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Sehenswertes in Gengenbach


Gengenbach liegt an der Kinzig im unteren Kinzigtal auf 175 Meter über NHN am Rande des mittleren Schwarzwalds. Der höchste Punkt der Gemarkung ist der Mooskopf mit 875 Meter Höhe. Durch den Ort fließt die Haigerach, die hier in die Kinzig mündet.

Max Wingenroth 1908 über die Stadt Gengenbach arrowRight

Gengenbach - "das romatische Kleinod in der Ortenau und die Perle unter den Fachwerkstädten am Oberrhein". Vom "Badischen Florenz" ist nicht selten die Rede. Doch - überzeugen Sie sich selbst: Schon von Weitem grüßen die Türme und Tore. Dann lassen Sie sich in die historische Altstadt und schmalen Gässchen entführen, wo Sie der Charm der der malerischen Ecken und Winkel überzeugen wird.


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Niggelturm (Niklasturm)


Gengenbach Niggelturm - der Niggelturm, zwischenzeitlich auch Niklausturm genannt, ist das bedeutenste Bauwerk im Zug der Befestigungsanlagen. Gengenbach - Hauptstraße 39a

So hatte ich mir das aber nicht vorgestellt? Am Ende eines Fototages in Gengenbach und auf dem Wege zum Bahnhof wollte ich noch kurz wissen, warum man den Niggel von keiner Seite bodenständig beschauen kann.

Da liegt gegenüber der alten Post ein schmaler Eingang - darüber der Aushänger des Narrenmuseums - und ein kleines Gässchen führt nun tatsächlich in den Niggel.

"36 Meter, 132 Stufen - Der Niggelturm ist einer von fünf Türmen, die sich entlang der alten Stadtmauern um die ehemalige Freie Reichsstadt verteilen. Er ist 36 Meter hoch, und um die Balustrade im obersten Stockwerk zu erreichen, muss man über 132 Treppenstufen steigen" schreibt dazu das Narrenmuseum. In der tat in meinem Alter und meiner körperlichen Einschränkung ein "harter Weg" - ein Weg allerdings, den es sich trotz aller Mühen lohnt zu gehen.

Beim Erreichen der Balustrade wird man von einer wunderschönen Aussicht über das Städtchen überrascht und gewinnt auf einmal Einblick in die mittelalterliche Stadtstruktur, welche sich auf dem Fußweg in den Gassen nicht erschließen lässt.

Der Niggelturm, zwischenzeitlich auch Niklausturm genannt, ist das bedeutenste Bauwerk im Zug der Befestigungsanlagen. Im 13. Jahrhundert errichtet, erhielt er beim Umbau 1582 die heutige Forrn. Er diente sowohl als Wehrturm, als auch als Gefängnis. Im Jahre 1875 verkaufte die Stadt den Turm und das Gefängniswärterhaus an Hutmacher Dippel für 12000 Mark, der Keller und Erdgeschoß des Turmes um 1 200 Mark an die danebenliegende Brauerei Bühler weiterverkaufte. Dippel riß alles im Turm, selbst das 'Niet- und Nagelfeste' heraus und verkaufte es. Selbst vor dem sogenannten Armsünderglöckle im Turmhelm machte er nicht halt. Heute ist der Turm wieder ganz im städtischen Besitz. (europese-bibliotheek.nl - in alten Ansichten)

Es ist der NIGGELTURM und seines Zeichens nichts geringeres als der schönste badische Wehrturm. Bauten dieser Art, zunächst immer trutzig und abweisend, nahmen hier und da durchaus Anlass auch zur Anbringung von Schmuckelementen. Alleine dass ein Wehrturm am Ende vor allem dem kunstvollen Ausdruck verpflichtet ward ist ausgemachte Seltenheit und deutet auf eine selbstbewusste wie vermögende Bürgerschaft. So der Niggelturm. Der Unterbau stammt noch aus dem 14. Jahrhundert, der achteckige Aufsatz und der Umgang mit reizvollster gotischer Umwehrung dagegen ergänzten zwei Jahrhunderte später. Wohl hat das Gebäu seine Bulligkeit nicht verloren, der Aufsatz aber wurde mit einer Sorgfalt bedacht, die eher an die Spitze eines Kirchturmes gemahnt. Das überhaupt bringt den entscheidenden Effekt, jene sich eigentlich widersprechende Verbindung — Wucht und kunstvolle Ausbildung. Der Niggelturm übrigens, auch das merkwürdig genug, stand als ein Wachturm innerhalb der Stadtmauern (das vortreffliche Stadtmodell einer Ausstellung im Kinzigtor bezieht ich allerdings mit ein; so besitzt man hier wohl widersprüchliche Quellen) — und er wurde wohl noch im 19. Jahrhundert ganz umbaut, so dass man ihn in seiner ganzen Länge nicht mehr erfassen kann. Das ganze nimmt sich den lustigen Eindruck, als sei ein Riese von Zwergen nicht nur ganz umzingelt sondern förmlich gefangen gesetzt.
(badischewanderungen.de - Siddhartha Manuel Finner, Dipl.Ing. Architektur)

Historische Ortsanalyse:

Markant auf Höhe des alten westlichen Stadteingangs und hier als Eckturm der Stadtbefestigung bzw. des vormaligen Offenburger Tores stehender hoher Massivbau aus Bruchstein, dieser bis auf die Gliederungselemente (Eckquaderung, Brüstung, Gewände) verputzt; über quadratischem Unterbau mit Schießscharten errichtet und von einem oktogonalen Aufsatz mit Umgang mit Maßwerkbrüstung sowie geschweiftem Zeltdach mit Laterne bekrönt; der Zugang zum Turm erfolgt über den Hof des Anwesens Hauptstraße Nr. 39; an der ehemals stadtauswärts gewandten Südwestseite Sandsteintafel mit Gengenbacher Wappen (Fisch und Adler, bez. 1582); die ältesten Bauteile aus der Zeit um 1400 stammend und nachträglich erweitert bzw. umgebaut, u.a. 1582 sowie um 1700 (Dach und Laterne), zudem 1978/79 größere Instandsetzungsarbeiten und 1982 Eröffnung des "Narrenmuseums". Der Turm als Teil des im 13./14. Jahrhundert errichteten Befestigungssystems (§28 Sachgesamtheit Stadtmauer und Graben) und als wichtige, die südwestliche Stadtansicht prägende bauliche Dominante ist von hohem Zeugniswert für die Stadtgeschichte und Stadtgestalt.

(Denkmalpflege BW - Historische Ortsanalyse Gesamtanlage Gengenbach, Ortenaukreis)

Es ist der NIGGELTURM und seines Zeichens nichts geringeres als der schönste badische WehrturmZweieinhalb Jahrhunderte lang dienten die nach außen wie nach innen vielfältigen Befestigungsanlagen Gengenbachs zu Schutz und Schirm von Kloster und Bürgerschaft. Doch den Kriegsstürmen des 17. Jahrhunderts waren auch sie nicht gewachsen. Die schwerste Leidenszeit des Dreißigjährigen Krieges bildete das Jahr1643 mit der Besetzung der Stadt durch die Truppen des Herzogs Bernhard von Weimar, die bei ihrem Abzug die drei Tortürme in Brand steckten und einige Rondelle auseinandersprengten. Dies sollte aber nur der Auftakt sein, denn im pfälzischen Erbfolgekrieg mußte auch Gengenbach das Schicksal aller dem Rheine entlang gelegenen befestigten deutschen Städte teilen. Im Zuge der Verwüstung der Ortenau im Jahre 1689 wurde Gengenbach so gründlich zerstört, daß "alle Gebäu sammt dem Kloster und der Kirchen völlig abgebrannt, daß nit ein einzigs Häusle in der Stadt stehen geblieben...". Um den Verteidigungswillen der Stadt weitgehend zu brechen, wurden an verschiedenen Stellen breite Breschen in die Stadtmauer gelegt, die niemals mehr geschlossen worden sind. Denn die weitere Entwicklung der Kriegstechnik nahm der Stadtmauer ihre eigentliche Bestimmung. So wurden zwar im Rahmen des Wiederaufbaues der Stadt und des Klosters an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert, welchem wir mit dem Turm der Klosterkirche einen der schönsten Barocktürme, die es überhaupt gibt, zu verdanken haben, auch die Tortürme wiederhergestellt und mit Dächern versehen; aber die Stadtmauern gerieten langsam in den Zustand der Vergessenheit, zumal da sie an vielen Stellen mit Wohnhäusern überbaut wurden, während Zwinger und Glacis [strategisches Vorfeld] zu Nutzgärten verwendet worden sind.

Ein flüchtiges Beschauen der Stadt läßt daher ihre Befestigungen kaum mehr gewahr werden. Indessen zeigt schon der Stadtplan, daß im Verlauf der Straßenzüge, der Häuserreihen und ihrer Baufluchten die Befestigungsanlagen allermeist noch ablesbar sind. Biegt man beim Wandern durch die Stadt von den Hauptstraßen einmal ab, um die bescheideneren Seitenstraßen und die fast verborgenen Gassen zu sehen, dann wird man sich plötzlich bei der Vielzahl vorhandener Mauerreste und in den Hofräumen, die den Maßen des alten Zwingers entsprechen, der Mächtigkeit der Stadtbefestigung erst richtig bewußt. So erkennt man hinter den Wohnhäusern auf der Südseite der Goldschmiedegasse, die erst nach einer schweren Feuersbrunst im Jahre 1789 den Namen "Feuergäßle" erhielt, den Zwinger mit der heute von Efeu übersponnenen Zwingermauer, vor der sich der ummauerte Wall entwickelte, mit dem Abflußgraben und mit der Inneren Stadtmauer, an deren Stelle heute die Wohnhäuser stehen. Fast noch einprägsamer aber ist das Bild des Zwingers bei den Hintergebäuden der Grundstücke entlang der Hauptstraße in der Nähe des Niklasturmes. In zwei skizzenhaften Gegenüberstellungen zeigen wir den Zwinger zur Zeit des ausgehenden 14. Jahrhunderts und in seinem heutigen Zustand. Hier empfinden wir das Bedauerliche, daß an keiner Stelle der Inneren Stadtmauer der Wehrgang in seiner einfachen Holzkonstruktion mit Satteldach als bekrönendem Bauelement mehr vorhanden ist, wie es in dem unweit gelegenen Zell am Harmersbach noch der Fall ist. Der Wehrgang auf der Zeller Stadtmauer zeigt, wie auch die Gengenbacher Stadtmauer etwa ausgesehen haben muß; Otto Linde hat im Jahre 1907 für das Wingenroth’sche Kunstdenkmälerwerk die Stadtmauern beider Städte untersucht und maßgerecht aufgenommen und dabei die Ähnlichkeit der beiden Anlagen festgestellt.

Es wäre sehr zu begrüßen, wenn die Stadt Gengenbach sich entschließen könnte, diesem Stück Zwinger beim Niklasturm durch Bereinigung des derzeitigen unschönen Zustandes und Anlegung einer einheitlichen Grünfläche wieder sein ursprüngliches Aussehen zu geben. Denn selten kann heute noch in einer mittelalterlichen Stadt die Verteidigungsanlage in solch imponierender Größe vor Augen geführt werden, wie gerade an dieser Stelle des Zwingers. Es wäre das eine Ergänzung der großartigen Leistungen, welche die Bürgerschaft jüngst zur Wiederherstellung ihres historischen Stadtbildes aufweisen kann. Hoch über die Dächer der Altstadt ragt der Niklasturm empor. Er soll erst Ende des 14. Jahrhunderts errichtet worden sein im Zusammenhang mit dem Bau der großen Stadtbefestigung zum Schutze ihrer exponiertesten Stelle an der Südwestecke der Stadt, wo sie mit allen Mauern und dem Zwinger im rechten Winkel umbiegen mußte, um scharf nach Norden weiterzuziehen. Sein schweres Buckelquadermauerwerk weist jedoch eigentlich auf eine frühere Erbauungszeit hin. Der Turm stand hart in der Ecke der Inneren Stadtmauer und hatte mehrerlei Aufgaben zu erfüllen. In seinem mächtigen quadratischen Unterbau befanden sich die Stadtgefängnisse. Über dem Turmschaft baut sich ein zweigeschossiger Achteckturm mit steilem Pyramidendach auf, dessen reiche architektonische Gestaltung dem Meister des Marktbrunnens vor dem Rathaus Ende des 16. Jahrhunderts zuzuschreiben ist und welcher die zweite Aufgabe des Turmes leicht erraten läßt, Repräsentant der Stadt Gengenbach für alle aus der Richtung Offenburg zu Pferd, mit dem Wagen oder zu Fuß Ankommenden zu sein. Es darf nicht vergessen werden, daß zu jener Zeit der späterhin alles überragende barocke Kirchturm der Abtei noch nicht vorhanden war und somit der Niklasturm der erste Turm war, den die talaufwärts Reisenden zu Gesicht bekamen. Deshalb ist die nach der Straße zu schauende Achteckseite des unteren der beiden Turmgeschosse mit einer reichgeschmückten Wappenkartusche geziert, welche über den Insignien des Reiches und der Stadt folgende Inschrift trägt:

WOL DER STAT DIE GOTT VOR AV
GEN HAT VND AVF IHN BAVT DIE WIRT
NIMMERMER BERAVBT ANNO 1582 JAR

Bekrönt wird dieses Geschoß von einer Maßwerkbrüstung mit noch aus der Gotik entlehnten Fischblasenmustern, welche auf einem Rundbogenfries aufsitzt. Der Kuriosität halber darf nicht verschwiegen werden, daß nach dem Zwinger zu sich an der Außenwand des unteren Geschosses der quasi in freier Luft schwebende Aborterker für den Türmer befand, der heute noch erhalten ist. Das obere Achteckgeschoß tritt um etwa 70 cm hinter das untere zurück, um hinter der Maßwerkbrüstung einem Umgang Platz zu machen, von dem aus der Türmer allabendlich sein "Laufher" ins Land hinausrufen mußte, um auf das baldige Schließen der Stadttore aufmerksam zu machen. Über dem zweiten Achteckgeschoß erhebt sich eine hohe steile Achteckpyramide, die in der Barockzeit nochmals eine kleine Laterne mit Zwiebelhaube erhalten hat. Alles in allem aber lag die Hauptaufgabe des Turms im Schutze des unmittelbar neben ihm liegenden Offenburger Tores. Wie schon erwähnt, ist dieses Tor selbst der Abreißwut des vergangenen Jahrhunderts zum Opfer gefallen. Die Erinnerung an seine architektonische Gestalt wird nunmehr durch ein Bild aufrecht erhalten, welches am Hause "Bühler" (dem jetzigen Haus Pfannkuch) an der Ecke Hauptstraße und Bundesstraße 33, also am Beginn des Altstadtbezirks, angebracht worden ist. Das von den Werkstätten V. Metzger, Überlingen, in Sgraffito-Technik geschaffene Bild stellt das Tor in Schrägansicht dar mit einem zur Zeit des Herbstens in die Stadt einfahrenden Weinfässergespann, ein Hinweis darauf, daß die Stadt einst ihren Wohlstand unter anderem auch dem edlen Rebengewächs zu verdanken hatte. Warum soll nicht auch einmal auf die Ausdrucksweise der Romantik zurückgegriffen werden? Dieses Haus "Bühler" steht mit einer Traufseite auf den Substruktionen der Inneren Mauer. Noch heute ist in seinem Keller die Quaderung zu sehen.

(Die Stadtbefestigungen von Gengenbach - Von Martin Hesselbacher, Freiburg i.Br.
Bd. 3 Nr. 3 (1960): Nachrichtenblatt der Denkmalpflege in Baden-Württemberg – Organ der Staatlichen Ämter für Denkmalpflege )


Narrenmuseum im Niggelturm

Hauptstr.39
77723 Gengenbach
telefon 07803-930143
fax 07803-930142
email Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Preise:
blueCircle Erwachsene 3,00 Euro
blueCircle Kinder von 6-14 Jahre 1,00 Euro
blueCircle Gäste 2,50 Euro

Öffnungszeiten
blueCircle Mo 15:00 Uhr - 18:00 Uhr - Im Advent
blueCircle Di 15:00 Uhr - 18:00 Uhr - Im Advent
blueCircle Mi 14:00 Uhr - 17:00 Uhr - April bis Oktober
blueCircle Mi 15:00 Uhr - 18:00 Uhr - Im Advent
blueCircle Do 15:00 Uhr - 18:00 Uhr - Im Advent
blueCircle Fr 15:00 Uhr - 18:00 Uhr - Im Advent
blueCircle Sa 12:00 Uhr - 18:00 Uhr - Im Advent
blueCircle Sa 14:00 Uhr - 17:00 Uhr - April bis Oktober
blueCircle So 11:00 Uhr - 17:00 Uhr - April bis Oktober
blueCircle So 12:00 Uhr - 18:00 Uhr - Im Advent




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Kinzigtor - Kinzigtorturm


Kinzigtor - Insofern kann der Kinzigturm in seiner Grundlegung von mittelalterlicher Erbauung überzeugen

 Gengenbach - Hauptstraße 1

Historische Ortsanalyse:

Mehrgeschossiger, am Zugang zum südlichen Hauptstraßenabschnitt situierter Torturm mit steilem Zeltdach und seitlichen Erkern sowie bekrönender Laterne mit darin befindlicher Glocke; als Teil der ehemaligen Stadtbefestigung massiv aus Bruchstein errichtet und bis auf die seitlichen Bossenquader verputzt; die Tordurchfahrt spitzbogig; im Torraum seitlich auf Konsolen aufruhendes Kreuzrippengewölbe mit rundem Schlussstein; stadtseitig über einem Tonnengewölbe kleiner Vorbau, der ehemals der Fortführung des an der Stadtmauer angebrachten Wehrganges diente. Errichtet im 13./14. Jahrhundert und mehrmals umgebaut und erneuert; der Dachstuhl stammt aus der Zeit um 1700.Der Turm als Teil des im 13./14. Jahrhundert errichteten Befestigungssystems (§28 Sachgesamtheit Stadtmauer) und als wichtige, die südwestliche Stadtansicht prägende bauliche Dominante ist von hohem Zeugniswert für die Stadtgeschichte und Stadtgestalt.

(Denkmalpflege BW - Historische Ortsanalyse Gesamtanlage Gengenbach, Ortenaukreis)

Bereits im 30jährigen Krieg wurde Gengenbach mehrfach feindlich belagert und teilweise zerstört. Zur absoluten Zerstörung führte 1689 der Befehl des französischen Königs König Ludwig XIV, alle Städte rund um Offenburg niederzumachen. Dennoch widerstanden die schweren Mauerwerke einem großen Brand und von der Stadtmauer, zu welcher auch der Kinzigturm gehört, blieben große Teile erhalten. Insofern kann der Kinzigturm in seiner Grundlegung von mittelalterlicher Erbauung überzeugen. Von der Türmerwohnunng wurde der Floßverkehr auf der Kinzig überwacht und die anreisenden Händler mussten ihren Zoll entrichten. Eine weitere wichtige Aufgabe war die Feuerüberwachung. Heute befindet sich im Kinzigtor das Wehrgeschichtliche Museum der Stadt Gengenbach.

Historie und Bauanalyse Kinzigtorturm

So gelangt man beim Rundgang um die Stadtbefestigung allmählich zum Gewann "Deichelweiher", in welchem nochmals die ganze Mächtigkeit der südlichen Zwingeranlage spürbar wird, um abschlieBend noch den dritten Durchlaß und gleichzeitig die Dominante unter den drei Eckpunkten der Stadtbefestigung, den "Kinzigtorturm", zu erleben. Er ist ebenfalls eingebunden in eine dichte Bebauung, und gerade dies will uns heute in städtebaulich-historischer Sicht als so besonders wichtig erscheinen; denn nur in der direkten Anbindung an die benachbarten Häuser wird die Wesensart eines solchen Bauwerks, einstens Durchlaß und Beschützer in einem gewesen zu sein, voll verständlich. So sieht man, vom Rathaus herkommend, als Point de Vue der nach Süden führenden HauptstraBe den Kinzigtorturm als schlanken, bis zum Dach fast 24 Meter hohen Baukörper zwischen den zweigeschossigen Fachwerkgiebeln aufragen. Seine Aufgabe, neben der Stadtverteidigung die Sicherung der Kinzigbrücke und die Stadt nach auBen zu repräsentieren, wird ihm von seinen Erbauern die außergewöhnliche Höhe gegeben haben. Auch er ist stadtseits mit einem Vorbau ausgestattet, welcher den beiderseits anschließenden Wehrgang verbindet und gleichzeitig den Zugang zu den oberen Turmgeschossen ermöglicht.

Seine von spitzbogigen Öffnungen eingefaßte, hauptsächlich in Buckelquadern gemauerte Tordurchfahrt wird von einem Kreuzrippengewölbe mit Kreisschlußstein eingewölbt, durch welch letzteren der Türmer seine Verpflegung hochgezogen bekam. Nach der Kinzigseite zu ist hinter der Werksteinfassung der Toröffnung noch der Schlitz für das Fallgatter zu sehen. Über der Tordurchfahrt baut sich der schlanke, ungegliederte Turmschaft auf, verputzt und mit Eckquaderung eingefaßt. Einfache Schlitze und Schießscharten zeigen auch hier wieder die Entwicklung der Kampftechnik. Das oberste Turmgeschoß erhält sein Licht durch je zwei Spitzbogenfenster auf allen vier Seiten. An Stadt- und Kinzigseite befindet sich zwischen den Fenstern jeweils das große Zifferblatt der Turmuhr. Bei der Wiederherstellung nach 1689 erhielt auch dieser Turm einen originellen Dachaufbau. Die steile Pyramide wurde an allen vier Traufseiten mit Erkeraufbauten geziert, die noch ganz im Stile der Renaissance mit Volutengiebeln und Obelisken bekrönt sind. Beim Herannahen eines zollpflichtigen Floßes auf der Kinzig stieß der Türmer in sein Messinghorn, um den Flößer auf seine Abgabepflicht hinzuweisen. Außerdem hatte er noch allstündlich die Zeit auszurufen. Die Spitze der steilen Dachpyramide wird nochmals von einem kleinen Glockentürmchen geziert.

Bereits im 30jährigen Krieg wurde Gengenbach mehrfach feindlich belagert und teilweise zerstört. Zur absoluten Zerstörung führte 1689 der Befehl des französischen Königs König Ludwig XIV, alle Städte rund um Offenburg niederzumachen. Dennoch widerstanden die schweren Mauerwerke einem großen Brand und von der Stadtmauer, zu welcher auch der Kinzigturm gehört, blieben große Teile erhalten
In der Turmstube ist heute in paritätischer Behandlung zum Pfadfinderheim im Haigeracher Tor das Heim der evangelischen Jugend untergebracht. Die Monumentalität des Kinzigtorturmes kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß dieser Turm dringend der Sicherung bedarf. Denn gewisse Symptome an seinen Außenwänden lassen eindeutig auf eine Änderung seines statischen Gefüges schließen. An drei Seiten des Turmes wurden seit 1932 auf ein Drittel der Turmhöhe Risse im Mauerwerk beobachtet. Diese Risse begannen nach dem Zweiten Weltkrieg urplötzlich, dann aber unaufhaltsam nach oben zu wandern, bis sie am Dachfuß angelangt waren. Die Hinzuziehung einer Kapazität auf dem Gebiete der Baustatik wurde zur Notwendigkeit! In seinem Gutachten hat Direktor Dipl.-Ing. A. Mayer der Firma Brenzinger & Cie. Freiburg i.Br., die möglichen Ursachen dieser Rissebildungen ergründet und die zu treffenden Gegenmaßnahmen dargelegt. Wir zitieren aus seinen Feststellungen, die sowohl bauingenieurtechnisch als auch denkmalpflegerisch von Interesse sein dürften, im Nachstehenden die wesentlichsten Punkte:

Zunächst besteht keinerlei ursächlicher Zusammenhang zwischen den aufgetretenen Rissebildungen im Mauerwerk und den Einwirkungen aus der Konstruktion des meistermäßig ausgeführten Holzdachstuhles. Die drei Turmseiten weisen im Innern tiefe, verhältnismäßig breite und hohe Nischen in jedem Turmgeschoß auf, die nach außen nur zum Teil durch Schießscharten kenntlich sind. Bei diesen Nischen handelt es sich um die Schießkammern für Armbrust- und Bogenschützen. In der vierten Turmseite befinden sich keinerlei Nischen. Eine nennenswerte aussteifende Wirkung des Turmes durch die Balkenlagen der sechs Zwischendecken kann keinesfalls vorausgesetzt werden. Im Turm wurden bis zu 5 cm weit klaffende, auf die gesamte Turmhöhe durchlaufende Rissebildungen im Zuge der übereinanderliegenden Nischen an drei Seiten festgestellt. An den Turmaußenseiten sind diese Rissebildungen nur z. T. und mit geringen Spaltweiten sichtbar, woraus gefolgert werden darf, daß es sich um sehr alte Schäden handelt, die bei Ergänzungen des Außenputzes überdeckt worden sind. Die vierte, nischenlose Turmseite weist keinerlei Risse auf. Die Rissebildungen wurden seit 1932 verfolgt. Damals und auch 1939 wurden über eine Anzahl Risse Gipsbänder gezogen, die zum großen Teil gerissen sind! Doch ist die Spaltpreite der Risse in den Gipsbändern gering (zwischen 1 bis 3 mm). Wenn die Standsicherheit des Turmmauerwerks nur nach dem derzeitigen Zustand dieser Gipsbänder zu beurteilen wäre, dann könnte eine Gefährdung durchaus nicht unmittelbar gefolgert werden. Doch muß wohl nach den seit Kriegsende gemachten Beobachtungen über das Weiterwandern der Risse die Ursache in den Sprengungen der Brücke und ihrer Pfeiler im Flußbett gesucht werden.

