapelle das älteste Stück der Kirche: Der Taufstein aus dem Jahre 1618, der noch aus der alten Kirche stammt. Je sechs Säulen aus rotem Sandstein teilen den 40,8 Meter langen, 17,2 Meter breiten und 17 Meter hohen Raum. Die je neun Fenster der Seitenschiffe und die je acht Fenster im oberen Teil des Langhauses lassen genug Licht einfallen, obwohl sie alle bemalt sind.

Sie stellen Szenen aus dem Leben der "14 Nothelfer" dar. Bei den meisten Fenstern ist auch der Name des Stifters verewigt. Der Hochaltar, der 1905 geschnitzt und bemalt wurde, veranschaulicht mit den Szenen des "Schmerzhaften Rosenkranzes" das Erlösungswerk. Sehenswert sind auch die Kanzel mit den Darstellungen der vier Evangelisten und dem lehrenden Christus, die elsässische Roethinger-Orgel mit 27 Registern, der Pieta-Altar im hinteren Bereich der Kirche und die zwölf lebensgroßen Figuren im Langhaus, die die Apostel mit ihren Attributen darstellen.

2005 wurden der Hochaltar, die Kanzel und die zwei Seitenaltäre renoviert. Das Glockengeläute besteht aus sechs Glocken. An der Nordseite der Kirche steht das "Käshammersche Kreuz", das im Jahre 1784 von einem früheren Bewohner der Nordracher Höhenhöfe namens Johannes Käshammer gestiftet wurde. Auch der gepflegte Friedhof mit der Einsegnungshalle befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Gotteshaus. Auf dieser schön angelegten "Visitenkarte des Dorfes" befindet sich auch der obere Schöpfbrunnen, den ein Sandsteinfindling mit eingehauenem Gemeindewappen ziert.

Eine wunderschöne Dorfkirche

Nord-Süd-Ausrichtung statt "Ostung" - St. Ulrich Kirche ist ein besonderes Kleinod - Von Inka Kleinke-Bialy - Heimatbrief 2019

"Das ist unsere wunderschöne Dorfkirche" - Siggi Erdrich steht vor den Bänken und lässt den Blick durch die Kirche wandern. Mit dieser kennt er sich aus, bis vor eineinhalb Jahren noch führte er Gästegruppen durch das Dorf.

Über sechs Kilometer hinweg liegen die Häuser des rund 2000-Seelen-Dorfes an der Talstraße in den engen Seitentälern und auf den Höhen verstreut - wobei das Gemeindeareal ein Höhengebiet von 255 bis 878 Meter über Normalnull abdeckt.

In dieser Topografie markiert Nordrachs "kleines Münster" das Zentrum des idyllisch abgelegenen Waldortes. Der wurde 1139 erstmals urkundlich erwähnt und gehörte zum Kloster Gengenbach, das Anfang des 1300 Jahrhunderts von König Heinrich VII. mit der Rodung und Siedlung in den ausgedehnten Klosterwäldern beauftragt wurde.

"Unsere St. Ulrich-Kirche ist noch relativ jung", betont Siggi Erdrich: "1904 haben italienische Steinmetze aus Südtirol den Rohbau der Kirche innerhalb von drei Jahren erstellt - inklusive Chorturm von 60 Metern Höhe." Und zwar im neugotischen Stil.

In der gotischen Architektur symbolisieren Kirchen Gottesnähe, indem sie dem Himmel zuzustreben scheinen. Dazu baute man die Mittelschiffe enorm hoch, was eine neuartige Bauweise ermöglichte: die Schiffe wurden mit wuchtigen Kreuzrippen überwölbt. Das nicht minder enorme Gewicht dieser Gewölbe leitete ein aufwändig gestaltetes Strebewerk ins Erdreich.

Während die Epoche der Gotik sich von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis um 1500 erstreckte, hatte die auf sie zurückgreifende - und das Mittelalter idealisierende - Neugotik ihre Blütezeit von 1830 bis 1900. Der historisch interessierte Konditormeister zeigt auf die nach oben hin spitz zulaufende Form der Kirchenfenster: "Jedes Fenster - auch die Oberlichter - hat eine andere Form, was die steinernen Verzierungen und die Anordnung der kreisrunden Fischblasen betrifft."

Dieses sogenannte Maßwerk, mit der die filigrane Arbeit von Steinmetzen bezeichnet wird, ist typisch gotisch. Es diente der Stabilisierung der immer großfflächiger gewordenen kirchlichen Buntglasfenster, die andernfalls beispielsweise Winddruck nicht Stand gehalten hätten. Wobei das feine Maßwerk in der Regel mit Eisendübeln stabilisiert werden musste, einfaches Vermauern mit Mörtel reichte nicht aus.

