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Sehenswertes in Lahr / Schwarzwald:


In frühen Zeiten hatten die Lahrer und ihre Stadt wohl ganz besondere Beziehungen nach oben. Sonst wären sie nicht - entgegen der für die ganze übrige Schöpfung geltenden Ordnung - in drei Geschlechtern, nämlich als Männli, Wibli und Lohrer, geschaffen worden. Und der Herrgott persönlich hätte sich wohl kaum um das Bürgerrecht in der Stadt beworben.

Denn, so steht es im Bürgerbuch der Stadt Lahr von 1356:

Zumindest in späteren Zeiten wurde Lahr, wie viele andere deutsche Städte und Landschaften, von den Auseinandersetzungen seiner Herren und fremder Mächte hart getroffen. Wie von einer traumatischen Erinnerung berichtet die heimatgeschichtliche Überlieferung vor allem, dass bald nach den Leiden des Dreißigjährigen Krieges Lahr im großen Stadtbrand 1677 zerstört wurde, als es "die Truppen des Marschalls Crequi nach vorausgegangener Plünderung fast völlig einäscherten". Und in einem dem Kirchenbuch von 1680 bis 1724 von späterer Hand vorangestellten Text bedauert der Schreiber, dass man von früher wenig wisse, "in deme Vormalige Kirchenbücher darauß Bericht von 100 und mehr Jahren hat sollen gewonnen werden, in der traurigen Einäscherung der gantzen Stadt, welche anno 1677 den 15. Septembris geschehen, verbrannt worden, mithin gäntzliche Belehrung in Lahrischen Kirchensachen verlohren gegangen". Es wurde sogar behauptet, dass "nur ein einziges Haus den Brand überstanden" habe.

Max Wingenroth 1908 über die Stadt Lahr  arrowRight

Sicher ist aber, dass bald darauf, trotz weiterhin kriegerischer Zeiten in Lahr eine Entwicklung begann, wie sie für seine eigene Geschichte wie auch im Blick auf vergleichbare badische Städte jener Zeit als einzigartig empfunden wird.

Diese Aufwärtsentwicklung in den Jahrzehnten nach dem Stadtbrand drängte Winfried Knausenberger zu dem fast euphorischen Titel seiner Serie im "Altvater": Eine Stadt erhebt sich aus den Trümmern. Zu ähnlichen Einschätzungen kam auch der Arbeitskreis "18. Jahrhundert in Lahr". Die "große Zeit" der Stadt lag also in der Epoche der Frühindustrialisierung, vor der Expansion der großen Industrien des 19. Jahrhunderts. (Kopp, Karl: Lahrs Bevölkerung im 18. Jahrhundert (Geroldsecker Land, Heft 49 - 2007))

Der Lahrer Prozess oder - über den Freiheitsbrief der Stadt Lahr arrowRight


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Die Stiftskirche Lahr

Die evangelische Stiftskirche Lahr (auch: Unserer Lieben Frau) ist eine frühgotische Basilika in Lahr/Schwarzwald im Ortenaukreis in Baden-Württemberg
Die evangelische Stiftskirche Lahr (auch: Unserer Lieben Frau) ist eine frühgotische Basilika in Lahr/Schwarzwald im Ortenaukreis in Baden-Württemberg. Sie gehört zur evangelischen Kreuzgemeinde Lahr im Kirchenbezirk Ortenau der Evangelischen Landeskirche in Baden.

Geschichte

Im Jahr 1259 gründete Walter von Geroldseck in der Nähe seiner Burg das Spitalkloster Unserer Lieben Frau der Augustiner-Steigerherren. Es lag östlich vor der damaligen Siedlung Lahr. Das Spital wurde etwa 100 Jahre später vom Kloster getrennt und in die Stadt verlegt, das Kloster 1482 in ein weltliches Stift umgewandelt. Mit Einführung der Reformation 1558 wurde das Stift aufgehoben. Die ehemalige Klosterkirche ist seit 1482 Pfarrkirche.

Der erste Bauabschnitt begann mit der Errichtung der Ostteile bis zum zweiten Joch von Osten, anschließend erfolgte eine Verlängerung um ein Joch nach Westen. Der ursprüngliche Turm war auf das Jahr 1412 datiert. Im Jahr 1851 wurde das Bauwerk durch Friedrich Eisenlohr umgebaut, nach Westen verlängert und in den Formen des ersten Bauabschnittes einheitlich überarbeitet. Das im Zweiten Weltkrieg (März/April 1945) durch Artilleriebeschuss schwer beschädigte Bauwerk wurde 1956 wiederhergestellt. Im Jahr 2008 wurden eine Außenerneuerung und bauliche Sicherungsmaßnahmen vor genommen. Der Kirche östlich angrenzend liegt ein Park, indem sich gut weilen lässt. (wikipedia)

Das Augustinerkloster der "Steigerherren" in Lahr  arrowRight

Hervorzuheben wäre dabei das schmiedeeiserne "Eingangstor mit Gitter des abgebrochenen Klosters Ettenheimmünster in feiner barocker Schmiedearbeit mit Blechkartuschen in Gestalt von Blütenkörben. Aus der Zerstreuung zusammen getragen und 1963 hinter dem Chor der Stiftskirche auf neuem Bruchsteinsockel wiederaufgestellt."  (Denkmalpflege im Kreis Lahr Von Martin Hesselbacher, Freiburg i.Brsg. 1967)

Honickel, Erich: Die Stiftskirche (Geroldsecker Land, Heft 9 - 1966/67), Seite 55-58

Lahr darf sich rühmen, eine der ältesten gotischen Kirchen des Oberrheingebietes zu besitzen, die Stiftskirche. Als mit ihrem Bau begonnen wurde, war die Stadt eine bescheidene Siedlung. Ein Teil gehörte zum Burgheimer Kirchspiel, ein anderer zu Dinglingen. Das blieb auch so nach dem Bau der Stiftskirche, denn sie war als Gotteshaus für vier Augustinermönche gedacht, die die Gemahlin des Geroldseckers Walther I., Heilika, aus dem elsässischen Mutterkloster Steiga (Obersteigen bei Wangenburg) hierher gerufen hatte. Sie sollten in einem Spital, das an die Kirche angebaut war, alte Leute pflegen. Diese Stiftung war am 30. November 1259 vor einem Straßburger Notar unterzeichnet worden. Spital und Kirche lagen außerhalb des damaligen Stadtbezirks. Fast hundert Jahre später wurde das Spital in die Stadt verlegt, das Kloster im Jahre 1482 in ein weltliches Stift verwandelt. Nach jahrelangen Verhandlungen wurde dann 1492 die Stiftskirche zur Lahrer Pfarrkirche. Seit dieser Zeit war der Platz um die Kirche Begräbnisplatz bis zum Jahre 1905.

Stiftskirche Grundriß 1856 von Eisenlohr dunkle Mauerteile altDas Bauwerk ist nicht unversehrt durch die Jahrhunderte gelangt. Schäden wurden immer mehr oder weniger glücklich repariert; durch ein gestalterisches Ungeschick

wurde der an Stelle des 1879 abgerissenen, baufälligen alten, neu errichtete Turm ein bedauerlicher Fremdkörper in der Anlage der Kirche. Die Choransicht, ebenso das Innere, geben aber heute noch eine schöne Vorstellung von dem klaren Stilwillen der Frühgotik.

Die Stiftskirche ist eine dreischiffige basilikale Anlage mit einem aus dem Achteck entwickelten Chorabschluß. Seine hohen Mauern mit den langen Fenstern werden an den Ecken durch Strebepfeiler abgestützt. Das mittlere Fenster besitzt noch ein ursprüngliches Dreipaßmaßwerk. Nur vier Strebepfeiler auf der Nordseite geben den früheren Eindruck des Kirchenbaues wieder. Bis zu diesem Punkt waren der Chor und die Seitenschiffe eingewölbt. Das Mittelschiff hatte ein Gewölbefeld weniger und sonst wie die übrigen Teile eine Flachdecke. Auf der Südseite fehlten die Stützen, weil hier das Klostergebäude angebaut war. Da außer dem Stiftungsdatum und der angeblich am abgerissenen Turm befindlichen Jahreszahl 1412 keinerlei Daten überliefert sind - die kirchlichen Akten sind in Straßburg verbrannt -, bleiben wir auf Vermutungen angewiesen. Vielleicht hat der ursprüngliche Kirchenbau nur bis etwa zur Hälfte des heutigen gereicht, soweit wie er zuerst eingewölbt war. Dafür spricht die Tatsache, daß die Kirche noch im 18. Jahrhundert einen Dachreiter besaß, der sich über der Giebelwand befand und die Glocke trug. Möglicherweise wurde die Kirchenerweiterung vom Turm her begonnen, denn dieser war schmaler in seinem quadratischen Grundriß als das Mittelschiff, und infolgedessen liefen die Mauern des Mittelschiffes an dieser Stelle schräg auf den Turm zu. Zwischen dem zweiten und dritten Joch des Mittelschiffes war ein Lettner eingebaut, der Chor und Laienraum trennte und die Sicht zum Altar verdeckte. Dieses dreiteilige Zwerggewölbe, der gotische Altar und zwei gotische Nebenaltäre wurden 1737 aus der Kirche entfernt. Der Turm besaß ein überwölbtes Untergeschoß und ragte ein wenig über die Fassade hinaus. Er war wuchtig und gedrungen. Die senkrechten Turmkanten trugen kräftige Eckquader. Über dem Mittelportal gab ein großes Fenster dem Mittelschiff Licht. In den beiden oberen Geschossen waren große Schallöcher. Der Turmhelm bildete eine achtseitige Pyramide. Die drei spätgotischen Portale sind zum Teil beim heutigen Bau verwendet worden.

Emil Ell - Reiche Geschichte um Stiftskirche und Stift zu Lahr  arrowRight

Zur Baugeschichte der Stiftskirche sollen hier noch einige Einzelheiten näher erläutert werden, die sich aus dem Studium der Pläne des Oberbaurats Eisenlohr vor dem entscheidenden Umbau des Jahres 1851 ergeben haben. Zu dieser Analyse führte eine alte Lahrer Stadtansicht, die einzige, die in Lahr selbst gedruckt wurde, nämlich bei der Lithographieanstalt Kaufmann. Auf einem Blatt der offensichtlich ältesten Auflage ist die Stiftskirche abgebildet mit drei Mittelschiff-Fenstern. Eine spätere Auflage zeigt die Kirche mit fünf Fenstern. Die Korrektur gibt tatsächlich die inzwischen vorgenommenen Veränderungen wieder, die Eisenlohr geplant hatte. Von ihm stammt nämlich die vollständige Einwölbung der Kirche und die dadurch notwendig gewordene Ausstattung des Baues mit Strebepfeilern und jeweils dazwischenliegenden Fenstern. Da frühere bauliche Veränderungen sich nur auf Entfernung des Lettners und des Dachreiters, sowie auf den Einbau von hölzernen Emporen oder Türdurchbrüche beziehen, ließ sich die Bauaufnahme von Eisenlohr für die Entstehungsgeschichte der Stiftskirche auswerten.

Stiftskirche Photographische Aufnahme  1869Dabei wurde sogar noch eine Entdeckung gemacht, die durch die Entfernung des Putzes bei der vor kurzem erfolgten Außenrenovierung bestätigt wurde. Eisenlohr hatte nämlich eines der ältesten Fenster der Nordseite, direkt über dem Eingang zum Heizkeller, zumauern lassen, während die übrigen Fenster teilweise versetzt oder vergrößert wurden. Durch diese Baumaßnahme hat er das äußere Bild der Kirche vereinheitlicht. Wer die Pläne Eisenlohrs studierte, konnte an der Färbung des alten Putzes das Vorhandensein des ältesten Fensters erkennen. Es ist heute in seinem Umriß wiederhergestellt und deswegen eine baugeschichtliche Besonderheit, weil diese früheste Form eines gotischen Fensters mit einem noch nicht ausgeprägten Spitzbogen sehr selten vorkommt. Nach Ansicht von Fachleuten ist dies aus dem Unvermögen der Handwerker, einen Spitzbogen herzustellen, zu erklären. Bezüglich des ältesten Bauzustandes der Stiftskirche verschafft die Zeichnung Gewißheit.

Es lassen sich daran verschiedene Bauperioden feststellen. Zunächst die älteste, die durch die vier nordöstlichen Strebepfeiler angedeutet ist und wahrscheinlich da endete, wo früher der Dachreiter saß. Ein zweiter Abschnitt in der Mitte der Kirche besaß, abweichend von den anderen Teilen, keine Oberlichtfenster, auf der Nordseite nur eines statt zwei Seitenschiffenstern und auf der Südseite eine große Türe, darüber ein Rundfenster. Hier war der Kreuzgang des Klosters, denn Stiftschaffner Dreyspring zeigt auf seinem Plan von 1736 hier Mauerreste der Klostergebäude. Daß diese Gebäude sich niemals ganz um den Kreuzgang geschlossen haben, zeigt außer dem Nassauischen Plan die Tatsache, daß der dritte Bauabschnitt (Turm) auf der Südseite normale Fenster hat, während sie nach dem Chor hin fehlen, weil hier die Klostergebäude anschlossen. Die in der Bauaufnahme Eisenlohrs eingezeichneten großen Risse in den Mauern entsprechen einander auf beiden Seiten der Kirche und bestätigen die jeweiligen Bauabschnitte. Außer diesen Beobachtungen weist auch das Kranzgesims mit Wasserschräge des ersten Bauabschnitts, das die Strebepfeiler des Chores verbindet, in die gleiche Richtung. Der Turm dagegen besitzt ein profiliertes Sockelgesims, der mittlere Teil der Kirche jedoch keinerlei Verzierungen.

Zur Anlage der Kirche gehörig muß noch ein Beinhaus erwähnt werden, das sich in der Mitte des Chores zwischen den Strebepfeilern befand. Eine spätgotische Kreuzigungsgruppe und Grabsteine aus dem 16.-18. Jahrhundert befinden sich noch im nördlichen Kirchenhof.

Ein Führer durch den Denkmalshof bei der Stiftskirche zu Lahr - Von Emil Baader arrowRight

Der heutige Innenraum gibt die Raummaße der ursprünglichen Kirche wieder, nur sind statt der flachgedeckten Teile und der unregelmäßigen Fenster aus früheren Bauperioden Wände und Decken inzwischen konsequent gestaltet worden. Quadratische Pfeiler mit vorgelegten schmalen Halbsäulen tragen auf ihren Diensten die Gurtbögen der Kreuzrippengewölbe und gliedern die Mittelschiffwände. Spitze, profilierte Arkadenbogen ruhen dazwischen auf wuchtigen Halbsäulenvorlagen. Ihre Kapitelle haben Knospen- und Blattwerkmotive; sie sind aber nur im Chor als ursprünglich anzusehen. Das Gleiche gilt für die Schlußsteine der Gewölbe. Eben dieser älteste Teil, der Chor, knüpft in seinen Formen an diejenigen der Mutterkirche Steiga an, wo sich, noch am romanischen Bau, die beginnende Gotik anzeigt. Die heutige Kanzel wurde 1851 getreu nach dem alten Vorbild aufgestellt, hat aber ihren Platz gewechselt. Aus der Barockzeit stammt das hölzerne Altarkreuz. Zur selben Zeit besaß die Stiftskirche eine Silbermann-Orgel, die während des Umbaus der Kirche, 1897, in der Luisenschule verbrannte. Die heutige Empore ist mit dem neuen Turm entstanden.


Stiftskirche Lahr Kontakt - Adresse:

Bei der Stiftskirche 2
77933 Lahr
telefon 07821 / 22375
fax 07821 / 991097
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Öffnungszeiten:

blueCircle Montag, Dienstag, Freitag 09:30 - 12:00 Uhr
blueCircle Mittwoch durchgehend 08:00 Uhr - 18:00 Uhr



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Stadtpark Lahr

Stadtpark Lahr - Der Lahrer Stadtpark - auch die "grüne Lunge Lahr's genannt" liegt gewissermaßen "im Herzen Lahrs"Kaiserstraße 103, 77933 Lahr/Schwarzwald

Der Lahrer Stadtpark - auch die "grüne Lunge Lahr's genannt" liegt gewissermaßen "im Herzen Lahrs", ist weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannnt und bietet seinen Besucher*innen einen reichhaltigen alten Baumbestand, eine Kateenlandschaft, einen kleinen See (Enten- und Schwanenteich) und viele Gehwege mit Pflanzen und Blumen ausgeschmückt.


Das vormalige Herrschaftshaus vom Lahrer Bürgers und Kolonialwarenkaufmann Christian Wilhelm Jamm wurde der Stadt Lahr mit der Auflage gestiftet, den Park in seinen Grenzen zu erhalten und weiterhin zu pflegen, damit er der Lahrer Bevölkerung zur Verfügung steht.Die Stadt erfüllt die Auflage pflichtbewusst und erweiterte den Park Zug um Zug.

Für die Untehaltung der jungen Besucher*innen sorgen nicht zuletzt die vielen im Lahrer Stadtpark beheimateten Tiere und ein großer Abenteuerspielplatz.

Die vormalige Villa Christian Wilhelm Jamms stellt heute ein Museum dar und zeigt unter anderem Dokumentation und Belegstücke zur Entwicklung des Parks.

Ein etwas älterer Artikel zum Lahrer Stadtpark aus dem Geroldsecker Land von Erwin Mayer erzählt aus den 70er Jahren des Parks - viel ist geschehen seit dieser Zeit. Der alte Eingang dient nur noch als Ausgang. Das Stadtparkrestaurant, von welchem Erwin Mayer noch spricht exitiert nicht mehr aber den jungen Besucher*innen hat man einen großzügigeren Spielplatz eingerichtet und der Park würde nach Wetsen erweitert. Die alten Strauch- und Baumkulturen wurden um einiges bereichert. Zum Spaß besonderen unserer Kleinen begrüßen heute die lustigen Erdmännchen junge und ältere Besucher*innen. Doch lesen wir, wie Erwin Mayer noch den Stadtpark in den Siebzigern erlebte:

Mayer, Erwin: Der Stadtpark (Geroldsecker Land, Heft 8 - 1965 / 66), Seite 159 - 162

Im Jahre 1875 hinterließ der Kaufmann Christian Wilhelm Jamm lt. Testament seiner Vaterstadt Lahr ein Vermögen von Ein- und einer halben Million Reichsmark. Zu diesem Nachlaß gehörte auch das Areal des jetzigen Stadtparks.

C. W. Jamm war am 30. Januar 1809 als Sohn des Schlossermeisters Christian Jamm und seiner Ehefrau, geb. Dorner in Lahr geboren. Nach dem Schulbesuch trat er als Lehrling in ein Lahrer Textilgeschäft ein. Hier begannen über den Tuch- und Seidenhandel seine ersten Beziehungen zum Ausland. Nach gründlicher Ausbildung wanderte er nach Frankreich und fand in einem Lyoner Seidenhaus eine Stelle, in der er sich rasch empor arbeitete. Ausgedehnte Geschäftsreisen führten ihn durch verschiedene Erdteile. Bald konnte er sich selbständig machen. Als angesehener und vermögender Geschäftsmann verbrachte er dann viele Jahre in der cubanischen Hauptstadt Havanna. Sein Wohlstand ermöglichte es ihm, schon im Alter von kaum 50 Jahren ein Leben im Ruhestand zu beginnen. Diesen Ruhestand wollte er in seiner Heimatstadt Lahr verbringen. Auf seinen Weltreisen durch exotische Gebiete hatte sich C. W. Jamm große Pflanzenkenntnisse angeeignet und bedeutende Gärten reicher Fürsten und Kaufleute kennen gelernt. Der Wunsch nach solch einem "Lustgarten" (wie schöne Gartenanlagen in der damaligen Zeit benannt wurden) sollte in Lahr verwirklicht werden. Auf Anregung seines Vaters kaufte Jamm im Jahre 1858 im Westen des Stadtgebietes "gen Dinglingen" im Gewann "Untere Breite" für etwa 30 000 Gulden verschiedene Grundstücke auf. Im französischen Villenstil ließ er sich von Lahrer Handwerkern ein stattliches Wohnhaus errichten. Ein Gartenbauingenieur aus Paris erhielt den Auftrag, auf dem erworbenen Gelände einen Lustgarten anzulegen. Große Sortimente ausländischer Bäume und seltene Sträucher wurden in dem neuen Garten angepflanzt. Auf den Rasenflächen entstanden Teppichbeete in manigfaltigen Formen. In bunten Arabesken leuchteten Blumen in großer Fülle. Vogelhäuser und Volieren wurden gebaut und darin verschiedene Fasanenarten und sonstige fremdländische Vögel gehalten. Im Jahre 1861 entstanden noch zwei große Pflanzenhäuser mit allerlei tropischen Gewächsen. Zur Pflege des Parks ließ Jamm mehrere Tiefbrunnen bauen. (Drei solcher Brunnen sind heute noch auf dem Stadtparkgelände vorhanden. Infolge des seit der damaligen Zeit tief abgesunkenen Grundwasserspiegels geben sie jedoch kein Wasser mehr.) Für die weitere Belebung des Gartens wurde ein künstlicher Teich angelegt, den Schwäne, Enten und sonstiges Wasserziergeflügel bevölkerten. Auch eine Grotte aus mächtigen Felsbrocken wurde gebaut. Um den ganzen Park zog sich eine hohe Mauer. Nur durch die schmiedeeisernen Einfahrtstore hatten die Lahrer Einblick in den Jamm'schen Garten.

Nach dem Tode von C. W. Jamm ging also der gesamte Besitz an die Stadt Lahr über. Im Testament waren gesondert für die Unterhaltung des Parks 100 000 Reichsmark ausgewiesen, denn nach dem Willen des Stifters sollte der Lustgarten so bleiben, wie er ursprünglich gepflanzt wurde. "Ich empfehle ganz besonders die verschiedenartigen Baumgruppen und Gesträuche" heißt es u. a. in diesem Dokument. Ein weiterer testamentarischer Wunsch von Jamm war, daß der Park nach Westen zu erweitert werden sollte. Dies ist später durch Neuanlage des Parkteils westlich des heutigen Stadtpark-Restaurants geschehen. Jamm hat in seinem Testament auch an die Parkordnung gedacht, die erforderlich war, als der Park für die Bürgerschaft zugänglich wurde. So verfügte er, daß der Gemeinderat "jedem den Park verbieten soll, der irgend etwas verdorben hat. Beim Dunkelwerden soll der Park geschlossen werden. Volksversammlungen dürfen darin unter keiner Bedingung gehalten werden. Kinder ohne Aufsicht sollen auch nicht zugelassen werden."

Über Leben und Wirken C. W. Jamms als Lahrer Gönner  arrowRight

Die Stadt Lahr war stolz auf ihr Erbe und allezeit bestrebt, es im Sinne des Stifters zu erhalten und zu verwalten. Durch die Übernahme des Jamm'schen Gartenpersonals in städtische Dienste war der Bestand und die Pflege des Parks gesichert. Jedoch die Verwendung der Villa bereitete anfangs manche Schwierigkeiten. Zuerst bot man sie dem damaligen Reichskanzler v. Bismarck als Erholungsaufenthalt an. Der "Eiserne Kanzler" dankte für das hochherzige Angebot und vertröstete die Lahrer damit, daß er sich gelegentlich die Sache ansehen wolle. Doch dazu fand er die Zeit nicht. Später zog die Handelskammer in das Parkschlößchen ein. Im Jahre 1887 wurden einige Räume umgebaut und das Naturalienkabinett sowie die Stadtbibliothek darin untergebracht. Heute ist die ehemalige Villa von C. W. Jamm als Lahrer Heimatmuseum weithin bekannt und wird jährlich von Tausenden wegen seiner reichen Schätze gern besucht.

Der Park erfuhr durch die Übernahme in städtischen Besitz in seiner Gesamtgestaltung kaum eine wesentliche Änderung. Mit dem Stadtpark hatte Lahr eine Grünanlage und Erholungsstätte erhalten, wie sie keine andere Stadt im südbadischen Raum aufweisen konnte. Auch in Fachkreisen war der Lahrer Stadtpark schon im vorigen Jahrhundert als bedeutende Gartenanlage bekannt. So ist in "Möllers Deutscher Gärtner-Zeitung" vom 22. Januar 1898 zu lesen: "Ein wirkliches Kleinod besitzt in der Tat die Stadt Lahr an ihrem prächtigen Stadtgarten." Um den Lesern die Schönheiten des Stadtgartens vor Augen zu führen, wird im gleichen Artikel das ganze Sortiment der seltenen Bäume und die damals angepflanzten Blumenarten aufgezählt. Ferner wird in derselben Zeitschrift von dem "durch seinen Hinkenden Boten und neuerdings auch durch seinen schönen Stadtgarten berühmt gewordenen Städtchen Lahr" gesprochen. Beim Rundgang durch den heutigen Park fällt uns gleich am Eingang, nahe beim See, eine Gruppe mächtiger Tulpenbäume auf. Mit den eigentümlich geformten Blättern und ihren wachsblütenartigen Blumenschalen bilden sie einen imposanten Anblick. Unter ihrem bizarren Blätterdach stehen Fuchsien-Hochstämmchen und leuchtende Sommerblumen. Im Frühjahr blühen auf den Rabatten entlang der Parkmauer farbenfrohe Rhododendron und Azaleen aus China und Japan. Vor dem Heimatmuseum stehen zwei mächtige Ginkgo-Bäume. Der Ginkgo zählt botanisch gesehen zu den Koniferen, obwohl seine fächerartige Belaubung und die an das Aussehen einer Mirabelle erinnernden Früchte mit einem Nadelholzgewächs nichts gemein haben. Zeitgeschichtlich gesehen ist der Ginkgo ein sehr alter Baum, der das Überbleibsel einer in der Vorzeit weitverbreiteten Pflanzenart ist. Auf den Rasenflächen vor dem Bismarck-Denkmal sind auf Teppichbeeten in wechselvollen Ornamenten eine Fülle bunter Blumen angepflanzt. Zur Zeit des Frühlings wetteifern hier Stiefmütterchen, Vergißmeinnicht und Goldlack mit der stolzen Gartengesellschaft der Tulpen und Narzissen.Im Sommer beherrschen rote Geranien, Salvien, Begonien, Iresinen und die sattgelben Tagetes das Feld. Imposant stehen die zierlichen Bäumchen des Bleiwurz und des Wandelröschens dazwischen. Riesige Platanen schirmen den Park nach Osten ab.

Unter schattigen Gehölzen steht im großen Tiergehege ein "kapitaler" Damhirsch mit weitausladendem Schaufelgeweih bei seinem Rudel. Ein besonderes Erlebnis ist es, wenn Anfang Juni jeden Jahres weißgetupfte Bambis dazwischen umherspringen. Zu diesem Tierbestand hat sich nebenan eine Lama-Familie und ein niedliches Ponny-Paar gesellt. Die Wildschweine und Rehe als Vertreter unseres heimischen Wildes schließen mit ihrem Gehege am Hirschgarten an. Auf dem Wege dorthin stehen als bemerkenswerte Bäume eine Rotbuche und eine Hängeulme, die ihr schützendes Dach über eine Ruhebank ausbreitet. Weiter finden wir hier den Maulbeerbaum, die Baum-Aralie, den Gymnocladus oder Geweihbaum, Weißbuchen, Akazien, Hemlockstannen, Zypressen und Eiben. In diesem östlichen Parkteil begegnen wir auf unserem Rundgang einer sehr lustigen Gesellschaft; es sind die Rhesusäffchen und Meerkatzen in ihrer recht ansprechenden Behausung. Gleich neben dem Affenhaus steht eine prächtige Silberlinde. Oberhalb dieses Baumriesen haben die Kinder ihr Bereich. Rutschbahn, Karusell und Sandkasten sind immer dicht bevölkert. Auf dem sattgrünen Rasen nördlich der Villa stolzieren Flamingos vor den roten Blütenschäften des indischen Blumenrohrs (Canna indica) und verbreiten ein wenig von jenem exotischen Zauber, den einst Jamm in seinem Lustgarten suchte. Kronenkraniche, aus dem Innern Afrikas importiert, haben sich ebenfalls an die Szenerie fremdländischer Gewächse gewöhnt, die noch mit den wohlriechenden Trichterblumen des baumartigen Stechapfels, mit dem eigenartigen Rot des Korallenstrauchs, den leuchtenden Hibiscus-Blüten und den riesenblättrigen Bananen-Stauden bereichert wird. Magnolienbäume, Zedern, Schwarzkiefern, Weymouthskiefer, abendländische und morgenländische Fichten, Lärchen, Birken, deutsche und amerikanische Eichen, Kastanien, buntblättriger Ahorn, Ulmen oder Rüster, japanische Zierkirschen und Linden runden als beherrschende Faktoren dieses schöne Parkbild ab. Auf dem Stadtparkweiher tummeln sich Zierenten in vielen Arten, schwarze und weiße Schwäne, Kanada-Gänse, sowie ein Paar seltene Anden-Gänse. Vor der Terrasse des Stadtparkrestaurants sind in den Sommermonaten Palmen, Gummibäume und sonstige tropische Pflanzen gruppiert; sie werden von einem hohen Schwarznußbaum beschirmt. Entlang des ehemaligen Jamm'schen Stall- und Wirtschaftsgebäudes sind in Volieren allerlei gefiederte Bewohner untergebracht: Fasanen-Arten aus fernöstlichen Ländern, Webervögel aus Ägypten, papageiähnliche Sittiche aus Südamerika, Schopftauben australischer Herkunft, Wachteln aus Kalifornien und Sonnenvögel aus China. Im anschließenden Geflügelhof schlagen blaue und weiße Pfauen ihre Räder und lassen sich von lausenden Parkbesuchern bewundern. Dazwischen kreischen und gurren Zwerghühner, Perlhühner und Tauben verschiedener Rassen. Viel Beachtung findet die artenreiche Kakteengruppe. Höhepunkte im Parkjahr sind zweifellos die Rosenblüte, das Blütenwunder der "Königin der Nacht" und die Dahlienpracht in den Herbstwochen.

Im westlichen Parkteil, in dem auch das Eichrodt-Denkmal steht, finden wir als Baumbestand den Blauglockenbaum, Scheinzypresse, Bergahorn, grün- und rotblättriger Spitzahorn, Fächerahorn, Mammutbaum, Gleditschia oder Christusdorn, Sommerlinde, Götterbaum, geschlitztblättrige Buche und großartige Exemplare von Hängebuchen. So kann der Besucher in jedem Teil des Parks und zu jeder Jahreszeit in der Pflanzen- und Tierwelt Schönes und Interessantes sehen und erleben.

Der Reiseschriftsteller Robert Engelhardt, der im Jahre 1900 Lahr besuchte, schrieb: "Der Stadtgarten in Lahr ist sehenswert und wer auf seinen Reisen im Sommer in diese Gegend kommt, versäume es nicht, denselben aufzusuchen; er wird sehr befriedigt von dannen ziehen und die Fahrt dorthin nicht bereuen."

Zum Museum - zitiert nach der Webseite lahr.de (Stadt Lahr)

Ausstellung in der Villa Jamm zeigt Lahrer Stadtpark aus verschiedenen Blickwinkeln.

Die 2018 durch den Freundeskreis Lahrer Stadtpark mit Unterstützung der Stadt Lahr entstandene Ausstellung wird auch in diesem Jahr weitergeführt. Sie spiegelt die Geschichte des Parks, seines Gründers und Stifters Christian Wilhelm Jamm sowie seiner Stadt wider.

Die Sammlung im Parterre der Villa Jamm gliedert sich in drei Bereiche:

Der Garten

Hier wird die Entwicklung der Gartenkunst und die Einordnung des Parks mit seinen Stilelementen zwischen französischem Park, englischem Landschaftsgarten und privatem Lustgarten dargestellt. Ein großes Wandbild des Lahrer Künstlers Lothar Zierer zeigt eindrucksvoll, wie inspirierend die Gartenstimmung des Stadtparks sein kann.

Der Stifter

Dieser Teil befasst sich mit dem Leben Christian Wilhelm Jamms, seiner Karriere, seinem Vermächtnis und der Geschichte einer unerfüllten Liebe.

Die Stadt

Hier ist zu sehen, welche Entwicklung das Vermächtnis Jamms in der Obhut der Stadt genommen hat. Vom verborgenen Privatgarten ist er zum Ort der Identifikation und Entspannung für die Lahrer geworden. Förderverein und Stiftung übernehmen die Verantwortung für den Park im Sinne seines Stifters und entwickeln die Anlagen behutsam weiter. Er ist die Keimzelle gärtnerischer Arbeit in Lahr.

Die Ausstellung ist ab Donnerstag, 09. Mai 2019, jeweils donnerstags, freitags, samstags und sonntags von 14:00 Uhr bis 17:00 geöffnet.

Öffnungszeiten Stadtpark Lahr:

blueCircle 14. März bis 31. März 2020 10:00 bis 18:00 Uhr
blueCircle 01. April bis 17. Oktober 2020 10:00 bis 19:00 Uhr
blueCircle 18. Oktober bis 31. Oktober 2020 10:00 bis 18:00 Uhr

Wichtig: Der Einlass ist jeweils nur bis eine Stunde vor Schließungszeit (17:00 Uhr bzw. 18:00 Uhr).

Samstags, sonntags und feiertags ist die Kasse ab 09:00 Uhr geöffnet.

Saison: Parköffnung: Samstag, 14. März 2020 - Parkschließung: Sonntag, 01. November 2020 - In diesem Zeitraum ist die Kasse besetzt.

Ausserhalb der o.g. Zeit ist der Stadtpark tagsüber (je nach Eintritt der Dunkelheit können sich die Schließzeiten variieren) natürlich begehbar.

Eintrittspreise:

blueCircle  Erwachsene/Rentner 3,00 Euro
blueCircle  Kinder (6 bis 17 Jahre) 1,20 Euro
blueCircle  Schüler (über 17 Jahre mit Ausweis) 1,20 Euro
blueCircle  Schwerbehinderte ab 50 Prozent (mit Ausweis) 1,20 Euro
blueCircle  Gruppen ab zehn Personen pro Person 2,50 Euro
blueCircle  Schulklassen pro Schüler (Aufsichtsperson frei) 0,50 Euro
blueCircle  Jahreskarte Einzelperson 22,00 Euro
blueCircle  Jahreskarte Kinder, Schüler, Schwerbehinderte 15,00 Euro
blueCircle  Jahreskarte Familie (zwei Erwachsene + alle Kinder bis 18 Jahren) 25,00 Euro



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Die Burgheimer Kirche

(früher auch St. Peter) BurgheimerKirche - in Burgheim, einem Stadtteil von Lahr im Schwarzwald, ist eine der ältesten Kirchen rechts des Rheins. Der heutige Kirchenbau mit Chorturm stammt größtenteils aus dem 12. Jahrhundert

Schutterlindenbergstraße 13, 77933 Lahr / Schwarzwald

in Burgheim, einem Stadtteil von Lahr im Schwarzwald, ist eine der ältesten Kirchen rechts des Rheins. Der heutige Kirchenbau mit Chorturm stammt größtenteils aus dem 12. Jahrhundert, geht aber auf eine Kirchengründung des frühen 7. Jahrhunderts zurück. Bis ins späte 15. Jahrhundert war die Burgheimer Kirche die Stadtkirche von Lahr, obwohl sie weit außerhalb der Stadtmauern lag. Danach verlor sie diese Stellung an die näher an der Stadt gelegene Stiftskirche.

Aus einem Fund aus "Geschichte des Dorfes und der Kirche zu Wittelbach" stammt ein knapper Abriss der Entstehung der Burgheimer Kirche St. Peter (links). Herausgeber: Katholische Pfarrgemeinde - Bildungswerk Seelbach - mit Kommentar zur Burgheimer Kirche:

"Aus den Untersuchungen in Burgheim / Lahr wissen wir, dass der erste Bau um 700 eine Rundabside hatte. Diese Kirche erfuhr um 1035 eine Erweiterung nach Westen durch einen weiteren Rundchor. Sie wurde dadurch zur Doppelchorkirche. Nach 1100 wurde diese Doppelchorkirche abgebrochen. 

An ihrer Stelle wurde ein rechteckiges Langhaus und ein quadratischer Altarraum errichtet.

Diesem Typ der kleinen flachgedeckten Landkirchen mit einem dem Quadrat angenäherten Chor = Altarraum entsprachen zu früheren Zeiten außer Wittelbach auch Dörlinbach und Schweighausen..."

Geschichte

Bauentwicklung der Burgheimer KircheBereits die Römer hatten hier wahrscheinlich einen Gutshof (Villa rustica) errichtet, was zahlreiche Funde, unter anderen der bei Ausgrabungen gefundene Sockel eines römischen Brunnens, belegen.
Merowingischer Sarkophag aus dem 7. Jahrhundert, Museum Villa Jamm, Lahr, im Rahmen einer Sonderausstellung 2006

Später siedelten hier die Alamannen, die einen Adelshof errichteten, dessen Herr sich dem christlichen Glauben zugewendet hat. Aus dieser Zeit stammen einige der vorgefundenen alemannischen Kastengräber, deren Ausrichtung deutlich von der Kirchenachse abweicht. Das daraus zu erschließende alemannisches Reihengräberfeld muss bereits vor dem Kirchenbau bestanden haben. Eines diese Kastengräber trägt auf der Innenseite (!) ein eingeritztes Kreuz, ein Hinweis auf ein beginnendes Christentum.

Aus dem alemannischen Adelshof entwickelte sich nach der fränkischen Eroberung ein Königshof. Zu dieser Zeit wurde vermutlich die erste Kirche an dieser Stelle errichtet. Archäologische Spuren deuten auf einen ersten Vorgängerbau der Kirche aus dem frühen 7. Jahrhundert hin. Aus der Gründung des nahegelegenen Klosters Schuttern im Jahre 603 wird von einigen Forschern abgeleitet, dass in der Gegend bereits eine Eigenkirche eines christlichen Herrschers bestand, die an der Stelle der heutigen Kirche gestanden haben könnte. Es handelte sich um eine der ersten Steinkirchen am Oberrhein.

Die weitgehende Zerstörung dieser ersten Kirche und die ausgeraubten Grabstellen weisen auf den Einfall der Ungarn im Jahre 938 hin. Erst 100 Jahre später konnte wieder eine neue Kirche auf den alten Grundmauern errichtet werden.

Eine Weihe der Kirche erfolgte am 25. Juli 1035 durch den Straßburger Bischof Wilhelm I. (Amtszeit 1028 / 1047). In der Weiheurkunde findet sich die erste schriftliche Erwähnung der Kirche. Als Kirchenpatron wurde der heilige Petrus eingesetzt, d. h. die Kirche wurde zunächst der Gottesmutter Maria (Patronin des Bistums Straßburg) und dann St. Peter geweiht.

Karl List über Epochen und Zeiten des Bauverlaufs der Burgheimer Kirche St. Peter  arrowRight

Durch den Krieg der Zähringer gegen das Bistum Straßburg wurde diese Kirche ein weiteres Mal zerstört, der Neuaufbau erfolgte um das Jahr 1120.

Im Jahre 1455 wurde die Kirche wesentlich erweitert und ausgebaut, doch bereits im Jahre 1492 verlor die Burgheimer Kirche ihre Stellung als Pfarrkirche und wurde zur Filialkirche. Der Taufstein wurde abgebaut und in die Lahrer Stiftskirche verbracht.

Die Kirche verlor im Laufe der Jahre an Bedeutung. Ein Teil der Kirche wurde durch eine Backsteinmauer abgetrennt und als Lagerraum genutzt. Im Jahre 1840 wurde bereits ihr Abriss erwogen. Es ist der Initiative des Lehrers Wilhelm Hockenjos zu verdanken, dass die Kirche gerettet wurde. Durch die Leistungen einer Bürgerinitiative wurde die Kirche renoviert und im Jahre 1844 konnte wieder ein regelmäßiger evangelischer Gottesdienst im Ostteil der Kirche durchgeführt werden.

Bei der Renovierung Mitte des 19. Jahrhunderts wurden jedoch große Teile der mittelalterlichen Ausmalung zerstört und der Konservator der Badischen Landeskirche konnte bei einer Visitation im Jahre 1905 feststellen: ?? und aus ihm einen kalten, neugetünchten, öden und nichtssagenden Raum geschaffen, der vielleicht unter seinem Putz noch Interessantes birgt..."

Im Jahre 1953 erfolgte, unter Leitung von Winfried Knausenberger, eine Grabungskampagne, die von Arnold Tschira fortgesetzt wurde. Im Inneren der Kirche wurden bei diesen Grabungen zahlreiche Gräber sowie der Altar der Urkirche entdeckt. Dieser Altar ist einer der ältesten bekannten Altäre überhaupt. Die Grablegen stammen überwiegend aus der Zeit der Merowinger, vier davon waren Gräber der Kirchengründer. Es wurden auch römische Spolien entdeckt, die als Bauteile der Plattengräber verwendet worden waren. An der Außenseite der Kirche sind zahlreiche Grabsteine aufgestellt, die im Inneren der Kirche entdeckt wurden.

Im Zuge der Renovierung 1953 nach den Ausgrabungen wurde auch der abgetrennte westliche Teil wieder der kirchlichen Nutzung zugeführt. (wikipedia)


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Altes Rathaus Dinglingen

Dinglinger Rathaus - Die Erbauung des Dinglinger Rathauses begann 1902 und folgte dem seinerzeit "angesagten" Nürnberger StilDinglinger Hauptstraße 54, 77933 Lahr / Schwarzwald

Die Erbauung des Dinglinger Rathauses begann 1902 und folgte dem seinerzeit "angesagten" Nürnberger Stil, einer Mischarchitektur mit zum Teil neugotischen Elementen und Bauteilen der Frührenaissance. Typisch für diesen Stil ist die vertikale Betonung der Bauwerke und aufwändige Steinmetzarbeiten.

Historie Dinglingen:

Dinglingen in der Lahrer Weststadt ist älter als die Tiefburg der Geroldsecker und damit einer der ältesten Ortsteile von Lahr / Schwarzwald. Der Historiker und Archäologe Dr. Niklot Krohn geht davon aus, das am Ort schon in der ersten Hälfte der ersten Jahrtausends eine alemannische Siedlung bestand.

Der alte Dinglinger Brunnen ist zurück

Der Brunnen steht jetzt nicht mehr am Lahrer Storchenturm sondern vor dem Dinglinger Rathaus. Wie walter Caroli ausführte, zurecht, denn den Brunnen ziere das alte Dinglinger Wappen.

"Caroli verwies auf das alte Dinglinger Wappen am Brunnen, dessen ältester erhaltener urkundlicher Nachweis aus dem Jahr 1573 stammt. Dieses Wappen ziere ebenso den 'Schnellschen Brunnen', wie auf dem Sandsteinbogen ersichtlich ist. Der erste Standort des Brunnens war im Unterdorf, etwa auf der Höhe des heutigen Gemeindezentrums auf dem Anwesen der Familie Schnell."
(Lahrer Zeitung - Endrik Baublies, 11.12.2017)

Eine alte "Klage" von Frau Bubeck aus dem Jahre 1961 hatte sich damit "erledigt":

Bubeck, Sophie: Der Brunnen am Storchenturm - Er stand einst in Dinglingen (Der Altvater, 4.3.1961)

Im "Allvater" wurde kürzlich erwähnt, man weiß nicht, woher der alte Brunnen aus dem 16. Jahrhundert, der im Lahrer Freilichtmuseum steht, stammt. Er stammt aus Dinglingen und stand einst im Hofe des Hauses Hauptstraße 84, wo auch heute noch die alte Zehntscheuer steht, die auch über einen gewölbten Keller, in dem einst der Fronwein lagerte, verfügt. Das alte Haus ist durch ein neues ersetzt worden. Das Wappen, das am Sturz des Brunnens mit der Jahreszahl 1606 angebracht ist, ist das alte Dinglinger Wappen Rebmesser und Pflugsech, das neue stellt Maschinenrad mit Aehre dar.

Die Familie Schnell-Ebert schenkte den Brunnen 1950 der Stadt Lahr.

Max Roll über die Beziehungen Dinglingens zu Lahr  arrowRight

Noch zwei weitere gut erhaltene Brunnen stehen Hauptstraße 88 mit der Jahreszahl 1767 und einer Hauptstraße 95 mit der Jahreszahl 1758 und den Anfangsbuchstaben der Eigentümer.

Im Hof Hauptstraße 73 liegt ein gut erhaltener abgerüsteter Brunnen mit der Jahreszahl 1778, verziert mit einer Art Wappen und mit den Buchstaben IB versehen. Eine Familie Bühler wohnte einst dort; auch dort steht noch eine alte Zehntscheuer.

Auch sieht man. in anderen Höfen noch Teilstücke von diesen Zeugen aus alter Zeit, die für andere .Zwecke Verwendung fanden, so z. B. als Hoftorpfosten, Kellereinrahmung, die Brunnenschale als Abfallgefäß, die enggliederige, starke Kette, die einstmals die schweren Eichenkübel über das Rädchen am Bogen des Brunnens aus der Tiefe heraufzog, als Wagenketten usw. Das Wasser dieser "Brunnen war eine Köstlichkeit zum Trinken, zum Waschen allerdings nicht verwendbar, da es zu hart war.

Heute sind diese Brunnen zum Teil als Schöpfbrunnen im Gebrauch. In der oberen Hauptstraße stand ebenfalls ein Brunnen, am Haus war die Jahreszahl 1567 angebracht, folglich war der Wasserspender gleich alt.

Es wäre schön, wenn den Dinglingern die zwei Zeugen aus alter Zeit erhalten blieben, zumal unser Ort sein 1000jähriges Bestehen feiern kann, ist er doch nach alten Urkunden 961 erstmals genannt.


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Rund um den Geroldseckerbrunnen (Markt-, Kaiser-, Friedrichstraße)

Der Geroldseckerbrunnen in Lahr - eine Spende von Hermann Zeh zum hundertjährigen Jubiläum der heutigen Firma Zeh-Ehret GmbHMarktstraße 1, 77933 Lahr / Schwarzwald

Der Geroldseckerbrunnen in Lahr - eine Spende von Hermann Zeh zum hundertjährigen Jubiläum der heutigen Firma Zeh-Ehret GmbH - "hat sich gut aufgestellt". Am nördlichen Ende der Fußgängerzone der Marktstraße wird der Standort vom Alten Rathaus, dem Urteilsplatz mit seinem angrenzenden "Henkershisli" und zwei Apotheken in historischen Bauwerken umrahmt.

Vom Gerolseckerbrunnen aus nach Süden kann die Marktstraße mit ihren repräsentativen zum Teil Jahrhunderte alten Kaufmannshäusern eingesehen werden. Eine Rast am Geroldseckerbrunnen lohnt sich, zumal der Standort auch in heisen Sommertagen beschattet ist. Meist weht dort auch ein "leises Lüftchen".

Altes Rathaus:

In der zweiten Jahrhunderthälfte des 15ten Jahrhunderts wurde Lahr nach Norden (Marktstraße / Friedrichstraße / Kaiserstraße erweitert und mit dem Bau des Rathauses begonnne. In mehreren Bauphasen wurde das Rathaus erweitert und umgebaut. 1963 wurde die alte Außentreppe als vorläufig letzte Baumaßnahme dem Rathaus wieder hinzugefügt. Weitere Informationen sind auf den Seiten des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg download dokumentiert.

Im Alten Rathaus befindet sich heute das KulTourBüro Lahr:
telefon 07821 / 9502-10
fax 07821 / 910 754-51
email Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Öffnungszeiten:
blueCircle Dienstag bis Freitag 10:00 Uhr bis 16:30 Uhr
blueCircle Samstag 10:00 Uhr bis 13:00 Uhr


Der Urteilsplatz:

"Die Entstehung des Urteilsplatzes ist zwei wichtigen Entwicklungen zu verdanken. Zum einen wuchs Lahr rasch und stetig, so dass 1394 in Höhe der heutigen Turmstraße ein dritter Mauerring erforderlich wurde. Das Friesentor wurde als Obertor an die Turmstraße verlegt. Am Dinglingertor betrat man im Westen die Stadt. Am Spital vorbei führte die Spitalgasse zur Marktstraße und von dort die Rappengasse zum Rappentor am östlichen Stadtausgang."

(Norbert Klein - BadenOnline - 15. August 2019)

Marktstraße:

Hinunter geht der Blick nach Süden in die Marktstraße. Viele denkmalgeschütze Bauten ehemaliger Kaufmanns- und Gildehäuser - nicht selten noch im ursprünglichen Fachwerkstil - säumen den Weg. Die Marktstraße (Fußgängerzone) war in den 50er, 60er und 70er Jahren noch die pulsierende Mitte der Innenstadt Lahrs. Heute werden Konsumenten eher von den vielen Angeboten der Discounter "auf der grünen Wiese" am Rande der Stadt angezogen und nicht selten scheint die Markstraße wie "ausgestorben". Zu Marktzeiten kann sich allerdings auch ein lebendiges Treiben entwickeln.