Die Rissebildung in den drei mit Nischen verschenen Turmseiten ist auf die Schwächung des Turmmauerwerks durch eben diese Nischen zurückzuführen. Man muß sich den 21 m hohen Turmschaft als ein viereckiges Rohr mit 1,00 m starken Wandungen vorstellen, von denen drei Seiten jeweils in der Mitte praktisch auf die gesamte Höhe aufgeschlitzt sind. Wenn auch eine Rissebildung im Zuge der übereinanderliegenden Nischen potentiell eintreten konnte, so bleibt dennoch die Frage nach der eigentlichen Entstehungsursache offen, und diese ist höchstwahrscheinlich in der Absenkung des Grundwasserspiegels und einer überhöhten Bodenpressung zu suchen. Die statischen Untersuchungen des derzeitigen Zustandes, bei welchen von der Voraussetzung ausgegangen wurde, daß eine Gebäudeecke sich durch die in den Nischen entstandenen Risse aus dem Gesamtverband des Bauwerks herausgelöst hat, zeitigten das Ergebnis, daß bei starkem Sturm im ungünstigsten Falle Mauerwerkspressungen von 10 kg / qcm in Höhe Oberkante Torbogen und von 12 kg/qcm in Höhe des Straßenniveaus auftreten, was bei weitem die nach heutigen Begriffen zulässigen Spannungen überschreitet!

Wenn auch das Ergebnis dieser Untersuchungen noch nicht eine unmittelbare Gefahr für die Standsicherheit des Turmes bedeutet, so ist doch eine sehr beträchtliche Gefährdung vorhanden, die im Laufe der Jahre dauernd zunehmen dürfte. Als Sicherungsmaßnahme wird ein Stahlbeton-Ringankersystem in Vorschlag gebracht, das in drei Höhenlagen jeweils unmittelbar oberhalb der Balkenlagen der Zwischendecken einzubauen wäre. Die Anker, welche bündig mit den Innenseiten des Turmmauerwerks einzufügen wären, würden nur in den Nischen als Tritte sichtbar sein, im übrigen aber überhaupt nicht in Erscheinung kommen, was vor allem für das Äußere des Turmes aus denkmalpflegerischen Gründen sehr wesentlich ist. Zur Überprüfung der Zweckmäßigkeit dieser Maßnahme wurde der Zustand des Turmes bei Annahme der eingebauten Stahlbetonanker nochmals statisch untersucht. Auch bei stärkstem Sturm dürften die ungünstigsten Mauerpressungen nur noch einen Wert von ca. 6 kg /qem erreichen, was bei dem derzeitigen Zustand des Turmmauerwerks durchaus vertretbar ist.

Offen bleibt noch die Frage, inwieweit die zulässigen Bodenpressungen überschritten werden, doch darf erwartet werden, daß der Untergrund sich bei dem rund 800jährigen Bauwerk so stark verdichtet hat, daß, abgesehen von Grundwasserveränderungen, neue Bodensetzungen nicht mehr eintreten werden. Im Interesse der Erhaltung des für das Stadtbild Gengenbachs so wichtigen Bauwerks möchten wir hier den Wunsch aussprechen, daß die vorgenannten Sicherungsmaßnahmen doch recht bald zur Durchführung kommen können, für welche die Staatliche Denkmalpflege bereits eine angemessene Summe aus Lottomilteln vorgesehen hat. Nicht nur in den Resten seiner Stadtbefestigung, sondern in seinem ganzen Stadtbild strahit Gengenbach auch heute noch die Kraft des hohen Mittelalters aus, in welchem es als geistlicher und weltlicher Mittelpunkt der weiten umgebenden Landschaft des Kinzigtales zu großer Bedeutung gelangt ist.

(Die Stadtbefestigungen von Gengenbach - Von Martin Hesselbacher, Freiburg i.Br.
Bd. 3 Nr. 3 (1960): Nachrichtenblatt der Denkmalpflege in Baden-Württemberg – Organ der Staatlichen Ämter für Denkmalpflege)

Wehrgeschichtliches Museum im Kinzigtorturm

Hauptstraße, im Kinzigtorturm - 77723 Gengenbach
telefon 07803-930143
fax 07803-930142
email Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Öffnungszeiten

Mai - Oktober
blueCircle Samstags 14.00 - 17.00 Uhr
blueCircle Sonn- und Feiertags 10.00 - 12.00 und 14.00 - 17.00 Uhr
blueCircle Sonderführungen auf Anfrage ganzjährig buchbar

Preise:
Erwachsene 2,00 Euro
Kinder 0,50 Euro
Gäste 1,50 Euro


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Haigeracher Tor (Obertor)


Das Haigerachertor steht auf einem Fundament aus dem 13ten Jahrhundert und wurde auf diesem nach der Zerstörung Gengenbachs im 17ten Jahrhundert wieder aufgebaut. Heute zeigen sich Risse im Bauwerk

Gengenbach - Victor-Kretz-Straße 33

Das Haigeracher- oder Obertor, eines der drei erhaltenen Stadttore Gengenbachs war Zugang zu und aus dem Haigerachtal, somit zum Schwarzwald entlang der Haigerach bis hinauf zur Kornebene. Das Haigerachertor steht auf einem Fundament aus dem 13ten Jahrhundert und wurde auf diesem nach der Zerstörung Gengenbachs im 17ten Jahrhundert wieder aufgebaut. Heute zeigen sich Risse im Bauwerk.

Der Obertorturm - auch Haigeracher Tor - hat Risse. "Risse vom Scheitel bis zur Sohle" könnte man sagen, handelte es sich nicht um ein Bauwerk sondern um einen Menschen. "Das sind Botschaften, die uns richtig treffen" - so Bürgermeister Thorsten Erny im Gemeinderat. Mehrere Risse durch die gesamte Bauhöhe wurden von Stadtbaumeister Kälble festgestellt, welche dringendst einer Renovierung bedürfen.

Nun sollen bauwissenschaftliche Untersuchungen "Licht ins Dunkel" bringen, weil die Ursache bislang nicht herauszufinden ist. Erste Maßnahmen erfolgen in den frühen Oktoberwochen und in dieser Zeit bleibt die Duchfahrt gesperrt.

Für erste Maßnahmen stellte der Gemeinderat 120.000 Euro zur Verfügung, wobei die möglicherweise unumgänglichen Reparaturen / Renovierungsarbeiden ein Vielfaches betragen dürften. Dies sollte ein Schmuckstück im Städtebild und ein Denkmal erster Güte Wert sein.

Regierungspräsidium und Landesdenkmalamt sind in die Arbeiten bereits involviert. Ob Gengenbach für die erforderlichen Arbeiten auf Unterstützung mit Landesmitteln rechnen darf, ist im Augenblick noch offen.

Historische Ortsanalyse:

Mehrgeschossiger, am Zugang zur nördlichen Victor-Kretz-Straße situierter Torturm mit Schießscharten und steilem, abgeschlepptem Zeltdach; als Teil der ehemaligen Stadtbefestigung über rechteckigem Grundriss massiv aus Bruchstein errichtet und bis auf die seitlichen Buckelquader verputzt; die korbbogige Tordurchfahrt tonnengewölbt; stadtseitig über Sandsteintreppen erschlossener kleiner Vorbau, der ehemals wohl der Fortführung des an der Stadtmauer angebrachten Wehrganges diente; die heute dort befindliche dreiteilige Laube stammt in Teilen aus dem sog. Pfaff ´schen Haus (Victor-Kretz-Straße 11)). Errichtet im 13./14. Jahrhundert und danach noch mehrmals umgebaut und erneuert; der Dachstuhl stammt aus dem 17./18. Jahrhundert, die Fenster der Turmstube datieren in dieselbe Zeit; das Fallgatter, ebenso wie das stadtseitig angebrachte Gengenbacher Wappen jüngst rekonstruiert bzw. neu angebracht. Der Turm als Teil des im 13./14. Jahrhundert errichteten Befestigungssystems (§28 Sachgesamtheit Stadtmauer und Graben) und als wichtige, die nördliche Stadtansicht prägende bauliche Dominante ist von hohem Zeugniswert für die Stadtgeschichte und Stadtgestalt.

(Denkmalpflege BW - Historische Ortsanalyse Gesamtanlage Gengenbach, Ortenaukreis)


Aus alten Ansichten:

Der Obertorturm nach seiner Renovierung im Jahre 1902. Eine reichhaltige Bemahlung der Südseite zeigt die sehr alte Sonnenuhr und das Stadtwappen verbunden mit dem Kurbadischen Wappen. Über dem Tor ist der überdachte Wehrgang, der hier von der Stadtmauer kommend um den Turm herumgeflihrt wird. Das Geländer des Wehrganges wurde im nachfolgenden Jahr mit gedrehten Holzsäulen versehen, die beim Abbruch des Laubenganges am Haus Pfaff frei geworden waren. Das Stadtbächle fließt links und rechts der Straße durch das Tor.

Der Obertorturm von Norden hergesehen im Jahre 1885. Der Obertorturm, ein markantes Befestigungswerk aus dem 13. Jahrhundert, hatte früher ein Vorwerk mit Zugbrücke. Letztere wurden nach dem Brand 1689 nicht mehr aufgerichtet. An der Nordseite des Turmes ist noch das alte Reichsstädtische Wappen, der Salm im Brustschild des Adlers, zu sehen. Darunter sieht man einen kleinen Vorbau; in ihm befand sich das sogenannte Fallgatter oder auch Reehen genannt, das zusätzlich zu dem geschloßenen Tor bei Gefahr in Verzug herabgelassen wurde. Vor dem Brand 1689 hatte der Turm ebenfalls wie seine anderen Brüder einen Turmhelm mit Glocke. Das einstöckige Gebäude links vor dem Tor wurde von Viktor Kretz erbaut und beinhaltet das öffentliche Schlacht-, Wasch- und Backhaus.

Bau- und Lagebeschreibung

Der Durchlaß der nach Norden, d.h. nach dem Haigeracher Tale, führenden Marktstraße durch die Stadtbefestigung wurde gesichert durch den Obertorturm
Die an das Offenburger Tor anschließenden Mauerzüge, die zunächst nach Norden und dann nach Nordosten führen, scheinen auf den ersten Blick vollkommen verschwunden zu sein. Geht man aber durch die innere "Engelgasse", die wohl mit Recht als eine der schönsten Fachwerkhausstraßen Deutschlands bezeichnet werden darf, dann wird man in dem leichten Bogen, den die eng aneinandergereihten Häuschen beschreiben, den Bereich der Inneren Stadtmauer erkennen, auf die sie mit ihren Außenmauern gebaut worden sind. Die Idylle dieses verträumten Stadtwinkels schließt die Tatsache der harten mittelalterlichen Zeit für die Engelgasse nicht aus, die einst das Ghetto der Juden war. Die zahllosen Fenster- und Türeinbrüche in die Außenwand der Inneren Stadtmauer haben leider ihre Existenz, von der äußeren Engelgasse her gesehen, völlig verwischen lassen. Geht man aber diese Gasse weiter, so bietet sich dem Beschauer plötzlich die wehrhafte Außenseite des "Schwedenturmes" dar, der in das Bruchsteinmauerwerk der hier noch beiderseits vorhandenen Inneren Stadtmauer eingebunden und selbst bis obenhin aus Bruchsteinen zusammengefügt ist. Das über die Dächer des Wehrgangs hinausragende Obergeschoß des Turmes mit Schießscharten und polygonalem Dach ist vorgekragt, damit in seinem Innern genügend Platz vorhanden war für Schützen, Waffen und Munition. Man konnte daher von diesem Geschoß aus nach allen Seiten hin den eingedrungenen Gegner unter Feuer nehmen. Der nach der Stadt zu offene Turm erhielt aus Anlaß des Stadtjubiläums einen neuen Treppenaufgang bis zum besagten Obergeschoß. Von dem durch seine alten Häuser besonders reizvollen Altstadtteil "Gänsbühl" aus kann der Turm jetzt wieder nach jahrhundertelanger Vergessenheit bestiegen werden. Der Zugang erfolgt durch ein in Sandstein neugemauertes Rundbogentörchen neben dem alten Gerberhaus. Durch die schmiedeeiserne Tür sieht man die Treppe zum Turm hinaufführen, von dem man einen schönen Einblick in die Gassen und Höfe um den Gänsbühl genießen kann. Zwischen dem Schwedenturm und dem unweit gelegenen Haigeracher Torturm ist die Innere Stadtmauer noch erhalten und auf Höhe des ehemaligen Wehrgangs eingeschossig mit Wohnhäusern überbaut, Mit ihren überkragenden Fachwerkwänden und den steilen Dächern geben sie den Eindruck, als ob sie schon von jeher mit der Mauer zusammen errichtet worden wären.

Der Durchlaß der nach Norden, d.h. nach dem Haigeracher Tale, führenden Marktstraße durch die Stadtbefestigung wurde gesichert durch den Obertorturm, auch "Haigeracher Torturm" genannt. Er dürfte in der Sicht mittelalterlicher Stadtbaukunst als der bedeutendste der drei Tortürme gewertet werden, denn er schließt das einmalig großartige Bild der Straße nach Norden ab. Vom Mittelpunkt der Stadt her steigt sie nach Norden zu stetig an, sich gleichzeitig verengend, so daß die Häuser ihrer Westseite fast kulissenartig hintereinandergestaffelt sind, während die Häuser der Ostseite kontinuierlich die Straße begleiten. Trichterförmig rücken so die beiden Straßenwände aufeinander zu, überragt und zusammengehalten von dem schweren gedrungenen Bauwerk des Tores. Seine behäbige Durchfahrt geht stadtseits zunächst durch einen Vorbau, der eine hölzerne Galerie mit Pultdach trägt. Die hübschen gedrechselten Balustersäulchen des Brüstungsgeländers der Galerie stammen von dem ehemaligen städtischen Kanzleigebäude am Marktplatz, dem "Pfaffschen Hause". Dieser Vorbau diente als Verbindung zu dem beiderseits anschließenden Wehrgang, zu dem auch eine Freitreppe rechts um den Vorbau herum- und hinaufführt. Darüber erhebt sich der kubische Turmschaft, ganz aus Bruchstein gemauert, allseitig verputzt und an den Ecken mit Bossenquadern eingefaßt. Die schmalen Schlitze seiner Schießscharten mit dahinter im Mauerwerk liegenden Kammern zum Schießen mit Armbrüsten und Bogen weisen auf seine frühe Erbauungszeit (Mitte des 13. Jahrhunderts), noch vor Erfindung der Feuerwaffen, hin. In Richtung des Wehrgangs ist der Turm aber schon mit sogenannten Schlüsselscharten ausgestattet, welche erst später zum Sichern des Wehrgangs mit Hakenbüchsen und Musketen eingebaut worden sind.

Er dürfte in der Sicht mittelalterlicher Stadtbaukunst als der bedeutendste der drei Tortürme gewertet werden, denn er schließt das einmalig großartige Bild der Straße nach Norden abDem Wiederaufbau nach der Zerstörung 1689 ist die Erhöhung des Turmschaftes um ein Geschoß zuzuschreiben, die ohne Eckquaderung erfolgte. Die in diesem Geschoß befindliche Turmstube erhielt ihr Licht durch je vier im Flachbogen geschlossene Fenster. Heute befindet sich in der Turmstube der Versammlungsraum der St. Georgs-Pfadfinderschaft, ein sinnvoller Zweck für den alten Turm. Mit der Aufstockung erhielt der Turm einen steilen, aus dem Viereck ins Achteck übergehenden Helm. Die unter der Leitung von Architekt Dipl.-Ing. Schwarze, Gengenbach, in jüngst vergangener Zeit durchgeführten Herrichtungsmaßnahmen haben in mancherlei Hinsicht das historisch getreue Aussehen des mittelalterlichen Turmes wieder gewinnen lassen, wobei als eine der gelungensten Maßnahmen die Wiederanbringung eines Fallgatters, im Volksmund "Rechen" genannt, zu betrachten ist. Daß ein solches Gatter im Mittelalter an diesem Turm vorhanden war, zeigen die zu beiden Sciten der äußeren Toröffnung senkrecht hochlaufenden Gleitrinnen aus Sandstein und ein über dem Tor befindlicher Mauerschlitz für die Zugkette. So ließen sich leicht die Dimensionen für eine Nachbildung des alten Gatters ermitteln. Es handelt sich hier um ein außen laufendes Gatter, wie es nach der Beschreibung Pipers in seiner "Burgenkunde" bei Stadttoren des Mittelalters häufiger vorkam, im Gegensatz zu den bei Burgtoren allermeist hinter der äußeren Bogenöffnung laufenden Gattern, wie aber auch beim Kinzigtorturm in Gengenbach oder gar beim Gutgesellentor am Aufgang zum Münsterberg in Breisach, wo die letzte Entwicklungsstufe, das sogenannte "Orgelwerk", erreicht war. Bei diesem hingen die einzelnen Pfähle des Gatters für sich mit Ketten an einem Wellenbaum, ohne selbst miteinander verbunden zu sein, um so dem vordringenden Feinde die Möglichkeit zu nehmen, alle Pfähle gleichzeitig hochzuziehen. Nach Piper hatte das Fallgatter als ein mit den Kreuzzügen aus dem Orient nach dem Abendland herübergekommenes Verteidigungselement eine zweifache Aufgabe, nämlich erstens die dahinter befindlichen Torflügel zu schützen und zweitens den Torweg nach außen zu sperren, um einem an anderer Stelle in die Stadt eingedrungenen Feind den raschen Rückzug abzuschneiden.

Als ein in jedem Falle für die Geschichte der Verteidigungskunst interessantes Element wurde also dem Haigeracher Torturm das Fallgatter wieder vorgehängt, bestehend aus mächtigen Eichenpfählen, die nach unten zugespitzt sind und in Eisenschuhen stecken. Zwei Querbalken, welche in die steinernen Gleitrinnen eingreifen, halten die Pfähle zusammen. Das vierzig Zentner schwere Gatter hängt an einer kräftigen Eisenkette, die durch den von jeher hierfür bestimmten Mauerschlitz läuft, damit das Gatter bei gelegentlichen Anlässen heruntergelassen werden kann. Eine zweite Maßnahme, im Sinne einer Korrektur aber, bildete die Hochführung der sichtbaren Sandstein-Eckquaderung beim Turmstubengeschoß bis zum Dachgesims. Doch die dritte Ergänzung dürfte wohl als die schönste Bereicherung des Turmes von den meisten empfunden werden. In Anlehnung an vorhandene Bildunterlagen wurde die Stadtseite des Turmes wieder wie früher bemalt. Sie erhielt unterhalb der Turmstubenfenster die Sonnenuhr und darunter zwischen den beiden Schießscharten das im Stil leider etwas zu spät ausgefallene Stadtwappen: Den Reichsadler mit dem Brustschild, der den springenden Salm zeigt, im Volksmund auch Gangfisch genannt, von welchem der Name der Stadt abgeleitet wird. Infolge der Freilegung der Fachwerkkonstruktionen der Häuser entlang der Victor-Kretz-Straße tritt heute der Haigeracher Torturm als massiver Festungsbau noch viel stärker im Stadtbild in Erscheinung als früher. Von diesem Turm ab verlief die Befestigungslinie in südöstlicher Richtung nur in Form der Inneren Stadtmauer mit Wehrgang sowie mit dem daran entlang geleiteten Bach und nach dem Kastelberg zu mit einem ummauerten Wall. Direkt neben dem Haigeracher Torturm war der Durchlaß für einen Wasserlauf in die Hauptstraße an Stelle des ehemaligen Haigeracher Baches, und neben dem oben schon einmal erwähnten zerstörten Rondelturm war ein zweiter Durchlaß für den Klosterbach, der auch gleichzeitig die Klostermühle betrieb und dies heute noch tut. So waren auch in Bezug auf die Wasserversorgung Klosterbezirk und Stadtbezirk völlig voneinander getrennt.


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Rathaus Gengenbach


Alljährlich wird das Gengenbacher Rathaus im in der Weihnachtszeit zum weltgrößten "Adventskalender". Vom 30. November bis zum 23. Dezember werden an den 24 Frontfenstern des Gengenbacher Rathauses 24 Motive geöffnet

Gengenbach - Victor-Kretz-Straße 2

Alljährlich wird das Gengenbacher Rathaus im in der Weihnachtszeit zum weltgrößten "Adventskalender". Vom 30. November bis zum 23. Dezember werden an den 24 Frontfenstern des Gengenbacher Rathauses 24 Motive geöffnet. Bilder von Künstlern wie Marc Chagall, Tomi Ungerer, Otmar Alt, Andy Warhol oder Motive der Kinderbuchhelden aus Jim Knopf und Räuber Hotzenplotz waren hier schon zu bewundern.

Natürlich bildet sich rund um diesen "Adventskalender" auch ein gerne besuchter Weihnachtsmarkt.

Um 18:00 Uhr beginnt das "Ritual" - die Eröffnung eines neuen Fensters. Mit Begeisterung und Bewunderung verfolgen die Besucher*innen das Schauspiel. Ein Rahmenprogram auf der Bühne vor dem Rathaus findet wochentags ab 17:00 Uhr und an Wochenenden bereits ab 15:00 Uhr statt.

Gerne lassen sich junge und ältere Besucher*innen von den herrlichen Düften aus den Markständen gelockt, mit den angebotenen Köstlichkeiten verwöhnen.


(Denkmalpflege BW - Historische Ortsanalyse Gesamtanlage Gengenbach, Ortenaukreis)

Repräsentatives, dreigeschossiges und traufständiges Gebäude mit Walmdach; der Baukörper über trapezförmigen Grundriss erbaut und vor die alte Baulinie vorspringend; reich gestaltete, symmetrische Hauptfassade mit farblich abgesetzten Gliederungselementen und additiver Fenstergliederung; der dreiachsige Mittelrisalit mit von Konsolen gestütztem Balkon und Dreiecksgiebelverdachung sowie drei bekrönenden Sandsteinfiguren (Gengenbacher Adler, Justitia und Prudentia) und flankiert von den jeweils vierachsigen Seitenflügeln; das rustizierte Erdgeschoss durch rundbogige Arkaden geöffnet und über Freitreppe zugänglich, darüber in den Hauptgeschossen hohe Fenster mit geohrten Gewänden mit segmentbogigen Verdachungen, diese am Mittelrisalit zusätzlich mit Keilsteinen versehen; 1780 -1784 nach Plänen von Victor Kretz errichtet, 1945 der Südflügel zerstört und bis 1950 wiederaufgebaut. Als baulicher Ausdruck des Selbstbewusstseins der hiesigen Bürgerschaft sowie als ein nach französischen Vorbildern ausgeführter Repräsentativbau ist das Rathaus von hohem Zeugniswert für den spätbarocken frühklassizistischen Stadtumbau.


