Welcome to Der Ortenauer   Click to listen highlighted text! Welcome to Der Ortenauer
Drucken

Sehenswertes Kippenheim-Schmieheim

 
Kippenheim, entstand um die Jahrtausendwende, wird auch Chippinheim und Küppenheim genannt. War ursprünglich alemannisch, später fränkisch, durch Besitzergreifung. Auf der Höhe befindet sich ein fränkischer Herrenhof. Kippenheim bildete von alters her eine Markgenossenschaft mit Mahlberg, Schmieheim und Kippenheimweiler und zugleich ein Kirchspiel, dem auch Orschweier und Sulz angehörten. (Bernhard Weber [mit Benjamin Schaubrenner]: Kippenheim, Seite 89 - 94.)

Was vor 175 Jahren - anno 1810 - Gültigkeit besaß, hielt J. B. Kolb in einer Lexikonniederschrift fest. Was heute ist - anno 1985 - mögen die Heutigen selbst erkunden. Sicher ist: Vieles hat sich verändert, vieles wird sich noch ändern, denn zu keiner Zeit gab es einen Entwicklungsstillstand. Ob zum Besseren? Wer weiß das! Lassen wir den Chronisten Kolb berichten:
Kippenheim, ein Marktflecken in der Herrschaft Mahlberg und im Bezirksamt Ettenheim, liegt an der Landstraße zwischen Freyburg und Offenburg, fünf Stunden von diesem und acht Stunden von jenem entfernt. Zählt 355 Bürger, nämlich 178 katholische und 177 lutherische. Seelen: 788 katholische und 757 lutherische, zusammen 1535. Hat zwei Schulen und zwei Pfarreien, eine lutherische und eine katholische.
Dieser letzteren (Pfarrei) ist auch die Stadt Mahlberg, Kippenheimweiler und der Türkheimische Cameralort Orschweier eingepfarrt. Beide Religionsparteyen besuchen abwechselnd eine Kirche, welche schön und geräumig ist.

  zurück


Renaissance-Rathaus Kippenheim


Rathaus Kippenheim - Hier steht das stattliche Rathaus, ein Renaissancebau von 1610, mit hohen Treppengiebeln und schmucken Erkern an den Ecken; am nördlichen das Ortswappen, das Rebmesser, mit der Jahreszahl 1610; über der Pforte das herrschaftliche Doppelwappen

Einer der schönsten Rathausbauten Südwestdeutschlands aus der Renaissance - im Wandel der Zeit.

In den Kunstdenkmäler Badens, 1904, Band Freiburg/Land wurde das Rathaus wie folgt beschieben : "Das Kippenheimer Rathaus, ein zweigeschossiger, niedriger Bau, hat hohe Staffelgiebel und zwei über Eck gestellte Renaissance-Erker mit allzureich profilierten und ornamentierten Schrägen und der Jahrezahl 1610 auf der Brüstung.

Das Haus, in dessen Erdgeschoss sich einst die Markthalle befand, ist ein Putzbau; nur an den Ecken und allen Architekturteilen wurde roter Sandstein verwendet. Über der Eingangstüre sind, soviel sich durch Tünche und falsche Bemalung erkennen lässt, zwei badische Wappensteine eingemauert:"

Dr. Hermann Steurer schrieb in 'Aus Kippenheims Vergangenheit' im Jahre 1938 folgendes über das Rathaus: "Hier steht das stattliche Rathaus, ein Renaissancebau von 1610, mit hohen Treppengiebeln und schmucken Erkern an den Ecken; am nördlichen das Ortswappen, das Rebmesser, mit der Jahreszahl 1610; über der Pforte das herrschaftliche Doppelwappen."

Und im Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler - Baden-Württemberg - aus dem Jahre 1964 ist sehr kurz und knapp folgendes vermerkt: "Rathaus. 1610, stattlicher Bau; hohe Staffelgiebel, zwei ornamentierte Eck-Erker."


In der „Kippenheimer Chronik 1990 und in seinem Buch 'Ein Streifzug durch die Geschichte von A bis Z' beschäftigte sich Walter Staudenmeyer sehr ausführlich mit der wechselvollen Geschichte des Rathauses. Einige Auszüge möchte ich Ihnen vortragen:

blueCircle 1610 erbaut als Renaissance-Bau
blueCircle 1772 wird ein Kaufhaus im Erdgeschoss erwähnt:

"In einer Eingabe mit der Bitte um Wiedererrichtung der Märkte im Jahre 1772 erwähnt die Gemeinde, wohl nicht ohne Stolz : „Das Rathaus an der Hauptstraße ist in bestem Zustand, sein unteres Stockwerk wurde schon früher als Kaufhaus verwendet."

blueCircle 02.10.1803 ging das Rathaus mit 7820 Gulden in Privatbesitz über – möglicherweise wurde zu diesem Zeitpunkt das Gasthaus "Zur Krone" eingerichtet
blueCircle 1839 bedauerte man den Verkauf des Rathauses, denn in den Akten ist zu lesen:

"Der Jahrmarkt ist durch den unglücklichen Verkauf des Rathauses, der jetzigen 'Krone' eingegangen."

blueCircle Am 19.04.1851 kam das Gebäude wieder an die Gemeinde Kippenheim zurück.
blueCircle 27.04.1860 geht aus einem Mietvertrag hervor, dass das Rathauses wieder seine alte Bestimmung bekam.

blueCircle 1868 erfolgte eine Visitation durch das Bezirksamt Ettenheim. Bei dieser Visitation gab der Gemeinderat zu erkennen, dass er das Rathaus renovieren lassen will. Dieses Ansinnen wurde durch das Bezirksamt aufgegriffen und legte gegenüber der Gemeinde seine Vorstellungen wegen der Renovierung dar:

"Der Gemeinderat Kippenheim wird angewiesen, den von ihm beabsichtigten Verputz und Anstrich des dortigen Rathauses, sowie auch die Ausbesserung des hinteren Saales im II. Stock desselben im nächsten Jahr vornehmen zu lassen und über den Vollzug bis 1. Juli kommenden Jahres Anzeige darüber zu machen."

blueCircle Die Arbeiten zur Renovierung wurden jedoch erst im April 1871 vergeben. Vielleicht waren Geldmangel der Grund der späten Vergabe.
blueCircle 1878 wurden zwei Dachzimmer im Rathaus eingebaut.
blueCircle 1890 beschloss der Gemeinderat, dass Bürgermeister und Ratsschreiber je ein Zimmer erhalten.

Renovierungsarbeiten fanden regelmäßig statt. Das Rathaus wurde auch vom IIten Weltkrieg nicht verschont

blueCircle 1953 schreibt Christian Sütterlin in der 'Kippenheimer Chronik': 'Auch das teilweise durch Artilleriebeschuss beschädigte alterwürdige Rathaus wurde 1950 wieder neu verputzt und auch im Innern renoviert. Hierbei wurde im Bürgersaal (1.OG) eine neue Holzbalkendecke eingezogen."

blueCircle Im Sommer 1977 erfolgte erneut eine Renovierung der Rathausfassade. Auf Anregung der Bürgerschaft wurde der Sinnspruch aus dem Jahre 1901 auf dem Torbogen angebracht :

"Nicht wegen dieses Bogens Zier Als Bollwerk stehe ich vor Dir Nein, lieber Freund der Sach zu nützen muß ich von hier den Giebel stützen 1901"

blueCircle Anfang der 1980iger Jahre erfolgte die Neugestaltung des Rathaushofes. Das rückwärtige Gebäude, wo unter anderem auch die Feuerwehr untergebracht war, musste der Neugestaltung weichen.

Hierzu schreibt die Badische Zeitung am 12.09.1984 folgendes :

"Ein Schmuckstück in Kippenheim soll auch der Hinterhofbereich des Rat-hauses werden. In Bälde soll mit dem Abbruch der Gebäude hinter diesem Schmucken Tor begonnen werden. Die Überlegungen zielen darauf, im Rathaushinterhofbereich auch Parkplätze unterzubringen."

blueCircle Ein weiterer Schritt zur "Neugestaltung" des Rathauses sollte der umfangreiche Umbau Mitte der 1980iger Jahre sein: Im Erdgeschoss wurde das jetzige Foyer eingerichtet, neue Wände eingezogen und die WC-Anlage eingebaut.

Im 1. Obergeschoss wurden Wandschränke eingebaut und Türöffnungen zugemauert.
Im 1. DG wurde der Bürgersaal eingebaut.
Im 2. DG wurden neue Büros eingerichtet

blueCircle 1987 - Mehr als 700 Besucher aus Kippenheim und Umgebung kamen am "Tag des offenen Rathauses" um das "neue Rathaus" zu besichtigen. Die Bediensteten zeigten mit Stolz ihre renovierten Räume. Der Presse ist zu entnehmen, dass auch die Besucher "viel Lob für den Rathausumbau" aussprachen.

Eine Dokumentation mit Bildmaterial zu den Umbauarbeiten können Sie hier herunterladen download

Baader, Emil: Wappen erzählen Heimatgeschichte - Die "Kondominatswappen" am Kippenheimer Rathaus (Der Altvater, 30.10.1954)

Es soll hier nicht vom Kippenheimer Ortswappen gesprochen werden, das sich - es stellt eine Pflugschar und zwei Rebmesser dar - an einem Erker des Rathauses befindet; auch nicht vom Wappen des Kippenheimer Ortsadels (es zeigt im roten Schild drei goldene Fische). Diese wurden bereits in Folge 12 des Jahrg. 1951 des "Altvater" im Bild gezeigt und besprochen.

Unsere Aufmerksamkeit soll heute den beiden Wappen gelten, die über dem Portal des Rathauses eingemauert sind; zählen sie doch zu den interessantesten des ganzen Landkreises. Bisher kaum gedeutet, spiegeln sie ein Stück Heimatgeschichte. In jüngster Zeit wurden die Wappen farbig, aber leider unrichtig, erneuert.

Die Geschichte des Kippenheimer Rathauses ist noch nicht geschrieben. Im amtlichen Werk über die Kunstdenkmäler Badens, im Band Freiburg/Land (Tübingen 1904, herausgeg. von Max Wingenroth, S. 265) finden sich nur kurze Bemerkungen über das Gebäude. Sie lauten:

"Das Kippenheimer Rathaus, ein zweigeschossiger, niedriger Bau, hat hohe Staffelgiebel und zwei über Eck gestellte Renaissance-Erker mit allzureich profilierten und ornamentierten Schrägen und der Jahreszahl 1610 auf der Brüstung. Das Haus, in dessen Erdgeschoß sich einst die Markthalle befand, ist ein Putzbau; nur zu den Ecken und allen Architekturteilen wurde roter Sandstein verwendet. Ueber der Eingangstüre sind, soviel sich durch Tünche und falsche Bemalung erkennen läßt, zwei badische Wappensteine (?) eingemauert.

So dürftig diese Angaben sind, sie besagen uns doch, daß das Gebäude zwei Jahre nach dem Lahrer alten Rathaus kurz vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges, also in einer "guten" Zeit erbaut wurde, und zwar als Rathaus, nicht als Gasthof, wie oft gesagt wird. Eine Markthalle und kunstvolle Erker, die das Auge jedes Heimatfreundes erfreuen, waren gewiß für ein Rathaus, nicht für ein Gasthaus bestimmt.

Tatsächlich wurde aber das Gebäude doch zeitweise als Gasthaus verwendet. In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts war jener Ludwig Burger aus Bohlsbach, der in den Jahren 1850 / 51 als "Freischärler" in der Freiburger "Strafanstalt" weilte, Kronenwirt'in diesem Bau. 1851 verkaufte er den Bau an die Gemeinde, In einem Nachbarhaus (heute Haus Georg Christ, Hauptstr. 217), betrieb er weiterhin ein Gasthaus "Zur Krone". Später wurden einzelne Räume des Rathauses verpachtet. Im einzelnen ist die Geschichte des Rathauses, in dem offenbar eine Zeitlang eine Posthalterei untergebracht war, nicht erforscht.

Und nun zu unseren Wappen.

Wir möchten zunächst von dem Wappen auf der rechten Seite sprechen (der Heraldiker freilich würde sagen: auf der linken Seite; er nimmt den Blickpunkt vom Wappen aus).

Das Wappen besteht aus einem sog. Herzoder Mittelschild und aus vier "Feldern". Das Herzschild ist in zwei Hälften geteilt. Rechts bemerken wir den schwarzen goldgekrönten Adler. Dies ist der Adler der Heilika von Mahlberg. Den gleichen Adler finden wir heute noch im Mahlberger Stadtwappen, auch an dem schön geschnitzten Wappenbild bei der jungen Linde mit dem Wegweiser nach Mahlberg.

Die Wappen am Kippenheimer Rathaus (Portal)

Die Wappen am Kippenheimer Rathaus

Heilika von Mahlberg hat ums Jahr 1240 Walter von Geroldseck geheiratet. Er führte den goldenen Schild mit roten Querbalken im Wappen, den Schild der Geroldsecker. Diese Farben finden wir auf der linken Seite des Herzschildes. Das Herzschild stellt also das Wappen von "Lahr-Mahlberg" dar. Diese Herrschaft entstand, als im Jahre 1277 beim Tode Walters die Geroldsecker Herrschaft in "Lahr-Mahlberg" und "Hohengeroldseck" geteilt wurde. Nach Walters Tod waren Walter II. (gest. 1313), Walter III. (gest. 1345), Walter IV. (gest. 1353), Heinrich II. (gest. 1394) und Heinrich III. (gest. 1426) Träger des Wappens Lahr-Mahlberg. Heinrich III. starb ohne Söhne. Seine Tochter Adelheid hatte sich 1419 bereits mit dem Grafen Johann von Mörs-Saarwerden verheiratet. Er wurde nun auch Herr der Herrschaft Lahr-Mahlberg. So kam das Wappen der Mors, der Goldschild mit schwarzem Querbalken, und das Wappen von Saarwerden (der Doppeladler auf schwarzem Grund) in unser Wappen. Ueber Mors und Saarwerden wurde bereits in Folge 40 des "Altvater" näheres gesagt.

Im Jahre 1527 starb der letzte Graf von Mörs-Saarwerden; die Herrschaft ging nun auf dessen Schwiegersohn Ludwig von Nassau-Saarwerden über. So kam das Wappen von Nassau, der silberne Löwe auf blauem Grund in unser Wappen. Nach dem Aussterben der Linie Nassau-Saarwerden wurden die Nassau-Weilburg, dann die Nassau-Saarbrücken Nachfolger (Saarbrücken war bereits 1381 an Nassau gekommen).

Lange schon hatten auch die Markgrafen von Baden Rechte an der Herrschaft. Im Jahre 1629 erfolgte die Teilung: Mahlberg mit Umgebung kam an Baden-Baden, Lahr mit Umgebung an Nassau-Saarbrücken. In jenen Jahren kam das Wappen von Saarbrücken, der silberne Adler auf blauem Grund (mit silbernen Kreuzen, die auf unserm Bild nicht zu sehen sind) in unser Wappen. So erzählt das Wappen Lahr-Mahlberg-Mörs-Saarwerden-Nassau-Saarbrücken, vom Besitzwechsel in der Zeit zwischen 1277 und dem Anfang des 17. Jahrhunderts, der Zeit, wo das Kippenheimer Rathaus erbaut und das Wappen eingemauert wurde.

Das Wappen auf der linken Seite erinnert uns daran, daß neben Nassau-Saarbrücken auch Baden-Durlach Herr, im Lande war, so in der Zeit von 1594 bis 1622, der Zeit der sog. "oberbadischen Okkupation".

Im Mittelpunkt dieses Wappens sehen wir den Goldschild mit rotem Querbalken: das alte badische Hauswappen. Schon die Zähringer, von denen die Markgrafen von Baden abstammen, hatten die Farben rot und gold: nämlich den roten Löwen im goldenen Feld. Der 1136 verstorbene Markgraf Hermann II. hatte als erster den Goldschild mit Schrägbalken als badisches Wappen verwendet.

Was ist auf den vier Feldern zu sehen, die den Herzschild umgeben? Im ersten Feld sehen wir den roten goldgekrönten Löwen.der Herrschaft Hachberg im silbernen Feld. Die Burg Hachberg (Hochberg oder Hochburg) wird erstmals 1127 genannt. Die Markgrafschaft Hachberg kam 1418, nachdem die Linie der Markgrafen von Hachberg ausgestorben war, an die Markgrafen von Baden und bildete seit 1533 einen Teil der später so genannten Markgrafschaft Baden-Durlach. Im zweiten Feld finden wir auf blauem Grund den "Lerchenflügel" der Herrschaft "Üsenberg". Die Burg Usenberg, 1139 erstmals genannt, lag unterhalb von Breisach am Rhein. Der Gewann "Eisenberg" erinnert an die Burg. Die Üsenberger waren ein mächtiges Geschlecht. Sie besaßen die Gunst der Bischöfe von Konstanz und Straßburg und waren die Vögte über deren Besitzungen im Çreisgau. Rudolf von Üsenberg gründete die Stadt Kenzingen. Den Üsenberger Lerchenflügel finden wir im Stadtwappen von Endingen, Kenzingen und Herbolzheim. Daß die Herrschaft Üsenberg später an Baden fiel, sagt uns das Wappen.

Im dritten Feld schauen wir den roten "wachsenden" Löwen von Rötteln, über "Kürsch" oder vier Reihen sog. Eisenhütchen, die hier aussehen wie weiße und blaue Wellenlinien. Die Herrschaft Rötteln wurde baden-durlachisch. Sie umfaßte viele Orte im "Markgräflerland", u. a. Lörrach.

Das vierte Feld zeigt im roten Schild einen goldenen, mit drei schwarzen Sparren belegten Pfahl, Badenweiler repräsentierend. Badenweiler gehörte einst zur baden-durlachischen Markgrafschaft Hachberg.

Die beiden Wappen erinnern uns also daran, daß Kippenheim zur Zeit, da das Rathaus erbaut wurde, zwei Landesherren hatte, die Markgrafen von Baden-Durlach und die Grafen von Nassau-Saarbrücken: Die Herrschaft Lahr-Mahlberg, zu der Kippenheim gehörte, unterstand einer Gemeinherrschaft oder einem Kondominat. Viele Jahrhunderte lang bestand ein solches Kondominat auch im Prechtal; dort waren die Markgrafen von Durlach und die Fürstenberger gleichzeitig Landesherren. Am Ladhof bei Elzach sind ebenfalls Kondominatswappen zu sehen.

Ueber die Wappen am Hause Bergstraße 10 in Kippenheim soll ein besonderer Bericht folgen.

zurück

Schloss Schmieheim


Schloss zu Schmieheim - Ein strahlender Mittelpunkt war das Renaissance-Schloss mit seinen drei Türmen und der auffälig mit Dreiecksornamenten dekorierten Eckquaderung für die Mittelalterlichen Schlossfestspiele
Die erste Begegnung mit dem Renaissance-Schloss in Schmieheim ergab sich durch eine Einladung zum Mittelaltertreffen im historischen Schlosspark.

Buntes Treiben von Händlern, Handwerkern und Rittersleut' fand statt und ab und an wurden Speisen nach mittelalterlichen Rezepten angeboten.

Das Schloss wurde erst in einer Pause interessant. Auf der Treppe beim Vereinshaus sitzend fiel mir die ungewöhnliche Architektur auf.

Ein strahlender Mittelpunkt war das Renaissance-Schloss mit seinen drei Türmen und der auffälig mit Dreiecksornamenten dekorierten Eckquaderung für die Mittelalterlichen Schlossfestspiele.