Löwenapotheke:

Der stolze Renaissancebau unweit des Geroldsecker Brunnens hatte Glück, wie Ralf Bernd Herden in seinem Roten Hahn schreibt, nicht vollständig abzubrennen. Dies geschah allerdings 1895 im vorletzten Jahrhundert. Heute präsentiert sich die Löwenapotheke in bestem renovierten Zustand als Blickfang in der oberen Martstraße.

07. Februar 1895

"kurz nach halb ein Uhr nachmittags bricht in der seit dem 17. Jahrhundert konzessionierten Löwenapotheke im badischen Lahr ein Brand aus. Das Feuer, das relativ spät bemerkt worden war, zerstörte den Dachstuhl gänzlich. Nur dem beherzten Eingreifen der Feuerwehr war es zu verdanken, dass das Feuer sich aus dem Mitten in der Alstadt gelegenen Apothekengebäude nicht weiter auf weitere Gebäude ausbreiten konnte.
Der Brand der Apotheke war der Auftakt einer rätselhaften Brandserie:"... (Ralf Bernd Herden - Roter Hahn - 154 / 155)

Ein weiterer Nachweis der frühen Gründung - der einst "untere Apotheke" genannten - Löwenapotheke kann dem Aufsatz von Emil Ell entnommen werden:

..."Eine Metalltafel gibt Auskunft: die Löwen-Apotheke an der Marktstraße zu Lahr, einst "Untere Apotheke" benannt, wurde vor 350 Jahren, 1629, eingerichtet. Metallbuchstaben bekunden den Vorgang:

Löwen-Apotheke
gegründet 1629
Hier wirkte der Apotheker
und Forscher
Dr. Christian Friedrich Hänle
1789-1863
Gründer des Gewerbevereins Lahr..."

..."11. März 1629

Nach der Niederschrift von Dr. Gustav Kaiser befindet sich im General-Landesarchiv Karlsruhe (GLA) eine Urkunde mit dem Datum vom 11. März 1629, die ein Karl Friedrich Sopher als Apotheker Seitenzahl-Icon in Lahr erwähnt, der auch 1655 noch sein Geschäft betreibt.

Auch Pfarrer Adolf Ludwig verweist auf das Jahr 1629: "Die älteste Nachricht einer Lahrer Apotheke geht auf Karl Friedrich Sopher zurück, der im Jahr 1626 von Colmar nach Lahr kam und hier eine Apotheke einrichtete". Ob diese erste Lahrer Apotheke schon 1626 eingerichtet wurde, ist nicht sicher.

Als sich im Jahre 1629 Schultheiß und Bürgermeister der Stadt darüber beklagten, daß sich Sopher weigere, seinen Beitrag zur kaiserlichen Kriegskontribution zu leisten, berief sich Sopher darauf, daß ihm 1626 für zwei Jahre freie Ausübung seines Gewerbes zugesichert worden sei.

Sopher argumentierte: Im ersten Jahr habe er 3 Pfund, im zweiten Jahr 2 Pfund bezahlt. Die 16 Pfund Kriegskontribution, die man jetzt zusätzlich von ihm fordere, könne er nicht erschwingen. Er sitze in einem Lehenhaus, habe keine Güter und brauche weder Wurme noch Weide. Was er an die Bürgerschaft abgebe, komme ins Buch auf Borg. Der übrige Vertrieb sei gering. Zudem brauche er Bargeld zum Einkauf der Waren. Man möge ihn leidentlich halten, sonst müsse er anderswo sein Brot suchen.

Die Beschwerde wurde durch einen Vergleich erledigt, daß er der Stadt ein Pfund, der Herrschaft drei geben müsse. Von allen Ansprüchen soll er dann frei sein."...

..."Der alte Sopher starb 1655. Nun bewarb sich der Bürgersohn Christian Bauer um die Konzession. Man bedeutete ihm, wenn die Witwe Sopher einen guten Apothekergesellen einstelle oder einen ändern Apotheker heirate, man sie nicht verstoßen könne. Beides scheint der Witwe ihres zweifelhaften Charakters wegen nicht geglückt zu sein. Christian Bauer erhielt die Apotheke mit der Zusicherung, daß keine zweite errichtet werden dürfte."...

(Ell, Emil: "Untere Apotheke" vor 350 Jahren eingerichtet (I)
Gleichzeitig ein Erinnern an den Apotheker und Forscher Dr. Christian Friedrich Hänle (Der Altvater, 31.3.1979))

Engel Apotheke

"Die Apotheke gehört zu unseren alten Städten wie das Rathaus, die Gaststube, die Kirche und der Brunnen. So ist auch mit der "Engel"-Apotheke ein Stück des alten Lahr lebendig geblieben, und die Geschichte der "Engel"-Apotheke erzählen, heißt, zugleich einen größeren Abschnitt der wechselvollen Geschichte unserer Heimatstadt wie in einem blinkenden Spiegel fassen. Als im Jahre 1714 der aus Kolmar zugewanderte Johann Jakob Brettschneider in Lahr die "Engel"-Apotheke, damals allerdings noch "Obere Apotheke" genannt, gründete, da gehörte Lahr nach mancherlei Herrschaftsstreitigkeiten gerade zur Markgrafschaft Baden-Durlach. So wurde denn auch die Urkunde über die Privilegierung der Apotheke durch Markgraf Karl am 26. August 1715 in Carolsburg ausgefertigt. Daß die Anfänge der Apotheke schwer und mit vielen Mühseligkeiten verbunden waren, das glaubt man der Hauschronik gerne, wenn man sich die allgemeine Lage Lahrs in jenen Jahrzehnten vergegenwärtigt. Am 15. September 1677 legten die Franzosen die Stadt in Schutt und Asche. Nur das Rathaus, die Kirche und die Stadttore blieben, zusammen mit wenigen Bürgerhäusern, verschont, während die Tiefburg der Geroldsecker ebenfalls der Zerstörung anheimfiel. Da auch der erst 1714 - dem Jahr der Gründung der Apotheke - beendete Spanische Erbfolgekrieg drückend auf dem Land am Oberrhein lag, erholte sich Lahr nur schwer aus seiner Armut und Not."

(Brucker, Dr. Philipp: 240 Jahre "Engel"-Apotheke in Lahr - Als "Obere Apotheke" 1714 gegründet (Der Altvater, 26.6.1954))



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Rathaus Lahr

Das Rathaus Lahr am Rathausplatz 4 - nicht zu verwechseln mit dem "Alten Rathaus" im 16ten Jahrhundert im Renaissancestil erbaut - wurde als Fabrik und Wohnkomplex im frühen 19ten Jahrhundert (1807) erbaut

Rathausplatz 4, 77933 Lahr/Schwarzwald

Das Rathaus Lahr am Rathausplatz 4 - nicht zu verwechseln mit dem "Alten Rathaus" im 16ten Jahrhundert im Renaissancestil erbaut - wurde als Fabrik und Wohnkomplex im frühen 19ten Jahrhundert (1807) erbaut. Bauherren waren die Zichorienfabrikanten (Die Zichorie oder auch Gemeine Wegwarte genannt, ist ein koffeinfreies Kraut, was sie zu einem populären Kaffee-Ersatz macht) Johann Georg Schnitzler und Jakob Ferdinand Lenz.

Bereits kurz nach der Erbauung mussten die Fabrikanten Konkurs anmelden, zumal der neuerbaute Komplex bei einem Brand im Oktober 1808 in Teilen zerstört wurde. 1809 übernahm die Familie Lotzbeck den Gebäudekomplex und ließ das Wohnhaus (heute Rathaus Lahr) nach Plänen von Friedrich Weinbrenner zwischen 1810 und 1812 im klassizistischen Stil umbauen.

Nach und nach wurden die Seitenflügel mit städtischen Ämtern belegt und nach größeren Umbauten 1932/33 im September 1933 als "Neues Rathaus Lahr" eröffnet.

Nach weiteren, zum Teil auch Abriss bedingten Umbauten durch die Lahrer Werkgruppe 2001/02 zeigte sich das Lahrer Rathaus im heutigen Bild und ist Sitz des ersten Bürgermeisters / der ersten Bürgermeisterin Lahr. Das Rathaus ist denkmalgeschüzt.

Hubert Kewitz veröffentlichte 1993 den Nachweis, dass dieses 'Neue Lahrer Rathaus' eine Arbeit von Friedrich Weinbrenner, Oberbaudirektor der Stadt Karlsruhe ist.

Kewitz, Hubert: Der vierte Brief ist gefunden - Weinbrenner und das Lahrer Rathaus (Der Altvater, 9.10.1993)

1807/08 begann der Zichorienfabrikant Jakob Ferdinand Lenz den Bau einer aufwendigen Fabrikationsstätte in Lahr, ein Wohnhaus und Flügelgebäude auf beiden Seiten, insgesamt fünf Gebäude um einen Hof. Der junge Voß, mit Hilfe seines Meisters und Förderers Weinbrenner, wird schon hierbei beteiligt gewesen sein. Lenz geriet bald in finanzielle Schwierigkeiten, und 1809 kauften Carl Lotzbeck Vater und Sohn für 22 000 Gulden die noch unfertige Anlage als Schnupftabakfabrik und Wohnsitz für den Sohn.

Die Lenzsche Villa genügte dem jungen Lotzbeck nicht. Ende 1809 war Weinbrenner bei den Lotzbecks in Lahr; bei diesem Aufenthalt baten die Lahrer Weinbrenner um einen Plan für die Erweiterung ihrer Stadt. Weinbrenner lieferte ihn, und Voß übernahm die Verhandlungen vor Ort; es wurde dann aber nichts daraus. Der Brief Friedrich Weinbrenners an Voß vom 3. März 1810, der jetzt gefunden wurde, legt den Schluß nahe, daß Weinbrenner 1809 in Lahr auch aufgefordert wurde, einen Plan zum standesgemäßen Umbau der Lenzvilla, der Fassade, aber auch der Innenräume (Säulenhalle) zu liefern.

Der Nachlaß von Hans Voß befand sich zuletzt bei seinem Urenkel Dr. Alexander Schaible (1870 bis 1933), einem Oberamtmann in badischen Diensten, der unter dem Pseudonym Camill Alexander Voß auch ein wenig bekannter Schriftsteller war. Schaible verkaufte um 1927 die Briefe nach Kiel. Ich erhielt 1977 von der Kieler Landesbibliothek Kopien von drei Briefen Weinbrenners an Voß aus den Jahren 1808/09; der vierte Brief (Von 1810) hätte enthalten, was ich gesucht hatte. Dieter Weis (Ettenheim), sach- und archivkundig, der auch den Baumeister der Kippenheimer Synagoge (Jakob Schneider)ermittelt hat, fand ihn nun in diesem Sommer in Kiel im Nachlaß Boie-Voß und außerdem andere aus dem Lahrer Umkreis des jungen Voß. "Mein lieber Herr Voß!", beginnt Weinbrenner, "Da Sie die Güte hatten, die Ausführung des jungen Herrn Lotzbek sein Haus zu übernehmen, so wolte ich Ihnen zu meinem Riße bemerken, daß ich", und dann folgen genaue Anweisungen zur bautechnischen Verklammerung seiner neuen Fassade mit dem alten Bau, besonders der beiden Balkone und des dritten Stocks", der die "Jonischen Pilaster" trägt: Für 22 000 Gulden

"1) tns annahm, daß der in der vordem Façade, in der Mitten, angedeutete Vorsprung, auf welchen der zweite Balcon ruht, nur im Verputz, und höchstens in einem
    Vorsprung von einem halben Zoll groß zu sein braucht.
2) ts Der unterste Balcon über der Hausthüre, wäre sorgfältig in das alte Mauerwerk ein zu brechen, und der zweite, wenn ihn Herr Lotzbeck verlangt, auf die
    angezeigte Länge, für das alte Steinerne gesims neu zu fertigen, wiederigen Falls aber das schon vorhandene Gesims zu laßen, und den Balcon blos vor denen
    Fenstern an zu bringen, welche jedoch sodann bis auf das Gesims ohne Brüstunggehn müßten.
3) ts weil die Fronte dieses Gebäudes gerade gegen die Wetterseite steht, so glaube ich, daß Sie den obern Aufsatz des dritten Stocks, wo die Jonische Pilaster
   gezeichnet sind, zwar jnnen mit einer halbschuhigen hölzernen Riegelwand, aber von außen ganz mit gebrande steinen, 1/2 ' dick über Mauren sollten, damit gar
   kein Holz in das Wetter kommt.

ts wünsche ich, daß Sie alle die Wände, welche in dem zweiten Stock auf das Hole (Hohle) zu stehen kommen, und nicht gerade unten eine Gegenstütze von Wand haben, von Zimmerwerk springen oder in das Dachwerk aufhängen, und blos ohne die Riegel aus zu Mauern, mit bor den verschlagen und vergipsen ließen.
Solten Sie übrigens noch einen Anstand finden, so bitte ich mir es zu melden, ich werde Ihnen mit Vergnügen darüber Auskunft geben. Herr Meiler, der wie Sie schon wißen werden, Heßen Darmstädtischer HofBauMeister geworden, ist vergangenen Dienstag, nach Darmstadt abgereißt, um nun seinen Dienst dasselbst anzutreffen.

Nebst herzlichen Gruß von den heben Meinigen, verbleibe ich Ihr ergebener Freund F: Weinbrenner"

Weinbrenner und Voss - Ihr Wirken in Lahr  arrowRight

Einen weiteren Beleg für Weinbrenners Wirken in Lahr liefert Dr. Rudolf Ritter im Geroldsecker Land, indem er das Schlößchen in Rohrbach - bei Heidelberg - mit dem Lahrer Rathaus vergleicht:

Ritter, Dr. Rudolf: Zwei Geister unserer Heimat [Rohrbacher Schlößchen und Lahrer Rathaus] (Geroldsecker Land, Heft 23 - 1981) Seite 134-136

Das Rohrbacher Schlößchen

Das Lahrer RathausDa stoße ich in Heft 3, September 1979, der Zeitschrift "Badische Heimat" auf den Aufsatz "Das Rohrbacher Schlößchen im Wandel der Zeit" von Karl Heinz Frauenfeld und damit auf die Ansicht dieses Schlößchens (S. 418). Seine Ähnlichkeit mit unserem Lahrer Lotzbeckschlößchen, dem Neuen Rathaus, veranlaßte mich, dem an sich fern gelegenen Thema Aufmerksamkeit zu leihen. Und siehe da, es ergab sich zweierlei, was für unseren heimatlichen Raum festgehalten zu werden verdient.

In Rohrbach, der bis 1927 selbständigen Gemeinde, seit damals ein Stadtteil von Heidelberg, kaufte im Jahre 1770 der Prinz Karl August von Pfalz-Zweibrücken umfangreiches Gelände um den "Thannschen Hof" und den selbst, um seine Jagdgäste unterbringen zu können. Auf dem erworbenen Gelände und in der Nähe des Thannschen Hofs ließ er um 1770 ein einfaches Barockschlößchen im Stil der Zeit bauen. 1774 schuf der bekannte, in pfälzischen Diensten stehende Gartenbauarchitekt Friedrich Ludwig von Sckell um dieses Gelände herum einen Park mit Teich. Damit hatte auch Karl August sein Versailles. Der Prinz, Herzog von Pfalz-Zweibrücken geworden, starb am 1. April 1793 in Mannheim. Dorthin war er vor der in die Pfalz eingedrungenen französischen Revolutionsarmee geflüchtet. Sein Bruder und Nachfolger Max Josef nahm im letzten, dem Haus Pfalz-Zweibrücken noch verbliebenen Refugium, dem Rohrbacher Schlößchen, am 4. Dezember 1795 Wohnung. Er wurde später bayerischer König und ist der Vater Ludwigs I. von Bayern. Am 8. Januar 1803 schenkte Max Josef den gesamten Rohrbacher Besitz seiner Schwiegermutter Amalie von Baden, der Witwe des Markgrafen Karl Ludwig von Baden. Amalie nahm erhebliche bauliche Veränderungen am Rohrbacher Schlößchen vor und schuf damit den Bauzustand und das architektonische Bild, das sich uns heute bietet.

Ihr Architekt war Friedrich Weinbrenner - und damit werden wir auf den Weg nach Lahr gewiesen. Die Das Rohrbacher Schloesschen verblüffende Ähnlichkeit beider Bauwerke, des Rohrbacher Schlößchens und des Lotzbeckschlößchens in Lahr, erklärt sich durch diesen gemeinsamen Architekten. Der Fries im Mittelstück und das Säulenportal unter dessen Balkon ist das markgräfliche Dekor gegenüber dem bescheideneren Angesicht des Baus des Lahrers Bürgers Lenz, der sich kein Schlößchen, sondern ein Wohnhaus gebaut hatte. Daher wohl auch der etwas kopflastige Ausbau des Dachgeschosses. Vielleicht lag aber der Verzicht auf Mehr auch an Weinbrenner selbst, der sich in seinen, bei der Klassizistik beschränkten Variationsmöglichkeiten nicht wiederholen wollte. Der adlige und der bürgerliche Bau also stehen sich da gegenüber, beide von Weinbrenners nüchterner und doch ansprechender Kunst gemeistert und in gutem Maß gehalten.

Aber noch von einer weiteren Verknüpfung mit unserer hiesigen Heimat vermag uns das Rohrbacher Schlößchen zu erzählen:

Die Markgräfin Amalie hatte eine Hofdame, eine geborene Sohn von Heiligenzell bei Lahr. Die Markgräfin starb am 21. Juli 1832. Ihre Erben verkauften das Rohrbacher Schlößchen am 30. August 1834 an den Ehemann dieser früheren Hofdame, Georg Browne Stulz. Der aber war der Adoptivsohn und wohl auch Erbe unseres Kippenheimer Schneiders Johann Georg Stulz. Dem englischen Namen Browne nach scheint der kinderlose Stulz ihn in seiner Londoner Zeit als Adoptivsohn gekürt zu haben. Auf die Fürsprache des Schwagers, des Freiherrn Roeder v. Diersburg, wurde Georg Browne Stulz am 28. Juli 1841 in den Adelsstand erhoben. Er durfte sich von dort ab zwar nicht wie sein Adoptivvater Georg Stulz von Ortenberg nennen, aber immerhin Georg von Stulz. Er starb, durch ein Gehirnleiden zermürbt, noch im selben Jahr, indem er sich selbst den Tod gab. Wir sehen: die Ausbeute des Themas "Rohrbacher Schlößchen" für unser Jahrbuch war fruchtbar. Dem Verfasser des Aufsatzes der "Badischen Heimat" Karl Heinz Frauenfeld sei gedankt.

Bürgerbüro - Rathaus Bürgerbüro - Rathausplatz 4 - 77933 Lahr

telefon 07821 / 910-03 33
fax 07821 / 910-04 44
email Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Öffnungszeiten Bürgerbüro

blueCircle Mo - 08:30 Uhr bis 17:00 Uhr
blueCircle Di -  08:30 Uhr bis 17:00 Uhr
blueCircle Mi - 08:30 Uhr bis 13:00 Uhr
blueCircle Do - 08:30 Uhr bis 18:00 Uhr
blueCircle Fr -  08:30 Uhr bis 17:00 Uhr
blueCircle Sa - 10:00 Uhr bis 13:00 Uhr



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Schutterlindenberg

Und in der Tat, schon von weitem sehen Lahrs Besucher*innen aus der Oberrheinischen Tiefebene kommend, zunächst den Lahrer Hausberg - den Schutterlindenberg


Ein beliebter Rat der Alten an junge Reisende oder gar an Auswanderer lautete: "Wenn da s'sletschde mol da Schutterlindeberg siehsch, is ä Stickli Brot, schau nuff un danoch drähsch die nimmi z'ruck" ("wenn Du den Schutterlindenber gerad noch siehst, iss ein Stück Brot, schau ein letztesmal hinauf und danach nicht mehr zurückschauen"). Das sollte gegen Heimweh helfen und für eine gute Erinnerung an die Heimat sorgen.
Und in der Tat, schon von weitem sehen Lahrs Besucher*innen aus der Oberrheinischen Tiefebene kommend, zunächst den Lahrer Hausberg - den Schutterlindenberg. Als vorgelagerter Rebhügel mit seiner Baumkrone ist der Schutterlindenberg von weitem zu erkennen. Auch historisch sind die Einwohner*innen Lahrs mit dem Hausberg verbunden.


Bereits 1827 schrieb der Lahrer Amtmann Ferdinand Stein über den Lahrer Schutterlindenberg:

Die Umgebungen Lahrs bilden eine reitzende liebliche Landschaft, nicht unähnlich einer großen englischen Anlage, in der kleine- niedliche Thälchen und Vertiefungen mit angenehmen Höhen und Hügeln abwechseln, zwischen welchen freundliche Dörfer versteckt und da und dort Landhäuser und Mühlen zerstreut liegen. Das schöne Bild mit einem Blicke zu übersehen geben der Schutterlindenberg und der Altvater die besten Standpunkte. Auf dem erstern*) hat man rund um sich das herrlichste Panorama, welches die große belebte Ebene in sich schließt, die auf der Rückseite in länglichtem Halbzirkel von dem Rebgebürge mit hoch aufsteigenden Waldungen, von vornen aber durch den Rhein begränzt wird, oder sich in dunkler Ferne verliert, aus welcher der Riesenthurm des Straßburger Münsters hervorragt. Der Altvater bietet uns nur einen Theil dieser weiten Aussicht, aber in klarer Bestimmtheit breitet sich, in ein kleines Bild zusammengedrängt das ganze Schutterthal, die Stadt und die schönen Abbänge des Schutterlindenberges und Altvaters, zwischen welchen leztern Burgbeim unter Bäumen ruht, aus, und so schmücken diesen Punkt Reitze, die der Schutterlindenberg in solchem Grade nicht besizt.

Mit immer neuem Vergnügen und innerer freudiger Erhebung wird der Freund der Natur diese beiden Höhen besuchen, deren Besteigen nicht mühsam ist und nur durch die schlecht unterhaltenen Wege erschwert wird.

*) Sein höchster Punkt wird der Herrentisch genannt, weil nach der Sage im Jahre 1717 zur Feier des Reformationsfestes die Orte Lahr, Burgheim, Mietersheim, Dinglingen und Hugsweier dahin zogen und gemeinschaftlich das Abendmahl sich reichen ließen.

(Ferdinand Stein, Amtmann zu Lahr - Geschichte und Beschreibung der Stadt Lahr und ihrer Umgebung, 1827 - Seiten 122/123)

Schubertdenkmal:

Auf dem Gipfel des Schutterlindenberges befinden sich auch sowohl ein Gedenkstein als auch ein Pavillon mit der Büste des Lahrer Kaufmanns, Bürgermeisters, Handelskammerpräsidenten und Landtagsabgeordneten Wilhelm Schubert (1813 – 1893). Mit dem Stein wird er wie folgt geehrt: "Dem wackern, wahrhaft liberalen Volksfreunde", dem Förderer alles Guten, Wahren, Edlen und Schönen. Schubert zählt zu den bedeutendsten Republikanern seiner Stadt im Vormärz und während der Revolution 1848/49.


Baader, Emil: Die Schubert-Anlage auf dem Schutterlindenberg - (Der Altvater - Heimatblätter der Lahrer Zeitung, 3. Jahrgang, Folge 29, 18. Juli 1936, Seite 113-115)

Am 17. Juli d. J. waren 30 Jahre verflossen, seitdem auf dem Schutterlindenberg die Wilhelm-Schubert-Anlage, ein Aussichtspavillon und eine Schubertbüste, feierlich eingeweiht wurde. Herr Theodor Leser, Vorstand des Schillervereins (den Schubert begründet hatte), hielt dabei die Festrede. Stifter der ganzen Anlage war ein Sohn der Stadt Lahr, der Karlsruher Verleger Ferdinand Thiergarten. Die Schubert-Büste selbst schuf ein Stiefsohn Schuberts, Arnold Tschira. Neben den Linden und der Verfassungssäule (errichtet 1842) ist die Schubert-Anlage ein prachtvoller Schmuck des Schutterlindenbergs.

Wer war Wilhelm Schubert? Worin bestand seine Bedeutung. für Lahr? Die heutige Generation weiß wenig von ihm. 46 Jahre sind seit seinem Tode verflossen; nahezu 70 Jahre sind es her, seitdem er von Lahr nach Freiburg verzogen ist. So ist es wohl angebracht, daß der "Altvater", seinen Lesern das Lebensbild dieses wackeren Mannes wieder einmal vor Augen stellt. Jenes Denkmal muß uns ein lebendiges Mahnmal sein.

Im nahen Schuttern wurde Wilhelm Schubert am 16. Oktober 1813, dem Jahre deutscher Erhebung, geboren. Er war ein Müllerssohn; seine. Ahnen waren alle Müller gewesen. Die Urgroßeltern besaßen, wie Ferdinand Thiergarten in einer Festschrift mitteilt, die anläßlich der Denkmalsweihe erschien, eine Mühle am Main, unweit Würzburg, in Großlaugheim. Der Großvater Michael, der sehr wohlhabend war, erwarb sich eine Mühle in Ochsenfurt, dem altertümlichen Städtchen am Main. Eines Tages wurde diese Mühle vom Treibeis weggerissen. Michael Schubert verlor den größten Teil seiner Habe. Er war fortan nur noch Mühlenpächter. Wilhelm Schuberts Vater Ambrosius war ebenfalls Müller. Er gründete sich eine Heimat in unserer Ortenau. Im Jahre 1806, dem Jahre von Preußens Niedergang, verheiratete er sich mit der Müllerstochter Elisabeth Rubin von Hugsweier. Er pachtete zunächst eine Mühle bei Ottenheim, sodann die Klostermühle in Schuttern.

Der Kampf ums Dasein war schwer. Krieg war im Land. Die Klostermühle in Schuttern wurde in ein Lazarett verwandelt; kaum war für die Familie noch Platz zum wohnen. Wilhelm Schubert war erst ein halbes. Jahr alt, als die Eltern beschlossen, nach Lahr überzusiedeln. Die junge Mutter, die ohnehin kränklich war, bangte um ihr Leben. Die meisten Soldaten litten unter der sogenannten "russischen Krankheit", und Frau - Schubert fürchtete angesteckt zu werden. Ambrosius Schubert erwarb sich in der Roßgasse zu Lahr, in unmittelbarer Nähe des Vogtstorturmes, eine Oelmühle. Er setzte sich dafür ein, daß der Turm abgebrochen wurde. Zum Abbruch stiftete er 40 Gulden, da sein Haus durch den Turm zur Hälfte verborgen wurde. Ambrosius Schubert war ein fleißiger und sparsamer Mann. Trotz der schweren Zeiten gelang es ihm, sein Besitztum zu mehren und seinen Kindern eine gute Erziehung angedeihen zu lassen. Von seinen sechs Kindern starben freilich vier verhältnismäßig bald. Die Tochter Karoline heiratete den aus Tirol stammend Oelmüller Weschselbeger. Eine Enkelin derselben lebt heute noch in unserer Stadt; Frau Metzger (Burghardstraße), Witwe des Rechtsanwalts Eduard Metzger. In ihrem Besitz befindet sich ein handgezeichnetes Bildnis von Wilhelm Schuberts Schwester.

Wilhelm Schubert besuchte die Lahrer Volksschule, und vom 10. bis 14. Lebensjahr das Lahrer Pädagogium. Alsdann trat er bei der Zichorienfabrik Voelcker in die kaufmännische Lehre ein. In jungen Jahren schon erhielt der strebsame junge Kaufmann eine Buchhalterstelle in Marseille, ein Jahr darauf arbeitete er in Aix (bei Marseille) bei derselben Firma.

Mit 23 Jahren verheiratete er sich mit Maria Knöbel aus Freiburg. Er begründete ein Spezereigeschäft, dem seine Frau vorstand, während er bei der Firma Rauch 2 1/2 Jahre einen Reiseposten bekleidete. Durch Fleiß und Sparsamkeit kam Schubert allmählich zu Wohlstand, so daß er sich dem Engroßhandel zuwenden konnte. Er erfreute sich allgemeinen Ansehens.

Nun kamen die stürmischen Jahre 1848/49, in denen Wilhelm Schubert in Lahr eine bedeutende Rolle spielte. Er war ein Feuergeist; mit ganzer Seele stand er auf seiten der Revolutionäre, die sich für ein besseres, ein einiges Deutschland einsetzen. Er sollte es, wie so mancher, büßen müssen.

Von der provisorischen Regierung wurde er im Mai 1849 zum Zivilkommissar für den Bezirk Lahr eingesetzt. Diesen Posten hatte er aber nur kurze Zeit inne, da er alsbald zum Bürgermeister von Lahr gewählt wurde. In geheimer Wahl erhielt er von 660 Abstimmenden 640 Stimmen, was am besten für sein Ansehen in der Stadt zeugte. Ueber seine Erlebnisse im Revolutionsjahr hat uns Schubert Aufzeichnungen hinterlassen, die wir im Auszug wiedergeben möchten:

"Ich habe das Amt des Bürgermeisters im Geist einer neuen Ordnung der Dinge, aber mit aller Milde und Gerechtigkeit verwaltet und das Glück gehabt, beinahe alle und jede Gewalttat zu verhüten. Ich ging von dem Grundsatz aus, daß die Bewegung eine deutsch - vaterländische sei, und daß sie, ohne den Geist der Versöhnung und Mäßigung, mißlingen würde. Ich machte es mir zur Aufgabe, durch ein gutes Beispiel der Sache, welche ich vertrat, Ehre zu machen und ihr dadurch Freunde zu erwerben. Es konnte nicht fehlen, daß ein solches Verhalten die Ultraradikalen unbefriedigt ließ, und daß ich in Lagen geriet, welche gefahrdrohend waren.

Eine solche trat ein, als die Revolutionsarmee geschlagen und in völliger Flucht war. Auf diese Nachricht hin begab ich mich in die Nähe des Kriegsschauplatzes; ich suchte Mittel, das Lahrer Banner vom Verderben zu retten, wozu ich dadurch beitrug, daß ich dasselbe bewog, von Baden aus eine rückgängige Bewegung bis Steinbach zu machen und dadurch verhinderte, daß man diese Leute in die Festung Rastatt zog, wie beabsichtigt war. Allein dieser Schritt hatte wenige Tage nachher zur Folge, daß ich entfliehen mußte, da während meiner Abwesenheit in Lahr ein reaktionärer Anschlag (der Handstreich am Dinglinger Bahnhof) gemacht wurde. Ich floh am 30. Juni, morgens 6 Uhr, über Nonnenweier und Kappel nach dem Rhein, ließ mich übersetzen und kam nachmittags nach Straßburg, von wo aus ich sogleich dem Gemeinderat in Lahr meine Abdankung zuschickte. Acht Tage später rückten die Preußen in Lahr ein. Sogleich begannen die politischen Verfolgungen, und ich las alsbald meinen Namen unter den steckbrieflich Verfolgten. Fast zu gleicher Zeit vernahm ich von einem gegen mich eingeleiteten Zivilprozeß wegen (in meiner Abwesenheit) erpreßt wordenen Exekutionsgeldern, welcher Prozeß aber zu meinen Gunsten entschieden wurde.

Nach einem Aufenthalt von drei Wochen in Straßburg wurde ich von der auf die Flüchtlinge Jagd machenden französischen Polizei nach Schiltigheim getrieben, wo ich bis zum 5. Oktober blieb. Das Flüchtlingsleben war mir bald entleidet. Ich beschloß, mich zu stellen, koste es, was es wolle.

Bei Gerstheim setzte ich, von meinem Schwager Wechselberger begleitet, der mir bis dahin entgegenkam, über den Rhein und ließ mich bei eingetretener Nacht nach Ottenheim führen. Am andern Morgen zeigte ich dem Untersuchungsrichter Sachs meine Rückkehr an. Eine Stunde später wurde ich in das Amtsgefängins abgeführt. Nach Verlauf von 6 Wochen wurde ich gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt. Ich wartete auf mein Urteil. Es wurde erst am 23 April 1850 ausgesprochen und lautete auf zwei Jahre Zuchthaus nebst der Gesamtverbindlichkeit für die der Staatskasse aus der Revolution erwachsenen Kosten [sic!] Mein Rekurs gegen das Urteil schob den Strafvollzug auf; ich blieb bis auf weiteres auf freiem Fuß. Die Oberhofgerichtliche Entscheidung bestätigte im Februar 1851 das Urteil. Sie ließ mir nur den Gnadenweg offen, den ich meiner Familie wegen sofort betrat. Dieser Schritt hatte den Erfolg, daß ich zu einer halbjährigen Kreisgefängnisstrafe verurteilt wurde. Dieses unter damaligen. Umständen seltene Beispiel von Begnadigung verdankte ich der freundschaftlichen Verwendung des Kabinettssekretärs Adolf Hacker in Karlsruhe. Am 26. September 1851 trat ich meine Strafe an.

So rauh auch die Schule war, durch welche ich während der fast dreijährigen Dauer dieser Drangsale wandern mußte, so blieb mein Mut stets aufrecht, und ich klage weder meine Gegner, noch mein Schicksal an; ich danke vielmehr der Vorsehung, daß sie meinem Streben, meinem Volke nützlich zu sein, keine härtere Probe auferlegt hat."

Wie diese Aufzeichnungen, so geben auch die Briefe an seine Frau, die er während, der Mannheimer Haftzeit schrieb, Zeugnis von dem ungebeugten Mute dieses Mannes. Am 26. März 1852 wurde Schubert aus dem Gefängnis entlassen. Er kehrte nach Lahr zurück. Mit neuem Mute ging es an die Arbeit. Neben seinem Spezereigeschäft (Ecke Urteilsplatz und Adolf-Hitler-Straße) betrieb er fortan die Litzenschuhfabrikation. Mancher Familie bot er dadurch Verdienst. Ende der 1850er Jahre übernahm Schubert das Oehmdsche Anwesen an der Alleestraße (Essigfabrikation und Branntweinbrennerei).

Neben den wirtschaftlich-privaten Interessen pflegte er in gleicher Weise die geistigen und vaterländischen. Als am 10. November 1859 Schillers 100. Geburtstag gefeiert, und in Lahr die Schillerstraße eröffnet und eingeweiht wurde, wählte er die zahlreichen Schiller-Zitate aus, die an den Ehrenpforten und Transparenten in der Stadt zu lesen waren. Beim mächtig lodernden Freudenfeuer hielt er am Abend die Festrede auf dem Schutterlindenberg. 1863 hielt er ebenfalls auf dem Schutterlindenberg die Festrede aus Anlaß der 50jährigen Erinnerungsfeier der Völkerschlacht bei Leipzig. Seit Liebenstein hatte Lahr keinen solch mitreißenden Redner gehört, wie Wilhelm Schubert.

Schubert war es auch, der bald nach 1859 in Gemeinschaft mit einer Anzahl hochgesinnter Bürger den Lahrer Schillerverein und die Schillerbibliothek begründete. Mehrere Jahre war er Vorstand derselben. Durch die Gründung der Schillerbibliothek hat er sich ein besonderes Verdienst um Lahr erworben.

Im Jahre 1860 starb - erst 20jährig - Schuberts einziger, hoffnungsvoller Sohn, der als Kaufmann in Marseille tätig war.

In welch hohem Maße Schubert das Vertrauen der Lahrer Bürger besaß, beweist die Tatsache, daß er im Spätjahr 1863 als Landtagsabgeordneter in die Zweite badische Kammer gewählt wurde. Durch einen großen Fackelzug, der durch die Stadt nach der Alleestraße vor das Haus Schuberts zog, wurde Schubert gefeiert. Bereits im Mai 1864 sah er sich gezwungen, sein Mandat niederzulegen. Er hatte gemeinsam mit seinem Freunde Hacker in Marseille ein Zweighandelsgeschäft gegründet, das ihm lein Glück brachte. Um einen Konkurs dieses Geschäftes zu verhüten, mußte er sein großes Anwesen in der Alleestraße verkaufen. Lange fand er keinen Liebhaber. Die Zeiten waren nicht günstig. Endlich fand er einen Käufer in den Gebr. Kaufmann, Lithographische Kunstanstalt.

1867 siedelte Schubert nach Freiburg über, wo er vielseitig tätig war: als Sachverständiger in kaufmännischen Prozeß- und Gerichtsangelegenheiten, als Lehrer der Handelsschule bei der Handelskammer. Später erwarb er ein Branntweingeschäft am Münsterplatz. 1875 wurde er Mitbegründer des Freiburger Bismarckvereins, ein Beweis für sein stetes politisch-vaterländisches Interesse. Auch Lahr, das ihm Heimat gewesen war, vergaß er nicht. Als das Erste Deutsche Reichswaisenhaus am Pfingstmontag 1885 eröffnet wurde, erschien er als 72jähriger zum Feste. Er widmete dem neuen Haus ein begeistertes Festgedicht.

Im Jahre 1869 starb Schuberts Gattin, die mit ihm 30 Jahre Freud und Leid geteilt hatte. 1872 heiratete er Fräulein Rott aus Dinglingen, die aber nach wenigen Monaten einem Leberleiden erlag. Zwei Jahre darauf ging Schubert in eine dritte Ehe ein: Mit der Witwe seines Freundes Tschira, der in Hornberg eine Holzstoffabrik besaß. Sie brachte einen Sohn mit in die Ehe, jenen Arnold Tschira, der später die Büste Wilhelm Schuberts für den Pavillon auf dem Schutterlindenberg schuf. Obwohl Kaufmann von Beruf, zeigte er starke künstlerische Veranlagung.

Nahezu achtzigjährig starb Wilhelm Schubert am 1. Mai 1893. Es war ein reiches, faustisch-kämpferisches Leben. Das unruhvolle Blut der fränkischen Ahnen war in ihm lebendig. Schönster Zug seines Wesens aber war die Liebe zum deutschen Volk, zum deutschen Staat. In Friedrich Schiller und Otto von Bismarck sah er seine Ideale verkörpert.

So möge uns das Andenken on Wilhelm Schubert, der, wie Liebenstein, "an stolzen Hochfesten der Nation mit feurigem Wort einst die Herzen unserer Väter gerührt aus dem Schutterlindenberg" ehrwürdig sein allezeit.

Quellen: Ferdinand Thiergarten. Wilhelm Schubert. Kurzer Abriß seines Lebens und Wirkens. Karlsruhe 1906. Mündliche Mitteilungen von Frau Eduard Metzeger, Lahr

Verfassungssäule:

Zur Erinnerung an die 1. badische Verfassung von 1818 wurde am 22. August 1843 zu Ehren des 25-jährigen Bestehens von der Stadt Lahr auf dem Schutterlindenberg eine Säule aufgestellt. Diese wurde mit einer Verfassungsfeier eingeweiht. Die mit der Säule gewürdigte, von Karl Ludwig Friedrich (Baden), Großherzog von Baden, gebilligte Verfassung räumt einer badischen Volksvertretung ein Mitwirkungsrecht an Gesetzgebungsverfahren und an der Festsetzung von Steuern ein. Die Säule wurde 1945 durch amerikanischen Artilleriebeschuss beschädigt und 1962 durch die Stadt Lahr wieder aufgestellt. Die Restaurierung durch den Rotary-Club erfolgte anlässlich des 150-jährigen Jubiläums der Badischen Revolution von 1848. (wikipedia)

Ritter, Dr. Rudolf: Die Verfassungssäule auf dem Lahrer Schutterlindenberg (Geroldsecker Land, Heft 22 - 1980) Seite 178-180

Die badische Verfassung 1818-1904 (1918) - Aus Franz X. Vollmer "Vormärz und Revolution 1848/49" S. 30

"Der entscheidende Anstoß aber für die Einführung der badischen Verfassung scheint 1814/15 vom Reichsfreiherrn vom Stein gekommen zu sein, der damals im Dienste des russischen Zaren Alexander stand und nach Mitteln suchte, die Regierung des durch seine "Trägheit und Willkür" bekannten badischen Großherzogs Karl "zurechtzubiegen". Der russische Zar hatte seiner Gemahlin zuliebe, die eine Schwester des badischen Großherzogs Karl war, ein Interesse am Weiterbestand des Großherzogtums Baden. Zur inneren Festigung des wackligen Landes schien ihm eine Verfassung das rechte Mittel zu sein. Stein gelang es, dem Zarenpaar das klar zu machen, und dieses veranlaßte den badischen Großherzog, schon am 12. Januar 1815 in Wien zu verkünden: "Ich habe mich entschlossen, meinen Staaten eine landständische Verfassung zu geben." Zudem wurden wenig später die deutschen Bundesfürsten durch die Deutsche Bundesakte vom 8. Juni 1815 förmlich dazu verpflichtet, eine Volksvertretung zu gewähren, bestimmte doch der Artikel 13: "In allen Bundesstaaten wird eine landeständische Verfassung stattfinden."

Nach dem Wiener Kongreß hatte es der badische Großherzog mit seinem Versprechen nicht mehr sehr eilig. Doch einige hochgebildete, stark von Ideen der westeuropäischen Aufklärung geprägte Angehörige der obersten badischen Beamtenschicht wie der Freiherr von Reitzenstein und der Finanzrat Nebenius, der mehrere Jahre in Frankreich gelernt hatte, drängten auf die Verwirklichung.

Das von Nebenius ausgearbeitete Verfassungsdokument wurde schließlich dem bereits todkranken Großherzog Karl in Bad Griesbach zur Unterschrift vorgelegt. Nachdem endlich die Einwilligung des dahindämmernden Großherzogs erreicht war, konnte die Verfassung am 22. August 1818 verkündet werden."

So glorios war also die Geburt der badischen Verfassung nicht, wie der Jubel des badischen Volkes und auch der Lahrer vermuten lassen könnte. Immerhin erschien das Ereignis den Lahrern als ein Stück Morgenröte der Demokratie und damit wichtig genug, nach 25 Jahren dieser ersten Verfassung in deutschen Landen eine Gedenksäule zu errichten. Ein unbekannte Lahrerin hat dieses Fest miterlebt und einen handschriftlichen Bericht darüber, auf goldberandetem, mit farbigen Prägeblümchen geschmücktem Briefpapier fein-säuberlich geschrieben, hinterlassen, der hier veröffentlicht wird:

Am Montag Abend um 6 Uhr versammelte sich das Bürgermilitair und eine große Anzahl Bürger in und bei dem Rathaus; von da bewegte sich der Zug unter Begleitung von Musik und einer großen Volksmenge auf den Schutterlindenberg; dort angelangt wechselte Müitainnusik mit den Vorträgen des Sängervereins bis zum Anbruch der Nacht. Brennende Fackeln und himelhoch steigende Raketen erhellten den Versammlungsplatz der endlosen Menschenmaßen; ein Mitglied des Fest-Comites hielt eine Rede, durch welche die zum Andenken an das Fest auf dem Berge errichtete Säule ihre Weihe empfing. Den Schluß der Vorfeier machte das Auflodern eines großen Freudenfeuers. Dieses und die Flammen auf den benachbarten Berghöhen entzückten wunderbar das Auge der Zuschauer. Erst bei dem Erlöschen des Flamenkranzes zerstreuten sich die Verfaßungsfreunde. Der Festtag selbst wurde durch die Tag-Re-veille der Dragoner und die Musik des Jäger-Corps angekündigt; um 9 Uhr versamelten sich die Theilnehmer am Feste auf dem Rathhause. Der Zug bewegte sich hierauf in folgender Ordnung durch die mit Fahnen und Blumenkränzen geschmackvoll gezierte Marktstraße auf den Festplatz, eine Wiese außerhalb der Stadt! Voraus die Schulknaben, dann das Jäger-Corps, diesem folgte die Mitglieder des Fest-Comites, nach diesem die Dragoner, alsdann der Träger der Verfaßungs-Urkunde begleitet von 60 Jünglinge welche mit Schärpen geschmückt waren. Hinter diesen kamen die eigentlichen Festbesucher aus der Stadt und von dem Land. Als die ganze Versammlung auf dem Festplatze sich geordet und einige Vorträge der Militair-Musik und des Singvereins stattgefunden hatte, wurde ein Theil der Verfaßung vorgelesen, worauf dann der Bürgermeister und Deputirte der Stadt Lahr die Festrede hielt, welche allgemeinen Beifall erndete. Zum Schluße wurden 1000 Exemplare der Verfaßungs-Urkunde unentgeltlich unter die Festbesucher vertheilt. Nun begann das Festessen, während welchem mehrere Toaste ausgebracht wurden, in welche jedesmal die ganze große Volksversammlung laut jubelnd einstimmte. Auch nachher noch bis zum späten Abend war der Festplatz von Jung und Alt, Vornehm und Gering gedrängt besucht, und zur theilweisen Belustigung schwebten auf hohen Tannenstämen muntere Knaben, den Preis für die Geschicklichkeit im Klettern ein Sacktuch bald beinahe, bald wirklich erfaßend. Nach Sonnenuntergang begab man sich in die Stadt zurück. Wie freudig überraschten die vielen beleuchteten Häuser und die vielen Transparente mit ihren inhaltsreichen Worten! Die Musik durchzog die Straßen; beim Rathause branten viele Fakeln und ein großes bengalisches Feuer verbreitete seinen Tagesglanz und seine Pracht weit hin; die jubelnde Volksmenge wogte hin und her bis gegen die Mitternachtsstunde. Unter ungestörter Ruhe und Eintracht schloß das wichtige Verfaßungs-Fest das noch in späten Zeiten eine schöne Blume in dem Kranz unserer Erinnerungen sein wird.

Anmerkung der Schriftleitung: Die Fehler im Text sind im Original enthalten.

Den Besucher*innen des Schutterlindenbergs kann kaum entgehen, dass auch ein Teil des Wickertsheimer Wegs über den Lahrer Hausberg führt. Drei Tafeln mit Reproduktionen der Gemälde des Lahrer Künstlers Wilhelm Wickerts säumen den Weg.


Der Kunstrundweg entstand in Zusammenarbeit mit dem Schwarzwaldverein und der Stadt Lahr zu Ehren des Lahrer Heimatmalers Wilhelm Wickertsheimer.

Wegverlauf: Durch die historische Innenstadt von Lahr geht es hinauf zum Schutterlindenberg und über Burgheim zurück. Der Rundweg endet am denkmalgeschützten Café "Süßes Löchle", Friedrichstraße.
(Webseite Stadt Lahr - lahr.de)



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Mediathek Lahr


Kaiserstraße  41, 77933 Lahr/Schwarzwald

Mediathek Lahr - Das "Haus zum Pflug" geht in seinem Namen auf eine bereits 1748 gegründete Wirtschaft in der Kaiserstaße 41 in Lahr zurück Das "Haus zum Pflug" geht in seinem Namen auf eine bereits 1748 gegründete Wirtschaft in der Kaiserstaße 41 in Lahr zurück. Nach einem Brand 1853, welcher das Haus vollständig vernichtete, wurde das Haus von der "Casinogesellschaft", einer Lahrer Bürgergesellschaft wieder errichtet.

Später erwarb der Lahrer Kolonialwarenkaufmann Christian Wilhelm Jamm das Haus als Stadtvilla. Mit seiner umfangreichen Stiftung an die Stadt Lahr - darunter auch der heutige Stadtpark Lahr - überlies Jamm der Stadt auch seine Bibliothek mit der Auflage, eine öffentliche Bücherei / Bibliothek einzurichten.
Am 09.07.1877 konnte die Stadt Lahr ihre öffentliche Bücherei - Stadtbibliothek - eröffnen. Durch die immer umfangreicheren Angebote (Hörbücher, Videofilme, Magazine und Journale und vieles mehr) entwickelte sich die alte Stadtbibliothek zur "Mediathek" und wird seit Gründung des "Förderkreis Mediathek Lahr" auch allgemein als "Mediathek Lahr" bezeichnet.

Städtische Bibliothek

Der große Gönner Lahrs Christian Wilhelm Jamm, welchem die Lahrer "ihren Stadtpark" verdanken, ordnete in seinem Testament auch an, dass seine Privatbibliotek in eine Städtische Bibliothek umzuwandeln sei. Auch an den Ort der künftigen Bibliothek hatte er vorsorglich gedacht. Stand nach seinem Ableben doch sein Stadthaus, die ehemalige Wirtschaft "zum Pflug" zur Verfügung.