Das Rathaus zu Gengenbach - Von Joseph Schlippe, Freiburg i.Br.
Bd. 4 Nr. 1 - 2 (1961): Nachrichtenblatt der Denkmalpflege in Baden-Württemberg – Organ der Staatlichen Ämter für Denkmalpflege

Es gibt nur wenige Städte, in denen das Rathaus derart wie in Gengenbach das Stadtbild beherrscht und sowohl in räumlicher Hinsicht wie auch als architektonischer Akzent den Mittelpunkt der Stadtanlage bildet. Gewiß stellt auch das ehemalige Benediktinerkloster mit seiner bedeutenden Kirche, dem eigentlichen Kloster und seinen Wirtschafts- und Nebengebäuden einen weitläufigen Komplex dar; sein Areal kommt ja an Grundfläche fast der ganzen Stadt gleich. Aber so eng auch räumlich das Kloster der Bürgerstadt benachbart ist und sich mit dieser von dem gemeinsamen Zug der Stadtmauer umfangen läßt, bleibt es doch im Hintergrund. Wohl spricht es stark mit in der Fernansicht für den das Kinzigtal abwärts Fahrenden oder auch für den Wanderer, der vom Kastelberg und der Einbeihenkapelle aus hinab auf das Städtchen schaut. Aber für den, der das Städtchen durchwandert und von den platzartig weiten Straßenräumen aus das Bild der Stadt in sich aufnimmt, bleibt das Kloster so gut wie unsichtbar; höchstens, daß er dann und wann den schönen Umriß des Kirchturmes über den niedrigen Häusern aufsteigen sieht. Als unvergeßlicher Eindruck dieser so unversehrten Kleinstadt bleibt eben die prächtige Front des Rathauses und dessen beherrschende Stellung im Schnittpunkt der Straßengabel.

So bevorzugt auch der Platz an sich, als Mittelpunkt der Stadt, ist, so schwierig andererseits war er zu überbauen. Keilförmig verengt er sich nach hinten und hat nur eine geringe Tiefe. Der Architekt meisterte diese Schwierigkeit aufs schönste. Um doch einen rund 15 Meter tiefen Baukörper erstellen zu können, rückte er ihn vor die Straßenflucht der Nachbarhäuser vor. Dadurch gewann er eine Straßenfront von 33 Metern bei einer hofseitigen Rückfront von immerhin 26,5 Metern und behielt doch noch etwas Hoffläche frei. Über diesen realen Gesichtspunkt hinaus bewog ihn dazu gewiß vor allem der ideelle Gewinn, daß nämlich das Rathaus dadurch sich vor die Bürgerhäuser vorschob, nicht anders etwa als auch das Kaufhaus am Freiburger Münsterplatz, das dessen Erbauer ja auch nicht etwa wegen des dadurch lichteren Hofes, sondern wegen der dadurch gewonnenen erhöhten Bedeutung im ganzen Platzbild vor die Nachbarfluchten vorgerückt hat. Hier wie dort wird der Gehweg längs der Häuserflucht nicht unterbrochen, sondern der vorgerückte Baukörper öffnet sein Erdgeschoß als Durchgang in Form von Arkaden. Beim Gengenbacher Rathaus weitet sich dieser Arkadengang noch rückwärts, jenseits einer Säulenstellung von zwei schlanken römisch-dorischen Säulen, aus zu einem Vestibül am Fuß der stattlichen, steinernen Treppe. In dieser offenen Halle besitzt unser Rathaus eine bei den meisten anderen Rathäusern des achtzehnten Jahrhunderts gänzlich verlorengegangene Erinnerung an die offene Erdgeschoßhalle der mittelalterlichen Rathäuser, wenn auch freilich die Gengenbacher Halle in ihrer Reduktion auf ein Vestibül nicht mehr dazu dienen konnte, jenen Aufgaben zu genügen, für die man im Mittelalter das Erdgeschoß der Rathäuser als offene, weite Halle für die verschiedensten Zwecke, auch für feierliche Amtshandlungen, ausbildete. Aber immerhin: Sagt man oft geringschätzig den Rathäusern der Barockzeit nach, sie hätten nicht das ehrwürdige Gesicht und die eigene, bürgerliche Note wie die mittelalterlichen Rathäuser, so trifft dieser Vorwurf jedenfalls hier nicht zu. Denn wo wäre ein Fürstenschloß oder ein Adelspalais, das sein Erdgeschoß in den Platz vorschöbe und es völlig als Arkade und Durchgang festlich und einladend öffnete! Es ist ja umgekehrt das Charakteristikum der Palaisbauten, daß sie entweder eine abweisend geschlossene Front innerhalb der Bauflucht gegen die Straße kehren oder sich von ihr gar absentieren durch eine cour d’honneur [Ehrenhof]. Denn dieser Vorhof hatte erst in zweiter Linie die Aufgabe, beiderseits die ecuries [Stallungen / Marstall] aufzunehmen. Vor allem jedoch sollte er das corps de logis [Hauptgebäude] von der lärmenden, neugierigen Straße abrücken. Wie von Grund auf anders ist da die bei aller unbestreitbar seigneuralen Haltung doch einladende Geste des Arkadenganges an unserem Rathaus!

So bevorzugt auch der Platz an sich, als Mittelpunkt der Stadt, ist, so schwierig andererseits war er zu überbauen. Keilförmig verengt er sich nach hinten und hat nur eine geringe Tiefe

Und doch ist die Haltung des Rathauses sehr verwandt der eines Stadtpalais. Es braucht nicht erst der Aufzählung verwandter Fassaden, denen eben stets nur jenes Charakteristikum, die einladende Öffnung des Erdgeschosses fehlt, die aber in der Komposition mit dem ernsten, rundbogigen Erdgeschoß und den durch Pilaster zusammengefaßten beiden Obergeschossen ein gemeinsames Element aufweisen, einerlei, ob sie in Basel oder Hamburg, Wien oder Münster stehen. Betrachten wir nun das Innere des Rathauses:

In dem Vestibül, das den offenen Arkadengang in dessen Mitte nach hinten ausweitet und mit ihm eine saalartige Halle bildet, steigt in drei Armen die behäbige steinerne Treppe hinauf ins Hauptgeschoß: sie ist ebenso handwerklich gediegen ausgeführt wie kunstvoll konstruiert, so bei dem viertelkreisförmigen Übergang vom zweiten zum dritten Lauf. Das schmiedeeiserne Treppengeländer und auch die brüstungshohen Gitter zwischen den Pfeilern der Arkade sind noch in flotten Rokokoformen gehalten, wenn auch nicht mit rocailleartigen Ausschmiedungen der Endigungen, so doch in der eleganten Kurvatur der Eisenbänder. In den beiden Obergeschossen liegen beiderseits eines Längsganges die Amtsräume, hoch, hell und luftig. Inmitten im Hauptgeschoß liegt der Saal, dessen drei Fenstertüren sich auf den Balkon öffnen. Verkündigte im Mittelalter und noch zu Beginn der Neuzeit der Waibel einer Stadt vom Rathauserker aus nach dem sonntäglichen Gottesdienst den Bürgern das, was die hohe Obrigkeit zu verlautbaren hatte (wir wissen dies in unserem Bereich zZ. B. von dem schönen Erker am "Urtelhaus" gegenüber der Südpforte der Colmarer St.-Martins-Kirche), so war der Balkon zur Erbauungszeit unseres Rathauses der repräsentative Platz, von dem aus der Schultheiß und der Stätimeister der Freien Reichsstadt sowie dle Zwölfer des Alten und des Jungen Raths sich der Menge zeigten oder zu ihr sprachen. Im Innern des wohlräumigen Saales hingen die Bilder der Römisch-Deutschen Kaiser aus dem Hause Habsburg.

Die Hauptelemente der stolzen Fassade sind deren klare Gliederung in Mittelrisalit und seitliche Flanken sowie der auf den Mittelrisalit und seinen Dreiecksgiebel konzentrierte plastische Schmuck und der tiefschattende Arkadengang des Erdgeschosses. Die Halbkreisbögen der Arkaden ruhen auf rechteckigen Pfeilern, deren Kämpfer durch ein knapp profiliertes Gesims betont ist. Der Bogenscheitel ist - wenigstens bei den je vier Arkaden der Flanken - nicht durch einenSchlußstein betont: lediglich die drei Arkaden des Mittelrisalits haben volutenförmige Schlußsteine jeweils zwischen den Balkonkonsolen. Das Erdgeschoß Ist als Sockel behandelt und durch tiefe Fugen horizontal gegliedert. Zu den drei mittleren Arkaden führt eine breite Treppe hinauf. Die seitlichen Rücklagen der Fassade sind je vier Fensterachsen breit. An den Ecken sind sie durch Pilaster eingefaßt und ebenso von dem Mittelrisalit durch Pilaster getrennt; die Flucht des Mittelrisalits liegt ein wenig vor der der Flanken, Die beiden Obergeschosse sind durch die vier Pilaster zu einer Einheit zusammengefaßt, ohne daß ein Gurtgesims die Stockwerke voneinander trennte. Die Pilaster sind glattschaftig, also nicht kanelllert, sie steigen aus attischen Basen empor und 1ragen jonische Kapitelle in der spätbarocken Version.

Über dem relativ flach abgestuften Architrav sitzt ein Friesband mit querovalen, gewändelosen Lucken jeweils über den Fensterachsen. Aus dem schweren Kranzgesims entwickelt sich über dem Mittelrisalit ein Dreiecksgiebel, in dessen Feld die große geschmiedete Uhr sitzt, Darunter steht in vergoldeten Lettern die Jahreszahl der Erbauungz MDCCLXXXIV. Ein mächtiges Walmdach kränt den ganzen Bau. Für die Spätzeit überraschend ist der Reichtum an plastischem Schmuck der Fassade: in vier Zonen, in Giebelhöhe, über den Fenstern des oberen und des mittleren Stockes und am Balkon, ziert er den Mittelrisalit. Den Giebel bekrönt der Adler des Reiches mit geschwungenen Flügeln; er hält das Wappen der Stadt mit dem "Geng"-Fisch. Ihn flankieren beiderseits am Giebelfuß die Statuen der Gerechtigkeit und der Klugheit.

Im obersten Stockwerk sind die Schlußsteine der drei Fenster mit Rocaille geziert, über der sich agraffenartig ein zopfiges Gebilde zum Gesims hin erhebt. Im mittleren Stockwerk tragen die Schlußsteine der drei Fenstertüren Köpfe, inmitten einen männlichen Kopf mit Mütze und Schnauzbart, zu dessen Rechten einen gleichtalls bemützten Jünglingskopf und zu seiner Linken einen jugendlichen Frauenkopf. Der Sinn dieser drei Köpfe ist - wenigstens uns Heuligen - nicht klar. Sollten vielleicht die sonst oft an Schlußsteinen auftauchenden vier Lebensalter hier auf deren drei reduziert sein? Dagegen sprechen die vier Köpfe an den Balkonkonsolen ihren Sinn unverkennbar aus. Es sind die vier Erdtelle. Ganz links ein edler, schöner Frauenkopf: Europa. Dann ein Türke mit einem Schnurrbart und Turban: Asien. An dritter Stelle ein Mohr mit wulstigen Lippen und Federn auf dem breiten Kopf: Afrika. Zuletzt ein Indianer mit steilem Federschmuck auf dem gut geschnittenen Kopf und einem Perlenhalsband: Amerika.

Dagegen sprechen die vier Köpfe an den Balkonkonsolen ihren Sinn unverkennbar aus. Es sind die vier Erdtelle. Ganz links ein edler, schöner Frauenkopf: Europa. Dann ein Türke mit einem Schnurrbart und Turban: Asien. An dritter Stelle ein Mohr mit wulstigen Lippen und Federn auf dem breiten Kopf: Afrika. Zuletzt ein Indianer mit steilem Federschmuck auf dem gut geschnittenen Kopf und einem Perlenhalsband: Amerika
Diesen gesamten Schmuck figürlicher und dekorativer Art schuf der Bildhauer Peter Schwab; über ihn wissen wir durch J. L. Wohlleb, daß er in Dettingen bei Horb geboren wurde, im Jahre 1762 die Kanzel der Leutkirche schuf und zwei Jahre danach durch Heirat der Schwager des Stadtbaumeisters Victor Kretz wurde. Das Rathaus ist also das Werk zweier Schwäger, des aus dem Allgäu gekommenen Kretz und des aus dem Württembergischen gekommenen Schwab. - Da Schwab wohl schon mindestens ein Fünfziger war, als er den plastischen Schmuck des Rathauses schuf, hatte er nicht den Ehrgeiz, sein Mäntelchen nach dem Winde der neuesten Mode zu hängen. Die Anmut und Charakterisierung seiner Köpfe erinnert mehr an Werke der Jahrhundertmitte, wie wir deren viele in Straßburg sehen, etwa an Johann Peter Pflugs "Hötel de Marabail" von 1745 oder auch an die anderthalb Jahrzehnte später entstandenen Köpfe am Wenzingerhaus in Freiburg oder am Haus Biechele-Zimmermann in Endingen. Auch die Haltung der beiden seitlichen Giebelfiguren und das barocke Pathos des Reichsadiers stammen aus der damals eben verflossenen Stilepoche. Vor allem die eleganten Ranken und Kurvaturen der vier Balkonkonsolen und der drei Arkadenschlußsteine haben noch gar nichts von dem strengen Louis XVI., das 2. B. am Sickingenpalais in Freiburg vor damals schon vierzehn Jahren aufgetaucht war. In Schwabs Werken ist vielmehr das verklingende RoKoko noch lebendig. Genau so könnten auch die leicht segmentförmigen Fensterstürze um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts entstanden sein, und erst recht ihre gleichfalls segmentförmigen Verdachungen, eine seltene Form, die um 1718 am "Dalberger Hof" zu Mainz und um die Jahrhundertmitte in München am Palais Gise und an Gunezrainers eigenem Haus auftritt. Es gilt, sich diese vielen Reminiszenzen an die vorherige Stilepoche vor Augen zu halten. Sie offenbaren, daß eine stilistische Beeinflussung durch einen klassizistischen Architekten reinsten Wassers unmöglich stattgefunden haben kann, wovon noch die Rede sein wird. Auch das ganz köstliche (im Sommer durch allzu vielen Blumenschmuck unsichtbare) graziös geschwungene Balkongitter kann ebenso wie die anderen schmiedeeisernen Arbeiten die Anhänglichkeit seines Schöpfers an die Formensprache des Rokoko nicht verleugnen.

das rustizierte Erdgeschoss durch rundbogige Arkaden geöffnet und über Freitreppe zugänglichSelbst in der farbigen Haltung, im Grau der Architekturteile vor dem Gelb der Putzflächen, wird noch ein barocker Klang lebendig, zumal durch die Kontrastwirkung der rein weißen Plastik zu diesem Grau-Gelb. Einem Klassizisten hätte eine gänzlich weiße Färbelung der Fassade mehr zugesagt, höchstens noch eine zarte Nuancierung von ungebrochenem und von gedämpftem Weiß; oder, wo Farbe sein sollte, eine schneeweiße Architektur vor zartrosa Putzfläche. Das Grau und Gelb der heutigen Fassade folgt, in beiden Tönen vielleicht um einen Hauch zu schwer, der an der Hoffront seit je unverändert erhalten gebliebenen ursprünglichen Farbe. Den "Naturton" des roten Sandsteines zu zeigen, wäre den Künstlern der Erbauungszeit nie und nimmer eingefallen, Das Farbkleid des Gengenbacher Rathauses ist also eine treue Wiedergabe des ursprünglichen Zustandes. Architekt des Rathauses war der "Städtische Werkmeister" Victor Kretz. Nicht minder stolz als die Stadt Gengenbach auf ihr Rathaus war Kretz selber auf sein Meisterwerk. Im Friedhof bei der Leutkirche St. Martin steht der von seinem Sohn im Jahre 1802 errichtete Grabstein, ein schlanker Obelisk auf dreikantigem Sockel, dessen Inschrift lautet:

Victor Kretz ’ Zwölfer des alten Raths / Baumeister / des Rathhausses allhier : Geb. den 20. Aug. 1729 ’zu Waldrams im Allgöw ; + den 27. Feb. 1786,

Ausdrücklich wird hier der Rathausbau als sein Werk genannt; diese Tatsache schien dem Sohn offensichtlich wichtiger als die Würde eines Stättmeisters, die sein Vater einmal bekleidet hatte. Daß Kretz vom einfachen Steinhauer zum Werkmeister und schließlich zum Architekten aufstieg, ist Zeugnis für eine künstlerische Entwicklung und einen gesellschaftlichen Aufstieg, den der Allgäuer mit manchen seiner engeren Landsleute teilt. Friedrich Hefele und soeben Norbert Lieb zählen viele Beispiele für einen solchen Aufstieg gerade der Baumeister aus dem Allgäu und aus dem Bregenzer Wald auf. Außer dem Rathaus ist bis jetzt nur die alte Kinzigbrücke von 1776 urkundlich als sein Werk bezeugt; diese Brücke war übrigens eine Holzkonstruktion.

Nun schreibt Joseph L. Wohleb in seinem Werkchen "Gengenbach", dem 8. Band der "Großen Kunstführer", gewiß auf Grund der ihm zugänglich gewesenen Akten, der Rat der Stadt Gengenbach habe im Jahre 1779, als er den Gedanken eines Rathausneubaues aufgriff, sich von "dem jungen französischen Baumeister Nicolas Alexandre de Salins (geb. 1753), dem Erbauer des bischöflichen Palais in Zabern und des Rohan-Schlosses in Straßburg, beraten lassen. Wie weit sich Kretz auf Salins stützte, wird noch zu untersuchen sein". Hier ist vorweg zu berichtigen, daß das Rohan-Schloß zu Straßburg im dritten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts von Robert de Cotte erbaut worden ist.

Ist nun wirklich ein stilistischer Einfluß von Salins auf den Bau des Victor Kreiz zu erkennen? Um dies beurteilen zu können, wären die mir noch nicht zugänglichen Akten einzusehen. Denn es mag ja sein, daß der Ratschlag des Salins nicht der Architektur, also nicht der Fassade galt, sondern daß er die Raumgliederung und die möglichst praktische Anordnung des Grundrisses betraf. Wohl aber dürfen wir die Werke des Salins, und zwar möglichst solche aus seiner Zaberner Zeit, zu einem stilistischen Vergleich heranziehen; seine noblen, seit 1797 in Frankfurt für das reiche Patriziat errichteten Landhäuser und Stadtpalais dürfen wir nicht zum Vergleich heranziehen, wohl aber seinen erhalten gebliebenen Entwurf für das fürstbischöfliche Palais in Zabern, der im gleichen Jahre 1779 entstand. in dem Gengenbach an ihn herangetreten sein soll. Für diesen Bau hatte der Straßburger Fürstbischof Kardinal Louis Rene Edovard de Rohan-Güemene den erst 23jährigen Architekten, der wohl kaum erst die Pariser Architeckturschule verlassen und vorübergehend bei Michel d’Ixnard an dessen Projekt für das Schloß des Kurfürsten von Trier in Koblenz mitgearbeitet hatte, heranzezogen. Der Schloßbau des Salins in Zabern, der im 19. Jahrhundert unter Napolton III, gewisse Abänderungen erlitten hat, ist in gar keiner Weise mit der Fassade des Gengenbacher Rathauses stilistisch verwandt: Zwischen jeder Fensterachse sitzt ein Pilaster, dieser ist kanelliert und trägt ein Korinthisches Kapitell, die Fenster sind ohne Gewände aus der Mauerfläche herausgeschnitten und haben nicht einen segmentförmigen, sondern geraden Sturz, und den Dachfuß kaschiert eine hohe, jeweils über den Fensterachsen mit Balustraden aufgelockerte Attika. Unter der Hängeplatte des Kranzgesimses sitzen "viae", konsolartige Plättchen, ein antikisches Motiv.

Blick durchs Kinzigtor aufs RathausDiese wie auch die anderen strengen Stilformen des Salins sind dem Gengenbacher Rathaus gänzlich fremd und unbekannt. Vielmehr weist der Bau des Victor Kretz durchweg Formen auf, die - wie bereits gesagt - zurück in die Jahrhundertmitte weisen. Wie sein Schwager Peter Schwab als Bildhauer, so arbeitete Kretz als Architekt eben wie Goethes Goldschmied zu Ephesus zeitlebens so "wies ihm der Vater zugeteilt", ohne daß er deshalb ein steriler Wiederholer stets derselben Formen geworden wäre. Sein Bau hat vielmehr bei aller Würde und Repräsentanz, die dem Rathaus der Freien Reichsstadt zukam, durchaus eine anmutige Note und einen Charme, der den Bauten der Nachfolgezeit oft versagt blieb. Auch ein anderer Entwurf des Salins, der wenige Jahre nach seiner Heranziehung als Berater beim Gengenbacher Rathaus entstandene Wettbewerbsentwurf für den Marktplatz zu Karlsruhe, zeigt ein völlig anderes Gesicht: Die Erdgeschoßarkaden sind schlanker und höher. die Pfeiler wesentlich schmaler und ohne Kämpfer, die Obergeschosse nicht durch Pilaster in "großer Ordnung" zusammengefaßt, sondern ohne Eckgliederung und ohne die noch in Zabern verwendeten Pilaster völlig flächig gehalten, und aus ihnen sind die Fensteröffnungen gewändelos herausgeschnitten: die niedrige Attika über dem Hauptgesims vervollständigt den klassizistischen Eindruck des Entwurfs, der, wie gesagt, mit Gengenbach nicht die entfernteste Ähnlichkeit hat.

Es ist übrigens überraschend, daß die Stadt Gengenbach sich an den fürstbischöflichen Schloßbaumeister von Zabern und nicht - von Stadi zu Stadt - an den damaligen Stadtbaumeister der Nachbarstadt Straßburg gewendet hat. Dort wirkte seit 1777 als inspecteur des bätiments de la ville de Strasbourg der erst 23jährige Pierre Valentin Boudhours als Schrittmacher des "neuklassischen Stiles". Er löste die noch dem Geist der Jahrhundertmitte zuzuordnende Bauweise eines Samuel Werner ab, dessen Waisenhaus (später Akademie) mit seiner schlichten Architektur, den segmentförmigen Fenstern, den gequaderten Ecken und Stockgurien noch das behagliche Rokoko der Jahrhundertmitte zeigen, Wie aber steht das Gengenbacher Rathaus unter den anderen deutschen Rathäusern des 18. Jahrhunderts da? Zu Beginn des 17, Jahrhunderts sind in Deutschland drei oder vier Rathäuser entstanden, die in großartiger Baugesinnung und an bürgerlichem Selbstbewußtsein den großen Rathäusern des Mittelalters nichts nachgeben: Das Augsburger Rathaus des Flias Holl 1615, das Nürnberger Rathaus des Jakob Wolft 1616 und in Norddeutschland das imposante Rathaus zu Paderborn. Ziehen nun diese Bauten wirklich einen Schlußstrich unter die Geschichte des deutschen Rathauses? Gewiß tritt als Folge des Dreißigjährigen Krieges weithin der Absolutismus die Herrschaft an und vernichtet die freie Selbstverwaltung der Städte. Die Lebenskraft der Städte war obendrein durch die Kriegsjahre so gebrochen, daß im ganzen 17. Jahrhundert kein nennenswerter Rathausbau mehr entsteht. Aber wie auf allen Gebieten mit dem beginnenden 18. Jahrhundert ein neues Leben aufblüht, so auch auf dem Gebiet des Rathausbaues. Da steht gleich am Anfang das noble Rathaus von Heidelberg, 1701 "zur Animierung", zum Anfeuern des Wiederaufbauwillens errichtet. Behäbiger, sozusagen bürgerlicher, ist das von Franz Anton Kuen aus Bregenz in Wangen im Allgäu im Jahre 1719 errichtete Rathaus, das über einem zweigeschossigen Unterbau einen schöngeschwungenen Barockgiebel aufweist. Besonders stolz und aufwendig, freilich auch am wenigsten seine Bestimmung als Rathaus verratend, vielmehr eher einem kleinen Stadtpalast ähnlich, ist das im Jahre 1730 von Heimb und Arnold entworfene Rathaus zu Schwäbisch-Hall; nur der elegante schmiedeeiserne Glockenturm läßt die Bestimmung des Gebäudes erraten, da Glockentürme ja nicht Schlössern, wohl aber Rathäusern zu eigen sind. In Rottenburg steht das im Jahre 1733 von Johann Jakob Felder erbaute strenge, dreigeschossige Rathaus, dessen Fassade durch sechs große, hohe Pilaster gegliedert ist; ein kleiner Dachreiter trägt die Glocke. Offenburg hat aus dem Jahre 1741 einen sieben Fensterachsen breiten, dreigeschossigen Rathausbau, dessen Mittelrisalit mit einem hohen Segmentgiebel bekrönt ist, während die Fenster und ihre Bekrönungen überreich mit eigenwilligen Architekturformen geschmückt sind. Nachträglich erst zum Rathaus adaptiert, ursprünglich das Haus der Obergerichtsverwaltung ist das Rathaus zu Ellingen, 1746 von dem Deutschordensbaumeister Franz Joseph Roth erbaut, eine zierlich und bildhauerisch sehr reich geschmückte Fassade, die lediglich durch das lustig auf dem Giebel sitzende Uhrtürmchen als Rathaus charakterisiert ist.