Einen Blick auf das Mittelaltertreiben können Sie hier "werfen"  arrowRight


Ludwig, Adolf: Das Schloß zu Schmieheim (Die Ortenau (21/1934) 492 - 494)

Wie das Dörflein verborgen in geschützter Lage, liegt auch das heute verwahrloste Schloß, das einst ein schöner Herrensitz war, in stiller Einsamkeit. Im Jahr 1439 war das Dorf durch Kauf von denen von Hattstadt an das Rittergeschlecht derer von Bock gekommen, in deren Alleinbesitz es bis 1671 blieb. Sie sind die Erbauer des Schlosses. Dann tritt in den Mitbesitz Freiherr Dagobert Wurmser. Dessen Enkelin Franziska Salome war mit dem Freiherrn Friedrich Ludwig Waldner von Freund verheiratet. Ihr wurde im Testament 1711 "das frey adeliche Schloß zu Schmieheim mit allen appertinenden samt 2/3 am Dorf mit zugehörigen Unterthanen usf." zugesprochen. Ein Drittel gehörte noch denen von Böcklin. Das Böcklinsche Gut wurde eine Zeitlang Stammgut der Familie von Berstett, die 1894 ihren Anteil an die von Waldner für 38 000 fl. verkaufte. Franz Ludwig von Waldner hatte 1769 ein Majorat errichtet.

Das Schloß ist nicht alt. Seine Baugeschichte ist in "Mein Heimatland" (1932) von H. A. Fuchs zuverlässig und gut beschrieben. Wer alle Einzelheiten kennen lernen will, sei auf diese Baustudie verwiesen. Das Schloß wurde 1608-1610 von Claus Friedrich von Böcklinsau in ländlichem Renaissancestil erbaut. Das zweistöckige Schloß mit rechteckigem Grundriß hat zwei vierkantige Ecktürme, in der Mitte der Hauptfront einen sechseckigen Turm mit einer Wendeltreppe. Auf der hinteren Seite ist ein später angefügter Anbau mit großem Kamin für Küche und Gesinderaum. unterkellert ist das Gebäude mit einem großen Tonnengewölbe, während die beiden Ecktürme gesonderte Keller haben.

Auf der Tafel am Gurtgesims lesen wir die Jahreszahl 1609 mit springendem Bock und der Aufschrift:


DAS HAVS STET IN GOTTES HAND

VND WIRD ZV SCHMIEHEIM BVRG GENANNT
GOT BEHVETS VND VNS ALLSAMPT
VOR ALLEM VNGLVCK
VND AVCH BRANDT


Schloß Schmieheim (Kr.Lahr) Von Herbert F.Kasper, Freiburg i. Br.

Maßaufnahmen Schmitt und Neuber 1960 - Querschnitt Hans Arno Fuchs 1930So steht auf einer Sandsteinplatte unter dem Gurtgesims etwa auf Hauptgesimshöhe des sechseckigen Treppenturmes des Schlosses in Schmieheim zu lesen. Die Jahreszahl 1609 an gleicher Stelle gibt Aufschluß über die Erbauung, der springende Bock weist auf den Erbauer: Friedrich Bock von Gerstheim, genannt der Lange (geb. 1551, t 1615), der in zweiter Ehe 1589 Salome von Fegersheim (f 1630) heiratete.

Sicher haben Bauherr und Steinmetz nicht daran gedacht, daß der Keim zum Verfall des Schlosses bereits gelegt war, als diese Tafel eingemauert wurde.

Wenig abseits, östlich der großen Nord-Süd-Straße der Rheinebene auf der Höhe von Kippenheim liegt Schmieheim, vor Nord- und Ostwinden geschützt, in den weichen Vorbergen des Schwarzwaldes. Die Geschichte des Dorfes reicht bis vor 1140 zurück, dem Jahre, in dem es zum ersten Male erwähnt wird.

1449 erwirbt das niederelsässiche Geschlecht Bock das ehemals Geroldsecksche Dorf von den von Hattstatt, vermutlich zu 2/3, während die stamm- und wappengleichen Böckel oder Böcklin von Böcklinsau zu Rust wohl 1/3 übernahmen. Die bisherige Literatur über Schmieheim liefert leider kein klares Bild über die Dorfbesitzer, da sie beide Familien, Bock und Böcklin, durcheinandermengt. Die Bock wurden die Erbauer des Schlosses. Vier Jahreszahlen klären die Bauzeit: 1607, die nicht mehr vorhandene Jahreszahl am südlichen Eingang zum tonnengewölbten Keller, 1608 am Sturz des östlich gelegenen Kücheneinganges in Verbindung mit dem Bockschen Wappen, 1608 auch aufgemalt auf dem Ansatz des nördlichen Giebels des Küchenbaues, 1609 auf der bereits erwähnten Tafel des Treppenturmes, und schließlich 1610 auf einer heute im Innern des Turmes angebrachten Steinplatte, die in reicher Renaissance-Kartusche die Wappen des Erbauerehepaares Bock-Fegersheim mit den Initialen F.B.V.G. S.B.G.V.F. zeigt. Wir dürfen daher die Jahre 1607 bis 1610 als Bauzeit ansehen.

Im Jahre 1671 wird Freiherr Dagoberi Wurmser v. Vendenheim zu Sundhausen (geb. 1629, + 1706), Enkel der Erbauer und zuletzt Direktor der Niederelsässischen Ritterschaft, Mitbesitzer des Schlosses, das wiederum seine Enkelin durch Testament im Jahre 1711 erbt. Sie war verheiratet mit dem Freiherrn Friedrich Ludwig Waldner von Freundstein, dessen Wappen nun 1721 an Stelle des Allianzwappens Bock OO Fegersheim über dem Haupteingang am Treppenturm angebracht wurde. Die Bocksche Tafel wurde in den Turm über die Tür zum Kellergewölbe versetzt. Um die Mitte des 18. Jh. fiel der Böcklinsche Anteil an das ebenfalls niederelsässische Geschlecht v. Berstett. Aus der ablesbaren baulichen Situation muß bereits damals das Erbe ein fragwürdiges gewesen sein.

Adolf Ludwig schreibt in den Veröffentlichungen des Historischen Vereins für Mittelbaden im Jahre 1934, kein Schmieheimer könne sich daran erinnern, daß das Schloß einmal bewohnt war. Man weiß, daß von 1855 bis 1867 die jüdische Gemeinde im Schloß Schule hielt. Schließlich erwarb im Jahre 1925 die Gemeinde Schmieheim Schloß und Schloßbereich für 10.000 Mark von dem letzten Besitzer, einem Grafen Waldner.

Nord-West-Turm vor der RenovierungNaturgemäß gingen Gedanken und Bemühungen immer wieder darauf hinaus, die großen Räume nutzbar zu machen. So befand sich jahrzehntelang der Kindergarten im Schloß, und als die Notwendigkeit kam, Flüchtlinge unterzubringen, geschah dies notdürftig im ersten Obergeschoß. Aber die laufenden Reparaturen im Inneren hielten den Verfall nicht auf. Als die räumlichen Verhältnisse im Schloß unhaltbar wurden, andererseits die Zustände im alten Rathaus einen ordnungsgemäßen Ablauf der Verwaltung nicht mehr garantierten, dachte man in der Begegnung der aus dieser Lage erwachsenen Notwendigkeiten wieder an das Schloß.

Eine eingehende Prüfung erwies, daß die Forderungen des Raumprogrammes im wiederhergestellten Schloß verwirklicht werden konnten. So führte die Gemeinde, nachdem sie sich der Unterstützung des Staates versichert hatte, den Beschluß herbei, das Schloß wieder herzustellen und den gedachten Zwecken zuzuführen.

Die ersten Bauarbeiten begannen gegen Ende des Jahres 1958. Durch den Bau der im Schloßbereich errichteten Schule wußte man um den sehr schlechten Baugrund. Es handelt sich um einen mit feinstem Sand durchsetzten Lehm, der, je nach Witterung, wie Schaumgummi den Tritten nachgibt. Die sehr breiten Fundamente des Schlosses, bedingt durch das nicht unterteilte große, den ganzen Hauptbaukörper von Süden nach Norden durchziehende Tonnengewölbe des Kellers, verteilen den senkrechten Druck so, daß die Standfestigkeit des Schlosses vom Fundament her gewährleistet erscheint. Das gilt aber gemäß der Wölbung nur für die West- und Ostfassade, die daher auch beide am besten erhalten waren, nicht für die Giebelseiten.

Die Kräfte der Zerstörung lagen zusätzlich aber auch im Aufbau, der eine geradezu groteske Pfuscharbeit der Maurer darstellt. Nicht nur, daß außer den Quadern an den Ecken das Mauerwerk regellos ohne Schichtung aus kleinen und großen Bruchsteinen, also ohne ordnungsgemäßen Verband, aufeinandergesetzt worden war, auch der Mörtel, offenbar aus dem örtlichen mit Letten durchsetzten ungewaschenen Sand ohne wesentliches Bindemittel hergestellt, war von so minderer Qualität, daß er vom Druck der Steine buchstäblich zermalen wurde und aus den Fugen herausrieselte. Hier liegt die zweite Ursache der zahlreichen Risse im Mauerwerk. Die Verschiebungen in der Horizontalen werden in den gerissenen Sandsteinstürzen und Fensterbänken augenfällig. Die ganze Südseite bis in das Giebelfeld war einsturzgefährdet.

Seit langem für den Zugang gesperrt war der Treppenturm. Geringer waren die Schäden auf den anderen Seiten, jedoch durchzogen starke senkrechte Risse die Vorderfront beider Ecktürme.

Ursächlich in Zusammenhang mit dem stetigen Verfallsprozeß der Mauern stand die Zerstörung des Putzes, der in ganzen Scheiben abgefallen war. Wo er noch anhaftete und als alter Putz unter einem späteren rauhen Bewurf sichtbar wurde, stand er so unter Spannung, daß er im Zuge der Bauarbeiten selbst dort, wo seine Erhaltung wünschenswert erschien, nicht gerettet werden konnte. Er löste sich und nahm den Fugenmörtel aus dem Mauerwerk mit.

Die außergewöhnlich unregelmäßige Oberfläche des Rohbaues brachte es wohl auch mit sich, daß im Putz der Ausgleich gesucht wurde. Seine Stärke schwankte zwischen einer dünnen Schlemme und etwa 6 cm. Die Oberfläche des alten Putzes war so glatt, wie es das Material zuließ.

Aber gerade dieser eingehende Bericht von Fuchs wurde zu einer Verpflichtung, allen Spuren, die einen Hinweis zur Wiederherstellung geben konnten, um so sorgfältiger nachzugehen.

Gegenüber früheren Beschreibungen und Rekonstruktionsversuchen hat das Äußere durch die Möglichkeit intensiverer Forschungsarbeit während der Baumaßnahmen zwei grundsätzliche Änderungen erfahren, die das Bild auf den ursprünglichen Zustand zurückführen und zugleich wesentlich bereichern. Es sind dies einmal die vier dreigeteilten Steinpfostenfenster in den Hauptansichten der beiden Ecktürme im Erd und ersten Obergeschoß, von denen bereits oben die Rede war. Hinzu kommt schließlich an Stelle eines einfachen Fensters im Erdgeschoß auf der Nordseite ein viergeteiltes, wobei der mittlere Steinpfosten zur Aufnahme einer Innenwand doppelte Stärke besitzt, d.h. es wurde das am ganzen Haus vorhandene zweigeteilte Fenster mit einem gleichen noch einmal gekuppelt.

Zweigeteiltes Fenster der Front eines Eckturms - von Innen gesehen - vor der InstandsetzungDie ersten Arbeiten galten naturgemäß der Sicherung des Bestandes gegen weiteren Verfall sowie der Behebung der allenthalben zutage getretenen Schäden. An den Stellen, an denen die senkrechten Risse Fensterstürze und -bänke durch Verschiebungen innerhalb der Horizontalen zerstört hatten, wurden konstruktive Stürze oberhalb der alten Sandsteinstürze cinbetoniert, die zum Teil nach rechts und links vom Fensterlicht weit ins Mauerwerk eingriffen. Die Fugen des nicht zerstörten Mauerwerkes wurden bis in die Nähe der Risse ausgekratzt und mit hochwertigem Mörtel wieder ausgefugt. Sodann wurden die Steine innerhalb der Schadensstellen herausgenommen und neu vermauert. Die Arbeiten waren langwierig, weil infolge Einsturzgefahr nicht an mehreren Stellen zugleich gearbeitet werden konnte. Bei Herausnahme der Stürze rutschte nahezu an allen Stellen das Mauerwerk in Flächen von einem bis zu mehreren Quadratmetern, ungebunden durch den Mörtel, nach und mußte neu aufgemauert werden. An den Bögen über den beiden Kellereingängen und beim großen Bogen über dem Zugang zum tonnengewölbten Keller klafften Löcher bis ins darüberliegende Geschoß.

Die Sicherung des Treppenturmes geschah vor der Inangriffnahme aller an ihm notwendigen Arbeiten zunächst durch Umlegen eines Stahlbandes in etwa halber Höhe und dessen Verankerung im Mauerwerk des Hauptbaues. Erst nach dieser Arbeit zur Vorbeugung eines Auseinanderbrechens des ganzen Turmes konnten die Mauerrisse beseitigt und die gebrochenen Fensterstürze und -bänke erneuert werden. Danach wurden von oben nach unten fortschreitend die gesamten Treppenstufen herausgenommen, wobei sich herausstellte, daß nur ein Bruchteil dieser Stufen am Auflager nicht abgebrochen und daher wieder verwendbar war.

Parallel zu den Arbeiten des Maurers lief der Einsatz des Zimmermanns zur Sicherung des Dachstuhles und der zerstörten Balkenlagen. Bei der Herausnahme des Einschubes in den Balkenlagen, der durchweg aus Strohlehm bestand, zeigte sich an verschiedenen Balken des Obergeschosses eine Malerei in Art von langgezogenen Kassetten, goldocker mit schwarzen Begleitlinien, woraus geschlossen werden muß, daß ursprünglich eine in ganzer Höhe sichtbare Balkenlage vorhanden war, bei der die Zwischenfelder aus der Unterseite der Fußbodendielen des darüberliegenden Geschosses bestanden. Die Nutzung der Räume erscheint hierdurch so fragwürdig. daß das Schloß in dieser Form kaum als Dauerwohnsitz gedient haben kann. Eine Herstellung dieses frühesten Zustandes verbot sich für den heutigen Gebrauch als Büros. Hinzu kommt, daß in vielen Bereichen die Balkenlagen durch die Eingriffe bei der Sicherung ihren ursprünglichen Rhythmus eingebüßt hatten und daher nur an wenigen Stellen wieder sichtbar gemacht werden konnten. Ein großer konstruktiver Aufwand war notwendig, um im Rathausgeschoß ein feuersicheres Archiv zu errichten. Das Tonnengewölbe im Keller wurde an einer Stelle über seinem Scheitel in der ganzen Querrichtung von Stahlträgern überspannt. Auf dieser Konstruktion stehen zwei betonierte Pfeiler, die die Auflagerkonstruktion im Inneren für eine Stahlbetondecke bilden, auf welcher kistenartig und feuersicher der Archivraum als sekundärer Raum innerhalb eines Zimmers im ersten Obergeschoß sich befindet.

Was stand nun zu einer zeitgerechten Wiederherstellung des Baues an Dokumenten, die aus der Erbauungszeit, am Bau selbst ablesbar, in unsere Zeit herüberragten, zur Verfügung? Der Putz war am östlichen Anbau, dem sogenannten Küchenbau, am besten erhalten, weil die Gewichte des Mauerwerkes hier ungleich geringer waren als am Hauptbaukörper und der auch hier gleich schlechte Mörtel nicht innerhalb der Steine so stark zerrieben wurde. Die Farbe dieses Putzes war ein lehmiges Graugelb, auf dem bei näherer Betrachtung an der Nordostecke des Anbaues als weißer Schimmer in Linien und Flächen eine Diamantquadermalerei zu sehen war. Diese Malerei befand sich nur noch auf dem Putz, während sie auf den Sandsteineckquadern ganz weggewittert war. Sie berücksichtigte auch nicht die konstruktive Fugenteilung, sondern war dekorativ in regelmäßiger Einteilung, d.h. gleicher Quaderhöhe, bei den gemalten Bindern wie bei den gemalten Läufern einwandfrei zu erkennen. Unter dem kleinen Giebel des Anbaues über dem Fenster des Obergeschosses war weit auseinandergezogen, wiederum nur als ein weißer Schimmer, die Jahreszahl 1608 zu erkennen. Zwei Fensterumrahmungen dieses kleinen Anbaues zeigten Reste dekorativer Malerei über den Stürzen als eine Art Verdachung,.


Die gesamte Dokumentation zum Schmieheimer Schloss mit zusätzlichem Bildmaterial zu den Umbauarbeiten können Sie hier herunterladen download

zurück


Kippenheim Engel


Engel Kippenheim - Noch immer handelt es sich um ein Bauwerk in drei Etagen als Fachwerk über massivem Erdgeschoss mit Krüppelwalmdach in Mansardenausführung und reichlich Zierwerk am ganzen BauWo "Mittelalter draufsteht ist noch lange kein Mittelalter drin". "Dieses schöne Haus soll nicht echt sein?" - höre jetzt leise Seufzer. Und ja, so verhält sich das tatsächlich: der frühere Gasthof Engel ist ein Bauwerk aus dem vorigen - also 20sten - Jahrhundert und er hat uns ja wirklich nicht getäuscht, denn getäuscht haben wir uns selbst. "Zu schön um wahr zu sein", könnte man an dieser Stelle sagen. Ein Bauwerk mit diesen Accessoires darf man eventuell in Lübeck oder Nürnberg erwarten. Dort sind die "Verzierungen" auch aus Holz und hier - in Kippenheim - sind sie eben aus Beton.

Ist das Haus deshalb "nichts mehr wert"? Keinesfalls, denn das Fachwerk ist ebenso echt, wie die Butzenscheiben und die Erbauer kommen auch nicht aus der Disneyworld. Sie waren vielmehr versierte Handwerk, die ihre Arbeit verstanden.

Sinngemäß teilt uns das auch Erich Honickel - einer meiner ganz frühen Mentoren (Vater eines Schulkameraden) und späteren Kollegen - im Aufsatz unten mit. Auch dieses Bauwerk darf man mögen und bestaunen.

Noch immer handelt es sich um ein Bauwerk in drei Etagen als Fachwerk über massivem Erdgeschoss mit Krüppelwalmdach in Mansardenausführung und reichlich Zierwerk am ganzen Bau.

Das im ersten Obergeschoss leicht kragende Fachwerk steht auf hohem Sockel mit reichlich Bogenfenstern und ist auch dann eine handwerkliche Meisterleistung, wenn wir uns vielleicht im Jahrhundert der Erbauung vertan haben.

Haus Kammerzell Strassburg erbaut 1427Der Eck-Erker steht diagonal zum "echten" Eck-Erker am Renaissace-Rathaus und das scheint ihm nicht das Geringste auszumachen.

Ein Kippenheimer "Urgestein" sprach mich beim Fotografieren an. Er wusste um den Sachverhalt der Erbauungszeit offensichtlich bestens Bescheid: "Wisse Si, wellem Huus des nochbaut isch?" Nein, ich hatte keine Ahnung. "Denno schaue si emol s'Kammerzell in Schtroßburg an - dann wisse sie's au". Wie recht er hatte.

Dass man - wie gesagt - auch den Engel ungestraft mögen darf, versucht uns jetzt Erich Honickel (Autor: Lahr um 1900. Bauten und Baumeister, Architekturzeichnungen. Hrsg. vom Kulturkreis Lahr e.V.) zu vermitteln.