Dr. Hermann Wiedtemann: Zur Geschichte der Lahrer Stadtbibliothek  arrowRight

Die Städtische Bibliothek wies 1918 einen Bestand von mehr als 11.000 Werken aus. Das Angebot wurde leider in nur geringem Umfang angenommen. Waren die Lahrer zu Beginn des 19ten Jahrhunderts ein "lesefaules Völkchen", so hat sich dies mittlerweile gewaltig geändert.

1988 wurde das Haus zum Pflug unter Leitung der Lahrer Architektengruppe "Werkgruppe Lahr" modernisiert und bietet heute der "Mediathek Lahr" und der "Volkshochschule Lahr" genügend Raum für deren umfassende Angebote.

Max Roll über die Lahrer Casinogesellschaft  arrowRight

Bereits 1990 hatte die "Lahrer Stadtbibliothek" - welche nach Gründung des Förderkreis 1997 in "Mediathek Lahr" umbenannt wurde - über 50.000 Einheiten in ihrem Bestand. Seither hat sich dieser Bestand mit Medienangeboten (Hörbücher, Videofilme und viele Zeitungen, Journalen und selbstverständlich neuen Bucherscheinungen) stetig erweitert.

Auch das Interesse der einst "lesefaulen Lahrer" scheint permanent zuzunehmen. 2011 konnten über 220.000 Entleihungen verzeichnet werden.

Haus zum Pflug - Casino-Gesellschaft - Aufbau nach dem Brand - Dr. Rudolf Ritter: Lahrer Bürger in früheren Zeiten (Geroldsecker Land, Heft 21 - 1979) Seite 116 - 117

Das "Geroldsecker Land" pflegt sich Motiven aus dem Alt-Lahrer Bürgermilieu anzunehmen. In Heft 15 (S. 240 / 241) befaßte es sich unter dem Titel "Eine Lahrer Variante zu Rembrandts Nachtwache" mit dem Wandgemälde im Pavillon des einstigen Biergartens der Bergbrauerei Zahler, das den Stammtisch von 1888 festgehalten hat. In Heft 19 (S. 181 ff.) wird der "blaue Montag" der Lahrer Handwerksmeister um etwa 1890 mit der Frühschoppengruppe vor dem "Brünnle" gezeigt. Diesmal bringen wir ein Bild von den "Herren": Die Samstags-Kegelgesellschaft des "Casino" Lahr von etwa 1920.

Lahrer Casino GesellschaftDie "Casinogesellschaft" gründete sich am 29. März 1853 in einem "Casino" genannten Gebäude, das mit dem alten Gasthaus "zum Pflug" verbunden war (daher daneben das "Kleine Casino"). Der "Pflug" brannte am 2. März 1853 ab und wurde alsbald in seiner heutigen Gestalt wieder aufgebaut (Kaiserstr. 41). Von dort ab stand für Theateraufführungen, Bälle, Konzerte usw. der "Casino-Saal", unser heutiger Konzertsaal, zur Verfügung. Im "Pfluggarten", nach dem Spielgarten zu, baute die "Casinogesellschaft" lange vor dem Ersten Weltkrieg eine Kegelbahn.

Da die kegellustigen Casinogesellschaftsmitglieder sehr zahlreich waren, mußten die Kegelabende auf einzelne Wochentage verteilt werden. So entstand z. B. die "Montagkeglia", heute ein nur noch bescheidenes Rest-Häuflein einstiger Kegelherrlichkeit, und, hier auf dem Bilde der ernsten, würdigen Herren zu sehen, die "Samstags-Kegelgesellschaft".

Es sind von links nach rechts, sitzend: Fabrikant Massa, Oberamtmann a.D. Geheimrat Clemm, Prokurist bei Lotzbeck Gebr. Hauger, Fabrikant Marckwardt, Postdirektor Forster, Kaufmann Fritz Eichrodt, Sohn des Dichters Ludwig Eichrodt, genannt "s' Eichrodts-Fritz"; stehend: Medizinalrat Dr. Stengel, Amtsrichter Werle, Apotheker Julius Nessler, Notar Ertel, Oberamtsrichter Emele, Bankdirektor Bader, Forstmeister Kurz, Kaufmann Fossler.

Fast, so scheint es, ist der Frohsinn aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg aus den Mienen dieser Lahrer Bürger gewichen. Krieg, Inflation und Hungerzeit nach dem Krieg lassen die Fröhlichkeit vermissen, wie wir sie auf solchen Bildern aus alter Zeit gewohnt sind.


Mediathek Lahr - "Haus zum Pflug" - Kaiserstraße 41 - 77933
Lahr

telefon 07821 / 918-217
fax 07821 / 910-754 90

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Der Lahrer Storchenturm

Der Storchenturm ist der Rest einer, um 1218/20 von den Herren von Geroldseck, erbauten Tiefburg in der Lahrer SchutterniederungMarktstraße  45, 77933 Lahr/Schwarzwald

Als "Lusbub", wie man die kleinen Kerle in Lahr gelegentlich nennt (wahrscheinlich, weil sie ab und an Läuse aus Kindergarten und Schule mit nachhause brachten), war es eine Freude zur Fastnachtszeit vor dem Lahrer Storchenturm zu warten, bis sie endlich aus ihrem "Verließ" freigelassen wurden - die Lahrer Grusilochzottli.

Am "Schmutzig" (Fastnachtsdonnerstag auch schmutziger Donnerstag) war es jedes Jahr so weit. Die Sagen umwobenen schaurigen Gestalten, welche im Lahrer Gefängnis eingesperrt waren, wurden zur Fastnacht für einige Tage frei gelassen, um dann in der Stadt ihr Unwesen zu treiben.

Diesen Auszug aus dem Verließ durfte man als "Lusbub" nicht verpassen, denn dieser gehörte ja zum heimischen Brauch. Mit Streichen wollte man gar nicht erst auf die wilden Gesellen warten, die wurden bereits vor Freilassung der Grusilochzottli von den Lahrer Spitzbuben "gespielt".

Der eine hatte Juckpulver für die Besucher*innen besorgt und der andere hatte eine helle Freude daran, seine Mitbürger*innen mit aufgesparten Knallfröschen vom letzten Silvesterabend zu erschrecken.

Auch mit kleinem Getier wurde nicht zimperlich umgegangen. Hier einmal eine Maus zum "Maidli vergelschtere" (Mädels zu erschrecken), dort "ebbis Klitschigs zum ekle" (ein Ding mit glattfeuchter Haut) - eine Gröte oder ein Blindschleiche - die "Lusbube" gaben sich alle Mühe, um ihre Streiche auf's Beste anzubringen.

Und dann kamen sie aus ihrem Turm, die Lochzottli in ihrem braun-grünen "Häß" mit jeder Menge Schellen am Gewand.

Jetzt konnten die Unholde bis Fastnachtsdienstag ihr Unwesen treiben und dann hieß es für ein weiteres Jahr ab in's Loch - in das Gefängnis im Storchenturm.

Der reale Hintergrund - der Storchenturm war bis 1861 das Lahrer Stadtgefängnis

Der Storchenturm ist der Rest einer, um 1218/20 von den Herren von Geroldseck, erbauten Tiefburg in der Lahrer Schutterniederung.

Seine mächtigen Bossenquader in der Außenmauer, die noch zahlreiche Steinmetzzeichen aufweisen, dokumentieren die staufische Burgenbaukunst ihrer Zeit. König Friedrich II. hatte persönlich seine Erlaubnis zum Bau der Burg gegeben. Das ortsansässige Geschlecht der Geroldsecker war Eigentümer der Anlage. In ihrem Vorfeld ließen sich rasch Bauern und Handwerker nieder, deren Siedlung 1278 Stadtrecht erhielt. Ab dem 16.  Jahrhundert verfiel die Burg zusehends.

Mitte des 18. Jahrhunderts kaufte die Stadt Lahr das gesamte Areal, riss bis auf den Storchenturm alles ab und überbaute das ehemalige Burggelände. Bis 1861 diente der Storchenturm noch als herrschaftliches Gefängnis, heute ist er historisches Wahrzeichen der Schutterstadt. (Stadt Lahr - Webseite)

Karl List - Historiker Freiburg - Denkmalpflege BW arbeitete 1966 die Historie der Tiefburg Lahr - wovon "Unser Storchenturm nur eine Restruine ist" - ausführlich auf. Hier ein Auszug aus seiner Arbeit. Die gesamte Dokumentation können Sie unten bei der Seitenansicht downloaden.

Auszug Karl List:

Der 'Storchenturm' in Lahr, der Überrest eines mittelalterlichen Wasserschlosses, war nach der Zerstörung und der Auffüllung des Schloßgrabens im Laufe des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts zwischen Bürgerhäusern eingebaut worden. Lediglich von der Kreuzstraße aus war ersichtbar geblieben. Da geschah es, daß nach Abbruch des Eckhauses an der Marktstraße im Jahre 1936 der alte Turm der Bürgerschaft erneut in einer eindringlicheren Weise ins Bewußtsein gehoben wurde. Den alarmierenden Bemühungen des bekannten Malers und Heimatfreundes Wilhelm Wickertsheimer gelang es, die Wiederverbauung des Turmes zu verhindern und das bedeutende Baudenkmal nach drei Seiten hin frei zu halten. Seither ist die Ruine aus dem Lahrer Straßenbild nicht mehr fortzudenken. Jung und alt ist der Storchenturm vertraut, und das Interesse der Historiker ist seit langem rege und bemüht, seine Rätsel zu lösen.

Die Lahrer Tiefburg um 1240 nach Karl List - Seitenansicht
Tiefburg Lahr - "der Lahrer Storchenturm" B rechts
Dokumentation von Karl List downloaden download

Inzwischen wurde durch den Oberbürgermeister der Stadt, Dr. Brucker, dessen innere Bindung an die Geschichte der Stadt und ihre Überlieferungen sich für die historischen Zeugen segenswert auswirkt, das Freilichtmuseum im Schloßruinenwinkel durch ein kleines Museum im Turm selbst ergänzt und der Turm erstmals dem Publikum zugänglich gemacht. Dabei konnten auch einige notwendige Instandsetzungsarbeiten mit Hilfe des Staatlichen Amtes für Denkmalpflege vorgenommen werden. Eine weitere Maßnahme wurde der Ruine gerecht und diente ihrem Erscheinungsbild: Der Erholungsgarten des östlich anschließenden Altersheimes an der Außenseite der Ruine wurde neu angelegt. Als ein Baudenkmal erster Ordnung ist nun dieser Rest des einst mächtigen Schlosses in einen Zustand gebracht, der seine Erhaltung in der Zukunft sichert. Darüber hinaus ist durch die Stadtverwaltung auch die Ruine des westlichen Wehrgangtürmchens, das die Schloßanlage mit der späteren Stadtmauer verband, vor dem Abbruch bewahrt worden und in einen würdigen Stand versetzt.

Diese in den letzten Jahren erfolgten Maßnahmen gaben Anlaß und Gelegenheit, die Ruine in ihrer baugeschichtlichen Substanz zu untersuchen, wobei auch der Hintergrund des historischen Geschehens auszuleuchten war. Archäologische Aufschlüsse unterstützten dieses Vorhaben. Obwohl das dreizehnte Jahrhundert im hellen Licht der Geschichte zu stehen scheint, sind doch viele Ereignisse in Dunkel gehüllt und verborgen geblieben. Das gilt insbesondere für die Entstehungsgeschichte unserer meisten Burgen; von den erhaltenen Ruinen sind selten die Zeit der Erbauung und der Name des Gründers überliefert. Da dies sogar für bedeutende und noch heute umfangreiche Burgen zutrifft, darf es nicht verwundern, wenn wir auch über die Entstehung der Tiefburg in Lahr nichts Sicheres wissen. Urkundlich ist der Ort Lahr vor dem Jahre 1215 nicht bekannt. Das Geschlecht der Herren von Geroldseck in der Ortenau wird schon vor der Mitte des zwölften Jahrhunderts genannt, aber erst ein Jahrhundert später finden wir urkundlich die 'Herren von Geroldseck in Lahr'! Sie sind Verwandte der Herren von Diersburg. In den Jahrbüchern des Klosters St. Georgen lautet ein Eintrag für das Jahr 1250:

"In diesem Jahre wurde Herr Walter von Geroldseck in seiner Burg zu Lahr durch den Grafen Konrad zu Freiburg gefangen mit seinem Sohn"

Daraus wurde bisher geschlossen, daß Walter I, von Geroldseck die Burg in Lahr gebaut habe, heißt es doch: in seiner Burg? Daß er damals die Burg in Lahr erst gewaltsam übernommen habe, schließt der Eintrag in St. Georgen aus. Auch handelt es sich nicht um ein 'castro nuovo', was wohl angemerkt worden wäre, Es sind daher seit Jahren Zweifel daran laut geworden, ob Walter I. die Tiefburg Lahr auch erbaut habe. Bereits F. Stein bezweifelt dies in seiner Geschichte der Stadt Lahr®.
Tiefburg Lahr um 1240 - Zeichnung Karl List
Ungelöst ist auch die Frage, wie die Herren von Geroldseck in den Besitz des Raumes von Lahr gekommen sind. Einige Historiker nahmen an, Walter I. habe sich der Stadt bemächtigt®. Da aber die Stadt erst der Burg ihre Entstehung verdankt, brauchte sie nicht vom Herren der Burg erobert zu werden. Lahr ist zweifellos eine Gründung der Burgherren nach 1250. Die Burg selbst jedoch: was führte zu ihrer Gründung und wer ließ sie erbauen? Eine Überprüfung der urkundlichen Quellen könnte nur dann zur Klärung dieser Frage beitragen, wenn bisher unbeachtete Zeugnisse gefunden würden; damit kann jedoch nicht gerechnet werden. Eine gründliche Überprüfung der baugeschichtlichen Fakten in ihrem Zusammenhang mit anderen Bauten kann aber Beziehungen aufdecken, die einiges Licht auf unser Problem werfen. Dazu wird ein Blick auf die Machtverhältnisse in der Ortenau zwischen 1200 und 1250 deutlich machen, welche bisherigen Deutungen und Annahmen sich ausschließen und welche neuen Schlußfolgerungen sich notwendigerweise ergeben.

Als erstes empfiehlt sich die Befragung der Burg selbst. Die Bodenfunde bestätigen die aus alten Plänen bekannte, fast regelmäßig quadratische Anlage, deren Ecken durch starke Rundtürme gesichert sind. Im Schnittpunkt der Diagonalen erhob sich ein quadratischer Bergfried, der nur an Festigkeit, nicht aber an Höhe die Ecktürme übertraf. An der Ostmauer — flankiert von zwei der Ecktürme — lehnte sich der Pallas an. Wirtschaftsgebäude, Unterkünfte und Stallungen besetzten die Westseite. Ein ca. 28 m breiter Wassergraben umschloß das Ganze. Dieser Wassergraben besaß nicht eine einfache Uferböschung, sondern war durch eine gute Mauer aus Bossenquadern — gleich denen der Burg selbst — nach der Landseite hin gefestigt.

Die Planmäßigkeit der Anlage verrät eine Konzeption, die nicht durch geologische oder sonstige Gegebenheiten beeinflußt war; eine Idee lag dem Plan zugrunde und wurde in die Natur übertragen. Weiter, die Burg ist nicht gewachsen und nicht auf die Möglichkeit des Wachsens hin angelegt; sie hat in ihrer Anlage keine zeitlich getrennten Bauabschnitte.

An Klarheit und Strenge ist der Burgentyp, dem sie zugehört - was die in jener Zeit geforderte Abwehrkraft anbelangt -, nicht zu übertreffen. Dieser, einer geistigen Vorstellung entsprungene Burgentyp ist in Jahrtausenden verwirklicht worden, ähnliche quadratische Anlagen sind in Fülle bekannt. Sie bieten sich in der Ebene an und bringen in ihrer Geschlossenheit den Herrschaftswillen vollendet zum Ausdruck. Verraten, wie hier, zudem Schmuckformen von nicht alltäglicher Art den Repräsentationswillen des Erbauers, so dürfen wir diesen unter den hervorragenden Dynasten seiner Zeit suchen, Dies läßt sich zunächst aus der Gesamtanlage der Burg sicher folgern, ihre militärische Aufgabe sei später behandelt.

Typusverwandte Burgen in örtlicher und zeitlicher Nähe dürften zum Vergleich einiges beitragen. Wie Hieronymus Gebweiler im 16. Jahrhundert über die Hagenauer Kaiserpfalz berichtet, habe dieselbe vier Ecktürme und in der Mitte des Hofes einen Bergfried gehabt. Danach könnte diese Pfalz ein Vorbild für die Burg in Lahr gewesen sein, aber neuere Forschungen lassen erkennen, daß der Pfalz in Hagenau die RegelmäBigkeit fehlte, war sie doch aus älteren Anlagen erwachsen. Eine Anlage wie in Lahr findet sich in Babenhausen in Hessen: vier Ecktürme, in der Mitte der Bergfried. Ähnlich zeigten sich die Tiefburg zu Burgsinn in Franken, die Burg Neu-Leiningen und die Burg Heyden im Rheinland. Die äußerste Strenge in Plan und Aufbau zeigen alle die Burgen Kaiser Friedrich IL, Catania, Augusta, Bari, Syrakus und das oktogone Castel del Monte. Was bei diesen Burgen in großer Pracht und Mächtigkeit den imperialen Anspruch verrät, ist in Lahr sozusagen nur im Keime vorgebildet, auch in der Ausstattung nur als Abglanz zu finden, der auf Vasallen fällt. Doch spricht Graf Waldburg Wolfegg geradezu von einem hohenstaufischen 'Kaiserschloß' in Lahr.

Ganz in der Nähe Lahrs befindet sich eine Burg, der Burg Lahr verwandt: Dautenstein. Aber sie ist wohl auch in ihrer ursprünglichen Gestalt wesentlich schwächer als ihr Vorbild. Die Burg Schwanau am Rhein zeigt uns ein später Plan als regelmäßiges Vieleck wie Egisheim; es dürfie der alte Grundriß sein, der sich allein erhalten hatte. Danach wäre Schwanau auch eine staufische Anlage gewesen.

Der Flußlauf, der den Burggraben der Lahrer Burg mit Wasser speiste, ist künstlich angelegt und wird in alten Plänen Neu-Schutter genannt; es ist die heutige Mühlenschutter. Die Anlage der Wasserburg hat mit Sicherheit die Ableitung der Schutter erfordert. Der Platz 'Lare' bestand noch nicht als geschlossene Siedlung. Die Burg und der neue Wasserlauf bildeten den Kristallisationspunkt für die nun rasch wachsende Siedlung. Ihr Name fällt erstmals im Jahre 1215, als die Markgrafen Hermann und Friedrich von Baden ihren Lehensmann 'Heinricus de Lare' ermächtigen, ein Gut in Breitebnet an das Kloster Tennenbach zu verkaufen. Es darf angenommen werden, daß der Ritter Heinrich von Lahr nur eine kleine Burg hatte, auch müßte sie in der Talsohle gelegen sein, weil er sich von Lahr nennt. Daß er aber den Bergfried der Lahrer Tiefburg als Burg besessen haben könnte, was einst auch der Verfasser für möglich hielt, muß man ausscheiden. Denn auch der Bergfried ist mit der übrigen Burg in einem Zuge erbaut worden, der sehr hochgelegene Turmeingang war nur über eine Fallbrücke vom Pallas her erreichbar und hatte von Anfang an diesen Pallas zur Voraussetzung. Die Vermutung, daß ursprünglich ein tiefer gelegener Eingang vorhanden gewesen sein müßte, ist abwegig. Das kräftige Bossenmauerwerk würde die Zumauerung eines ehemaligen tieferen Einganges deutlich zu erkennen gegeben haben, als man im Jahre 1655 bei der Untersuchungdes Turmes mühsam einen tieferen Eingang durch das Mauerwerk brach, um die Schuttmassen herauszuschaffen. Der im Zentrum der Burg sich erhebende Turm ist ein typischer Bergfried und nie ein einzelstehender Wohnturm gewesen; ohne die ihn umgebende Burg war er nicht sinnvoll.

Bauphasen der Tiefburg Lahr

Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, Datenbank Bauforschung/Restaurierung Sog. Storchenturm:

1. Bauphase (1220):

Der Turm und die beiden Mauerabschnitte sind die einzigen obertätig verbliebenen Reste der ehemaligen Tiefburg (Wasserburg) der Herren von Geroldseck. Bei der dendrochronologisch auf die Jahre um 1220 datierten Burg handelte es sich um eine für die nordalpinen Reichsteile ungewöhnliche kastellartig, regelmäßige Anlage mit annähernd quadratischem Grundriss, vier kreisrunden Ecktürmen und einem zentralen, quadratischen Bergfried.

2. Bauphase (1677);

Die Lahrer Burganlage wurde im „Holländischen Krieg“ 1677 von französischen Truppen in Brand gesetzt.

3. Bauphase (1757 - 1862):

1757 wurde die Ruine an die Stadt verkauft. In den Folgejahren wurde die Burganlage sukzessive zu Gunsten einer Stadterweiterung abgetragen. Nur der nordöstliche Eckturm, der heute wegen der darauf nistenden Storche als „Storchenturm“ bekannt ist, blieb erhalten. Er diente als städtisches Gefängnis mit angeschlossener Folterkammer. Trotz der offensichtlich menschenunwürdigen Haftbedingungen in dem Turm wurde die Nutzung bis 1862 beibehalten.

4. Bauphase (1966):

Seit 1966 nimmt der Turm ein kleines Museum zur Geschichte der Geroldsecker Tiefburg auf.

5. Bauphase (2011 - 2016):

Aufgrund herabfallender Sandsteinteile und Risse im Mauerwerk wurde der Turm 2011 gesperrt und in den folgenden Jahren saniert und statisch gesichert. 2016 konnte das Museum wieder geöffnet werden.

Das Originaldokument des Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg können Sie hier download herunterladen.

Dr. Oskar Kohler berichtet 1974 im Altvater über die Gepflogenheiten mit Missetätern umzugehen und wie sie nach Aburteilung in das klägliche "Loch" gesperrt wurden:

Kohler, Dr. Oskar: Das Lahrer Stadtgefängnis im sogenannten Storchenturm - (Der Altvater - Beilage der "Lahrer Zeitung" für Heimatkunde und Kulturgeschichte, 32. Jahrgang, Nummer 20, 5. Oktober 1974 - Verantwortlicher Redakteur: Emil Ell, Seite 80)

Die mittelalterlichen Rechtsbräuche neigen zum sinnfälligen Bild. Die sträfliche Tat des Menschen war nicht dessen Einzelsache, sie berührte das Ganze der Gesellschaft und wurde dadurch zur öffentlichen Angelegenheit. Man stellte den Missetäter vor das Volk, zeigte ihn als warnendes Exempel, wollte das Besondere seiner Schuld deutlich machen und kam so zu kuriosen Strafen und seltsamen Kennzeichnungen, wodurch zugleich auch die Neugier und Schaulust der Menge befriedigt wurde. Das Verurteilen zum Prangerstehen, zum Tragen der Halsgeige, des Halseisens, des Lastersteines, das Aufbrennen des Schandmals und ähnliche Strafen gehören hierher. Den Lasterstein muß beispielsweise 1576 in Reichenbach bei Lahr ein Ehebrecher um die Kirche tragen, 1656 stellt man in Oberhausen Frauen wegen bestimmter Vergehen in die Halsgeige, und in Riegel wird um diese Zeit noch das "Drillhäuschen" angewendet.

Diese eigenartigen Rechts- und Strafbräuche verschwinden nach und nach im Laufe des 17. und 18. Jhs. Geldstrafe und Turmstrafe werden allgemein die gebräuchlichen Sühne- und Bußformen bei gewöhnlichen Ordnungswidrigkeiten und einfacheren Vergehen wie übler Nachrede, leichteren Diebstahlsdelikten, Körperverletzung beim Streit u. dgl. Die Verhandlung solcher Fälle erfolgte .vor dem Frevelgericht, zu dem der "Bott" den Betroffenen lud. Die Gerichtserkenntnisse wurden ins sog. Frevelbuch eingetragen. Die Frevelgerichte wurden gewöhnlich zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst, abgehalten unter Vorsitz des Vogtes und der Gerichtsleute, des Kirchenpflegers und des Umgelders als Beisitzer.

Häufiger tagten die Gemeindegerichte. Diese befaßten sich mit Zivilsachen und einfachen Ordnungswidrigkeiten. Nach der aus dem 16. Jh. stammenden Kenzinger Stadtordnung sollte der Schultheiß das Ortsgericht etwa alle 4 Wochen zusammenrufen.

Wir stellten bereits fest, daß im Laufe des 17. Jhs. Geldstrafen und Turmstrafe (Gefängnis) als Sühne für Ordrnungswidrigkeiten und einfache Vergehen allgemein gebräuchlich wurden. Dabei stellte die Turmstrafe bei dem damaligen Zustand der Gefängnisse schon eine recht harte Strafe dar. Die Gefängnisräume waren eng, Licht kam meist nur durch ein Mauerloch oder ein vergittertes Fensterchen herein, und die Schlafgelegenheiten waren mehr als primitiv.

Ein anschauliches Bild dieser Verhältnisse gibt ein aus dem Ende des 18. Jhs. stammender Bericht über das Lahrer Stadtgefängnis, das im letzten der alten Schloßtürme, dem sog. Storchenturm, untergebracht war. In diesem Bericht heißt es u. a.:

"Sechs Schuh dicke Mauern, unten und oben ein steinernes Gewölbe, umschließen dieses Gefängnis. Eine ganz schmale Öffnung von ungefähr 3-4 Zoll breit und ungefähr 1 1/2 Schuh hoch ist in der Mauer, durch welches ein Rohr aus dem im Gefängnis stehenden Ofen zieht, um den Rauch abzuführen.

Der Boden ist nicht eben, sondern die Steine, so das Gewölbe schließen, formieren nach ihrer rauhen und höckerigen Lage, die sie von Anfang erhalten haben, den Boden, auf welchem der Gefangene liegen muß." Ein solcher Strafvollzug überschritt offenbar das erträgliche Maß. Kein Wunder, wenn die Gefangenen immer wieder den Versuch machten, zu "echappieren" und "das Ausreißen zu ergreifen".

Im übrigen ist es bei den kleinstaatlichen Verhältnissen verständlich, wenn es für die Bemessung der Strafe im Verhältnis zur Tat keine einheitlichen Richtlinien gab. Das Strafmaß wurde nach Präzedenzfällen und nach Vergleich mit anderorts geübtem Brauch bestimmt. Die Kenzinger Stadtordnung bedrohte den gewohnheitsmäßigen Trinker mit Turmstrafe, im Geroldseckischen schritt man in derlei Fällen zur Ausweisung. Ein Getreidediebstahl der Zehntdrescher zu Riegel wurde gegen Ende des 18. Jhs. mit 13 Wochen Arbeitshaus und Ersatz der gestohlenen Frucht bestraft. Ein übereilt abgegebener Schuß brachte damals dem Förster von Kappel 6 Wochen peinliches Gefängnis ein, und Joseph Götz aus Nordweil büßte seine verschiedenen Diebstahlsdelikte samt Ausbruch aus dem Ortsgefängnis mit einem halben Jahr Zucht- und Arbeitshaus in Ludwigsburg.

Kapitalverbrechen wie Mord, Totschlag, Aufruhr unterstanden der Gerichtsbarkeit des Gebietsherrn. Diese sog. hohe Gerichtsbarkeit wurde als wesentlicher Bestandteil der Gebietshoheit (jus territorii) aufgefaßt und mit allen Mitteln verteidigt. Die Auseinandersetzung darüber führte nicht selten zu zwischenstaatlichen Verwicklungen. So, als 1724 bei einem Streit zwischen Hirten ein Wallburger Weidbub einen ändern, aus Altdorf stammenden Weidbub, mit einem Geißelstock erschlug. Die Aburteilung des Delinquenten machten Baden-Durlach und Nassau als Herren von Lahr dem Abt von Ettenheimmünster streitig, was zur Folge hatte, daß man sich gegenseitig mit Gewalt den Täter abzujagen suchte.

Eine ergiebige Quelle für die Rechtsprechung im 18. Jh. sind die Gerichtsverhandlungen, mit denen die sog. Schütterer Rebellion, ein Aufstand der Ortsbewohner gegen ihren Herrn, den Prälaten des dortigen Klosters, abgeschlossen wurden (1743 / 44). Dieser Aufstand hatte sich am Kampf um die Waldrechte entzündet und zu einem wilden Aufruhr ausgeartet, der sich in Schlägereien, körperlicher Bedrohung des Prälaten und der Klosterbeamten austobte und zuletzt auch einen Ermordeten als Opfer forderte. Österreichisches Militär rückte schließlich in den Ort ein und stellte die Ruhe wieder her. Den Rädelsführern des Aufstandes wurde am Schluß der Prozeß gemacht. Es gab Gefängnis, Verurteilung zu Schellenwerk (Zwangsarbeit), Landesverweis und für die Hauptschuldigen Galeerenstrafe.

Die Urteilsverkündung wurde als feierlicher Akt öffentlich vorgenommen. Unter Glockengeläut bewegte sich der Zug mit den Verurteilten nach dem Platz vor der Gemeindestube. Die Namen der Schuldigen wurden verlesen und die über den einzelnen verhängte Strafe öffentlich verkündet.

Ein Schauspiel besonderer Art war der Urteilsvollzug an einem der Haupträdelsführer namens Jakob Schoderer. Ihm war es gelungen, sich durch Flucht der Exekution zu entziehen, und da man ihn nicht körperlich zur Stelle hatte, vollzog man das Urteil "in effigie", d. h. in symbolischer Weise. Den Vorgang schildert der alte Bericht wie folgt:

"An dem zur Exekution angesetzten Tag wurde erstlichen das mit des Jakob Schoderers eigenen Kleidern angefertigte und ausgeführte Bildnis mit einem auf der Brust 'Jakob Schoderer' überschriebenen Zettel, so recht scheußlich anzusehen gewesen und bei denen Gemeindeleuten wie auch bei der um die Gemeindestuben, wo die Exekution vorgenommen wurde, häufig versammelten Jugend eine größere Impression und Schrecken als dessen persönliche Gegenwart verursacht, eine Stund lang an den Pranger gestellt und dann ... durch den ermelten Scharfrichter ad limites geführt."

Dies dürfte eine der letzten Vorführungen des höchst altertümlich anmutenden Rechtsbrauches der "Verurteilung in effigie" in unserer Gegend gewesen sein.

Altertümlich mutet auch die von den Verurteilten verlangte Unterzeichnung eines sog. Urfehdeschwurs an. Dieser aus germanischen Rechtsvorstellungen stammende Brauch, mit dem das Ende einer Fehde besiegelt wurde, war schließlich zu einem Mittel geworden, das den Richter vor der Rache der Verurteilten schützen sollte.

Das im Prozeß gegen die Schütterer Rebellen angewandte Verfahren war das in solchen Fällen übliche. Die Beschuldigten wurden einzeln verhört, und ihre Aussagen wurden schriftlich festgehalten. Durch Vergleich dieser Aussagen suchte das Gericht die Schwere der Schuld zu bestimmen und die angemessene Strafe festzulegen. Eine körperliche Einwirkung auf die Angeklagten, um ein Geständnis zu erzwingen, scheint nicht angewendet worden zu sein. Es wurden auch Zeugen hinzugezogen, darunter mehrere Frauen. Zur Verbüßung ihrer Strafe wurden die Verurteilten nach Freiburg, einige nach Innsbruck geschafft. Man schickte damals in unserer Gegend Verurteilte auch in die Zucht- und Arbeitshäuser von Breisach und Straßburg.

Gegen Ende des Jahrhunderts machte sich das Bestreben, den Strafvollzug humaner zu gestalten, stärker geltend. Es ging dabei vor allem um die Verbesserung der Zustände in den Gefängnissen. Eine zu diesem Zweck vorgenommene Untersuchung brachte die üblen Verhältnisse in den meisten Strafanstalten deutlich ans Licht. Der mit der Besichtigung des Lahrer Stadtgefängnisses beauftragte Dr. Vogel faßte das Ergebnis seiner Untersuchung in dem Satz zusammen: "Solche Gefängnisse widersprechen der Menschlichkeit und können allenfalls nur denen zuerkannt werden, welche auf Tod und Leben oder wegen ungeheuerer Verbrechen sitzen." Er verlangte dringend Maßnahmen zur Behebung der ärgsten Mißstände.

Einer grundlegenden Änderung der Verhältnisse standen die Partikularrechte der Kleinherrschaften hindernd im Weg. Erst die Bildung eines größeren Staates schuf die Voraussetzung für ein einheitliches Rechtswesen, wie es dann für das Großherzogtum Baden auf der Grundlage des Code Napoleon geschaffen wurde.

Öffnungszeiten Museum im Storchenturm

Der Storchenturm in der Innenstadt ist der Rest einer um 1220 erbauten Tiefburg der Geroldsecker. Er ist der Kristallisationskern der Siedlung Lahr und gleichzeitig das Wahrzeichen der Stadt.

Der Storchenturm ist kostenfrei zugänglich.
Die Saison beginnt dieses Jahr am Samstag, 06. Juni 2020.
blueCircle Öffnungszeiten: Freitag bis Sonntag von 15:00 bis 18:00 Uhr
blueCircle Saisonende: im September

Stadtmuseum Lahr

Kreuzstraße 6
77933 Lahr

telefon 07821 / 910-0410
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Büchsenmacherei & Bierablage


Kaiserstraße 86 / Geigerstraße 1/1 - 1/3 in Lahr Kaiserstrasse Ecke Geigerstraße Lahr - Seit 15 Jahren wohnt der Ortenauer - Michael Holger an dieser Adresse - zusammen mit 13 weiteren Familien


Seit 15 Jahren wohnt der Ortenauer "auf dieser Ecke" zusammen mit 13 weiteren Familien und 15 Jahre sollte es dauern, bis geklärt wurde, wie dieses wunderliche Bauwerk zu seiner Errichtung kam.

Ein "älterer" Nachbar erzählte von einer ehemaligen Waffenfabrik und dies wollte nicht recht in die vorhandene Architektur passen. Ganz Unrecht sollte dieser Nachbar allerdings nicht haben, wie sich herausstellte.

Dank Informationen aus dem Lahrer Stadtarchiv (Frau Elise Voerkel, Herrn Thorsten Mietzner), der historischen Datenbank von Herrn Dr. Jörg Sieger sowie eigener Recherchen kam nun langsam "Licht ins Dunkel".

Auf dem Grundstück stand dereinst - vermutlich seit den 30er Jahren des 19ten Jahrhunderts - eine Waffenschmiede vom stolzen Besitzer, über den weiter unten berichtet wird, als "Fabrik" ausgewiesen ("Die erste gesicherte Auskunft über eine Wohnung findet sich im Feuerversicherungsbuch der Jahre 1841 /43") - daher offensichtlich die "Mär" von der Waffenfabrik.

Nachdem unser "Waffenfabrikant" bzw. dessen Erben das Anwesen 1894 an die Brauereigesellschaft Meyer & Söhne aus Riegel am Kaiserstuhl veräussert hatten, fand die Waffenfabrikation ein rasches Ende. Ab 1896 wurde in den Gebäulichkeiten "Bier gelagert", wie Mechthild Michels uns nunmehr berichtet.

Mechthild Michels: Die Bierablagen der Riegeler Brauerei in Ettenheim und Lahr (Geroldsecker Land, Heft 38 - 1996) Seiten 176 - 184

Die sogenannten Meyerhöfe und Bierablagen

Spätestens seit dem Bau der Kaiserstuhlbahn 1894, als die Riegeler Brauerei einen eigenen Anschluß erhielt, wurden in Baden und im Elsaß zahlreiche Bierablagen errichtet. Die Gebäude befinden sich überwiegend in der Nähe des Bahnhofs bzw. der Gleise. Dies ist Hinweis dafür, daß der Eisenbahn beim Biertransport der Vorrang eingeräumt wurde. Dazu wurden natürlich Keller für die Kühlelagerung benötigt, die neben dem Eiskeller lagen. Anfangs wurde auch in den Bierablagen das Bier offen, d.h. auch in Krügen, verkauft. Später wurden hier die ersten Flaschenabfüllungen vorgenommen.

Oftmals wurde für den Neubau einer Bierablage ein Eckgrundstück gewählt, so daß zwei Ansichtsseiten gestaltet werden konnten. Auch für eine geregelte Ab- und Anfahrt war diese Lage vorteilhaft. Die Gebäude waren nicht nur reine Zweckbauten, sondern hatten auch repräsentativen Charakter. Im Zeitalter des Historismus sind die Neugotik und der Neubarock vertreten. Für die Entwürfe wurden namhafte Architekten der damaligen Zeit engagiert, z. B. Max Meckel oder Prof. Carl Schäfer. 1903 stellte die Brauereidirektion Julius von der Ohe ein, ein Schäferschüler, der bis zu seiner Pensionierung in der Brauerei arbeitete. Auch bei den Entwürfen von Riegeler Kommunalbauten hat er seine Spuren hinterlassen.

Die Bierablage in Ettenheim

An der Ecke Johann Baptist von Weiß-Straße / Luisenstraße in Ettenheim steht imposant die Ettenheimer Bierablage, etwa 50 Meter südöstlich des Bahnhofsgebäudes. Die Baupläne fertigte der Erzbischöfl. Baudirektor Max Meckel im Januar und März 1899.(20) Die Luisenstraße war zu diesem Zeitpunkt noch in Planung. Dem Wohnhaus schloß sich nach Nordosten der Schwankraum, der Bier- und der Eiskeller an. Im Nordwesten befand sich die Stallung. An der gegenüberliegenden Hofseite lag ein weiterer Eiskeller, ein Wagenschopf und daneben die Waschküche. Die einzelnen Gebäude umschließen an drei Seiten einen langgestreckten Hof. Die Gebäudeteile sind optisch gut miteinander verbunden. Der östliche Eiskeller hat einen Glockenturm bzw. Dachreiter und ähnelt damit einer Kapelle. Diese Dachreiter sind im übrigen ein Markenzeichen für die Gebäude der Riegeler Brauerei.(21) Das gesamte Anwesen gleicht einer herrschaftlichen Hofanlage. Die Mauern sind aus Stein massiv gemauert, nur Teile des Eiskellers zum Hof sind in Fachwerk gehalten. Auf den Plänen von Max Meckel vom Januar 1899 ist zu erkennen, daß auch das Wohnhaus in Richtung Hofseite im Dachgeschoß mit Fachwerk konzipiert war. Dies wurde offensichtlich nicht realisiert. Die Fenster- und Türlaibungen sind mit profilierten Sandsteingewänden eingefaßt. Die neugotischen Elemente werden auch an den Staffelgiebeln sichtbar, die das Wohnhaus nach Norden und die Pferdestallung nach Westen abschließen.

Im Mai 1931 wurde im Wohnhaus eine Dachgaube eingebaut. Gleichzeitig wurde der Antrag zur Errichtung einer Autohalle gestellt.(22) Trotz Einwilligung der Nachbarin Marie Müller erfolgte am 27. Febr. 1933 die Mitteilung, daß die Wagenhalle nicht erstellt werde.

1962 wurde eine Zentralheizung installiert.(23) Die Funktion als Bierablage endete 1983. Der Komplex befindet sich heute in Privatbesitz der Familie Bührer und hat den Charakter eines Kulturdenkmals.

Die Bierablage in Lahr

In der heutigen Kaiserstraße 86, Lahr, steht die ehemalige Bierablage der Riegeler Brauerei.In der heutigen Kaiserstraße 86, Lahr, steht die ehemalige Bierablage der Riegeler Brauerei.(24) Als die Brauereidirektion 1894 von dem Büchsenmacher Heinrich Schneevoigt das Anwesen erwarb, waren ein 1875 / 76 erbautes Wohnhaus mit Dachzimmer und gewölbtem Keller sowie ein Gartenhaus vorhanden.(25) 1878 hatte der Besitzer eine alte Holzremise abgebrochen und stattdessen eine neue Holzremise mit einer Schmiedewerkstätte zugefügt.

Die ersten nicht ausgeführten Baupläne, die der Lahrer Architekt Hermann Müller entwarf, datieren vom 8. Okt. und 7. Nov. 1894. Sie zeigen die Ansicht "Dreyspringstraße".(26) Weitere Pläne datieren vom 22. August 1895.(27) Sie wurden ebenfalls nicht realisiert. Danach wurde Professor Carl Schäfer mit dem Planentwurf beauftragt.(28) Am 28. Mai 1896 legte die Brauereigesellschaft Meyer & Söhne die Pläne für die geplante und vier Wochen später genehmigte Baumaßnahme vor.(29)

Neu waren die für eine funktionierende Bierablage benötigten Räume: ein Bierkeller mit auf Eisenschienen gewölbtem Keller, einen Schwenk- und Abfüllraum, ein Comptoir und einen Stall mit Vorplatz. Die Bauleitung vor Ort hatte der Lahrer Architekt Hermann Müller. Auch hier wurde ein Eckgrundstück bebaut, d.h. es gibt zwei Ansichtsseiten. So konnte ein Gebäude mit repräsentativem Charakter verwirklicht werden. Die einzelnen Gebäude gruppieren sich um einen Innenhof.

1910/11 wurde die Bierablage nach den Plänen des Brauereiarchitekten Julius von der Ohe vergrößert, und zwar durch die Aufstockung des Wohnhauses.(30) Am 1. Januar 1912 waren ein zweistöckiges Wohnhaus, ein zweistöckiges Wohnhaus mit Durchfahrt, ein zweistöckiges Eishaus, ein einstöckiger Bierkeller und Abfüllraum sowie der einstöckige Pferdestall, das Kontor und der Vorplatz vorhanden.(31)

Das hintere Wohngebäude war um eine Wohnung aufgestockt worden. Alle Gebäude sind massiv aus Stein gemauert. Lediglich der Wagenschopf, das Geflügelhaus und der Abort waren aus Holz. 1932 wurde der Garten umfriedet, 1937 eine Autohalle angebaut und im Dezember 1965 die Rampe erneuert. Seit November 1978 ist die Funktion als Bierablage beendet.

Nach dem Erwerb der Wirtschaft "Zum Adler" in Lörrach und deren Umbau in die Gaststätte "Zum Meyerhof" war der Lahrer Komplex die zweite Ablage der Riegeler Brauerei. Im Zeitalter des Historismus wurden hier verstärkt gotische Elemente aufgegriffen. Dies zeigt sich an den Fensterprofilen, an den geschnitzten Balken und Balustern. Der für die Riegeler brauereieigenen Gebäude typische Glockenturm fehlt auch hier nicht. Der Turm kennzeichnet die Einfahrt, die sich als rundbogige Durchfahrt im Erdgeschoß des Turmes befindet. Der Zahnschnitt des Torbogens ist ein weiteres historisierendes Element. Die Lahrer Bierablage ist eines der frühen Beispiele der Repräsentationsbauten der Riegeler Brauerei.

Anmerkungen:

20.) Planarchiv der Riegeler Brauerei.  
21.) Ein Dachreiter ist auf dem Brauereigebäude in Riegel, dem Stammhaus, der Friedhofskapelle sowie bei allen Meyerhöfen zu sehen.  
22.) Stadtarchiv Ettenheim, Akte 71134, 1931 - 1986.  
23.) Der Antrag wurde am 28. Febr. 1962 eingereicht für das Wohn- und Geschäftshaus des Fritz Bührer, Riegeler Bierablage (Stadtarchiv Ettenheim).  
24.) 1983 wurde der geplante Teilabriß vom Landesdenkmalamt abgelehnt. Akten des LDA, Außenstelle Freiburg, Bericht Leo Schmidt vom 17. Mai 1983. Vgl. Geschichten rund ums Bier. Zeitungsartikel von Marius Alexander. In: BZ, Ausgabe Lahr, vom 18. Februar 1984.  
25.) Diese Angaben wurden dem Feuerversicherungsbuch der Stadt Lahr entnommen.  
26.) Planarchiv der Riegeler Brauerei. Undatierter Plan im Stadtarchiv Lahr, Bauakten.  
27.) Stadtarchiv Lahr, Bauakten.  
28.) In: "Lahr um 1900". Bauten und Baumeister, Architekturzeichnungen, hg. Kulturkreis Lahr (1987), S. 32.  
29.) Bauakten im Stadtarchiv Lahr. Die Pläne hat der Lahrer Architekt Hermann Müller gekennzeichnet.  
30.) Planarchiv der Riegeler Brauerei und Bauakten im Stadtarchiv Lahr. Im Feuerversicherungsbuch werden auf S. 131 als Zugang am 16. Juni 1911 verzeichnet: Wohnhaus mit zwei Stockwerken, Hinterbau mit Wohnung, zwei Stockwerke und einstöckiger Schöpf. Laut Feuerversicherungsbuch der Stadt Lahr.  
31.) Laut Feuerversicherungsbuch der Stadt Lahr.  

Literaturauswahl:

Mend, Karin: Architektur als Markenzeichen. Die Bauten der Riegeler Brauerei zwischen 1902 und 1912. Ungedruckte Magisterarbeit der Universität Freiburg 1987. Die Autorin stellte freundlicherweise ihre Arbeit zur Verfügung.
Meyer, Richard: Von der ehemaligen Riegeler Gemeindestube und den Anfangszeiten der späteren Großbrauerei Meyer & Söhne. 1951.
Meyer, Richard: 130 Jahre Riegeler Bier. In: Der Kaiserstühler v. 18. September 1952.
Michels, Mechthild: Die Geschichte der Riegeler Brauereien und Gaststätten. In: 's Eige zeige 7, 1993, S. 109 - 136.
Michels, Mechthild: Die Riegeler Brauerei. In: Jahrbuch 1993, S. 96 - 103. Gesellschaft für die Geschichte und Bibliographie des Brauwesens e. V., Berlin 1993.
Ohe, Julius von der: Einige Bauten in Riegel in Baden. In: Der Profanbau 7,1911, S. 279 - 302. Schaefer, Ernst Ludwig: Familien Meyer in Riegel. Freiburg 1946. Masch. schriftl. Exemplar im Besitz der Riegeler Brauerei. Brauereidirektor Michael Stumpf-Rodenstock stellte das Werk freundlicherweise für die Forschungen zur Verfügung.
Stumpf, Wilhelm: Zur Geschichte der Brauerei. In: Dritter Almanach Riegel 1993, S. 20 - 24.


Über den ersten Erbauer des Anwesens Kaiserstraße / Geigerstraße - den "Waffenfabrikanten" Heinrich Schneevoigt - berichtet Norbert Möller in seinen Studien zu seiner Magisterarbeit über "Lahrer Handwerker in den 30er und 40er Jahren des 19. Jahrhunderts".

Ein Holsteiner macht Karriere in Lahr - Zugleich Einblicke in das Schützenwesen des 19. Jahrhunderts - Geroldsecker Land  (Heft 39 - 1997)

"Er ward geboren, nahm ein Weib, und starb. Kaum mehr als dieses wissen wir von den meisten, die vor uns waren."(1) Diese Aussage eines bekannten zeitgenössischen Historikers könnte die Beschäftigung mit den "kleinen Leuten" früherer Zeiten als hoffnungsloses Unternehmen erscheinen lassen, und doch läßt sich der Trend von Historikerinnen und Historikern in die Region nicht übersehen. Bei der Materialsammlung zu einer Magisterarbeit über Lahrer Handwerker in den 30er und 40er Jahren des 19. Jahrhunderts stieß der Verfasser in den Akten des Lahrer Stadtarchivs und anderswo immer wieder auf verstreute Angaben, die hinter den nackten Zahlen auch individuelle Lebensläufe erkennen lassen. Einzelne Menschen treten so aus der anonymen Masse heraus und sind dann nicht mehr nur ein Beispiel, mit dem sich das Schicksal vieler anderer illustrieren ließe. Sie alle haben vielmehr gelebt, gelitten, gearbeitet oder auch im vorgegebenen Rahmen politisiert und verdienen durchaus einen kurzen Blick der nachfolgenden Generationen. So soll im Folgenden der Lebensweg eines Mannes nachgezeichnet werden, der (wie der Autor dieser Zeilen) im Holsteinischen, rund 800 Kilometer nördlich des Geroldsecker Landes zur Welt kam. Hierzu werden Genealogie, Werkstattwelt und lokale Aktivitäten des Zuwanderers dargestellt.