Gengenbach Blick aus dem Rathaussaal - im Hintergrund schemenhaft der NiklasturmAuch kleinere Städte, die damals noch nicht einmal Stadtrechte besaßen, wetteiferten miteinander in der Erstellung schmucker, wenn auch bescheidener Rathäuser. So hat Herbolzheim, die Grenzstadt zwischen Breisgau und Ortenau, im 18. Jahrhundert ein sehr ansprechendes Rathaus mit mächtigem Dach und seitlicher Halle erbaut; leider ist um die letzte Jahrhundertwende der Bau bös verunstaltet und mit dem schrecklichen, geibledernen Backsteinmaterial verkleidet worden. Am Abschluß dieser stolzen Reihe von Rathausbauten des 18. Jahrhunderts. die noch zu erweitern wäre, steht Gengenbach. Ein Jahr zuvor hatte Lauingen seinen Rathausbau begonnen, einen Bau in strengster italienisierender klassizistischer Architektur von dem Münchener Lorenzo Quaglio. Diese beiden Rathausbauten sind wohl die besten aus der Zeit des alten Reiches. Sie sind aber vor allem Zeugnisse des stolzen Bürgergeistes und Selbstbewußtseins der Freien Reichsstadt; denn Gengenbach wie Lauingen, Wangen im Allgäu wie auch Schwäbisch Hall waren freie Reichsstädte, und das Gefühl für diese Würde kommt in Ihren Rathäusern zum Ausdruck.

Von den Rathäusern des 18. Jahrhunderts, die zeitlich dem Gengenbacher Rathaus nahestehen oder in ihrer Gestaltung irgendwie mit ihm verwandt sind, ist oben eines noch nicht genannt worden, das wohl die genaueste Ähnlichkeit hinsichtlich der charakteristischen Vorrückung der Rathausfront vor die anschließenden Bürgerhäuser mit unserem Rathaus hat. In stilistischer Hinsicht freilich und erst recht zeitlich hat es wohl die geringste Ähnlichkeit mit ihm. Es ist das Rathaus zu Karlshafen an der Weser. Erbaut wurde es etwa um 1700, es ist also fast ein Jahrhundert älter als das Gengenbacher Rathaus. Sein Architekt war wohl Paul du Ry. Wirklich im Herzen dieser köstlichen barocken Kleinstadt streng französisch-klassizistischen Gepräges, hart am Ufer steht das Rathaus. Wie das Gengenbacher Rathaus hebt es sich stolz über die niedrigeren Bürgerhäuser heraus, es ist auch wie unser Rathaus aufgegliedert in einen Mittelrisaltt, der hier aber einen segmentförmigen Giebel trägt, und zwei rückliegende Flanken. Das besondere Charakteristikum jedoch, das von allen Rathäusern des 18. Jahrhunderts einzig Karlshafen zu dessen Beginn und Gengenbach zu dessen Abschluß aufweisen. Ist die durch das Erdgeschoß auf dessen ganze Länge durchlaufende Arkade, der zulieb das Rathaus vor die Flucht der Nachbarhäuser vorgezogen wurde. Der Stil des Karlshafener Rathauses entspricht allerdings enfernt jener nüchternen Richtung des französischen Rationalismus, die II. v. Geymüller als "Platitude bourgeotse" bezeichnet. Wie viel anheimelnder ist dagegen die Lust am Schmuck und reicherer Durchbildung der Fassade beim Gengenbacher Rathaus! Ein Vorzug des Rathauses zu Karlshafen: Durch den Dachreiter inmitten über dem Giebelfeld des Mittelrisalits ist es ganz unzweideutig als Rathaus charakterisiert. Zum Schluß ist noch das Schicksal des Gengenbacher Rathauses im und nach dem letzten Krieg zu erwähnen. Die südliche Hälfte des Rathauses gegen den Kinzigtorturm hin war furchtbar aufgerissen. Noch in den schlimmsten Nachkriegsjahren, vor der Währungsreform, hat die Bürgerschaft, angefeuert durch den Bürgermeister Schrempp, mit eiserner Energie und großer Opferbereitschaft die Lücke geschlossen und das Rathaus völlig in der alten Form wiederhergestellt. Den Abschluß dieser Wiederaufbauarbeit, die auch vom Staat unterstützt wurde, bildete die farbige Neufassung der Fassade. So steht nun das Rathaus wieder in der Gestalt, die seine Erbauer und sein Architekt ihm vor bald 200 Jahren gaben, im Herzen der Stadt als deren stolzester bürgerlicher Bau.

Literatur
Karl Gruber: "Das deutsche Rathaus", 1943, München.
"Bad. Kunstdenkmälerwerk", 7. Bd., Kreis Offenburg, von M. Wingenroth, 1908, Tübingen.
Joseph Schlippe: "Das Stadtbild von Gengenbach" (Jahresheft 1935 der Bad. Heimat "Offenburg und die Ortenau”).
©. E. Sutter und J. L, Wohleb: "Gengenbach" (Bd. 8 der "Großen Kunstführer", Schnell und Steiner).
Pierre du Colombler: "L’Architeciure frangaise en Allemagne au XVIII® siecle", 1956, Paris.
Thieme-Becker: "Allg. Lexikon der bild. Künstler", Bd. XXI, 1927, Leipzig.
Joseph Schlippe: Gengenbach (Bericht), in Nachrichtenblatt der öffentl. Kultur- und Heimatpflege im Reg.-Bezirk Südbaden, 1953, 11.12.
Norbert Lieb und Franz Dieth: Die Vorarlberger Barockbaumeister, München 1960.

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Gengenbach - Engelgasse


Engelgasse Fachwerk auf engem Raum - der schmale, langgestreckte Verlauf bildet damit einen Ringschluss zwischen der Hauptstraße im Süden und der Victor-Kretz-Straße im Nordosten

Die an das Offenburger Tor anschließenden Mauerzüge, die zunächst nach Norden und dann nach Nordosten führen, scheinen auf den ersten Blick vollkommen verschwunden zu sein. Geht man aber durch die innere "Engelgasse", die wohl mit Recht als eine der schönsten Fachwerkhausstraßen Deutschlands bezeichnet werden darf, dann wird man in dem leichten Bogen, den die eng aneinandergereihten Häuschen beschreiben, den Bereich der Inneren Stadtmauer erkennen, auf die sie mit ihren Außenmauern gebaut worden sind. Die Idylle dieses verträumten Stadtwinkels schließt die Tatsache der harten mittelalterlichen Zeit für die Engelgasse nicht aus, die einst das Ghetto der Juden war. Die zahllosen Fenster- und Türeinbrüche in die Außenwand der Inneren Stadtmauer haben leider ihre Existenz, von der äußeren Engelgasse her gesehen, völlig verwischen lassen.

Im Jahr 1308 wurden die Juden der Reichsstadt Gengenbach erstmals erwähnt. Wohl im Verlauf der Pestpogrome mußten sie die Stadt verlassen. Ortenauer Landjuden standen dann als Händler in regem Austausch mit den Bürgern. Erst nach 1862 entstand wieder eine dauerhafte jüdische Ansiedlung, die als Filialgemeinde der Synagogengemeinde Offenburg angegliedert war.

1308 "Alte Rechte" der gengenbacher Juden

Ein bedeutendes Dokument ist im Urkundenbuch der Stadt Straßburg überliefert. Es enthält die erste Nennung der Gengenbach Juden vor 700 Jahren. Am 10. Mai 1308 nahmen die Bürger von Gengenbach den Straßburger Ritter Otto von Ochsenstein nach dem Tode des Königs Albrecht als ihren Pfleger an. Sie wählten sich einen Schutzherrn, der sich dafür gut bezahlen ließ. ("Sollen sie uns geben vierzig Mark lötiges Silber"). Der Herr von Ochsenstein versprach im Gegenzug bei dieser Gelegenheit, auch die Juden zu Gengenbach bei ihren Rechten aus der bischöflichen Zeit zu belassen und ihre Abgaben nicht zu erhöhen. "Die Juden von Gengenbach sullent och bliben bi allen ihren alten rehten und in allem dem glimpfe mit sture und mit dienste, alse siu bi der bi der bischove zite, die imme lande pfleger waren, wilente gewesen sint".

(700 Jahre Geschichte der Juden in Gengenbach, 1308-2008, Martin Ruch)

Das Wohngebiet der Juden in dieser Zeit war vermutlich die Judengasse, die 1877 in Engelgasse umbenannt wurde. Nachdem die Juden lange in der freien Reichsstadt verboten waren, konnten sie erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wieder zuziehen.

Heute begrüßt die mit hohem handwerklichen Geschick wiedererbaute Engelgasse ihre Besucher*innen mit einem reichhaltigen, zu jeder Jahreszeit frischen, Blumendekor. Die auskrakenden Obergeschosse - die zwecks Raumgewinnung über die Grundgeschosse hinaus ragend - stimmen die Gäste "heimelig". Die Hausordnung aus meist zweigeschossigen Bauten mit von aussen begehbaren Kellergewölben - irgendwo muss der Badische Wein ja kühl gestellt sein - erinnern an Zeiten, wie "das damals einmal war".

Zweigeschossiges, traufständiges Gebäude mit Satteldach mit weitem Dachüberstand; in Mischbauweise errichtet, das Obergeschoss und der Giebel mit aufgeblendetem Fachwerk versehen  das Obergeschoss traufseitig weit vorkragend; ehemalige Scheune in den 1950er Jahren (Auskunft Stadt Gengenbach) wohl weitgehend abgebrochen und durch das heutige Wohn- und Geschäftshaus ersetzt Engelgasse 1 - Wohn- und Geschäftshaus, ehemalige Scheune

Zweigeschossiges, traufständiges Gebäude mit Satteldach mit weitem Dachüberstand; in Mischbauweise errichtet, das Obergeschoss und der Giebel mit aufgeblendetem Fachwerk versehen, das Obergeschoss traufseitig weit vorkragend; ehemalige Scheune in den 1950er Jahren (Auskunft Stadt Gengenbach) wohl weitgehend abgebrochen und durch das heutige Wohn- und Geschäftshaus ersetzt.Als baulicher Hinweis auf die bereits nach 1950 umgesetzten Maßnahmen zur "Altstadterhaltung" sowie als wichtiger Kopfbau am südlichen Eingang der Engelgasse ist dieses Gebäude (v.a. aus städtebaulichen Gründen) erhaltenswert.
der Ortenauer
In Ecklage stehendes zweigeschossiges, traufständiges Gebäude mit Satteldach; der Sockel und das Erdgeschoss massiv errichtet, darüber Fachwerkgeschoss mit Zierformen in den breiten Brüstungsfeldern nach Norden die Wirtschaftsgebäude anschließend: diese teils massiv, teils in Fachwerk errichtet mit Sattel- bzw. Pultdach; Gebäude im Kern wohl noch Anfang 18. Jh. mit späteren Umbauten des 20. Jh. (Werkstatteinbau, Vergrößerung Fensteröffnungen bzw. Fenstererneuerung, Dachausbau u.a.) Engelgasse 8 - Wohnhhaus mit ehemaligem Ökonomiegebäude

In Ecklage stehendes zweigeschossiges, traufständiges Gebäude mit Satteldach; der Sockel und das Erdgeschoss massiv errichtet, darüber Fachwerkgeschoss mit Zierformen in den breiten Brüstungsfeldern; nach Norden die Wirtschaftsgebäude anschließend: diese teils massiv, teils in Fachwerk errichtet mit Sattel- bzw. Pultdach; Gebäude im Kern wohl noch Anfang 18. Jh. mit späteren Umbauten des 20. Jh. (Werkstatteinbau, Vergrößerung Fensteröffnungen bzw. Fenstererneuerung, Dachausbau u.a.).Als eines der wenigen heute noch bestehenden Kleingehöfte innerhalb der Altstadt sowie als Bestandteil des hochverdichteten Quartiers an der westlichen Stadtmauer ist das Anwesen erhaltenswert.
der Ortenauer
Zweigeschossiges, traufständiges Gebäude mit Satteldach; der Sockel samt Keller massiv errichtet, sonst komplett in Fachwerk aufgeführt, dieses über breitem profilierten Stockwerksgesims über dem Erdgeschoss weit vorkragend seitlich liegender Hauseingang mit Sandsteinstufen neben Kellerhals mit Klappe, im Obergeschoss zwei breite Fenstererker mit Fachwerkzierformen in den Brüstungsfeldern Engelgasse 9 - Wohnhaus mit Kellerhals zur Einlagerung straßenseitig

Zweigeschossiges, traufständiges Gebäude mit Satteldach; der Sockel samt Keller massiv errichtet, sonst komplett in Fachwerk aufgeführt, dieses über breitem profilierten Stockwerksgesims über dem Erdgeschoss weit vorkragend; seitlich liegender Hauseingang mit Sandsteinstufen neben Kellerhals mit Klappe, im Obergeschoss zwei breite Fenstererker mit Fachwerkzierformen in den Brüstungsfeldern; errichtet 1732 mit leichten jüngeren Überformungen (u.a. Fenster, Türe, Dachausbau mit Gaupe).Das Gebäude ist als Bestandteil der parallel zum westlichen Abschnitt der Stadtmauer liegenden geschlossenen, traufständigen Reihenbebauung sowie als gut überliefertes Wohnhaus aus der Zeit nach den Zerstörungen von 1689 von dokumentarischem Wert. Der Keller samt Kellerhals ist zudem ein Zeugnis der Weinbautradition in Gengenbach.
der Ortenauer
Zweigeschossiges, traufständiges Gebäude mit Satteldach; der Sockel samt Keller massiv errichtet, sonst komplett in Fachwerk aufgeführt, dieses über breitem profilierten Stockwerksgesims über dem Erdgeschoss weit vorkragend; seitlich liegender Hauseingang mit Sandsteinstufen neben Kellerhals  im Obergeschoss zwei breite Fenstererker mit Fachwerkzierformen in den Brüstungsfeldern; errichtet 1732 mit leichten jüngeren Überformungen Engelgasse 14 - Wohnhaus mit Kellerhals - zwei Stockwerke

Zweigeschossiges, traufständiges Gebäude mit Satteldach; der Sockel samt Keller massiv errichtet, sonst komplett in Fachwerk aufgeführt, dieses über breitem profilierten Stockwerksgesims über dem Erdgeschoss weit vorkragend; seitlich liegender Hauseingang mit Sandsteinstufen neben Kellerhals mit Klappe, im Obergeschoss zwei breite Fenstererker mit Fachwerkzierformen in den Brüstungsfeldern; errichtet 1732 mit leichten jüngeren Überformungen (u.a. Fenster, Türe, Dachausbau mit Gaupe).Das Gebäude ist als Bestandteil der parallel zum westlichen Abschnitt der Stadtmauer liegenden geschlossenen, traufständigen Reihenbebauung sowie als gut überliefertes Wohnhaus aus der Zeit nach den Zerstörungen von 1689 von dokumentarischem Wert. Der Keller samt Kellerhals ist zudem ein Zeugnis der Weinbautradition in Gengenbach.
der Ortenauer
Zweigeschossiges, traufständiges Gebäude mit Satteldach mit weitem Dachüberstand; über hohem massivem Kellersockel in Fachwerkbauweise errichtet  der Hauseingang an der Ostfassade liegend und über einen schmalen Bauwich bzw. über tiefe Sandsteinstufen erschlossen;im Kern 1643 mit baulichen Veränderungen des 18. Jh. und des 20. Jh. Engelgasse 19 - Wohnhaus

Zweigeschossiges, traufständiges Gebäude mit Satteldach mit weitem Dachüberstand; über hohem massivem Kellersockel in Fachwerkbauweise errichtet, das Fachwerk über dem 1. Wohngeschoss über profiliertem Stockwerksgesims vorkragend; in den Brüstungen der (Erker)Fenster Fachwerkzierformen wie Feuerböcke oder einfache Andreaskreuze; der Hauseingang an der Ostfassade liegend und über einen schmalen Bauwich bzw. über tiefe Sandsteinstufen erschlossen;im Kern 1643 mit baulichen Veränderungen des 18. Jh. und des 20. Jh. (u.a. Fenster, Dachausbau mit Gaupen).Das Gebäude ist als Bestandteil der traufständigen und rückwärtig teilweise an die Stadtmauer angrenzenden Gebäudereihe, die wiederum durch hohe massive Kellergeschosse und dementsprechend höher liegende Hauseingänge charakterisiert ist, sowie mit seinem reichen Zierfachwerk des 17. Jh. von hohem Zeugniswert für das gehobene Ackerbürgerliche Bauen.
der Ortenauer
Zweigeschossiges, giebelständiges Gebäude mit Satteldach; der hohe Kellersockel und die EG-Nordwand massiv, sonst in Fachwerkbauweise errichtet In seiner maximalen Ausnutzung des Zwickelgrundstücks zwischen Engelgasse und Mercy ´scher Hof sowie wegen seiner gut überlieferten Gebäudestruktur und -gestalt des frühen 18. Jh
Engelgasse 31 - Wohnhaus mit Stadtmauerrest

Zweigeschossiges, giebelständiges Gebäude mit Satteldach; der hohe Kellersockel und die EG-Nordwand massiv, sonst in Fachwerkbauweise errichtet; im Sockel rundbogiges Kellertor in Sandstein und weitere rundbogige Kellertüre unter schmaler steiler, einläufiger Sandsteintreppe, das zweite Fachwerkobergeschoss weit auskragend; die östliche Stirnseite einachsig mit je einem Fenstererker mit Zierfachwerk im Brüstungsfeld versehen; errichtet 1733 nach dem Stadtbrand von 1689, dabei bestehende Bruchsteinmuaer gegen den Mercy ´schen Hof integrierend, ab 1974 Wiederherstellung im Zuge der Altstadtsanierung.
In seiner maximalen Ausnutzung des Zwickelgrundstücks zwischen Engelgasse und Mercy ´scher Hof sowie wegen seiner gut überlieferten Gebäudestruktur und -gestalt des frühen 18. Jh. ist dieses Wohnhaus nicht nur aus städtebaulichen Gründen von Bedeutung sondern auch beispielhaft für das gehobene ackerbürgerliche Bauen abseits der zentralen Hauptwege Hauptstraße und Victor-Kretz-Straße.

Hermann Schilli über Gengenbacher Fachwerke arrowRight
der Ortenauer
Historische Ortsanalyse:

In einem langen Abschnitt dem südwestlichen inneren Stadtmauerverlauf folgender und unterhalb des Mercy´schen Hofes in Richtung Osten relativ scharf abknickender Straßenraum; der schmale, langgestreckte Verlauf bildet damit einen Ringschluss zwischen der Hauptstraße im Süden und der Victor-Kretz-Straße im Nordosten und ist dabei wiederholt über kleine Stichgassen an die Höllengasse angebunden. Das Gassenbild im mittleren Abschnitt in hohem Maße von nach dem großen Stadtbrand von 1689 wiederaufgebauten Fachwerkhäusern des späten 17. und frühen 18. Jh. geprägt, die fast durchgängig über weit vorkragende Obergeschosse sowie Kellerhälse und Eingänge mit Sandsteinstufen verfügen (die Gebäude Engelgasse 3 und 7 1984/85 neu errichtet). Der nordwestliche Abschnitt ist tlw. durch eine Mauer gegen den Mercy´schen Hof getrennt; hier liegt neben jüngeren Handwerkerhäusern und Scheunen u.a. die ehem. Klosterwirtschaft. Die Engelgasse mit ihrer geschlossenen, traufständigen Reihe von in Fachwerk errichteten Weinbauern- und Ackerbürgerhäusern hat hohen dokumentarischen Wert für den Wiederaufbau nach dem großen Stadtbrand und ist gleichzeitig ein Spiegel der historischen Sozialstruktur Gengenbachs


(Denkmalpflege BW - Historische Ortsanalyse Gesamtanlage Gengenbach, Ortenaukreis)


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Alte Kanzlei - auch Pfaff'sches Haus


Die alte Kanzlei - Dem großen und übersichtlichen Marktplatz westlich noch angrenzend liegt die Alte (Rats)Kanzlei - auch das Pfaff'sche Haus genann Victor-Kretz-Straße 11 - 13

Dem großen und übersichtlichen Marktplatz westlich noch angrenzend liegt die Alte (Rats)Kanzlei - auch das Pfaff'sche Haus genannt.

Die Kanzlei wendet ihre Giebelseite zum Marktplatz und präsentiert sich damit gegen die oft dachseitig angrenzenden Häuser am Marktplatz als Dominante. Die Jahrszahl 1699 auf dem Gesims am Torbogen lässt auf Mitwirken Franz Beers, einem Vorarlberger Baumeister, schließen. Beer hatte in dieser Zeit den Auftrag am klösterlichen Wiederaufbau mitzuwirken.

"... Eines der ersten wiedererstellten Gebäude, erbaut noch im 17. Jahrhundert, namentlich 1699. Ein vor allem deshalb interessantes Gebäu, weil es im Stile der Spätrenaissance ein seltenes Übergangswerk zum Barock. Noch der Renaissance verpflichtet findet man die Giebelstellung zur Straße, welche hier übrigens in schönem Kontrast zur sich im 18. Jahrhundert durchsetzenden Traufständigkeit (auch in Gengenbach). Der geschweifte Giebel selbst, durch Gesimse noch horizontalisiert und allgemein die Fensterrahmungen, die noch hinter die Putzebene zurücksinken — auch sie erzählen noch von der alten Zeit. Die Profilierung jener Rahmungen dagegen und vor allem das barock geschwungene Vordach weisen auf den Barock. In seiner Gesamtheit, also auch jenseits des bauhistorischen Wertes, gewinnt der weiße Putzbau einen trefflichen Eindruck, zumeist vielleicht ob seiner Herbheit, der man die rauen Tage des Wiederaufbaus — nüchtern, wenig Schmuck, aber mit bestem Willen — förmlich ansieht..."

(badischewanderungen.de - Siddhartha Manuel Finner, Dipl.Ing. Architektur)

Historische Ortsanalyse:

Dreigeschossiger und giebelständiger Bau mit Satteldach; über abgesetztem Kellersockel mit zwei rundbogigen Abgängen massiv errichtet und verputzt; die nach Osten ausgerichtete Hauptfassade dreiachsig und von Blendgiebel mit Voluten- und Pyramidenaufsatz und apokalyptischer Muttergottes bekrönt; die Fenster in den Hauptgeschossen durchgängig mit Dreiecksgiebelverdachungen versehen; das außermittig sitzende Eingangsportal (bez. 1699) über zweiläufige Außentreppe erschlossen und mit auf Säulen aufruhendem Kuppeldach versehen; im zweiten Obergeschoss zwei Wappensteine (u.a. Gengenbacher Adler) angebracht und im Inneren wandfeste historische Ausstattung erhalten; 1699 wohl unter Franz Beer (Architekt des Klosterneubaus) errichtet und nachträglich nur wenig verändert; die alte Kanzlei 1906 um das angrenzende Gebäude Nr. 13 erweitert: ein zweigeschossiger Fachwerkbau, der damals zu einem "Steinbau" mit Mansarddach umgestaltet wurde. Die Keller der beiden Gebäude sind baulich verbunden. Als ehem. Kanzleibau und repräsentativer Steinbau in zentraler städtebaulicher Lage ist das Gebäude von exemplarischer Bedeutung.

(Denkmalpflege BW - Historische Ortsanalyse Gesamtanlage Gengenbach, Ortenaukreis)


Oft hört man ja zur Arbeit staatlicher Denkmalbehörden nur heftiges Schimpfen. Doch wer schimpft in der Regel? Wohl oft genug sind dies "Bauherren", die ihre Interessen durchsetzen wollen und die Prämisse dürfte in aller Regel kommerzieller Art sein. Dass Dank der Arbeit von Denkmalpflegern selbst Rückbaumaßnahmen durchzusetzen sind, zeigt das nachfolgende Beispiel in welchem sich Joseph Schlippe (* 23. Juni 1885 in Darmstadt; † 28. Dezember 1970 in Freiburg im Breisgau - war ein deutscher Architekt, Stadtplaner und Baubeamter. Er war Oberbaudirektor der Stadt Freiburg im Breisgau) von der damaligen Freiburger Denkmalbehörde (RP Freiburg) durchsetzen konnte. "Zum Wohl des Stadtbildes" wurden die Schlagläden an der Kanzlei - dem Pfaff'schen Haus - entfernt und das ehemalige Hotel Adler, welches zur Gründerzeit Ende des 19ten Jahrhunderts der Victor-Kretz-Straße - was sicher nie im Sinne des Namensgebers dieser Straße gewesen wäre -  "aufgepfropft". Diese "Zuckergießerei" musste auf Initiative Schlippes rückgebaut werden. Nach dem Rückbau strahlt die Kanzlei wieder ihre alte Würde aus.