Taufstein aus alter Kirche

"Schräg zwischen den Stufen der heutigen Sakristei und dem Hauptgang zum Friedhof lag die alte Kirche", ist in einer 1978 von Adalbert Ehrenfried verfassten Infobroschüre zu lesen. Doch auch wenn diese alte Kirche "schon früh erwähnt wurde", so lässt sich nicht mehr feststellen, wann sie erbaut wurde. Von dem ehemaligen Gotteshaus ist heutzutage lediglich der Taufstein vor dem Marienaltar übrig geblieben.

Was die Nordracher Pfarrkirche mit ihren 800 Sitzplätzen unter anderem so besonders macht: Da der Flusslauf und damit das Tal nach Norden gerichtet ist, ist St. Ulrich "eine der wenigen Kirchen überhaupt, die nach Nord-Süd gebaut ist", erläutert Erdrich, "sie liegt genau auf der Achse Nord-Süd".

Normalerweise hingegen wurden Kirchen "geostet". Sprich: Der Kirchenbau wurde entweder nach dem tatsächlichen oder auch nach dem bautechnisch günstigsten Aufgangspunkt der Sonne ausgerichtet - wobei die Richtung des Sonnenaufgangs in Mitteleuropa zwischen Sommer- und Wintersonnenwende um mehr als 45 Grad nach beiden Seiten variieren kann. Der Sinn der Ostung lag hauptsächlich darin, dass die Altarseite respektive das Presbyterium, die Seite des Chors also, für den Frühgottesdienst im Morgenlicht stehen sollte.

Renovierung gut überstanden

70 Jahre nach ihrer Erbauung stand eine Renovierung von St. Ulrich an. In den 1960ern habe der Trend bestanden, bei Renovierungen die Kirchen "zu vereinfachen", so Siegfried Erdrich. Von einer Dorfkirche im Bodenseeraum erzählt er, "da waren die Wände komplett mit Ornamentik bemalt, das hat man alles zugekleistert" - um später festzustellen, dass es sich um uralte, wertvolle Gemälde handelte, "die hat man dann mühsam und mit hohen Kosten wieder freigelegt."

Auch in Nordrach drohte Raubbau. Beispielsweise die wunderbaren farbigen Glasfenster, die bei Sonneneinfall für ein einzigartiges Licht im Inneren der Kirche sorgen, sollten zumindest teilweise herausgenommen werden. Dieses Vorhaben setzte man glücklicherweise nicht um. Auch die für diese Kirche so charakteristischen, aus Holz geschnitzten Apostelfiguren sollten verschwinden - doch noch immer schmücken sie als "Säulen der Wahrheit" das Langhaus: auf Konsolen, mit Baldachinen bekrönt und zumeist an ihren Marterwerkzeugen zu erkennen.

Volksheld als Schutzpatron

"Inzwischen gibt es in Baden-Württemberg ein Gesetz, das alle Kirchen, die älter sind als 100 Jahre, unter Denkmalschutz stellt", erläutert Siggi Erdrich. Was er mehr als begrüßt, "denn unsere Vorfahren haben ja in den Kirchen gewirkt." Den Kirchenglocken jedoch blieb - wie nahezu all überall in Deutschland - nichts, als "dran glauben": Sie mussten jeweils im Ersten und im Zweiten Weltkrieg an die Rüstungsindustrie zum Einschmelzen abgeliefert werden, nur eine einzige blieb erhalten. Das jetzige Geläute besteht aus vier Glocken, im Jahre 1950 gegossen.

Stets erklingen sie auch zu Ehren des Heiligen Ulrich. Der später Heiliggesprochene wurde 890 in Dillingen geboren und 923 zum Bischof ernannt. Er wirkte mit hohem sozialen Engagement und großer sozialer Verantwortung, kümmerte sich um Arme und Kranke, sorgte für Klöster und Geistliche. Wegen seiner Mildtätigkeit und Bescheidenheit wurde er als Volksheld verehrt, gilt als Schutzpatron der Fischer, Winzer und Weber sowie generell als Beschützer in allerlei Lebenslagen. Als zugleich Schutzheiliger Nordrachs ist der Kirchenpatron nicht nur in der Pfarrkirche, sondern auch auf dem Ortswappen zu sehen. "Im süddeutschen Raum ist seine Verehrung überall weit verbreitet", weiß Siggi Erdrich, vor allem auch in den Alpenregionen finden St. Ulrich zu Ehren Prozessionen statt.

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