Trauung, Taufen, Todesfälle

In der 50 Kilometer nordwestlich von Hamburg gelegenen Kleinstadt Itzehoe wurde Ende 1803 Christoph Heinrich Schneevoigt als Sohn des Büchsenmachers Otto Heinrich Schneevoigt und dessen Frau Katharina Elisabeth geboren. Zu Beginn der 1830er Jahre ließ sich der Endzwanziger in Lahr nieder, und zwar nicht als Angehöriger der eigentlich für kleinere Metallhandwerke zuständigen Zunft(2), sondern als "Gewehrfabrikant", wie den Steuerlisten und Wählerverzeichnissen durchgängig zu entnehmen ist. Auch die Wahl der Ehefrau widersprach den überkommenen Ehrvorstellungen des zünftigen Handwerks: Kurz vor dem Weihnachtsfest des Jahres 1831 trat der 28jährige Schneevoigt mit der erst sechzehnjährigen Elisabeth Voßler, einer außerehelich geborenen Mietersheimerin, vor den Traualtar der städtischen Pfarrkirche. Im März des Jahres 1833 kam das erste von insgesamt vier Kindern der Eheleute zur Welt, eine Tochter, welche auf den Namen Lisette Henriette getauft wurde. Am 5. Juni 1836 folgte Karoline Emilie; und am 27. Dezember 1841 bzw. 2. Februar 1846 schenkte Elisabeth Schneevoigt den Söhnen Otto Karl Heinrich und Heinrich Eduard das Leben. Den Eltern dieser vier Kinder war ein für damalige Verhältnisse ungewöhnlich langer gemeinsamer Lebensweg beschieden: Unser Protagonist starb im Februar 1878 im 75ten Lebensjahr; etwas mehr als drei Jahre später folgte seine Frau, nachdem bereits 1879 auch die unverheiratet gebliebene Tochter Karoline Emilie gestorben war.(3)

Die Aufzählung der verschiedenen Taufen veranlaßt zu der Frage, wo solche Feiern zu begehen waren. Die erste gesicherte Auskunft über eine Wohnung findet sich im Feuerversicherungsbuch der Jahre 1841 / 43. Hier wird Schneevoigt als Eigentümer eines aus Ziegel und Stein erbauten zweistöckigen voll unterkellerten Wohnhauses mit Schöpf genannt. Er übertrug das Anwesen 1863 an seine Tochter Emilie. In den Jahren 1875 / 6 ließen die Schneevoigts ein Haus in der heutigen Kaiserstraße 86 erbauen, welches vom Junior 1894 an die Direktion der Riegeler Brauerei verkauft wurde.(4)

"Im In- und Auslande rühmlich bekannt"

Wenden wir uns nun dem Gewerbe zu, in welchem Schneevoigt sein Glück versuchte. Das Handwerk der Büchsenmacherei hatte ab dem 16. Jahrhundert, als sich Feuerwaffen endgültig gegen die Armbrust durchsetzten, einen anhaltenden Aufschwung genommen.(5) Eine Darstellung der technischen Neuerungen, welche aus der unförmigen Hakenbüchse des 15. Jahrhunderts das hochpräzise Zündnadelgewehr der 1860er Jahre machten, ist hier natürlich nicht zu leisten.(6) Entscheidend für unseren Zusammenhang ist, daß zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Herstellung von Militärwaffen immer häufiger in Fabriken betrieben wurde. Auch im badischen St. Blasien existierte schon recht früh, nämlich von 1809 bis 1844, eine Gewehrfabrik.(7) Größere Aufträge zur Bewaffnung der badischen Armee wurden in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts dann zumeist an die Königlich Württembergische Gewehrfabrik in Oberndorf am Neckar oder nach Suhl vergeben. Modernisierungsarbeiten am vorhandenen Bestand führten daneben auch die in Karlsruhe bestehenden badischen Zeughauswerkstätten in eigener Regie durch. Dies war insbesondere in den 1850er und 1860er Jahren von Bedeutung, als die militärischen Erfolge Preußens zu einem Vereinheitlichungsschub bei praktisch allen deutschen Armeen führten.(8) Trotz fortschreitender Maschinisierung und Rationalisierung kam es allerdings zu keiner schlagartigen Verdrängung der traditionellen Büchsenmacher, deren Domäne bis in die letzten Jahre des 19. Jahrhunderts insbesondere die Herstellung von - zuweilen aufwendig verzierten - Jagdgewehren und Scheibenbüchsen sowie die Durchführung von Reparaturarbeiten blieb.(9) Um die hierfür erforderlichen Fähigkeiten zu erwerben, legten Büchsenmacher als zumeist auch künstlerisch ambitionierte Handwerker während ihrer Gesellenzeit weite Strecken zurück, wofür Heinrich Schneevoigt ein gutes Beispiel ist.(10)

Duellpistolenkasten von Schneevoigt in Lahr  arrowRight

Im Gegensatz zu anderen Städten vergleichbarer Größe(11) gab es im Lahr des 19. Jahrhunderts offenbar niemals mehr als einen Büchsenmacher. Im bereits erwähnten Meisterbuch der Schlosser- und Glaserzunft wird für 1776 ein Michael Dillmann erwähnt, und im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, als die badische Verwaltung für das stark vergrößerte Herrschaftsgebiet eine Vereinheitlichung der Zunftbezirke durchführte, wurde ein Carl Kopp aus Heiligenzell nach Lahr eingezünftet.(12) Bei letzterem dürfte es sich um den 1775 in Heiligenzell geborenen Bernhard Kopp handeln, über dessen Todesdatum allerdings keine Angaben vorliegen.(13) Anhand der Lahrer Kirchenbücher läßt sich nachweisen, daß der aus der Umgebung von Zweibrücken stammende Michael Dillmann 1760 eine Lahrerin heiratete und 1801 im Alter von 74 Jahren starb. Interessant ist hierbei, daß der Eintrag im Totenbuch ihn als "Büchsenschäfter" ausweist, was bedeuten könnte, daß er sich zumindest in den letzten Jahren seiner Tätigkeit hauptsächlich um die Herstellung und Verzierung der Holzteile von Gewehren kümmerte.

Heinrich Schneevoigt dagegen war offenkundig mehr ein Spezialist für die Metallbearbeitung. So wurde er vom Inspirator und langjährigen Leiter des 1836 gegründeten Lahrer Gewerbevereins, dem promovierten Apotheker Christian Friedrich Hänle, ausdrücklich als "einer unserer besten Feuerarbeiter" gewürdigt. Lediglich zwei Mitglieder führten in den späten 1830er Jahren mehr vom Verein geförderte Experimente durch als Schneevoigt, welcher unter anderem neue Verfahren der Stahlbereitung testete und auf den wöchentlichen Sitzungen über seine Erfahrungen berichtete. Auch sonst beteiligte er sich an den Diskussionen über einschlägige Versuche.(14)

In welchem Umfang Schneevoigt sein Gewerbe betrieb, geht zumindest annäherungsweise aus den Lahrer Steuerkatastern hervor. 1842 beispielsweise beschäftigte er drei "Hülfskräfte", was nach unseren heutigen Vorstellungen kaum auf "fabrikmäßige" Verhältnisse schließen läßt. Nach der Jahrhundertmitte nahm die Betriebsgröße sogar noch weiter ab, wie beispielsweise die Gewerbesteuerveranlagung für 1866 ausweist.(15) Bei diesen Voraussetzungen kann nicht überraschen, daß unser Protagonist eher an der Schwelle zum Kunsthandwerk produzierte. Dies legen auch die wenigen bis jetzt aufgefundenen Beschreibungen seiner Arbeiten nahe. Auf der Karlsruher Gewerbeausstellung von 1846 präsentierte er, dessen Arbeiten nach Aussage eines sachkundigen Besuchers "bereits im In und Auslande rühmlich bekannt" waren, zwei reich mit Goldeinlagen verzierte Pistolen, die ihm eine silberne Medaille einbrachten.(16) Für die im September 1867 abgehaltene Lahrer Gewerbeausstellung lieferte Schneevoigt einen Ordonnanzstutzen im Wert von 96 Gulden.(17) Dies war seinerzeit ein stolzer Preis, vor allem wenn man sich vor Augen hält, daß ein knappes Jahr vorher von der badischen Ständeversammlung die Anschaffung von neuen Gewehren zum Stückpreis von 40 Gulden abgelehnt worden war.(18) Bei der offenkundigen Qualität der Arbeiten Schneevoigts ist es um so bedauerlicher, daß der Verfasser bis jetzt kein Erzeugnis aus seiner Werkstatt ausfindig machen konnte. Eventuell befinden sich derartige Waffen in Privatbesitz, was uns zu der Frage führt, wer auf lokaler Ebene überhaupt als Abnehmer in Betracht kam.

In erster Linie ist hierbei natürlich an die von alters her vorgeschriebene Stadtverteidigung zu denken. So heißt es im Lahrer Freiheitsbrief von 1377: "Die Bürger haben das Recht, für die Bewachung ihrer Stadt selbst zu sorgen. Dies betrifft sowohl die Seite der Baulasten als auch den Wachdienst."(19) Dieses vom Landesherrn gewährte Recht ließe sich allerdings auch als Pflicht auffassen, da die Anschaffung der entsprechenden Bewaffnung mit nicht unerheblichen Ausgaben für die Bewerber um das Bürgerrecht verbunden war. Die ersten urkundlichen Nachrichten über die Lahrer Schützengesellschaft stammen aus dem Jahre 1526.(20)
Meisterschützen und Bürger in Uniform

Im uns interessierenden Zeitraum nach der Eingliederung Lahrs in das Großherzogtum Baden war jedoch "das Institut der Schützen [...] ohnehin auf eine ganz geringe Zahl herabgesunken".(21) Dies ist jedenfalls einer Eingabe verschiedener Lahrer Bürger zu entnehmen, welche im Juli 1833 die Verlegung des Schießplatzes forderten. Seinerzeit wurde am Schutterlindenberg geschossen, was bei einer expandierenden Stadt nicht ohne Beeinträchtigung der öffentlichen Sicherheit bleiben konnte. Die Besitzer der umliegenden Felder und Gärten konnten sich an den Schießtagen nur unter Gefahr für Leib und Leben an die Arbeit machen und auch Spaziergänger gingen ein beträchtliches Risiko ein, wie das von den Petenten wiederholt angeführte Todesopfer des Scheibenschießens der Bevölkerung deutlich vor Augen führte. Seinerzeit war schon längst keine Rede mehr davon, daß die Stadt durch wehrhafte Männer verteidigt werden müsse; das Gewaltmonopol des Staates war zur Selbstverständlichkeit geworden. Die Verfasser des Protestschreibens gaben vielmehr vor, im Namen der Mehrheit zu sprechen und prangerten an, daß die Interessen der Allgemeinheit durch "die Belustigung einzelner Personen" beeinträchtigt würden. [Anmerkung in eckiger Klammer vom Autor]

Die Schützengesellschaft hatte schon aus rechtlichen Gründen keine Chance, am angestammten Platz zu verbleiben. Während sich nämlich das Schützenhaus in städtischem Eigentum befand, hatte der seinen Betrieb ausdehnende Zichorienfabrikant Daniel Voelcker die Schießwiese, auf der sich die Schießscheiben und zwei Zielerhäuschen(22) befanden, vom Spitalfonds erworben. Da er in der Nähe Holz und andere brennbare Materialien lagerte, sahen auch die Schützen ein, daß sie sich einen neuen Ort suchen mußten. Zwar hatte die Stadt versprochen, aus dem Verkaufserlös der Schießwiese ein neues Schützenhaus zu erstellen, die diesbezüglichen Diskussionen zogen sich jedoch über eine ganze Anzahl von Jahren hin. Die heimatlosen Freunde des Schießsports veranstalteten im Oktober 1834 noch einmal ein Freischießen, danach schweigen die Quellen für längere Zeit.(23)

Der Gebrauch von Gewehren in sportlicher Absicht war also seinerzeit nicht mehr so aktuell, was allerdings nicht heißt, daß Waffenträger aus dem Stadtbild verschwanden. Eher war das Gegenteil der Fall: In diesen Jahren übernahm offenbar das 1830 neugegründete Bürger-Jäger-Corps die geselligen Aufgaben der Schützengesellschaft, wobei sich die Mitgliedschaft in beiden Vereinigungen weitgehend überschnitt. Auch für die gesellschaftlich besser gestellten Schützen war hier das Dabeisein ein Muß, schließlich kam im September 1830 das badische Fürstenpaar nach Lahr und konnte durch die rot-grün uniformierten Bürgerjäger gebührend in Empfang genommen werden. Die in den Statuten als vorgeschriebene Bewaffnung genannten "kurzen Musketen" stellten zwar nicht gerade den neuesten Stand der Waffentechnik dar; aber es ging dieser Gruppierung ja auch weniger um das Schießen. Kaum verwundern kann uns, daß Schneevoigt als Büchsenmacher in allen Gruppierungen mitmachte, die Waffen trugen. So gehörte er 1830 zu den Gründungsmitgliedern des Bürger-Jäger-Corps(24) und 1833 unterschrieb er eine Eingabe der Schützengesellschaft für die baldige Einrichtung eines neuen Schießplatzes. Die 1845 erfolgte Umorganisation der ein Schattendasein führenden Schützengesellschaft in ein Scharfschützencorps fand wahrscheinlich unter seiner Mitwirkung statt, und als 1856 die - vorher revolutionsbedingt verbotene - Schützengesellschaft nach obrigkeitlicher Genehmigung wieder den Betrieb aufnehmen konnte, durfte Schneevoigt nicht fehlen. 1866 finden wir ihn im Vorstand wieder, dem er bis kurz vor seinem Tode als zweiter Schützenmeister angehörte.(25)

Auf dem Weg zum Honoratioren

Zwar war Schneevoigt als Protestant Angehöriger der "Ortsreligion"(26), seine holsteinische Herkunft ließ ihn jedoch zum Exoten werden, wie ein Blick auf die Kleingewerbetreibenden zeigt. Lediglich fünf von vierzig Handwerksmeistern, die zwischen 1830 und 1834 in Lahrer Zünfte aufgenommen wurden, waren Auswärtige. Die beiden hierunter befindlichen Nicht-Badener hatten zudem Handwerkerswitwen geheiratet und waren so Lahrer geworden, keiner von ihnen kam aus dem norddeutschen Raum.(27) Berücksichtigt man darüber hinaus die "nichtstandesgemäße" Braut, so stünde zu vermuten, daß der Zuwanderer aus Itzehoe es schwer hatte, Anschluß an die lokale Handwerkerschaft zu finden. Eine Betrachtung der Taufpaten seiner Kinder läßt jedoch erkennen, daß der Büchsenmacher rasch Eingang in die lokale "Handwerkerelite" fand und gleichzeitig - zumindest im ersten Jahrzehnt seines Lahrer Aufenthalts - einen Anlaufpunkt für norddeutsche Gesellen seines Metiers darstellte. Unter den Taufpaten der ersten Tochter befand sich die Ehefrau des Lahrer Messerschmieds Christian Ried, dessen Arbeiten seinerzeit über die Grenzen Badens hinaus bekannt waren. Bei der Taufe der zweiten Tochter war dann "Konrad Schneevoigt des weiland Otto Schneevoigt, Bürger und Büchsenmacher in Itzehoe im Holsteinischen led. Sohn" zugegen. Dieser überlebte die entsprechenden Feierlichkeiten allerdings nur um knapp zwei Wochen und starb am 14.6.1836 in Lahr mit nur 28 Jahren. Für den ersten Sohn übernahm dann fünf Jahre später unter anderem "Christian Svendsen, lediger Büchsenmacher aus Kiel" die Rolle des Paten. Da Schneevoigt seinerzeit der einzige Büchsenmacher der Stadt war, spricht einiges dafür, daß auch ein unverheirateter Vater aus Passau und der beteiligte Taufpate aus Iffezheim - beide 1848 explizit als Büchsenmachergesellen bezeichnet - bei ihm beschäftigt waren. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war durch die Bildung von Vereinen aller Art gekennzeichnet, welche Schneevoigt offenbar als Pforte in die lokale Gesellschaft dienten. Von seiner Mitgliedschaft in Gewerbeverein, Jägercorps und Schützengesellschaft (bzw. im Scharfschützencorps, welches uns weiter unten noch einmal begegnen wird) war bereits die Rede. Ab 1843 ist er dann als Mitglied des Gewerbschulvorstands aufgeführt, dem er auch 1864 noch angehörte. In eben diesem Jahr hatte er einen Sitz im Großen Bürgerausschuß inne, und zwei Jahre später durfte Schneevoigt im Engeren Ausschuß über die Geschicke der Stadt mitbestimmen. 1864 finden wir ihn zudem in der Kirchengemeindeversammlung und 1876 sogar im zwölfköpfigen Kirchengemeinderat, dem in der Regel nur wohlhabende Handelsleute angehörten.(28) Offenbar starb Schneevoigt als geachteter Bürger Lahrs. Zum Abschluß dieser biographischen Skizze blenden wir jedoch noch drei Jahrzehnte zurück, um Schneevoigts Rolle in den Ereignissen nachzuzeichnen, die vor nun fast 150 Jahren nicht nur Baden erschütterten.

1848 / 49 - Der Büchsenmacher als Hüter der Ordnung

Es kann hier nicht darum gehen, den Verlauf der turbulenten Jahre 1848 / 49 nachzuzeichnen,(29) vielmehr sollen einige Gelegenheiten beleuchtet werden, bei denen Heinrich Schneevoigt als Lahrer Interessen Vertreter in Erscheinung trat. Am 9. Juni 1848 faßten die versammelten städtischen Gremien den Beschluß, eine Kommission für die Angelegenheiten der Lahrer Bürgerwehr einzurichten. Da es auch um Fragen der Bewaffnung ging, konnte man den Rat eines Fachmanns gut gebrauchen, und so lautete ein Beschluß: "Soll der Gemeinderath ermächtigt werden, eines seiner Mitglieder und als Sachverständigen den Büchsenmacher Schneevoigt nach Karlsruhe mit dem Auftrag abzusenden, von der Regierung unter Haftbarkeit der Gemeinde und unter Voraussetzung, daß die früher bezogenen alten Gewehre zurückgenommen werden vierhundert Stük neue Gewehre käuflich zu erwerben."(30)

Im Sommer des Jahres 1848 versammelten sich in Frankfurt Delegierte aus den verschiedenen Bundesstaaten auf dem Ersten deutschen Handwerker und Gewerbe-Congress. Auch in Lahr wurde ein Abgeordneter bestimmt, und sicherlich waren die Sattler mit ihrem Beitrag von 24 Kreuzern [!] zu den Reisekosten keine Ausnahme.(31) Die Interessen der Lahrer Gewerbetreibenden vertrat Schneevoigt, der in Frankfurt allerdings kaum in Erscheinung trat. Lediglich gegen ein generelles Verbot, "zünftige Geschäfte" in Fabriken zu treiben, erhob er seine Stimme. Er wünschte nämlich, daß Eisenbahnwerkstätten und - kaum verwunderlich - Gewehrfabriken davon ausgenommen würden.(32) Offenburgs Vertreter, der in seiner Heimatstadt später auf der Seite der Revolution stehende(33) Zieglermeister Reindle, beteiligte sich dagegen weitaus intensiver an den Verhandlungen und trat auf dem Kongreß als einer der wenigen offensiv für die Vertretung der Gesellen ein.(34) Insgesamt wird von der Forschung für Baden "eine größere Liberalität der Handwerkerbewegung"(35) als anderswo konstatiert. Dies könnte unter anderem damit zusammenhängen, daß nicht ausschließlich rückwärtsgewandte Zunfthandwerker nach Frankfurt entsandt wurden, sondern, wie aus den beiden Städten der Ortenau, unzünftige Kleingewerbetreibende. [Anmerkung in eckiger Klammer vom Autor]

Wirtschaftlich offenkundig eher "fortschrittlich" gesinnt, schlug sich Schneevoigt in den Revolutionsjahren auf die Seite der bestehenden Ordnung. Als im Februar 1849 in Lahr der Vaterländische Verein ins Leben gerufen wurde, befand er sich bei den Unterzeichnern des Gründungsaufrufs.(36) So kann es denn auch nicht überraschen, daß der Wehrausschuß dem revolutionären Lahrer Gemeinderat zur Ausführung von Arbeiten an den bereits vorhandenen Gewehren nicht Schneevoigt, sondern Schlosser Friedrich Morstadt, Schmied Wilhelm Heimburger, Blechner Daniel Caroli sowie die beiden Mechaniker Andreas Meier und Georg Schaller vorschlug.(37) Als bald darauf in der Nacht vom 25. auf den 26. Juni 1849 von der revolutionären Provisorischen Regierung unter Brentano die Staatskasse per Eisenbahn vor den anrückenden gegnerischen Truppen in Sicherheit gebracht werden sollte, wurde der Dinglinger Bahnhof durch einheimische Gegner der neuen Ordnung besetzt. Die unter ihnen befindliche zwölfköpfige Abteilung des Scharfschützencorps wurde von Büchsenmacher Schneevoigt angeführt. Die konterrevolutionäre Aktion schlug fehl, und so setzte die Provisorische Regierung eine Strafexpedition in Marsch. Zehn dieser Männer wurden denn auch bei Schneevoigt einquartiert.(38) Dieses intendierte militärische Eingreifen in die badische Revolution gehörte sicherlich zu den herausragenden Ereignissen im Leben Schneevoigts, dessen Lebensweg nachzuzeichnen wir uns zur Aufgabe gestellt hatten.

Anmerkungen:

1.) Michael Stürmer (Hg.), Herbst des Alten Handwerks, München 1986, S. 7.  
2.) Im von 1776 bis 1862 geführten Meisterbuch dieser Zunft sind Schlosser (bis zur 1818 erfolgten Gründung einer eigenen Zunft), Glaser, Messer-, Ketten- und Nagelschmiede, Spengler, Zinngießer, Bohrermacher, Großuhrenmacher und auch Büchsenmacher verzeichnet. Stadtarchiv Lahr, Bestand Lahr I, 96 a. (StaL Lahr I96a)  
3.) Vgl. die jeweiligen Eintragungen in den Copulations- und Taufbüchern der Kirchengemeinde Lahr, denen auch alle weiteren genealogischen Daten entnommen sind, ohne daß dies im einzelnen nachgewiesen wird.  
4.) StaL Magazin II, Feuerversicherungsbücher. Vgl. zum Haus in der Kaiserstraße auch: Mechthild Michels, Die Bierablagen der Riegeler Brauerei in Ettenheim und Lahr, in: Geroldsecker Land 38 / 1996, S. 176 - 184, hier S. 183. Auf Seite 182 des Beitrags befindet sich eine Photographie des Gebäudes.  
5.) Vgl. hierzu als Regionalstudie: Erich Egg, Das Handwerk der Uhr- und der Büchsenmacher in Tirol, Innsbruck 1982, S. 183 - 307.  
6.) Als allgemeinverständliche Einführung gut geeignet ist das reich bebilderte Buch: Heinrich Müller, Gewehre, Pistolen, Revolver. Jagd- und Kriegswaffen des 14. bis 19. Jahrhunderts, Leipzig / Stuttgart 1979.  
7.) Eine knappe Darstellung der Geschichte dieser Fabrik bei: Udo Lander, Die Sammlungen des wehrgeschichtlichen Museums im Schloß Rastatt. 2. Handfeuerwaffen, Teil III: Baden bis 1870, Freiburg 1987, S. 33 - 41.  
8.) Es ging hierbei vornehmlich um die Umrüstung von Vorder- zu Hinterladern. Vgl. hierzu: Lander, Sammlungen 2. III, S. 19 ff.  
9.) In Suhl begann man 1880 mit der industriemäßigen Fertigung von Jagdbüchsen. Vgl. Müller, Gewehre, S. 160.  
10.) Vgl. zu Unterschieden der zurückgelegten Wanderstrecken bei einzelnen Handwerken: Klaus J. Bade, Altes Handwerk, Wanderzwang und Gute Policey: Gesellenwanderung zwischen Zunftökonomie und Gewerbereform, in: Vierteljahrschrift für Sozial und Wirtschaftsgeschichte 69 / 1982, S. 13 ff.  
11.) So zählte man in Biberach noch 1850 drei Vertreter dieses Gewerbes. Vgl.: Alfons Waibel, Biberacher Schützen in sechs Jahrhunderten. Die Entwicklung des Schützenwesens in Biberach und im süddeutschen Raum, Biberach 1990.  
12.) StaL Lahr I 96a.  
13.) Angaben nach: Adolf Gänshirt u. a., Ortssippenbuch Friesenheim, Lahr-Dinglingen 1986, S. 493.  
14.) Der durch die Forschung bisher vollkommen vernachlässigte Lahrer Gewerbeverein gab über sieben Jahre eine eigene Jahresschrift heraus, die unter diesem Aspekt ausgewertet wurde: Mittheilungen des Gewerbsverein zu Lahr, Bd. 1 - 7, Lahr 1837 - 1843, insbes. 1 / 1837, S. 56 ff. & 2 / 1838, S. 38 ff.  
15.) StaL Magazin II, Beilagen zur Kriegsschuldentilgungsrechnung bzw. Beilagen zur Stadtrechnung, verschiedene Jahrgänge.  
16.) Rudolph Dietz, Bericht über die Gewerbeausstellung für das Großherzogthum Baden, welche, durch den Gewerbeverein zu Karlsruhe veranstaltet, im September 1846 daselbst stattfand, Karlsruhe 1847, S. 92.  
17.) StaL Lahr II 115 / 12.  
18.) Verhandlungen der Stände-Versammlung des Großherzogthums Baden in den Jahren 1865 / 66, 6. Beilagenheft, S. 353.  
19.) Zitiert nach der Übertragung bei: Christoph Bühler, 700 Pfund für die bürgerliche Freiheit. Zur Geschichte der Lahrer Bürgerschaft, Heidelberg 1985, S. 62.  
20.) Vgl. hierzu und zum Folgenden: Hans Flügel, Chronik der Lahrer Schützengesellschaft von 1526, in: Geroldsecker Land 2 / 1959, S. 9096. Eine lesenswerte Untersuchung der Schützenkultur im deutschen Südwesten bietet die bereits genannte Arbeit: Waibel, Biberacher Schützen.  
21.) Eingabe an den Gemeinderat vom 31.7.1833. StaL Lahr II 191 / 2.  
22.) Dies waren die Unterstände für die wenig beneidenswerten Männer, welche nach dem Schuß jeweils beurteilten, ob das Ziel getroffen worden war.  
23.) Flügel, Chronik, S. 93. Die Ereignisse nach der ausführlichen Überlieferung in: StaL Lahr II 191 / 2.  
24.) Vgl. zur referierten Geschichte desselben: Emil Ell, Das Lahrer Bürger-Jäger-Corps im 19. Jahrhundert, in: Der Altvater, 41 / 1983, S. 11 - 15, hier S. 15.  
25.) Alle Nachweise in: StaL Lahr II191 / 2.  
26.) 1825 waren weniger als 5% der Einwohnerschaft Lahrs Katholiken. Vgl. zur Konfessionsfrage: Stefan Philipp Wolf, Geschichte der evangelischen und katholischen Kirche in Lahr (1789/ 1803 - 1918), in: Geschichte der Stadt Lahr, Bd. 2, S. 219 - 242, hier S. 219.  
27.) Auswertung einer vom Verfasser auf Grundlage sämtlicher überlieferter Lahrer Zunftakten erstellten Datenbank.  
28.) Vgl. für all diese Angaben die entsprechenden Adreßbücher der Stadt Lahr sowie StaL Lahr II 174 / 6 & StaL Lahr II 191 / 2.  
29.) Die absolut unzureichende lokalhistorische Forschung wird bereits im vorliegenden Band dieses Jahrbuchs durch Thorsten Mietzners Darstellung weitergeführt. In den kommenden Jahren werden entsprechende Aufsätze folgen.  
30.) StaL Lahr II 120 / 11.  
31.) Dies der einzige in Lahr erhaltene Beleg. Quittung des Bürgermeisteramts vom 10.9.1849. StaL Lahr II 107 / 14.  
32.) Dieter Dowe / Toni Offermann (Hg.), Deutsche Handwerker- und Arbeiterkongresse 1848 - 1852. Protokolle und Materialien, Bonn 1983, S. 90 passim.  
33.) Ralph ehester Canevali, Revolution in Baden, 1848 - 1849. The Role of Political Associations, Diss. Harvard Univ., 1984, S. 229.  
34.) Dowe / Offermann, Handwerker und Arbeiterkongresse, S. 59.  
35.) Jürgen Bergmann, Wirtschaftskrise und Revolution. Handwerker und Arbeiter 1848 / 49, Stuttgart 1986, S. 196.  
36.) Lahrer Wochenblatt vom 10.2.1849.  
37.) Protokoll vom 22.6.1849. StaL Lahr II 120 / 12.  
38.) Vgl. den Bericht des ebenfalls beteiligten Professors Fesenbeckh vom 20.12.1849, GLA 236 / 5237.  
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Stoesser-Fischer-Haus


Das älteste Werk dieser Stilepoche, im in Baden eher seltenen Frühklassizismus, stellt das STOESSER-FISCHER-HAUS an der stattlichen Kaiserstraße, errichtet Ende des 18. Jahrhunderts vom Straßburger Baumeister Johannes Menhardt dar
Das hoch aufgerichtete Haus mit roter Sandsteinfassade am nördlichen Ende der Schillerstraße in Lahr setzt ein  Pendant zum südlichen Straßenende, wo die ebenfalls sandsteingekleidete, katholische Stadtkirche St. Peter und Paul steht.

Nicht selten beschrieben als im "Zopfstil" (=Rokoko) gebautes Haus, ist dieses Gebäude in Lahr dem "Zopfstil" wohl kaum zuzuordnen: "Das älteste Werk dieser Stilepoche, im in Baden eher seltenen Frühklassizismus, stellt das STOESSER-FISCHER-HAUS an der stattlichen Kaiserstraße, errichtet Ende des 18. Jahrhunderts vom Straßburger Baumeister Johannes Menhardt [...dar]" (Siddhartha Manuel Finner, Dipl.Ing. Architektur auf "Badische Wanderungen").

Gegen "Zopfstil" (= ablehnende Bezeichnung für das Rokokko) spechen klare Formen und schmucklose Linien. Die streng geometrische Gliederung - horizontal betont durch zwei Mittelgesimse und ein Dachgesims und die nach oben gerichteten Ecklisenen mit nur schwach vorgesetztem Mittelrisalit - zur Betonung der Vertikalen - zeugen von neuerer Architekturform.

Bestenfalls erinnern vier große Vasen - je zwei Eckvasen und zwei über dem Mittelrisalit aufgesetzt - mit Girlanden (außen) und Ranken (innen) an den ausgehenden Stil des Rokoko.

Man vergleiche das in Sandstein gekleidete Haus in der Unteren Hauptstraße 5 in Kippenheim - gegenüber dem dortigen Rathaus -, in welchem nach Martin Hesselbacher das Rokoko eindeutig aufscheint.

Das Stoesser-Fischer-Haus, ein dreigeschossiges Bauwerk mit doppeltem Mansarddach, wirkt mit seiner vertikalen Betonung aufgeräumt und klar strukturiert. Vom einstig herrschaftlichen Charakter des Baues, welche die rundbogige Toreinfahrt unter dem schmiedeeisern gefassten Balkon zu den beiden nach Norden ausgerichteten Längsflügeln im Hof ausstrahlte (vergl. Abbildung: Badische Heimat 1935) ging durch die Restaurierungsarbeiten in den 60er Jahren einiges verloren. Eine "Versachlichung" zur profanen Nutzung begünstigte allerdings die Überwindung des in den 30er Jahren des 20.Jahrhunderts etwas "marode" gewordenen Zustandes. 

Die Schlagläden wurden abgebaut, aus den Rundbogenfenstern samt Tor wurde ein Arkadenbau über einer mehrstufigen Treppe herausgearbeitet. Heute trennt ein großräuiges Ladengeschäft den achtachsigen Frontbau von den Seitenflügeln.

Erhalten blieb durch sorgfältige Pflege der Sandsteinfassade die Dominanz, welche Gründer Johann Jacob Hugo(*) zusammen mit Baumeister Johannes Menhardt und Steinhauer Johann Georg Heinzler  dem Bauwerk verlieh. In den Jahren 1783 - 1790 errichtete Hugo das Haus um den Preis von 36.000 Gulden (Kostenangabe: Chronica des Hauses Hugo - Michael Conrad Theodor Hug - Lahr (Baden), 1913 - unten links).

Das hoch aufgerichtete Haus am nördlichen Ende der Schillerstraße in der Kaiserstraße in Lahr setzt ein massives Pendant zur am anderen Straßenende liegenden, ebenfalls sandsteingekleideten, katholischen Stadtkirche St. Peter und Paul*) Johann Jacob Hugo (1757 - 1827), Gründer der Lahrer Hugolinie (II). Geboren zu Lörrach und als Kaufmann in Lahr tätig, verheiratete er sich 1783 mit der Tochter seines Vetters, der Anna Christina Folz (1766 - 1836) von Rhodt. Neun Kinder waren dieser Ehe geschenkt. Der Kinderreichtum ließ die Familie weiterverzweigen. Johann Jacob Hugo gründete 1781 mit Johann Authenrieth unter der Firma Authenrieth & Hugo eine Schnupftabakfabrik in Lahr, setzte sich 1784 auf eigenen Namen und bildete 1786 mit seinem Bruder Carl Wilhelm die Firma Hugo Gebrüder. Diese Firma baute 1783/90 das jetzt Stoeßersche Haus an der Kaiserstraße. Auf die Firmengeschichte wird später eingegangen

Firma Hugo Gebrüder in Lahr und Heiligenzell

Johann Jacob Hugo gründete 1781 mit Johann Authenrieth eine Schnupftabakfabrik in Lahr. Die Gründer ersteigerten zu diesem Zwecke einen beim Dinglinger Tor gelegenen Garten, um darauf gemeinschaftlich ein Doppelwohnhaus sowie rückwärts die erforderlichen Fabrikgebäude zu erstellen. Ehe aber mit dem eigentlichen Bau begonnen war, zerfielen die beiden Socii und trennten sich. Hugo erwarb nun auch die Authenrieth gehörende Hälfte des großen Bauplatzes und setzte das Geschäft auf eigenen Namen fort. Nachdem er 1786 seinen Bruder Carl Wilhelm als Teilhaber aufgenommen hatte, konnte der Bau zu Ende geführt werden, was 1790 geschah.

Über den Bauherrn und andere Lahrer Patrizier - von Emil Ell  arrowRight

Johann Jakob Hugo und Carl Wilhelm Hugo gründeten 1810 unter ihrer bisherigen Firma Hugo Gebrüder, mit dem Sitz in Lahr, noch eine Cichorienfabrik in dem nahen Heiligenzell. Dies geschah unter Mitwirkung des Schwagers Franz Meister in dem von ihm übernommenen Anwesen, dem früher der Benediktinerabtei Schuttern gehörenden Kloster, worin Meister seit 1806 (nach der Säkularisation) eine Seifenfabrik betrieben hatte. Um 1820 wurde im Kloster zu Heiligenzell auch der schon im Lahrer Hause begonnenen Fabrikation von Rauch- und Kautabak eine größere Ausdehnung gegeben.

Woher aber stammen die Vorfahren der Lahrer Hugo?

Aus Eßlingen im Schwabenlaland! Dort schloß sich der Ahnherr des Geschlechts im 16. Jahrhundert der Reformation an. Er hieß Georgius Hugo. Sein Sohn Vitus (Veit) war der Vater von Michael Hugo (1605-1692). Geboren in Eßlingen, trat er in badische Dienste und wurde 1651 baden-durlachischer Amtmann zu Rhodt bei Landau. Sein Sohn Stanislaus Jakobus Hugo (1657 - 1722) war zunächst kurpfälzischer "Zoller" (Zollbeamter) zu Neustadt a. H. Nach dem Tod seines Vaters erhielt er dessen Stelle als Amtmann in Rhodt. Stanislaus gab das Amtsmannsamt (Präfektur) zu Rhodt wiederum an seinen eigenen Sohn Johann Jakob Burckhardt Hugo (1685 bis 1758) weiter. Sein Grabmal befindet sich an der Pfarrkirche zu Rhodt. Sein Sohn Johann Michael Hugo (1718 - 1799) wurde Oberamtmann des Oberamts Rötteln in Lörrach; er starb als Geheimer Hofrat in Karlsruhe. Vermählt war er mit der Tochter des Lahrer Stadtpfarrers Christian Morstadt. Einer seiner Söhne ist jener Johann Jakob Hugo (1757 bis 1827), den wir als den Stammvater der Lahrer Hugo bezeichneten. So ging der Weg der Hugo von Eßlingen über Rhodt, Neutadt (Pfalz) und Lörrach nach Lahr.

(Emil Baader - Der Altvater - Heimatblätter der Lahrer Zeitung, 4. Jahrgang, Folge 28, 10. Juli 1937)

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Der Lahrer Freiheitsbrief und der 'Lahrer Prozess'


Viel wurde geschrieben, über den Lahrer Freiheitsbrief und den Lahrer Prozess. Aus diesem Grund soll den Lesern hier nur eine kurze Darstellung angezeigt werden:

Im 13ten / 14ten Jahrhundert wollten die Herren von Geroldseck ihren Machtbereich sichern und waren bereit, zum Aufbau und zur Entwicklung der jungen Stadt Lahr weitreichende Befugnisse einzuräumen. Hierzu waren bereits 1278 - kurz nach dem Tod Walters I. von Geroldseck - Privilegien an die Stadt Lahr seitens der Geroldsecker verbrieft worden. Diese Briefe wurden mehrfach "aufgefrischt" (neu beschworen). Der erste noch erhaltene Freiheitsbrief entstammt dem Jahre 1377.

Damit erhielt Lahr das Recht auf Zolleinnahmen, Steuerobergrenzen wurden festgelegt und die Lahrer durften ihre eigene Verwaltung wählen. Somit hatte die Stadt auch die Privilegien der "unteren Gerichtsbarkeit". Außer Blutgerichtsfällen (Totschlag, Notzucht, Meineid und vergleichbaren) konnten die Lahrer Bürger "Recht üben".

Damit wuchsen Stolz und Selbstbewußtsein der Bürger, was im nachhinein zu Ansprüchen führte, welche im Laufe der Zeit von der oft wechselnden Herrschaft nicht mehr akzeptiert bzw. geduldet wurden. Die Lahrer Bürger wollten am Wahltag (28.12.1772) ihren neuen Bürgermeister bestimmen und beriefen sich auf "alte Rechte", eben den Freiheitsbrief von 1377. Die Herrschaft - mittlerweile von Nassau-Usingen, vertreten durch einen Stadtamtmann - war mit dem Vorgehen der Lahrer nicht einverstanden, auch weil schon lange zuvor keine Wahl mehr stattgefunden "hätte".

Dies führte zum Aufruhr und 1773 zur militärischen Besetzung der Stadt Lahr und zum langen "Lahrer Prozess". Um das Tagesgeschehen etwas zu verbildlichen - noch dazu im heimischen Dialekt (schriftdeutsche Übersetzung kann über die Buttons geöffnet werden) - wird nachfolgend die Schrift von K. Steinmann - 1855 angeboten. Am Textende ist der "Lahrer Freiheitsbrief" abgebildet und mit den Arbeiten - Auszüge - von Emil Ell - Altvater 1977 in aktuellerer Schreibform ergänzt.



Der Lahrer Prozess in Lahrer Mundart - K. Steinmann

- ersch. Druckerei Geiger Lahr - 1855 -

Vorrede.

Vorliegendes Werkchen war nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt, und wenn ich es derselben dennoch übergebe, so geschieht es nur auf vielfache und fortgesetzte Aufforderungen.

Auf poetischen Werth kann und will es keinen Anspruch machen; ich glaube aber, daß die Darstellung einer Begebenheit in der Geschichte unserer Stadt, welche vielleicht nicht ganz ohne Einfluß auf ihre spätern Schicksale geblieben ist, für meine Mitbürger (und für diese ist es ja nur bestimmt) einiges Interesse haben, und manches falsche Urtheil über den Prozeß, so wie über den hie und da noch beklagten Freiheitsbrief, mit seinen veralteten Gerechtsamen, berichtigen wird.

Die immer mehr anerkannte Wichtigkeit der Mundarten fürs die deutsche Sprache, so wie die Wahrnehmung, daß unser altes, ächtes "Lohrer Ditsch" verschiedenen Einflüssen immer mehr zu erliegen droht, hat mich veranlaßt, die Erzählung in die Mundart zu kleiden, welche, verschieden von derjenigen, selbst der nächsten Ortschaften, in Lahr nicht mehr so gesprochen wird wie sie vor 30 - 40 Jahren gesprochen wurde.

Es wird wohl kaum einer Entschuldigung bedürfen, daß ich zweimal das Wort "Kaib" gebrauchte; hätte ich es aber vermieden, so hätte man mir den gerechten Vorwurf machen können: "Des isch jo nit lohrerisch, denn ohni Kaib kei Lohrer." Zudem hat dieses Wort seine Gehäßigkeit verloren durch seine häufige Anwendung und seine manchfachen Bedeutungen. - Wie es. schmäht,

so ist es ja auch der Ausdruck der Bewunderung und des zartesten, was es geben kann — der Mutterliebe.

Was nun den Stoff selbst betrifft, so bin ich dabei dem Tagebuche des damaligen Spezial Müller gefolgt, der mit großer Unpartheilichkeit Tag für Tag alles Bemerkenswerthe aufzeichnete. Auch Verdanke ich manches den Mittheilungen längst verstorbener alter Leute, welche zum Theil noch eine Rolle in dem Prozeß gespielt haben. Von ihnen rührt auch die Erklärung des Wortes "Schnawliner" her, die ich natürlicher finde als die des Amtmanns Stein *), besonders wenn man sie mit den Männlein des Hafners Lüttich vergleicht.

Daß am Schluß die Erzählung kurz abgebrochen ist, rührt daher, daß in den spätern Jahren des Prozesses nichts besonders Bemerkenswerthes vorsiel. Nur noch etwa ein Dutzend Bürger machten sich· ein einträgliches Geschäft daraus, auf Kosten der Stadt bald nach Wiesbadem bald nach Wetzlar zu reisen, während die andern der ganzen Sache überdrüßig waren, bis endlich die Herren Lotzbeck und Hugo diesem unerquicklichen Treiben dadurch ein Ende machten, daß sie von den beständig hin und her Reisenden die Rückerstattuug der Kosten an die Stadtkasse im Stadtrathe beantragten und betrieben.

Es ist mir unbegreiflich, warum Stein in seiner "Geschichte und Beschreibung der Stadt Lahr" den Freiheitsbrief nicht gab und ich habe deshalb eine getreue Abschrift dieser, für Lahr einst so hochwichtigen Urkunde beigefügt.


*) Siehe dessen Beschreibung der Stadt Lahr, Seite 84. (Anmerkung: Stein nennt die Fraktion "Schnabelliner" oder "Neunundfünfziger", die des Prozessierens überdrüssig waren und sich der Regierung näherten - ebenda)


Der Lahrer Freiheitsbrief

- 1 -

"Wurum sinn Err hitt ai so still, Großvatter, un schaie
Allewihl grad vür ich hin? Err welle-n-ich ebbis verzeehle,
Henn Err geschtert versproche-n-un hitt sin Err still wiä e Misli."
So het der Schangili gsait, e gscheidt's un e neischirigs Biäwli,
Am a Sunndig z'Owe, wu alli binander sin gseße. -
Wenn vordruße der Wind durch d' kahle Baim un durch d' Hecke
Ihskalte Rege-n-un Schnee derher gjagt het, un wenn d' Mensche
Um de-n-Ofe sinn gseße, froh iwwer d' Wärmi im Stüwli,
Het 'ne der Großvatter vielmohl verzeehlt vun friäjere Tage,
Un vun dem, was er gsehn het, un erlebt, un erfahre.
Viel het er könne verzeehle, denn er isch in der halwe
Welt rum kumme-n-als luschtiger Handwerksburscht, un e Zittlang
Isch er gar e schmucker Husar gsinn unterm Loudon;
Awwer im nihnenaachziger Johr, do het er vor Belgrad,
So sage d' Litt, uf eimol s' Kanonefiäwer bikumme,
Er un si Rößli, un beidi henn, si ganz ohni Abschied,
Einsmols bi Naacht un Newel dervun gmacht, un s' Rößli
Het er verkaift, un isch als Hanwerksburscht nunter ins Hohland
Kumme, vun do durch's Frankrich in d' Schwitz, un am Rhin rah in d' Heimeth;
Do het er galtert un gschafft, so wiäs eme-n-ordlige Burger
G'heert, un gaacht isch er gsinn vun Kindre-n-un Enkle.
Jetzt sitzt er do, verstuhmt un in tiäfi Gidanke verlore.
Jo, so fangt er jetz an, i will ich ebbis verzeehle.
Henn err villicht schun emol vum Lohrer Prozeß heere rede?
Odder vum Freiheitsbriäf? - Jo, sait do s' Lissel, erscht geschtert,
Het am Rothhuus der Burigemeister gsait: Jä, diä Schulde

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"Warum seid Ihr heute so still Großvater und schaut die ganze Zeit nur vor Euch hin? Wollt Ihr uns nicht etwas erzählen? Das habt Ihr gestern versprochen und heute seid Ihr mucksmäuschen still." So sagte Hänschen, ein gescheites und neugieriges Jungchen, wie sie an einem Sonntag Abend beieinander saßen als draußen der Wind durch kahle Bäume und Hecken blies, eiskalter Regen und Schnee fiel und die Menschen um den Ofen saßen, froh über die Wärme in der Stube.
Viele Male hatte der Großvater erzählt von früheren Tagen und von Dingen, die er gesehen und erlebt hatte. Viel konnte er erzählen, denn er war in der halben Welt herum gekommen als lustiger Handwerksbursche und eine Zeit lang war er ein schmucker Husar unter Kommandeur Loudon gewesen. Aber im Jahre 89, wie er vor Belgrad lag - so sagen die Leute - hat er eine riesen Angst bekommen. Er machte sich mit seinem Pferdchen ohne Abschied in der Nacht und bei Nebel auf und davon. Sein Ross hatte er verkauft und zog hinunter nach Holland.
Danach zog er über Frankreich in die Schweiz und den Rhein wieder abwärts in seine Heimat. Dort lebte und arbeitete er, wie es sich für ordentliche Bürger gehört und wurde von Kindern und Enkeln geachtet. Jetzt saß er schweigend und gedankenversunken und begann mit den Worten: ich möchte euch etwas erzählen. Habt ihr vielleicht schon einmal vom Lahrer Prozess gehört? Oder vom Freiheitsbrief? Ja, antwortete da Liesel - erst gestern. Da sagte der Bürgermeister am Rathaus: Um Himmels willen - die Schulden.

- 2 -

Kumme no her vum Prozeß, do hemmer e Wihli dran z' daie.
"Schämm di, sait do d' Mueder, es schickt si gar nit für d' Kinder,
Daß si hinstehn un horche, wenn alti Litt mit'nander rede."
Fiirroth wird jetz s'Lissel, un buckt si nieder uf s' Fürde;
Awwer der Großvatter luegt d' Mueder an, as wott er mit sage:
S' het jo nix z'biditte, de hätsch's ai ni' glich bruche z' schelte.
Un er verzeehlt:
    Wenn vum Prozeß no hiä un do gredt wurd,
So sinn wennig meh do, wo wisse, was es bidittet,
Wenniger noch, wu wiä ich diä Gschichte gsehn un erlebt henn.
Awwer vor Allem muäß i ich vum Freiheitsbriäf ebbis sage. -
Daß vor Zitte d' Stadt Lohr de Gerelseckern gheert het,
hawi ich schun emol gsait, un wil diä Burger vum Städli
Treu un ehrlig sinn gsinn, un vielmohl de Grafe henn gholfe,
het im Johr eintaused dreihundert un siwwenesiwwzig
Heinrich vun Gerelseck e Freiheitsbriäf ine-n-usgstellt,
In dem Briäf do steht: Mini liäwe Burger zue Lahre
Solle keine Stüre bezahle, as wu si sich selwer
Ufglegt henn; sie solle Gsetz un Ordnung verwalte
Derfe für sich un niämetz soll ene-n-ebbis drin rede;
Ewe so ai d' Polezei, - des miän err ich merke, n-ihr Kinder;
Nochert derfe sie ai de Roth un d' Burigemeister
Wähle-n-un diä Burger derfe nur wege Verbreche,
Un erscht nur wege schwere, verhaftet odder gar ihngsperrt
Were, un noch e menchi Freiheit het 'ne der Briäf genn;
S'leit awwer jetz nix dran, wenn err numme d' Haiptsache wisse.
"D' Burigemeister henn Err g'sait, es gitt jo nur Eine",
Sait jetz der Scherschili. "Sellemohls isch es ganz anderscht
Gsinn; denn viäri het mer als g'wählt. Vun dene-n-isch einer
Oberburigemeister, der zweit nur Burigemeister,
Stadtverrechner der dritt, un Schriwer vum Roth isch der viärt g'sinn."
    Jetz heert mer d' Thür gehn, un alli erkenne-n-am Gang schunn de Vatter.
Druße-n-awwer im Eere klopft er de Schnee vun de Füäße,
Rutscht si ab uf'm Sand, dernoh macht er d' Thür uf un lächelt:
"Schwähr! i haw Ich vum Freiheitsbriäf woll heere verzeehle.