Haus Pfaff in Gegenbach. Einer der wenigen Fälle der "Beseitigung kulturloser Zustände" nach §48 des Badischen Gesetzes war die Bereinigung des gründerzeitliche Gasthofs "Schwarzer Adler" in Gengenbach. Eine kritische Betrachtung des ähnlichen Hauses Pfaff in Gengenbach bot Schlippe im Nachrichtenblatt 1961. Zu einem bereinigenden Umbau kam es jedoch nicht mehr.

Im Vollzugserlass zum Denkmalschutzgesetz wird eingeräumt, dass an solche gestaltenden Aufgaben der Denkmal pflege angesichts dringlicher Nöte zunächst wohl nicht zudenken sei. Außerhalb Freiburgs ist wohl auch kaum Gebrauch von den Umgestaltungsbestimmungen gemacht worden - mit einer Ausnahme: Am Hotel Zum Adler in Gengenbach wurde noch 1959/60 die "hässliche Neorenaissancefassade" ohne konservatorische Notwendigkeit zur Verbesserung des historischen Stadtbildes in einen angemessen schlichten Zustand gebracht.

Man fragt sich schon, wer diese "Ortskernverschandelung" in der Victor-Kretz-Staße zu verantworten hatte? Man kann nur dankbar sein, dass Joseph Schlippe die Denkmalschutzgesetz durchsetzen konnte - und die hässlichen Schlagläden an der Kanzlei wurden auch entfernt

Diese einschneidende Gesetzesbestimmung, dass in Zweifelsfällen die Denkmalschutzbehörde mit bindender Wirkung für Gerichte und Verwaltungsbehörden bestimmt, ob ein Gegenstand als Kulturdenkmal anzusehen ist, räumt dem Urteil der Fachleute bei der Denkmalbestimmung einen sehr hohen Rang ein.

Das wird auch in den Vollzugsbestimmungen betont, in denen es heißt: "Das Denkmalschutzgesetz gewährt den Denkmalschutzorganen auf seinem Anwendungsgebiet umfassende Vollmachten". Es heißt aber weiter: "Der Gesetzgeber hat diesen damit einen besonderen Vertrauensbeweis ausgestellt, der entsprechende Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten begründet." Wenige Sätze später heißt es: "Dem Sinn und Zweck der Denkmalschutzbestimmungen widerspricht jede schematische und rigorose Anwendung. Die im Gesetz vorgesehenen rechtlichen Handhaben sollen der staatlichen Denkmalpflege im Allgemeinen nur den rechtlichen Rückhalt für ihre Verhandlungen bieten. Zwang anzuwenden darf nur das äußerste Mittel sein, um Böswilligkeit und Unbelehrbarkeit als hindernde Kräfte auszuschalten. Die gesamte Tätigkeit der Denkmalpflegeorgane muss darauf abgestimmt sein, die Beteiligten von der Notwendigkeit der Denkmalpflege zu überzeugen und das, was geleistet werden muss, um den Denkmalbestand des Landes nach den Erfordernissen der allgemeinen Kulturpflege und des Dienstes an der Heimat zu erhalten, auf gütlichem Weg zu erreichen." (aus einer Jubiläusschrift zum 50-jährigen Bestehen der Denkmalpflege BW - Wolfgang E. Stopfel)


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Löwenbergsches Haus


Haus Loewenberg - Zweigeschossiges, traufständiges sowie dem Verlauf der Hauptstraße angepasstes und damit über Ecke stehendes Gebäude mit steilem Satteldach und stark profiliertem Traufgesims

Gengenbach - Hauptstraße 13

Historische Ortsanalyse:

Zweigeschossiges, traufständiges sowie dem Verlauf der Hauptstraße angepasstes und damit über Ecke stehendes Gebäude mit steilem Satteldach und stark profiliertem Traufgesims; massiv errichtet und verputzt; die Fassade regelmäßig durchfenstert und an Nordostecke durch Eckquaderung akzentuiert; die großformatigen, vierflügeligen Sprossenfenster mit markantem Kreuzstock und profilierten und geohrten Sandsteingewände versehen; an der südlichen Traufseite hohe rundbogige Tordurchfahrt mit profiliertem Gewände, hier im Scheitel bez. 1612, darüber großer in die Fassade eingelassener, farbig gefasster und vergoldeter Wappenstein der Freiherren von Löwenberg; im Inneren wandfeste historische Ausstattung (u.a. Treppen, Türen); im 18. Jahrhundert unter Einbeziehung älterer Gebäudeteile neu errichtet und nachträglich nur leicht verändert (u.a. Austausch Fenster), in jüngere Zeit Umbau zum Heimatmuseum und Herstellung eines modernen Rückgebäudes (Vorgänger 2005 abgebrochen). Wegen seiner historischen Sondernutzung als Adelssitz kommt diesem, prominent in unmittelbarer Nachbarschaft des Rathauses liegenden Gebäude exemplarische Bedeutung zu.

(Denkmalpflege BW - Historische Ortsanalyse Gesamtanlage Gengenbach, Ortenaukreis)

Museum Haus Löwenberg

Das Palais Löwenberg: Ein Patrizierhaus aus dem 18. Jh. Hier wohnte das angesehene Geschlecht der Bender. Bedeutende Persönlichkeiten kamen aus dieser Sippe. Viele Schultheißen der Stadt, ein Hofkaplan von Kaiser Josef I. und Fürstabt von St.Blasien. Der Bedeutenste war Columbanus v. Bender. Als Feldmarschall unter Josef II. brachte er es zu höchsten militärischen Ehren. Er wird heute noch als der Retter von Luxemburg gefeiert, wo er die Kasematten ausbaute und verteidigte. Das Löwenbergpalais ist heute Museum und war der letzte Wohnsitz des Ehrenbürgers, Schriftstellers und Heimatfreundes Otto Ernst Sutter. Heute bieten die Innenräume des stattlichen Patrizierhauses den reizvollen Rahmen für die mehrmals im Jahr stattfindenden Sonderausstellungen.

Öffnungszeiten

Dienstag bis Freitag 11:00 Uhr bis 17:00 Uhr
Sa., So. und Feiertage 13:00 bis 18:00 Uhr

Kontakt

Museum Haus Löwenberg
Hauptstraße 13 (Am Marktplatz)
77723 Gengenbach

telefon +49 (0)7803 / 930 141
telefon +49 (0)7803 / 930 143 (Tourist-Info)
email Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Eintrittspreise

blueCircle Erwachsene 5,00 Euro
blueCircle Kinder (bis 5 Jahre) frei
blueCircle Kinder (ab 6 Jahre)2,50 Euro
blueCircle Studenten 3,50 Euro
blueCircle Kurgäste (mit Gästekarte) 4,50 Euro
blueCircle Familien (max. 2 Groß-/Eltern + Kind/er ab 5 Jahre) 12,00 Euro
blueCircle Führung inkl. Eintritt pro Person 8,50 Euro
blueCircle Führung Schülergruppen pro Kind3,00 Euro - (zwei Begleitpersonen frei)

 


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Scheffelhaus


Scheffelhaus - Das Scheffelhaus in der Höllengasse 19 in Gengenbach wurde nach dem ehemaligen "Oberschaffner" (Klosterrezeptor) Magnus Scheffel bezeichnet

Gengenbach - Höllengasse 19

Das Scheffelhaus in der Höllengasse 19 in Gengenbach wurde nach dem ehemaligen "Oberschaffner" (Klosterrezeptor) Magnus Scheffel bezeichnet. Scheffel hatte unter anderm die Aufgabe: "...die Hand über den reichen Weingütern und Kellereien des alten reichsunmittelbaren, von der Reichsstadt Gengenbach umschirmten Benediktinerstifts..." (Johannes Proelß in Joseph Victor Scheffel - Biographische Einleitung) zu halten. Das Scheffelhaus erhielt den Namen nach seinem Besitzer, wie es eine Sandsteintafel belegt.

Wie Johannes Proelß weiter schreibt, hatte Magnus Scheffel seine Bestellung zum Oberschaffner vor allem seinem Humor zu verdanken:

Als in der großen sturmbewegten Zeit, die uns Deutschen das neue Reich schuf, Scheffel zum Lieblingsdichter der deutschen Jugend wurde und sein kraftfroher, echt süddeutscher Humor auch im deutschen Norden sich tausend und abertausend Herzen gewann, wußten nur wenige von dem innigen Zusammenhang, den später die biographische Forschung zwischen den Vorfahren des Dichters und seinen Werken festgestellt hat. Aber schon in meiner grundlegenden Scheffel-Biographie "Scheffels Leben und Dichten" (1887) habe ich eingehend nachweisen können, wie die wunderbare poetische Anschauungskraft Scheffels für die deutsche Kulturwelt früherer Zeiten ein geistiges Erbe aus der Anschauungswelt seiner eignen Ahnen war.

Am 16. Februar 1826 kam Joseph Victor Scheffel in Karlsruhe, der Haupt- und Residenzstadt des Großherzogtums Baden, zur Welt. Er war der älteste Sohn des Regierungsingenieurs Jakob Scheffel, welcher der badischen Wasser- und Straßenbaudirektion als Oberbaurat und dem badischen Geniekorps als Hauptmann à la suite angehörte. Mit seiner jungen Frau Josephine, geborenen Krederer, bewohnte er damals den zweiten Stock des dreistöckigen Wohnhauses Steinstraße Nr. 25. Gebürtig waren aber beide Eltern aus dem südlichen Schwarzwald, der Vater vom alemannischen Westrand, die Mutter vom schwäbischen Ostrand, und des Sohnes Ahnenbewußtsein lernte früh als seine Heimat im weiteren Sinne das ganze historisch so bedeutsame, landschaftlich so schöne Gebiet zwischen der jungen Donau, dem jungen Rhein und dem unteren Neckar betrachten, das sich dann in seinen Hauptwerken so farbenfrisch und anmutend spiegeln sollte.

Schon als Knabe ist das Karlsruher Stadtkind an der Hand seines Vaters durch die Gänge, Hallen und ehemaligen Schulraume der säkularisierten Benediktinerabtei Gengenbach im Kinzigtal geschritten, in der sein Urgroßoheim, Prälat Jakob Trautwein, der vorletzte Abt gewesen war, während sein Großvater Magnus Scheffel als Oberschaffner (Klosterrezeptor) die Hand über den reichen Weingütern und Kellereien des alten reichsunmittelbaren, von der Reichsstadt Gengenbach umschirmten Benediktinerstifts hatte. Der Name Magnus wies auf den heiligen Magnus zurück, dessen Gebeine in der Stiftskirche zu Füssen am Lech, dem alten Hochsitz der Augsburger Bischöfe, ruhen, und vom Lechfeld bei Augsburg, wo Otto der Große die wilden Ungarn schlug und Herzog Burkhard II. von Schwaben die tapfere Seele aushauchte, stammte Magnus Scheffel. Von ihm hatte Scheffels Vater einige Zeit nach Begründung des eignen Herds in Karlsruhe neben mancherlei altertümlichem Hausrat auch manch ein Stückfaß alten guten Gengenbacher und Ortenberger Weines geerbt, und er wußte von ihm auch manchen hübschen Charakterzug zu erzählen, der von einem, uns Heutige echt "Scheffelisch" anmutenden urwüchsig-schlagfertigen Humor zeugt. Als die Stelle des Oberschaffners im Stift neu besetzt werden sollte, hatte Prälat Jakob den Sohn seiner Schwester Veronika, die an den Landwirt Joseph Scheffel in Langen-Erringen im Lechfeld verheiratet war, nach Gengenbach kommen lassen, damit er sich neben den fremden Anwärtern um die Stelle bewerbe. Wer die Wahl hatte der Fürstbischof von Speyer, der aus Bruchsal im Stift erschien, zu entscheiden. Der Bischof und der Abt waren joviale Herren und den Freuden der Tafel in keiner Weise abhold. So wurde denn ein feines Mahl veranstaltet, an welchem auf besondere Einladung auch sämtliche Bewerber um die betreffende Stelle teilnahmen. Einem guten Witz bei diesem Mahle hatte Magnus Scheffel es zu danken, daß er zum Oberstiftsschaffner gewählt ward. Ein Aufwärter hatte beim Servieren des Fischs das Mißgeschick, die violette Soutane des Fürstbischofs mit der Sauce zu übergießen, was peinliche Verlegenheit schuf. Da rief hellauflachend Magnus Scheffel: "Ich hab doch mein Lebtag schon viel Schönes anrichten sehen, aber noch nie einen Reichsprälaten in einer Forellensauce!" Der Bischof stimmte in das Lachen ein. "Er ist ein origineller Kauz," gab er zurück. "Er soll Oberstiftsschaffner sein!" Wie Magnus Scheffel es aber auch verstanden hat, das so gewonnene Vertrauen zu rechtfertigen, ist durch das Schreiben bestätigt, in dem bei der Säkularisierung des Stiftes im Jahre 1803 der Landvogt v. Roggenbach dem Markgrafen Karl Friedrich von Baden den Oberstiftsschaffner Scheffel zu weiterer Verwendung empfahl. Der seit 1788 mit Johanna Läuble verheiratete, nunmehrige badische "Amtskeller" behielt denn auch seine Stellung, bis er 1809 pensioniert wurde. Doch blieb er in Gengenbach wohnen bis zu seinem 1832 erfolgenden Tod. Seine Frau war schon im Jahre der Geburt ihres Enkels gestorben. Der einzige Sohn des Paares, des Dichters Vater, war am 29. Juni 1789 in Gengenbach zur Welt gekommen; neben Jakob wuchs noch eine Schwester, die zwei Jahre jüngere Genovefa Scheffel, heran. Diese wurde die Frau des Apothekers Zimmermann in Gengenbach, mit dessen zweiter Tochter Johanna sich 1829 der Apotheker Karl Heim aus der badischen Stadt Renchen verheiratete, der bald danach im nahen Zell am Harmersbach eine eigne Apotheke auftat.

Magnus Scheffel, Oberschaffner des Gengenbacher Klosters und Stadtarzt in Gengenbach arrowRight

 

Historische Ortsanalyse:

Zweigeschossiges, giebelständiges Gebäude mit Satteldach; über Kellersockel aus Bruchstein in Fachwerkbauweise errichtet; die Schaufassade durch breite profilierte Schwellen und Schmuckfachwerk (u.a. geschwungenen Andreas- und Fünferkreuzen) in den Brüstungsfeldern akzentuiert; der giebelseitige Hauseingang mit Oberlicht über Sandsteintreppe mit Wangen und profiliertem Handlauf erschlossen; daneben rundbogiger Kellerabgang zum kreuzgratgewölbten Keller mit Mittelstütze; errichtet 1689 (lt. Feuerversicherungsakten) und nachträglich nur leicht verändert (u.a. Austausch Fenster). In dem Gebäude lebte Magnus Scheffel, Großvater des Dichters Viktor von Scheffel und letzter Kellermeister der Reichsabtei Gengenbach.

Als Bestandteil des einst von Wohngebäuden weltlicher Klosterbediensteter sowie von klösterlichen Sonderbauten (Klosterwirtschaft Engelgasse 18) geprägten nordöstlichen Abschnitts der Höllengasse ist die vormalige Oberschaffnerei (Kellerei) mit markantem Kellerportal und repräsentativer Fachwerkfassade von exemplarischem Wert.

(Denkmalpflege BW - Historische Ortsanalyse Gesamtanlage Gengenbach, Ortenaukreis)

 


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Alte Post


Die alte Post - In der Folge konnte sich die Kaiserliche Reichspost im Konkurrenzkampf gegen die Landespostanstalten behaupten.

Gengenbach - Hauptstraße 28

Im Verlauf des 16. Jahrhunderts wurde die Taxis-Dynastie mit der Beförderung der kaiserlichen Kurierpost im Heiligen Römischen Reich, in den Burgundischen Niederlanden, später Spanischen Niederlanden, Spanien und Burgund betraut. 1595 wurde Leonhard I. von Taxis Generalpostmeister des Reichs. Seit dem Jahr 1615 wurde das Amt unter Lamoral von Taxis erblich. Im Jahre 1650 durfte sich das Haus Taxis mit kaiserlicher Genehmigung in Thurn und Taxis umbenennen. In der Folge konnte sich die Kaiserliche Reichspost im Konkurrenzkampf gegen die Landespostanstalten behaupten. (wikipedia)

Eine der vielen Poststationen der Turn und Taxis stand auch in Gengenbach - heute "Alte Post".


Historische Ortsanalyse:

Zweigeschossiges, giebelständiges Gebäude mit Satteldach; über hohem, massivem Keller- und Erdgeschoss in Fachwerk aufgeführt; das Fachwerk schlicht und weitgehend konstruktiv; an der Giebelseite nur leicht, an der zur Engelgasse ausgerichteten Traufseite jedoch stark vorkragend und hier mit einem überdachten Laubengang versehen; die Giebelschwelle zwischen den Balkenköpfen korbbogig ausgeschnitten; traufseitig Erschließung über eine doppelläufige Sandsteintreppe sowie Rundbogenportal aus Sandstein; im Inneren historische Holztreppe erhalten; errichtet 1674 und v.a. im Erdgeschossbereich nachträglich überformt. Ebenfalls Kulturdenkmal ist die rückwärtige Ökonomie, die der bis 1866 hier eingerichteten Poststation wohl als Pferdestall diente. Das noch vor dem großen Stadtbrand erbaute Gebäude dokumentiert auch wegen der insgesamt gut überlieferten Gebäudegestalt und -struktur sowie in der Komplettierung durch das ehem. Ökonomiegebäude das ackerbürgerliche Bauen in zentraler städtebaulicher Lage. Gleichzeitig belegt dieses Gebäude eindrücklich die beengten räumlichen Gegebenheiten, wie sie eben für eine ummauerte Altstadt ganz typisch sind.

(Denkmalpflege BW - Historische Ortsanalyse Gesamtanlage Gengenbach, Ortenaukreis)

 


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Kauf- und Kornhaus (ehem. Synagoge)


Im Kauf- und Kornhaus, einem Haus mit großem Renaissanceportal (das Renaissanceportal wurde nach dem Stadtbrand 1689 dem "Neubau" wieder eingegliedert) wurde dereinst der Zehnt nach Einsammlung gelagert

Gengenbach - Hauptstraße 17

Im Kauf- und Kornhaus, einem Haus mit großem Renaissanceportal (das Renaissanceportal wurde nach dem Stadtbrand 1689 dem "Neubau" wieder eingegliedert) wurde dereinst der Zehnt nach Einsammlung gelagert. In späteren Jahren wurde Bereiche des Hauses der jüdischen Gemeinde für Gebetsstunden zur Verfügung gestellt.

Von 1903 bis 1934 hatte die Filialgemeinde im zweiten Stock des alten Kaufhauses am Marktplatz (heute städtisches Verkehrsamt) einen Saal für ihre Gottesdienste (Betsaal) gemietet. Der Saal wurde auf Kosten der Gemeindeglieder zu diesem Zweck eingerichtet. Die Stadt stellte den Saal unentgeltlich zur Verfügung. Auf Grund der geringen Zahl der Gemeindeglieder konnte zwar nicht regelmäßig an jedem Schabbat Gottesdienste gefeiert werden, aber mindestens an den jüdischen Feiertagen kam die Gemeinde zusammen. Zu den Gottesdiensten war immer wieder der Offenburger Rabbiner anwesend.

Während des 1. Weltkrieges (ab 1915) konnte der Betsaal über vier Jahre nicht benutzt werden. Am 10. Mai 1919 beschloss der städtische Gemeinderat, der Israelitischen Gemeinde den Betsaal wieder zur Verfügung zu stellen. Im seinem Dankesschreiben an das Bürgermeisteramt vom 15. Juli 1919 wies der Israelitische Gemeindevorstand freilich darauf hin, dass der besagte Saal "während des Krieges schwer mitgenommen worden (sei), so dass derselbe zu dem bestimmten Zwecke nicht benützt werden kann. Die Mitglieder der jüdischen Filialgemeinde haben den Saal vor Jahren aus privaten Mitteln in Stand setzen lassen und wurde derselbe vor etwa vier (Jahren) in tadelloser Verfassung abgetreten. Da die Isr. Filiale keinerlei Mittel besitzt, richten wir die Bitte an Sie, den Saal wieder so herstellen zu lassen, dass derselbe der Würde des Zwecks entspricht". Vermutlich hat die Stadt den Betsaal daraufhin renovieren lassen; jedenfalls konnten alsbald wieder Gottesdienste gefeiert werden. (alemannia-judaica.de)

Historische Ortsanalyse:

Zweigeschossiges, traufständiges Gebäude mit Mansardgiebeldach (z.T. mit Gaupen mit Ochsenaugenfenstern); massiv errichtet und verputzt; die Fassade symmetrisch gegliedert mit repräsentativem, mittig liegendem Hauptportal aus Sandstein und Wappendarstellung im Blendgiebel, darin bez. 1696; seitlich davon zwei übergiebelte Kellereingänge liegend, die restliche Fassade vierachsig in Form von großen vierflügeligen Sprossenfenstern mit geohrten Sandsteingewänden gegliedert; im 17. Jahrhundert über älterem Kern errichtet und im 18. Jahrhundert umgebaut.Das Gebäude beherbergte im Obergeschoss von 1903 bis 1934 die örtliche Synagoge.Als ehem. Kauf- und Kornhaus sowie als Standort der ehemaligen Synagoge kommt dem Gebäude hoher Zeugniswert für die Stadtgeschichte zu. Mit seiner qualitätvollen und v.a. repräsentativen barocken Fassadengestalt ist es zudem ein Dokument für das öffentliche Bauen in zentraler städtebaulicher Lage.

(Denkmalpflege BW - Historische Ortsanalyse Gesamtanlage Gengenbach, Ortenaukreis)

 


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Klostergarten und Prälatenturm


Der Prälatenturm im Klostergarten von Gengenbach kann eigentlich nur nach Absprache besucht werden. Er ist in den Resten der noch erhaltenen Stadtmauer integriert und ein Ort der Ruhe

Gengenbach - Klosterstraße 14-18

Der Prälatenturm im Klostergarten von Gengenbach kann eigentlich nur nach Absprache besucht werden. Er ist in den Resten der noch erhaltenen Stadtmauer integriert und ein Ort der Ruhe, welchen sich der Abt Benedikt Rischer um 1750 "genehmigte". Ortenaukultur schreibt dazu: "...Rischer hatte großes Verständnis für die Repräsentation und den Lebensstil seiner Zeit..." und wohl nicht zuletzt aus diesem Grund wurde der Turm nach seinem Umbau im Volksmund zum "Prälatenturm" (prälatenhaft = stolz, pompös bis überheblich).

Besucher*innen, die nach Absprache in den Prälatenturm gelangen können, fühlen sich im Eingang, wie in einer Grotte.

An den Wänden sind Steine aus der Kinzig eingesetzt. Oben im Studier- und Leseraum findet sich eine alte Karte zum Nachweis des ehemaligen klösterlichen Waldbesitzes.

Diese hat Benedikt Rischer in ruhigen Stunden wohl voller Besitzstolz des öfteren studiert.

Aus einer alten Beschreibung von Max Wingenroth (DIE KUNSTDENKMÄLERDES KREISES OFFENBURG - 1908) lesen wir zu Prälatenturm und die den Turm umgebenden Stadtmauer:

"Am besten erhalten ist die östliche Mauer in dem Prälatengarten, mit einem ähnlichen Rondell wie der Schwedenturm, dem später zu einem Gartenhaus umgebauten Prälatenturm. In ihrem südlicheren Teil zeigt sie in 1,80—2 m Höhe einen Mauerabsatz, der als Wehrgang diente und 0,70 m breit ist. In 1,10 m Höhe darüber, also in normaler Brusthöhe, war die Mauer durch später zugemauerte, 1 m breite Öffnungen unterbrochen, die also bequemen Schuß gestatteten (s. Fig. 193, wo die spätere Fülmauer der Öffnungen weggelassen ist).