Honickel, Erich: Das einstige Gasthaus "zum Engel" in Kippenheim (Geroldsecker Land, Heft 32 - 1990) Seite 176-183

Der Fotograf hat sich in die Butzenscheiben verliebt, ein seltenes Motiv, in dem sich das Sonnenlicht vielfältig bricht und die Schnitzereien des Gebälks mit ihren tiefen Schatten lebendig hervortreten. Immer wieder zieht es ihn dorthin mit seinem Apparat. Er bittet die Frau, die im Hause wohnt, ein offenes Fenster zu schließen, bestrebt, ein vollendetes Bild zu erhalten. Die Butzenscheiben sind tatsächlich echt, in handwerklicher Arbeit aus unzähligen runden Glastellern, die wie abgebrochene Füße von Stielgläsern aussehen, mit Bleiruten zusammengesetzt, mit einem "Butzen" in der Mitte, der beim Abschmelzen mit der Glasmacherpfeife übrig bleibt. Diese biegsamen Scheiben müssen dann durch sog. Windstangen am Fensterrahmen befestigt werden. Der Gebäudekomplex atmet einen Hauch von Alt-Straßburg und ist eigentlich für die umgebenden Häuser zu protzig. Verständlich ist eine gewisse Konkurrenz zum gegenüberliegenden Rathaus, mit dessen einem Erker der Eckerker unseres Hauses korrespondiert.

Der Kunstwissenschaftler um einen Kommentar gebeten, winkt zunächst ab. Nachgemachtes Mittelalter! Butzenscheibenromantik! Doch es reizen ihn die Dekorationsformen, die Baumaterialien, die bauliche Konzeption, der Anlaß für ein so aufwendiges Gebäude. Da zeigt sich nun zunächst, durch Photographien bestätigt, daß das Gebäude 1905 errichtet wurde an der Stelle eines alten, ein Jahr zuvor abgebrannten und weit niedrigeren. Das Grundstück mit Hof und Ökonomie blieb gleich. Auf dem Anwesen ruhte eine Realwirtschaftsgerechtigkeit für ein Gasthaus "zum Engel". Zum Baustil ist zu sagen, daß trotz historisierender Einzelformen eine an der Funktion gemessene Anordnung der Baukörper stattgefunden hat, die in die Richtung der Moderne führt. Eine sehr frühe Verwendung von Zementgußteilen an Stelle von Steinmetzarbeiten im heimischen Sandstein ist festzustellen. Das sei, erklärt ein Architekt, auf die gesunkenen Zementpreise infolge neuer Herstellungsverfahren zurückzuführen.

Jetzt die Kardinalfrage: wer war der entwerfende Architekt? Alle in Frage kommenden Archive bis zum Generallandesarchiv haben keine entsprechenden Unterlagen. Kippenheim gehörte bis 1924 zum Bezirksamt Ettenheim. Da tritt ins Bewußtsein das Bild eines ähnlichen hochgiebligen Hauses mit Erkern auf Konsolsteinen, mit Butzenscheiben, dunklen Balken und Schnitzereien, das im Heft des Kulturkreises "Lahr um 1900" unter Nr. 51 abgebildet ist, aber schon 1971 abgerissen wurde.

Architekten: Felix Tilk und Erich Helmrich v. Elgott 1907. Recherchen bei alten Lahrern ergeben wenigstens den Namen des Bildschnitzers. Es ist Otto Zschunke, der 1900 von Meißen nach Lahr kam und sich dort verheiratete. Seine hochbetagte Tochter wird aufgesucht. "Hat Ihr Vater vielleicht auch in Kippenheim am 'Engel' gearbeitet?" Ja, er hat! Er müßte dann wohl auch den großen Engelskopf in Ton modelliert haben, damit er mittels einer Negativform in Zement abgegossen werden konnte. Eine Ortsbesichtigung in der Erinnerung an den Vater wird sogleich vorgenommen.

Wer hat nun das heutige Gebäude errichtet?

Butzenglasfenster im Erker am Engel KippenheimDie Vermutung ging zuerst in Richtung einer großen Brauerei, die ein so opulentes Anwesen gewissermaßen als Firmendesign mit altdeutschem Touch errichtete, ähnlich wie die Riegeler Brauerei es schon 20 Jahre früher praktizierte mit ihren Niederlagen in Ettenheim und Lahr. Nun, es war die Baufirma Beton-Schwarz aus Lahr, die einen neuen "Engel" errichtete und das vergrößerte Gasthaus mit einem Saal im Obergeschoß verpachtete. Durch dauernden Hader mit den Pächtern verkaufte die Firma Schwarz das Haus an den Spezereiwarenhändler und Ratschreiber Bohnert, der gerade gegenüber sein Haus hatte und dieses wiederum an den Nachbarn im roten Rokoko-Haus, den jüdischen Eisenwarenhändler Wertheimer veräußerte, der mit den rückwärtigen Baulichkeiten sein Eigentum für den Eisengroßhandel abrunden wollte. Die Familie Bohnert richtete im Gasthaus ihr Kolonialwarengeschäft ein und im darüber gelegenen Saal durch Einbau von Trennwänden ihre Wohnung. Bohnert mag sich ähnlich vorgekommen sein, wie der Erbe eines englischen Schlosses: hohe Zimmer, aufwendige Ausstattung, hohe Unterhaltskosten.

Es ist ein Schmuckstück geblieben

Das Erdgeschoß besteht aus verputztem Mauerwerk. An den Schaufenstern und deren Sockel sowie am Eingang sind große Partien von Zementgußsteinen, die nach gotischer Manier durch Verstabung abgetreppt sind. Über dem Eingang ist als Stütze für den doppelt vorragenden Eckerker eine halbe gotische Gewölbekonstruktion, technisch unsinnig, als bloße Dekoration ebenfalls in Zementguß mit innerer Stahl-Armierung angebracht. Die gekuppelten Fenster mit Segmentbogen werden durch eine gedrungene Säule toskanischer Ordnung mit eingetieften Kanneluren getragen. Über dem verzierten Abschlußwulst füllt ein großer plastischer Engelskopf mit Flügeln den Mauerzwickel.

Das andere Schaufenster bildet einen gestelzten Bogen mit zwei senkrechten Profilstreben. Die drei Obergeschosse sind als Fachwerk errichtet, das eher technisch als ornamental konzipiert ist. Ausführender war Zimmermeister Nowack, der Großvater des heutigen Firmenchefs. Das Dach ist abgewalmt und mit zwei Gaupen versehen. Das Geschoß über der Gaststube als ehemaliger Saal ist vorgekragt. Die kräftigen Umrahmungen der Fenstergruppen sind mit reichem Schnitzwerk versehen. Da finden sich an den beiden Ecken des Erkers Renaissance-Säulen angedeutet, die an ihrem Schaft kanneliert sind, darunter Engelsköpfchen mit Flügeln und Flöten über Früchtekranz und Weinblatt, am Sockel eine Blattmaske. Oberer Abschluß ist ein Kompositkapitell. Die Leisten an den Fensterbrüstungen haben antikisierenden Kymationfries, die Stürze Perlstab. Acht schmale Fensterzwischenpfosten sind mit antikisierenden Hermen versehen, d. h. architektonisch: aus einem kantigen Unterteil wächst ein nackter Jungmädchenoberkörper heraus. An vier Stellen unter der Fensterbank sind Puttenköpfe ohne Flügel über einem Tuch zu finden. An einem breiten Fensterbalken wächst ebenfalls aus einem kantigen Unterteil der nackte Oberkörper einer heute armlosen Figur heraus. Der Übergang ist durch ein Lendentuch verdeckt. Es ist ein bocksfüßiger, (natürlich nur am zottigen Brusthaar erkennbar), langohriger, bärtiger und gehörnter Satyr aus dem Gefolge des Weingottes Bacchus.

Der Philosoph fragt nach der Herkunft der Bilder nach ihrem Sinngehalt. Bezogen auf die für Herbergen und Gasthäuser üblichen Embleme, insigna oder Schilder sollen hier nur diejenigen mit christlichem Inhalt erwähnt werden. So haben hauptsächlich in der Zeit der Gotik, als die Kirche alle Zweige der Gesellschaft durchdrang, die religiösen Bruderschaften, die wohltätigen Vereine und die Zünfte Schilder ausgehängt und Fahnen mit dem Bild ihres Schutzpatrons geschwenkt. Der hl. Michael beschirmte die Bäcker, der hl. Jakob die Hutmacher, Krispin die Schuster, Eligius die Goldschmiede, Anna die Schreiner. Der hilfreiche Martin war der Patron der Wirtsleute, der hl. Georg Patron der Reiter, der Engländer, Soldaten, Pfadfinder, fahrenden Ritter. Die Schmiede von Chur reimen 1596:

Die Löbliche Zunft steht in Gottes Hand
und ist von alters her zum Paradies genannt.

Im Züricher Wappen von 1603 steht:

Der Anfang der Weisheit ist die Gottesfurcht.

Als Namen für Herbergen kommen die Evangelistensymbole am häufigsten vor: Adler, Stier, Löwe und Engel, Sonne, Kreuz, Sterne (der Könige, der Hirten, des Meeres), Rose (Salomo, Jesaja), die Drei Könige, das Jesuskind, das Osterlamm sind ebenfalls zu finden, wobei mit der Zeit aus dem Jesuskind das "Kindli" wird, aus dem Osterlamm das "Lamm" und aus dem hl. Martin zu Pferd das "Rößle". Die Renaissance bringt eine völlige Profanierung. Bacchus, der Gott des Weines mit Gefolge zieht ein. Dazu sei ein Gedicht des Charles Robinet zitiert, das er 1669 an die Herzogin von Burgund richtete.

Die Frömmigkeit zu dem Wunsch mich drängt,
Kein Bild mehr werde hinausgehängt,
darauf die Heiligen und sogar Gott
Allen gläubigen Menschen zum Spott
Höchst unheilige Orte verkünden.
Kann man nicht andere Zeichen finden?
Da gibt es Venusse und Artemisse,
Da gibt es Cupidos und Adonisse,
Auch tausend andere würden passen,
Die Häuser zu schmücken in unseren Gassen.
Symbolskulptur für die alte Schildgerechtigigkeit - EngelAm Schluß dieser Betrachtung wäre nichts Schöneres zu sagen, als was René Creux in seinem Buch "Schilder vor dem Himmel" 1962 (Editions de Fontainemore) geschrieben hat:

"Man mißt den Schildern, die ein Obdach bezeichnen, eine Stätte, wo der Fremde aufgenommen, gespeist, beschützt wird, einen symbolischen Wert des Friedens, der Barmherzigkeit bei, gewissermaßen ein Andenken, das sich an Epochen knüpft, da die Gastlichkeit noch eine Pflicht war und nicht eine Quelle des Profits."

Und nun wäre noch über die Engel ein Satz zu sagen, der uns wieder nach Kippenheim zurückführt. Es heißt da, daß sie als eifrige Diener göttlichen Willens von Künstlern des Barock geschätzt gewesen seien wegen ihrer Schönheit und Anmut und wegen der erregenden Wirkung ihrer fließenden Gewänder und ihrer Flügel. Sie verkünden gute Nachricht, beschirmen die Reisenden; gutmütig bringen sie den Wein, wie ein Wirtshausschild aus Klein-Lützel, dem einstigen Zisterzienser-Sitz, an der Grenze zwischen dem Sundgau und Basel-Land aus dem 19. Jahrhundert zeigt. Ja, den Wein, von dem der elsässische Dichter Gottlieb Konrad Pfeffel (1736-1809) - vgl. Heft 14 dieses Jahrbuchs S. 174 - einst sagte:

Das langsame Gift

O! glaubt mir, sprach ein Arzt mit einem ernsten Winke
Zum alten Zecher Veit, o! glaubt mir, laßt den Wein:
Er ist ein langsam Gift. - Ja, langsam muß es sein,
Versetzt er, weil ich es schon fünfzig Jahre trinke.

Der alte Zecher Veit wußte, daß es auf das Maß ankommt, wie denn Paracelsus, der erste Pharmazeut, die Apotheker gelehrt hat, daß es die Dosis ist, die das Gift zum Heile oder zum Schaden gereichen läßt. Und die Kippenheimer sind's zufrieden, daß der Engel wie früher im Gasthaus, so auch heute in der Apotheke Heilsames verabreicht.

zurück

Zehntscheuer


Zehntscheuer Kippenheim - Nun sieht man zur Linken ein mächtiges Fachwerkgebäude - das wahrscheinlich älteste Haus Kippenheims - die ehemalige ZehntscheuerDie Untere Hauptstraße und in Verlängerung die Poststraße "haben es in sich" - ein Bau- und Kulturdenkmal folgt dem andern. Kaum ist man am Renaissance-Rathaus vorbei, wartet auch schon der Stockbrunnen und in der Diagonalen die alte Stulz- und Grechterstube im Rinduß.

Nun sieht man zur Linken ein mächtiges Fachwerkgebäude - das wahrscheinlich älteste Haus Kippenheims - die ehemalige Zehntscheuer. Selten sieht man in unserer Region ein Fachwerkshaus in dieser Größe. Zwei Stockwerke und ein offensichtlich drittes, einst bewohnbares Stockwerk im Satteldach (kleiner Walm zur Postraße und Schleppgaupen) - giebelseitig zur Poststraße - über dem verputzten Erdgeschoss, welches mit Fensterbögen und einem Portal im Bogengewand aufwartet.

Die oberen Stockwerke leicht vorkragend, beiendruckt die zur Straße gewandte Giebelseite mit ihrem meisterlichen Fachwerk.

Der nachfolgende Ortsbeschrieb von Martin Hesselbacher - der Denkmalbehörde gibt Aufschluss über die baulichen Eigenheiten. Deshalb hier zunächst nur ein Stimmungsbild.

Der Ortskern Kippenheims besitzt einige bemerkenswerte Bauwerke, wie das Renaissance-Rathaus, den Marien- oder Stockbrunnen, die Synagoge und viele Fachwerks- und Barockbauten. Gelangt man aber von Rathaus in die Poststraße, wird man von der Dominanz der alten Zehntscheuer "mächtig" beeindruckt. Die Häuser auf der Ostseite der Poststraße - nicht gerade klein zu nennen - weichen neben der Zehnscheuer regelrecht "in den Hintergrund". Dabei ist es nicht alleine die bauliche Größe des Hauses. Genauso überwältigend ist die meisterliche Fachwerkskonstruktion über dem verputzten Sockel im Erdgeschoß. Dies war allerdings nicht immer so, wie gleich zu erfahren sein wird. Der heutige Zustand der ehemaligen Zehntscheuer ist nur einer gemeinsamen Anstrengung  von Handwerkern, Gemeinde und Land zu verdanken.

"Abschließend sei nochmals allen schon genannten Behörden und Personen sowie den Handwerkern für ihre Mitwirkung bei diesen beiden denkmalpflegerischen Aufgaben herzlichst gedankt; ganz besonders sei dabei aber Bürgermeister Fritschmann von Kippenheim lobend hervorgehoben, der sich sehr für die Erhaltung der beiden historischen Baudenkmale eingesetzt hat." M. Hesselbachen, ebenda)

Martin Hesselbacher - Bd. 4 Nr. 1-2 (1961): Nachrichtenblatt der Denkmalpflege in Baden-Württemberg

Das Nachbargebäude rechts der Zehntscheuer - m.E. zu ähnlicher Bauzeit erstanden, weißt eindeutig ein zur Straßenseite traufseitig gerichtetes Krüppelwalmdach mit Gaupen (Gauben) aus. Doch lassen wir Martin Hesselbacher selbst befunden:

Zehntscheuer Zustand vor RenovierungEinen mächtigen Fachwerkgiebel, der über die Gebäudeflucht weit herausragt, und einen Brunnen, der unmittelbar an der Straßenkurve steht. Der Fachwerkgiebel gehört zum ehemaligen Zehntgebäude von Kippenheim, dem heutigen Hause Hebding, Poststraße 5. Da dieses Haus in der langen Reihe der sonst nur mit Traufenhäusern bebauten Poststraße das einzige Giebelhaus ist, noch dazu mit der beachtlichen Firsthöhe von 14,50 m, erkennt man leicht, daß es ursprünglich eine besondere Funktion innegehabt haben muß. Nach mündlicher Überlieferung diente das Erdgeschoß des stattlichen Gebäudes ursprünglich als Kaufladen. Hierauf deuten auch die Fensteröffnungen der Straßenseite hin. Sie waren alle als Rundbogenöffnungen gestaltet in Werksteineinfassung mit nach unten zu klappenden Holzläden zum Auslegen der Waren. Noch heute sieht man deutlich in den vermauerten Fensterbänken die Stellen, an denen die Angeln der Fensterladenbänder eingelassen waren. Durch eine breite Einfahrt, deren Bogenöffnung ebenfalls noch in der Mauer zu sehen ist, konnten Fahrzeuge bis in den Hof gelangen, von wo aus man erst über eine Treppe die Wohnungen im Obergeschoß erreichte. Durch Einbau einer Wohnung in das Erdgeschoß im 18. Jahrhundert ist diese sicher sehr reizvolle Bogenarchitektur völlig verwischt worden. Das Gebäude stammt ausweislich einer Bauinschrift über der ehemaligen Toreinfahrt aus dem Jahre 1581. Es gchört also zu den wenigen Fachwerkhäusern im Landkreis Lahr, welche den Dreißigjährigen Krieg überstanden haben. Dies ist nach Hermann Schilli deshalb von besonderer Wichtigkeit, weil das Gebäude damit jenen infolge der Kriegszerstörungen selten gewordenen Fachwerktypus des Übergangsstilcs von der alten gotischen zur Renaissancekonstruktion in dersüdwestdeutschen Abzimmerung repräsentiert. Vom Mittelalter her rühren noch die weiten Abstände der Bundsticle, welche als Konstruktionselemente der Raumaufteilung im Innern des Gebäudes entsprechen.

Charakteristisch ist auch die in allen Geschossen durchgeführte vertikale Dreiteilung der Riegelwände durch Brustund Sturzriegel und die konsequent symmetrisch durchgeführte Anordnung aller Fachwerkhölzer der drei Dachgeschosse, bezogen auf die Mittelachse des Giebels, wobei als besonderes Rudiment aus alter Zeit die verkümmerte, weil nicht bis oben durchgeführte, Firstsäule zu betrachten ist. Entsprechend der Geflogenheiten spätmittclalterlicher Bauweise hatte auch das erste Obergeschoß die gleichen kleinen Fensteröffnungen wie die drei Dachgeschosse und die gleiche symmetrische Einteilung der Fachwerkkonstruktion.

Zehntscheuer Renovierungmassnahmen 1959Als Kriterium einer neuen Fachwerkbauweise, die zu Ende des 16. Jahrhunderts im südwestdeutschen Raum auftritt, können dagegen die Fensterkuppelung im ersten Fachwerkgeschoß, die geschweilten Andreaskreuze und die vollen Knaggen der „Mannkonstruktion“ an den Bundstielen aufgefaßt werden. Für diese Zeit ganz besonders typisch ist der „Zwergwalm“, d. h. die Brechung der Firstspitze des Giebels durch ein kleines dreieckiges Dächlein, ein modisches Architekturelement, das in jener Zeit erstmals an der Metzig in Straßburg aufgetreten ist, von dort seinen Ausgang nahm und zum Charakteristikum von unendlich vielen Fachwerkhäusern in den Dörfern beiderseits des Rheines geworden ist.

So wird in den „Fachwerkdörfern“ der Rheinebene in den ehemals Bischöflich-Straßburgischen, den Hanau-Lichtenbergischen und Lahr-Malbergischen Herrschaftsgebieten das Straßenbild auch heute noch größtenteils von Giebelhäusern mit Zwerg- oder Krüppelwalmen bestimmt. Wie fast alle Gebäude dieser Art ist auch das Zehntgebäude von Kippenheim dem Wandel der Zeiten unterworfen gewesen. Änderungen in der Nutzung brachten Umbaumaßnahmen im Innern mit sich, die auch die Struktur der äußeren Fachwerkkonstruktion nicht verschonten. Im wesentlichen wird ein Umbau im Jahre 1769 die Umgestaltung der Fassaden mit sich gebracht haben. Die Verbauung der Ladenfenster im Erdgeschoß und der Einbau der großen Fenstceröffnungen im ersten Fachwerkgeschoß werden, wie schon oben berührt, jener Zeit zuzuschreiben sein. Was uns aber für das Gebäude als besonders wesentlich erscheint, ist dies, daß bei dem genannten Umbau große Teile der ursprünglich zweifellos ganz aus Eichenholz bestandenen, weil auf Sicht berechneten,

Fachwerkkonstruktion des Giebels - wohl wegen ihres schlechten Zustandes — ausgebaut und durch Forlenholz ersetzt worden sind und anschließend die ganze Fassade einschließlich des Fachwerks überputzt worden ist! Seit dieser Zeit geschah an dem Gebäude nichts mehr, so daß es einer langsamen Verwahrlosung anheimfiel, die bis zum drohenden Einsturz führte.