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Die Schulden kommen vom Prozess, da haben wir noch eine Weile zu (ver)dauen. "Schäm Dich" sagte die Mutter Kinder tun das nicht - schon gar nicht die kleinen - steht es nicht an" "dabei zu stehen und mit zu hören, wenn ältere Menschen miteinander reden" Feuerrot wurde Liesel und sie bückte sich beschämt niederschauend. Großvater schaute zu Mutter als wolle er sagen: Hat ja nichts zu bedeuten - Du brauchtest nicht gleich zu schimpfen.
Und er erzählte: Wenn hier und da noch vom Prozess gesprochen wird sind nicht mehr viele (Menschen), die sich noch erinnern. Aber ganz wichtig! Vom Freiheitbrief muss ich berichten. Vor Zeiten gehörte Lahr den Geroldsecker Herrschaften -  hatte ich bereits gesagt und weil die Bürger Lahrs den Grafen treu und ehrlich geholfen hatten, hat im Jahr 1377 Heinrich von Geroldseck den Lahrern einen Freiheitsbrief ausgestellt.
Im Brief steht geschrieben: Meine lieben Lahrer sollen keine Steuern bezahlen - außer denen,  die sie sich selbst auferlegen. Sie sollen Recht und Ordnung verwalten. Niemand soll Ihnen dazu Vorschriften machen. Auch die Polizei - das müsst ich euch merken! - verwalten die Lahrer und den Bürgermeister dürfen sie selbst bestimmen.
Die Bürger dürfen nur aufgrund schwerer Verbrechen gefangen und eingesperrt werden und noch einige Freiheiten mehr versicherte der Freiheitsbrief. Wichtig ist, dass ihr die Hauptsachen kennt "Die Bürgermeister sagtet Ihr? Aber es gibt nur einen?" Sagte jetzt der kleine Georg - "Damals war das anders, denn vier wurden gewählt (antwortete Großvater). Einer war Oberbürgermeister, der zweite Bürgermeister, Stadtrechner wurde der dritte und Ratsschreiber der vierte."
Nun hörte man die Haustüre und alle erkannten die Schritte des Vaters. Unter dem Vordach klopfte er die verschneiten Schuhe ab. Er streifte die Schuhe noch auf dem Sand ab, öffnete die Türe und lächelte. Vater schnaubte und sagte: "ich hörte euch vom Freiheitsbrief sprechen.

- 3 -

Gluschtert hawi vor druß, un haw Ich jeds Wertli verstande.
Rede doch nix meh dervun, Err mache diä Kinder nur glüschtrig,
Un wenn si groß sinn, geht's 'ne wiä mir, si wäre verdriäßlig,
Daß si jetz, un nit vor hundert Johre schunn glebt henn.
Menchmol meini, i mecht vor Wueth us der Hutt erus fahre,
wenn i so bi mir selwer an selli Zitte due denke.
Sellemols hets doch e Mann ai noch zue ebbs könne bringe,
Het si nit s' ganz Johr mien schinde-n- un ploge für d' Stüre.
Hätte mer nurr no de Freiheitsbriäf, so stünde mer anderscht."
D' Mueder bschait ne, as wott si sage: Gell, hesch e Dippsli?
Awwer der Großvatter macht e bidenklig Gsicht un duet sage:
"Dochtermann, red Er nit so, Er het si ni' gsehn selli Zitte.
Menches glizzert vun Wittem, vun Nohdem ischs numme-n-e Scherwe!
Wohr ich's, d' Stüre sinn hart; doch sinn si, Er weiß es woll, nethig.
Un wer het de Nutze dervun, als s' Ländli un d' Burger?
Kumme si den vun geschtert erscht her? - Vor undenklige Zitte
Het mer Stüre bizahlt un wurd sie ai später bizahle.
Sait jo schunn vor fast zweitoiset Johre der Heiland:
Gebet dem Kaiser, was des Kaisers, un Gott gebt was Gottes!
Wohr ischs, d' Stüre sinn hart; doch d' härtschte sinn allemol selli,
Wu mer sich selwer bizahlt für Sache, wu gar nit sinn nethig.
Lueg Er, zue minne Zitte, do isch e-n-ordliger Burger
No der Nohmittagskirch am Sunndig mit Frai un mit Kindre
Nus ufs Feld, un wenn sie z'Owe heime sinn kumme,
Isch er ins Wirthshuus, dert het er e Scheppli trunke-n-ai zweeni,
Un e Bretschel gesse. - Wu het mer eine-n-am Währtig
Im e Wirthshuus gsehn, as minthalb wenn er dert Gschäfte
Ghet het? Nur diä allerrichste henn alle Tag Fleisch ghet
D'andre nurr ein- oder zweimohl s' Wochs un, versteht sich, am Sunndig.
Kummt mer jetz in e Biär- oder Wirthshuus, am Sunndig wiä Währtig,
Jä! do sieht mer nix vun böse Zitte-n-un schwere
Stüre. Mencher, wu dert schilt, könnt si alli bizahle,
Wenn er täglig nurr e Scheppli wenniger trinke
Däht; es blibdig ai villicht e Sümmli no üwrig.
Awwer i will do dermit nit sage mer soll nit in's Wirthshuus,

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Gelauscht habe ich von draußen und habe alle eure Worte verstanden. Erzählt doch nicht mehr von früher - das macht den Kindern nur Lust und sobald sie groß sind, geht es ihnen wie mir - sie verlieren ihre Lebenslust, weil sie jetzt leben und nicht vor 100 Jahren gelebt haben. Manchmal möchte ich vor Wut aus der Haut fahren,
wenn ich selbst an die alten Zeiten denke. Seinerzeit konnte es der Mann noch zu etwas bringen, musste sich nicht das ganze Jahr für Steuern schinden und plagen. Hätten wir den Freiheitsbrief noch - stünde es anders." Mutter schaute ihn an und fragte, ob einen Schwipps hätte? Großvater schaute nachdenklich und sagte: "Schwiegersohn sprich nicht so. Du hast sie nicht gesehen, jene Zeiten.
Vieles glitzert von fern - aus der Nähe sind es Scherben. Stimmt, Steuern sind hart aber sie werden benötigt, wie du weißt. Und wem nützt es - dem Land und den Bürgern? Zahlt man sie erst erst heutzutage oder nicht doch schon lange Zeiten? Man hat immer bezahlt und wird auch immer zahlen. So sagte doch schon der Heiland vor 2000 Jahren: Gebt dem Kaiser des Kaisers und Gott gebt was Gottes. Wirklich, Steuern sind hart - doch am härtesten sind jene, die man selbst für unnötige Dinge ausgibt. Schau, zu meiner Zeit hat ein ordentlicher Bürger am Sonntag nach der Kirche mit Frau und Kind einen Spaziergang auf's Land gemacht und nach der Heimkehr am Abend ging er zum Wirtshaus um ein Glas zu trinken - oder zwei.
Er hat Brezel dazu gegessen. Wo gab's das an einem Werktag? In's Wirtshaus gehen - es sei denn man hatte dort Geschäfte. Nur die Reichsten hatten täglich Fleisch zu essen - die andern nur ein- zweimal in der Woche und Sonntags. Kommt man heute ins Wirtshaus - Sonn- oder Werktags -  da sieht man nichts von bösen Zeiten und schweren Steuern. Ein mancher, der dort schimpft könnte leicht alles bezahlen, würde er täglich nur ein Glas weniger trinken.
Und immer noch bliebe noch ein 'Sümmchen' übrig. Damit möchte ich aber nicht sagen, man solle nicht zum Wirthaus gehen.

- 4 -

Nai! der Mann, wu si plogt het un gschunde, der derf sich erhole,
Nurr mit Maaß un Ziel, was driwwer, isch iww'ral vum Üwel.
Meint Er s' hätt gar nix z' klage genn in friäjere Zitte?
Meh as es jetz gitt! Hätt Er sellemols glebt, Er däht anderscht
Denke-n-un rede as jetz.- Vum Freiheitsbriäf sei Er gar still;
Denn diä Freiheite wu er het genn, diä hemmer jetz alli,
Un viel meh noch derzue. Denk Er numme-n-an d' Landständ,
Un an's Gschorenegricht, un an viel anderi Sache,
Wu mer jetz gar nit dran denke. Awwer des kann i em sage:
So e Briäf hemmer kriägt, der schönscht, wiä mer badisch sinn wore.
    Ball, wär er ifrig wore, kämdig nit d' Mueder un s' Lissel
Us der Kuchi erin, un brächde-n-im Vatter sin Esse,
Raimsupp un Andivisalat un gsalzini Rippli.
Guet henn si glebt; denn alle Sunndig z' Nacht henn si Fleisch ghet,
Dailmol ai an Wochetage-n-un v'rah wenn si gmext henn
Jetz geht der Vatter an Tisch, un d' Händ legt er z'samme-n-un bettet,
Un de schneewiße Mehlbriäs ziägt der Großvatter runter
Un duet mit em bette, wiä d' andere, Großi un Kleini.
S'gitt gottlob no Litt, wu vor em Esse dran denke!
Noh sitzt er hin un ißt, un s' Luwisli, s' kleinscht vun de Kindre,
Stellt si newe-n-e hin, un ball bschaits's de Teller, ball inne.
Wenn er e Gawel voll nin steckt, schluckts, as wott es em helfe.
Nächer ruckt's un sait, un luegt ne-n-an so barmherzig:
Vatter! gelle, wenn Err feerig sinn, derf i sell Beinli
Wu Err dert henn, abnage? Err lehn mer awwer ai Fleisch dran!
Jo! Du Rätsch! Jetz blib awwer riäwig un loß mi nur eße.
Aneweg hebt er'm e Mümvili hin, un uf sperrt's wiä d' Spätzli,
Wenn si d' Alte-n-ätze. Do loßt d' Mueder si heere:
"Giw em e Stückili Brod, es isch em ni' gsund, des fett Dings do."
"Ajo, s' isch mer gsund, un s' gschmeckt mer so guet", sait der Bicker.
Jetz were d' Große-n-ai kecker, un jedes bikummt sine Mumvel,
Bis nix meh do isch. - D' Mueder ruckt d' Schüßle-n-uf d'Sitt un de Teller,
Un der Großvatter räuschpert sich un duet witterscht verzeehle.

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Nein, wer sich schindet und fleißig arbeitet, darf sich erholen. Nur mit Maß und Ziel - darüber hinaus schadet überall. Glaubt ihr in früheren Zeiten gab es keinen Grund zu klagen? Mehr als heute. Hättest du damals gelebt, würdest du anders denken und reden und zum Freiheitsbrief sage besser nichts, denn die Freiheiten vom Brief haben wir heute ohnehin alle und viele noch dazu - denke nur an die moderne Verwaltung und an das Geschworenengericht und andere Dinge.
Dinge, an welche wir gerade nicht denken. Ich kann dir sagen: Einen Brief bekamen wir - den schönsten, wie Baden die Herrschaft übernahm. Er begann sich zu erregen, wären nicht Mutter und Liesel hereingekommen... aus der Küche und hätten Vater das Essen gebracht. Rahmsuppe und Endviensalat mit gesalzenen Rippchen. Gut lebten sie, denn jeden Sonntagabend gab es Fleisch -  teils auch an Wochentagen, zumal dann, wenn geschlachtet worden war. Jetz ging Vater zum Tisch und faltete die Hände zum Gebet. Die schneeweiße Mehlspeise zog Großvater zum Tisch. Er betete mit, wie alle andern - groß und klein - auch. Es gibt - Gott sei Dank - noch Leute, die vor dem Essen beten. Vater aß, und Luise die kleinste von den Kindern stellte sich neben ihn und schaute abwechselnd zum Teller und zum Vater. Sobald Vater eine Gabel zum Mund führte, schluckte sie mit, als wollte sie helfen. Sie kam näher und schaute den Vater liebevoll an. Vater, wenn ihr fertig gegessen habt, darf ich den Knöchel haben? Du lässt mir aber noch ein wenig Fleisch daran?
Ja, du Plagegeist - jetzt lass mich aber in Ruhe essen. Dennoch hielt er dem Mädchen einen Bissen hin und Luise machte einen spitzen Mund, wie junge Spatzen, welche die alten anbetteln. Da meldete sich Mutter: "Gib ihr ein Stückchen Brot - das fette Fleisch tut ihr nicht gut." "Doch, doch, es tut mir gut und schmeckt ausgezeichnet" sagte die Kleine. Die Großen wurden nun auch forscher und alle bekamen ihre 'Kostproben'. Bald war alles gegessen und Mutter rückte Schüssel und Teller beiseite. Großvater räusperte sich und begann zu erzählen:

- 5 -

Der Polizeiknecht

Gar nit lang noh em Herbst, im zweiesiwziger Johrgang,
Am e Zistig z' Mittag - es denkt mer noch, wiä wenns erscht geschtert
Gsinn wär - geht e Friäsemer Frai zuem Dinglingerthor nus.
Kuum isch si druß, so stürmt der Thurnschliäßer Kratt uf si heri,
Setz 're d' Bustol uf d' Brust mit großem Krakeele-n-un Schreie:
"Zoll bizahlt, liäderligs Pack! Err könne nurr bschiß'n-un bitriäge!"
Rißt 're-n-e paar Ehle Bändel, wu si bim Panifer kaift het,
Us em Korb erus. - Diä Frai duet johmre-n-un hihle:
"Han i dänn gwißt, daß mer Zoll mueß bizahle vun viär Ehle Bändel!"
Unter Schreie-n-un Hihle kummt si widder zuem Thor rin.
D' Nochbere laife z'samme-n-un s' gitt e meineidige-n-Umstand.
D' Frai schreit, der Kratt schreit, un kei Mensch weiß, was es bidittet.
Do kummt ai e Rothsherr derzue, wu ganz noth derbi gwhont het,
Un dem duet diä Frai de ganze Specktakel verzeehle.
"Sell isch wohr, so sait er, Zoll hätte-n-Err solle bizahle;
Des isch awwer im Stadtrath si Sach; was geht des de Kratt an?"
"Jä, s'geht mi an, schreit der, denn ich hab jo driwwer z' wache,
D' Stadt wurd nit umesunscht e Polezeiknecht bizahle!"
"Was! Polezeiknecht isch Er? Sitt wenn denn? Wemmer derf froge.
Wenn des wär. so müäßt i as Rothsherr doch ai ebbis wisse!"
"Ebb Er ebbs weiß odder nit, sell isch mer eins, awwer geschtert
Bin i's wore, un niämetz het mer ins Amt ebbis z' rede." -
Ganz verstuhmt luege d' Burger, wu drum stehn einer-de-n-and're
An un könne-n-ihre-n-eigene-n-Ohre nit troije.
Sitterher henn e paar Herre vum Roth d' Polezei als versehne,
Frilig zuem Beste grad nit; denn Klage het's genn iwwer Klage,
So daß d' Herrschaft bifehle het mien: mer soll doch ai Ordnung
Schaffe-n-im-Städtli, un d' Polezei ai besser verwalte.
Dorum henn der Stadtemann Rothbauer un d' Bur'gemeister.
Ohni de Stadtrath nur ai z' froge, odder de-n-Uschuß,
Glich e Stadtpolezeiknecht gmacht, un de Kratt derzue g'numme.
Des isch emol e Fehler vun ene gsinn, un kei kleiner;
Denn diä Burigemeister hätte woll könne wisse,

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Der Polzizeiknecht

Nicht lange nach dem Herbst 1772 an einem Mittag - in meiner Erinnerung, wie gestern Schritt eine Friesenheimerin das Dinglinger Tor hinaus. Kaum draußen, stürmte Turmwächter Kratt auf sie zu und setzte ihr mit großem Geschrei seine pistole auf die Brust. "Zoll bezahlen - Lumpenpack - Ihr könn nur betrügen." Reisst ihr ein paar beim Kaufmann Panifer gekaufte Stricke aus dem Korb und die Frau jammerte und heulte: "Konnte ich wissen, dass man für vier Stricke Zoll zahlen muss?" Weinend und klagend kam sie durch's Tor zurück. Die Nachbarn liefen zusammen und die Umstände blieben zu klären.
Die Frau schrie - der Kratt schrie und niemand wußte warum. Hinzu kam ein Rathsherr, welcher in der Nähe wohnte und die Frau erzählte ihm die Geschichte. "Stimmt, sagt dieser. Zoll hättet ihr bezahlen sollen. Das ist aber Angelegenheit des Stadtrats, worüber ich wache - was geht das den Kratt an?" "Selbstverständlich geht mich das etwas an - meinte Kratt - ich habe aufzupassen." "Die Stadt wird nicht ohne Grund einen Polizisten bezahlen." "Was? Polizist bist du - seit wann das denn? Wäre das der Fall, müsste ich als Rathsherr wohl davon wissen." Ob ihr's wisst oder nicht ist mir gleich - aber - seit gestern ist das so und niemand redet mir in mein Amt." Erstaunt schauten die Bürger einander an und trauten ihren eigenen Ohren nicht.
Seither war die Stadt zuständig für die Polizei. Nicht zum Besten. Es gab Klage über Klagen - so, dass die Herrschaft zur Ordnung aufforderte und die Polizei sollte besser organisiert werden. Deshalb entschieden Stadtrat Rothbauer und der Bürgermeister ohne Ausschus oder den Stadtrat zu fragen, eine Polzisten zu ernennen und nahmen dazu den Kratt. Das war allerdings ein Fehler und zwar kein kleiner. Denn die Bürgermeister hätten wissen können...

- 6 -

Daß mer si lang schunn g'haßt het, un nurr uf e Glegeheit gwartet.
Willig het einer vun ene gheiße-n-un Griesbach der ander.
Diä sinn emol für's Erst ganz noht mit enander verwandt gsinn;
Denn e zuebrochti Dochter vum Willig het der Griesbach zuer Frai ghet.
No het der Griesbach ai e Vermeege-n-in Kurzem erworbe,
Un mer het em nohg'redt, s' Städtli hätt er drum bschummelt.
Allg'mein het mer ai glaibt, sie hätte meh zue der Herrschaft,
As zue de Burgere g'halte, un d' Letschtre verächtlig bihandelt.
Dozue isch no kumme, daß si wege-n-em Stempel,
Dene grad vorheri d' Herrschaft het infüehre welle
E Vertrag gschloße hätte, so wiä ai wege-n-em Ablos,
Wer 'ne-n-unterhalte soll, zuem Schade der Burger.
Sell isch awwer nit wohr; denn dohn henn si, was si henn könne.
Kurz, mer het si ewe nit meege-n-un drum isch diä Gschicht do
Mit em Kratt un der Friäsemer Frai gar viele verdwünscht gsinn.
Einer het sie im andre verzeehlt; un schnell wiä e Laiffiir
Isch si im Städtli ru kumme-n-un glich am andere Mor'ge
Sinn zeh Burger uf s' Rothhuus gange, um sich z' bischwere.
Dreimol henn si si melde lehn, un dreimol het's gheiße:
S' sei jetz kei Zitt zue dem, mer soll am e-n-ordlige Rothstag,
Wu jo jeder kenne däht, kumme, wemmer will klage.
Do dermit henn si sich awwer gar nit abspise losse.
Nai; si gehn nihn. - Mit Schelte will si der Stadtemann jage;
S' nutzt awwer nix, si bliwe stehn, un Einer duet sage:
"Mini Herri-n-Err were schun wisse, wurum as mer do sinn;
Denn vun de geschtrige Gschichte henn Err woll gheert, wiä mir Alli.
Do, der Polezeiknecht - mit dem simmer nit z'friede,
Nai! - d' Polezei isch Allen-n-erecht, nur awwer der Kratt nit.
Er isch kei Burger vun Lohr un weiß nit e Burger z' bihandle,
Bsunders e Mann wiä der, wu mer kennt as e Grobian un Pflegel,
Un, des weiß jo e Kind, e Thurnschliäßer isch ni' ganz ehrlig." -
Was des heiße soll, des wiß'n Err gottlob nit, ihr Kinder.
Vordem het mer als glaibt, e Gschäft könnt e Mensche verschände.
So het mer Henker odder Schinder für unehrlig ghalte;
Niämetz het mit ene gredet; odder isch zue-n-ene gseße

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...dass sie schon lange verhasst waren und nur auf ein Gelegenheit gewartet wurde. Willig hieß der eine und Griesbach der andere. Zuerst wichtig! Diese zwei waren Verwandte, denn eine Stieftochter Willigs hatte Griesbach geheiratet und Griesbach hatte rasch ein Vermögen erworben und man sagte ihm Korruption nach. Im allgemeinen hatte man den Verdacht, dass sie eher zur Herrschaft denn zur Bürgerschaft hielten und die Bürger hochmütig behandelten.
Auch kam noch hinzu, dass sie wegen eines Stempels, welchen die Herrschaft jüngst einführen wollte, einen Vertrag abgeschlossen hätten und auch eine Begünstigung ausgehandelt.. hätten, und wer diese zum Schaden der Bürger auszuhandeln habe. Was nicht gerade der Wahrheit entsprach, denn bemüht hatten sie sich schon. Man mochte sie einfach nicht und deshalb kam die Geschichte mit dem 'Polezei' Kratt und der Friesenheimerin gerade recht
Einer erzählte dem andern und schnell wie ein Lauffeuer... ...ging die Geschichte durch die Stadt und am nächsten Morgen sofort... ...gingen 10 Bürger zum Rathaus, um sich zu beschweren. Dreimal mussten sie sich sich anmelden und dreimal wurde gesagt: es wären keine Termine verfügbar und man solle am Tag der Rathsitzung, welcher ja bekannt sei wieder kommen, wenn man klagen möchte. Damit konnten die Bürger nicht abgefertigt werden. Sie drangen in das Rathaus und mit Geschimpfe wollte sie der Stadtschreiber hinauswerfen. Die Bürger aber blieben standhaft und einer von ihnen sagte: "Meine Herrn, sie werden wissen, weshalb wir hier sind. Die Geschichte von gestern ist ihnen sicher so bekannt, wie uns allen. Mit dem Polizisten sind wir nicht zufrieden. Polizei ist schon in Ordnung - aber - nicht der Kratt. Er ist kein Lahrer und weiß auch nicht, wie man Lahrer behandelt. Man kennt Kratt als Grobian und Flegel. Und jedes Kind weiß, daß Turmwächter nie ganz ehrlich sind."
Was das nun bedeutete, sagte Großvater, das wisst ihr - 'Gott sei dank' - nicht Kinder. In alten Zeiten glaubte man, eine Arbeit könne den Charakter verderben. So wurden Henker und Foltersknechte für unehrliche Leute gehalten. Niemand sprach mit ihnen und niemand saß zu ihnen.

- 7 -

Jetz isch mer iwwer des nus, un weißt, daß kei Gschäftli e Schand isch.
Frilig gitt's ai no Litt, mer meint si dähte si schemme
Ebbis Nützlig's z' duen, s' isch awwer ihr eigenaer Schade.
S' Schaffe-n-isch weger kei Schand, un schemme mueß si, wer nix duet. -
Numme so newez heri haw i Ich des welle sage. -
Kuum het er gschwiege, so fangt der Griesbach an gruuslich z' schimfiere:
"Was! Ihr Reweller! Wisse-n-Err nit, daß es d' Herrschaft bifohle?
Ebbs Euch gfallt, odder nit, was hemmer do dernoh z' froge.
Packe-n Ich numme furt, sundcht könnt's Ich, mi Seel, no reie." -
Si awwer nit, si henn ihre Müüler ai lehn spaziäre,
Henn ene mencherlei ufg'rupft, nit mit de höfligste Worte.
Gar nit viel wurd fehle, daß si enander ball däscht henn.
Do fangt der Rothbauer an: "Potz! wenn e Err ich glich jetz nit packe,
Wisse mer was mer z' duen henn, mer duen ich bim Fürste verklage."
Des het endlig battet, sie were uf eimol jetz glihmer,
Kratze sich hinter de-n-Ohre, draije sich um un gehn witterscht.
Awwer der Stadtemann het, nit fuul, sin Drohung ai g'halte.
Heidebritsch huckt er hin, un duet der Herrschaft birichte.
Recht arg, denk i, het ers g'macht; denn gar nit lang nohher
Kummt e Schriwes vun unte-n-eruf, no dem alli zehni
Um zeh Daler, e jeder vun de Burgre soll gstroft sinn.
Jetz isch's erscht letz gsinn; des het im Faß de Bode-n-us g'schlage.
Alles het si empeert, un z'meist iwwer d' Burigemeister.
"Sinn des Vätter der Stadt, wu d' Buriger so rungeniäre!
Nai! des lide mer nit, un jetz mueß es anderschter were."
Glich henn sich d' Burger versammelt, un usg'macht, daß si e Klagschrift
Gege de Stadtemann un gege d' Burigemeister
An de Fürste schicke welle-n-un henn e Notari
Kumme lehn, vun Offeburg, de Leuttner het mer ne gheiße.
Der het Buriger uf der Post in Friäs'ne vereidet,
Un e förmligi Klagschrift ad Serenissimum abg'schickt.
Diä het der Stadtemann zruck g'schickt kriägt, er soll si vertheid'ge.
Hätt er's glich dohn, er hätt menche Specktakel könne verhüete.
Doch dene zehne het mer in Gnade-n-ihr Geldstrof erloße.
Mittlerwihlscht sinn awwer d' Burger ai nit riäwig do gseße.

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Heute ist man weiter und weiß, dass keine Arbeit zu verichten eine Schande ist. Selbstverständlich gibt es auch Leute, man könnte meinen, sie schämen sich, etwas nutzvolles zu verichten - dies ist allerdings zu ihrem eigenen Schaden. Zu Arbeiten ist keine Schande und schämen muss sich, wer nichts arbeitet." Nur so nebenher, wollte ich das betonen.
Kaum kam er zur Ruhe, begann der Griesbach fürchterlich zu schimpfen "Wie! Ihr Aufständler - wisst ihr nicht, dass die Herrschaft befohlen hat? Ob es euch gefällt oder nicht - warum sollten wir euch fragen? Macht euch jetzt fort, sonst könntet ihr - ganz ehrlich - euer Verhalten noch bereuen." Taten sie aber nicht. Sie maulten alle weiter. Machten weiter Vorwürfe und dies nicht mit freundlichen Worten. Es fehlte nicht viel und sie hätten sich geschlagen. Da begann Rothbauer mit den Worten: "Hört! Wenn ihr euch jetzt nicht davon macht, wissen wir, was zu tun ist. Wir werden euch beim Fürsten verklagen." Das wirkte, die Aufgebrachten wurden ruhiger. Sie kratzten sich hinter den Ohren, drehten sich um und gingen. Aber der Stadtschreiber - nicht faul - hielt seine Drohung ein. Da setzte er sich doch tatsächlich hin und schrieb einen Bericht an die Herrschaft. Heftig, meine ich, hatte er berichtet, denn nicht viel später kam ein Schreiben aus der Herrschaft, nach welchem alle zehn Aufrührer bestraft - jeder mit zehn Taler Buße - wurden. Nun verschlechterte sich der Zustand erst recht. Das hatte dem 'Fass den Boden ausgeschlagen'. Alle (Bürger) empörten sich - in erster Linie über die Bürgermeister. "Nennt man die 'Stadtväter', die welche ihre Bürger unterdrücken und drängen?  Nein, das akzeptieren wir nicht und das muss jetzt anders werden."
Sogleich hatten sich die Bürger versammelt und vereinbart, dass sie eine Klageschrift gegen den Stadtschreiber und die Bürgermeister an den Fürsten schreiben wollten und bestellten einen Notar, welcher Leuttner hieß und aus Offenburg kam. Dieser vereidigte die Bürger auf der Post in Friesenheim und schickte eine förmliche Klage 'an den Landesherrn'. Diese ging an den Stadtschreiber zurück, welcher sich verteidigen sollte. Hätte er die Klage beantwortet - manche Eskalation hätte vermieden werden können. Den zehn Aufständischen wurde die Strafe erlassen. Zwischenzeitlich hatten aber die Bürger nicht in Ruhe verharrt.

- 8 -

Menchi Versammlung henn si ghalte-n-un drinne bischloße,
Daß si diä zwei Burigemeister absetze welle,
un für ewigi Zitte-n-us em Stadtrath verbanne.
Unter alle henn zwei, der Kaifmann, der Heinerich Meurer
Un der Bäcker, der Johann Kreß, sich am thätigste b'numme.
Vielmol sinn si bi Nacht vun eim Huus zuem andere gange,
Henn mit de Burgere g'schwätzt un henn si wisse z' birede,
Daß si 'ne zuegsimmt henn, un d' meiste henn zue-n-ene ghalte.
Mittlerwihlscht isch der Stadtemann Rothbauer als no nit feerig
Mit der Verantwortung gsinn, un der Wahltag isch kumme. -
    "Mueder, lueg, wiä s' Luwisli schloft! Geh, leg's in si Nestli,
S'keit sunst runter vum Stuehl; ai der Scherschili macht großi Aige.
Denki woll, Schwähr, Err heere jetz uf un verspare's uf mor'ge."
"Morige-n-isch awwer Mähndig, do mien jo d' Spinnräder schnurre,
Un err wisse jo, mein i, daß mer s' lutt Rede bischwerlig
Fallt." - "O Mueder, sait der Schang, err könnte-n-ebbs anderschts
Schaffe; bis zum Sunndig, do weiß mer jo nix meh vun allem,
Was der Großvatter verzeehlt het. Gelle-n-awwer err stricke?"
"Ha, mer welle sehn, sait d' Mueder, wenn err recht brav sinn.
So, jetz gehn err in's Bett, vergeße-n-awwer nit z' bette." -
S' Lissel nimmt s' Klein uf de-n-Arem un trait's nihn in si Kammer;
D' Buäwe sage guet Nacht un suäche-n-ihr Bett uf der Bühni,
Denn vun Kindesbeine-n-an henn si im Kalte mien schlofe.
Des isch so Bürschtlene gsund un si lehre-n-ai ebbis vertrage,
Un s' isch de Kindre nix nutz, wemmer si jung duet verpflähmle.
Gwöhnt mer si jung schunn hart, so sinn si im Alter no kräftig.

Der erste Wahltag

Mähndig z'Owe isch's gsinn, un friäjer as sunscht henn si gesse,
D' Buäwe henn sogar im Maidli s' Gschirr helfe wäsche.
Alli sitze-n-um de Tisch un jed's het e-n-Erwet.
"Jetz, Großvatter, simmer feerig, Err könne verzeehle."
Un er fangt an: - "Am e Zistig e Morge, zwei Tag vor em Krischttag
Steht der Burigemeister Willig bidenklig am Fenster.
Trüäb isch's g'sinn, un d' Berig henn d' Newelkappe no ufg'het,

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Viele Versammlungen wurden abgehalten und darin beschlossen, die beiden Bürgermeister abzusetzen und auf ewige Zeiten aus dem Stadtrat zu verbannen. Unter allen hatten sich zwei - der Kaufmann Heinrich Meurer und der Bäcker Johann Kreß am eifrigsten engagiert. Oft zogen die beiden bei Nacht von Haus zu Haus, sprachen mit den Bürgern und wußten, sie zu überzeugen. Sie gewannen ihre Zustimmung und ihren Rückhalt.
Mittlerweile hatte der Stadtschreiber Rothemann das Schreiben noch nicht beantwortet. Aber der Wahltag näherte sich. "Mutter schau - wie Luise schläft. Lege sie doch in ihre Wiege. Sie fällt noch vom Stuhl und Georg macht auch große Augen. Ich denke wohl, ihr hört jetzt auf und verschiebt euer Gespräch auf morgen." "Morgen ist aber Montag, da müssen die Spinnräder laufen und ihr wisst auch, dass mir lautes Reden schwer fällt." "Oh Mutter sagte Hans du könntest auch etwas anderes arbeiten bis nächsten Sonntag wissen wir ja nichts mehr von den Erzählungen (Großvaters). Könntest du nicht noch stricken?" "Wir wollen sehen, vieleicht, wenn ihr recht brav seit. So, jetzt geht ihr in euer Bett und vergesst nicht zu beten." Liesel nahm die Kleine auf den Arm und ging zur Kammer. Die Jungs sagten gute Nacht und suchten ihr Bett auf dem Dachboden. Von Kindesbeinen an mussten sie auf dem Dachboden schlafen. Das tat den Jungs gut und härtete sie ab. Es ist für Kinder nicht gut, wenn sie verwöhnt werden. Wenn sie aber in der Kindheit abgehärtet werden, dann bleiben sie auch im Alter widerstandsfähig.

Der erste Wahltag

Es war Montag Abend und sie aßen früher, wie gewöhnlich. Die Jungs halfen sogar den Mädchen beim Geschirrspülen. Alle saßen um den Tisch und jeder hatte eine Arbeit. "Jetzt Großvater, sind wir fertig und du kannst uns erzählen." Und Großvater begann: - "An einem Dienstag Morgen, zwei Tage vor Weihnacht steht der Bürgermeister Willig nachdenklich am Fenster. Ein trüber Tag und über den Bergen schwebte noch der Nebel.

- 9 -

Un von Zitt zue Zitt isch e Krabb vum Allvatter niwwer
G'floge zuem Burget un heiser: rab, rab, rab! het er g'schroije,
Grad as ob er gwißt hätt, was in der Stadt drinn soll vorgehn.
Trüäwer un finschterer awwer as s' Wetter isch no der Willig,
Un de Schneeflocke luegt er no as wott er si zeehle.
Jetz kummt si Frai un bringt em de Rock un d' Barrick un sin spanisch
Rohr mit em silwrige Knopf, un sait zue-n-em:" Vatterli, kumm jetz,
Ziäg di an, s' wurd Zitt sinn; denn es het s' Ander schunn g'litte."
Wiä er si umdraiht, sieht er de Bäcke-Kreß d' Stadt eruf kumme.
Do stolziärt er derher, im e hechtgraie Rock un so Hose;
S' Brusttuech ich vun der nemmlige Farb, un e silwerigs Bittschaft,
An ere silwrige Kett, duet em am Uhresack bamble.
D' Stroße, meint mer, sinn em z' eng, so duet er si schpreize.
Wiä er verbei geht, b'schait er de Willig un denkt nit an's Grüäße.
Nai! dran denke duet er villicht, er duets nurr mit Fliß nit,
Macht em e grimmigs G'sicht un watschelt nuf in de Löwe,
Wu sich diä, wu gege de Willig sinn gsinn un gege de Griesbach
Als versammelt henn, wil grad dervun niwwer der Meurer
Gwohnt het. Jetz loßt zornig der Burigemeister sich heere:
"Geh nur, hochmüäthiger Bäck! Es soll ich awwer nix nutze,
All des Giduens un Rennes, i kann ich de Meischter no zeige.
Meine-n-err denn in's Bockshorn loßt si unsereins jage?
Wüßte-n-err numme, was mer der Amtmann erscht geschtert noch g'sait het,
Euer Hochmueth däht ich vergehn, un eueri Nase
Dähte-n-err nit so hoch, wiä d' Gäns, wenn's regne duet, trage." -
Wihl er so red't, so ziägt er si an, und jetz isch er feerig.
S' Gsangbuech gitt em si Frai noch, mit emme sammet'ne-n-Ihnbund
Un zwei silwrige Schlößli. Wiä er e Hochzitter mit 're
Gsinn isch, het si em's gschenkt, s' isch sellemols so der Gibruch gsinn,
Un er het's nurr an hoche Fiirtige g'numme. Jetz bschait er's,
Bschait si Frai, as wott er si froge: "Was het des z' biditte?"
"Lueg, so sait si, wiä i der's gschenkt hab, dert hesch mi liäb ghet,
Dohn hättsch sellemols gar nix, was mi hätt könne bitrüäwe,
Allemol, wenn de's bisder hesch g'het, so het's mer so g'schiene,
As ob selli Zitt der widder vor Aige dät schwebe,

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Und von Zeit zu Zeit flog ein Rabe vom Altvater (Lahrer Anhöhe) hinüber zum Burghard (Lahrer Anhöhe) und schrie heiser rab, rab, rab gerade so, als hätte er gewusst, was in der Statt vor sich ging. Trüber und finsterer wie das Wetter war Willig's Stimmung. Er schaute den Scheeflocken nach als wollte er sie zählen. Jetzt kam seine Frau und brachte ihm Jacke und Hut und seinen spanischen Gehstock mit dem silbernen Knauf und sagte: "Väterchen komm jetzt ziehe dich an, es wird Zeit, denn es hat bereits geläutet." Wie er umdrehte sah er den Bäcker Kreß die Stadt herauf laufen. Dieser stolzierte in einem hechtgrauen Anzug, einem Brusttuch in gleicher Farbe und Silberschmuck hing an der silbernen Uhrenkette aus der Uhrentasche. Die Straße schien zu eng zu sein, so breit, wie er daherlief. Wie er vorbeiging schaute er zum Willig - ohne Gruß. Vielleicht dachte er an einen Gruß, unterließ diesen aber absichtlich. Er machte ein zorniges Gesicht und lief hoch zum Löwen.
Dort wo sich jene, welche gegen Willig und Griesbach Partei ergriffen, trafen, weil gegenüber der Meurer wohnte. Jetzt ließ sich der Bürgermeister zornig hören: "Lauf nur, hochmüthiger Bäcker, nutzen wird es dir nichts. Dein ganzes Tun und Gerenne, ich werde euch noch zeigen, wer der Meister ist. Glaubt ihr denn, wir lassen uns in das Bockshorn jagen (Angst machen lassen)? Würdet ihr wissen, was mir der Amtmann gestern noch sagte... Euer Hochmut würde Euch vergehen und Ihr würdet die Nase... nicht so hoch tragen, wie die Gänse bei Regen. Wie er so dachte, zog er sich an und war nun fertig.
Seine Frau gab ihm das Gesangbuch im samtenen Einband... und mit zwei silbernen Schließen. Als Bräutigam... hatte sie's ihm geschenkt, wie es damals der Brauch war. Und er hatte es nur an hohen Feiertagen getragen. Er schaute das Buch an, beschaute seine Frau, als wolle er fragen: "Was soll das bedeuten?" "Schau, sagt sie, als ich es dir schenkte, liebtest du mich noch. Du hättest seinerzeit nichts getan, was mich traurig stimmt. Immer dann, wenn du das Buch wieder genommen hattest, schien es mir, als würde Dir jene Zeit wieder vor Augen schweben.

- 10 -

Zärtliger bisch dert als gsinn, sell loß i emol mer nit nemme.
Dodrumm haw i der's genn. No niä isch's so nöthig wiä hitt g'sinn,
Daß de-n-an di Frai un dini Kinder duesch denke.
Wochelang bisch schunn so finster, so grumslig; mer mueß si schinniäre
Numme-n-e Sterweswörtli mit der z' rede, de schnurrsch glich.
Hitt, so denk i mer's, geht's uf em Rothhuus buntiwweröx her;
Schweri Wörtli were dert falle, vun hiwwe-n-un driwwe,
Loß di's awwer nit keie, blib riäwig! Was welle si mache?
Hesch de nit s' Wort vum Amtmann: es soll si nix nutze!
Schelte si ai, so schwig un due nit in's Wefzenest stupfe;
Loß di vum Zorn nit üwwernemmme.- Gell de versprichsch mer's?"
"Jo, i versprich der - awwer meh nit as i kann halte,"
Brummt er, un geht. Es wartet der Stadtbott schunn e guet Wihli
Uf ne-n-im Hof, in der rothe Muntur, mit em Dambermajorstock.
Gravedetisch geht der, wiä sisch's g'geehrt, vor em heri
Bis zuer Kirich, wu der Burigemeister in d' Rothssthüehl,
Un der Bott in sine Stuehl am mittlere Dohr geht.
Vierhundert drei e fufzig im alte nassaische Gsangbuech
Het mer g'sunge-n-un iwwer de Tegscht: So e Land mit sich uneins,
Un so witterscht, err kenne des G'sprüchli, err henn's in der Schuel glehrt,
het der Spezial Müller kräftig un ihndringlig predigt,
Leider awwer nurr daiwe-n-Ohre, denn gifdigi Aige
Henn die Burger de' Rothherre g'macht un selli de Burg're.
Wenn in gar nix sunscht, so sinn si dodrin doch einig
Gsinn, un daß es keiner vun alle het könne verd'warte,
Bis er Ame het gsait. I wottig hitt no druf wette,
S' het vum Bette keiner ebbs gheert un keiner vum Seege. -
Jetz isch endlig d' Bettstund us, un der Bott macht s' groß Dohr uf
Stellt si mittle dervor un wartet uf d' Burigemeister.
Hinter dene kumme d' Rothsherre-n-un dernoh d' Burger.
So geht's langsam furt, bis zuem Stockbrunne vor der Großmetzig.
Dert stehn alli im Ringe-n-erum un mittle der Stadtbott,
Der rieft lutt: "Es isch de Lohrer Burgre z' verkünde,
Daß, wil hitt der Wahltag isch, sich alli am elfi
Uf em Rothhuus zue dem Wähle-n-ihnfinde solle,

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Zärtlicher warst du seinerzeit, da bin ich mir ganz sicher. Und deshalb gab ich dir's (Das Gesangbuch). Noch nie brauchtest du es so sehr, wie heute. Damit du auch an deine Frau und Kinder denkst. Wochenlang schaust du schon so finster und griesgrämig. Man geniert sich schon... dich nur anzusprechen - gleich schnauzt du zurück. Heute, denke ich, wird es auf dem Rathaus tumultartig zugehen? Heftige Worte werden wechseln - von jeder Seite. Falle bitte nicht aus dem Rahmen bleibe ruhig. Was wollen sie dir schon anhaben? Hast du nicht das Wort vom Amtmann, das es ihnen nicht gelingen wird? Auch wenn sie schimpfen, bleibe ruhig und trete in kein 'Wespennest'. Lass' dich vom Zorn nicht übermannen. Versprichst du das?"
"Ja, ich verspreche aber nicht mehr, wie ich halten kann." Brummte er und ging - draußen wartete der Stadtdiener schon geraume Zeit... in roter Uniform mit Tambourmajorstock. Majestätisch, wie sich's gehörte, ging dieser nun vor ihm her. Bis zur Kirche, wo der Bürgermeister den Ratsstuhl, seinen Stuhl am mittlerin Tor nahm. Seite 453 im alten Naussauischen Gesangbuch wurde gesungen mit den Worten: So ein Land mit sich uneins..." und so weiter - ihr kennt die Ferse - die habt ihr in der Schule gelernt... predigte der Stadtpfarrer Müller kräftig und eindringlich. Leider nur tauben Ohren, denn mit giftigen Blicken, sahen sich Bürger und Ratsherren an. Wenn auch in nichts anderm - so war man sich darin einig und niemand konnte noch lange warten bis das Amen gesprochen war. Noch immer würde ich wetten, ...weder Gebet noch Segen wurde von ihnen gehört.
Schließlich war die Betstunde zuende und der Gemeindediener öffnete das große Tor. Er stellte sich in die Mitte davor und wartete auf den Bürgermeister. Hinter diesen liefen die Ratsherren und dahinter die Bürger. So führte die Prozession weiter bis zum Stockbrunnen bei der Stadtmetzgerei. Dort standen alle in einem Kreis - in der Mitte der Gemeindediener. Dieser rief laut aus: "Den Lahrer Bürgern ist zu verkünden, dass, weil heute Wahltag ist, alle Bürger um 11:00 Uhr   zur Wahl ins Rathaus kommen sollen.

- 11 -

Un mer erwartet vun jedem e-n-ehrbar, vernünftig Bitrage.
Z' Owe am viäri kriägt jeder si Moos un si Laiwli."
Mit dene Worte lupft er de huet, des heißt: Des isch Alles.
"Sage, Großvatter, was heißt des: Jeder si Moos un si Laiwli?"
Frogt jetz der nasewihs Schang. Un der Vatter sait: "Wenn als e Wahltag
Sellemols z' Lohr isch g'sinn, het jeder Burger e Laiwli
un e Moos Wihn us em Rothskeller kriägt. Sell liäßi mer mir an
Gfalle, wenn's no so wär, denn hittigstags gitt's jeh bi Zitte
So e Wahl. Do kämde-n-ai alli, mer brücht si nit z' zwinge.
Jetz awwer halsch di' Muul. Zei wiä Schwähr, verzeehle jetz witterscht."
    "Elfi schlächt's un es stehn schunn alli im Rothssaal.
Do steht der Stadtschriwer uf, un wiä's schunn lang der Gibruch isch,
Liest er ne lutt de Freiheitsbriäf vor un bidächtig.
Kuum isch er feerig, so tritt der Meuerer uf, un duet sage:
"Was do ewe verlese-n-isch wore, des hemmer vernumme,
Awwer des isch jo der Freiheitsbriäf nit, s' isch numme-n-e-n Abschrift.
Abschrifte welle mer nit, mer well' ne-n-in originali,
Mit de Siegle sehne, des heißt, wenn er no do isch.
S' gehn in der Stadt so mencherlei G'redd, er wär niänez z' finde,
Dorum welle mer Gwißheit han, ihr Herre, err miän ich e zeige."
"Wurum sott er nit do sinn? Im Stadtarchiv drunnte leit er,
Sait jetz riäwig der Willig, er nimmt si ordiglig z'samme,
Awwer was welle-n-err mit? Es kann e jo niämetz meh lese.
Wer versteht denn diä Sproch, wu mer g'redt het un sellemols gschriewe,
Wu er usg'stellt isch wore? Sell weiß i, vun eich emol keiner."
"Eiduen! Schreit jetz der Kreß, mer welle-n-e halt emol sehne!
Un der Willig: "Deswege simmer jetz nit bi enander.
Kumme-n-e-n andermol heri, es kann dernoh ebber mit ich
Nunter in d'Stadtschriwerei. Jetz loße's, sunscht wer' mer nit feerig."
Kuumm het ers g'redt, so geht's los, un Alles schreit durchenander:
"Des sin liädrigi Streich! - Mer loße-n-ich nit so balwiäre! -
Was! err henn ich verrothe! - Err henn e der Herrschaft usgliefert!-
S' Städtli henn err verkaift, wiä unsre Heiland der Judas!
Schneckedänz sinn des, fuuli Fisch! Jetz glich mueß er heri!
Meine-n-err denn mer sinn so dumm, ihr dunder schlächtigi Kaiwe!"

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von allen wird ehrenvolles, vernünftiges Verhalten erwartet. Gegen vier Uhr abends erhält jeder einen Wein und ein Brot." Mit diesen Worten hob der Gemeindediener seinen Hut - das war alles. "Sagt, Großvater was heist das: 'jeder si Moos un si Laiwli?'" Wollte jetzt der naseweise Hans wissen und Vater sagte:"An einem Wahltag    damals in Lahr, hat jeder Bürger ein Brot    und ein Glas Wein aus dem Ratskeller bekommen. Was mir auch gefallen würde,    wäre das heute noch so, denn heute wird oft gewählt. Zu so einer Wahl kämen alle - zwingen müsste man keinen. Jetzt bin ich aber still. Wie schwer mir das auch fällt - erzähl nun weiter" (zum Großvater).
"Zum Glockenschlag um elf Uhr stehen alle im Saal des Rathauses. Da erhebt sich der Stadtschreiber und - wie lange schon Brauch -  liest er laut und würdevoll den Freiheitsbrief vor. Kaum kam er zum Ende, trat Meurer vor und sagte:" Was gerade verlesen wurde, haben wir vernommen. Aber das war ja nicht der Freiheitsbrief - es war nur eine Abschrift. Wir wollen keine Abschrift. Wir wollen das Original. Mit den Siegeln, falls noch vorhanden. In der Stadt gehen Gerüchte, das Original sei nicht mehr zu finden. Wir wollen Gewissheit - Ihr Herren - ihr müsst das Original zeigen." "Warum sollte er nicht mehr da sein? Im Stadtarchiv liegt er. Sagte dann ruhig Willig, der sich ordentlich zusammen nahm. 
Aber was wollt ihr damit? Das kann ohnehin niemand lesen. Wer versteht denn die Sprache, die seinerzeit gesprochen und geschrieben wurde, als man ihn ausstellte. Das ist mir klar - von euch keiner." "Verflucht" - schrie jetzt der Kreß - wir wollen ihn jetzt eben sehen! Und Willig antwortete: "deshalb haben wir uns nicht versammelt." Kommt ein andermal, dann kann jemand mit euch  hinunter zur Stadtschreiberei gehen. Lasst das jetzt sein, sonst kommen wir nicht zuende." Kaum hatte er gesprochen, ging der Tumult los und alles schrie durcheinander:" Das sind schlechte Streiche! Wir lassen uns nicht ruhigstellen. Was! Ihr habt euch verraten! Ihr habt ihn der Herrschaft übereignet! Das Städtchen habt ihr verraten (verkauft)! Wie Judas unseren Heiland. Schneckentänze sind das, faule Fische! Sofort muss er (der Brief) hier her! Meint ihr denn, wir sind so dumm ihr verruchtes Pack!"