Am besten erhalten ist die östliche Mauer in dem Prälatengarten, mit einem ähnlichen Rondell wie der Schwedenturm, dem später zu einem Gartenhaus umgebauten PrälatenturmDiesen Wehrgang haben wir uns durch ein Dachauf Holzstützen gedeckt zu denken. Anders die Vorrichtung zum gleichen Zwecke im nördlicheren Teil dieser Mauer. Hier sind ihr kräftige Pfeiler vorgelegt, über denen wohl Bogen gewölbt waren, die den hölzernen Wehrgang trugen.

Der Prälatenturm, ein nach innen offenes Mauerrondell, aus dem gleichen Bruchsteinwerk wie die Mauer, mit einem Zeltdach gedeckt, ist im 18. Jh. durch das Einbrechen geradsturziger Fenster, durch Einziehen von Zwischendecken und einer Abschlußmauer nach innen zu einem Gartenhaus umgeändert worden.

Er war 1643 unterminiert und ruiniert worden. In seinem Erdgeschoß noch drei viereckige Schießscharten aus den Zeiten seiner ursprünglichen Bestimmung. Hier ein grottenartiger Bewurf mit kleinen Steinchen, am Plafond in Stuck das Auge Gottes.

Im nächsten Stockwerk eine Ausmalung mit Landschaften, das zweite Geschoß zeigt ebenfalls eine Kinziglandschaft, das dritte ist mit einem schmiedeeisernen Balkon versehen, dessen Monogramm auf Abt Benedikt Rischer (1743 bis 1763) als denjenigen hinweist, der aus dem alten Festungswerk dies lauschige Plätzchen geschaffen. In einer Nische neben seinem Erdgeschoß, wo die oben zitierte Inschrift, Reste einer mittelalterlichen Wandbemalung mit Rankenwerk." (ebenda 354/55)


Zur Renovierung nach einem Wassereinbruch im Prälatenturm 1993 berichtet Gerold Glatz in "die Ortenau" 2002 über die Restaurierungsarbeiten von Lucia Grün:

Prälatenturm in Gengenbach - ein wieder entstandenes Kleinod

Nach dem ersten Überblick wurde klar, welche große verantwortungsvolle Arbeit anstand. Es sollte aber noch schlimmer kommenBei der Erweiterung der Stadtbefestigung 1384 (Mauerinschrift neben dem Turm) wurde ein Verteidigungsrondell eingebaut. Im 30-jährigen Krieg zerstörten die Schweden 1643 diese Anlage. Der Reichsabt Benedikt Rischer (1743-1763) hat dieses Rondell von seinem Vater Johann Jakob Rischer, der Zimmermann und Baumeister war und unter dem bekannten Baumeister Franz Beer den barocken Wiederaufbau des Klosters und der Kirche mitgestaltet hat, wieder errichten lassen. Es sollte ein Sommersitz werden, wobei die Anlage mit einem 4. Stockwerk etwa um 1750 als Turm gestaltet wurde. Der kunstinteressierte Abt hatte die Innengestaltung im damaligen Barock ausmalen lassen. Die Fresken sind in dem beliebten italienischen Stil gestaltet worden, doch haben wir über den Maler keinerlei Anhaltspunkte.

Der angetroffene Zustand

Nach dem Tod des Abtes war keine Nutzung des Turmes mehr festzustellen. Viele Jahrzehnte schlummerte der Turm vor sich hin und war dem Verfall preisgegeben. Verschiedene Jugendgruppen und die NSDAP waren in den Räumen heimisch geworden. Die Renovierungen befassten sich hauptsächlich mit dem Dach. Zuletzt als Landstreicherunterkunft verkam der Turm mit seiner wertvollen Inneneinrichtung immer mehr. Die Lamperien wurden als Feuerholz verwendet, die Gemälde wurden verschmiert und beschädigt. Der hohe Wert dieses Turmes wurde 1993 wieder entdeckt und bei einer Begehung durch die Stadt Gengenbach, dem Eigentümer, die kath. Kirche und der Bürgerlichen Fördergemeinschaft zur Erhaltung historischer Baudenkmäler Folgendes beschlossen: Der Turm mit seiner wertvollen Inneneinrichtung und seiner Geschichte muss erhalten bleiben. Die Renovierung wurde der Bürgerlichen Fördergemeinschaft e.V. übertragen.

Bestandsaufnahme

Nun galt es zuerst eine fachlich fundierte Bestandsaufnahme durchzuführen. Sie wurde an die handwerkliche Restauratorin Lucia Grün vergeben. Nach dem ersten Überblick wurde klar, welche große verantwortungsvolle Arbeit anstand. Es sollte aber noch schlimmer kommen, denn nach dem Beginn unter dem Vorsitzenden Julius Roschach 1995 zeigte sich, dass alle Balken an den Auflagen gefault waren. Es war unumgänglich, sämtliche Balken zuerst zu ersetzen, damit die Restauration überhaupt einen Sinn hat. Eine neue Kostenrechnung musste aufgestellt werden, bevor mit den weiteren Arbeiten begonnen werden konnte. Nach einem Vorstandswechsel begann Gerold Glatz mit der Innenrestaurierung, die 1997 begonnen wurde.

Die künstlerische Restaurierung

Es war ein glücklicher Zufall, dass zu dieser Zeit sich ein Gengenbacher Restaurator, Bernhard Wink, der nach seinen Lehr- und Wanderjahren in Deutschland und Italien, sich in seiner Heimatstadt selbständig machen wollte und wir auf ihn aufmerksam gemacht wurden. Nach einem Gespräch, an dem er seine Vorstellungen über die Restaurierung darlegte, wurde ihm die Arbeit am ganzen Turm übertragen. Mit fachlich fundiertem Feingefühl wurde die Arbeit angegangen. Oberster Grundsatz war immer, Restaurieren und nicht neu gestalten. Nach dem Säubern der Bilder zeigten sich noch einige Schönheiten, die von unkundiger Hand übertüncht waren. Es war sehr schwer, den Bildern wieder den alten Glanz und die Spannung zu verleihen, die sie einmal hatten. Restaurator Wink hat es meisterhaft verstanden, dem Prälatenturm seine ehemalige barocke Ausstrahlung wiederzugeben.

Die handwerksbezogene Restaurierung

Viele Dinge verlangten neben dem Restaurator die Kunst der Handwerker. Hier hat die alte Handwerkerstadt Gengenbach gezeigt, dass sie dieses Prädikat zu Recht führt. Es war eine Freude mitzuerleben, wie die Handwerker zu ihrem fachlichen Können noch die geistige Mitarbeit aus Liebe zu diesem Projekt eingebracht haben. Die ererbte Tradition hat unter Beweis gestellt, dass auch in der heutigen Zeit noch eine barocke Arbeit machbar ist.

Schlüsselübergabe

Am 5. August 2001 konnte nach 6-jähriger Bauzeit an den Hausherrn, Stadtpfarrer Udo Hildenbrand, der Schlüssel des renovierten Turmes übergeben werden. Zu der Finanzierung sei gesagt, der Bürgerliche Förderverein zur Erhaltung historischer Denkmäler hat für dieses Objekt einen Betrag von DM 321 557,70 ausgegeben, der sich aus Zuschüssen des Landesdenkmalamtes, der Denkmalstiftung, der Stadt Gengenbach, der kath. Pfarrgemeinde und vielen Spenden aus Vereinen und privat zusammensetzt. Die Spendensumme allein betrug DM 192 557,70, die zeigt, wie die Bürger hinter dieser Restaurierung standen. 

Gerold Glatz - Die Ortenau: Zeitschrift des Historischen Vereins für Mittelbaden - 2002 / 357 ff.


Rückzugsort des Abtes - Prälatenturm Kloster Gengenbach - STADTANZEIGER:Guller - Eingestellt von: Christina Großheim aus Offenburg (24. Oktober 2018)

Gengenbach (gro). Nur an besonderen Tagen oder wenn ein Termin vereinbart wurde, ist der Prälatenturm in Gengenbach für die Öffentlichkeit zugänglich. Er liegt ein wenig versteckt, als Element der Stadtmauer hinter der Kirche mitten in der Stadt. Winfried Lederer, Mitglied im Bildungswerk der Seelsorgeeinheiten, gewährt einen Blick in das Gengenbacher Kleinod.

Dass der Turm neugierig macht, zeigt sich bei dem Rundgang: Kaum ist die Türe geöffnet, betreten die ersten Neugierigen das ehemalige Refugium, das sich Abt Benedikt Rischer im 18. Jahrhundert schuf.

"Ursprünglich war der Prälatenturm ein Element der Stadt- und Klosterbefestigung", verrät Lederer. "Abt Rischer hat ihn zu einem Kleinod umgebaut." Der ehemalige Wehrturm wurde aufgestockt, so dass er heute vier Stockwerke umfasst. "Der Eingang ist wie eine Grotte angelegt, im Erdgeschoss befindet sich eine Kapelle", so Lederer. Die Wände sind mit Steinen aus der Kinzig und Kobalderz bestückt. An der Decke befindet sich das "Auge Gottes", die älteste Darstellung der Dreifaltigkeit.

Über eine schmale Treppe geht es nach oben. Die Wände im ersten Obergeschoss wurden mit naiv anmutenden Landschaftsgemälden ausgestaltet. "Der Künstler ist nicht bekannt", erklärt Winfried Lederer. "Es wird vermutet, dass er aus dem Kloster Gengenbach stammte." Es sind Szenen aus dem täglichen Leben der Mönche, die hier wiedergegeben sind. Die Landschaften stammen aus der Region. Auch das Wappen des Abtes findet sich hier. "Der geflügelte Hirsch bezieht sich auf eine Bibelstelle", erläutert Lederer die Symbolik. "Mitra und Krummstab sind die Insignien des Abtes, genauso wie die Buchstabenkombination."

Einen Treppenaufgang weiter nach oben betritt der Besucher einen Studier- und Leseraum. Hier lagert ein ganz besonderer Schatz: Eine alte Karte, die den ehemaligen Waldbesitz des Klosters zeigt. "Diese Karte diente in der Vergangenheit als Besitznachweis", sagt Lederer.

Ein prächtiger Empfangsraum erwartet die Besucher im dritten und letzten Obergeschoss. Die Decke ist als Himmel gestaltet, "weil man dem Himmel hier näher war", so Lederer. Der Blick aus den Fenstern geht in die ehemalige Klosteranlage: "Abt Rischer hat hier auch Gäste empfangen."
Nachdem das Kloster 1807 im Zuge der Säkularisierung aufgelöst wurde, geriet der Prälatenturm in Vergessenheit und verfiel mehr und mehr. In den 1970er-Jahren wurde auf Initiative des Historischen Vereins und des damaligen Pfarrers ein Förderverein gegründet, der mit Erfolg Spenden für die gelungene Restaurierung des Gebäudes sammelte.

Historische Ortsanalyse:

In dem in jüngerer Zeit mit zwei Neubauten überbauten, nördlichen denkmalgeschützten Teil des alten Klostergartens findet sich als bauliche Besonderheit der sog. Prälatenturm, ein Rondellturm der Stadtbefestigung, der im 18. Jahrhundert zum Gartenhaus umgebaut wurde und im Inneren eine grottenartige Ausgestaltung zeigt. Entlang der östlichen Stadtmauer erstreckt sich ein weitläufiger Garten bis auf Höhe Benedikt-von-Nursia-Straße. Bis zur östlichen Fortführung dieser Straße (sie bestand in Teilen schon vor 1803 als interne Erschließung) über den östlichen Stadtmauerzug hinaus, war dieser Garten von einem regelmäßigen Wegenetz durchzogen und reichte im Süden bis an die südöstliche Stadtmauer heran

(Denkmalpflege BW - Historische Ortsanalyse Gesamtanlage Gengenbach, Ortenaukreis)

 


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Kloster Gengenbach


Das Kloster besaß im hohen und späten Mittelalter ein Skriptorium und eine Buchbinderei, das berühmte Gengenbacher Evangeliar stammt aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Frühneuzeitlich ist die Gengenbacher Lateinschule

Gengenbach - Klosterstraße 14-18

Das Kloster Gengenbach ist eine ehemalige Benediktinerabtei in der freien Reichsstadt Gengenbach im heutigen Ortenaukreis im Bundesland Baden-Württemberg. Das Kloster besaß im hohen und späten Mittelalter ein Skriptorium und eine Buchbinderei, das berühmte Gengenbacher Evangeliar stammt aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Frühneuzeitlich ist die Gengenbacher Lateinschule.

Die Klosterkirche, die ab 1120 errichtet wurde, orientierte sich an der Hirsauer Bauschule: eine dreischiffige Basilika mit Querhaus, einem Haupt- und je zwei Nebenchören und -konchen. Der Chorraum wurde 1398/1415 gotisch umgebaut, ein Westturm kam im späten Mittelalter hinzu, 1690/1722 wurde die Kirche barock umgebaut und instand gesetzt, 1892/1906 unter dem Freiburger Architekten Max Meckel neuromanisch umgestaltet. Der Prospekt der Orgel wurde (wie auch der Hauptaltar) von Max Meckel entworfen und von Schwarz in Überlingen in Zusammenarbeit mit dem Freiburger Bildhauer Joseph Dettlinger gefertigt. Die Orgel gilt als „zweitgrößte Romantikorgel Badens“.

Die Stellung als Reichsabtei ab 1334 verdankte das spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Gengenbacher Kloster der Schirmvogtei der deutschen Herrscher, die ein wichtiger Bestandteil der Ortenauer Reichslandvogtei, eingerichtet unter König Rudolf von Habsburg (1273–1291), gewesen war. Doch blieb die Reichslandvogtei zumeist (bis 1551/56) an angrenzende Landesherren verpfändet. Zuvor waren die Herzöge von Zähringen Gengenbacher Klostervögte gewesen, dann (1218) die staufischen Könige, schließlich (1245) die Straßburger Bischöfe.

Im Umfeld der Mönchsgemeinschaft formte sich im hohen Mittelalter der Klosterort Gengenbach zur Stadt (opidum; 1231) aus. Unter Abt Lamprecht von Brunn (1354–1374), dem Kanzler Kaiser Karls IV. (1347–1378), wurde Gengenbach Reichsstadt (1360), wobei der Reichsschultheiß vom Klosteroberen zu ernennen war. Abt Lambert, der auch Bischof von Brixen (1363–1364), Speyer (1364–1371), Straßburg (1371–1374) und Bamberg (1374–1399) war, reorganisierte die Wirtschaftsverhältnisse der Abtei, setzte sich gegen die benachbarten Herren von Geroldseck durch und führte in der Stadt die Zunftverfassung ein. (wikipedia)


Historische Ortsanalyse:

Der die östliche Hälfte der Gesamtanlage einnehmende ehemalige Klos-terbezirk wurde mit Aufhebung des Klosters im Jahr 1807 Teil der „Bürgerstadt“. In der Folge zogen neue Nutzungen in die Bestandsgebäude ein, wie beispielsweise das Pfarrhaus, das sich im vormaligen Abteibau befindet, oder auch die Hochschule Offenburg, die 1978 hier eine Außenstelle betreibt. Die Abteikirche (Klosterstraße 18) wurde nicht profaniert, sie besitzt in Nachfolge der westlich vor der Altstadt liegenden Leutkirche seit 1807 vielmehr den Status einer katholischen Stadtpfarrkirche (St. Maria), womit ihr mehr denn je eine Mittelpunktsfunktion für die Stadt Gengenbach zukommt. Der im Kern romanische Kirchenbau entfaltet seine stadträumliche Wirkung vor allem durch den im frühen 18. Jahrhundert umgebauten bzw. neu gestalteten Glockenturm. Auf quadratischem Grundriss stehend, überragt er das basilikale Langhaus um zwei Turmgeschosse. Bis auf wenige Wandflächen verputzt, dominiert roter Buntsandstein seine äußere Gestalt, neben Eckpilastern und stark profilierten, ausladenden Geschossgesimsen. Die enorme Höhenentwicklung (und damit Fernwirkung) ergibt sich auch durch die besondere Gestaltung des obersten Turmgeschosses, das gerahmt von vier Eckvasen in Form eines schlanken, polygonalen Aufsatzes ausgeführt ist, den eine zierliche Welsche Haube mit schlankem Laternenaufsatz bekrönt. Der Turm selbst fungiert als bauliches Bindeglied zum ehemaligen, dreiflügeligen Konventbau (vgl. Bestandsplan von 1803), der sich heute als Zweiflügelanlage nach Süden hin anschließt (Klosterstraße 14 und 16, Benedikt-von-Nursia-Str. 1). Ab 1694 unter Franz Beer errichtet, besticht der schlichte, jedoch durch seine schiere Größe stadtbildprägende dreigeschossige Putzbau mit additiver Fensterreihung auch durch seine drei hohen geschweiften Blendgiebel mit Voluten- und Obeliskenaufsätzen.

Zwei dieser Blendgiebel bekrönen den Hauptbau; dieser liegt im Westen und damit gegenüber dem alten (und einzigen) Durchlass zur Stadt. Im siebenachsigen Mitteltrakt dieses Westbaus befindet sich auch das reich gestaltete Hauptportal samt Abtswappen. Der Vorplatz, über den man wiederum zur Pfarrkirche gelangt, wird nach Westen durch eine äußere Por-talanlage mit geschweiften Wangen und genuteten Sandsteinpfeilern mit Vasenaufsätzen gegen die Klosterstraße begrenzt. Quer über den Vorplatz verläuft außerdem ein zum Teil abgedeckter Wassergraben, der über die Klosterstraße hinweg mittels einer von Wandpfeilern und Mittelstützen ge-tragenen Holzrinne (1970 err.) zur alten Klostermühle geführt wird. Der im Norden von der Haigerach abgeleitete Wasserlauf sammelt sich auf Höhe Kirche in zwei großen, sandsteinernen Becken.

(Denkmalpflege BW - Historische Ortsanalyse Gesamtanlage Gengenbach, Ortenaukreis)

Müller, Dr. Wolfgang (Hrsg.): Die Klöster der Ortenau - 58 / 1978
End, Reinhard: Das Benediktinerkloster in Gengenbach, Seite 215 - 242 ebenda


Geschichte der Abtei

Besitzrechte des Klosters Gengenbach. Karte, entworfen von Dr. Leopold Hitzfeld in "Gengenbach 1975" S. 41 Im Jahre 1975 gedachte man in Gengenbach der 1250jährigen Wiederkehr der Gründung der ehemaligen Reichsabtei. Der Schluß liegt nahe: das Benediktinerkloster wurde demnach im Jahre 725 gegründet. Doch das angenommene Gründungsjahr entsprach eher den Wünschen der heute Feiernden als der exakt belegbaren Quellenlage. So weiß man über die Frühzeit von Gengenbach wenig, ebenso wie über die anderen Klöster der Ortenau sichere Zeugnisse der Anfangszeit fehlen. Gerade darum, Hansmartin Schwarzmaier macht es in seinen Abhandlungen deutlich, ist quellenkritisch das sich anbietende Material zu sondieren. Mit den Namen Pirmin und Ruthard scheint die Gründung des Klosters in engem Zusammenhang zu stehen. Die im Kloster Hornbach (Pfalz) Ende des 9. Jahrhunderts, fast 150 Jahre nach dem Tod Pirmins, geschriebene Pirminsvita erwähnt, daß Pirmin nach seiner Vertreibung von der Reichenau zahlreiche Klöster gegründet habe, darunter Schuttern, Gengenbach und Schwarzach. Die Person des fränkischen "Herzogs Ruthard" wird in Gengenbach durch eine Eintragung in einem Gengenbacher Kalender des 12. Jahrhunderts, also noch weiter von den mutmaßlichen Anfängen zurückliegend, ins Spiel gebracht. Hier findet sich unter den Namen und Todesjahren der Gengenbacher Äbte am 28. Januar: "Ruthardus dux qui fundavit Genginbach". Somit ist ersichtlich, daß man im 12. Jahrhundert in Gengenbach, als man wohl "auf der Höhe einer geistig und kulturell leistungskräftigen Abtei stand" den dux Ruthard als Klostergründer beanspruchte. Jenen Ruthard, der zu den fränkischen Machthabern zählt, "die aus dem elsässischen Gebiet heraus Besitz und Herrschaftsrechte im rechtsrheinischen Gebiet erworben haben".

Eine zentrale Rolle für eine historisch belegbare Aussage über die Frühzeit des Klosters spielen die Mönchslisten in den karolingischen Gedenkbüchern von Reichenau und St. Gallen. Obwohl ihr ursprünglicher Sinn im liturgischen Bereich lag, sind sie doch die "frühesten und einzigen originalen Zeugnisse" über die Frühzeit der Ortenauklöster, mithin auch des Klosters in Gengenbach. Nach der Analyse von Schwarzmaier ergeben diese Listen für Gengenbach um das Jahr 820 eine Zahl von 70 Mönchen, unter der Leitung zweier Äbte. Im Jahr 826 waren es 99 Mönche und ein Abt, und mit dieser enormen Steigerung innerhalb kürzester Zeit erhob sich Gengenbach zum größten Kloster in der Ortenau. "Man darf vermuten, daß Gengenbach damals, bald nach 820, Reichskloster geworden ist und daß auch das Anwachsen des Konvents damit im Zusammenhang steht". Somit ist für das Gengenbacher Kloster im 9. Jahrhundert eine frühe - in späteren Zeiten jedoch nie mehr erreichte Blütezeit festzustellen. Weder im Zuge der Reorganisation und Reformierung im 12. Jahrhundert, noch mit den Bemühungen zur Zeit des Barock sollte dieser hohe Stand nochmals erreicht werden. Der Wandel vom Fränkischen Missionszentrum zur karolingischen Reichsabtei war um diese Zeit vollzogen, dem zusätzlichen Auftrag, als politischer und wirtschaftlicher Faktor bei der Ausübung der Herrschaft im alemannischen Raum Unterstützung zu geben, ist das Kloster zu dieser Zeit vollauf gerecht geworden.

Die Abtei im Hochmittelalter

Für das Hochmittelalter zeichnen sich mit dem Wirken der Zähringer in der Ortenau neue Aufgaben ab, wie H. Schwarzmaier in seiner Untersuchung aufzeigt Neben der Reichsabtei Schuttern gehörte Gengenbach seit der Übertragung durch Heinrich II. im Jahr 1007 zur Ausstattung des Bistums Bamberg. Dies führte zu deutlich erkennbaren engen Beziehungen zwischen Schuttern, Gengenbach und dem bambergischen Kloster Michelsberg im Zuge reformerischer Bestrebungen, die auch zur Sanierung des arg herabgekommenen Klosters Gengenbach beitragen sollten. Ein Beleg für die schwierigen Zustände des Klosters einerseits und die engen Verbindungen zu Bamberg andererseits, ist eine Gengenbacher Handschrift aus dem 12. Jahrhundert. Diese Chronik Bernolds berichtet für das Jahr 1075 vom Tod des aus Bamberg kommenden Abts Rupertus, der in der handgreiflichen Auseinandersetzung mit Ministerialen den Tod fand. Ebenso kam der für kurze Zeit in Gengenbach wirkende Nachfolger Willo aus Bamberg und kehrte nach Bamberg zurück, da er in Gengenbach als Parteigänger des Kaisers exkommuniziert und ausgestoßen wurde. Sein Nachfolger Hugo, konnte sich schließlich erst durchsetzen, als er die tatkräftige Unterstützung des Zähringerherzogs Bertold erhielt.

Der reformerische Eifer dürfte in Gengenbach nicht übertrieben stark ausgeprägt gewesen sein, obwohl um das Jahr 1117 Mönche und später Abt Friedrich aus St. Georgen nach Gengenbach kamen und auch Einflüsse aus St. Blasien sichtbar wurden. Insgesamt wird man sich das Leben "im 10. und beginnenden 11. Jahrhundert nicht primitiv genug vorstellen können, die Gebäude aus der Gründungszeit und der darauffolgenden karolingischen Blüteperiode zerfallen, die Wirtschaft verkommen, die Zahl der Mönche klein, das geistige Leben minimal". Heute noch sichtbare Zeichen reformerischer Bestrebungen und aufblühender religiös-kultureller Tätigkeit tauchen indes erst im 12. Jhr. auf, etwa in der Gestalt der den Hirsauer Reformgedanken verpflichteten Abteikirche oder des "Gengenbacher Evangeliars". Die Reform, folgert Schwarzmaier, hatte in keinem der Ortenauer Klöster Tiefe und eigenes Profil; vielmehr wurde sie als eine Zeitströmung aufgefaßt, dessen wirtschaftliche und rechtliche Seite stärker beachtet wurden als ihr eigentliches religiöses Ziel. Die Wirkung dieses "traditionsverhafteten Bildes" im 11. und 12 Jhr. ist in größerem Zusammenhang mit der Herrschaft der Zähringer zu sehen, "die ihren Schwerpunkt naturgemäß auf das für sie wichtige Gengenbach verlegten, das durch die Kinzigtalstraße mit dem 999 privilegierten zähringischen Markt in Villingen verbunden war". Dies machte ein Anwachsen der Personenzahl wie des territorialen Gebiets im Schwarzwald, bis ins innerschwäbische Gebiet, deutlich. Gengenbach zeichnete sich also aus als:

"An Bamberg orientiert, von St. Georgen aus reformiert und mit einer an St. Georgen angeglichenen Ordnung versehen. Aber seine Vogteiverhältnisse blieben diejenigen eines alten Reichsklosters, und die Zähringer hatten in diesem Sinne in Gengenbach einen recht gesicherten Stützpunkt. Dies heißt natürlich nicht, daß die Zähringer, die zu den Protagonisten der Reformbewegung in Schwaben gehörten, sich hier einer andernorts geförderten Entwicklung verschlossen hätten. Aber sie haben offenbar die altertümlichen Strukturen im Umkreis alter Königsklöster zur Befestigung ihrer Herrschaft genutzt".