In eingehenden Besprechungen zwischen der Bauabteilung des Landratsamtes Lahr, dem Bürgermeisteramt Kippenheim und der Staatlichen Denkmalpflege wurde übecrlegt, wie diesem Zustand abgeholfen werden könnte. Man kam zum Ergebnis, das schöne alte Haus nicht abzubrechen, sondern durch eine gründliche Instandsetzung, namentlich der Fassade, dem Ortsbilde von Kippenheim zu erhalten. Mit finanzieller Unterstützung des Landkreises Lahr, des Vereins zur Erhaltung der Burgruine Geroldseck, der Gemeinde Kippenheim, der Badischen Landeskreditanstalt Karlsruhe und unseres Amtes konnte im Jahre 1959 die Instandsetzung des Gebäudes durchgeführt werden. Der Leiter der Kreisstelle für Denkmalpflege Lahr, Baurat Dipl.-Ing. Steurer, hat sich in dankenswerter Weise dieser Maßnahme angenommen und sie mit großem Geschick durchgeführt. In zeichnerischen und photographischen Aufnahmen werden die Bilder der Fassade vor und nach der Instandsetzung einander gegenübergestellt.

Zehntscheuer nach Renovierung 1962Im massiven Erdgeschoß wurde die Erinnerung an die einstigen großen spätgotischen Ladenfenster wieder wachgerufen, indem die Wohnraumfenster korbbogenartig überwölbt wurden, wobei zum Teil alte Architekturteile mitverwendet werden konnten. Der Wunsch der Denkmalpfiege, die alte Toröffnung mit Durchfahrt in den Hof wieder herzustellen, konnte leider nicht erfüllt werden, da auf die dahinter liegenden Wohnräume vorerst nicht verzichtet werden kann. Weit schwieriger war das Problem der Sicherung der Fachwerkgeschosse zu lösen. Nach Herunterschlagen des fragmentarisch erhaltenen Verputzes zeigte es sich, daß ausnahmslos alle Fachwerkhölzer der Giebelfassade durch Verwitterung, Fäulnis und Wurmbefall unbrauchbar geworden waren. Da in den einzelnen Knotenpunkten kein fester Zusammenhang mehr bestand, stellte die Giebelfassade also nicht mehr die erste Binderkonstruktion, d. h. einen Teil des Hausgerüstes dar, sondern sie wurde nur noch schwach von den dahinter liegenden Bindern über die Längshölzer und das Dach gehalten und drohte deshalb auf die Straße zu fallen, was fast einem Einsturz des Gebäudes gleichgekommen wäre.

So wurde kurzerhand der einzig richtige Entschluß gefaßt, die Giebelfassade abzubrechen und mit völlig neuem Holz wieder aufzubauen. Dabei konnte die Fachwerkkonstruktion von allen späteren Veränderungen bereinigt und ihr ursprünglich klares Prinzip weitgehend zurückgewonnen werden. Die tragenden Hölzer, wie Bundstiele, Pfetten usw., erhielten wieder eine gesunde Breite, während die übrigen Fachwerkhölzer, vor allem die geschwungenen Andreaskreuze, feingliedrig dazwischen gebaut wurden. Alles sichtbare Holzwerk wurde in alter Zimmermannstechnik gebeilt. Zimmermeister Nowack senior, Kippenheim, der inzwischen verstorben ist, hat sich mit dieser Arbeit des Holzbeilens, die heute schon fast ganz aus der Übung gekommen ist, ein Denkmal handwerklicher Leistung gesetzt. Auch wurde zur alten Ochsenbluttechnik zurückgegriffen und dem Holz dieser seit Jahrhunderten bewährte Anstrich aus Ochsenblut und Leinöl mit einem Luftlacküberzug gegeben.

Zehntscheuer Zeichnung  K List
So war es auch selbstverständlich, daß die Ausriegelung einen Verputz in Weißkalkmörtel erhielt. Und es darf abschließend bemerkt werden, daß das Gebäude auch in allem übrigen bis zum kleinsten Detail in werkgerechter Art und Weise hergerichtet worden ist. Angefangen von der Dacheindeckung mit alten Biberschwanzziegeln über die Anbringung neuer Bretterläden und die Anordnung einer konsequent kleinsprossigen Verglasung in den neuen Fenstern bis zu den handgeschmiedeten Blumengittern und den Handstrichornamenten der Verputzuntersicht der vorstehenden Fachwerkgicbelwand ist die Wiederherstellung des Gebäudes als ein Meisterwerk zu bezeichnen, das zur Zierde von Kippenheim geworden ist. Die farbenfrohe Fassade mit den weißen Putzfeldern zwischen den dunkelbraunen Riegelhölzern und den tiefroten Fensterläden und nicht zuletzt belebt durch den reichen Blumenschmuck sollte nun jedem Vorbeifahrenden besonders angenehm auffallen.

zurück

Stulz'sches Haus (Hospital)

 
Stulz'sches Haus Kippenheim - Georg Stulz wurde am 17. Februar 1771 in badischen Kippenheim bei Lahr als Sohn eines Schneiders geborenBevor einige Worte / Zitate den Gründer des Hauses würdigen - hier ein kurzer des Hospitals:

Das Haus steht nahe zum Ortsausgang Kippenheims Richtung Freiburg zur Linken mit einem beschaulichen Garten und direkt vor dem auf dem auf leichtem Hügel erbauten Denkmal, welches Georg Stulz gewidmet wurde.

Stulz ließ das Haus als Spital 1830 erbauen, was die relative Größe des Baus in der doch 1830 noch kleinen Gemeinde Kippenheim erklären dürfte.

Das Gebäude entspricht dem zeitlichen Übergang später Renaissance (strenge und klare Gliederung mit wenigen Dekorationselementen) zum Barock und wird von einem massiven, schmucklos klaren Walmdach bedeckt.

Zur Westseite zeigen sich fünf Achsen auf deren Mittelachse das Portal auf einer fünfstufigen Sandsteintreppe betreten wird und von eine Sandsteingewand gefasst ist.
Auf dem hervorkragenten Türsturz findet sich der Gündername  Georg Stulz und die Zeit des Erbauens eingemeiselt.

Der Bau macht einen sachlich, nüchternen und aufgeräumten Eindruck und der südlich liegende Garten / Park führt zum Denkmal - mit gusseisernen Elementen aufgebaut - auf einem hohen Sandsteinsockel stehend.

Georg Stulz (1771 - 1832)

Georg Stulz wurde am 17. Februar 1771 in badischen Kippenheim bei Lahr als Sohn eines Schneiders geboren. Er war in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und begann mit 14 Jahren eine Schneiderlehre in Karlsruhe. Seine Kenntnisse und Fertigkeiten erweiterte er in Frankfurt am Main und Genf. Er folgte einem Engländer und gelangte solchermaßen nach London. Dort wurde er schnell Teilhaber im Betrieb eines deutschen Schneiders.

Über 30 Jahre war Georg Stulz ein erfolgreicher Modeschöpfer in England. Er erwarb mit seiner Arbeit ein beachtliches Vermögen. Obwohl vermögend, blieb Schulz bescheiden und lebte nicht "auf großem Fuß". Großzügig war er seiner Verwandtschaft und unterstützte Bedürftige. Er spendete große Summen für Schulen und Kirchen und stiftete seinem Heimatland Baden 200000 Gulden zur Finanzierung einer wohltätigen Einrichtung.

Emil Ell berichtet im Altvater 1977 aus einem Gespräch mit Benjamin Schaubrenner, welcher das Gedenken an Georg Schulz von Ortenberg gewahrt wissen möchte:

Ell, Emil: Monsieur Stulz, le chevalier d'Ortenberg - Eine Plauderei mit Benjamin Schaubrenner, der das Andenken gewahrt wissen will (Der Altvater, 31.10.1977)

Georg Stulz von Ortenberg (1771 1832)(ll). Eigentlich ist für den großen Sohn der Gemeinde Kippenheim, Johann Georg Stulz, Baron von Ortenberg, kein Gedenktag in Sicht. Sein Geburtstag ist der 17. Februar 1771, sein Sterbetag der 17. November 1832. Eine Reihe anderer Vorkommnisse ließen den Namen des Kiopenheimer Wohltäters in Erinnerung bringen. Benjamin Schaubrenner beschäftigte sich in einer Presseveröffentlichung mit dem Stulzschen Spital und dem Stulzschen Ehrenmal am Südende des Dorfes, auch mit der jüdischen Synagoge in der Dorfmitte, die nach Schaubrenners Meinung Raum für ein Ortsmuseum bieten könnte. Davon ausgehend ist es Schaubrenners Bemühen, der jungen Generation den Namen Stulz nahezubringen.

Sucht man jedoch nach einem Stulzschen "Jubiläumsdatum", so kann man deren zwei finden, die Hinweise auf den Kippenheimer Schneider erlauben.

Der erste Vorgang: Vor genau 100 Jahren erschien in der Deutschen Handwerkerbibliothek der Biographieband "Zwölf Schneider". Ginge es nach diesem Werk, könnte Kippenheim im kommenden Jahr den 200. Geburtstag des "Chevalier d'Ortenberg" feiern, wurde das Geburtsdatum doch in das Jahr 1778 gelegt. "Zwölf Schneider" gibt Auskunft über "Celebri-täten des Stulzschen Gewerkes", die zu Moderuhm und Geld gekommen waren. Unter ihnen befanden sich auch badische und deutsche Schneider.

Das zweite "Jubiläumsdatum": Genau vor 50 Jahren schrieb Frau Mina Stulz-Vieser "Erinnerungen an Hyères und an Georg Stulz von Ortenberg". Ihr Aufsatz ist erhalten in einem Erinnerungsbuch, das die Stulzschen Verwandten ihrem erfolgreichen Vorfahr gewidmet haben. Es befindet sich wohlverwahrt im Besitz einer Kippenheimer Bürgerin.

Auch der "Hinkende Bote auf das Jahr 1978" hat sich Johann Georg Stulz angenommen, und so war für Benjamin Schaubrenner ausreichend Anlaß gegeben zu einer Plauderstunde. Das Gespräch verlor sich nicht in Sentimentalitäten; die Realität wurde gewahrt. Sie wurzelte in der Meinung, zu erhalten, was in Kippenheim an Stulz erinnert.

Richtig ist: Seit zehn Jahren fanden Stulzsche Biographien keinen Eingang in Publikationen. Das hätte sich mit dem 150. Todestag am 17. November 1982 geändert. Weil man sich in Kippenheim derzeit mit der Zukunft des Stulzschen Spitalgebäudes beschäftigt, soll der Lebensweg des Stifters kurz aufgezeigt sein.

Aus einem Stulzschen Stammbaum ergaben sich folgende Daten: Johann Georg Stulz wurde am 17. Februar 1771 als Sohn des Kippenheimer Schneiders Johann Georg Stulz und der Barbara Leppert geboren. Der Bruder Johann Friedrich Stulz, 1778 geboren, starb 1806 in einem Rotterdamer Spital. Die Schwester Maria Magdalena (1775/1851) heiratete den Landwirt Andreas Sohn aus Heiligenzell, die Schwester Barbara (1785/1857) den Kippenheimer Küfer Johann Mezger.

Johann Georg Stulz hatte bei seinem Vater das Schneiderhandwerk erlernt. Dann zog es ihn in die Fremde. Erste Wanderstationen waren Karlsruhe, Frankfurt und Genf. Ein englischer Mäzen vermittelte Stulz einen Arbeitsplatz in London bei einem dort tätigen deutschen Schneidermeister, in dessen Etablissements 200 Schneidergesellen auf den Nähtischen saßen. Stulz beherrschte die englische und französische Sprache, noch mehr aber sein Handwerk. Bald war er gefragter Geselle und ebenso bald Geschäftsteilhaber. In "Zwölf Schneider" ist ironisch vermerkt: "Um sein Glück voll zu machen, tat ihm sein Meister und Genosse den Gefallen, bald das Zeitliche zu segnen".

Die Kleider von Stulz erwarben sich in London großen Ruhm; wer ein Gentleman der Mode sein wollte, mußte bei Stulz arbeiten lassen. Der Kippenheimer verstand nicht nur sein Geschäft, er wußte auch Künstlerpreise zu nehmen. Jahrzehnte strahlte sein Ruhm. Der Hof, die Prinzen des königlichen Hauses und die Aristokratie bildeten seinen Kundenstamm. Als Prinz Georg Regent geworden war, erhielt Stulz von ihm die Lieferung der mit Gold übersäten Uniformen der Gardehusaren. Bis nach Indien ging sein Ruf; die dort lebenden Engländer ließen sich für ungeheure Summen ihre Uniformen und Kleider von Stulz anfertigen und nachsenden.

Johann Georg Stulz wurde zum Wohltäter. Von Hyères aus, wohin er aus Gesundheitsgründen umgesiedelt war, unterstützte er viele caritative Unternehmen. 2000 Franken gingen 1828 an die Armen der Gemeinden Kippenheim und Heiligenzell. Ein Jahr später stiftete er 30 000 Franken zur Errichtung des Kippenheimer Spitals. Knaben beider Konfessionen ließ Stulz aus Zinserträgen das Lehrgeld zugehen. 30 000 Franken gingen an das Polytechnische Institut und an das Lehrerseminar in Karlsruhe, 11 000 Franken gab er für die Renovierung der Kippenheimer Kirche, 25 000 Franken für Geschädigte der Rheinüberschwemmung und weitere 13 000 Franken für die Armen seiner Heimat. 1831 gingen 50 000 Franken an die Leopold- und Sophien-Stiftung und 2400 Franken an die Karl-Friedrich-Stiftung. Für die Gründung einer Waisenanstalt - sie kam nach Lichtental in ein ehemaliges Klostergebäude - gab Stulz 200 000 Franken.

Französische Städte waren vom Wohltätigkeitsdrang des Kippenheimers nicht ausgeschlossen. Er spendete namhafte Summen für die protestantische Kirche in Marseille und für ein Bethaus in Toulon. Einer katholischen Kirche schenkte er eine wertvolle Orgel. Hyères ging nicht leer aus. Er ließ der Stadt eine Wasserleitung bauen und gab die Mittel zu einem Denkmal zu Ehren des in Hyères geborenen Kanzelredners Massilon; bedeutende Summen flössen dem Hospital und dem Unterstützungsverein seiner Wahlheimat zu.

"Zwölf Schneider" beendete die Stulzsche Biographie so: "Die Millionen waren gewachsen und Stulz besaß alles, was das irdische Glück umschließt. Doch die Gesundheit konnte er sich nicht erkaufen, mit der allein er das Leben und dessen Freuden hätte genießen können. Er starb mit 54 Jahren, doch gesegnet von allen, die ihn kannten, und verehrt von den Menschen, denen er Wohltäter war".

Kurz vor dem Tod wurde Johann Georg Stulz in den Adelsstand erhoben. Großherzog Leopold verlieh ihm den Titel des ausgestorbenen ritterlichen Geschlechts von Ortenberg: "Monsieur Stulz, le chevalier d'Ortenberg". Die Verleihung des Ritterkreuzes des Zähringer Löwenordens war anläßlich der Stiftung des Lichtentaler Waisenhauses vorausgegangen.

Johann Georg Stulz von Ortenberg - edler Spender arrowRight

Die ältere Generation hat Johann Georg Stulz nicht vergessen. Sie weiß auch, wie den Nachfahren das Stulzsche Vermögen durch die Finger rann. Mina Stulz-Vieser sinnierte richtig: "Ja, der Geldsack steht selten 100 Jahre vor einer Tür!"

Nicht alle Verwandten gingen gut mit dem großen Schulz Erbe um und insbesondere der "verückte Baron von Heiligenzell" (Volksmund) ein "toller Reiter" (Emil Ell) brachte "seinen Teil durch". Ganz im Gengenteil zu seinem Ahnen lebte Hermann Graumann - Gestütsbetreiber und Dampfziegelfabrikant - "auf großem Fuß", wie Ekkehard Klem aus Friesenheim in einem Gespräch mit Christine Bohnert-Seidel von der Lahrer Zeitung berichtet, 14.06.2020 Graumann dürfte wohl eine Art Tausendsassa seiner Zeit gewesen sein. Ein Fabrikant und Major, ein Verschwender und "Baron von Heiligenzell", der gut und gerne Graumann Dampfziegelei Briefkopf auf großem Fuß gelebt hat.

Graumann war seine Freizeit wichtiger als sein Unternehmen

Die Quelle seines Reichtums seien nicht etwa Fleiß und Strebsamkeit gewesen. Er war Nutznießer eines großen Vermögens, das seine Mutter, Annemarie Sohn, von deren Onkel, dem Hofschneider und mehrfachen Millionär Johann Georg Stulz aus Kippenheim, geerbt hatte. In der Folge wurden Hermann Graumann und seine Frau Auguste im Jahr 1860 zu Alleinerben aus einem großen Vermögen der Familien Sohn/Stulz.

Mit dem Vermögen wurden auch die ehemaligen Schulz-Höfe, die auf dem heutigen Grundstück des Heiligenzeller Klosters gestanden hatten, Eigentum von Familie Graumann. Kaum waren die Höfe abgerissen, ließ Graumann sein eigenes kleines "Schlössle" bauen und errichtete an der Straße eine Ziegelhütte.

Er sei ein Lebemann und Pferdeliebhaber gewesen und widmete sich mit Hingabe seiner Freizeit und weniger dem Unternehmen. Schon im Jahr 1868 wurde die Ziegelei für 8500 Gulden vom Basler Bankier Oswald ersteigert und ein Jahr später abgerissen. Für die "Villa Graumann" erhielt der Holzhändler Joseph Himmelsbach aus Oberweier zum Preis von insgesamt 19?420 Gulden den Zuschlag.

Nachdem der Fabrikant Hermann Graumann Hab und Gut verloren hatte, zog er in den deutsch-französischen Krieg und kehrte im Jahr 1870/71 als Major zurück. Bis zu seinem Tod, am 12. Juni 1878, war er als Forstbeamter im Dienst einer Forstverwaltung in Galizien. Ehefrau Auguste hatte eine Stelle als Erzieherin in Russland angenommen. Später soll sie Hausdame in einem Haushalt in Bingen geworden sein. Über ihren Todestag oder Todesort ist weiterhin nichts bekannt.

Daten zur Fenstertafel (Bild 6 in der Galerie unten) - Südfassade zum Park (Auszug):

Meine Tür tut sich auf dem Wanderer!

Kleine Chronik des Georg von Stulz'schen Spitals

1829 - Johann Georg von Stulz, Baron von Ortenberg (1771 - 1832) stiftet 30.000 Franken und ermöglicht die Errichtung dieses Gebäudes als Spital
1863 - Praktischer Arzt Andreas Weber wird Spital- und Armenarzt, daneben wirkt der Pflegevater Gänshirt für die Wanderburschen...

Unter anderm stiftete Georg Stulz für die Gründung des Waisenhauses in Lichtenthal bei Baden-Baden:

Am 24. April 1832 spendete er dem Großherzog von Baden die immense Summe von 200.000 Francs (nach heutiger Kaufkraft ca. 2,5 Mio. Euro) Diese Spende bildete den Grundstein für die 'Stulzische Waisenanstalt', die Großherzog Leopold von Baden 1834 im Amtshaus des Frauenklosters der Cistercienserinnen in Lichtenthal bei Baden-Baden gründete. Zu dieser Zeit war Johann-Georg Stulz von Ortenberg bereits zwei Jahre tot. Er konnte seinen Wunsch nicht mehr verwirklicht sehen.