- 12 -

So geht's furt. Wer am ärgste brüält, der meint, er sei Meister.
Keiner heert, was d' Andere sage, kuum was er selwer
Sait. Jetz steht e Rothsherr un sait ebbis mihslig zuem Willig.
Der redet z'erscht mit em Rothbauer un dernoh mit em Griesbach.
Diä riäfe no eme Rothsherre her, un ball sinn si einig.
Do steht der Willig uf un winkt, daß si s' Muul solle halte.
Lang het's duurt, bis es riäwig isch gsinn, grad wiä bim e Wetter,
Wu mer lang noch dundre duet here, hinter de Berge,
Un wu's nurr alsgmächlig still un riäwig duet were.
"Wil err abselut de Freiheitsbriäf welle sehne",
Sait der Burigemeister, "so solle zween Herre vum Roth do
Mit em Stadtschriwer nuntergehn, un solle-n-e hole,
Wil er denn meine-n-err sei nimmi do. Nu, sinn err so zfriede?"
"Jo, awwer erscht wenn er do isch", schreit do der Hafner, der Lüttich.
Menchem awwer bobbelt s' Herz, wu vorher het gscholte.
S' könnt, der Dunderschiäß, so denkt er, mi Seel erscht no wohr sinn,
Daß er no do isch, do kämdi bigost in e suufer Gschlamassel!
Mittlerwihlst sinn diä furt. Un a paar stehn fürri ans Fenster,
Daß si glich juwliäre könne, wenn si mit leere
Hände widder kumme; awwer sell isch jetz anderscht.
Kuum het mer g'meint, si sinn furt, so kumme si schunn widder d' Stadt ruf,
Un si henn e groß Bergement mit zwei wüäthige Siegle.
Selli am Fenster draije sich um mit bidenklige Gsichtre,
Un vun de-n-andre het mer menchem d' Verlegeheit angsehn.
D' Herre-n-awwer henn heimlig gschmollt, wiä d' Thür uf isch gange,
Un der Stadtschriwer hoch in d' heeh de Freiheitsbriäf ghebt het,
Daß 'ne-n-Alli gsehn henn, awwer glacht henn si erscht noch,
So wiä d' Andere, wiä er zuem Lüttich isch gange
Un zue-n-em gsait het: "So, do isch er jetz, Lüttich, do lies Er!"
Der awwer het si nit gschinniärt: "Jo, s'isch er, so sait er,
Z' lese bruch i-n e nit, es freut mi nurr, daß er do isch."
    Endlig henn d' Burigemeister un d' Herre vum Roth ihre-n-Abtritt
G'numme, wiäs der Gibruch isch gsinn vun uralte Zitte.
kuum sinn si druß, so erkläre diä Burger alli mit'nander,
Daß si diä alte Burigemeister, de Willig un Griesbach

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So geht es weiter, wer am lautesten schreit, meint, er sei Meister. Keiner versteht, was der andere sagt. Kaum was er selbst sagt. Jetzt steht ein Ratsherr auf und sagt verdrießlich etwas zu Willig. Dieser spricht zuerst mit Rothbauer und danach mit Griesbach. Die rufen nach einem Ratsherrn und werden sich einig. Willig steht auf und winkt, daß man Ruhe geben wolle. Lange dauert es, bis man zur Ruhe kommt, wie bei einem Unwetter, bei dem man lange noch der Donner hinter den Bergen vernimmt und sich die Ruhe nur allmählich einstellt. "Weil ihr den Freiheitsbrief absolut sehen wolltet" - sagt der Bürgermeister - "sollen zwei Herren vom Rat mit dem Stadtschreiber hinunter gehen und ihn holen.
Weil ihr meint, er sei nicht mehr vorhanden. Seid ihr damit zufrieden?" "Ja, aber erst, wenn er hier ist. Schreit der Töpfer Lüttich." Mancher, der vorher gescholten hatte, hat Herzklopfen Es könnte 'zum Teufel' beileibe erst noch wahr sein, daß er noch da ist und dann hätte ich meine Blamage. Mittlerweile sind sie gegangen und einige stehen vorne an die Fenster, damit sie gleich jubeln können, wenn man mit leeren Händen zurückkommt. Dem ist aber nicht so. Kaum meinte man, waren sie gegangen, kamen sie bereits wieder die Stadt herauf. Ein großes Pergament hatten sie mit zwei wuchtigen Siegeln. Die Herren am Fenster drehen sich mit bedächtigen Gesichtern um. Unter den andern sah man einigen die Verlegenheit an. Die Ratsherren lächelten heimlich, wie die Tür aufging. Der Stadtschreiber hielt den Freiheitsbrief hoch, damit in alle sehen konnten. Gelacht wurde dennoch von den andern, wie er zu Lüttich ging und zu ihm sagte: "So, da ist er jetzt, Lüttich. Lies einmal vor!"
Der aber ließ sich nicht beschämen: "Ja, er ist es' Sagt er. Zu lesen brauche ich nicht, aber es freut mich, dass er noch da ist." Endlich können sich der Bürgermeister und die Ratsherren zurückziehen, wie dies der Brauch war, schon vor alten Zeiten. Kaum sind sie gegangen, da erklären alle Bürger zusammen, daß sie diese Bürgermeister, den Willig und den Griesbach...

- 13 -

Nimmi mege, daß keiner me Sitz un Stimm soll im Roth han,
Daß si dergege diä zween andere Burigemeister,
Nemlig de Sattler Karoli und de Handelsmann Schneider
Welle-n-ins Amt. Umsunscht duet sich der Stadtemann sträuwe,
Sait ene, daß des nix isch, und daß si kei Recht derzue hätte,
Daß nur der Fürst, un si nit, e Burigemeister absetze
Könntig, un daß des kei Wahl sei, wenn Alli durchenander
Schreie-n-un lärme, si sotte doch, meint er, ai ordiglig wähle.
S' batt awwer nix. "Mer hänn emol gwählt, un do derbih blibt's jetz!"
Heißts, un: "Herr Stadtemann, weiß er denn nit, was derte-n-im Briäf steht,
Dittlig z' lese: Es sullent mine Burger zu Lare
Alle Jahre einen Rath sich erkiesen und setzen?
Wenn Er's nit weiß, so steck Er numme si Nas drihn, dert leit er.
Wemmer ich unser Recht will nemme, se geh' mer ans Reichsgricht.
Jetz wurd der Lärme-n-un s' Gschrei so groß, daß der Stadtemann Rothbau'r
Ufbricht un geht, un ewe so macht's ai der Schriwer der Deimling.
Wiä des d' Rothsherre d' hinte merke, so duen si desgliche.
Awwer d' Burgerschaft loßt si dodurch nonit vergelschtre.
Nai! si schicke glich zwei Brokrader hint'ri zuem Amtmann,
Loße-n-em durch si sage, der Stadtrath hätt si im Stich g'lehn,
Un si hätte zwei anderi Burigemeister in's Amt gsetzt.
Rath het mer'm sellemols g'sait, un Ullmann het mer 'ne gheiße.
Der bistätigt glich d'Wahl, un loßt ene durch d'Brokerader
Sage, si solle jetz heim, un solle si riäwig verhalte.
Des henn si dohn, un Alli henn g'meint: Ha! jetze-n-ischs feerig;
Awwer s'isch numme der Anfang gsinn, s'kummt allewil ärger.

Die Exekution

    Was am Wahltag vorg'falle-n-isch, des isch glich an d' Herrschaft
B'richtet wore-n-un nit lang het's gwährt, so kummt ai e Schriwes
Unte-n-eruf, mer het's e Dehortatorium gheiße.
Do drinn isch gstande, daß es der Fürst misfällig vernumme,
Wiä diä Lohrer Burger sich ufgfüährt hätte-n-am Wahltag;
Daß si eigetlig alli mit'nander gstroft dähte g'heere,
Daß ene-n-awwer der Fürst us Gnad ihr Strof wottig schenke,

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...nicht mehr wollten und das keiner von beiden Stimme und Sitz im Rat haben sollte, daß sie hingegen die zwei anderen Bürgermeister nämlich den Sattler Caroli und den Kaufmann Schneider in das Amt haben wollten. Ohne Erfolgt lehnte sich der Stadtschreiber hiergegen auf. Er sagte, dass es so nicht ginge und sie kein Recht dazu hätten. Nur der Fürst und nicht sie könnten Bürgermeister absetzen und es auch keine ordentliche Wahl sein könne, wenn alle nur herum- schreien und lärmen würden. Sie sollten doch ordentlich wählen. Dies zeigte keine Wirkung. "Wir haben gewählt und so bleibt dies auch." Wurde gesagt und: "Weiß der Herr Stadtemann denn nicht, was dort im Brief steht, deutlich zu lesen: Es sollen meine Bürger zu Lahr alle Jahre einen Rat wählen und einsetzen?
Falls sie's nicht wissen - kann er seine 'Nase hineinstecken' - dort liegt er. Wenn man uns unser Recht nehmen möchte, dann gehen wir an das Reichsgericht. Jetzt wurde der Lärm und das Geschrei so stark, dass der Stadtemann Rothbauer aufbrach und ging. Und genau so verhielt sich der Schreiber Deimlin. Wie das die Ratsherren bemerkten, verhielten sie sich ebenso. Die Bürgerschaft ließ sich dadurch aber nicht beeindrucken. Nein, sie schickten sofort zwei Unterhändler zum Amtmann. Sie ließen ausrichten, der Stadtrat hätte sie im Stich gelassen und sie hätten zwei andere Bürgermeister im Amt eingesetzt. 'Rath' sagte man ihm seinerzeit (dem Amtmann) und Ullman wurde er geheißen (was sein Name war) Der bestätigte die Wahl umgehend und ließ durch die Unterhändler ausrichten... man möge jetzt nachhause gehen und sich ruhig verhalten. Das taten sie auch und alle dachten, es sei alles erledigt. Aber das war nur der Anfang und es kam immer schlimmer.

Die Exekution

Was am Wahltag vorfiel wurde unverzüglich an die Herrschaft berichtet und nicht lange, dann kam ein Schreiben von dort nach Lahr - 'Dehortatorium' (Abmahnung) genannt - und darin stand, dass der Fürst mit Missfallen vernahm, wie die Lahrer sich am Wahltag benommen hatten. Dass sie eigentlich alle miteinander bestraft werden müssten aber der Fürst ihnen gnädig die Strafe nachlassen würde.

- 14 -

Wenn si em Alli Treu un Gihorsam dähte verspreche;
Daß mer diä Burigemeister nit so mir nix un dir nix
Absetze könnt, mer müäßtig z'erscht wisse-n-ob si's verdiäne,
Un daß d' Burger d' Wahl hätte, wenn si ans Reichsgericht welle,
Er, der Fürst un sini Räth hätte gar nix dergege. -
Uf des Schriwes hin, do het der Rath Ullmann diä Burger
Nuff ufs Rothhuus kumme lehn, un het's ene g'lese,
Het ene zueg'redt, daß si gscheidt solle sinn un vernünftig.
Awwer vun alle sechshunderte henn numme fufzig bis sechzig
Sich zuem Gehorsam unterschriewe, d' Andre henn Bech genn.
Doch der Meurer un Kreß henn sich e-n-Abschrift erbette;
Selli het mer 'ne-n-ai versproche-n-awwer de Tag druff,
Wiä si si hole henn welle, het mer 'ne gsait: "Es wurd nix drus!"
Deswege sinn si widder uf Offeburg nunter zuem Leuttner.
Der het 'ne denn ai glich an's Amt e Proteschtation g'macht;
Awwer wiä si mit hin kumme, het si der Amtmann nit g'numme.
",Ei, mer duen si uf d' Post!" So loßt si einer vernemme.
Guet! des gschicht. Es het si awwer widder nix battet,
Denn noch am nemmlige Tag henn si si zruck gschickt bikumme.
Jetzo nimmt si der Kreß, un trait si selwer in's Amtshuus,
Legt si im Ullmann ud d' Steg, un meint, jetz wurd er si bhalte.
Kuum isch er awwer recht d'heim, so kummt ai der Amtsdiäner gschliche,
Bringt, gotz Stroßburg, d' Proteschtation un will si im Kreß genn.
G'numme het er si nit, un er heißt glich de-n-Amtsbott sich packe,
Daß dem nix iwwerig blibt, as er legt si druß uf de Lade.
Schnell wiä mer d' Hand umkehrt, so sammle sich Große un Kleini
Vor em Bäckelade-n-un Einer zeigt si im Andere;
Ang'rüährt hätt si awwer keiner, nit um's Verrecke.
Einsmols kummt e Wind, der mueß denkt han: Was leit denn des Ding do?
Luschtig packt er's un waiht's bigefferlig nuff bis an d' Brotlaib.
Dert keit er's mittle-n-uf d' Stroß, un huffächt springe si Alli.
Hinter'm drihn, un stehn drum rum bis in d' Nacht nihn.
    Alli diä Gschichte henn, des kammer sich denke, bees Bluet genn
D' Burger sinn uneinig wore, s' het keiner im andere troit meh,
Henn nix meh g'schafft un iwwer d' Amtlitt g'spettelt un g'scholte.

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Wenn alle Treue und Gehorsam versprechen würden, dass man die Bürgermeister nicht ohne weiteres absetzen würde, zuerst müsse man wissen, ob dies begründet sei. Und dass die Bürger entscheiden könnten, ob sie vor das Reichsgericht gehen. Er der Fürst und seine Räte hätten nichts einzuwenden. Auf dieses Schreiben hin ließ der Rat Ullmann die Bürger zum Rathaus kommen und hatte es ihnen vorgelesen. Er redete ihnen gut zu und bat sie klug und vernünftig zu sein. Aber von 600 Bürgern hatten nur fünfzig bis sechszig zur Gehorsamkeit unterschrieben. Die andern ließen sich nicht überzeugen.
Doch Meurer und Kreß baten um eine Abschrift. Diese wurde ihnen versprochen aber am nächsten Tag, wie sie diese abholen wollten, sagte man ihnen: "Daraus wird nichts." Deshalb gingen sie wieder nach Offenburg zu Leuttner. Dieser machte umgehend eine Protesteingabe an das Amt. Wie sie diese hinbrachten, hat sie der Amtmann nicht angenommen. "Nun, dann bringen wir sie zur Post." lies sich einer hören. Gut, so sei es, sagte einer. Genutzt hat dies aber nichts. Denn noch gleichen Tags wurde sie zurückgeschickt. Jetzt nahm sie Kreß und trug diese selbst zum Amtshaus, legte sie Ullmann auf die Treppe und glaubte, er würde sie behalten. Kaum war er zuhause, kam der Amtsdiener im Leisegang, brachte 'verflixt' das Protestschreiben und wollte es Kreß aushändigen. Der verweigerte die Annahme und jagte den Gemeindediener davon. Der wusste nichts anderes zu tun, als diese am Fenster(laden) abzulegen. Im Handumdrehen versammelte sich groß und klein... vor der Bäckerei und einer zeigte sie (das Protestschreiben) dem andern. In die Hand wollte sie keiner nehmen - nicht in Teufel's Namen.
Da kam ein Windstoß, welcher sich wohl gedacht hatte, was liegt den hier für ein Ding?
Lustig blies er (das Schreiben) über die Brote. Von dort fiel das Scheiben auf die Straße und alle sprangen hinterher und standen bis zur Nacht darum herum. Diese Geschichten hatten alle - das konnte man sich denken - zu 'bösem Blut' geführt. Die Bürger wurden sich uneins und alle misstrauten sich. Nichts mehr wurde gearbeitet und über Gemeindediener wurde gespottet und gescholten.

- 15 -

Menchi henn ene gar mit Prügle droht un mit Dotschlag.
Nu! Err wisse, wiä des isch, err henn's jo ai g'sehne
Was druß wurd, wenn Recht un Ordnung isch emol ufgleest,
Un wenn jeder meint, er hätt uf niämetz meh z' heere.
    Am e Sunndig z'Owe, am einezwanzigste Hornung,
Het mer d' Burger muschle sehn, un d' Köpf zsamme stecke.
Wer ai nit gwißt het wurum? der het si schunn denkt, daß 's ebbs Neis gitt.
Des hätt awwer niämetz glaibt, daß in Offeburg drunte
Schunn e Kommando Saldate leit, wu uf Lohr solle kumme,
As e-n-Exekuzjion. E gueter Roth isch do diir g'sinn.
Glich am andere Morge henn sich drowwe-n-im Löwe,
Wu si vorher schunn als ihri Versammlunge g'het henn.
D' Burger fast alli us em ganze Städli versammelt,
Um mit enander z' rede, was in der Sach jetz wohl z' duen isch.
Dail henn g'meint; "Mer schliäße d' Dhor, no solle si kumme,
Wenn si könne, n-un bruche si G'walt, dernoh simmer ai do."
Des het awwer de-n-andre ni' gfalle-n-un drum henn si bschloße,
Daß mer si am Dhor soll höflig froge, wuher si
Kumme-n-un wer si sinn, un was si in Lohr schaffe welle.
Wenn si dernoh uf Alles des e gheerigi Antwort
Hätte genn, so soll mer si frindlig un gastlig biwirthe. -
S' Oberamt, wu's schun lang het gwißt, awwer nit dervun g'schuuft het,
Isch glich am Morige früäh im Offeziär vum Kommando,
Wu vurrus isch kumme, bis uf Friäs'ne-n-ergege
G'fahre, um mit em z'rede, wiäs woll am Beste wär z' mache.
Wäre si bi der Marschrutt bliewe, mit Trummle-n-un Pfiffe
Öffetlig rihn maschiärt, si hätte menche Spektakel
Könne verhüäte, so awwer het der Deifel si g'ritte,
Das si de Schuttererpfad nuf un's Schuttergäßli erunter
Kumme sinn, un g'meint henn, es sott's niämetz merke.
Iwweral awwer het's in de Rewe g'wumselt vun Litte,
D' Stecke henn si g'loche, dail dervun henn ai schunn g'schnitte.
Wiä diä d' Saldate sehn, so heißt's: Was gischde, was heschde!
Mit eme große Lärme renne si runter in's Städtli. -
Nur sechs Burger sinn binander gseße-n-im Löwe,

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Einige hatten gar mit Prügel gedroht und mit Totschlag. Jetz halt. Ihr wisst ja, wie das ist - ihr habt es auch gesehen, was daraus wird, wenn Recht und Ordnung aufgelöst werden. und wenn jeder meint, er brauche auf niemanden mehr hören. An einem Sonntag Abend am 21sten 'Hornung' (Februar) Sah man die Bürger tuscheln und die Köpfe zusammen stecken. Wer nicht wußte warum, dachte dennoch, dass es Neuigkeiten gibt. Das hätte aber niemand geglaubt, dass unten in Offenburg bereits ein Kommando Soldaten lag, welche auf Lahr kommen sollten. Ein Exekutionskommando. Guter Rat war teuer.
Gleich am Morgen darauf hatten sie sich oben im Löwen, wo sie zuvor schon ihre Versammlungen hatten, beinahe alle Bürger des Städchens versammelt. Man wollte besprechen, was in der Sache jetzt wohl zu tun sei. Ein Teil meinte: "Wir schließen die Tore und lassen sie kommen, wenn sie können und wenden sie Gewalt an sind wir auch da." Das hatte aber den anderen nicht gefallen, weshalb sie beschlossen, dass man sie am Tor höflich fragen solle, woher sie kämen und wer sie wären und was sie in Lahr zu schaffen hätten. Würden sie auf die Fragen vernünftig antworten, würde man sie freundlich und gastlich bewirten. Das Oberamt, welches schon lange Bescheid wusste, aber keine Silbe erwähnte, war gleich am Folgemorgen in der Früh' dem Offizier des Kommandos, welcher vorausgekommen war, bis nach Friesenheim entgegen gefahren, um zu besprechen, wie es am besten zu erledigen wäre.
Wären sie mit Trommeln und Pfeifen bei ihrer Marschroute geblieben, und öffentlich einmaschiert, man hätte manches Spektakel vermieden. So aber, wie 'vom Teufel geritten', nahmen sie den Schutterer Pfad (Weg aus Schuttern) hinauf auf das 'Schuttergässschen' und dann herunter (ins Städtchen) und meinten, keiner würde sie bemerken. Überall in den Reben wimmelte es von Leuten Rebstöcke wurde herausgerissen und von Teilen schon angespitzt. Als sie die Soldaten sahen, waren sie auf und davon. Mit großem Lärmen liefen sie hinunter in's Städtchen - nur sechs Bürger saßen im Löwen beisammen.

- 16 -

Diä gehn nus an's Oweredehrli, un ä Wisch Buäwe.
(Selleols het's zwei Oweridohr, e groß's un e kleins genn.
S' groß isch am Löwe gstande un s' ander owe-n-am Salme).
Wihl si do stehn, so kummt der Posth, der Landkummesari,
Z' ritte-n-im Kalopp, un sait 'n si solle do weggehn.
Sie awwer nit. Do ziägt er d' Bustol un droht mit Verschiäße,
Wenn si si nit packe welle. - Wihl si so stritte,
Kummt im volle Laif s' Kummando zuem Dehrli rihn gschprunge,
Wil si g'meint henn, mer könntig's ebbe vor 'ne verschiäße. -
"Des isch der Kreß un des do der Meuerer, sait der Rath Ullmann,
Des sinn d'Rädlisfüärer, lehn Si si numme glich packe,
Herr Offeziär, Si were jo wisse zue was si Bifehl henn."
Ohni lang Federleses z' mache, stürze d' Saldate
Iwwer diä beide heri und faße si unsanft am Krage.
Unterdesse sinn awwer anderi Burger noch kumme:
Kuum henn diä de Meurer un Kreß als Gfangini g'sehne,
Gehn si nit fuul hinter d' Saldate-n-un duen si bifreie.
Daß des nit so glatt isch gange, kammer sich denke.
Nai, e Drunter un Driwwer isch g'sinn, wiäs in ere Schlacht isch.
Dail henn d' Gfangene furt, derwihlst henn d' Andere s' Dohr gsperrt.
Jetzo laife d' Saldate Sturm, um de-n-Ihngang z' erzwinge.
D' Burger henn si nit groß widdersetzt, si henn's jo so usg'macht
Ghet, un d' Gfangene henn si bifreit, des isch's, was si gwellt henn.
"Haie, schiäße, steche, mache, was err nurr könne!"
Brüält do uf eimol wiä wüäthig der Posth, der Landkummesari.
Wiä des d' Andere heere, schicke si eine-n-ufs Dohr nuff,
Daß er stirme soll; doch kuum het mer unte diä Glock gheert,
Springt der Turnschliäßer Kratt mit dreie vun de Saldate
Nuff; si find-n-awwer niämetz, as so e Buäwe
Vun e Johrer zwelfi, der isch do g'schande vun ase.
G'stirmt het er nit, nurr der leidig Wunderfitz hette dert nuff gfüährt.
"Do het er g'meint, kann i Alles am beschte sehne-n-un heere."
An dem henn si ihr Müäthli küählt mit Bang'nette-n-un Säwle,
Un si henn e, s'isch nit erbärmediärt gsinn, mishandelt,

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Diese gingen zum Obertor und ein paar Buben (Damals gab es zwei obere Tore - ein großes und ein kleines. Das Große stand am Löwen und das andere oben am Salmen) Während sie da standen kam der Posten, der Landkommisar, geritten im Galopp und sagte, man möge da wegtreten. Gingen sie aber nicht. Da zog er seine Pistole und drohte sie zu erschießen, wenn sie nicht verschwinden würden. Während man sich stittt, kam in vollem Lauf das Komando zum Tor hereingesprungen, weil sie meinten, man würde das Tor schließen. "Das ist der Kreß und das da der Meurer, rief Rat Ullmann - das sind die Rädelsführer, lasst sie gleich festnehmen. Herr Offizier. Sie werden ja wissen, was zu tun ist."
Ohne großes Aufhebens stürzten die Soldaten über die beiden her und nahmen sie unsanft fest. Unterdessen kamen aber noch andere Bürger hinzu. Kaum sahen die, dass Meurer und Kreß gefangen waren, gingen sie auf die Soldaten los und befreiten Kreß und Meurer. Dass dies nicht ohne Probleme ging, lag nahe. Nein, ein drunter und drüber fand statt, wie dies in einer Schlacht üblich ist. Ein Teil führte die Gefangenen weg und die anderen schlossen das Tor. Da liefen die Soldaten Sturm, um Zugang zu erzwingen. Die Bürger leisteten - wie ausgemacht - keinen großen Widerstand und die Gefangenen wurden befreit, wie das beabsichtigt war. "Schlagt, schießt, stecht tut was ihr nur könnt." Brüllte der Posten - der Landkommisar - wütend. Wie das die anderen hörten, wurde einer auf das Tor geschickt. Er sollte stürmen. Kaum hörte man von unten Glockenläuten, sprang Turmwächter Kratt mit drei weiteren Soldaten hoch. Sie fanden aber niemanden, bis auf einen Jungen von etwa zwölf Jahren, welcher nur zum Schauen da stand.
Am Sturm nicht beteiligt, nur von der Neugier getrieben war er da oben. "Hier meinte er, sehe und höre isch alles am besten." An dem Jungen ließen die Soldateh ihre Wut aus mit ihren Knüppel und Säbeln und sie misshandelten ihn erbarmungslos.

- 17 -

Daß mer e heim het mien trage-n-un ball druff isch er ai gstorwe. (1) -
Luege, s' thut halt ni' guet, wemmer iwweral d' Nas vorne dran het.
    S' stirme un's Gschrei het g'macht, das Alles zsamme-n-isch gloffe,
Männer un Kinder, am ärigste-n-awwer sinn d' Wiwer
Gsinn. Mit Ofegawle, Heugawle, Mistgawle, Bese
Sinn si derher maschiärt, un ball sinn d' Saldate-n-umringt gsinn.
Do het der Haiptmann More-n-anfange bikumme,
Un het d' Flinte lade lehn. Do isch's bi Gott letz gsinn,
Wiä mer si so het gsehn, mit de gladene Flinte-n-am Backe.
Des hätt e wüäschti Gschicht könne genn, wenn sich nit der Haiptmann
Anderschter bsunne hätt. Es het em vermuethlig ai duddelt,
Wiä er diä viele Litt het g'sehne gege so wennig;
Nummme fünfedrißig Mann sinn's gsinn mit em selwer.
Noh het em wiä e Galgepater der Ullmann ai zuegredt,
So daß si zlescht sich entschloße henn, si wotte sich retteriäre.
Und so sinn si alsg'mach durch d' Abtsgaß de Bresteberg nunter
Mit em Amtmann heim un henn si dert riäwig verhalte.
Deste lutter awwer un ärger het's d' Burgerschaft triewe.
D' Dohr henn si gschloße-n-un bsetzt, un d' Laterne henn müäße vor d' Fenster,
Un als Waacht sinn ihrer fufzig vor's Meuerers gstande,
Mit de gladene Flinte-n-un Säwle, wer eine ghet het.
Tag un Nacht henn si badrollirt durch d' Stadt un durch d' Felder,
Un des nit nurre e-n-einzige Tag, nai, bis in de Merz nihn.
    Wiä i ich vorig gsait hab, isch des Alles am Mähndig
Gsinn. Am Zistig druff het e Debedation der Rath Ullmann
kumme lehn, un het 'ne-n-erklärt im Namme vum Fürste,
Daß diä Exekuzjon am nemmlige Tag widder abgiängd,
Wenn si sich unterwerfe-n-un de Kreß un de Meurer
Ans Kummando usliefre dähte-n-as Arrestante.
Awwer vun dem het keiner vun Alle-n-ebbs welle wisse.
"Nai, Herr Rath, henn si gsait, mer welle nix as was recht isch;
Awwer sell welle mer ai, un loße-n-ich nix dervun nemme.
Unsere Freiheitsbriäf, vum Fürste selwer beschwore,


1.) Er war der Sohn eines Webers Zürn.

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dass man ihn nachhause tragen musste und bald war er auch verstorben(1) Seht ihr - es ist nicht gut, wenn man überall die Nase vorn haben muss. Der Sturm und das Geschrei sorgte dafür, dass alles zusammenlief. Männer und Kinder und am wildesten waren die Frauen. Mit Ofengabeln, Heugabeln, Mistgabeln, Besen... waren sie aufmaschiert und bald waren die Soldaten umringt. Da wurde es dem Hauptmann bang und er ließ die Flinten laden. Nun war eine schlechte Situation entstanden. Wie man sie so gesehen hat, mit den geladenen Flinten an der Backe. Das hätte ein böses Ende nehmen können, hätte nicht der Hauptmann anders entschieden. Er war sich vermutlich der brenzligen Lage bewusst, als er die vielen Bürger sah gegen seine wenigen. Nur 35 waren sie einschließlich ihm selbst.
Auch redete Ullman - wie ein Hinrichtungspriester - ihm zu, so, dass sie sich zuletzt zurückzogen. Und so gingen sie durch die Abtgasse den Brestenberg hinunter mit dem Amtmann nachhause und verhielten sich ruhig. Lauter und schlimmer trieb es die Bürgerschaft. Die Tore wurden geschlossen und besetzt und Laternen vor den Fenstern aufgestellt. Als Wache standen um die 50 Mann vor Meuerers. Mit Säbeln und geladenen Flinten, wer immer dieselben hatte. Tag und Nacht wurde durch Stadt und Felder patroulliert. Nicht nur einen einzigen Tag sondern bis in den März. Wie ich euch vorher sagte, war das alles am Montag. Am folgenden Dienstag ließ der Rat Ullmann eine Abordnung antreten und erklärte im Namen des Fürsten, dass die Exekution gleichentags fortgesetzt würde, wenn man sich nicht unterwerfen würde und Kreß und Meurer als Gefangene an das Kommando ausliefere.
Davon wollte niemand etwas wissen. "Nein Herr Rat, sagten sie, wir wollen nichts als unser Recht. Darauf aber bestehen wir und lassen es uns nicht nehmen. Unseren Freiheitsbrief, wie vom Fürsten selbst beschworen...


1.) Er war der Sohn eines Webers Zürn.

- 18 -

Welle mer ghalte han, un keini Sparichlemente
Bruche mer do, mer wisse schunn wuhin mer ich z'wende
Henn, wenn's anderscht nit gehn mag. Sell awwer dua'mer nit wisse,
Wurum as mer verlangt, mer solle Burger usliefre
Daß si, der Deihenker weiß wo ani gschleppt solle were.
Do druß wurd emol nix, un s' soll's emol Einer prowiäre
Un sich an eim vun beide vergriffe, der het's mit uns z' duen."
Us so giftige Rede het der Rath könne schliäße,
Daß do nix z' mache-n-isch, drum schlächt er e-n-andere Weg in.
Er geht niwwer zue sim Nochber, em Spezial Müller,
Setzt em usenander, wiä mer viel Unglück verhüäte
Könntig, wemmer de Kreß un de Meurer dozue könnt bringe,
Daß si freiwillig giängde, n-un er könntig as Pfarrer,
Meint er, viel derzue duen, er soll's emol unternemme.
Der awwer gitt em diä Antwort: "Herr Rath, diä Sach isch gar haigel.
Soll ich alter Mann die Awuäste woge,
Wu mer s' Lewes nit sicher isch? Nai, des wurd mer niämetz
Erenstlig zuemuethe könne. Jo, wenn ebber noch mit giängd,
Wott i mi nit sträuwe-n-un wott Alles versuäche."
Ganz verlege kratzt der Ullmann do in de Hoore.
Einsmols geht em e Liächt uf, un d' Stirn verliärt ihri Falte.
"Ha, do wüßt i schunn eine; n-i mein der Thiagenus Thomä,
Der wär recht zue so ebbis, un der giangdig ai mit 'ne."
"Jo, der isch mer erecht", sait druff der Spezial Müller.
Heidebritsch schicke si furt, un glich druff kummt er z' spaziäre,
Un wiä er gheert het, was er genn soll, isch es nit nai gsinn.
So gehn si furt un z'erscht zuem Meuerer, wil des der nächst isch.
G'schickter nit hätte si's treffe könne; denn wiä si in d' Stub nihn
Kumme, sitzt do der Kreß un nommeh anderi Burger.
Diä henn si höflig empfange-n-un stelle 'ne flätig zwei Stüähl hin.
Awwer si sitze nit, un sage 'ne glich, was si welle,
Stelle 'ne Höll un Himmel vor, un zeige 'ne-n-Alles
Unglück, wu si uf sich könne bringe, n-uf's Städtli
Un uf ihr Famili, wenn si hartnäckig bliwe.
Wenn si ai ihngsperrt were, sage si, wurd's nit für lang sinn.

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Wollen wir eingehalten wissen ohne darum herum zu reden - das brauchen wir nicht und wissen, wohin wir uns wenden, falls das nicht anders geht. Wir wissen warum verlangt wird, dass wir Bürger ausliefern und niemand 'zum Teufel' weiß, wo sie hingebracht werden sollen. Daraus wird nichts und ihr könnt es ja probieren und einem der beiden zu nahe kommen - dann habt ihr es mit uns zu tun." Aus diesen heftigen Reden konnte der Rat schließen, dass nichts zu machen war und schlug daraufhin einen anderen Weg ein. Er ging hinüber zum Stadtpfarrer Müller - seinem Nachbarn - und erklärte diesem, wie viel Unglück vermieden würde, wenn man Kreß und Meurer dazu bringen würde, dass sie sich freiwillig auslieferten. Er könne als Pfarrer meint er (der Rat) viel dazu tun. Er möge zur Tat schreiten.
Dieser antwortet allerdings: "Herr Rat, die Angelegenheit ist heikel. Soll ich alter Mann mich unter die Aufständischen wagen, wo man des Lebens nicht sicher ist? Nein, das kann man niemandem ernsthaft zumuten. Ja, wenn mich jemand begleiten würde, wollte ich mich nicht sträuben und alles versuchen." Ullmann kratzte verlegen in seinen Haaren. Da 'ging ihm ein Licht auf' (fiel ihm ein) und seine Stirn verlor die Falten. "Na, da wüsste ich einen, ich denke an Thiagenus Thomä. Der wäre der Richtige zu so etwas und ginge auch mit." "Ja, der würde passen." sagte darauf Stadtpfarrer Müller. Potzblitz - dachten sie weiter - und sogleich kam dieser daherspaziert. Wie dieser hörte, was von ihm erwartet würde, gab es kein 'Nein'. So gingen sie los, zuerst zu Meurer, weil dieser in der Nähe wohnte. Geschickter konnte es nicht laufen, denn wie sie in der Stube eintraten, saßen da Kreß und noch weitere Bürger.
Sie wurden höflich empfangen und Stühle wurden bereitgestellt. Sie nahmen aber nicht Platz und kamen gleich zur Sache. Sie beschwörten 'Himmel und Hölle' und zeigten alles Unglück, welches sie über sich selbst und die Stadt bringen könnten - auch über ihre Familien - falls sie stur blieben. Auch falls sie (Kreß und Meurer) inhaftiert würden, so gewiss, nicht für lange Zeit.

- 19 -

Wär widder Rueh un Friede, so wurdig mer schunn für si bette,
Daß mer si rus loßt, un wenn si selwer uf Wiesbade müäßte.
S' battet si awwer nix, un alli ihr Müah isch vergeblig.
Wenn ai hiä un do einer gmeint het, s' liäß si so mache,
Henn si d' Andre dergege gsträubt mit Hände-n-un Füäße.
"Wenn i glich müäßt knoije-n-un müäßt mer de Kopf zue de Füäße
Lege lehn, sait der Meurer, i gäbdig nit noh, nit e Hoor breit."
Un so sinn diä Herre furt, un henn halt nix usg'richt.

Der Husarentag

    Wenn am e-n-Ort e-n-Unglück los isch, meint mer s' kummt Alles
Grad so, wiä wenn eins uf's ander numme hätt g'wartet. -
Still isch der Zistig z'Owe vergange-n-un Alli henn ihngholt,
Mit em Schlofe, was si d' zwei letschte Nächt durch versuumt henn.
Wennig sinn am andere Morge, n-am Mittwoch schunn uf gsinn,
Heert mer stirme-n-un: Fiirjo! fiirjo! brüälts durch d' Gasse,
Un am Rothhuus wurd's hell, un schwarz un dick stigt der Raich uf.
Z'erscht het mer g'meint, es brenn uf em Rothhuus, un beesi Gidanke
Sinn schunn menchem Kummme-n-un were lutt: "Nit von ase
Wurd's dert brenne", so heert mer sage, "do steckt ebbs derhinter."
Wundere derf's eine nit; denn wenn schunn in riäwige Zitte
D' Mensche nurr gar zue geren glaiwe vun andre was schlecht isch,
So isch's natürlig, daß bi so eme Drunter un Driwwer,
Wu si sinn wiä Hund un Katz, wu einer im andre
Meineidig ufsästzig isch, ai keiner im Andre-n-ebbs z' Liäb redt.
Frilig muäß mer si schemme, wemmer späterhin ihnsieht,
Daß mer Unrecht het ghet, mer wird awwer dodrum nit anderscht. -
So isch's ai diesmol gsinn; denn niämetz het's Rothhuus anzunde,
S' het dert nit brennt. - In's Rothsherre Stolze, newe-n-em Engel,
het der Dachstuhl brennt, un wiä sie hittigs Tags noch sinn,
D' Lohrer, g'rad so sinn si ai gsinn vor uralte Zitte,
Schnell zuem helfe-n-un ewe so schnell ai zuem Lösche.
Gschafft henn sie, wiä e Find, un im e kleine Halbstündli
Het mer vum Fiir nix me g'sehn, un d' meiste sinn widder an d' Erwet.
Anderi stehn uf de Stroße-n-erum un duen bischgeriäre

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Wäre wieder Ruhe und Frieden würden wir schon für sie beten, dass man sie freigibt. Und wenn man auf Wiesbaden müsste. Es nützte aber nichts und ihre ganze Mühe war vergebens. Auch, wenn hier und da mancher meinte, man könnte das so erledigen. So hatten sich die anderen mit 'Händen und Füßen' dagegen gesträubt. "Auch, wenn ich knien müsste und meinen Kopf zu den Füßen legen sagte Meurer, ich würde nicht nachgeben - nicht ein Haar breit." So gingen die Herren wieder weg und hatten nichts ausgerichtet.

Der Husarentag

Sobald irgendwo ein Unglück geschah, dachte man, es komme alles so, als hätte das eine nur auf das andere gewartet. Still verging der Dienstag Abend und alle holten an Schlaf nach,   was in den zwei Nächten zuvor versäumt worden war. Wenige waren am nächsten Morgen, dem Mittwoch schon aufgestanden.
Da hörte man Laufen und: Feuer! Feuer! ruft es durch die Gassen. Am Rathaus sah man ein Leuchten und schwarzen Rauch aufsteigen. Zuerst wurde gedacht, das Rathaus brenne und schlechte Gedanken kamen bei manchem auf und kamen zu Wort: "Nicht von ungefähr wird es dort brennen" hörte man sagen "da steckt etwas dahinter." Gewundert hätte sich niemand. Wenn schon in ruhigen Zeiten die Menschen all zu gerne an das Schlechte im andern glaubten, so war nur natürlich, dass in einem solchen 'Auf und Ab', wo man sich verhielt, wie 'Hund und Katze' und einer dem andern unehrlich begegnete, auch keiner über den anderen liebevoll sprach.
Natürlich musste man sich schämen, sobald man später einsah, dass man Unrecht hatte. Ändern tat dies aber nichts. So auch diesesmal, denn niemand hatte das Rathaus angezündet. Dort brannte es nicht. Beim Ratsherrn Stolz gleich beim Engel brannte der Dachstuhl und wie auch heute die Lahrer noch sind, grad so waren sie schon in alten Zeiten. Schnell beim Helfen und auch schnell beim Löschen. Gearbeitet wurde, schnell 'wie der Wind' und in einer kurzen halben Stunde war vom Feuer nichts mehr zu sehen und die meisten kehrten zurück zur Arbeit. Andere standen neugierig auf der Straße und sprachen miteinander

- 20 -

Vun der Exekuzjon, vum Brand, un vun dem un vun sellem,
Bis es endlig z' Mittag isch wore, do gehn si zum Esse.
Mencher kummt no z' friäh; denn d' Frai isch ai nit deheime
Bliewe. Mer weiß jo, es gitt, wu iwweral d' Nase mien vorne
Dran han un'd Müler, un wott mer's 'ne wehre, si wurdige khiwig.
    Eins het's gschlage, so heert mer der Dunderschlah schu widder stirme.
Alles stürzt us de Hüs're, awwer nit mit de-n-Eim're.
Flinte sieht mer, un Säwel, Hirschfänger, Gawle-n-un Bengel.
Was es genn het, des will i ich jetze vun vorne verzeehle.
    So zwische zwelfe-n-un eins, do stehn e paar Burger am Spichert
Z'samme, do kummt e Husar, e Badischer, d' Stadt erihn gsprengert.
"Jetz, was isch des? Was gitts?" so froge si einer de-n-andre
Als ob der odder seller wisse hätt könne, was los isch.
Awwer verschrocke sin si. Nurr einer vun alle het's Herz ghet,
Daß er dene Husare gfrogt het, woher er däht kumme;
Ebb er elein sei, odder ebb no anderi kumme.
"Ich, eleinig!" sait der Husar, "err were schunn luschtre,
Wenn err in ere Stund no hundert derher kumme sehne.
Wisse-n-err denn nit, daß euer Fürst unsre Marggrof
Angange het, er soll vun sine Litte-n-uf Lohr duen?
Un er hets em nit verweigert. Druff hemmer furt mien,
Un wiä g'sait, es wurd nit lang duure, so kumme si z' ritte.
So, jetz muäß i awwer gehn, i muäß no uf Mohlburg
Mit eme Bricht, un bis si kumme, soll i schunn zruck sinn.
Adjes derwihlstt, un rüste numme brav z' esse-n-un z' trinke."
Nai, diä lange Gsichter hätte-n-err nurr solle sehne,
Wu diä gmacht henn. Wiä e Laifiir isch es erum gsinn
In der ganze Stadt. S' wurd g'stirmt un d' Litt laife z'samme,
Wiä i ich vorig schunn gsait hab, un alli Dhor were g'schloße.
Nochert versammle sich d' Burger un rothschlage, was jetz woll z' duen isch,
Un no vielem Rede henn si endlig bischloße,
Daß si keini Husare welle-n-ins Städtli rihn loße,
Un sich wehre welle-n-un wenn si's ai s' Lebe sott koste.
Ritter schicke si furt, si solle rekungnesziäre,
Wu diä hundert Husare sinn, un was für e Weg si

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von der Exekution, dem Brand und von diesem und jenem bis die Mittagszeit begann, dann gingen sie zum Essen. Manch einer kam zu früh, weil die Frau auch nicht zuhause geblieben war. Es ist ja bekannt - es gibt Menschen, welche 'ihre Nase überall hineinstecken ' 'müssen und mitreden wollen. Und würde es ihnen versagt, würden sie kratzbürstig. Ein Uhr hatte es geschlagen und schon wieder vernahm man Donnerschlag. Alles stürzte aus den Häusern aber jetzt nicht mit Eimern. Flinten sah man, Säbel und Hirschfänger, Gabeln und Stöcke. Was die Ursache war, möchte ich euch jetzt von Beginn an erzählen.
So zwischen zwölf und ein Uhr standen einige Bürger beim Speicher (Zehnthaus?) Da kam ein Badischer Husar die Stadt herein geritten. "Ja was gibt es jetzt?" befragten sich die Bürger. Als ob dieser oder jener gewusst hätte, was vor sich ging. Aber erschrocken waren sie - nur einer fasste sich das Herz, den Husaren zu fragen, woher er kam. Ob er wohl alleine war oder andere noch nachkommen würden. "Ich - alleine!" sagte der Husar, ihr werdet schon sehen (hören) Sobald ihr in einer Stunde noch hundert daher kommen seht. Wisst ihr denn nicht, dass euer Fürst unseren Markgrafen aufforderte, er möge seine Leute nach Lahr verlegen? Und der (Graf) hat es nicht verweigert, worauf hin wir marschieren mussten. Und wie gesagt, es wird nicht lange dauern, dann kommen sie angeritten. So, jetzt muss ich aber weiter. Ich muss noch nach Mahlberg mit einem Bericht und bis die andern kommen, soll ich zurück sein.
Auf wiedersehen derweil, richtet schon einmal ordentlich zu trinken und zu essen." Puh - die langen Gesichter hättet ihr sehen sollen, welche die Bürger machten. Wie ein Lauffeuer ging es durch die ganze Stadt. Es würde angegriffen und das Volk lief zusammen. Wie ich euch eben schon sagte und die Tore wurden geschlossen. Dann versammelten sich die Bürger und berieten, was zu tun wäre. Nach vielem Reden wurde beschlossen, dass sie keinen Husaren in die Stadt kommen lassen würden. Reiter schickten sie aus, damit diese prüfen konnten, wo die hundert Husaren waren und welchen Weg diese

- 21 -

Kumme n-un solle, wenn si ebbs gsehn henn, glich rappertiäre.
In de Pflumersberg nuff henn si anderi z' Fuäß gschickt,
Wu mer witt rum sieht, diä henn müäße d' Feldweg biwache.
    Wenn awwer d' Burger verschrocke sinn, so isch der Raht Ullmann
Ai nit wenig in Angst gsinn, wiä er stirme het heere,
Wiä er iwweral d' Litt mit Gwehr het zsamme sehn laife
Un wiä si's Rappedohr vor fine-n-Aige verschliäße.
Kunnschafter schickt er furt, si soll' n-emohl hingehn un horche,
Was der Lärme soll sinn, un was des Alles bidittet.
Wiä diä kumme-n-un brichte, n-es sei wege dene Husare,
Wu vum Badische Marggrof vun Karelsrueh gschickt solle were,
Geht er nuff in de Löwe-n-un wagt si unter d' Empeerer,
Sait ene, s' ei nit wohr, es sei an Saldate nit z' denke,
Er müäßt doch dervun, wenn des wohr wär, ai ebbis wisse;
Zfriede solle si sinn, si hätte nix derartiges z' bsorge. -
Daiwe-n-Ohre het er predigt, si henn em kei Wörtli
Glaibt, vun Allem, was er het gsait, un was es nurr Wüäschts gitt,
Het er vun ene heere mien, un Gott derfür danke,
Daß er mit heiler Hutt widder heim kumme-n-isch un lawendig.
    Iwwer diä Gschicht het der Kreß und der Meuerer, wu im Accord nit
Troit henn, gmeint, es mechtig nix schade, wenn si si dähte
Striche, drum henn si usg'macht. un d' Andre henn an ene triewe,
D' Flucht z' ergriffe, n-uf Wetzlar z' gehn an's kaiserlig Reichsgricht,
Un dert, iwwer diä Gschichte-n-alli, Klage z' erhebe.
In der Gschwindigkett henn si fufzig Ludohr zsamme gschoße,
Henn e Schees bstellt un de Kreß un de Meuerer nihn gsetzt,
Un noch e dritte derzue, e gwisse Kammerer Mexder.
Hundert Mann sinn mit, un henn si bigleitet uf d' Landstroß,
Un vun dert no viärzig z' Pferd uf Offeburg nunter.
    Währet des gschehn isch, het mer allewihl g'wart't uf d' Staffeete,
Wu diä Ankunft vun de Husare henn solle vermelde.
Endlig kummt einer un sait: "Es losse si keine Husare
Witt un breit sehn, si müäßte denn ebbe nur durch de Wald sinn."
"Warte, sait do der Dieterlin, hol mer nurr einer mi Rößli,
So ritt i niwwer uf Heiligezell un wenn's sinn mueß ai witterscht,

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her kämen und sollten, sobald sie etwas sähen sofort Meldung machen. In den 'Pflumersberg' wurden die anderen zu Fuß geschickt. Von dort hatte man eine weite Aussicht und sie mussten die Feldwege bewachen. Wenngleich die Bürger erschrocken waren, so war es dem Rat Ullmann auch sehr bang gewesen, wie der das Anrennen hörte. Wie er überall Bürger mit Gewehren zusammen laufen sah   und wie sie vor seinen Augen das Rappentor schlossen. Er schickte Kundschafter aus, die sich umhören sollten, was das Lärmen solle und alles zu bedeuten habe. Wie diese zurück kamen und berichteten, es sei der Husaren wegen, die vom badischen Markgraf von Karlsruhe geschickt sein sollten, ging er hoch zum Löwen und wagte sich unter die Aufrührerischen.
Er sagte ihnen, dass das Gerücht nicht stimme und an Soldaten nicht zu denken wäre. Wenn dem so wäre, müsste er selbst Bescheid wissen. Zufrieden sollten sie sein und sich keine Sorgen mache. Tauben Ohren hatte er gepredigt - sie hatten ihm kein Wort. geglaubt von dem, was er sagte. Und alle bösen Wünsche musste er von ihnen hören. Er musste Gott dafür dankbar sein, dass er mit heiler Haut und lebendig wieder fort konnte. Während des weiteren Verlaufs hatten Kreß und Meurer, welche der Sache nicht trauten, gedacht, es könne kein Schaden sein, wenn sie verschwinden würden und die anderen ermutigten sie, die Flucht zu ergreifen und vor das kaiserliche Gericht in Wetzlar zu ziehen und dort Klage über die Zustände zu erheben. In kurzer Zeit waren 50 Luidor (Taler) zusammen gesammelt, eine Kutsche bestellt und Kreß und Meurer und noch ein Dritter - ein gewisser Kammerer Mexder - dazu hineingesetzt.
Hundert Mann begleiteten sie bis zur Landstraße und von dort noch vierzig Mann zu Pferde bis Offenburg. Während dieses Geschehens wartete man die ganze Zeit auf Kundschafter, welche melden sollten, wo die Husaren blieben. Einer kam und meldete: "Wir können keine Husaren weit und breit erkennen, es sei denn, sie kämen durch den Wald. Wartet - sagt Dieterlin - holt mein Pferd, dann reite ich hinüber nach Heiligenzell - wenn es sein müsste - auch noch weiter

- 22 -

Bis uf Owerwihr, mer kennt jo de Wirth us em Löwe
Iwweral, un gwiß i bring ich sicheri Kunnschaft."
Des isch e gscheidter Ihnfall gsinn. Ball sprengt er zuem Dohr nus. -
Glich iwwer Burige drowwe frogt er d' Litt wu im Feld sinn,
Ebb si em ebbe nix sage könnte vun de Husare.
Diä awwer wisse gar nix. Wiä er uf Heiligezell kummt,
Luschtert er an de Buure, ebb si keini Saldate
Hette-n-un wiäs nai! heißt, wu si denn hingange were.
Awwer diä lache'ne-n-us: "Es träumt Eich nurr vun Saldate,
Mir wisse nix dervun un henn ai kei einzige gsehne."
Druff ritt't er witterscht uf Owerwihr, im Schulze vor's Huus hin.
Dene kennt er guet, er het gar menchmol e Schöppli
Bi-n-em trunke, wenn er z' Märkt uf Lohr als isch kumme.
"Löwewirth, was schaffe-n-Ihr so spoht noch dohiwwe?"
Redt e der an. - "Ha nit viel! I mecht Ich numme-n-ebbs froge",
Sait der Diäterli, "awwer vor Allem kumme-n-in d' Stub rihn."
Wiä si drin sinn frogt er 'ne-n-ängstlig wiä viele Husare
In Owerwihr dähte liege, n'un ebb si nix hätte verlutte
Losse, wenn si uf Lohr maschiäre-n-un was dert vorhenn.
Der awwer lacht, un frogt 'ne: "Löwewirth henn Err e Dambis?
Mir Husare-n-im Ort? Wer Deifels het Ich denn des g'sait?
Wär hitt der erscht April, i meintig es hätt Ich eins drihn g'schickt."
"Horche, s' isch nix zuem Lache, duet druff der Löwewirth sage.
Hitt z' Mittag um e-n-eins rum kummt e Husar derher gschprengert,
Der verzeehlt, er kämdig us Eierem Ort, wu no hundert
Anderi läge, n-un mer sotte numme druff gfaßt sinn,
Daß si in ere kleine Stund zue Lohr nihn maschiäre.
Sitterher warte mer uf si, un wisse nit wu si stecke."
Jetz lacht der Schulz no viel ärger, as er vorher nur glacht het.
"Sinn numme z'friede", so sait er, "un ritte gitrost widder heim zue.
Seller Husar, wu uf Lohr kumme-n-isch, un het ich so Angst g'macht,
Isch vun Owerwihr her kumme, sell isch emol d' Wohret,
Het im Vorbeigehn do driwwe mi Nochberi heim'gsuecht, si Bäsli,
Un isch in Urlaib nuff uf Mohlburg, wu er deheim isch.
Mit mine-n-eigene-n-Ohre hawi g'heert, wiä er's g'sait het."