Nach der Ära der Zähringer wurden in der Zeit von 1218 bis 1245 die Staufer Schirmherren des Darstellung aus dem "Gengenbacher Evangeliar", 12. Jh.: Christi HimmelfahrtKlosters, schließlich die Bischöfe von Straßburg. Durch Rudolf von Habsburgs Bemühung wurde die Schirmvogtei über Gengenbach zu einem "intergrierten Bestandteil der Reichslandvogtei Mortenau (später Ortenau)", wobei diese allerdings des öfteren an angrenzende Territorialherren verpfändet wurde. Das Entstehen des umfangreichen Klosterterritoriums ist im einzelnen nicht exakt belegbar. Sicher kann mit Hitzfeld davon ausgegangen werden, daß die erste Rodungsstufe in Klosternähe ansetzte, mit der Siedlung Oberdorf als Ausgangspunkt für die Bezirke Heidinger, Reichenbach, Ohlsbach, Beiern, Fußbach (vor 1139). Unterentersbach war der Ausgangspunkt im mittleren Kinzigtal für die folgenden Bezirke: Zell a. H., Nordrach, Grebern, Biberach, Bruch, Erzbach, Isensprant, Oberentersbach, Steinach, Stöcken, Weiler, Fischerbach, Berghaupten.

Nach anfänglicher Drei-Felder-Wirtschaft wurde später die Zwei-Felder-Wirtschaft mit Stallbetrieb angewandt. Als zweite Rodungsstufe ging man an die Erschließung der hinteren Talbereiche, in der Form der Hofwirtschaft. Dies waren unter anderem Reichenbach-Schwärzenbach, Reichenbach-Mittelbach, Reichenbach-Sondersbach, Haigerach, Schwaibach, Dantersbach, Schönberg, Wingerbach und die Rebhofbezirke Abtsberg und Bermersbach; außerdem das Moos- und Mühlsteinterritorium. Auch in der Rheinebene dehnte man sich aus mit den Dinghofbezirken Kinzigdorf, Offenburg, Bohlsbach, Griesheim, Dattenweiler, Weierbach, Heimburg-Sendelbach, Linx, Unzhurst, Ufhofen, Elgersweier, Zuns-weier, Rütti, Ichenheim, Dundenheim, Altenheim, Nieder- und Oberschopfheim, Rugerswiler-Friesenheim, Kürzell, Höfen, Reichenbach im Schuttertal, Kippenheim und Tutschfelden. Im Jahre 1139 sind im Neckargebiet Kurienhöfe des Klosters Gengenbach erkennbar, mit einem Schaffneihof in Oberndorf a. N. und einer Unterschaffnei in Rottweil a. N. - Das Kloster wurde somit zum entscheidenden Wirtschaftsunternehmen, das seine Schwerpunkte naturgemäß in der landwirtschaftlichen Nutzung hatte, wobei der Weinbau, zunächst aus dem Elsaß kommend, gerade in seiner heutigen Bedeutung für die Ortenau, deutlich macht, wie die Impulse mönchischen Schaffens bis in die Gegenwart Wirkung zeigen. Darüberhinaus lag die Ausbeutung des Silbers im Bergbau nahe, Handwerk und Handel ergaben sich als Konsequenz der Siedlungs- und Wirtschaftstätigkeit sowie der günstigen geographischen Lage am Ausgangspunkt des Kinzigtals. Es wäre jedoch falsch, die wirtschaftlichen Aktivitäten des Klosters losgelöst von den verwaltungsmäßigen, rechtlichen und religiösen Aufgaben zu sehen.

"Als Grundherr rodete das Kloster durch seine Untertanen, versuchte den Ackerbau und intensivierte die Siedlung und damit auch die kirchlich-religiöse Versorgung der Bewohner. Zum Hof stellte man eine Kapelle, in diese gründete man eine Kaplanei oder machte sie sofort zum Mittelpunkt einer Pfarrei. Als Grundherr einer Pfarrei hatte der Abt Anspruch auf den Zehnten und das Patronat (Schutz und Unterhaltung des Kirchenbaus; Einsetzung des Geistlichen). Benötigte man mehr als diese Rechte und Einnahmen aus einer Pfarrei, so konnte man sich diese aus verschiedensten Gründen inkorporieren lassen. Damit besaß man dann sowohl die ganze Pfarrpfründe als auch sämtliche Einnahmen".

Als Grundherr übte der Gengenbacher Abt niedere Gerichtsbarkeit aus, für die Stadt Gengenbach war er "Wahrer der hohen Gerichtsbarkeit", die er von einem Vogt wahrnehmen ließ.

Stadt und Kloster Gengenbach

Kloster und weltliche Gemeinde sind von Anfang an aufs engste miteinander verknüpft. Wenn auch über Datum und Urheber der Stadtgründung lediglich Vermutungen bestehen, so ist doch klar ersichtlich, daß das Kloster - in der Folge der von ihm betriebenen Aufgaben - entscheidenden Anteil hat am Entstehen und Wachsen der Stadtgemeinde, die um 1230 erstmals als Stadt erwähnt wird. Daß indessen das Jahr 1360 mit der Aufwertung Gengenbachs zur "Freien Reichsstadt" einen Höhepunkt klösterlichen und städtischen Zusammenwirkens darstellt - verbunden mit der Person des "bedeutendsten Abtes von Gengenbach" - Lambert von Burn -, ist nach den neuesten Untersuchungen E. Hillenbrands anzuzweifeln. Hierzu ist es zunächst notwendig, näher auf die Person Lamberts von Burn einzugehen und deren historisch belegbare Aktivität für das Kloster und die Stadt Gengenbach nach den unterschiedlichen Befunden von Hitzfeld und Hillenbrand gegenüberzustellen.

Lambert von Burn stammte aus einem unterelsässischen Geschlecht. Lebensstationen führten ihn über die Gengenbacher Klosterschule in das Kloster Neuweiler bei Buchsheim als Novize und Mönch und von dort, nach dem Tod des Abtes Bertold IV. im Jahre 1354, nach Gengenbach als dessen Nachfolger. Hier offenbarte sich, so Hitzfeld, "nicht nur Lamberts einmalige Begabung als Gelehrter, sondern ebenso sein Geschick als gewandter und einfallsreicher Verwalter der sehr umfänglichen Abteiherrschaft sowie als gedankenvoller Steuermann durch die gefahrenschwangere politische Zeit in der Mitte des 14. Jahrhunderts". Zusätzliche Aufgaben kamen rasch auf Lambert von Burn zu als Hofkaplan des Bischofs Johann II. von Straßburg und durch Aufträge des Papstes mit "besonderen Sendungen". Die Stufenleiter seiner beruflichen Entwicklung führte ihn 1361 zu der Aufgabe als Bischof von Brixen, der Übertragung des Bistums Speyer, dann des Bistums Straßburg (1371) und schließlich zur Ernennung als Fürstbischof von Bamberg am 29.4.374. Daneben ist von besonderer Bedeutung, daß er "als oft herangezogener Berater und Helfer Karls IV." wirkte, was ihn, so Hitzfeld, in die Lage versetzt hat, eine wohlwollende Behandlung seiner Anliegen zu erreichen. Als Besonderheit ist weiter zu verzeichnen, daß Lambert residierender Bischof von Speyer, später von Straßburg, und zugleich Abt von Gengenbach war. In dieser zwanzigjährigen Zeit seiner Abtstätigkeit in Gengenbach ist nach den Erkenntnissen Hitzfelds eine "kluge und entschlossene Hand" in wirtschaftlichen Dingen festzustellen, die finanzielle Erleichterungen vor allen Dingen durch Inkorporierung der Patronatspfarreien brachte; ebenso habe Lamberts Fürsorge der Vertiefung des religiösen Lebens in Gengenbach und Umgebung gegolten, etwa durch die Anregung, eine Frauenklause in Gengenbach wieder neu einzurichten und schließlich erfahren wir zu seiner Zeit "die ersten sicheren Nachrichten über den Elementarunterricht in Gengenbach", indem er im Jahre 1355 den Meister Johannes Bletz "zum Adler" als neuen Schulmeister von Gengenbach bestellte.

In verfassungsrechtlichen Belangen führte Lambert um 1359 den sogenannten Neuen oder Jungen Rat als Organ der Zünfte neben dem Alten oder Zwölferrat ein und beteiligte somit die Zünfte an der Stadtverwaltung. Als größte Tat des Abts Lambert von Burn für Gengenbach und als ein "im Reich einmaliger Vorgang" sieht Hitzfeld freilich die Maßnahme, die "abteiliche Stadt aus dem Schutz und Schirm der Abtei (zu) entlassen". Darauf bat er den Kaiser, den Gengenbacher Bürgern ihre städtischen Rechte und ihre Güter zu bestätigen, wofür er bisher ja nicht zuständig war, sowie die Stellung der Stadt gegenüber den Pfandherren dadurch zu klären, daß er ihr die vollständige und uneingeschränkte Gerichtshoheit verleihe und sie als kaiserliche Stadt in den Schirm des Reiches aufnehme. Zur Vervollständigung dieser neuen Rechtsetzung mußte Lambert der Stadt noch ein für die selbstständige Existenz ausreichendes Reichsstadtgebiet zuerteilen durch die Abtretung aus seinem eigenen Gebiet. Alles dafür Erforderliche tat der Kaiser der Reihe nach und mit den abschließenden Urkunden vom 29.12.1365 und vom 5.1.1366. Darin bestätigte er der Stadt das bisherige Stadtrecht, nahm sie dann an sich und ans Reich. Von da an war Gengenbach nicht mehr eine Stadt der Abtei wie bisher, sondern "eine Stadt des Kaisers und des Reiches" ("unsere und des Reiches Stadt").

Während also Hitzfeld zum Befund eines äußerst positiven Verhältnisses zwischen Abt Lambert von Burn und der (Reichs-)Stadt Gengenbach kommt und hervorhebt, daß Lambert die Stärkung der Position des "Alten Rats" veranlaßt habe, kommt Hillenbrand nach Analyse des ihm zur Verfügung stehenden Quellenmaterials zu dem Schluß, daß diese Position gerade nicht gestärkt worden sei, wohl sogar auf Betreiben eben dieses Abtes Lambert von Burn. Es sei also im Gegensatz zum bisherigen Bild des "bürgerfreundlichen Abtes Lambert" eine Reihe restriktiver Maßnahmen zu erkennen, die den politischen Entscheidungsraum der Stadt eingeengt und noch auf Jahrzehnte hinaus bestimmt habe. Wenn also schon zu Zeiten Lambert von Burns das Verhältnis zwischen Stadt und Kloster nicht so freundschaftlich gewesen sein mag, wie bisher angenommen, so kann für die Folgezeit, insbesondere für das 15. und 16. Jahrhundert mit Sicherheit von sehr angespannten Beziehungen ausgegangen werden. Peter Bläsi nennt als Hauptursache für die an reichhaltigem Quellenmaterial ablesbaren Streitigkeiten die rechtlichen und wirtschaftlichen Verpflichtungen und Abhängigkeiten der (drei Reichsstädte Gengenbach, Offenburg, Zell) Städte gegenüber dem Kloster. Besonders in Gengenbach, wo auf engstem Raum innerhalb der Wehranlage die beiden "Partner" unter dem Zwang des Miteinander-Auskommen-Müssens standen, macht sich dies im späten Mittelalter bemerkbar, als sich die Reichsstadt Gengenbach selbstbewußt um mehr Rechte und wirtschaftliche wie politische Macht bemühte und dabei meist sehr schnell auf drastischen Widerspruch des Klosters stieß.

Bläsi nennt in Zusammenfassung der Literatur drei wesentliche Hauptpunkte zum Streit:

Mit zum wertvollsten noch erhaltenen Bestandteil der Kirche gehört die anfangs des 16. Jahrhunderts von Abt Konrad von Mülnheim in der Ecke - Das Heilige Grab, ca. 15001.: Das alleinige Ernennungsrecht des Abtes für das Amt des Reichsschultheißen, der als Lehensmann des Abtes wie als höherer städtischer Beamter dieses Spannungsverhältnis gleichsam in sich selbst vereinigte.

2.: Die wirtschaftliche Nutzung, etwa der Fischerei, der Wälder, die "rücksichtslose Eintreibung von Abgaben".

3.: Die Wahrnehmung des Benutzungsrechts der städtischen Pfarrei St. Martin, die Eigenkirche des Klosters war. In der Regel waren hier Weltgeistliche tätig, die nicht selten in gespanntem Verhältnis zum Kloster standen, nicht zuletzt aufgrund finanzieller Abhängigkeit des Pfarrherrn vom Kloster.

Diese geschilderten Tatbestände sollten sich in der Phase vor und während der Reformation als zusätzlich erschwerende Faktoren erweisen, in einer Zeit, die generell geprägt war "von einer erhöhten geistigen und religiösen Regsamkeit, von intensivem Kunstschaffen, aber auch von großen Mißständen im kirchlichen Leben, einer wachsenden Ungeduld des spätmittelalterlichen Menschen gegenüber der notwendigen, jedoch ausbleibenden Kirchenreform und von theologisch-dogmatischer Unklarheit".

Auch das Gengenbacher Kloster schloß sich der Tendenz an, zu einem "Spital des Adels" zu werden

Seit 1398 lag der Klosterbeschluß vor, nur noch Adelige aufzunehmen, im Jahre 1461 wurde dies im Klosterstatut festgelegt. Der Beitritt in die Bursfelder Kongregation im Jahre 1463, die den geistig-religiösen und moralischen Zerfallserscheinungen der Benediktinerklöster Einhalt gebieten wollte, stand für Gengenbach, so Krebs "nur auf dem Papier". Auch wenn man mit Bläsi einschränkt, daß Baumgartens Schilderung der Gengenbacher Klosterzucht "wohl zu negativ und auch zu pauschal gesehen ist, so wird man doch zugeben müssen, daß die Klosterinsassen sich weit entfernt hatten von mönchischen Idealen. Wenn die Mönche sich vor der Mühe der Seelsorge drückten und die dem Kloster unterstellten Pfarreien der Gegend mit Vikaren besetzten, die ihren Dienst gegen geringe Entlohnung mehr schlecht als recht ausübten, während der größte Teil der Einkünfte aus den Klosterpfarreien in die Klosterkasse floß, damit die Mönche ein angenehmes, sorgenfreies Leben führen konnten, dann ist dies in höchstem Maße bedenklich. Wenn Adelssöhne deswegen in den Konvent eintraten, weil sie sich damit Pfründe und Lebensunterhalt sicherten, ohne sich jedoch kaum ernsthaft um den eigentlichen Anspruch des geistlichen Amtes zu kümmern, wie dies in Gengenbach der Fall war, ist es nur verständlich, daß Bürger oder Obrigkeit eigene Initiativen ergriffen, um diesen Mißständen wenigstens die Spitze zu nehmen".

Das Kloster zur Zeit der Reformation

Das Übergreifen der neuen Lehre auf die Landvogtei Ortenau und auf Gengenbach wurde entscheidend durch die entsprechenden Tendenzen im nahen, und für die Geschichte der Ortenau so wichtigen, Straßburg veranlaßt. Hier bestanden neben wichtigen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Beziehungen sehr enge Verbindungen auf kirchlichem Gebiet, augenfällig seit 1344, als Teil der Diözese "Archidiakonat ultra rhenum". Seit dem Jahre 1351, zur Zeit Kaiser Karls IV., war die damalige Reichspfandschaft im Besitz des Straßburger Hochstifts, wenn auch später eine Hälfte der Pfandschaft in pfälzischen Besitz und später in den Besitz der Grafen von Fürstenberg kam. Durch das frühzeitige und intensive Auftreten des reformatorischen Gedankenguts in Straßburg (am 31. Okt. 1517 Anschlag von Luthers Thesen an Straßburger Kirchentüren kam es durch die Ausstrahlung Straßburgs in Gengenbach zu einer recht frühzeitigen Berührung mit der Reformation, wenn auch die Anfänge der reformatorischen Bewegung in Gengenbach "ziemlich im Dunkeln" bleiben. Das bereits geschilderte Spannungsfeld zwischen Stadt und Kloster sollte hierzu sicher ein fördernder Faktor sein, die Person des Landvogtes Graf Wilhelm von Fürstenberg ist ein anderer, die politisch-soziale Umbruchbewegung im ganzen Land ein dritter und die ebenfalls angedeuteten desolaten wirtschaftlichen, moralischen und religiösen Verhältnisse im Kloster selbst, sind ein vierter Grund. Konkrete Hinweise auf reformatorische Strömungen in Gengenbach sind aus einem Streit im Jahre 1525 zwischen Kloster und Stadt ersichtlich, bei dem es um die Verlegung der Pfarrkirche St. Martin in die Stadt ging und um Fragen der Besetzung und des Unterhalts für die Pfarrei. Im Zuge dieser Auseinandersetzung stellte die Abtei den Pfarrer der Stadtpfarrei als Schädiger und Verfolger des Klosters dar. Schon zuvor war die Amtsführung des Leutpriesters Servitoris Anlaß zu Unstimmigkeiten und Streitigkeiten zwischen Kloster und Stadt.

Somit lag also ein wichtiger Keim zur Veränderung der kirchlichreligiösen Verhältnisse in der Ausschnitt aus einem Passionsteppich aus Klosterbesitz (17. Jh.), Museum Haus Löwenberg, Gengenbachunglücklichen Konstellation kirchlicher Einrichtungen in Gengenbach selbst. Das Kloster geriet deutlich in die Defensive. Am 8.12.1526 richtete der Konvent einen Beschwerdebrief an Bischof Wilhelm von Straßburg. Die Vorwürfe beziehen sich vor allem auf eine Ablehnung bzw. veränderte Interpretation der bisherigen Auffassung der Sakramente. Der Rechtfertigungsbrief von "Schultheiß, Meister und Rat zu Gengenbach" betont die Kompetenz von landesherrlicher und städtischer Obrigkeit, sich um Religions- und Glaubenssachen zu kümmern. Der Leutpriester Conrad Servitoris, ursprünglich dem Kloster unterstellt, stand nun unter der Obrigkeit des Rates. Ein weiteres Zeichen für positive Resonanz auf die neue Lehre ist die Tatsache, daß im Jahre 1529 die Stadt 39 evangelisch gewordene Bewohner aus Rottweil aufzunehmen bereit war und schließlich bekannten sich die Abgesandten der Stadt, gemeinsam mit Straßburg und Offenburg auf dem Augsburger Reichstag 1530 zur Reformation. "Das Kloster gab in all den Jahren kein gutes Bild von sich ab". Der Personalstand war bei einem Minimum angekommen, und der von 1531 bis 1540 amtierende Abt Melchior Horneck von Hornberg geriet in die Abhängigkeit des Land vogts Graf Wilhelm. Aus einem undatierten Zettel ist zu ersehen, daß Abt Horneck und sein Prior Keppenbach gezwungenermaßen der Verlegung von Predigt und Gottesdienst von der Pfarrkirche in die Klosterkirche zustimmen und die Prädikanten mitversorgen mußten. Es wurde also im Kloster sogar die neue Lehre gepredigt. Gravierend ist die Einrichtung einer protestantischen Schule im Jahre 1536 unter der Leitung des evangelischen Theologen Matthias Erb aus Ettlingen. Obwohl das Kloster das verbriefte Recht besaß, eine Schule unterhalten zu dürfen, war schon im 15. Jahrhundert ein Niedergang zu verzeichnen, weil die Abtei einen "gemieteten Schulmeister anstellte, der im Kloster wohnte und vom Schulgeld der Stadtkinder lebte". Nachdem der Versuch der Stadt Ende des 15. Jahrhunderts gescheitert war, eine eigene Schule zu errichten, kam es 1534 "unter Einfluß Graf Wilhelms von Fürstenberg" zu einem Vertrag, der der Stadt entscheidenden Einfluß auf diesem wichtigen Gebiet zukommen ließ und im Jahre 1536 konsequenterweise zur Anstellung des Mathias Erb führte.

Freilich, dieser Erfolg der Stadt war nur von kurzer Dauer; um das Jahr 1550 hatte in diesem Punkt das Kloster bereits wieder seine ursprünglichen Rechte erlangt.
Doch zunächst, in den 30er und 40er Jahren, ist die Blütezeit reformerischen Wirkens und städtischer Machtausdehnung festzustellen. Dies findet in der Festlegung einer protestantischen Kirchenordnung im Jahr 1538 seinen deutlichen Ausdruck. Eine wesentliche Hilfestellung bei der Stärkung der Stadt und der Schwächung des Klosters ist sicherlich dem Landvogt Graf Wilhelm von Fürstenberg zuzuschreiben. Wie Graf Wilhelm von Fürstenberg als Person als Herrschergestalt sehr unterschiedlich bewertet wird, ist auch seine Rolle als Landvogt der Ortenau sehr unterschiedlich festgestellt und bewertet worden. Unbestritten ist, daß der Schirmvogt der Abtei Gengenbach versuchte, sich am Kloster "persönlich zu bereichern". Bei allem Übel, stets auf der Hut vor Besitzansprüchen und Bereicherungen des Grafen sein zu müssen, war es für die Abtei doch noch bedrohlicher, als am 25. Februar 1525 versucht wurde, mit einem Vertrag zwischen Landvogt, Reichsstadt Gengenbach und Abtei das Kloster zu säkularisieren, was schließlich am Einspruch des Reichsregiments in Esslingen scheiterte. Doch die Querelen gingen weiter und ein neuer Ansatzpunkt zur Schwächung des Klosters ergab sich nach dem Tode des Abtes Philipp von Eselsberg im Jahre 1531. Wilhelm von Fürstenberg besetzte das Kloster und erzwang die Wahl des Melchior Horneck von Hornberg zum Abt. "In Melchior hatte der Kastvogt ein gefügiges Werkzeug, um die alten Säkularisationspläne von 1525 wieder hervorzuholen. Der sittenlose und verschwenderische Abt, der bald ganz in die Abhängigkeit des Grafen gelangte, brachte das Kloster in erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten". Diesen gewichtigen Einfluß erlangte der Landvogt um so leichter, als das Kloster in jener Zeit personell total unterbesetzt war und in keiner Weise seinen angestammten Aufgaben gerecht werden konnte. Wilhelm von Fürstenberg zielte mit seiner Taktik regelrecht auf ein "Aussterben-Lassen" des Klosters, was ihm auf leichtem Weg die Übernahme ermöglicht hätte.

1540 bestand das Kloster in der Tat nur noch aus dem Prior Friedrich von Keppenbach, der auch von Wilhelm unter Druck gesetzt wurde. Doch setzten sich schließlich der Straßburger Bischof, der Bamberger Bischof, als oberster Lehensherr des Klosters und sogar König Ferdinand ein, um den unrechtmäßigen Einfluß des Landvogts zu beseitigen. Bläsi kommt zum Schluß:

"Der Kampf des Grafen Wilhelm von Fürstenberg gegen das Kloster Gengenbach läßt neben seinem offensichtlichen Streben, sich am Klostervermögen zu bereichern und aus Klostermitteln seinen nicht bescheidenen Lebenswandel teilweise zu finanzieren, auch die allgemeine Zeitströmung erkennen, als Territorialherr immer mehr in kirchliche Belange einzugreifen und seine landesherrlichen Kompetenzen auch auf geistliche Gebiete auszudehnen".