Zur Geschichte des Waisenhauses in Lichtenthal bei Baden-Baden können Sie hier eine Dokumentation herunterladen download

zurück

Altes evangelisches Pfarrhaus


Altes Pfarrhaus - Hebelhaus -  Bürgermeister Matthias Gutbrod freute sich, dass das an exponierter Stelle stehende und das Ortsbild prägende Gebäude saniert werden kannDas Pfarrhaus wurde 1780 - also zum Ende der Zeit des Barock. Mit seiner Langachse ist es ost-westlich ausgerichtet und damit steht es traufseitig zur Oberen Haupstraße. Mit sieben Achsen ist das Gebäude an seiner Straßenseite ein stattlicher Bau.

Über seinen zwei Geschossen trägt es ein Walmdach, wie dies auch schon in der späten Renaissance am Oberrhein zu sehen war.

Auf der Westseite findet sich das Portal mit Sandstein gefasst und trägt im Sturz der Jahreszahl 1780 seiner Erbauung. Zum Portal gelangt man über die Flügeltreppe, da das Gebäude auf einem halbhohen Sockel steht.

Rückwärtig ist ein weiterer Zugang - ebenfalls im Sandsteingesims - über eine eingängie Treppe.

Beide Zugänge sind mit massiven Türen ausgestattet; die westlich gelegene am Hauptportal mit Ziernägeln in der Rautenstruktur.

Im Innenhof (Nord) befindet sich ein Ökonomiegebäude, welches vernutlich bewohnt war, wie die beiden Schleppgaupen nahelegen.

Pfarrer Engler - Erbauer des Pfarrhauses - war bereits in seiner Jugend ein enger Freund Johann Peter Hebels, welcher auch in diesem Haus zu Gast war, weshalb man in Kippenheim bisweilen vom "Hebelhuus" spricht.

Zum näheren Oberländer Freundeskreis zählte Sebastian Engler, der "Angelo, Angeliko, Erzengel". 1761 geboren, also ein Jahr jünger als Hebel, ist er wohl schon auf dem Karlsruher Gymnasium in dessen Gesichtskreis getreten. 1792 übernahm er die unweit Karlsruhe gelegene Pfarrei in Knielingen, ein beliebtes Wanderziel Hebels, der mit dem Freunde gern im "Adler" zusammentraf. 1800 übernahm Engler das Diakonat in Schopfheim; mit diesem Amt war die Pfarrei Hausen in Personalunion verbunden. An der Entstehung der Alemannischen Gedichte hat Engler, selbst ein federgewandter Mann, lebhaften Anteil genommen, und vor wie nach ihrem Erscheinen hat er eine rege Werbetätigkeit entfaltet. 1806 wurde Engler Pfarrer in Kippenheim, wo er, Hebel lange überlebend, bis ins hohe Greisenalter tätig war. 1850 starb er in Durlach. (Webseite der Gemeinde Hausen im Wiesental)

Wie eng der Kontakt zwischen Johann Peter Hebel (ebenfalls Geistlicher) und Pfarrer Sebastian Engler war, kann aus dem umfassenden Briefkontakt geschlossen werden. Hier ein Brief Hebels an Sebastian Engler:

AN SEBASTIAN ENGLER Johann Peter Hebel Pastell von Philipp Jakob Becker 1795


20. November [1802]

Ganz recht, mein lieber Angeliko, und so wollen wir's auch machen, oder vielmehr wir haben's schon so gemacht. Denn nachdem ich Ihren Brief (Dank sei Ihnen dafür) empfangen und Hr. Macklot mir geradezu erklärt hat, daß er aus den allemannischen Liedern eine Musterkarte sämmtlicher deutschen Papirsorten und Mühlen zu machen gedenke, habe ich mich sogleich entschlossen, das Papir selber zu lifern und von Hrn. W. K. die ganze Auflage vorschußweise erhalten, lauter schönes Papir, weiß und egal wie der gefallene Schnee und dieser Brief. 1200 Bogen sind schon gedruckt und wir haben nun nichts mehr bei der Sache zu thun, lieber Angeliko, als dem Hrn. K. das Papir zu ersetzen.

Demnach ist meine Bitte und Begehr an Ihre Freundschaft wie folgt:

1) Daß Sie mit Hrn. Kolb reden und ihn ersuchen die Rechnung... zu schicken.

2) Daß Sie es gerne thun, weil Sie sich doch einmal dazu angeboten haben und mit Ehren nicht mehr zurückgehen können. Was nun

3) die Kleinigkeit der Bezahlung betrifft, so versetze ich einstweilen dem Hrn. Kolb ... Sie und den Pf. Hitzig, sammt allen Euern Subscribenten in corpore, wiewohl Sie allein genug wären, da zu Ihren Heimfälligen der Pf. Gramer gehört, der allein mehr werth ist. Sagen Sie doch auch, ich sei ein sehr fruchtbarer Scribler. Die Waare, die ich lifere, sei zwar herzlich schlecht, aber das sei einerlei, wenn nur viel Papir verbraucht werde, damit Kolb, um sich zu recommandiren, desto tractabler wird und schönes Papir lifert.

Assa, lieber Angeliko. Viele Empfehlungen daheim und weitere rechts und links. Ich bin

Ihr redlicher Freund Hebel

Im Laufe der Zeit musste das Haus in der Oberen Hauptstraße leiden - wahrscheinlich weil Zuständigkeiten und damit die finanzielle Verantwortung in den Tagen des Simultanismus oft wechselten oder gar unbestimmt blieben. Dass dem so war zeigte sich anlässlich eines Pressetermins im April 2011, wie der Darstellung weiter unten links zu entnehmen ist. Bei diesem Treffen konnte allerdings auch geklärt werden, dass das Pfarrhaus nun bald wieder "einen guten Weg" nehmen würde, wie dem Bericht von Theo Weber - Badische Zeitung - zuentnehmen ist.

Von Theo Weber - Sa, 16. April 2011 - Badische Zeitung

Im unter Denkmalschutz stehenden Gebäude in der Oberen Hauptstraße 10 war Hebel zu Gast.

KIPPENHEIM. Wer von Süden her nach Kippenheim hineinfährt, fährt direkt auf das ehemalige evangelische Pfarrhaus zu. Eine Visitenkarte für den Ort ist das 1780 errichtete Gebäude nicht. Das soll sich ändern. Der Eigentümer Roy Berner will das Haus in den nächsten Monaten renovieren. Zusammen mit dem Architekten Wolfgang Keienburg und Bürgermeister Matthias Gutbrod stellte er gestern Vormittag seine Pläne vor.

Johann Peter Hebel hat in dem Gebäude einmal übernachtet. Darauf weist eine Tafel an dem Gebäude hin. Zu der Zeit, kurz nachdem es gebaut worden ist, hat das Haus noch anders ausgesehen, war es ein repräsentativer, das Ortsbild prägender Bau, der später unter Denkmalschutz gestellt worden ist. Jetzt aber bröckelt der Putz, Fensterläden fehlen.

Renovierungsbedarf am ehem evangelischen PfarrhausDoch schon in drei Monaten soll sich das Gebäude als Schmuckstück präsentieren. Bereits am Montag rücken die Gerüstbauer an und stellen das Gerüst. Das Gebäude erhält einen neuen Außenputz und neue Fenster. Die Kunststofffenster, die irgendwann mal eingebaut worden sind, werden herausgerissen und durch Holzfenster mit Oberlichtern ersetzt, so wie es früher war. Auch Holzklappläden werden wieder angebracht. Details, wie die Sandsteingewänder und die Vordächer, bleiben erhalten. "Die Renovierung der Fassade geschieht in enger Absprache mit dem Denkmalamt", sagt Wolfgang Keienburg.

Im Innern des Gebäudes wird das Obergeschoss saniert. Dort wird dann der Eigentümer einziehen. Der Dachboden wird komplett gedämmt. Die Kosten für die Sanierung belaufen sich auf 155 000 Euro. Da das Gebäude im Sanierungsgebiet "Bahnhofstraße" liegt, gibt es Zuschüsse aus dem Landessanierungsprogramm. Der Fördersatz liegt bei 35 Prozent. Die Stadtentwicklung GmbH (STEG), die von der Gemeinde Kippenheim mit der Abwicklung des Sanierungsgebiets Bahnhofstraße beauftragt ist, hat die das Landessanierungsprogramm betreffenden Vorarbeiten übernommen.

Bürgermeister Matthias Gutbrod freute sich, dass das an exponierter Stelle stehende und das Ortsbild prägende Gebäude saniert werden kann. Es sei eines der beiden Gebäude im Sanierungsgebiet, die im Privatbesitz sind und auf jeden Fall renoviert werden sollten. Das zweite sei die Engel-Apotheke. Die Gemeinde könne bei Objekten in Privatbesitz nicht tätig werden, sie sei darauf angewiesen, dass die Eigentümer etwas unternehmen. Deshalb sei er sehr zufrieden, dass sich hier etwas bewege.

Dass die Renovierung - besser Instandsetzung - ein voller Erfolg wurde, dürfte nach Betrachtung der aktuellen Fotos auf dieser Seite außer Frage stehen. Kippenheim hat ein weiteres Prunkstück für seine südliche Ortsausfahrt gewonnen und die Reihe sehenswerter Bauwerke setzt sich heute aus der Ortsmitte bis hinauf zu Stulz'schen Hospital fort.

Johann Peter Hebel (* 10. Mai 1760 in Basel; † 22. September 1826 in Schwetzingen) war ein deutscher Schriftsteller, evangelischer Geistlicher und Lehrer. Aufgrund seines Gedichtbands Allemannische Gedichte gilt er gemeinhin als Pionier der alemannischen Mundartliteratur.

Sollten Sie Zeit und Muse für etwas Hebellektüre haben - hier ein Download - Viel Spaß download

zurück

Stockbrunnen - auch Marienbrunnen beim Rathaus

 
Stockbrunnen Kippenheim - Zum Dank für die Errettung aus Kriegsnot als Wahrzeichen der Treue Mariens wurde der Stockbrunnen im Jahre 1721 mitten im Dorf am Rathaus errichtet
Mitten im Dorf steht das stattliche Rathaus, ein Renaissancebau von 1610 mit hohen Treppengiebeln und schmucken Erkern an den Ecken. Am nördlichen Erker das Ortswappen mit der Zahl 1610. Über der Pforte das herrschaftliche Doppelwappen.
Zum Dank für die Errettung aus Kriegsnot als Wahrzeichen der Treue Mariens wurde der Stockbrunnen im Jahre 1721 mitten im Dorf am Rathaus errichtet. In achteckiger Brunnenschale steht die Säule, die das Bild Mariens mit dem Jesuskinde trägt.

Auf der Vorderseite lesen wir:

JUNGFRAU MARIA
SEI GEGRÜSST
O BRUNN DES HEILS
SO ALLEN FLIESST

Auf der rechten Brunnenseite steht:

EIN BRUNN DES LEBENDIGEN WASSERS

Auf der linken Seite:

WER WILL
NEHM DAS WASSER
DES LEBENS
UMSONST

Beim obigen Text handelt es sich um eine anonyme Schrift ((Der Altvater, 4.11.1954). Dem aufmerksamen Leser wird auffallen, dass sich ein Spruch des Brunnens wiederholt, nun aber historisch korrekt, wie es für einen Fachmann, wie Martin Hesselbacher eine Selbstverständlichkeit ist (vergl. Original - Bilder in der Galerie unten). Martin Hesselbacher beschrieb den Marienbrunnen in seiner Tätigkeit als Denkmalpfleger parallel zu Renovierungsarbeiten am historischen Zehnthaus:

Parallel mit dieser Maßnahme lief die Behandlung des sogenannten Stockbrunnens oder besser gesagt Marienbrunnens. Die Bezeichnung 'Stockbrunnen' greift wohl auf jene Zeit zurück, als die Brunnensäulen noch aus Holz, und zwar aus dem widerstandsfähigen Stockholz, meist der Eichen, herausgehauen waren. Im Rahmen der Verbreiterung der Hauptstraße zur Schaffung besserer Verkehrsverhältnisse mußte der mit seinem Brunnentrog ziemlich weit in den Straßenraum hineingebaute Marienbrunnen um etwa drei Meter zurückversetzt werden. Der Brunnen, ganz aus Rotsandstein gearbeitet, bestand bisher aus einem im Grundriß halbmondförmigen monolithen Trog mit der beachtlichen Gesamtlänge von 435 m und einer Höhe von 80 cm. In seiner Mitte stand der Brunnenschaft, der in seinen oberen Teil mitsamt der bekrönenden Marienstatue wieder verwendet wurde.

Über einer runden, 1,65 m hohen Säule mit drei Strahlrohren baut sich der im Querschnitt quadratische gebauchte Schaft auf, der nach allen vier Seiten mit barocken Kartuschen geziert ist. Die Inschriften dieser Kartuschen sind von besonderem Reiz. Die Kartusche in Front zur Straße trägt folgenden Spruch:

JVNGFRAU MARIA
SEI GEPRIEST
O
BRVNN DES HEILS
SO ALLEN FLIEST

Stockbrunnen vor RenovierungsarbeitenIn echt barocker Manier ist das Erbauungsdatum des Brunnens, 1721, durch Verwendung überhöhter Majuskeln, die römischen Zahlen entsprechen, in die Inschrift am Brunnen cingeflochten worden. Die Texte der beiden Seitenkartuschen weisen sinnvoll auf die geistige Verbindung hin zwischen der lebenspendenden Kraft des Wassers und dem 'Wasser des Lebens', das der Menschheit durch Christus geschenkt worden ist.

Mit der Schrift der linken Kartusche, die infolge Verwitterung nur noch schwer zu entziffern ist, wird wohl Vers 14 aus dem 4. Kapitel des Johannis-Evangeliums gemeint sein, nach welchem Christus zur Samariterin gesagt hat: 'Das Wasser, das ich geben werde, das wird ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quilit.'

Die rechte Kartusche hingegen hat noch eine gut zu lesende Schrift, die sich eindeutig auf Vers 17 im 22. Kapitel der Offenbarung St. Johannis bezieht: 'Wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.' Doch muß gesagt werden, daß entweder der damalige Auftraggeber für den Brunnen oder der Bildhauer unkundig in der Heiligen Schrift war, denn als Bibelstelle ist fälschlicherweise Apostelgeschichte 22,17 unter dem Schrifttext auf der Kartusche angegeben und nicht die Offenbarung.

Die rückwärtige Kartusche unter der Jahreszahl 1721 trägt das Wappen des Marktfleckens Kippenheim, ein Schrägrechtsfaden {worunter wohl der Badische Schrägbalken verstanden sein dürfte), begleitet von Pflugschar und Rebmesser.

Über dem Brunnenschaft steht nun auf zierlichem Sockel eine Madonna mit dem Jesuskinde in anmutiger Gestalt. Es ist ein provinzielles Kunstwerk, das hier von einem Unbekannten geschaffen worden ist, und man mag noch heute in dieser Plastik den Eifer empfinden, mit dem er seine Kollegen zu überlreffen suchte, die in den Nachbarorten Brunnen der gleichen Art schufen. Mit beiden Händen hält die Gottesmutter das Kind, sich in mütterlicher Anmut leicht zu ihm neigend, während es beide Ärmchen um den Hals der Mutter legt. Ein Kranz von goldenen Sternen umstrahlt das Haupt Mariens. Der Brunnen ist mit seiner Madonnen-Statue über den Bibelsprüchen ein echtes Zeugnis konfessionellen Zusammengehens.

Stockbrunnen nach RenovierungsarbeitenBei der nun notwendig gewordenen Versetzung des Brunnens, die ebenfalls wieder in den bewährten Händen von Baurat Dipl.-Ing. Steurer lag, mußte auf die weitere Verwendung des monolithen Brunnentroges leider verzichtet werden, da er infolge Kriegseinwirkung starke Sprünge aufwies, die erfahrungsgemäß nie mehr ganz dicht zu schließen gewesen wären. Ein stark geflickter Brunnen wäre aber kein erhebender Anblick im Ortsmittelpunkt gewesen. So kam auch hier aus ähnlichen Motiven, wie am oben besprochenen Fachwerkgiebel, der Entschluß zustande, einen neuen Brunnentrog zu schaffen.
Dank des Entgegenkommens mit finanzieller Beihilfe seitens der Staatlichen Straßenbauverwaltung und wiederum des Landkreises Lahr, der Gemeinde Kippenheim und mit Bezuschussung durch unser Amt konnte so - nach vollzogener Verbreiterung der Straße - der Brunnen in nächster Nähe seines alten Platzes wieder erstehen. Leider wurde bei der Abtragung des alten Troges nicht die notwendige Sorgfalt verwandt. In solchen Fällen begrüßen wir es, wenn das alte Stück am geeigneten Ort, etwa im Heimatmuseum oder im Hof des Rathauses, zur bleibenden Anschauung des originalen Denkmalwertes aufbewahrt wird.

Den veränderten Platzverhältnissen entsprechend erhielt der Brunnentrog abweichend von der bisherigen Gestalt einen achtseitigen Grundriß mit 3,34 m Durchmesser von Seitenmitte bis Seitenmitte gemessen, bei nahezu gleicher Höhe wie früher. Um ihn für alle Zeiten dauerhaft und wetierfest zu machen und im Sinne heutiger materialsparender Bauweise wurde er als innen isolierte Stahlbetonwanne konstruiert mit einer Wandstärke von 12 cm und mit 6 cm starker Plattenverkleidung aus rotem Sandstein.

An Stelle der bisherigen Rundsäule wurde nunmehr eine quadratische genommen mit vier Strahlrohren und darüber einem zarten handgeschmiedeten Blumengitter. Darüber baut sich wieder der Kartuschensockel mit der bekrönenden Muttergottesstatue auf. Alles Steinwerk wurde mit farblosem Steinkonservierungsmittel behandelt; die Madonna und die Kartuschen wurden in dunklerem Steinton abgesetzt und die Schrift schwarz nachgezogen.

Abschließend sei nochmals allen schon genannten Behörden und Personen sowie den Handwerkern für ihre Mitwirkung bei diesen beiden denkmalpflegerischen Aufgaben herzlichst gedankt; ganz besonders sei dabei aber Bürgermeister Fritschmann von Kippenheim lobend hervorgehoben, der sich sehr für die Erhaltung der beiden historischen Baudenkmale eingesetzt hat. (Martin Hesselbacher)

zurück

Rokokohaus - Kippenheim

Rokokohaus Kippenheim - Das Bauwerk ist bis hoch zum Dachgesims mit verziert gehauenen Sandsteinplatten gekacheltKippenheim - Untere Hauptstraße 5 

Im Badischen ein sog. "Katzensprung" vom Rathaus Kippenheim zum Rokokohaus. Allerdings nicht, wenn man etwas über das Rokokohaus erfahren möchte. Dann tritt man einen langen Weg an, wie sich zeigen sollte.

"Ah - s'rote Huus" oder "ha ja s'Barockhuss" - die Standardantwort: "Nei - do drübba weiß i nix". Wie meine gründliche Buch- und Internetrecherche ergab, gibt es auch in Nachschlagewerken und im Internet darüber nichts zu finden.

Am Nachmittag hatte ich ein ausführliches Telefonat mit Herrn Höfer, dem Eigentümer der kippenheimer "Stube" (Rindfuß), welche früher auch Ratsstube war und deshalb zu ihrem Namen kam. In der "Stube" befinden sich Reste des alten Heimatmuseums, welches ich gerne fotografieren möchte, solange noch etwas zu fotografieren exitiert. Im Laufe des Gesprächs sollte sich herausstellen, dass Herr Höfer die Besitzer des Hauses kennt - vielleicht sind ja dort historische Unterlagen zu finden.

Ein zweiter Glücksfall ergab sich durch das finden eine historischen Ortsanalyse von Herrn Martin Hesselbacher - Denkmalpflege BW -   zwei Bilder und folgender Beschrieb:

Rokokohaus erb. 2. Hälfte 18. J.