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bis Oberweier. Man kennt mich ja, überall den Löwenwirt und seid gewiß, ich bringe sichere Kundschaft." Das war eine gute Idee und bald galoppierte er das Tor hinaus. Gleich in Burgheim oben frug er die Leute im Feld, ob sie ihm etwas über die Husaren sagen könnten. Diese hatten keine Ahnung. Wie er auf Heiligenzell kam, hörte er die Bauern ab, ob sie keineSoldaten gesehen hätten und wo diese hinmarschiert wären? Die aber lachten nur: "Ihr träumt nur von Soldaten. Wir wissen nichts davon und haben auch keine gesehen." Daraufhin ritt er weiter nach Oberweier bis vor das Haus von Schulze. Schulze kannte er gut und manches Glas hatte er mit ihm getrunken, wenn dieser auf dem Lahrer Markt war. "Löwenwirt, was macht ihr so spät noch hier bei uns?" Sprach dieser ihn an: "Hah, nicht viel! Ich möchte nur etwas fragen." Sagte Dieterle, "aber vor allem - kommt' doch herein in die Stube."
Drinnen fragte Dieterle ängstlich, wieviele Husaren in Oberwerweier lägen und ob sie nichts verlautbaren ließen, wann sie auf Lahr wollten und was sie dort vor hätten. Schulze lachte und fragte: "Löwenwirth - seit ihr beschwippst? Bei uns - Husaren im Ort? Wer zum Teufel sagte Euch das? Ist heute der erste April - ich denke da hat Euch jemand verschickt." "Höre zu, da gibt es nichts zu lachen, sagt darauf der Löwenwirt. Heute um die Mittagstunde gegen ein Uhr kam auf einmal ein Husar galoppiert. Dieser erzählte, er komme von eurem Ort, wo noch hundert Soldaten lägen und wir sollten uns darauf vorbereiten, dass diese innerhalb einer Stunde nach Lahr marschieren würden. Seither warten wir und wissen nicht, wo sie bleiben."
Da lachte Schulz noch viel ärger, als zuvor "Beruhigt Euch nur," sagte er, "und reitet getrost wieder nachhause. Der Husar, der auf Lahr kam, und Euch derart ängstigte, kam von Oberweier. Das stimmt. Im Vorbeireiten besuchte er da drüben meine Nachbarin, seine Tante und ist auf Urlaub unterwegs nach Mahlberg, wo er zuhause ist. Mit meinen eigenen Ohren hörte ich, wie er das sagte."

- 23 -

"Ei se soll doch der Dunder dem in de Krage nihn fahre!
Loßt si der Löwewirth heere-n-un mir sinn sitter in Aengste!
Des isch emol e dummer Gschpaß un der kann si hüäte,
Daß 'ne kei Lohrer verd'witscht, für Prügel bricht er nit z' sorge."
Im Kalopp ritt't er heim, un findet diä Burger versammelt
Vor em Dohr am Boihof; er wurd mit Schmerze-n-erwartet.
Ew er abstigt, verzeehlt er ne, daß der Husar numme Gschpaß g'macht,
Un si hätte witterscht keini Saldate z' erwarte.
S'best wär jetz si giängdige heim, doch möchtigs nix schade,
Wemmer us Vorsicht d' Dohr gschloße liäß un e Waacht derzue stelltig.
So wiä er g'sait het, so gschichts, un si gehn dernoh usenander.
Dail henn gscholte-n-e Dail henn g'lacht, awwer alli sinn froh gsinn.
Un dene Tag het mer lang nohher noch Husaretag gheiße. (1)

Die Schnabeliner und Bockspfeifer

So witt isch am zweit-n-Owe der Großvatter kumme
Mit sim Verzeehle, do steht d' Mueder uf: "Es wurd gnue sinn,
Denki, für hitt", so sait si, "sunst könne-n-err morge nit uffstehn,
Un, err könne-n-ich druff verlehn, daß wenn nit bi Zitte
Alles in Ordnung isch, so wurd nix us em Verzeehle."
"Oh i wottig no lang ufbliwe, noch bis am Zwelfi,
Un i wärtig äneweg widder hus vor de viäre",
So sait s' Lissili, un: Ich ai! Ich ai! schreie d' Buäwe.
Awwer si muckse si nit un duen, was d' Mueder 'ne gsait het,
Denn guet zoge sinn si gsinn, un gar nit wiä menchi
Kinder, wu meine si müäßte-n-im Vatter odder der Mueder
Allemol s' Muul anhenke, wenn si si ebbis duen heiße.
Wüßtige selli, wiä scheen s' isch, un was ene-n-Andri druff halte,
Liäßtige si's villicht ai bliwe-n-un wurdige-n-ordlig.
Unseri awwer sage: "Guet Nacht!" un d' Mueder geht mit 'ne.
Kuum isch si drus, so sait der Vatter mit frindligem Schmunzle:
"S' isch mi Seel e Fraid, wiä Es diä Kinder am Schnüärli
Het, Es derf de Dunderschlah nurr winke, se schnuuft keins."

1.) Es war Aschermittwoch

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"Ha, so soll den doch der Schlag treffen! Sagte der Löwenwirt und deshalb haben wir seither Ängste! Das war ein dummer Spaß und er kann sich hüten, dass kein Lahrer ihn erwischt - um Prügel müsste er sich nicht bemühen." Im Galopp ritt er nachhause, wo er die Bürger versammelt vor dem Tor am Bauhof traf, welche schon sehnlich auf ihn warteten. Ehe er abstieg, erzählte er, dass der Husar sich einen Spaß erlaubte hätte und keine Soldaten zu erwarten seien.
Am besten, man ginge nun nachhause. Allerdings wäre es kein Schaden, aus Vorsicht die Tore geschlossen zu lassen und einen Wächter hinzu zu stellen. Wie gesagt - so geschah es und die Bürger gingen auseinander. Manche schimpften - manche lachten - aber alle waren froh gewesen und diesen Tag nannte man auch später noch 'Husarentag'(1).

Die Schnabeliner und Bockspfeifer

Bis zu dem Punkt kam Großvater am zweiten Abend mit seiner Erzählung. Da stand Mutter auf: "Es wird jetzt reichen, denke ich", so sagte sie, "sonst könnt ihr morgen nicht aufstehen." "Und ihr könnt euch darauf verlassen, sollte nicht alles zeitig in Ordnung sein, so wird nichts aus dem Erzählen." "Oh, ich möchte noch gerne aufbleiben - noch bis zwölf Uhr und ich wäre dennoch vor vier Uhr wieder auf." Sagte Liesel und: Ich auch! Ich auch! riefen die Jungs Aber sie begehrten nicht auf und taten, was Mutter gesagt hatte, denn gut erzogen waren sie und nicht wie manch' andere Kinder, die glaubten, sie müssten Vater und Mutter jedesmal hinterherblaffen, sobald man sie etwas zu tun hieß.
Wüssten jene, wie 'schön' das ist und 'wäre' andere davon hielten, ließen sie das Verhalten vielleicht sein und würden sich ordentlich benehmen. Unsere aber sagten: "Gute Nacht" und die Mutter ging mit ihnen. Kaum waren sie draußen, sagte der Vater mit einem freundlichen Schmunzeln: "Es tut in der Seele gut, wie die Frau die Kinder führt. Ein Donnerwetter braucht nur zu drohen und schon klagt keines mehr."

1.) Es war Aschermittwoch

- 24 -

"Jo, s' isch wohr", sait der Schwähr, "doch mache si's Im jo nit anderscht,
Un, i sag's, si sinn brav, i hab mi einzigi Fraid dran.
Jetz, guet Naacht, schlof Er wohl, i denk, s' wurd Alle hitt gschmecke." -
    D' Mueder hätt nix bruch z' sage. De-n-andere-n-Owe
Sinn si Alli vor de siwwene lang schunn barat g'sinn.
Wenn si's ai fast nit henn könne verd'warte, so henn si halt doch nit
G'negt un triwweliärt, si henn woll gwißt, es däht si nix nutze.
Noh eme Wihli duet der Großvatter witterscht verzeehle:
    "Jo, i haw ich, glaiwi, früäjer schunn gsait, daß e Stücker
Sechzig Burger sich zuem Ghorsam henn unterschriewe,
Glich im Anfang, wu des Dehortatorium kumme
Isch vun unte-n-eruff, un diä henn treu zuer Regiärung
Ghalte-n-un sinn deswege vun de-n-Andre Schnawliner
Gscholte wore. Denn si mechte s' städtisch Vermeege
Ganz elein unter Händs han, un mechte-n-Alles schnawliäre,
Henn si 'ne nohgredt, un de-n-andere Burgere s' Nohsehn
Lehn, un mechte si unterdrucke, mit der Regiärung;
Awwer sich selwer henn si de Namme: Kunfederiärti
Genn ghet, bis 'ne-n-emol der Advekat Leuttner e Schriwes
Effetlig vorglese-n-un statt "Lockspeise", "Bockpfeife" gsait het.
Selwer het er's gschriwe, n-awwer, wiä hitt noch, isch's jentig
Gsinn. Diä gelehrte Herre henn gmeint, es sähtig viel gelehrter
Us, wenn kei Hund un kei Katz us ihrem Schriwe könnt kumme,
Un wenn sie schriwe henn lehre, se solle d' Andere sehne,
Daß buschtewiäre si lehre, was si ni' könne lese.
Des isch Wasser gsinn emol uf de Schnawlinre-n-ihr Mühli,
Un vun sellere Stund an henn si si d' Bockspfiffer g'heiße.
    Durich diä Gschichte-n-alli henn sich allewihl d' Burger
Meh verfindet, un wu einer im adre-n-e Torte
Anduen het könne, do dran het ers ai gwiß nit lehn fehle.
So henn Schnwaliner, was vorg'falle-n-isch uf Wiesbade brichtet
Vum Husaretag, un wiä der Kreß un der Meurer
Furt bigleitet sinn wore n-un wiä si's dene Saldate,
Wu as Exekuzjon hiäher sinn gschickt wore, gmacht henn.
Dorum isch der Presedent der Regiärung, der Kruse,

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"Ja, das stimmt," sagt der schnaubend - "doch so sind sie auch zu dir - und ich wiederhole mich - sie sind brav, es ist eine einzige Freude für mich. Jetzt Gute Nacht, schlaft gut. Ich denke wir können es alle brauchen heute." Die Mutter musste am nächsten Abend nichts sagen. Alle waren bereits vor sieben Uhr fertig. Auch - wenn sie es kaum erwarten konnten - so hatten sie eben doch nicht geplagt. Sie wussten wohl, dass es nichts nütze. Nach einer Weile begann der Großvater weiter zu erzählen. "Ja, wie ich meine, hatte ich früher schon gesagt, dass etwa sechzig Bürger zum Gehorsam unterschrieben, sogleich am Anfang, wie das Dehortatorium (Abmahnungsschreiben) angekommen war und die hatten treu zur Regierung gehalten und wurden deshalb von den andern 'Schnawliner' (Nutznieser) gescholten worden, weil sie das städtische Vermögen unter ihren Händen wissen wollten und alles ausnutzten wurde ihnen nachgesagt. Sie würden den andern das Nachsehen lassen und wollten diese mit Hilfe der Regierung unterdrücken.
Sich selbst aber gaben sie den Namen 'Konföderierte' (Bundesgenossen) bis ihnen der Anwalt Leuttner ein Schreiben öffentlich vorlas und anstelle "Lockspeise" - "Bockpfeife" sagte. Selbst geschrieben hatte er (den Brief) - aber, wie heute noch - war es so passend. Die gelehrten Herren dachten es sähe gelehrter aus wenn niemand (weder Hund noch Katze) ihre Schreiben verstehe. Und dass sie schreiben gelernt hatten, sollten die andern erkennen, dass alleine Buchstaben lernen nicht zum Verstehen gelehrter Schriften führt.
Das war Wasser auf die Mühlen der Schnawliner gewesen und ab dieser Zeit hießen die andern Bockspfiffer. Über diese ganzen Geschichten hatten sich die Bürger zunehmend verfeindet und wo einer dem andern ein Leid zufügen konnte, ließ man es daran nicht fehlen. So haben die Schnwaliner alle Vorfälle nach Wiesbaden berichtet vom Husarentag und wie Kreß und Meurer begleitet wurden und was den Soldaten widerfuhr, welche zur Exekution geschickt worden waren. Deshalb war der Präsident der Regierung - der Kruse...

- 25 -

Flätig hin uf Karelsrueh gange, zuem Marggrof vun Bade,
Wege Saldate, der het si em denn ai gar nit verweigert.
Mit zweihundert Granediär un 'me badische Hofrath,
Seubert het mer 'ne gheiße, n-isch er uf Friäsene kumme.
Uf der Post dert henn si gloschiärt, un henn dene Burgre
Sage lehn, si solle-n-e Debetation niwwer schicke,
Daß si mit ene rede könnte. - Druff sin si uf's Rothhuus
B'schiede wore. D' meiste henn gmeint, des sei jetz nit nethig,
Un es sei jo der Weg vun Lohr uf Friäs'ne nit nächer,
As vun Friäs'ne-uf Lohr, un wenn diä Herre schunn so witt
Kumme wärde, so wurdig's 'ne-n-ihri Bein ai ni' koste,
Wenn si volls riwwer kämde, n-es sei jo nurr noch e Halbstündli.
Anderi awwer sinn gscheidter gsinn, un henn ihngsehn,
Daß es nix schade könntig, un besser wär, mer däht folge.
Dodrum henn si aacht vun de Burgere gwählt un zwei Herre
Us em Roth. Wiä diä zum owere Dhor nus sinn gange,
Henn si d' Andere-n-usgschpettelt: "Welle-n-err s' Städtli verkaife?
Wiä viel welle-n-err denn derfür ford're? Wiä henn err's im Anschlag?"
Henn si 'ne noh gschroije. Sie awwer henn si des Alles ni' keie
Lehn un gehn ihrs Wegs. - Der Herr Presedent het si frindlig
Ufgnumme, het ene gsait, wiä thorächt as si duen handle,
Het ene vorgstellt, was ihre Bitrage für gfährligi Folge
Han könnt für sie, für ihr Famili, so wiä ai fürs Städtli,
Un si solle doch mache, daß d' Burgerschaft sich däht zuem Gehorsam
Unterschriwe, n-er wottig dernoh mit sine Saldate
Widder abmaschiäre-n-un s' solle diä Burger kei Kritzer
Köste han. Bis mornemorige wott er 'ne Frist genn,
Daß si si bsinne könnte; er däht's jo guet mit 'ne meine.
Mit dem Bscheid gehn si heim. - Do het mer awwer mien heere,
Was für e Gschrei un Lärme des unter de Burgere genn het.
"Meint er, mer seie so dumm un loße-n-ich vun em balwiäre?
Wenn er derftig, er wär mit sine Saldate glich kumme,
Hätt si gwiß nit so driwwe bi de Friäs'mer lehn leie,
Un wenn er s' Recht derzue het, se soll er si doch numme bringe,
Z' fresse-n-un z' suffe were mer dene doch, denkiwoll, könne

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Rasch zum Markgraf von Baden nach Karlsruhe gegangen und wollte Soldaten und die wurden ihm nicht verweigert. Mit zweihundert Genadieren und einem Badischen Hofrath - Seubert war sein Name - kam er nach Friesenheim. Auf der Post hatten sie gewohnt und hatten den Bürgern (Lahrs) ausrichten lassen, sie mögen eine Abordnung nach Friesenheim schicken, damit sie mit ihnen reden könnten. Daraufhin wurden sie in das Rathaus bestellt. Die meisten dachten, das sei wohl nicht notwendig und der Weg von Lahr nach Friesenheim sei so weit, wie der von Friesenheim nach Lahr. Und wären die Herren schon von weit gekommen, würde es ihre Beine nicht kosten, wenn sie den Rest (vollends) herüber (nach Lahr) kämen - es sei ja nur eine halbe Stunde (Wegs).
Andere waren klüger und sahen ein, dass es nicht schaden könne und besser wäre, man würde gehorchen. Deshalb wählten sie acht Bürger und zwei Herren vom Rat. Wie diese das Obere Tor hinausgingen, wurden sie von den anderen verspottet: "Wollt ihr die Stadt verkaufen? Wieviel wollt ihr denn fordern? Was habt ihr veranschlagt?" Riefen sie ihnen hinterher. Die aber (die Delegation) taten sich nichts daraus und gingen ihres Wegs. Der Herr Präsident hatte sie freundlich empfangen und sagte ihnen, wie töricht das Verhalten gewesen sei, zeigte ihnen auf, welche gefährlichen Folgen sich für sie (Lahr), ihre Familien und die Stadt ergeben könnten und sie sollten sich doch bemühen, dass die Bürgerschaft zum Gehorsam unterschreibe. Danach wolle er mit seinen Soldaten wieder abziehen und es solle kein Bürger auch nur einen Kreutzer kosten. Bis zum kommenden Morgen wolle er die Frist setzen, dass sie sich besinnen könnten - er meine es ja gut mit ihnen.
Mit diesem Bescheid gingen sie (die Deputierten) wieder nachhause. Doch da musste man hören, was für ein Lärmen und Schreien unter den Bürgern ausbrach "Meint er (Präsident), wir seien so dumm und ließen uns 'über den Tisch ziehen'? Hätte er gedurft - er wäre sofort einmarschiert. Er hätte sie (Soldaten) gewiß nicht in Friesenheim stationiert. Und sollte er das Recht dazu haben - dann soll er sie ruhig anmarschieren lassen. Zu essen und zu drinken werden wir ihnen - denke ich...

- 26 -

Genn, un so witt isch's der Dunderschiäß bi ich noh nit
Kumme, daß mer e Hämfili Litt ni' könne verdhalte.
Nai, mit Speck fangst mer d' Mihs, un mer sin gottlob keini Kinder,
Daß mer ich vum e Butzemummel in Aengste lehn jage."
So, un noch gar mencherlei Gscheidts in de Tag nihn isch babbelt
Wore-n-un d' greeschte Hasefüäß henn, wiäs meistens der Fall isch,
D' greeschte Müüler ghet, as wotti si alli glich freße. -
Awwer ase warem henn si's in Friäs'ne-n-erfahre,
Un der Herr Presedent kummt selwer am andere Morge
Mit em badische Hofrath, un loße diä Burger zitiäre.
Diä sin kumme - n-awwer nurr unte-n-ans Rothhuus,
Henn si do iwwer alles, was drowwe-n-isch vorgange, luschtig
Gmacht un henn us Spott e Debedation zue 'ne nufgschickt.
Numme-n-e paar dervun sinn gscheidt gsinn un henn si zuem Ghorsam
Unterschriwe, n-awwer si sinn bigost s' Lewes nit sicher
Gsinn vor de-n-andre-n-un henn si vor ene schnell mien verstecke. -
Jetz isch doch dene Herre-n-ihr Giduld endlig us gsinn,
Un si lehn im Offeziär uf Friäsene sage,
Daß er mit sine Granediäre flätig soll kumme.
Der het schunn lang druff gwart't un het si nit zweimol lehn heiße.
Glich Nohmittag ruckt er ihn, un glich ai were d' Saldate
Unter d' Burger verdailt, versteht sich, daß d' Bockspfiffer alli
Kriägt henn. Des isch awwer als no bi Wittem nit s'ärgst gsinn;
Glich d-n-andere Tag het's gheiße, si müäßte fünftoised
Gulde bizahle, n-un bis z'Owe üäßte si do sinn.
Dail henn glich bezahlt, de-n-andere het mer an Huusroth
So viel g'numme-n-as nethig isch gsinn. - Jetz henn si si anderscht
Bsunne. Am viärte Tag sinn e paar, Verwandti vum Meurer,
Hin un henn unterschriwe-n-un noh un noh sinn ai d'andre
Kumme. Jetze loßt der Herr Presedent noch e-n-Uschutz
Z'samme b'riäfe-n-un sait ne-n-er wott si jetz vun de Saldate
Widder bifreie, si solle-n-awwer vun do in aacht Tage,
Ehnder nit, e Debedazjon uf Wiesbade schicke,
Un vum Fürste Verzeihung un Nohloß der Strofe-n-erbette.
Des henn si denn ai versproche. Hätte si's numme-n-ai ghalte!

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...geben und soweit ist es ja zum Teufel (Donnerschlag) noch nicht gekommen, daß wir ein 'Häufchen' (Hand voll) Leute nicht verpflegen können. Nein, mit Speck fängt man Mäuse und wir sind 'Gott sei gepriesen' keine Kinder, die sich mit einem Mummenschanz in die Angst jagen lassen." So und noch manch' andere 'schlaue Sprüche' waren gesagt worden und die größten Angshasen - wie das meistens der Fall ist - rissen den Mund am weitesten auf als wollten sie sie alle gleich schnappen. Aber noch ganz frisch hatte man in Friesenheim erfahren (was vor sich ging) und der Herr Präsident kam selbst am nächsten Morgen mit dem Badischen Hofrat und ließ die Bürger antreten. Diese kamen aber nur vor das Rathaus, hatten sich über alles, was drinnen lief, lustig gemacht und hatten aus Spott eine Abordnung hineingeschickt.
Nur wenige wurden klug und hatten sich zum Gehorsam verpflichtet. Diese waren aber tatsächlich ihres Lebens nicht sicher gewesen vor den andern und mussten sich schnell verstecken. Nun ging doch bei den Herren die Geduld aus und sie ließen ihrem Offizier in Friesenheim melden, er solle mit seinen Soldaten gefälligst kommen. Der hatte schon lange gewartet und ließ sich nicht zweimal heißen. Am gleichen Nachmittag rückte er an und sofort wurden die Soldaten unter den Bürgern verteilt - selbstredend, dass den 'Bockspfiffern' alle zugewiesen wurden. Das war aber bei weitem noch nicht das Schlimmste. Gleich am nächsten Tag wurde gesagt, die Bürger müssten 5.000 Gulden (Strafe) bezahlen und das bis zum Abend. Ein Teil zahlte und den andern hatte man vom Hausrat beschlagnamt - soviel wie erforderlich. Nun hatten sie (die Bürger) umgedacht. Am vierten Tag gingen Verwandte Meurers hin (zum Rathaus), um zu unterschreiben und dann kamen auch die andern. Danach ließ der Präsident einen Ausschuss einberufen und sagte, er wolle jetzt die Soldaten wieder abziehen lassen. Sie (die Bürger) sollten aber nach acht Tagen - nicht vorher - eine Abordnung nach Wiesbaden schicken und den Fürsten um Verzeihung bitten. Das hatte man dann auch versprochen - hätte man es nur auch gehalten!

- 27 -

Eb diä aacht Tag rum sinn gsinn, kummt vun Wetzlar der Meurer,
Sait ene-n-Alles stünd guet, der Prozeß sei so viel as schunn g'wunne.
Jetz geht der Danz widder los; vun der Debedazjon isch kei Red me,
Wiä vum Ghorsam. D' Unterschrifte sinn nurr erzwunge
Gsinn, so sage si, s' isch ene numme-n-um d' Kunderbuzjon gsinn."
Nommol gitt d' Regiärung noh, un no emol schickt si
Zwei Kummissär, diä duen diä Burger alli verheere,
Nemme-n-Alles z' Protekoll, was si ebbe henn z' klage.
Währet dem sinn awwer widder drei nunter uf Wetzlar,
Um si wege der Exekuzjon z' biklage, n-un nochert
Henn si ai welle mache, daß mer de Meurer soll frei lehn.
Der isch ebbe viär Woche vorher uf der Frankfurter Meß gsinn;
Des het d' Regiärung erfahre-n-un het 'ne lehn requeriäre;
D' Frankfurter henn e gfaßt am Schlaffittich un henn e-n-an Nassai
Gliefert. Dert isch er lang in harter Gfangeschaft gseße. -
    Zue der nemmlige Zitt do het der Lüttich, der Hafner,
Blatte-n-un Schüßle g'macht, un Männli mit wüäthige Schnäwle
Wu mer glich gmerkt het, daß es Schnawliner sinn solle, druff gmolt.
Deswege het 'ne d' Kummission verurdailt zuem Schlupfe.
"Des wär schunn erecht, sait er, doch kummt's nit leinig uf uns an;
Do mueß i z'erscht, mini Herre, n-ai mini Mitburger froge
Ebb i in de Durn soll, odder ebb's ebbe ni' gscheidter
Wär, i liäßtigs bliwe." Es het ne-n-awwer nix battet.
Zwei Haschiärer un der Kratt henn e packt un in Durn gfüährt.
Odder nai, si henn e numme welle nihn füähre;
Awwer unterwegs sin e Huffe Bockspfiffer gstande,
Diä henn d' Haschiärer umringt un dene mit tüchtige Prügle
Droht. Was henn si do welle mache? Ihr Flueche-n-un Schelte
Un ihr Deewre nutzt nix. Der Lüttich awwer het Bech genn. -
Glegeheit, sait mer, macht Diäb un Glegeheit macht aww'r ai Helde.
Des henn diä Männer biwise, sie henn jo d' Haschiärer in d' Flucht g'jagt.
Frilig sinn aacht Tag nohher widder hundert un zwanzig
Mann Granediär derher maschiärt, un mit der Kuraschi
Isch es us gsinn. - Wiä mer gheert het, daß si duen kumme,
Nemme meh as d' Häflti vun de Burgere Rißus,

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Bevor die acht Tage abliefen, kam der Meurer aus Wetzlar, sagte alles stehe gut, der Prozess sei so gut, wie gewonnen. Der Tanz begann auf's Neue. Von der Abordnung keine Rede mehr, wie auch vom Gehorsam nicht. Die Unterschriften wurden erzwungen wurde gesagt - es ginge nur um die Zwangsabgabe". Noch einmal gab die Regierung nach und noch einmal schickte sie zwei Unterhändler, welche die Bürger verhörten und nahmen alles zu Protokoll, was beklagt wurde. In dieser Zeit waren aber wieder drei (Bürger) auf Wetzlar gewesen, um sich über die Exekution zu beklagen und danach wollten sie, dass Meurer freigegeben wurde.
Meurer war vier Wochen zuvor in Frankfurt auf der Messe. Die Regierung erfuhr davon und lies ihn festsetzen. Die Frankfurter nahmen ihn am 'Schlafittchen' und übersandten ihn an Nassau. Dort saß er lange in strenger Haft. Zur gleichen Zeit hatte Lüttich, der Töpfer, Teller und Schüsseln gemacht und Männchen mit wütenden Schnäbeln - nahe lag, dass die Schnawelliner gemeint waren - hatte er darauf lackiert.
Eine Kommision hatte ihn deshalb zur Haft verurteilt. "Das wäre schon in Ordnung meinte er daraufhin aber es käme nicht nur auf uns (Kommisionssitzung) an. Da müsse er zunächst seine Herren, nein, seine Mitbürger fragen," ob er in den Turm solle, oder ob es nicht schlauer wäre,  man ließe es bleiben. - genutzt hatte das nichts. Zwei Vollzugsbeamte und der Kratt nahmen ihn fest und führten ihn zum Turm. Oder besser - sie wollten ihn zum Turm bringen. Aber unterwegs standen eine Menge 'Bockspfiffer', welche die Ordnungshüter umringten und ihnen Prügel androhten. Was sollten die jetzt tun? Ihr Fluchen und Schimpfen und Toben nutzte nichts. Und Lüttich gab 'Fersengeld'. Gelegenheit - sagt man - macht Diebe und Gelegenheit macht aber auch Helden. Das hatten die Männer bewiesen, welche die Ordnungbeamten in die Flucht schlugen. Zwar waren acht Tage später wieder 120 Grenadiere einmarschiert und aus war es mit dem Mut, wie man hörte, dass sie kommen würden, nahm mehr als die Hälfte der Bürger Reißaus.

- 28 -

Grad nit us Angst, - si henn numme gmeint, mer könntig si packe,
Un sell Gsprüchli: "Witt vum Gschütz gitt alti Saldate",
Henn si gwißt, un zuer rechte Zitt ai sich dran erinnert.
Dail sinn furt, wiä si gange-n-un gsande sinn, un an's Esse
Odder an's Trinke henn si nit denkt, henn nit 'mol de Wiwre
Sage könne, daß si furt müäße; n-andri sinn gscheidter
Gsinn, un henn si versehne mit Brod un Speck, odder was si
Grad henn gfunde. Der het d' Dischlad un's Känsterli usg'schnaigt,
Odder der Railihafe (1), n-awwer niänetz isch nix gsinn.
Hungerig het er mien furt, er het si ni' könne verwihle,
Wil alli Aigeblick d' Granediär henn ihnrucke könne. -
Der het e Gütterli Schnapps, e Budell voll Wihn het der ander
In de Schnappsack gsteckt, un heidebritsch geht's jetz zuem Dohr nus. -
Uf de Langehardt gehn e Dail, uf Gengebach and'ri;
D' Herzhaftste-n-awwer duen uf de Hagematte kampiäre.
Summerjohanny isch's gsinn, un grad isch's Heu uf de Matte
Glege. Vun dem henn si Hüffe z'samme trage-n-un usghülcht;
Do drinn henn si si versteckt un Löcher zuem Giggle
Gloße, daß si de Find, wenn er kumme däht glich könnte sehne.
Luschtig henn si si g'macht, awwer wenn nurr e-n-Oelgläser g'ruscht het,
Odder der Wind im Heu, henn si anfange z' zittre,
Henn si in d' Heuhüffe g'niält un schiär gar s' Herz ni' g'het z' schnuufe.
Wia alsgmächlich der Proviant, wu si brüäderlig dailt henn,
Usgange-n-isch un keiner meh uf Kuehbach het welle,
Odder uf Richebach, um widder andere z' hole,
Un si ai niänetz keiner vun de Saldate het sehn lehn,
Henn si's für am Beste ghalte, si giängdige heimzue,
Un deswege-n-e Kuehbacher zue ihre Wiwere nusgschickt,
Daß er uskunnschafte soll, wiä's steht, un ebb's ghiir isch.
Der isch ball widder kumme-n-un sait 'ne, si solle nurr heim gehn,

1.) An dem Ofen damaliger Zeit war kein Rohr, sondern es befand sich über dem
Schürloche eine viereckige Oeffnung, durch welche der Rauch abzog. In dieser Oeffnung stand,
Jahr aus Jahr ein, ein Topf, in welchem während des Winters, um die abziehende Wärme
einigermaßen zu benützen, für das Vieh gekocht oder eine Wurst u. dergl. warm gehalten wurde.
Die Oeffnung hieß das Rauliloch (Rauchloch) und der Topf: Raulihafe.

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Nicht aus Angst - sie dachten nur, sie könnten festgenommen werden. Und das Sprüchlein: "Weitab des Gechützes gibt alte Soldaten." Kannten sie und erinnerten sich mit Recht daran. Ein Teil floh und ließ alles liegen und stehen und an Essen oder an Trinken dachten sie nicht. Sie hatten nicht einmal ihren Frauen sagen können, dass sie fliehen müssten. Andere waren schlauer und nahmen Brot und Speck mit oder was sie gerade fanden. Diese hatten die Küchenlade und den Küchenschrank abgesucht oder den Wärmetopf (Railihafe)(1) aber nirgendwo war etwas zu finden. So musste man hungrig weg, man konnte sich nicht länger aufhalten, weil jeden Augenblick mit den Grenadieren zu rechnen war. Einer hatte eine Pulle Schnapps, der andere eine Flasche Wein in den Rucksack gesteckt und schnell wie der Blitz gings zum Tor hinaus. Auf den Langenhardt gingen die einen und auf Gengenbach andere. Die Mutigsten aber kampierten auf den Wiesen vor der Stadt. Johannesfest (24. Juni) war es und das Heu lag auf den Matten. Aus diesem machten sie Haufen und in die Haufen Höhlen. Darin hatten sie sich versteckt und Löcher zum hinausschauen gemacht, damit sie den Feind, falls er käme gleich sehen könnten. Sie machten sich lustig aber wenn nur eine Laterne rückte oder der Wind ins Heu blies, fingen sie an zu zittern, wühlten sich in die Heuhaufen und hatten kaum noch Mut zu Atmen gehabt.
Wie allmählich der Proviant, welchen sie brüderlich teilten, zuende ging und keiner mehr nach Kuhbach wollte oder nach Reichenbach, um Nachschub zu holen und auch keine Soldaten zu sehen waren, hielten sie es für das Beste nachhause zu gehen. Sie schickten deshalb einen Bürger von Kuhbach zu ihren Frauen, dass er auskundschaffen sollte, wie es stand und ob es geheuer wäre. Dieser kam bald zurück und sagte, sie sollen nur nachhause gehen,

1.) An dem Ofen damaliger Zeit war kein Rohr, sondern es befand sich über dem Ofenloch eine viereckige Öffnung, durch welche der Rauch abzog. In dieser Öffnung stand das ganze Jahr ein Topf, in welchem während des Winters, um die abziehende Wärme einigermaßen zu nutzen, Futter für das Vieh oder eine Wurst u. dergl. warm gehalten wurde. Die Öffnung hieß das 'Rauliloch' (Rauchloch) und der Topf: 'Raulihafe'.

- 29 -

S' däht kei Mensch no 'ne froge, n-awwer deschde mehnder
Dähte si froge noh allem, was si in ihre Hüüs're
Hätte-n-an Geld un an Geldswerth; denn si verlangdige vun de
Flüchtige widder e Kunderbuzjon vun fünftoised Gulde.
Jetze b'rede si sich mitenander, un endlig wurd b'schloße,
Daß si zwische Tag un Liächt sich heim mache welle,
Einer noh em andre-n-un nit zuem nemmlige Dohr nihn.
Wiä si g'redt henn so g'schichts, un noh zwei angstvolle Täge.
Schliche si sisch widder heim, un niämetz het si drum kümmert.
Nohchet noh sinn anderi kumme-n-un numme drißig
Henn im Accord nit troit, un diä sinn usgschriewe wore.
Awwer aneweg sinn numme zeh dervun komme.
Diä sinn uf eimohl mittle-n-in der Naacht us de Bettere g'numme
Wore-n-un in de Durn nunter gfüährt. De-n-andere Morge
Isch des Badisch Kummando, wu meh as sechs Woche-n-isch hiä gsinn,
Vor de Durn maschiärt, un het diä Gfangene rusgholt,
Un isch mit ene furt. Mer het g'meint, si kämde-n-ins Zuchthuus,
S' isch awwer numme-uf-Altene gange, dert henn si si ihngsperrt,
Bis d' Regiärung sage het loße, mer soll si nurr laife
Lehn, bis uf viäri: de Bäcke-Kreß, de Lüttich, de Hafner,
Un de Löwewirth Dieterlin un de Vogel, de Säckler.
Diä henn si furt bis uf Speier, wu e Kummando vun Nassai
Si in Empfang gnumme het. Diä henn ene d' Händ uf de Buckel
Bunde-n-un henn si uf Wiesbade gfüährt un derte-n-ins Zuchthuus.
D' andere zwanzig sinn derwihlst in de badische Dörf're
Z'nächst um d' Stadt erum odder im Gerelseckische bliewe.
Bis mer dert uf si Jagd het g'macht noh sinn si uf Schutt're,
Wu 'ne der Abt vum Kloster Kost un Uffethalt genn het,
Menche-n-in Schuttere, n-and're-n-in Heiligezell in sim Freihof.
Ai im Gengebacher Kloster sinn e paar g'seße.
Vielmohl sinn si ufg'fordert wore, si solle si stelle;
Jo! mer het ene droht gar, daß mer ihr ganzes Vermeege
Un ihr Burgerrecht ihnziäge däht, ihri Wiwer un Kinder,
Wiä si selwer ai, uf ewigi Zitte verbanne;
Zwanzig Mann Saldate het mer jedem ins Huus g'legt,

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Es würde niemand nach ihnen fragen, aber um so mehr würden sie nach allem fragen, was sie in ihren Häusern an Geld hätten und an Geldwerten, weil sie von den Flüchtigen wieder eine Zwangsabgabe von fünftausend Gulden forderten. Sie berieten sich und letzlich wurde beschlossen, dass man sich in der Dämmerung nachhause begeben würde. Einer nach dem andern und nicht durch das gleiche Tor. Wie beschlossen, so geschah es und nach zwei angstvollen Tagen schlichen sie wieder nachhause und niemand kümmerte sich um sie. Nachher waren noch andere - um die dreisig - welche der Sachlage nicht trauten und diese wurden zur Fahndung ausgeschrieben. Trotzdem kehrten nur zehn von ihnen zurück. Diese wurden Mitten in der Nacht aus ihren Betten geholt und in den Turm geführt. Am andern Morgen war das Badische Kommando, welches mehr wie sechs Wochen stationiert lag, vor den Turm marschiert, holte die Gefangenen heraus und zog mit ihnen fort. Man dachte, diese kämen ins Zuchthaus, es ging aber nur nach Altenheim und dort wurden sie eingesperrt.
Bis die Regierung entschieden hatte, dass man sie bis auf vier (von ihnen) laufen lasse: den Bäcker Kreß, den Töpfer Lüttich, den Löwenwirt Dieterlin und den Sackmacher Vogel. Diese wurden bis nach Speyer gebracht, wo ein nassauisches Kommando auf sie wartete. Diese banden ihre Hände auf dem Rücken, führten sie nach Wiesbaden und warfen sie dort ins Zuchthaus. Die restlichen zwanzig verblieben während dessen in den Badischen Dörfern, die der Stadt nahe lagen oder im Geroldsecker Land, bis man auch sie jagte, dann gingen diese nach Schuttern, wo ihnen der Abt vom Kloster Aufenthalt gewährte, einigen davon im Kloster Schuttern und andern in Heiligenzell auf dem Freihof.
Auch im Gengenbacher Kloster wurden einige untergebracht. Oft wurden sie aufgefordert, sie sollten sich stellen. Es wurde gedroht, dass man ihr ganzes Vermögen einziehen und ihr Bürgerrecht entziehen werde und ihre Frauen und Kinder - wie sie selbst auch - auf immer verbannen wolle. Zwanzig Soldaten wurden in jedem ihrer Häuser untergebracht.

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Awwer Alles umsunscht! Sie denke mer sitze-n-im Truck'ne. -
Endlig, wiä d' Kumission het ihn'gsehn, daß do nix z' mache
Wärtig, reist si ab. Sechs Wochen-n-isch si fast do gsinn.
    Ball druff het des Kammer'gricht in Wetzlar e-n-Urtel
Durch e Kammerbott de Burgere lehn bubleziäre.
Des het g'luttet: Es könntig wege dene-n-Exzeße,
Wu si bigange hätte, s' Kammer'gricht nit erkenne,
Unterwerfe solle si sisch in gbüärendem Ghorsam,
Solle de Fürst um Verzeihung bitte-n-un sich lehn strofe,
Wiä si's verdiänt hätte, n-un e-n-Urtel iwwer ihr Wahlrecht
Still un riäwig erwarte. - E Blitz vum heitere Himmel
hätt si, glaiwi, nit ärger niederschmettere könne.
Mei! jetz kriäche si awwer zuem Kritz un duen suppleziäre!
Un erkläre, si wotte si stelle, mit der Bedingung,
Daß si nit ins Zuchthuus kämde. Des het mer zuegenn,
Awwer numme so lang as d' Untersuechung däht duure. -
Währet si sich voll Angst zuer Reis uf Wiesbade rüste,
Sinn vun dert der Dieterle, der Lüttich un Vogel,
Wu mer frei g'loße het, widder kumme-n-un des het 'ne Mueth g'macht,
Un se sinn si denn nunter uf Kehl un vun dert im e Schiffli
Gfahre bis Mainz, un vun Mainz sinn si z' Fueß uf Wiesbade niwwer.
Derte het mer si verheert, mit em Kreß un em Meurer
kunfrundiärt, un enandernoh het mer si widder lehn laife,
So daß bis zuem zweiezwanzigste Kristmont, am Wahltag,
Siwwezeh hundert un dreie fiwwezig alli sin d' heim gsinn,
Bis uf de Meuerer un de Kreß, diä als noch im Zuchthuus
Gsesse sinn. -
    Am Wahltag isch's diesmol ordiglig gange
(Menchi henn schunn zittert un gmeint, es giändig widder wiä fähren.)
Zwohr, de Griesbach un de Willig, diä henn si abdankt;
Awwer de letschde henn si s' Johr druff schu widder ihngsetzt.

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Aber alles umsonst. Sie dachten ihnen kann nichts passieren. Zum Schluss, wie die Kommision einsah, das nichts zu machen sein werde, reiste sie ab. Sechs Wochen waren sie in gewesen Lahr. Bald darauf sprach das Kammergericht zu Wetzlar ein Urteil und ließ dies von einem Kammerboten den Bürgern zugehen. Es lautete: es könne aufgrund der Exzesse, die begangen wurden, das Kammergericht nichts anerkennen, unterwerfen sollten sie sich im gebührendem Gehorsam. Sie sollten den Fürsten um Verzeihung bitten und sich bestrafen lassen, wie sie es verdient hätten und ein Urteil über ihr Wahlrecht still und ruhig erwarten. Ein Blitz aus dem heiteren Himmel hätte sie - wie ich glaube - nicht stärker niederschmettern können.
Ha! 'jetzt kriechen sie zu Kreuze' und unterwerfen sich und erklären, sie wollten sich unter der Bedingung stellen, dass sie nicht ins Zuchthaus kämen, was ihnen zugestanden wurde. - Aber nur für die Dauer der Untersuchung. Wie sie sich voller Angst zur Reise nach Wiesbaden vorbereiteten, sind von dort der Dieterli, der Lüttich und Vogel, die man frei gelassen hatte wieder zurückgekehrt und das machte ihnen Mut. Sie waren hinunter nach Kehl gegangen und von dort mit einem Schiffchen gefahren bis Mainz und von Mainzu zu Fuß auf Wiesbaden gewandert. Dort wurden sie verhört und mit Kreß und Meurer konfrontiert und man ließ sie rasch wieder laufen, so, dass sie am zwanzigsten Dezember - am Wahltag - siebzehnhundertdreiundsiebzig alle zuhause waren. Bis auf Meurer und Kreß, welche noch im Zuchthaus saßen.
Am Wahltag verlief alles ordnungsgemäß.
(Manche zitterten schon, weil sie dachten, es würde wieder laufen, wie zuvor) Die Wahrheit: Griesbach und Willig wurden abgewählt aber der Letztere wurde bereits im Folgejahr wieder eingesetzt.

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Fernere Schicksale der zwei ersten Leiter des Prozesses und Schluß.

    Noh zwei Johre het der Kreß e G'legeheit gfunde
Us em Zuchthuus z'entwiche-un niwwer isch er uf Stroßburg
Kumme, wu er bi de Bäcke-n-Erwet het gfunde,
Un im nächste Johr, do isch's ai im Meurer glunge.
Der het si Zueflucht g'funde bim Moritz in Gengebach driwwe.
Des isch ihr Advekat gsinn, un der Schaffner vum Kloster.
Mittlerwihlst het der Prozess sine laif ghet, un endlig sinn d' Akte
Furtgschickt wore-n-uf Rintle, daß die Herre Professer
An de Uneversität henn solle-n-e-n Urtel
Genn, e-n-unbardeiisches, un wiä des isch kumme, hets g'luttet:
Daß de Meurer no sechs Monet im Zuchthuus soll bliwe,
Un de-n-aachte Dail vun alle Keste hätt z' zahle;
Daß diä Burgerschaft um toised Gulde soll g'stroft sinn,
Un noch b'sunders d' Mexderzunft um fünfhundert Gulde,
Wil si allewihl d' Ärgste gsinn sinn bi dene Gschichte.
Ewe so, daß viärzig anderi Burger e-n-Achtel.
D' iwwrige-n-awwer de Rest vun de Keste solle bizahle. -
Uf des Urtel hin, do het 'ne de Moritz de Roth genn,
Daß si mit z'friede sinn, un ihre Prozeß weg'n em Wahlrecht
Drunte-n-in Wetzlar bim Kammergricht uf genn solle-n-un sueche,
Daß si e guete Verglich mit em Fürste könntige treffe,
Daß doch ai emol Rueh un Ordnung in d' Stadt widder kämdig.
Awwer do het er im Kälwli in's Aig bigefferlig g'stoche.
"Was! Du Spitzbue! Du Strolich! so fahre si iwwer ne heri,
Du kleinnütziger Schelm! Witt Du ai noch de Verräther
Spiele? Mach, daß de furt kummsch, sunst stehn mer der nit für di Lewe!"
Zweimohl loßt er si des nit sage, n-awwer zue Amt hin
Laift er un duet dert glich e-n-Ehrekränkung verlange,
Un sini Keste het er ihnklagt, an fünfhundert Gulde.
    Uf des hin het der Meuerer nimmi in Gengebach bliwe
Könne, deswege-n-isch er uf Langekandel im Elßis

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 Fernere Schicksale der zwei ersten Leiter des Prozesses und Schluß.