Mit dem Ende der Ära des "wilden" Grafen Wilhelm im Jahre 1547, als er seinen Besitz seinem katholisch gebliebenen Bruder Friedrich übergab, und mit der Durchführung des Augsburger Interims, zeichneten sich auch für das Kloster in Gengenbach wieder bessere Perspektiven ab. In der Reichsstadt setzte sich die alte Lehre vor allem durch das Wirken des neuen Pfarrers von St. Martin, Cornelius Eselsberger, wieder durch; er kümmerte sich auch um die Wiedereinrichtung der Klosterschule. "Das Kloster kam nach dem Interim auch langsam wieder zu Kräften. Durch große Sparsamkeit erreichte Abt Friedrich von Keppenbach einen wirtschaftlichen Aufschwung. Aber auch in geistlich-religiöser Hinsicht machte das Kloster Fortschritte. Es wurden jetzt nicht mehr nur Adelige, sondern auch wieder Bürgersöhne in den Konvent aufgenommen. Die Zahl der Mönche nahm zu, die nun im Dienste der Gegenreformation die umliegenden Pfarreien seelsorgerlich wieder betreuen konnten".

Die Zeit nach der Reformation

Die Übernahme der Landvogtei durch Erzherzog Ferdinand von Vorderösterreich im Jahre 1551/56 sorgte endgültig für die Festigung der katholischen Positionen. Für das Kloster setzte nun eine Phase des Bemühens um innere Reformen ein. Unter Abt Georg Breuning (1605-1617), aus Mauersmünster kommend, wurde 1607 der Anschluß an die Bursfelder Kongregation versucht, die jedoch vom Straßburger Bischof Erzherzog Leopold vereitelt wurde. Im 17. Jahrhundert erlebte das Kloster - wie die Stadt - äußerste Bedrohungen und Zerstörungen großen Ausmaßes. So 1643, als die Truppen Bernhards von Weimar in Gengenbach einbrachen und im Jahr 1689, als am 8. Sept. von französischen Truppen Stadt und Kloster in Brand gesteckt wurden. Der Pfarrer der Leutkirche, Pater Feinlein berichtet von der Schlußphase der Besetzung:

"... anbei war von dem Feind befohlen, daß männiglich sich in die Klosterkirche begebe. Worauf die Franzosen hereinmaschirt und genommen, was ihnen gefallen. Morgen darauf um 6 Uhr, als die Leut aus der Kirch und Stadt mit den Soldaten herausgezogen waren, haben sie alle Gebäu sammt dem Kloster und der Kirchen völlig abgebrannt, daß nit ein einziges Häusle in der Stadt stehen geblieben. Auch sogar die Pfarrkirch außer der Stadt ist zerstört worden. Die Häuser aber in den Vorstädten und Oberdorf sind stehengeblieben. Die Leut aus der Kirche haben sie mit sich nacher Offenburg geschleppt, endlich allda laufen lassen. In der Stadt haben einige Herren zuvor das Beste geflehnet, andere aber haben zuwohl getrawt und Alles verloren. In dem Kloster sind die Scheuren mit Garben und die Keller, mit vielem Wein angefüllt, völlig zugrund gegangen neben sehr vielen Mobilien, absonderlich die extraordinari schöne und kostbare große Orgel. Das Glück war noch, daß man die Glocken, die Kanzlei und die Biblothek salviert hat. Der Schaden, so das Gotteshaus durch diesen Brand erlitten, wird, laut dem schwäbischen Kreis eingereichter Spezifikation, über 100 000 fl. geschätzt".

Wieder hatte das Kloster Aufbauarbeit zu leisten und es nahm sie recht aufwendig vor. Dennoch, trotz anschaulicher Schilderungen häufiger Mißwirtschaft und dem Versagen von hohen klösterlichen Beamten oder gar einzelner Äbte, insgesamt kam es im 18. Jahrhundert zu einer Zeit "wirtschaftlicher Konsolidierung und geistiger Regsamkeit". Auf wirtschaftlichem Sektor gehört zu den Leistungen des Klosters eine mit allerhand Unternehmungsgeist betriebene Glashütte, sowie einer Blaufarbenfabrik im Moosgebiet, die allerdings nach einem Brand Ende des 18. Jahrhunderts wieder aufgehoben wurden und heute nur noch dem Eingeweihten sparsame Spuren übriggebliebenen Glasflusses in der Nähe des damaligen Standortes zeigen. Von der Klosterschule sind in jener Zeit - eher als Ausnahme -angemessene Leistungen zu berichten, wobei die Person des dort lehrenden Pater Cölestin Quintenz hervorzuheben ist, "der die Brückenwaage und Dezimalwaage einführte".

Die Auflösung der Abtei

Ehe das Ende einer über 1000jährigen benediktinischen Klostertradition in Gengenbach mit dem Jahr 1803 anzuzeigen ist, soll noch einmal eine Schilderung des Gengenbacher Klosterlebens um das Jahr 1780, also in den letzten Jahren der Existenz des Klosters, versuchen, einen Eindruck zu vermitteln. Aus "Bernoulli's Sammlung kurzer Reisebeschreibungen", Berlin 1782, ist zu entnehmen:

"Das Kloster Gengenbach aber ist ein schönes Gebäude von drey Stockwerken. Ringsum stehen viele Keller, und Wohnungen für alle Handwerker. Die Klausur oder das Konvent ist, wie gewöhnlich, hinten und im mittleren Stock ist die Abtey oder der Hof des Reichsprälaten. Der jetzige Abt ist ein alter ehrwürdiger und gelehrter Mann. Sein Charakter ist Leutseligkeit, und muntre Freundlichkeit. Ich muß ihm nachrühemen, daß ich viel Gnade in seinem Kloster genossen habe. Er studiert noch immer sehr fleißig, lebt sehr mäßig und ordentlich, macht für sich wenig Aufwand und hält seine Religiösen streng in der Ordnung. Die Geistlichen, die bekanntermaaßen zum Benediktinerorden gehören, sind zugleich alle Pfarrer in der Stadt, und in den dazugehörenden Thälern. Denn in der Stadt selber sind sonst keine Geistliche, und einige Oerter die noch in geistlichen Angelegenheiten vom Kloster bedient werden, sind zwo Stunden entfernt. Für die Stadt wohnt immer Ein Geistlicher außerhalb den Klostermauren, aber doch noch im Gebiet des Klosters, dieser heißt deswegen der Reichspfarrer. Die übrigen Geschäfte auf dem Lande werden dem P. Prior angezeigt, und dieser steckt jedem Religiösen Abends auf eine Tafel die Arbeit auf, die er verrichten soll ... Die Patres verstehen fast alle Musik, und spielen bym Hochamt selber die Orgel und die Violin".

Diese Schilderung erweckt den Eindruck eines ruhigen, friedlichen, vor allem aber gesitteten und arbeitsreichen Lebens im Kloster, das sich von den Stürmen und Krisen früherer Jahrhunderte erholt zu haben scheint. Dennoch, durch den Reichsdeputationshauptschluß fiel die Abtei an Baden, ebenso wie die freie Reichsstadt Gengenbach überging in den badischen Staatsverband. Der weltliche Klosterbesitz wurde von nun an vom Staat verwaltet, die alten Erbgüter der Bauern wurden den Inhabern ohne Ausgleichszahlung zu unbelastetem Eigentum überlassen. Es wird als ein Zeichen einer letzten Sonderbedeutung der Abtei in der Ortenau gedeutet, daß die Klöster Schwarzach und Ettenheimmünster sofort vollständig aufgelöst wurden und Gengenbach gleichsam als "Auffangbecken" für das Personal der anderen Klöster noch fungieren durfte. Im Jahre 1807 wurde die endgültige Aufhebung der Abtei Gengenbach verfügt, "die jüngeren Patres kamen als Pfarrgeistliche auf verschiedene Pfarreien, die älteren dagegen sowie der Abt wurden pensioniert. Am 28. Juli 1817 starb der letzte Reichsprälat in Gengenbach", Bernhard Maria Schwörer. Im Hauptgebäude des Klosters wurden Pfarrhaus, Schule und Obervogteiamt untergebracht, die Klosterkirche erhielt den Status der Pfarrkirche. Kulturelles Gut, Teile der Ausgestaltung der Kirche, Paramente und vor allen Dingen der Bestand der Bibliothek wurden in alle Winde zerstreut.

Das kulturelle Wirken der Abtei

Gengenbacher Klosterkirche in der BarockfassungWenn im folgenden einige Leistungen und Zeugnisse des kulturellen Wirkens des Gengenbacher Klosters gesondert vorgestellt werden sollen, so geschieht dies aus Überlegung der Zweckmäßigkeit und soll nicht den Grundtatbestand verwischen, daß kulturelles Wirken in einem umfassenden Sinne verstanden werden soll.

"Bezeichnet man Kultur als 'Pflege der körperlichen, seelischen und geistigen Anlagen und Kräfte des Einzelnen, einer Gemeinschaft eines Volkes oder einer Völkergruppe', so zeigt sich kulturelles Wirken auf allen Gebieten menschlichen Lebens und Handelns: in der Sprache, der Schrift, der Kleidung, der Siedlung, Erziehung, Sitte, Wirtschaft, Rechtspflege, Kunst, Philosophie, Weltanschauung und anderem mehr. Klöster ihrerseits sind Gemeinschaften, geeint durch eine Regel oder eine bestimmte Zielsetzung, beeinflußt durch kirchliche und weltliche Interessen".

Gerade die Gengenbacher Abteikirche, die heutige Stadtkirche, ist deutlicher Ausdruck eines im umfassenden Sinne zu verstehenden kulturellen Wirkens. Ein exaktes Gründungsdatum ist, wie auch bei der Gründung der Abtei, bei der Kirche nicht feststellbar. Doch geht sie mit Sicherheit auf die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts zurück, vermutlich unter Abt Friedrich begonnen. Ihr ursprünglicher romanischer Bau ist zwar auch heute noch deutlich erkennbar, doch zeichnet das Gengenbacher Kirchengebäude seine Vielfalt unterschiedlicher Bauepochen aus, als ein Hinweis auf den ungebrochenen Gestaltungswillen vieler Generationen klösterlichen Lebens. Entsprechend der Bauform der sogenannten "Hirsauer Reform" ist auch der Grundriß der Gengenbacher Klosterkirche durchgeführt. "Aus dem Element des Vierungsquadrates ist die kreuzförmige Anlage entwickelt mit vier Quadraten des Langhauses, einem Quadrat des Chores und den beiden ins Rechteck übergehenden Kreuzarmen des Querschiffes. Nach dem sogenannten 'gebundenen System' haben die Seitenschiffe, welche Langhaus und Chor begleiten, die halbe Breite des Mittelschiffes, so daß auf ein Mittelschiffquadrat je zwei Seitenschiffquadrate kommen. Aber auch in der Höhenentwicklung folgt das Bauwerk strengen Gesetzen, d. h. im Querschnitt des Mittelschiffes verhält sich die Grundlinie zur Höhe wie 1:2 ... Besonders bedeutsam und den Gepflogenheiten der Hirsauer Anlagen folgend ist aber vor allem die Form des Chores als fünfapsidiale Anlage, indem nicht nur der Hauptchor, sondern auch die als Nebenchöre ausgebildeten Seitenschiffe und dazu noch die Ostseiten der Querschiffarme mit Apsiden ausgestattet sind". Gerade die reichliche Ausstattung mit Apsiden sorgt für eine reizvolle Ausgestaltung des Baukörpers an der Ostseite. Dort besteht auch noch der "reinste" Eindruck des romanischen Baues. Dagegen ist die Westseite ein Beleg für die bereits angedeutete stilistische und durch unterschiedliche Bauepochen bedingte Ausgestaltung. Es ist zu vermuten, daß an der Westseite ursprünglich zwei romanisch Türme standen, sowie eine "über die ganze Breite gehende zweijochige und zweigeschossige Vorhalle, das Paradies".

Bei der heutigen Ansicht dominiert an der Südwestecke der Barockturm, der nach der teilweisen baulichen Zerstörung des Klostergebäudes und der Klosterkirche durch den Brand von 1689 im barocken Stil wieder aufgebaut wurde. Aus der barocken Zeit stammt ebenfalls in einer flachen Nische über dem Eingang eine thronende Madonna mit dem Jesuskind, während in einer weiteren romanischen Rundbogennische darüber eine etwas grobe und einfache, gleichwohl beeindruckende, romanische Madonna zu finden ist. Etwas versteckt, rechts und links der heutigen Eingangsvorhalle, befinden sich eindrucksvolle romanische Tiergestalten, die sich aber mit Sicherheit nicht ursprünglich an diesem Platz befanden. Im Innern der Kirche fällt eine für die Klosterkirche der Hirsauer Reformbewegung hervorstechende Eigenart des Stützenwechsels auf. Dieses Abwechseln von Säule und Pfeiler führt man auf elsässische Einflüsse zurück. Bemerkenswert ist die Besonderheit, daß das erste Stützenpaar nach der Vierung als Pfeilerpaar beginnt. Ursprünglich war die Kirche mit einer flachen Decke gedeckt; so, mit einer allerdings um 1900 rekonstruierten Decke, bietet sich die Kirche auch heute dar. In den verlängerten Seitenschiffen neben dem Chor ist spätgotisches Rippengewölbe vom Ende des 16. Jahrhunderts erhalten, während die Barockstuckdekoration, sowie, bis auf wenige Ausnahmen, die gesamte Barockausstattung der Kirche der Reromanisierung um 1900 zu Opfer fiel. Die vorhandenen rundbogigen Fenster sind bis auf zwei originale romanische Fenster in den beiden Seitenschiffen in der Höhe des Chores, nicht romanisch, sondern wohl auf das 17. Jahrhundert zurückzuführen. Diese, zwar auf den ersten Blick "romanisch" anmutenden Fenster sind mit ihrer Lichtführung im Kirchenraum entscheidend dafür verantwortlich, daß der ursprüngliche romanische Eindruck nicht mehr zu rekonstruieren ist. Die Überlegungen, aufs neue die Kirche zu reromanisieren und in die Ursprungsform zurückzuwandeln, spielt gerade in der Gegenwart eine entscheidende Rolle, wo es darum geht, die Kirche in der Ausgestaltung der Jahrhundertwende grundlegend zu renovieren.

Doch, wie schon angedeutet, ist der vorherrschende Eindruck der Gengenbacher Klosterkirche seine Vielfalt der Stil- und Epochenausprägung. Und es ist Hesselbacher zuzustimmen, wenn er feststellt: "die mannigfaltigen baulichen Änderungen, denen die Kirche durch die Unbill der Zeiten, durch den Wandel des Geschmacks und auch durch den Wechsel im Gebrauch unterworfen war, konnten die großartige archaische Formensprache des Innern nicht zum verstummen bringen". Obwohl um 1900 im Zuge der Renovierung nahezu restlos getilgt, ist anhand alter Fotografien und Beschreibungen ersichtlich, daß die barocke Ausgestaltung der Klosterkirche, die letzte große künstlerische Anstrengung des Gengenbacher Klosters, einen sehr geschlossenen Eindruck vermittelt hatte und von hervorragender Qualität gewesen war. Auch heute noch prägendes Zeichen der Gengenbacher ehemaligen Klosterkirche ist indessen der barocke Kirchturm, einer "der großartigsten Turmbau-Meisterwerke des süddeutschen Barock". Der Vorarlberger Baumeister Franz Beer scheint den Entwurf hierfür geliefert zu haben, während die eigentliche Ausführung durch Johann Jacob Rischer, ein bei Beer tätiger Vorarlberger, vorgenommen wurde.

In den Jahren 1711 bis 1716 wurde der Turm unter erheblichen finanziellen Opfern errichtet

Ebenfalls aus der Wiederaufbauphase nach 1689 stammt das Konventsgebäude, von Franz Beer in wenigen Jahren erbaut. Die drei Gebäudeflügel des Konvents mit der vierten Seite der Kirche bildeten einen großzügig bemessenen Hof. Beim barocken Bestand fehlt lediglich der dritte, östliche Teil des Konvents, der den Hof geschlossen hat. Ein weiteres Zeugnis der kulturellen Leistung des Gengenbacher Klosters sind die durch die Säkularisation weithin verstreuten Bestände der ehemaligen Klosterbibliothek. Wenn auch aus der Untersuchung K. Hannemanns wird, daß die Gengenbacher Klosterbibliothek keinesfalls mit den Großbibliotheken im Stile St. Gallens vergleichbar war, daß sie eher eine "monastische Gebrauchsbibliothek" gewesen ist, als ein "Gesamtkunstwerk eigener Prägung", so ist mit der Existenz der Gengenbacher Chronik doch noch ein historisch sehr wertvolles Zeugnis für das 17. und 18. Jahrhundert des Klosters erhalten geblieben, und vor allem steht, neben weiteren, über 20 Gengenbacher Handschriften, das um 1150 geschriebene und gemalte romanische "Gengenbacher Evangeliar" im Blickpunkt.

Literatur:

Einführende Literatur mit umfangreichen weiteren Literaturhinweisen: Hitzfeld K. L.: Artikel "Gengenbach" GB 228-242;
ders.: Geschichte der Abtei und der Stadt Gengenbach bis 1803, Gengenbach. Vergangenheit und Gegenwart. Im Auftrage der Stadt Gengenbach herausgegeben von P. Schaaf. Konstanz 1960. 12-106;
Gengenbacher Blätter 1975 (zum Jubiläum des Gengenbacher Klosters) erhältlich bei der Stadtverwaltung Gengenbach. 


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Färberhaus und Schwedenturm


Im Hintergrund von Färberhaus und Schwedenturm ist ein Teil der Stadtmauer zu erkennen. Beide Gebäude (Färberhaus und Schwedenturm) sind der Stadtmauer "aufgesetzt"

Gengenbach - Gänsbühl 5

Auf dem Weg Richtung Haigeracher- oder Obertor weist ein paar Schritte vor dem Tor ein Gässchen nach links zum Gänsbühl. Geht man dieses leicht ansteigende Gässchen hinauf, wird man auch umgehend von einer Haus-Turm-Kombination begrüßt. Dies ist der frühest besiedelte Ortsteil Gengenbachs in welchem die weltlichen Bediensteten des Klosters angesiedelt wurden.

Im Hintergrund von Färberhaus und Schwedenturm ist ein Teil der Stadtmauer zu erkennen. Beide Gebäude (Färberhaus und Schwedenturm) sind der Stadtmauer "aufgesetzt". Der Schwedenturm hatte die Aufgabe, die Stadt Richtung Offenburg zusätzlich zu sichern. Für Besucher*innen ist es ein lohnender Gang die Treppe hinauf auf den Schwedenturm - ein Überblick in den Altstadtbereich Gänsbühl ist die Belohnung.

Das Färberhaus direkt neben dem Schwedenturm weist sich mit der jahreszahl 1747 aus und wurde demnach erst nach der Vernichtung Gengenbach 1689 errichtet. Das hervorkragende Obergeschoss des Färberhauses erklärt sich aus seiner Funktion. Hier wurden die gefärbten Stoffe zur Trocknung ausgelegt.

Historische Ortsanalyse:

Parallel zum nordwestlichen Stadtmauerverlauf führender, schmaler Weg; entsprechend dem Mauerverlauf in einem weiten Schwung zwischen dem Mercy ´schen Hof im Süden und der Oberdorfstraße im Norden verlaufend.Die östliche Seite von der inneren Stadtmauer dominiert bzw. vom Rondellturm, dem sog. Schwedenturm (Gänsbühl 5a), der der Mauer vorgelagert ist und damit eine räumliche Engstelle ausbildet. Oberhalb des Schwedenturms reihen sich die Rückseiten der Gänsbühl-Anwesen. Sie stammen überwiegend aus dem 18. Jahrhundert und zeichnen sich dadurch aus, dass sie jeweils in die westliche Gebäudeaußenwand die Stadtmauer integrieren. Auf Höhe Obertor entstanden in der Folge weitere Wohngebäude, die sich den beengten räumlichen Gegebenheiten entsprechend angepasst haben, u.a. Oberdorfstraße 3. Dieses Gebäude ist damit Teil der geschlossenen, traufständigen Gebäudereihe, wie sie ab dem frühen 19. Jh. im alten Grabenbereich errichtet wurde (vgl. Grabenstraße). Die Brenngasse besitzt wegen des hier besonders gut überlieferten Stadtmauerverlaufs samt Turm hohen Zeugniswert für die Stadtgestalt und -struktur.

Gänsbühl Färberhaus und Schwedenturm

Im Norden mit dem Obergeschoss auf der Stadtmauer aufsitzendes, zweigeschossiges und traufständiges Fachwerkgebäude mit weit ausladendem Satteldach mit Färberlauben und Wetterdächern am WestgiebelIm Norden mit dem Obergeschoss auf der Stadtmauer aufsitzendes, zweigeschossiges und traufständiges Fachwerkgebäude mit weit ausladendem Satteldach mit Färberlauben und Wetterdächern am Westgiebel; an der südlichen Traufseite rundbogiger und mit hölzerner Rahmung versehener Hauseingang mit Sandsteinstufen und eben solches Tor, darüber Zierformen in den Brüstungsfeldern der Fenstererker;laut moderner Tafel im Jahr 1747 von Antonius Müller erbaut und die Fassade nachträglich kaum verändert (u.a. Erneuerung Fenster, Dachausbau mit Gaupen).Das reich gestaltete und imposant über der Stadtmauer stehende Gebäude ist als barockes Färberhaus von hohem, exemplarischem Wert sowohl für den historischen Fachwerkbau als auch für die Wirtschaftsgeschichte Gengenbachs im 18. Jahrhundert. Als Bestandteil des hochverdichteten Quartiers im Zwickelbereich zwischen Obertor und nordwestlichem Stadtmauerabschnitt kommt ihm zudem städtebauliche Bedeutung zu. Im Hintergrund der Schwedenturm, der nach der Gasse hin offen war. Daneben das Färberhaus, das 1747 erbaut wurde, nachdem nach dem großen Stadtbrand 1689 gestattet wurde direkt an die Stadtmauer anzubauen.

Die an das Offenburger Tor anschließenden Mauerzüge, die zunächst nach Norden und dann nach Nordosten führen, scheinen auf den ersten Blick vollkommen verschwunden zu sein. Geht man aber durch die innere "Engelgasse", die wohl mit Recht als eine der schönsten Fachwerkhausstraßen Deutschlands bezeichnet werden darf, dann wird man in dem leichten Bogen, den die eng aneinandergereihten Häuschen beschreiben, den Bereich der Inneren Stadtmauer erkennen, auf die sie mit ihren Außenmauern gebaut worden sind. Die Idylle dieses verträumten Stadtwinkels schließt die Tatsache der harten mittelalterlichen Zeit für die Engelgasse nicht aus, die einst das Ghetto der Juden war. Die zahllosen Fenster- und Türeinbrüche in die Außenwand der Inneren Stadtmauer haben leider ihre Existenz, von der äußeren Engelgasse her gesehen, völlig verwischen lassen. Geht man aber diese Gasse weiter, so bietet sich dem Beschauer plötzlich die wehrhafte Außenseite des "Schwedenturmes" dar, der in das Bruchsteinmauerwerk der hier noch beiderseits vorhandenen Inneren Stadtmauer eingebunden und selbst bis obenhin aus Bruchsteinen zusammengefügt ist.

Das über die Dächer des Wehrgangs hinausragende Obergeschoß des Turmes mit Schießscharten und polygonalem Dach ist vorgekragt, damit in seinem Innern genügend Platz vorhanden war für Schützen, Waffen und Munition. Man konnte daher von diesem Geschoß aus nach allen Seiten hin den eingedrungenen Gegner unter Feuer nehmen. Der nach der Stadt zu offene Turm erhielt aus Anlaß des Stadtjubiläums einen neuen Treppenaufgang bis zum besagten Obergeschoß. Von dem durch seine alten Häuser besonders reizvollen Altstadtteil "Gänsbühl" aus kann der Turm jetzt wieder nach jahrhundertelanger Vergessenheit bestiegen werden. Der Zugang erfolgt durch ein in Sandstein neugemauertes Rundbogentörchen neben dem alten Gerberhaus. Durch die schmiedeeiserne Tür sicht man die Treppe zum Turm hinaufführen, von dem man einen schönen Einblick in die Gassen und Höfe um den Gänsbühl genießen kann. Zwischen dem Schwedenturm und dem unweit gelegenen Haigeracher Torturm ist die Innere Stadtmauer noch erhalten und auf Höhe des ehemaligen Wehrgangs eingeschossig mit Wohnhäusern überbaut, Mit ihren überkragenden Fachwerkwänden und den steilen Dächern geben sie den Eindruck, als ob sie schon von jeher mit der Mauer zusammen errichtet worden wären.

(Denkmalpflege BW - Historische Ortsanalyse Gesamtanlage Gengenbach, Ortenaukreis)


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