Sobald Herr Hesselbacher etwas befundet (hatte) ist das quasi "amtlich" - zumal an seiner Professionalität nicht das Geringste zu "rütteln" (hinterfragen) ist. Damit hatte ich auf meinem "langen Marsch" auf einmal zwei "rote Fäden" gezogen und fühle mich auch in der Lage, mein Lieblingshaus in Kippenheim zu beschreiben.

Rokokohaus Kippenheim untere Hauptstrasse
Rokoko: Baustil und Architektur

Im Rokoko, eine Weiterentwicklung des Barock, welcher auch als Spätbarock bezeichnet wird, wurde der Barock in einer zierlichen, verspielten Form weiter geführt. Der Rokoko setzte sich im wesentlichen durch den Verzicht der Symmetrie und des Monumentalen des Barock ab. (Webseite Kirchen und Kapellen)

Stilmerkmale des Rokoko

blueCircle schwungvoll elegante Formen
blueCircle überbordende Verzierungen
blueCircle bewusste Abkehr von Symmetrie
blueCircle gewundene Linien und häufig rankenförmige Umrandungen


Nun kann das Rokokohaus von Kippenheim vorerst in der Architektur beschrieben werden, vorbehaltlich der Eventualität, das die Besitzer*innen noch weiteres Material beizubringen in der Lage sind.

Der Baukörper besteht aus zwei Geschossen auf halbhohem Bruchsteinsockel, weshalb eine kleine Treppe zum Portal führt. Traufständig zur Unteren Hauptstraße besitzt der Baukörper fünf Achsen (zur Ostseite) und auf der Mittelachse liegt das Portal. Barockem Stil folgend hat das Rokokohaus Schwunggiebel und in deren Fortführung ein zweigliedriges Dach (französischer Stil nach Innen leicht gerundet). Im unteren Dachabsatz liegt eine Gaupenreihe in den Achsen.

Das Bauwerk ist bis hoch zum Dachgesims mit verziert gehauenen Sandsteinplatten gekachelt. Alle Tür- und Fensterstürze sind rundbogig. Die Sandsteintäfelung mag für die gelegentlich im Volksmund benutzte Bezeichnung s'rote Huus stehen. Bis zu diesem Punkt könnte man das Haus in Kippenheim auch in den Barock (Spätbarock und Rokoko sind ohnehin fließend) ordnen - jetzt sind aber noch die aufwändigen Beschläge, Steinmetz- und Holzschnitzerarbeiten darzustellen, welche typische (vergleiche obige Kurzdefinition) Stilelemente des Rokoko sind: asymmetrisch, geschwungene Linien und jede Menge Verzierung.

Detailreihe zum Rokokohaus Kippenheim:

Fensterdetail: Kunstschmiedearbeit - Fensterangeln am Schlagladen
Schlagläden sind ähnlich wie Haus- oder Schranktüren seitlich in Angeln befestigt. Dabei wird zwischen Außen- und Innenläden unterschieden. Hier - ein Außenladen mit aufwändiger kunstgeschmiedeter Fensterangel
Portalschmuck: Blende am  - Türfalz und Schnitzarbeit am Türblatt
Kunstvolle Verkleidungen auf Türfalz und in den Türblättern. Schnitzereien / Holzbildhauereiarbeiten sind an vielen Bauteilen zu finden
Holzschnitzerarbeit am Klappladen - aufwändige Holzbearbeitung im Verborgenen
Holzprofilierung an der Innenseite der Schlagläden - die aufwändigen Zierarbeiten bleiben den Betrachter*innen nicht selten ganz einfach im Verborgenen - keine "schreiende" Präsenz
Fensterreihe mit Steinmetzarbeiten im Sturz - Mittelachsenbetonung mit wechselndem Sturz
Fensterreihe mit Steinmetzarbeiten im Sturz im oberen Stockwerk - Mittelachsenbetonung mit wechselndem Sturz - die "Krönungen" wechseln zur Mittelachse um das Portal zu betonen
Fensterreihe am unteren Stockwerk - Wechsel von Biegung zu Bogen im Sturz
Fensterreihe am unteren Stockwerk - Wechsel von Biegung zu Bogen im Sturz - im linken Fenster Biegesturz mit Krönung - rechts mit angedeuteten Säulen am Gesims
 
Das Rokoko wird bisweilen verspielt, ausufernd, selbst "überzuckert" genannt und in vielen Fällen mag diese Kritik durchaus zutreffend sein - nicht so am Rokokohaus in Kippenheim.

In aller bescheidenen Unauffäligkeit reit es sich in die Häuserreihe der Unteren Hauptstraße - dem Rathaus gegenüber liegend - ein. Dies mag die Begründung dafür liefern, dass das Rokokohaus selbst den Bewohner*innen Kippenheims als außerordentliches Bauwerk selten bewusst ist. Dennoch lohnt es sich dort zu verweilen und den Details die gebührende Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

zurück

Friedenskirche und ehem. Pfarrhaus


Friedenskirche Kippenhei - Nach der Reformation diente die Kirche beiden Konfessionen. Das Simulateum wurde erst 1961 aufgegebenDie Entstehung der Kirche lässt sich nicht genau festlegen. Funde zeigen, dass bereits mit der Gründung von Kippenheim durch den fränkischen Fürsten Chippo 763 n.Chr. eine kleine Kirche an dieser Stelle gebaut wurde. Sie wurde auf den Resten eines römischen Gebäudes errichtet. Das Fundament des Turmes ist romanischen Ursprungs – aus der Zeit um 1000 n.Chr.

Am 01.12.1146 rief in dieser Kirche Bernhard von Clairveuax zum zweiten Kreuzzug auf und heilte zwei Blinde.

Die heutige Kirche stammt aus der Zeit um 1500. Aus dieser Zeit stammt auch das spätgotische Sakramentshäuschen im geräumigen Altarraum. Die Kirche wurde dann jedoch von einem Feuer zerstört und im 18. Jahrhundert wieder aufgebaut.

Nach der Reformation diente die Kirche beiden Konfessionen. Das Simulateum wurde erst 1961 aufgegeben. Aus dieser Zeit stammt auch der Name der Kirche – Friedenskirche.

Der wertvollste Gegenstand in der Kirche ist wohl einer der Altarflügel aus der Schule von Martin Schongauer. Er stellt die Anbetung der Könige dar. Die Rückseite der Heimsuchung Mariens ist leider zerstört. Die anderen Teile des Altars befinden sich in der katholischen Kirche in Kippenheim. Weiterhin befinden sich wertvolle Grabsteine im Innern und eine spätgotische Steinkanzel.

Der Zwiebelturm der Kirche stammt aus der Barockzeit. Die Glocke von 1414 erklingt zu Ehren der Mutter Gottes. Es ist eine der ältesten Glocken überhaupt.

An der Südseite der Kirche befindet sich eine sogenannte Mittagssonnenuhr. Sie gibt den Zeitpunkt des örtlichen Mittags an, den Höchststand der Sonne. In diesem Moment fällt der Lichtpunkt der Lochscheibe genau auf die Lotlinie an der Wand.

Weiter ist auf der Südseite eine Darstellung des Heiligen Christopherus zu finden. Er ist der Schutzheilige der Reisenden. Bis heute fahren durch Kippenheim Tausende von Menschen – einst mit der Kutsche heute mit dem Auto, liegt doch die Kirche an der B3.

Die Kirche wurde 1961 renoviert – aus dieser Zeit stammen auch die farbigen Fenster im Chorraum – rechts die Evangelisten mit dem thronenden Christus – links die Auferstehung und im Mittelfenster sieht man die Taube als die Gabe des Heiligen Geistes. Darunter sind Trauben und Ähren zu sehen. Sie stehen für Brot und Wein, für das Sakrament des Abendmahls. Im Jahre 2011 erfolgt erneut eine Renovierung. Seither erstrahlt die Kirche in ihrer schönen Klarheit.

Sie dürfen gerne um einen Schlüssel bitten: im Pfarramt (Telefon: 07825 9346) oder DEVK Kippenheim an der Hauptstraße bei Hans Schillinger (Telefon: 07825 / 877023). - obiger Text aus: Evangelische Landeskirche in Baden - Webseite

Kraus - Kunstdenkmäler des Grossherzogtums Baden - Drs. Durm / Oelchhaeuser / Wagner - Tübingen 1906

KIPPENHEIM S. 258 ff.

Schreibweisen: 1225; das dorf K. 1351; Kipenhaim Libr. confrat; in Mordunowa villa quae dicitur Chipinheim 763, Cop. 1457 (Fälschung, Grandidier Hist. de l'Egl. de Str. II XCIII; in vico Kippenheim c. 1007 u. s. f.

Archivalien: Mitth. d. hist. Kommission No. 9 (1888), No. 17 (1895). Römisches: herweg (Mone UG. I 145). Die Pfarr- (Simultan-) Kirche ad. s. Mauritium (ecclesia c. 1007; in Mortinowa K. ecclesia 1185; plebanus 1187; eccl. parrochialis 1343; ius patronatus eccl. parr. in Kyppenheim Argentinensis dyocesis ad ecclesiam Argentinensem et eius episcopum pertinet 1358; dagegen: eccl. parroch. K. Argentinensis diocesis, que de iure patronatus nobilis viri domini Heinrici de Geroltzecke domini in Lare existit 1414) entstammt in ihren Haupttheilen dem Beginn des 16. Jhs. Denn auch das nach einem Brande im Anfange des 18. Jhs. mit neuem Dachstuhl und neuer flacher Holzdecke versehene Langhaus ist in seinen Umfassungsmauern, sowie in Fenster und Thürgewänden (am Scheitel des nördlichen Seitenportals 1501) alten Ursprungs und schliesst an einen Thurmbau an, der den Uebergang zu dem wohl zugleich oder aber nur wenig später als das Langhaus erstellten Chor durch zwei grosse Spitzbogen vermittelt.

Fig. 104 (a). Kippenheim, Pfarrkirche. Längsschnitt durch Chor und Thurm.
Fig. 104 (a). Kippenheim, Pfarrkirche. Längsschnitt durch Chor und Thurm.

Fig. 104 (b). Kippenheim, Pfarrkirche. Grundriss von Chor und Thurm.
Fig. 104 (b). Kippenheim, Pfarrkirche. Grundriss von Chor und Thurm.

Der Thurm selbst mag wohl älter sein und in seinem Erdgeschoss den Chor der älteren Kirche gebildet haben, an den sich dort, wo der jetzige geräumige Chor sich ausdehnt, wahrscheinlich nur noch ein polygonaler Ausbau angelehnt haben mag. {Fig. 104.) Ob das zu diesem alten Chor vor 1501 gehörige Langhaus dieselbe Ausdehnung wie das jetzige gehabt hat, ist nicht mehr zu bestimmen und auch aus den im Dachboden der Kirche sichtbaren Anschlussrinnen der früheren Langhaus-Dachschrägen an dem Thurm nicht allzuviel zu ersehen. Der ursprünglich gothische Anschluss ist deutlich kenntlich und da erst über ihm die Quaderecken des Thurmes beginnen, scheint auch das Dach der mit dem Thurm gleichaltrigen Kirche dieselbe Schräge, und das Langhaus dieselbe Breite gehabt zu haben. Weiter unten ist noch ein bedeutend flacherer Anschluss zu bemerken, der vielleicht von einer provisorischen Abdeckung nach dem Brande herrührt. Rechts des Thurms findet sich ein runder Treppenthurm ein- und angebaut, der in die jetzige Sakristei hineinragt und, von dem Sakristeidach mit abgedeckt, von aussen nicht mehr gesehen wird. Jedenfalls war vor dem Brande hier ein anderer Abschluss vorhanden.

Die Kirche ist ein Putzbau mit Architekturgliedern in rothen Sandstein und einfachen, energisch gezeichneten Profilen an Sockel, Fenstergurten und Hauptgesimsen. Das Hauptportal, die beiden seitlichen Thüren ins Langhaus und eine Thüre in den Chor sind reicher profilirt mit vielfach sich kreuzendem Stabwerk. Am nördlichen Seitenportal ist am Schlussstein die Jahreszahl 1501 und am Gewände ein Steinmetzzeichen eingehauen. Den Giebel ziert über dem Hauptportal eine hübsche Masswerkrosette und auf der Evangelienseite des Chors befindet sich an dem Strebepfeiler

bei Beginn des Chorschlusses unten die nebenstehende Figur w 03 ohne Jahreszahl eingeritzt.

Das Langhaus erhält sein Licht durch vier zweitheilige und zunächst dem Chor durch zwei dreitheilige, einfach profilirte und nicht allzu schlanke, spitzbogige Fenster mit ruhigem Masswerk. Ebenso beleuchten den zweijochigen, in drei Seiten des Sechsecks geschlossenen und mit Strebepfeilern versehenen Chor vier zweitheilige und in der Mitte ein dreitheiliges Fenster, etwas schlanker in den Verhältnissen und mit etwas reicherem Masswerk als die des Langhauses.

Letzteres ist, wie schon angeführt, flach gedeckt, während das erste Thurmgeschoss von einem vielfach restaurirten, rippenlosen Kreuzgewölbe mit spitzbogigen Wandbogen überspannt wird. Der Chor zeigt ein Netzgewölbe, dessen mit einfacher Kehle proflirte Rippen auf schmucklosen Konsolen aufruhen und dessen drei Schlusssteine in Dreipassform mit Wappenschilden (Geroldseck, Kippenheim) belegt sind.

Im Langhaus steht auf der Evangelienseite die alte gothische Kanzel aus der Zeit der Erbauung der Kirche, aus rothem Sandstein (s. Fig. 105), jetzt aber ganz mit Oelfarbe überstrichen. Der einfache, in leicht geschwungener Schräge aufsteigende Fuss ruht auf einem Einhorn, das aus der Mauer hervorragt und auf seiner Brust ein Steinmetzzeichen trägt.

Fig. 105. Kippenheim. Pfarrkirche, Steinkanzel.
Fig. 105. Kippenheim. Pfarrkirche, Steinkanzel.

Die Kanzelbrüstungen, sowie die Brüstung der im Innern der Kirche emporführenden geradläufigen Treppe sind reiche, schön gearbeitete, aber nicht durchbrochene Masswerkplatten. Der Kanzeldeckel ist neu, die Stütze der Kanzeltreppe so mit Holz verschalt, dass deren wahre Gestalt nicht zu erkennen ist.

Der Kanzel gegenüber ist eine Nische in die Mauer eingelassen, die jetzt als Schrank benutzt wird. Der mit Krabben verzierte Eselsrücken schliesst mit einer Kreuzblume ab und ist zu beiden Seiten von Fialen überragt.

Im Chor befindet sich rechts vom Eintretenden eine einfach profilirte, gerade abgedeckte Nische, in der eine moderne Pieta steht, und links ein Sakramentshäuschen ohne Fuss von rothem Sandstein, eigentlich nur eine architektonisch umrahmte Sakramentsnische.

Unter dem bekrönenden Eselsrücken mit Krabben, Giebelblume sowie seitlichen Fialen und über dem geraden Sturz der Nische ist ein Haupt Christi angebracht; oben sind zu Seiten der Kreuzblume aus der Chormauer Sonne und Mond in hohem Relief ausgehauen. Die ganze Umrahmung ruht auf einer Konsole, einem männlichen Kopfe, bei dem offenbar Porträtähnlichkeit angestrebt ist, vielleicht (?) der Meister des Sakramentshäuschens, vielleicht auch der des ganzen Chorbaues.

Die beiden Seitenaltäre zeigen in moderner Umrahmung, zwei Flügel eines zerstörten Altarwerkes, hoch interessante auf Holz gemalte Werke eines Meisters J. S. Sch. der Oberrheinischen Schule.

Auf der Evangelienseite die Anbetung der Hirten (vergl. Tafel XXII), Maria mit goldenem Nimbus und offenen Haaren kniet in blauem Mantel vor dem auf dem Boden auf weissem Laken liegenden Christuskinde: rechts davon kniet Josef in rothem Rock und grünem Mantel, dazwischen etwas zurück sind Ochse und Esel sichtbar. Im Hintergrunde der Hütte erscheinen links drei anbetende Hirten, rechts eine Frau mit einer Laterne. Auf dem in Gold ohne Muster gehaltenen Himmel schweben Engel in blauen Gewändern ein Spruchband haltend mit den Worten: GLORIA IN EXCELSIS DEO. In der einfachen Hügellandschaft weidet eim Hirte, der nach den Engeln emporblickt, seine Schafe. Sowohl auf dem Gebälk, als auf dem Mauerwerk der Hütte sitzen Vögel, Meisen und Distelfinken.

Auf der Rückseite dieser Tafel befindet sich stark angegriffen, aber doch immer noch gut kenntlich eine Verkündigung (vergl. Tafel XXIII). Maria mit dunkeigrünem Gewand und blassrothem Mantel kniet in einem Gemache auf dunkelrothem Kissen vor grünbehangenem Betpult. Der Engel in weissem Gewande (im Alba mit Cingulum und Stola) mit goldschimmernden Flügeln und Scepter, sowie Spruchband in den Händen kommt von links, während in der Mitte durch das geöffnete Fenster, das in ein grünes Wiesenthal blicken lässt, eine weisse Taube herabfliegt. Am blauen Himmel erscheint in Wolken Gott Vater, die Weltkugel in der Linken, die Rechte segnend erhoben und blickt in das Gemach hinab. (Höhe der Tafel 1,98 m, Breite 1,95 m.)

Auf dem Altar der Epistelseite befindet sich der andere Flügel des zerstörten Altarwerks, die Anbetung der heiligen drei Könige darstellend. (Vergl. Tafel XXIV.)

Maria mit goldenem Nimbus in blauem Gewande und weissern Schleier sitzt rechts, das Jesuskind auf dem Schosse haltend. Dahinter steht Josef; davor kniet in grüngelbem Brokatgewand ein Greis, der einen goldenen Kelch darreicht; rechts am Boden liegt ein rother Reisehut mit goldener Krone. Ein König mit Krone in grünem Brokatuntergewand und rothem Mantel, sowie der Mohr in Rüstung mit goldener Ordenskette, grün enganliegenden Beinkleidern und hohen Reisestiefeln, den Turban mit Krone in der Rechten, stehen daneben, beide mit goldenen Pokalen in den Händen. Zwischen denselben am Boden liegt ein weisses Windspiel. Den Hintergrund bildet eine einfache Landschaft, deren Himmel! ebenfalls unbemustertes Gold ist.

Auch hier fallen wieder, diesmal auf dem zerissenen Dach der Hütte die drei Vögel, Meisen und Distelfinken ins Auge, für die der Meister dieser Gemälde eine besondere Vorliebe gehabt zu haben scheint. Auch sein Monogramm J. S. Sch. hat er uns hinterlassen auf dem blauen Untergewand der Maria, oben zwischen den Mantelansätzen, gelb wie die Stickerei und zwischen dieselbe versteckt. Zeitlich ist dieser Maler, dem niederrheinische Werke nicht fremd gewesen sein können, wohl an das Ende des 15. Jhs. zu setzen.

Die Anbetung der Hirten. - Tafel XXII. Die Verkündigung. - Tafel XXIII. Die Anbetung der heiligen drei Könige darstellend. - Tafel XXIV.

Auf der Rückseite dieses Bildes war offenbar Mariae Heimsuchung dargestellt, die jetzt stark zerstört, zum Theil sogar mit dem Kreidegrund völlig abgekratzt ist. Zu erkennen sind noch Reste eines weissen und eines tiefgrünen Gewandes, sowie Theile des Hintergrundes, einer Wasserlandschaft mit Eisvogel, Schwan und Schiffchen. (Höhe der Tafel 1,88 m, Breite 1,19 m.)