Nach zwei Jahren fand Kreß eine Gelegenheit aus dem Zuchthaus zu fliehen und ging hinüber nach Straßburg, wo er in einer Bäckerei Arbeit fand. Und das Jahr darauf, gelang Meurer die Flucht ebenfalls. Dieser fand Unterkunft bei Moritz in Gegenbach. Dieser war ihr Anwalt und Verwalter des Klosters. Mittlerweile nahm der Prozess seinen Lauf und endlich waren die Akten nach Rinteln (Universitätsstadt im Weserbergland) gelangt, damit die Professoren an der Universität ein Urteil - ein unparteiisches Urteil - treffen konnten und dieses lautete: Meurer solle noch sechs Monate im Zuchthaus verbleiben und den achten Teil der Prozesskosten tragen. Die Bürger mit tausend Gulden belegt würden besonders noch die Metzgerzunft weitere fünfhundert Gulden, weil sie die Schlimmsten bei diesem Treiben waren. Weitere vierzig Bürger ein Achtel (der Prozesskosten) und die übrige Bürgerschaft den Rest zu übernehmen hätten.
Auf dieses Urteil gab ihnen Moritz (Rechtsanwalt) den Rat, dass sie nun besser zufrieden wären und den Prozess um das Wahlrecht, welcher beim Kammergericht in Wetzlar lief, aufgeben sollten und versuchen sollten, einen guten Vergleich mit dem Fürsten zu treffen, damit wieder Ruhe und Ordnung in die Stadt einkehre. Aber damit hatte er 'das Kälblein heftig ins Auge gestochen' (die Bürger heftig gereizt). "Was! Du Spitzbube! Du Strolch! fallen sie über ihn her. Du nichtnütziger Schelm! Möchtest Du auch noch zum Verräter werden? mach', dass du fort kommst, sonst bist du des Lebens nicht sicher!"
Dies ließ er sich nicht zweimal sagen und lief direkt zum Amt, um eine Ehrenkränkung (Beleidigung) anzuklagen und seine Kosten anzumelden - sie betrugen fünfhundert Gulden. Daraufhin konnte der Meurer nicht mehr in Gengenbach bleiben und ging nach Langenkandel im Elsaß

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Gange, sin're Fraie heimeth. Si selwer isch mit em,
Un sini Kinder sinn hiä bi sine Gschwistrige bliewe.
Awwer der Kreß isch mit sinere Frai uf Biewerich nunter,
het dert bette, daß mer em d' Strof erloßt odder mildert,
Un s'isch nit nai gsinn, denn er het widder heim kumme derfe.
    Anno siwwezeh hundert siww'zig un nihn, im November,
Isch im Ufruährprozeß e Reschkript vum Kammergricht kumme.
Dodrin isch ihr Bitrage de Burgere ernstlig verwiese
Wore-n-un im Fürste-n-ans Herz g'legt, er soll 'ne verzeihe,
Soll 'ne-n ihr Strof erloße, odder zum Dail doch,
Wenn si ne drum bette; ewe so soll er de Meurer
Us der leweslange Verbannung widder erlöse,
Soll em sin Burgerrecht widder genn, und soll em erlaiwe,
Daß er, mit sinere Frai, zue sine Kindere heim derft;
Daß des awwer am Haiptprozeß, vun wege-n-em Wahlrecht
Un em Freiheitsbriäf, im gringste nix sottig ändre. -
Uf des henn si denn e Debedazjon an de Fürste
Gschickt, un henn em versproche, daß si sich riäwig verhalte
Welle. Un der Fürst, der het si gnädig empfange,
Het ene gsait, si solle jetz numme gitrost widder heim gehn,
S' ander kämdig noh, si derftige sich druff verloße. -
S' isch ai so gsinn. In de-n-erste Tage-n-im aachziger Johrgang
het de Seditionsprozeß e Schriwe vum Fürste
Gänzlig ufg'hebt un alli Strofe vum Rintlische-n-Urtel
Het er ne-n-erloße bis uf viärhundert Gulde,
Ai im Meuerer sin Verbannung, mit der Bidingung,
Daß er no emol de Burgereid müäßtig leiste.
Awwer vum e neue-n-Eid het der nix welle wisse.
"I ha mine Burgereid, sait er, niämohls noch broche,
Un i kann deswege-n-ai kei-n-andere schweere."
Endlig uf Zuerede vunn sinn're Frai un vunn sine Verwandte
Het er doch noh vielem Sträuwe no emohl gschwore.
    Vum Prozeß, do loßt si jetz nit viel meh verzeehle.
Debedazjone-n-iwwer Debedazjone sinn eimol
Nunter uf Wiesbade gange, n-e-n-andermol widder uf Wetzlar.

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der Heimat seiner Frau. Sie selbst ging mit ihm und seine Kinder blieben bei seinen Geschwistern. Kreß aber ging mit seiner Frau nach Biberach, hat von dort gebeten, dass man ihm die Strafe erlasse oder mildern würde und so ist es geschehen, denn er durfte wieder nachhause. 1779 im November kam bezüglich des Aufstandsprozesses ein Schreiben vom Kammergericht. Darin wurde das Verhalten der Bürger ernsthaft gerügt und dem Fürsten wurde an's Herz gelegt, er möge (den Bürgern) verzeihen, möge die Strafen erlassen wenigstens teilweise, wenn diese (die Bürger) ihn bitten würden. Meurer solle ebenso aus der lebenslangen Verbannung erlöst, sein Bürgerrecht wieder gegeben werden und man möge ihm erlauben, dass er mit seiner Frau und seinen Kindern wieder nachhause könne.
Dies würde allerdings am Hauptprozess um Das Wahlrecht und dem Freiheitsbrief nichts im geringsten ändern. Daraufhin wurde eine Abordnung an den Fürsten geschickt und ihm wurde versprochen, man würde sich ruhig verhalten. Der Fürst hatte sie gnädig empfangen und er sagte ihnen,sie könnten beruhigt wieder heimkehren, alles weitere käme noch, worauf sie sich verlassen könnten. So war es denn auch. In den ersten Tagen der 80-er Jahre hatte der Aufruhrprozess ein Schreiben des Fürsten gänzlich aufgehoben und alle Strafen des Rinteler Urteils bis auf einen Rest von 400 Gulden erlassen. Auch Meurers Verbannung wurde unter der Bedingung, dass er seinen Bürgereid wiederhole, aufgehoben.
Von einem neuen Bürgereid wollte dieser aber nicht wissen. "Ich habe meinen Bürgereid niemals gebrochen, weshalb ich auch keinen neuen beschwören kann", war seine Aussage. Auf Zureden seiner Frau und seiner Verwandtschaft fand er sich endlich nach allem Sträuben bereit,   zu einem neuen Eid. Zum Prozess läßt sich jetzt nicht mehr viel sagen. Abordnungen über Abordnungen gingen hinunter nach Wiesbaden und das andere Mal nach Wetzlar

- 33 -

Zwische-n-Urtel sinn kumme, n-awwer keins in der Haiptsach,
So daß d' meiste vun de Prozeßere maßleidig wore
Sinn, un z'ruck trette wäre, wenn si nurr hätte könne,
Bis im nihnziger Johrgang, unterm aachtzehte Kristmon't
S' kaiserlig Kammergricht in Wetzlar e Haipturtel genn het,
Noh dem d' Bockpfiffer ihre Prozeß henn vollständig gwunne.
Des isch e Juwel gsinn für Alli, wu's mit em Städtli
Noch e bisli ehrlig gmeint henn, awwer e Blitzstrahl
Für e paar, wu g'merkt henn, daß es jetz nimmi wiä jentig
Giändig, wu si uf Gmeindskeste Reise henn gmacht iwwer Reise,
Un derbi Thiäte noch, un Richthümer gsammelt.
Awwer leider! Wer ans Prozeßiär'n-emol gweehnt isch,
Un ans Nixduen, kann so ball ai nit dervun loße.
Mittel un Weg henn si gfunde, des Küähli ai witterscht no z' melke,
Un noch nihn volli Jährli kenn si um d' Keste Prozeß gfüährt.
Frilig het der Roth, der jetz zue de Bockspfiff're gheert het;
(Denn viär Tag noh eröffentem Urtel henn si e neue
Gwählt, un eine vun ihrer Bardei, des kammer sich denke.)
Endlig-n-Ihnsehn ghet, un het 'ne-n-e Riegel vorgschobe.
S' het awwer nix meh battet. Jo! wenn's ebbe-n-e Johrer
Zwanzig vorher wär gschehne, do hättig mer ebbs könne spare,
Denn es het der Prozeß in siwwenezwanzig Johre
Meh as hundertfufzigtoiset Güldili kostet,
Un wiä Alles verbei isch gsinn, het d' Burgerschaft sage
Könne, wiä seller Jud: "Au waih, au waih! i habs gwunne."
    Do schnuuft der Großvatter us e Wihli, un dernoh sait er:
"Wenn ihrer zween hoch owe-n-an ere dachgähe Hald stehn,
Wu kei bahnter Weg nunter füährt, nur Hecke-n-un Stein sinn,
Duen si wohl iwwerlege, wiä si am beschte woll nunter
Kämdige, n-awwer verständige könne si sich nit mit'nander.
Un der eint fangt an mit langsam bidächtige Schritte
Nahz'gehn, un visetiärt mit em Stock ebbs iwwerahl ghiir isch.
Awwer es luegt em der ander e Wihli zue, dernoh sait er:
"Oh du daiwer Kaib! wer wurd si denn do no lang bsinne!
S' geht jo mi Seel vunn selwer, wemmer nur nit verzagt isch!"

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Zwischenurteile kamen - keine aber in der Hauptsache. So, dass es den meisten Prozessierenden überdrüssig wurde und sie zurück getreten wären, wenn sie nur hätten können. Bis zum 90er Jahr am 18. Dezember als das kaiserliche Gericht zu Wetzlar ein Haupturteil sprach. Die 'Bockspfeiffer' gewannen umfassend. Das war ein Hurra für alle, welche es mit dem Städtchen noch ehrlich meinten - aber wie ein Blitzstrahl für diejenigen, welche merkten, dass es jetzt nicht mehr wie gewohnt weiterginge und man Reise über Reise auf Gemeindekosten machte und dabei noch Diäten und Reichtümer sammelte. Aber leider kann, wer an das Prozessieren und das Nichtstun gewohnt ist, nicht so schnell davon lassen.
Mittel und Wege fanden sie 'das Kühlein weiter zu melken' und noch neun Jahre führten sie Prozess um die Kosten. Selbstverständlich hatte der Rat, welcher jetzt zu den 'Bockspfeiffern' gehörte, (Denn vier Tage nach Urteilseröffnung hatten sie einen neuen Rat gewählt - einen ihrer Partei - wie man sich denken kann.) endlich ein Einsehen und einen 'Riegel vorgeschoben'. Genutzt hatte es nichts mehr - ja, wenn das zwanzig Jahre zuvor geschehen wäre, so hätte man vieles gespart. Denn der Prozess über siebenundzwanzig Jahre hatte über 150.000 Gulden gekostet. Wie alles vorüber war konnte die Bürgerschaft sagen, wie der Jude: "Au weih, Au weih! Ich habe gewonnen." - Großvatter schnaubte eine Weile und dann sagte er: "Wenn zwei Menschen oben an einer Halde stehen, von welcher kein Weg herunterführt - nur Hecken und Steine sind -  überlegen sie wohl, wie man wohl am Besten hinunter kommen würde. Verständigen könnten sie sich nicht. Der eine beginnt mit langsam bedächtigen Schritten hinunterzugehen und untersucht mit dem Stock, ob alles in Ordnung ist.  Der andere schaut eine Weile zu und sagt danach: ""Du 'taube Nuss' - wer wird sich hier noch lange besinnen. Es geht ja - bei meiner Seele - von selbst, solange man nur nicht verzagt ist.""

- 34 -

"Sait's un fangt an z' springe-n-un s' geht bigost wiä vun selwer.
Ball awwer isch er nimmi Meister, er kann nimmi halte,
Wenn er ai mecht, un - als furt! als furt rißt's 'ne-n-in d' Tiäfi;
Un es wurd em angstebang, un der Odem versait em;
S' nutz nix. Nunter! nunter mueß er, schneller un schneller.
D' Sinne vergehn em, un s' wurdem grüän un gehl vor de-n-Aige, -
Rasiger ziägt's 'ne witterscht un witterscht; er findet kei Halt meh,
Bis in's Thal. - Do lait er halb doot, am e Felsstück verschmettert.
Lang hinte noh, do kummt ganz wohlbihalte der ander
Unte-n-an, un sieht mit Gruuse-n-un Entsetze
Sine-n-areme Kamerade, verstellt un ganz bluetig;
Un er wäscht em sini Wunde, un ladet 'ne sich uf de Buckel,
Trait 'ne furt, un kicht un schwitzt, er kann awwer d' Herberg
Nimmi erreiche, wenn si em ai gar frindlig zuewinkt.
So bringt der Unverstand vun eim de-n-andre-n-ins Unglück. -
Luege nur um ich her, err were's vielmohl so finde,
Ball bi ganze Gmeinde, ball bi einzelne Mensche;
Un was err vorhenn im Lewe, sei's ebbis klein's odder großes,
Denke nurr an des Bild un renne nit unsinnig d'Hald nah!"

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Spricht und beginnt zu rennen - es geht wirklich wie von selbst. Bald aber verliert er die Kontrolle - er kann nicht mehr anhalten, auch wenn er möchte - weiter und weiter zieht es ihn in die Tiefe. Es wird ihm angst und bang und der Atem versagt. Nichts nützt. Hinunter - hinunter muss er - schneller und schneller. Die Sinne schwinden und er sieht alle Farben. Immer tiefer zieht es ihn weiter und weiter - er findet keinen Halt. Bis hinunter ins Tal und da liegt er halb tod am Fels zerschmettert.
Lange hinterher kommt der andere wohlbehalten an. Mit Grausen und Entsetzen sieht dieser seinen Kameraden entstellt und blutig und er wusch seine Wunden und nahm ihn auf den Rücken. Er keuscht und schwitzt, kann aber die Herberge nicht mehr erreichen - auch wenn diese schon freundlich winkt. So bringt der Unverstand des einen den andern ins Unglück. Schaut euch nur um, ihr werdet dies oft finden. Bald bei ganzen Gemeinden und bald bei einzelnen Menschen -  und was immer ihr vorhabt im Leben - sei es Kleines - sei es Großes - denkt an dieses Bild und rennt nicht ohne Verstand die Halde hinunter!"


- 35 -

Freiheitsbrief

welcher von Herrn Heinrich von Geroldseck, Herrn zu Lahr, der Stadt Lahr im Jahr 1377 ertheilt worden ist.

Ich Heinrich Von Geroltzecke Herre zu Lare vergihe vnd tun kunt menglichem mit disem briefe , daz umbe die manigvaltige truwe, die ich habe vnd billiche haben sol zu minen burgern vnd burgerin, den Lüten vnd der Gemeinde gemeinliche, vnd besunder der Stat zu Lare: Ich mutwilleklichen vnd mit wolbedachtem mute, vnd mit rehter wißende In die Gnade habe getan, vnd auch tu, mit krafte des gegenwertigen briefes. Daz ich vür mich, alle mine Erben vnd nachkommen In gegeben habe, vnd bestetiget mit disem briefe, alle die rehte, Fryheit vnd Gewonheit, die an disem briefe, Von stücke, zu stücken hienach geschriben stant. Zu dem ersten, daz ich, mine Erben oder nachkomen, obe ich nit enwere hinnan, fürder denheinen minen burger oder burgerin zu Lare, noch ouch alle die, die jetzent in der Stat zu Lare seßehaft sint, oder harnach da seßebaft werdent, noch ouch alle die burgere zu Lare sint, oder harnach burgere da werdent, nit sullent schetzen, noch nötigen, noch trengen, es si mit Buwe, oder in denheinen andern weg schatzunge wise ane alle geuerde. Anders danne daz der Richeste min burger oder burgerin zu Lare mir alle Jare geben sol zu sant Martins tage, vier pfunde strazburger pfenninge vnd nit me. vnd darnach die andern burger oder burgerin daselbs dar under nach der Margzal alse ez der Rat zu Lare vnd min vogt daselbs, der danne min vogt da ist alle iare uf ire

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Ende erkennent, daz sie mir alle Jare ouch zu sant Martins tag geben sullent ane alle geuerde. Die vorgennte mine burgere zu Lare sullent ouch die selbe stat zu Lare bewachen vnd behüten nachdem alse sie es danne erzugen mugent, mit minem, minre Erben vnd nachkomen, obe ich nit enwere, Rate, alse sie dunket, daz es danne daz nutzeste vnd daz beste sie ane alle geuerde. Die selben mine burgere zu Lare sullent ouch den zol untze har genomen hant, alse lange, alse sie wellent, vnd sie duncket daz es in gefuglich ist, ane alle geuerde. Die selben mine burge’ zu Lare sullent ouch alle Jare einen Rat zu Lare kiesen vnd setzen vnd sullent der mit nammen zwelf erber manne sin, vnd wenne sie die also erkiesent, so sullent sie su vür mich, mine Erben oder nachkomen, obe ich nit enwere bringen vnd sie mir oder In nennen, vnd sagen wer sie sint. vnd were es daz mir, minen Erben oder nachkomen keiner under in mißefiele so möchtent wir, einen andern an dez selben stat sie heißen kiesen, vnd sezen ane alle geuerde. Vnd sol der selbe Rat ouch sweren an den heiligen reht zu sprechende dem Armen, alse dem Richen, niemanne zu liebe, noch zu leide, alse verre, alse su sich verstant, ane alle geuerde. Ich habe ouch den vorgnnten minen burgern zu Lare die ietzent da sint, oder hinnen fürder dar zuzichent, vnd der Gemeinde daselbes die fruntschaft getan vnd die rehte vnd friheit gegeben, daz die höheste vnd die meiste Beßerunge die zu Lare vor dem Gerihte geuellet, oder geuallen mag, von in nit me sin sol, danne drü pfunde strazburger pfenninge. Uzgenomen Dotslege, Diepstal, valsche vnd notzöge, die vier stucke sol man rihten nach dem rehten. Were es ouch daz denheinre minre burger oder burgerin zu Lare, die da seßehaft sint mir utzit schuldig wurdi mit dem rehten vor minem Gerihte zu Lare, daz sol er mir ufrihten vnd geben in den nehsten viertzehen tagen, dar nach, so es in gebotten ist zu gebende. Geschehe daz nit in dem selben zite, so sol der Schultheiße dar nach in pfenden vür die selbe schulde vnd alse viel pfande dar vür nemmen, alse der Rat daselbs erkennet, daz er gnug pfande vür die selbe schulde habe, vnd nit me ane alle geuerde. Ich der vorgennt Heinrich von Geroltzecke, h’re zu Lare, mine Erben vnd nachkommen, noch nieman von unsern wegen, sullent ouch denheinen minen burger noch burgerin zu Lare, noch denheinen der daselbs seßehaft ist, mit vahen, noch Türnen, noch schaffen getan werden, in denheinen weg, ane alle geuerde, uzgenomen von dare vier stücke wegen, daz ist von Diepstal, von Dotslegen, von valsche vnd von Notzöge wegen,

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vnd anders nit ane alle geuerde. Geschehe ez ouch daz denhein min burger oder burgerin zu Lare der ietzent daselbs feßehaft ist oder harnach da seßehaft würde von Lare zuge, vnd sich mir empfrömdete, es were mit gezoge, oder daz er anderswo burger würde, in welchen weg daz were, da mit er sich mir empfrömden möchte, wider die Eyde die sie mir darumbe gesworen hant, ane alle geuerde, daz ich den oder die, dar nach, so sie mir daz also verbrochen hant, vahen vnd Türnen mag, vnd mich des oder der, ires gutes vnd irre gütere underziehen mag, in minen eygen gewalt an allerslahte geuerde wie mir daz allerbeste fuget·vnd sol mir daz an minem Eyde noch an dirre verbüntnuße kein schade sin ane alle geuerde. Were ez ouch daz einre under in den andern Libelos dote, da Gott vor sie, so sol dez selben, der daz getan het, gut friden haben, sechs wochen vnd zwene tage, durch daz, obe er da zwischent mit mir, minen Erben vnd nachkomen darumbe überkomen muge, doch also daz da zwischent dez selben gut stellig soll darumbe bliben ligende, ane alle geuerde. Ich gibe vnd bestetige in ouch die friheit mit disem briefe, daz kein min burger oder burgerin, die zu Lare seßehaft sint oder harnach alda seßehaft werdent sol vür keine mine schulde haft verbunden noch pfant sin, er habe ez danne mit Handen oder mit Munden gelopt vnd dar vür gesprochen ane alle geuerde. Un sol ouch ich sie, nit nötigen, trengen, noch tzwingen, noch denheinen under in bürge oder schuldenere vür mich zu werdende in denheinen weg ane alle geuerde. Ich sol ouch alle Jare die Hundert pfunde strazburger pfenninge geltz, die Rufelm Lumbart vnd sin gemaine uf minem ungelte zu Lare Hant vnd die ahte pfunde geltz, die Wilhelm zum Ryet uf mir het alse daz ire briefe zu beidensiten sagent bezalen vnd uzrihten zu sant Martinstag ane der selben minre burgere vnd burgerin zu Lare kosten vnd schaden. Dete ich daz nit, so mugent sie die selben Hundert pfunde vnd Ahte pfunde pfenninge vor allen Dingen vor abe nemmen, von miner stüre, die sie mir alle Jare uf sant Martinstag gebent, vnd ez da mit uzrihten vnd bezalen ane alle mine Wid’rede vnd ane alle geuerde. Die selbe mine burger vnd burgerin zu Lare sullent ouch gantzen gewalt vnd macht haben uber alle ueche vnd Gewihte vnd uber alle gebotte, alse es zu Lare von alter har kome ist, ane alle geuerde. Wenne sie ouch Jares einen Rat zu Lare setzent, vnd den gswerent, so sol min vogt vnd min schultheiße zu Lare, die danne sint, In widerumbe sweren, alle ire rehte stete zu habende, vnd alse dirre selbe min

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brief sait ane alle geuerde. Gesehehe ez ouch daz denhein min burger oder burgerin geseßen zu Lare, von denheinre miner schulde wege gefangen, angegriffen oder geschetzet wurde, oder Ime daz sine genomen würde in welchen weg dez were, so sol ich min bestes vnd wegestes da zu tun, daz sie ledig werdent ane alle geuerde, vnd dem, vnd den, dez rehten gehorsam sin, bi dem Eyde, den ich darumbe getan habe, der mine burgere, also gefangen het, von miner schulde wegen. Were ez ouch da vor Got sie, daz ich, mine Erben oder nachkomen, obe ich nit enwere, aller der stucke vnd artickele, so hie vor vnd hie nach an diesem briefe gschriewen stant denheinen verbreche, vnd nit hielte gegen welchen mine burger oder burgerin zu Lare dez geschehe, der, oder die, sullent irre Eyde ledig sin, alse sie mir gesworn hant, daz fü nit, von Lare ziehen sullent, vnd mugent der, oder die danne darnach zichen oder varen mit irem libe vnd gute, wohin sie wellent, ane mine, minre Erben, minre nachkomen vnd menglichs widerrede vnd irrunge. Vnd sol ouch danne dez, oder der selben Libe vnd gut getröstet sin, vür mich, alle mine Erben vnd nachkomen. Dar zu so verbinde ouch ich mich mit disem briefe, bi minem Eyde den ich mit nammen vnd ouch sunderliche darumbe gesworen habe an den heiligen. Wenne die hienach geschriben Heinrich vnd Walther, mine süne beide, zu iren tagen komment vnd zwentzig Jare alt werdent, oder einre under in beiden zwentzig Jare alt wirt,·wenne danne der Rat zu Lare, der danne Rat da ist, mit irem briefe, der da versigelt ist, mit der selben statte zu Lare Ingesigel, mich manent vnd mir der selbe ir brief zu Huse, zu Hofe oder mir selber geentwurtet wirt, so sol ich die selben, mine beide süne, oder welher under in zwentzig Jare alt worden ist, sogleich haben, daz sie beide, oder welher únder in zwentzig iare alt worden ist, In dem nehsten Monade, nach der selben irer meynungen swerent an den heiligen vnd sich verbundent vür sich, alle ire Erben vnd nachkomen, alle die stücke vnd artickele, vnd alles daz, daz an disem briefe geschriben stat, stete zu habende, zu haltende vnd zu volleführende, in alle die wise, alse ich mich ir, an disem selben briefe, verbunden vnd gesworn habe, vnd alse an diesem briefe geschriben stat, vnd sol ouch ich, dez also, von der selben minre beider süne wegen, verbunden sin, untze an die stunde, daz die selben mine süne, beide,·alse gesworn, vnd sich des selben verbunden hant, ane alle geuerde. Were es ouch, daz ich, mine Erben oder nachkomen, oder die minen, von denheinre stücke, vnd artickele wegen, so an

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disem briefe geschriben stant, denheinen Span, Stoße, oder mißehelle gewunnent, in welhen weg daz were, mit minen burgern, oder burgerin, vnd der Gemeinde zu Lare,s es were gemeine, oder besunder, oder sie widerumbe gegen mir, minen Erben, oder nachkomen, vnd mir dez zu beidensiten, under uns selben nit gerihten noch uzgetragen kundent, so sullent wir darumbe zu beidensiten daz reht, vor Meister vnd Rate zu Strazburg suchen vnd nemmen, vnd es also gantzliche uf sie komen, von dez oder der stücke wegen, darumbe danne zu male wir stößig werent, vnd waz vanne der merre tail dez Rates zu Strazburg, die danne sint, darumbe zu rehte sprechent, daz sullent wir zu beidensiten halten, vnd vollefüren ane alle widerrede, vnd ane alle geuerde. Vnd wande ich, der vorgent Heinrich von Geroltzecke, h’re zu Lare, mutwillekliche, vnd durch minen schinberen kuntlichen nutz vnd notdurfe vor Meister vnd Rate zu Strazburg, mit ufgehopter Hand Lipliche gesworn habe an den heiligen, vür mich, alle mine Erben vnd nachkomen, vnd mit nammen, vnd sunderliche, vür Heinriche vnd Walther von Geroltzecke mine süne, alles daz, das an disem briefe geschriben stat, unuerbröchenliche, unwiderrufekliche, vnd ewigklich, gentzliche, rehte, vnd stete, zu habende, vnd zu haltende, vnd da wider nit zu tunde, heimlich noch offenlich, noch schaffen getan werden, mit gerihte, noch ane gerihte, in denheinen weg ane alle geuerde, vnd ich mich ouch der selben dinge, allersament, vür mich, alle mine Erben, vnd nachkomen reht schuldig, vnd were gesetzet habe, vnd ouch setze mit disem briefe, vnd ouch die vorgenanten, mine burgere, vnd die Gemeinde zu Lare, mir darumbe gegeben, vnd bezalt hant, Sybenhundert pfunde strazburger pfenninge, die mir ouch von in worden vnd bezalt sint, vnd ouch in minen nutz gentzliche komen vnd bewendet sint, So habe ich min Ingesigel zu einem gantzen, vesten urkunde, aller der selben dinge an disen brief gehencket. Vnd habe gebeten die erbern, bescheiden, den Meister vnd den Rat der stat zu Strazburg, daz sie zu einem merren urkunde, vnd sicherheit, vnd mich dar selben dinge zu ubersagenbe, der selben irre stette Ingesigel zu dem minem Hant gehencket an disen brief. Des ouch wir Johans Schile der Meister, vnd der Rat von Strazburg, veriehent an disem briefe, wande ouch der vorgent Jungher Heinrich Von Geroltzecke h’re zu Lare, vor uns gsworn hat, alles dez zu haltende, daz von Ime da vorgeschriben stat, vnd darumbe so hant ouch wir, zu einem urkunde der selben dinge, unferre stette Ingesigel durch bete wilen dez vorgnnt Jungh'r Heinrichs

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von Geroltzecke, h’ren zu Lare vnd der burge’ vnd der Gemeinde der stette zu Lare, an disen brief gehencket, der wart gegeben an·dem ersten Dunrestdage, vor sant Johans Baptisten dage, In dem Jare So man zalte von Gotz geburte drützehenhundert Jare, Sybenzig vnd Syben Jare. Vnd sint dirre briefe zwene gliche, der eine bi dem vorgannt Jungherre Heinriche von Geroltzecke von Lare, vnd der ander bi den vorgenannten den Burgern, den Lüten vnd der Gemeinde der stat zu Lare blibent.


Erinnerung an ein denkwürdiges Geschehen - Der Lahrer Freiheitsbrief vom Jahre 1377 - Ein Pergament, das umjubelt, später aber heftig kritisiert wurde

Eine Zusammenstellung von Emil Ell - Der Altvater - 35. Jahrgang 1977 [Auszug aus den Nummern 1-3]

Artikel I

"Zum ersten, daß ich, meine Erben oder Nachkommen, als ob ich noch lebte, für der keinen meiner Bürger oder Bürgerinnen zu Lahr, weder die, die gegenwärtig, noch die, die später dort Bürger sein werden, belasten, nötigen, noch drängen werden, sie weder mit Baufronden noch auf irgend eine andere Weise bedrücken werde, als daß der Reichste meiner Bürger und Bürgerinnen zu Lahr mir alle Jahre am St. Martinstag geben muß 4 Pfund Straßburger Pfennige. Und nicht mehr. Und im Verhältnis dazu die anderen Bürger und Bürgerinnen, gemäß der Merkzahl, die der Rat zu Lahr oder mein Vogt daselbst alle Jahre auf ihren Eid erkennen, (und die bestimmt,) wieviel sie mir alle Jahre auch zu Sankt Martinstag unbedingt geben müssen."

Artikel II

"Die vorgenannten Bürger zu Lahr sollen auch die Stadt Lahr bewahren, worüber sie Rat einziehen sollen bei mir und meinen Erben und Nachkommen, als ob ich noch lebte, so viel als sie dünkt, daß es dann das Nützlichste sei."

Artikel III

"Meine Bürger zu Lahr sollen auch den Zoll zu Lahr haben, so, wie sie ihn schon früher zu Ihrem Nutzen gehabt haben, so lange als sie ihn wollen oder es ihnen dünkt, daß es ihnen förderlich sei."

Artikel IV

"Meine Bürger sollen alljährlich einen Rat in Lahr erwählen und einsetzen, der aus 12 ehrbaren Männern bestehen soll, und sie sollen sie nach der Wahl mir oder meinen Erben und Nachkommen bringen und sie mir oder ihnen nennen und sagen, wer sie sind. Und sollte es sein, daß mir oder meinen Erben und Nachkommen einer unter ihnen mißfiele, dann dürfen wir die Wahl und Einsetzung eines anderen an dessen anordnen."

Artikel V

"Und es soll derselbe Rat auch schwören bei den Heiligen, Recht zu sprechen dem Armen, gleichwie dem Reichen, niemand zu lieb und noch zu leid, so weit als sie es verstehen."

Artikel VI

"Ich habe auch den vorgenannten meinen Bürgern zu Lahr, allen, die jetzt dort sind und die hinfürder dahin ziehen werden und der Gemeinde daselbst, die Freundschaft erwiesen und ihnen die Rechte und Freiheit gegeben, daß sie höchste und größte Buße, die zu Lahr vor dem Gericht gefällt wird und von ihnen gefällt werden darf, nicht mehr sein soll als 3 Pfund Straßburger Pfennige. Ausgenommen sind Totschlag, Diebstahl, Falscheid und Notzucht. Diese vier Stücke soll man richten nach dem Rechten (nach den landesüblichen Rechten)."

Artikel VII

"Falls irgendeiner meiner Bürger oder Bürgerinnen zu Lahr, die dort seßhaft sind, mir pflichtgemäß etwas schuldig würde vor meinem Gericht zu Lahr, dann soll er es mir entgelten und geben in den nächsten 14 Tagen, weil es ihm zu geben geboten ist. Geschähe das nicht bis zu diesem Zeitpunkt, so soll ihn der Schultheiß (das ist der herrschaftliche Beamte) pfänden für diese Schuld und soviel Pfand dafür nehmen, als der Rat als angemessen dafür erkennt, daß er genug Pfand für die Schuld habe und nicht mehr."

Artikel VIII

"Ich, der vorgenannte Heinrich von Geroldseck, Herr zu Lahr, meine Erben und Nachkommen, niemand von unseretwegen, darf irgend einer meiner Bürger oder Bürgerinnen zu Lahr, weder die zur Zeit dort seßhaften, mit Fahnden, Eintürmen auch mit schaffen (Frondienst) belästigen auf keine Weise, unbedingt, ausgenommen der vier Stücke wegen, das ist wegen Diebstahl, Totschlag, Falscheid und Notzucht und nur deshalb, unbedingt."

Artikel IX

"Falls irgendeiner meiner Bürger oder Bürgerinnen zu Lahr, die jetzt dort seßhaft sind oder hernach dort seßhaft werden, von Lahr wegzöge und sich mir entfremdete, es sei dies durch Wegzug oder, daß er irgendwo anders Bürger würde, wie er dies auch mache, um sich mir zu entfremden, gegen die Eide, die sie darum geschworen haben, so darf ich den oder die, nachdem sie also wortbrüchig geworden sind, fahnden und eintürmen, und mir sein oder ihr Gut aneignen ohne die geringste Gefahr für mich, ganz so, wie sich mir das am allerbesten fügt, und es soll mir dies nicht von Schaden sein an meinem Eide noch an diesen Verbindlichkeiten."

Artikel X

"Falls einer unter ihnen den ändern lieblos tötet, was Gott verhüten möge, so soll derselbe, der das getan hat, Gut und Frieden behalten noch 6 Wochen und 2 Tage, damit er sich in der Zwischenzeit mit mir und meinen Erben oder Nachkommen darüber auseinersetzen könne. Doch soll sein Gut in dieser Zeit mir gesichert liegen bleiben."

Artikel XI

"Ich gebe und bestätige ihnen auch die Freiheit mit diesem Brief, daß keiner meiner Bürger oder Bürgerinnen, die zu Lahr seßhaft sind oder hernach seßhaft werden sollen, für meine Schulden hafte, noch Pfand sei, es sei denn, er habe es ehemals selbst mit Hand und Mund gelobt und versprochen. Und ich soll sie auch nicht nötigen, drängen noch zwingen, daß irgendeiner unter ihnen Bürge oder Schuldner werde für mich auf keinerlei Weise. Ich soll auch alle Jahre die 100 Pfund Straßburger Pfennige Geldes, die Rufelin Lumbart und sein Gemeinder auf meinem Ohmgeld zu Lahr haben und die 8 Pfund Geldes, die Wilhelm zum Ryet gegen mich zu fordern hat, so wie es ihre Briefe auf beiden Seiten sagen, bezahlen und entrichten am Sankt Martinstag, ohne daß ich meinen Lahrer Bürgern Kosten verursache oder sie schädige. Täte ich das nicht, so dürfen sie diese 100 Pfund und 8 Pfund Pfennige vor allen Dingen vorwegnehmen von meiner Steuer, die sie mir alle Jahre auf Sankt Martinstag geben und es damit ausrichten und bezahlen trotz meinem Widerstand."

Artikel XII

"Meine Bürger und Bürgerinnen zu Lahr sollen auch ganze Gewalt und Macht haben über alle Maße und Gewichte und über alle Gebote, wie es von altersher schon in Lahr Herkommen ist."

Artikel XIII

"Wenn sie aber jährlich einen Rat zu Lahr einsetzen und dem schwören, so soll mein Vogt und mein Schultheiß, die gerade zu Lahr dieses Amt innehaben, ihnen wiederum schwören, alle ihre Rechte fest zu halten und zu handeln, wie es dieser Brief sagt."

Artikel XIV

"Falls irgendeiner meiner Bürger oder Bürgerinnen, seßhaft zu Lahr, wegen irgendeiner meiner Schulden gefangen, angegriffen oder geschädigt würde, oder ihm das seine genommen würde, auf welche Weise das auch sei, so soll ich mein Bestes und Möglichstes dazu tun, daß sie ledig (frei) werden ohne Verzug, und ich soll mich, bei dem Eid, den ich geleistet habe, dem oder denen gehorsam unterwerfen, die meine Bürger also gefangen haben um meiner Schulden willen."

Artikel XV

"Falls, Gott möge es verhüten, ich, meine Erben oder Nachkommen, als ob ich noch lebte, gegen irgend einen der Stücke und Artikel, die hier sind, und noch in dieses Buch geschrieben werden, verstößt und sie nicht hielte, gegen welchen meiner Bürger oder Bürgerinnen dies auch geschehen möge, so sollen der oder die ihres Eides ledig sein, den sie mir geschworen haben, daß sie nicht von Lahr wegziehen sollen. Es dürfen der oder die dann danach ziehen und fahren mit ihrem Leib und Gut, wohin sie wollen, unbeachtet der Widerreden und Einwände meiner Erben und meiner Nachkommen. Und es soll auch dann dessen und deren Leib und Gut für mich, alle meine Erben und Nachkommen abgegolten sein. Dazu verpflichte ich mich mit diesem Brief mit meinem Eid, den ich mit meinem Namen und besonders darum geschworen habe bei allen Heiligen."

Artikel XVI

"Wenn meine Söhne Heinrich und Walter beide volljährig und 20 Jahre alt sein werden, oder einen von ihnen beiden 20 Jahre alt sein wird, wenn dann der derzeitige Rat von Lahr brieflich mit dem Insiegel der Stadt Lahr mich mahnt und mir dieser Brief zu Haus, zu Hof oder mir selber übergeben wird, dann müssen meine beiden Söhne, oder derjenige von ihnen, der 20 Jahre alt geworden ist, in dem nächsten Monat nach der Mahnung bei den Heiligen schwören, und sich für alle ihre Erben und Nachkommen verpflichten, alle Stück und alle Artikel und alles das, was in diesem Brief geschrieben steht, zu heben und zu halten und auszuführen, genau so, wie ich mich an diesen Brief gebunden und geschworen habe und wie es im Brief steht. Und ich stehe ein für meine Söhne bis zu der Stunde, wo sie beide also geschworen und sich selbst verbunden haben."

Artikel XVII

"Falls ich, meine Erben oder Nachkommen oder die Meinen wegen irgendeinem Stück oder Artikel des Briefes in irgend welche Spänne oder Mißhelligkeiten geriete mit meinen Bürgern oder Bürgerinnen oder der Gemeinde zu Lahr, sei es mit allen oder mit einem einzelnen, oder sie wiederum mit mir, meinen Erben oder Nachkommen, und falls wir dies beiderseits unter uns weder selbst schlichten noch austragen können, so müssen wir deshalb beide das Recht vor Meister und Rat zu Straßburg suchen und nehmen, und was dann die Mehrheit des Rates zu Straßburg, der darüber Recht spricht, beschließt, das müssen wir beide halten und ausführen ohne alle Widerrede und ganz bestimmt."

Artikel XVIII

"Und da ich, der vorgenannte Heinrich zu Geroldseck, Herr zu Lahr, freiwillig, und, scheinbar aus Eigennutz und in der Nothlage, vor dem Meister und Rath zu Straßburg mit aufgehobener Hand bei den Heiligen geschworen habe, für mich, alle meine Erben und Nachkommen und namentlich und im besonderen für Heinrich und Walter, meine Söhne, all das, was in diesem Brief geschrieben steht, unverbrüchlich, unwiderruflich und ewiglich, ganz fest und stets zu haben und zu halten, und weder heimlich noch öffentlich dagegen zu schaffen, sei es mit Gericht, oder ohne Gericht, auf keinerlei Weise, unbedingt und (da) ich mich für alle diese Dinge, für mich und alle meine Erben und Nachkommen, als recht, schuldig und wahr verbürgt habe und sie mit dieser Urkunde bekräftige und auch die vorgenannten meinen Bürger und die Gemeinde zu Lahr mir dafür geben und bezahlt haben 700 Pfund Straßburger Pfennige, die ich auch von ihnen bezahlt erhalten habe, und die auch gänzlich in meinen Nutzen gekommen und verwendet sind, so habe ich mein Insiegel zur ganzen, festen Beurkundung aller dieser Dinge angehängt, und den ehrbaren bescheidenen Meister und den Rat zu Straßburg gebeten, daß sie zur Bekräftigung der Urkunde und deren Sicherheit den Insiegel ihrer Stadt zu dem meiner Hand an diesen Brief hängen."

Artikel XIX

"Auch wir, Johannes Schile, der Meister und der Rat von Straßburg bestätigen diesen Brief, weil auch der vorgenannte Junker Heinrich von Geroldseck, Herr zu Lahr, vor uns geschworen hat, alles das zu halten, was von ihm da geschrieben steht. Und darum haben auch wir um dasselbe Ding zu beurkunden, auf beider Wunsch, unseren Stadt-Insiegel zu dem des vorgenannten Junker Heinrich von Geroldseck, Herr zu Lahr, und der Bürger und der Gemeinde der Stadt Lahr gehängt. Die Urkunde war gegeben am ersten Donnerstag am Sankt Johannis Baptisten Tag in dem Jahr, so man zählte von Gottes Geburt Dreizehnhundert Jahre, siebzig und sieben Jahre, und es bestehen zwei Briefe dieser Art. Der eine bleibt bei dem vorgenannten Junker Heinrich von Geroldseck zu Lahr und der andere bei den vorgenannten, den Bürgern, den Leuten und der Gemeinde der Stadt Lahr."

Wie eingangs erwähnt, wurde im Verlauf von Jahrhunderten der Freiheitsbrief immer wieder bestätigt. Sein Wortlaut blieb nahezu unverändert, es änderten sich nur die Herrschaften, wie wir jetzt sehen werden.

1428, Dienstag nach Ostern (6. April): Johann Graf von Mörß-Sarwerden, Herr von Lahr, an dessen "hussfrowen" nach dem Tod des Heinrich von Geroldseck die Herrschaft Lahr fiel, bestätigt der Stadt die Freiheiten nach "Innhalt irs briefs".

1443, Dienstag nach Trinitatis (18. Juni): Jakob Graf zu und von Mörß-Sarwerden gibt der Stadt einen Freiheitsbrief, der mit dem von 1377 fast wörtlich übereinstimmt. (Es fehlt die Bestimmung von dem Schiedsgericht der Stadt Straßburg, auch wird der Abzug von Personen gegen eine bestimmte Abgabe gestattet.)

1496, Donnerstag, Sankt Gregorius (1. März): Graf Johann III. von Mörß-Sarwerdern gibt der Stadt einen Freiheitsbrief, der mit dem von 1377 fast wörtlich übereinstimmt.

1515, Dienstag Vigil. Jakobi (24. Juli): Beatrix von Sarwerdern und ihr Bevollmächtigter Amtmann Ludwig Thürant bestätigen den Freiheitsbrief des Grafen Jakob von 1443 (im Wortlaut eingefügt, dabei die Bestimmung vom Straßburger Schiedsgericht aufgenommen) und bemerken, daß die Pflichten der Lahrer gegen sie mit dem Aufhören der Vormundschaft erlöschen.

1558, 27. Januar: Graf Johann von Nassau bestätigt den Lahrer Freiheitsbrief von 1443 (Wortlaut beigefügt).

1654, 15./25. August: Graf Johann von Nassau bestätigt die Lahrer Freiheiten von 1377 (Wortlaut beigefügt).

1659, 10. Oktober: Markgraf Friedrich von Baden bestätigt die Lahrer Freiheiten von 1377 und 1428.

1677, 10./20. August, Karlsburg (Durlach): Markgraf Friedrich von Baden bestätigt die Freiheiten von 1377 und 1428.

1710, 3. Februar, Karlsburg: Markgraf Karl von Baden bestätigt den Freiheitsbrief von 1377 und 1428.

Zwischenhinein ein Reichskammergerichtsmandat, das dem Markgrafen Karl Wilhelm von Baden-Durlach bei Strafe von 10 Mark löthigen Goldes verbietet, gegen das Freiheitsprivileg der Lahrer ungewöhnliche und nicht schuldige Schätzungen zu erheben. Gegeben 1722, am 16. April, zu Wetzlar.

1726,19. Februar, Ottweyler: Graf Friedrich Ludwig von Nassau bestätigt der Stadt Lahr die Privilegien von 1377. Eine erneute Bestätigung des Freiheitsbriefes erfolgte am 9. Juli 1726.

1739, 9. Februar, Uesingen: Karl von Nassau bestätigt den Privilegienbrief von 1726 mit den Zusätzen: 1. daß er der Stadt gegen Zahlung von 5000 Gulden "keine weitere Leibeigenschaft aufbürden, noch das mindeste, so einen schein der Leibeigenschaft mit sich führt, ansinnen wolle", und 2. daß Rekurs nicht in dem in französischen Händen sich befindlichen Straßburg, sondern in Wien oder Wetzlar bei dem obersten Reichsgericht zu erheben sei.

1739, 18. Juni, Straßburg: Die Stadt Lahr erhält ihren im Jahre 1569 in Straßburg hinterlegten Freiheitsbrief vom Jahre 1377 und Schrift vom Jahr 1428 zurück.

Ein neuer und letzter Privilegienbrief

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts veränderte sich "die Welt" für Klosterherren und das Kleinfürstentum, und so geschah 1806, was geschehen mußte. Es war der 6. Juni, als Kurfürst Karl Friedrich (er wurde noch 1806 Großherzog) der Stadt einen neuen Privilegienbrief gab.

Natürlich versuchte Lahr zu retten, was zu retten war. Vor allem erstrebten sie Steuer-, Militär- und Zollfreiheit. Da aber Baden durch völkerrechtlichen Titel und durch Reichsgenehmigung die Herrschaft Lahr als Entschädigung empfing und dieselbe nicht erbte, war es auch an die Erbbedingungen nicht gebunden. Der neue Herr hatte also frei Hand in allen Fragen der Militär- und Zivilversorgung.

Markgraf Karl Friedrich lehnte daher die Lahrer Forderungen ab, gab aber der Stadt am 6. Juni 1806 einen Freiheitsbrief mit folgenden Punkten:

1. Durfte Lahr sein seitheriges Steuersystem beibehalten.

2. Die Bürger und deren Söhne, nicht aber die Hintersaßen (spätere Ansiedler mit keinen oder nur geringen Rechten an der Allmende), waren, abgesehen von Notzeiten, frei von persönlicher Leistung der Kriegsdienste.

3. Die Stadt behielt den Pfund- und Wegzoll.

4. Die Bürger durften ihre Stadträte, zwölf an der Zahl, aber auf Lebenszeit wählen, und der Stadtrat konnte zwei aus ihrer Mitte zu Bürgermeistern bestimmen.

5. Die Stadt behielt weitgehende bürgerliche Gerichtsbarkeit.

6. Sie erhielt auch großen Anteil an Strafen und manche sogar ganz.

7. Der Stadtrat behielt die Polizeigewalt im Stadtbann.

Das Ende der "Freiheiten"

Im Kurfürstentum und im nachfolgenden Großherzogtum erwiesen sich die Sonderstellungen einzelner Städte als unhaltbar. Und so mußte Lahr am 26. November 1809 vernehmen, daß auch die Vergünstigungen des Freiheitsbriefes von 1806 aufgehoben und daß fürder allein die Gesetze des Großherzogtums rechtliche Gültigkeit besitzen. Der Feiheitsbrief war zur geschichtlichen Rarität geworden.
Auch erschienen in: Germaniens Völkerstimmen III - Hrsg. Johannes Mathias Firmenich - Berlin 1854 - Seite Seite 249 ff


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