Zur künstlerischen Ausstattung der Kath. Kirche "St. Mauritius" Kippenheim arrowRight16

Im Langhaus gegenüber der Kanzel hängen Reste eines wahrscheinlich nie vollendeten Flügelaltars: beide Theile jetzt zusammen in einen Rahmen gefasst, den Tod und die Himmelfahrt Mariae darstellend (vergl. Tafel XXV), jünger als die oben beschriebenen Altarbilder (um 1520 bis 1530) und namentlich die Himmelfahrt Mariae etwas ungelenk in der bisweilen plumpen Zeichnung. Anklänge an die Renaissance finden sich vielfach, so in den aufgerollten Bettvorhängen, in dem am Boden stehenden Leuchter und in der Architektur auf dem Bilde des Todes der Maria. Im Bilde der Himmelfahrt Mariae ist der Himmel, in dem die Mutter Gottes auf Wolken, umgeben von musizirenden Engeln, emporschwebt, in natürlichen Farben gemalt. Der Hintergrund zeigt eine offene Landschaft, rechts eine Burg auf steilem Felsenberge, an dessen Fuss eine Stadt am Ufer des sich nach links ausbreitenden Meeres liegt.

Tafelgemälde im Langhaus. - Tafel XXV. Cricifixus im Chor. - Tafel XXVI.

Die Rückseite dieser Bilder blieb unvollendet; nur der gemusterte Goldgrund ist fertig geworden, das Masswerk in den Ecken untergrundirt und Platz für je zwei Figuren ausgespart, deren Nimben schon theilweise angedeutet sind. Was dargestellt werden sollte, kann nicht erkannt werden, ebenso wenig wie über den Namen des Meisters und die Entstehungszeit der Bilder sich irgend eine Angabe vorfindet (Höhe der Bilder 1,31 + 0,51 m, Breite 0,43 + 0,33 m.)

Im Chor hängt ferner ein grosses, in Holz geschnitztes Kruzifix (vergl. Tafei XXVI), das wohl früher vom Chorbogen herabhing; eine recht gute Arbeit des 16. Jhs.

Im Aeusseren des Langhauses war auf der nördlichen Seitenfacade das über lebensgrosse Bild des h. Christophorus auf die Wand gemalt, das in neuerer Zeit eine, Restauration erlitt.

Daneben sind mehrere Grabplatten in die Mauer eingelassen:

Grabstein des Franciscus Ignatius Dilg, Amtmanns zu Mahlberg † 1751.

Grabstein des Franz Bronner, Verwesers zu Mahlberg † MDCLXXVII.
(Umschrift verwittert, in der Mitte verwittertes Wappen mit Denkspruch.)

Grabstein des Hans Caspar Ender von Serchaw † 1621.
(Zwischen zwei Säulen mit jonischen Kapitälen und geradem Gebälke zwei Wappen mit Inschrift.)

Grabstein des Wilhelm Jos. Mart. von Blittersdorf, gewesenen Landvogts von Mahlberg, gest. 24. April 1798.

Grabstein des Franz Josef Sartori, des wohllöblichen Lahrer Kapitels Erzpriesters, gest. 2. Janner 1724.

Im Innern des Langhauses auf der Nordseite sind folgende Steine eingemauert:

Ein barockes Denkmal mit Wappen, darunter ein Engel mit Stundenglas auf einem Todtenkopf sitzend, daneben die Jahreszahl 1754. Die Inschrift lautet: DENCKMAHL FIR DIE HORNVSISCHE FAMILIE: (eine Familie aus Mahlberg). Unbedeutende schlechte Arbeit.

Im Thurm:

Grabplatte des Herm. Franciscus Ernst Heinr. von Olisy. Markgräflich badischen Archisatraps, gest. 2. Januar 1721 (mit Wappenrelief).

Grabplatte des Josef Ferdinand Hossner, Archigrammaticus, gest. 1750.

An der inneren Südmauer des "Thurmes sind angebracht:

Grabplatte des Pfarrers Jacobus Hauger, gest. 1730.

Grabplatte mit schwülstig reicher Dekoration und jetzt unleserlicher, ehemals aufgemalt gewesener Inschrift vom Jahre 17174.

An der Südmauer des Langhauses:

Grabstein des Franz Balthasar Maurer, Landschreibers der Herrschaft Mahlberg, gest. 3. Juli 17r3.

Grabstein der Maria Margaretha Greinerin von Streitegh, geborene Reisin, gest. 16. July 1693 (mit beiden Wappen).

In dem aus der Mitte des 18. Jhs. stammenden Glockenstuhl (an den Sätteln der zwei kleinen Glocken ist die Jahreszahl 1756 eingehauen) hängen, abgesehen von einer kleinen Glocke aus dem Anfange unseres Jahrhunderts, noch drei alte Glocken.

Die grösste derselben (Durchmesser 1,40 m) zeigt zu beiden Seiten in Relief eine Maria mit dem Jesuskinde in Strahlenmandorla und oben die Umschnift:

w 05
Die etwas kleinere Glocke (Durchmesser 0,95 m) trägt in Relief die Darstellung des Gekreuzigten zwischen Maria und Johannes, sowie Maria mit dem Jesuskinde in Strahlenmandorla aufgegossen. Die Umschrift lautet:

w 06
Die dritte alte Glocke (Durchmesser 0,735 m) hat oben unter einem schmalen Fries von Engelsköpfchen und Blumenguirlanden eine stark zerstörte Inschrift, von der Folgendes noch zu lesen:

w 07
Unten am Rande ist auf der einen Seite der Gekreuzigte zwischen Maria und Johannes und die Marke H - W angebracht, auf der anderen die Buchstaben C - BON - BON., während das in einer quadratischen Umrahmung ehemals eingesetzte Wappen oder Zeichen bis zur Unkenntlichkeit zerstört ist.

In der Sakristei befinden sich zwei silberne Messkännchen in hübschen Barockformen mit Platte, auf deren Rückseite eingekratzt ist:

w 13
ferner eine silberne, theilweise vergoldete Strahlenmonstrans vom Jahre 1683, aus Strassburg stammend.

Im Pfarrhaus wird ein silbervergoldeter Kelch aufbewahrt mit reichem aufgelegten Silberfiligranwerk an der Cupa, an Knauf und Fuss mit gemalten Porzellanbildern und Rosetten echter Steine beinahe etwas zu überladen verziert. Am oberen Theil des Fusses sind ausserdem drei Schilde angebracht, von denen der eine eingravirt eine thronende Maria mit dem Jesuskinde, der andere die Jahreszahl 1692 zeigt und der dritte einen Wappenschild, bekrönt von Mitra und Bischofsstab, mit einem ein Hufeisen im Schnabel haltenden Vogel Strauss als Wappenthier. (Abtei Schuttern?)

Auf dem Kirchhofe stand ehemals ein spätgothisches Beinhaus, das man 1892 abtrug, ohne vorher die Aufnahme des Bauwerks vorgenommen zu haben. Von seiner Innenausstattung sollen eine h. Katharina und eine h. Barbara im Privatbesitz noch erhalten sein, die ich jedoch nicht sehen konnte. Dagegen bewahrt Herr Pfarrer Thery aus eben derselben Kapelle im Hausflur des Pfarrhofes eine Marienfigur auf, eine gute spätgothische Arbeit.

Das Pfarrhaus ist ein einfaches, zweigeschossiges Steinhaus mit Treppengiebeln, die von Obelisken bekrönt werden und deren Anfänger besonders vorgearbeitet unten mit Fratzen geziert sind. Die Fenster und Thürgewände zeigen einfache Profile; über dem neben dem grossen Thor befindlichen Pförtchen ist in Cartouche die Jahreszahl 1580 eingehauen, an der Kellerthüre in der Einfahrt 1532, im Keller 1580.


Der romanische Kirchturm in Kippenheim - Von Karl List, Freiburg i. Br. (gekürzter Auszug)

Kippenheim, am Rand der Schwarzwaldvorberge und an der alten Heerstraße gelegen, die an diesen Vorbergen von Norden nach Süden entlangzieht, wird, ungeachtet dessen, daß uns wenig überliefert ist, schon in frühesten Zeiten besiedelt gewesen sein. Wie im nahen Dinglingen hinterließen die Römer auch hier Zeugen ihrer Anwesenheit. Ein römischer Altar läßt zum mindesten auf einen römischen Hof schließen. Als "heim" - Ort darf Kippenheim zu den fränkischen Siedlungen des 7. Jahrhunderts gerechnet werden, die zum Teil - wie im benachbarten Burgheim - ihre Herrenkirchen besaßen. Mit einer solchen wird auch das kirchliche Leben in Kippenheim seinen Anfang genommen haben. Sichere Kunde erhalten wir erst durch das Güterverzeichnis des Hochstifts Straßburg aus dem Jahre 1007, in welchem für die Zeit des Bischofs Richwin (916 - 932) in "vico kippenheim" eine Kirche des hl. Mauritius Erwähnung findet. Eine auf das Jahr 763 gefälschte Schenkungsurkunde kann als wahren Kern enthalten, daß der Ort "Chipinheim" schon zu jener Zeit existierte. Aber erst nach der Wende zum 12. Jahrhundert mehren sich die Nachrichten, und 1136, 1144 und 1185 ist in päpstlichen Besitzbestätigungen die Kirche in Kippenheim wieder erwähnt.

Der heute zwischen gotischem, polygonalem Ostchor und Hauptschiff stehende Turm mit seiner barocken Haube ist schon immer als romanischer Turm über einem Ostchor erkannt worden. Diese Auffassung konnte durch Beobachtungen erhärtet werden. Unter dem Dach der Kirche war seit je die Struktur des Turmmauerwerks sichtbar. Trotz der dort herrschenden Dämmerung läßt sich ein kleinsteiniges lagerhaftes Mauerwerk erkennen, dessen einzelne hammerrecht bearbeiteten Steine (Sandstein) durchschnittlich 12 - 14 cm hoch und 20 - 40 cm lang sind. Bei näherer Betrachtung finden sich ein durch Brand stark zerstörter umlaufender Mauergurt mit Platte und Schmiege und an den Ecken sehr sorgfältig gearbeitete Quader, deren gepickte Spiegel durch 20 mm breite Randschläge gefaßt sind. Dieser Befund veranlaßte den Verfasser Anfang April des Jahres 1962, als im Zuge der Instandsetzungsarbeiten der Außenputz des Turmes entfernt werden mußte, das Mauerwerk des Turmes genauer zu prüfen. Tatsächlich zeigten sich in der Höhe der Zifferblätter Andeutungen von Segmentbögen, die nur von romanischen Klangarkaden stammen konnten. Als drei Tage später die genaue Untersuchung vorgenommen werden sollte, war inzwischen der Turm bereits neu verputzt. Es verblieb somit lediglich die Möglichkeit, die Arkaden von innen nachzuweisen. In der Dunkelheit kamen bald die ersten Kämpfersteine und Säulenbasen zum Vorschein. Der Turm ist inzwischen fertiggestellt: Die Arkaden wurden mit ihren Bögen und Stützen freigelegt und auch nach außen gezeigt (Abb.).

romanische Fragmente Friedenskirche KippenheimEs verblieb die Aufgabe, den Turm in den Bestand der romanischen Türme des Oberrheingebietes einzuordnen. Dazu möge erstens die Darstellung des Befundes und zweitens der Vergleich mit den Türmen des entsprechenden Zeitraumes in unserer Landschaft dienen.

Obgleich der heutige Triumphbogen mit seinem dahinterliegenden gotischen Kreuzgewölbe zunächst nicht erkennen läßt, daß dieser Turm ein romanischer Chorturm war, kann doch an dieser Tatsache nicht gezweifelt werden. Seine Nord- und Südwand weisen unter den später erst eingefügten Kreuzrippen je in der entsprechenden Höhe eine Vorbauchung auf, die den Ansatz zum alten Tonnengewölbe des Chores bildet. Auf der Ostseite besaß dieser Chor vermutlich einen geraden Mauerabschluß - falls nicht im Boden noch verborgene Fundamente eine Ostapsis nachweisen (vgl. den angefügsten Bericht über die jüngsten Bodenfunde in der Kippenheimer Kirche). Diese Ostseite ist heute mit einem zweiten Triumphbogen zum polygonalen gotischen Chor hin geöffnet.

Auf einer Grundfläche von ca. 7 x 7 m erhob sich der Turm zu seiner ursprünglichen Höhe von einst 22,60 m bis zum Dachgesims. Heute ist er durch das barocke Glockengeschoß mit der darüberliegenden Turmhaube erhöht. Schon der ursprüngliche Turm war mit über 22 m unverhältnismäßig hoch, denkt man sich das niedere romanische Längsschiff dazu. Diese Höhe erweckt den Verdacht, daß der Turm zwei Arkadengeschosse gehabt haben könnte, wie der Turm von Forchheim nördlich des Kaiserstuhls, was jedoch nicht zutrifft. Seine ursprünglich wohl fünf Geschosse sind heute einer anderen Einteilung gewichen. Ein kleines romanisches Fenster auf der Nordseite unter dem Sakristeidach diente der Belichtung des zweiten Geschosses unmittelbar über dem Chor.

Der auf allen Seiten sehr gleichmäßige obere Mauerabschluß des romanischen Turmes am Beginn der barocken Aufstokkung könnte einem Zeltdach entsprochen haben - romanisches Giebelmauerwerk findet sich nicht -, doch kann in dieser Zone das Mauerwerk abgeglichen sein, um eine durchlaufende Sohle für die barocke Aufmauerung zu gewinnen. Unter dem heutigen Schiffdach zeigen sich zwei alte Dachanschlüsse. Der tiefere mit etwa 30° Neigung durchschneidet den unteren Mauergurt, der zwischen zweitem und drittem Geschoß umläuft. Im Bereich dieses Dachraumes ist die Oberfläche des Turmmauerwerks durch Brand stark zerstört. Ein zweites Dach von ca. 45° Neigung durchschneidet die Eckquader etwa einen Meter über diesem Gurt. Die heutige Firsthöhe des barocken Daches liegt 0,80 m unter dem sehr hochliegenden oberen Gurt, dem die Arkaden im fünften Geschoß unmittelbar aufsitzen.

Wo das Mauerwerk zutage tritt, entspricht es bis zum Glockengeschoß der zu Anfang beschriebenen Struktur. Nach Entfernung der Zumauerung in den Arkadenöffnungen, die aus denselben großformatigen Backsteinen bestand, mit denen das barocke Glockengeschoß errichtet wurde, ergab sich folgendes: Ost-, Süd- und Westarkade enthalten je drei Stützen, die ihrerseits vier Bögen tragen. Lediglich die Nordseite enthält nur zwei Stützen und drei Bögen. Von diesen insgesamt elf Stützen bestehen fünf aus Säulen und sechs aus abgefasten Pfeilern (Zeichnungen).

Die Säulen sind mit primitiven Würfelkapitellen gekrönt, die in gestürzter Form jeweils als Basen wiederkehren. Die Säulenschäfte sind kräftig ohne Schwellung, doch im Schaft leicht nach oben verjüngt.

Das Kapitell der Säule 6 im Grundriß (Abb.) ist oben, wo die Vierung zum Kämpferstein überleitet, mit einem breiten Band versehen, dem sich eine geritzte Schildbogenlinie unten ansetzt; ihm entspricht die Basis. Andere Säulen sind ohne Kopfband und Bogenlinie, hier sind lediglich die Ecken des Würfels zum Schaft hin gerundet. Bei den Basen 4, 7, 8 sind die Bogenzwickel zum Säulenschaft hin gekerbt (Zeichnung).

Kippenheim. Turm der Kirche - Die freigelegten Klangarkaden - Ostarkaden Kippenheim. Turm der Kirche - Die freigelegten Klangarkaden - Südarkaden Kippenheim. Turm der Kirche - Die freigelegten Klangarkaden - Westarkaden Kippenheim. Turm der Kirche - Die freigelegten Klangarkaden - Nordarkaden

Auch die Kämpfer differieren in ihrer Ausbildung, ebenso die Plinthen (Fußplatten) unter den Basen. Die Kämpfer zeigen bei 2, 4, 7 und 8 auf der Außenseite den üblichen runden Wulst, an den Kämpfern bei 6 und 9 ist dieser zerstört. Einige der Kämpfer über den Pfeilern scheinen nie einen Wulst besessen zu haben.

Von den Pfeilern, die sämtlich an den Ecken abgefast sind, enthalten die älteren einen quadratischen, die anscheinend jüngeren einen rechteckigen Grundriß. Die Fasen selbst sind in ihren Abläufen wiederum recht verschieden. Die ältesten laufen über eine wulstige Rundung zur Ecke ab, andere schwingen sich gekehlt vor. Ein Teil der Stützen muß in späteren Zeiten ausgewechselt worden sein. Es fand sich in der Zumauerung das Bruchstück einer älteren Stützenform. Die Nordarkade ist offensichtlich völlig umgestaltet worden; hier wurde eine der drei Stützen zugunsten einer großen Mittelöffnung entfernt und die Bogenführung verändert. Vermutlich geschah dies - wie auch in Forchheim - zur besseren Auswechslung der Glocken. Besondere Erwähnung verdient die Skulptur eines Männerkopfes am mittleren Kämpfer der Ostarkade. Über dem gescheitelten und gesträhnten, seitlich des Kopfes lang herabfallenden Haar sitzt ein schmaler Stirnreif mit schwachen, kronenförmigen Ansätzen. Der Mund ist lippenlos eingekerbt, ebenso die Umrißlinie der Augen. Das Ganze wirkt flächig und streng wie eine Maske. Eine weitere Kämpferskulptur an Stütze 9 blieb in den Anfängen stecken: Der untere Teil eines Gesichtes oder Kopfes ist aus dem Steinbollen halb herausgearbeitet, darüber befindet sich noch das mit dem Spitzeisen bearbeitete rohe Gestein.

Kippenheim. Verschiedene Arkadenstützen 6 u. 4 Rundsäulen mit Würfelkapitellen, diese auch gestürzt als Basen: 3, 5, 2 gefaste PfeilerDie Datierung des Turmes und seine typologische Einordnung in den vorhandenen Bestand romanischer Türme läßt sich ohne den Vergleich des Mauerwerks und der Architekturglieder nicht wagen. Es scheint angemessen, mit der Betrachtung räumlich nahestehender Türme zu beginnen. Doch sind auch entferntere Türme wegen dieser oder jener Merkmale herangezogen worden.

Eine Typologie der Türme nur aufgrund ihrer baulichen Gestalt aufzustellen, würde ein fragwürdiges Unternehmen bleiben. Es finden sich zeitlich die verschiedensten Typen nebeneinander, aber auch gleichartige Erscheinungen mit erheblichem zeitlichem Abstand. Gefunden geglaubte Regeln werden zu oft durchbrochen. Die Untersuchungen von Prof. K. Hecht, veröffentlicht in der Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte, Jahrgang XI (1952), wurden dem Verfasser erst während dieser Arbeit zugänglich. Die bei Hecht gebrachte Vergleichstafel romanischer Türme liegt zum überwiegenden Teil außerhalb des Rahmens des vorliegenden Themas.

Einen einigermaßen sicheren Anhalt bietet jedoch die Prüfung der technisch-formalen Beschaffenheit der Türme im Ganzen wie in den Einzelheiten.

Die Forschungen von R.Kautzsch und K.F. Friedrich geben uns wichtige Hinweise. Da sind die frühen Türme von Weißenburg im Unterelsaß (nach der Mitte des 11. Jahrhunderts), Ottmarsheim im Oberelsaß (Mitte 11. Jahrhundert) und Niederkirchen in der Pfalz (Kubach: zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts) vorwiegend kleinsteinig, gut lagerhaft und gepflegt im Verband, mit nur hammerrecht bearbeitetem Bruchstein, ohne Eckquaderung, doch hier oft mit kräftigeren Steinen versehen und noch ohne Werkstein. Dieselbe Art begegnet uns in Balingen (Ende 10. Jahrhundert), Reichenau-Mittelzell (Mitte 11. Jahrhundert), Sulzburg (Kr. Müllheim) u.a. Alle Maueröffnungen sind ebenfalls kleinsteinig gemauert. Auch die Türme in Niederrimsingen (Kr. Freiburg) und Niedereggenen (Kr. Lörrach) entsprechen noch dieser Mauerstruktur. Schon aber haben wir in Merxheim im Oberelsaß einen noch im 11. Jahrhundert entstandenen Turm, der durch gut geflächte Eck- und Bogenquader sowie den umlaufenden Gurt seine frühe Datierung durch Kautzsch (erste Hälfte 11. Jahrhundert) zweifelhaft erscheinen ließe, hätten wir nicht die Auswirkung großer Vorbilder in Rechnung zu stellen. Einen umlaufenden Gurt zeigt auch St. Michael in Oberstenfeld (Kr. Ludwigsburg), doch scheint hier die Datierung vor die Mitte des 11. Jahrhunderts fraglich. Auch er würde nach der Mauerstruktur und übrigens auch des Gesamthabitus wegen frühestens in das Ende des 11. Jahrhunderts zu rechnen sein, wohin auch K. Hecht ihn datiert.

Nach der Wende zum 12. Jahrhundert finden wir allgemein gut geflächte Eckquaderungen; von der Mitte dieses Jahrhunderts ab ist wohl kaum ein Turm ohne solche Eckquaderung nachweisbar. In Merxheim und Niedereggenen finden wir sie schon früher. In Ottmarsheim zeigt sich bei sonst gleichgeartetem Mauerwerk in der Höhe des dritten Geschosses deutlich eine ausgesprochenere Eckvermauerung als im unteren Teil, ohne daß hier jedoch von bearbeiteten Quadern gesprochen werden darf. Es mag sein, daß dieser obere Teil des Turmes später ist als die unteren Stockwerke, was bereits Kautzsch vermutete. In Niedereggenen beginnen ebenfalls die gut gearbeiteten Eckquader erst in der Höhe der Arkadengeschosse, übrigens bei weniger sorgfältig gefugtem Mauerwerk als in den unteren Geschossen, was die oberen Geschosse als zeitlich später ausweist.

In diesem Zusammenhang verdienen einige Mauerstrukturen, die verschiedentlich auftreten, unsere Beachtung. Das gutgefügte kleinsteinige und lagerhafte Mauerwerk fand sich in fast all den bisher genannten Türmen; wenn auch verschieden durch die örtlich zur Verfügung stehende Gesteinsart, so doch immer wieder nach wenigen Schichten horizontal abgeglichen. Besonders sorgfältig erscheint dieses Mauerwerk an den Türmen in Weißenburg, in der Torhalle zu Ottmarsheim, in den Untergeschossen von Niederrimsingen und Niedereggenen, in Forchheim, Kippenheim, Munweiler und Altenstadt.

Nun zeigt sich hier und dort eine Eigenart, die darin besteht, flache Steine, die ihrer Dicke nach nicht der Höhe einer normalen Mauerschicht entsprechen, einzeln und vor allem zu mehreren hochkant nebeneinanderzupacken, so daß sie als mehr oder weniger lange "Rollschicht" in Erscheinung treten. Wir finden das schon am Speyerer Treppenturm, am Nordwestturm auf dem Heiligenberg über Heidelberg, am Turm in Handschuhsheim (Kr. Heidelberg), in Schienen (Untersee) über den Bögen des Obergadens, an gleicher Stelle in Altenstadt, im Erdgeschoß des Turmes von Niederrimsingen, in Forchheim, am Ostgiebel in Sitzenkirch (Kr. Lörrach), am Westgiebel in Reichenbach bei Gengenbach, vor allem aber am Turm und Ostgiebel in Sulzburg. Diese Rollschichten haben mit Ährenmuster "opus spicatum" nichts zu tun, zumal sie durch lagerhafte Schichten darüber sogleich abgeglichen werden. Die Sparsamkeit beim Verbrauch des Steinmaterials liegt dieser Erscheinung wohl zugrunde, die hier und dort zum geübten Brauch wird. Zeitlich ist diese Übung kaum einzugrenzen. Ebenso verhält es sich mit Rollschichten, die aus Flußwacken gebildet sind. Bei diesem Material bietet es sich an, die eiförmigen Kiesel in den übereinanderliegenden Schichten so zu fügen, daß durch ihre gegenläufige Schräglage ein festerer Verband entsteht, der zudem weniger Mörtel beansprucht. Diese Struktur findet sich in allen Jahrhunderten, da sie aus dem Material erwächst. Auch hier liegt kein echtes opus spicatum vor.

Fortführung - Die romanische Kirche in Kippenheim und ihre Vorgänger (Karl List - Geroldsecker Land, Heft 6 - 1963 / 64)

Nachdem der Turm in Kippenheim sich als Teil einer romanischen Kirche erwiesen hatte, galt es, alle Anzeichen, die für das Vorhandensein von Überresten älterer Kirchen sprachen, und die sich beim Aushub der Umluftheizungsschächte würden finden lassen, zu beachten. Leider wurde der Gedanke an eine Notgrabung in der Kirche nicht gefaßt. So kam es dann zu dem unerfreulichen Tatbestand, daß die zufällig und ohne erforderliche Sorgfalt aufgedeckten älteren Bauzeugnisse nur notdürftig für die Wissenschaft gesichert werden konnten.

In der Länge des Kirchenschiffes war von Westen nach Osten, durch das Turmquadrat hindurch in den gotischen Chor führend, ein Graben gezogen worden. Dieser Graben durchstieß im Boden mehrere Mauern (vergleiche Grundriß). Hierbei war hart östlich des Turmfundaments ein Steinplattengrab geöffnet und der Inhalt herausgenommen worden, leider ohne zuvor das zuständige Amt für Ur- und Frühgeschichte und das Amt für Denkmalpflege zu benachrichtigen. Die Merkmale, die für die Wissenschaft von erheblicher Bedeutung sein können, werden aber bei solcher Art "Schatzgräberei" fast immer zerstört.

Im vorliegenden Fall konnte also dann nur das offene Grab und die Grabsituation selbst gesichert werden. Die aufrechtstehenden Seitenplatten standen auf dem Estrich eines Baues, der zur Zeit der Bestattung längst verschwunden war. Innen war das Grab mit Kalkmörtel ausgeputzt und die Putzfläche durch senkrechte und waagerechte Kellenstriche verziert. Die östliche Hälfte des Grabes wurde später vom Fundament einer dem Turm angefügten Apsis überbaut. Bei näherer Untersuchung fand sich eine Holzsargbestattung noch innerhalb des Apsisraumes, aber ebenfalls zeitlich vor der Erbauung der Apsis. Das Holz des Sarges hatte sich im Mörtel des Fundaments abgedrückt. Innerhalb dieses sonst völlig vergangenen Sarges fanden sich, neben Skeletteilen, die durch Störungen nicht mehr in ihrer ursprünglichen Lage gefunden wurden, Bruchstücke eines bleiernen Kelches. Dieser und der hervorgehobene Ort des Grabes deuten auf eine Priesterbestattung.

Bei der Untersuchung der genannten Gräber erschienen einige Ziegelbruchstücke, die unzweifelhaft Teile von römischen Leistenziegeln sind. Weil derartige Ziegel mancherorts auch um die Jahrtausendwende noch Verwendung fanden, schien es geraten, von ihrem römischen Charakter vorerst nicht zu sprechen. Auch ein römischer oder frühmittelalterlicher Randscherben eines Gefäßes ließ aufmerken. Wenn die Bestattungen innerhalb des Kirchenraumes vorgenommen wurden - worauf der Estrich, dem sie aufsitzen, schließen läßt - so muß es sich hierbei um eine viel ältere Kirche als die romanische Chorturmkirche handeln. Die gefundenen Kelchbruchstücke entsprechen Kelchformen karolingischer Zeit. Der Turm und die ihm später vorgesetzte Apsis stammen erst aus dem 12. bzw. 13. Jahrhundert.

Die zum Turm gehörenden Kirchenschiff-Fundamente ließen sich innerhalb des heutigen, aus dem Jahr 1501 (nicht 1401) stammenden Schiffes feststellen (vergleiche Abbildung). Ein Mauerwerk, dessen Zweck ungeklärt erschien - fast genau in der Mitte der Kirche - gab Veranlassung zu einer nachträglichen Untersuchung, bevor der neue Boden gelegt wurde. Vor der Nordwand des Kirchenschiffes erschien ein zum Raume schräg laufendes Mauerwerk. Die Annahme einer großen Apsis bestätigte sich nicht. Nachdem jedoch römische Gefäßscherben (terra nigra u. a.) zum Vorschein kamen, stellte das Amt für Ur- und Frühgeschichte den römischen Ursprung auch des Mauerwerks fest. Zuvor konnten jedoch einige Böden gesichert werden, von denen der unterste mit dünnem Estrich dem römischen Mauerwerk unmittelbar auflag. Zu diesem wohl ältesten Kirchenboden wurde noch eine verkeilte Pfostenlochreihe (Ost-West orientiert) ermittelt, die den Verlauf der ersten Nordwand anzeigt.

Was in der Kippenheimer Kirche gefunden wurde, berechtigt zu der Feststellung, daß eine christliche Gemeinde bereits zur gleichen Zeit wie im benachbarten Burgheim - um die Wende zum achten Jahrhundert - ihre Kirche an der Stelle hatte, wo ehemals ein römisches Bauwerk stand.

Grundriß der Kirche mit Bodenfunden, 1962

A Römisches Mauerwerk - B Pfostenloch-Verkeilungen einer ersten Kirche - C Vorromanisches Mauerwerk - D Vorromanisches Steingrab - E Vorromanisches Holzsarg-Grab - F Romanisches Mauerwerk - G Romanische Kirche, z. T. ergänzt - H Stelle der Bodenschichtung - J Altar-Fundament - K Heutige Kirche - L Heizungskanäle
A Römisches Mauerwerk - B Pfostenloch-Verkeilungen einer ersten Kirche - C Vorromanisches Mauerwerk - D Vorromanisches Steingrab - E Vorromanisches Holzsarg-Grab - F Romanisches Mauerwerk - G Romanische Kirche, z. T. ergänzt - H Stelle der Bodenschichtung - J Altar-Fundament - K Heutige Kirche - L Heizungskanäle

Die gesamte Dokumentation - Der romanische Kirchturm in Kippenheim - von Karl List  können Sie hier herunterladen  download


Ehem. Pfarrhaus Kippenheim - Zur Architektur wäre zu sagen, dass dieses Haus nicht mehr dem bereits 1651 errichteten Haus entspricht. Sicher auch nicht der Zeit um 1780, wie es alleinig katholische Pfarrhaus wurde. Dazu ist es einfach zu neuzeitlich

Pfarrhaus


Pfarrhaus - ja, nein, vielleicht - oder doch nicht? Evangelisch - Katholisch - ziemlich verwirrt kam ich nach meinem Fotoausflug nach Kippenheim nachhause. Da hatte ich doch etwas gelesen - aber wo. Eine Legende war doch - aber - ich hatte vergessen, diese zu fotografieren und nirgends (nicht in meinen Büchern und auch nicht im WEB konnte ich etwas zu diesem Bauwerk nachschlagen oder lesen.

Also muss ich da noch einmal hin. Und ja, da war auch tatsächlich eine Legende (Foto unten angebracht). Das Haus war sohohl evangelisches als auch katholisches Pfarrhaus - in der Zeit des sogenannten Simultaneums.

Simultaneum nennt man das Recht, nach welchem in demselben Staat der evangelische und katholische Glaube freie Ausübung hat.

Ehemals machte man in Deutschland einen Unterschied zwischen notwendigem und willkürlichem Simultaneum (lat. simultaneum necessarium et voluntarium). Das erstere hieß das Recht, nach welchem die katholische und protestantische Konfession in den Ländern des Reiches nach der Art und Weise, wie beide im Jahr 1624 (dem Normaljahr) nebeneinander bestanden hatten, auch weiterhin gesetzmäßig nebeneinander bestehen sollten und der Gottesdienst gehalten werden dürfte.
Das willkürliche Simultaneum bestand hingegen darin, dass ein Regent in seinem Lande die Konfession, zu der er sich bekannte, einführte, während die entgegengesetzte herrschend war. Dieses Simultaneum konnte allerdings nur da eingeführt werden, wo ein Land verpfändet und wieder eingelöst war, auch durfte nie die herrschende Religionspartei in ihren Rechten der Religionsfreiheit beeinträchtigt werden.

Legende des Simultaneums-PfarrhausesDurch Artikel 19 der Verfassung des Deutschen Bundes, der Deutschen Bundesakte, galt in allen dazugehörigen Ländern ein volles Simultaneum. Auch in den nachfolgenden deutschen Staaten, also dem Norddeutschen Bund, dem deutschen Kaiserreich, dem Deutschen Reich (und dadurch also auch der Weimarer Republik) und sowohl der Bundesrepublik Deutschland als auch der Deutschen Demokratischen Republik galt bzw. gilt das Simultaneum, erweitert um die Garantie der freien Religionsausübung anderer Religionsgemeinschaften. (wikipedia)

Also da, wo sich in anderen Regionen Katholen und Evangelen die "Köpfe einschlugen", versuchte man in der Herrschaft Mahlberg, wozu Kippenheim gehörte Religionsrechte auszugleichen und beide Seiten zu bedienen. Die führte selbst soweit, dass eine Kirche zeitweise kathologisch und zu anderen Zeiten wieder evangelisch sein könnte und erklärt zumindest teilweise meine Verwirrung bzgl. dieses Hauses.

Zur Architektur wäre zu sagen, dass dieses Haus nicht mehr dem bereits 1651 errichteten Haus entspricht. Sicher auch nicht der Zeit um 1780, wie es alleinig katholische Pfarrhaus wurde. Dazu ist es einfach zu neuzeitlich.

Zuzuordnen dürfte das Bauwerk auf seinem mächtigen Bruchsteinsockel mit zwei Geschossen in Winkelbau - teils mit Krüppelwalmdach (Südseite) und echtem Walmdach (Ost-West-Achse) und ausgebautem Dachgeschoss - der Neorenaissance sein.

Die Neorenaissance bezeichnet eine Ausprägung des Historismus, die gekennzeichnet ist von einem bewussten Rückgriff auf Stilformen der Renaissance. Vom beginnenden bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert finden sich Stilelemente der Neorenaissance hauptsächlich im Bereich der Architektur und im Kunsthandwerk. Wie auch das Neorokoko nahm die Neorenaissance ihren Ausgang in Frankreich, von wo aus sie sich nach Europa und Amerika verbreitete. In Deutschland wurde die Neorenaissance nach der Reichsgründung 1871 als nationaler Stil propagiert. (Webseite - Ketterer Kunst)

"In's Auge fallen" die massive Eckquaderung und Fenstergewände - alles in Sandstein und auch an den Dachgesimsen wurde offensichtlich nicht gespart. Gerade diese aufwändigen Steinmetzarbeiten präsentieren den Stil der Neorenaissance.

Auf den ursprünglichen Bau dürfte noch das bruchsteingemauerte Ökonomiegebäude an der rückwertigen Seite (Nord) des Pfarrhauses hinweisen.
zurück

Jüdischer Friedhof



Jüdischer Friedhof Schmieheim - Stellvertretend für diejenigen, welche keine Bestattung gewährt wurde, sollte auf diesem jüdischen Friedhof eine kurze Zeit darauf verwenden, deren zu gedenken, die hier nicht geehrt werden könnenDie Stimmung landet schnell auf dem Tiefpunkt beim Besuch des "Judenfriedhofs" von Schmieheim - weniger wohl, ob der Gedanken an die vielen Verblichenen, die hier zu ihrer letzten Ruhe gebettet sind - vielmehr, weil quälende Gedanken an die Shoa aufkommen und an die Tatsache, das in unserem Lande wieder "Mächte am Wirken sind", welche die Pogromvergangenheit in unserem Land als einen "Fliegenschiss in unserer großartigen Geschichte" abtun.

Hier liegen auch Menschen in ihrer letzten Ruhe, die schon im Kaiserreich für "IHR" Vaterland in's Feld zogen und ihren "Blutzoll" für "Kaiser, Volk und Vaterland" gezahlt haben.

Stellvertretend für diejenigen, welche keine Bestattung gewährt wurde, sollte auf diesem jüdischen Friedhof eine kurze Zeit darauf verwenden, deren zu gedenken, die hier nicht geehrt werden können.

In diesem Gedanken hat wohl Otto Ernst Sutter den folgenden Aufsatz über den jüdischen Friedhof in Schmieheim verfasst.


Sutter, Otto Ernst: Auch sie waren Bürger unseres Landes, in: Dr. Franz Burda (Hrsg.), Ortenauer Heimatblatt, Heft 11 / 20.11.1962 (Offenburg 1962), Seite 4-5

Daß er sich abseits des flutenden Verkehrs, in seine fühlbar weltentrückte Melancholie gebannt, an einen stillen grünen Hang bettet, hat den jüdischen Friedhof unweit beim Dorf Schmieheim vor Frevlertum und niedrigster Zerstörungswut bewahrt. Unter den Gedenkstätten der Ortenau eignet dieser eine herzenbewegende Beredtheit. Indessen, ehe von dem verträumten Bereich der letzten Ruhe einstiger israelitischer Angehöriger unserer Heimat gesprochen werden mag, soll der Ort Schmieheim uns kurz beschäftigen.

Der juedische Friedhof zu Schmieheim (Otto Ernst Sutter)Der Chronist zitiert aus dem "Universal-Lexikon vom Großherzogtum Baden", das 1844 in Karlsruhe erschienen ist, ein paar Sätze, die insofern besondere Geltung haben, als sie einer Zeit entstammen, in der man den Gräbern, die heute vielfach verwittert sind, vermutlich noch viel freundliche Pflege hat angedeihen lassen. Unsere Quelle berichtet: "Schmieheim, Pfarrdorf, vom (damaligen) Amtsorte Ettenheim eine Stunde nordöstlich entfernt, hat in 168 Häusern und 218 Familien 603 evangelische, 14 katholische und 434 israelitische Einwohner, hat mehrere gute Steingruben, ein Bierhaus und drei Weinwirtschaften. Seine wohlhabenden Bewohner leben von Feld-, Wiesen-, Weinbau und von der Viehzucht; die Gemeinde besitzt große Waldungen ..."

Um die Mitte des letzten Jahrhunderts lebten, wie aus diesen Angaben in dem erwähnten Nachschlagewerk hervorgeht, über 430 jüdische Gemeindemitglieder in Schmieheim. Von ihnen haben wohl die meisten ihre letzte Ruhestatt auf dem jüdischen Friedhof gefunden. Auf diesem aber sind auch Einwohner aus anderen Orten der Landschaft im Umkreis von Schmieheim bestattet. Es handelt sich hier um einen sogenannten Verbandsfriedhof, der aus einer' ganzen Reihe von Gemeinden die irdischen Reste Heimgegangener jüdischer Einwohner aufnahm. Unser Bild (oben) gibt den Blick über die alte, zum Teil übermooste Mauer frei auf die ältesten, ganz einfachen, einander gleichen oder doch ähnelnden Grabmale aus Sandstein, von flächigen grauen und grünlichen Flechten überspannen. Spätere Gedenksteine verraten den Wandel der Formen bis in die dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts.

Besondere Beachtung verdient ein schlichtes Denkmal (links) für Soldaten jüdischen Glaubens, die aus dem ersten Weltkrieg nicht heimgekehrt sind. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, daß der Führer der badischen Sozialdemokraten vor dem ersten Weltkrieg, Rechtsanwalt Dr. Ludwig Frank, der, jüdischer Herkunft, aus Nonnenweier stammte und in Lahr das Gymnasium absolvierte, ein hervorragender Politiker, als Kriegsfreiwilliger ins Feld zog und schon im August 1914 den Heldentod starb. Wem stiege nicht die Schamröte ins Gesicht vor dem Ehrenmal auf dem Schmieheimer jüdischen Friedhof, wenn er an die Verbrechen des Nationalsozialismus in ihrem grauenerregenden, verabscheuungswürdigen antisemitischen Wüten denkt...?

Der juedische Friedhof zu Schmieheim Gefallenendenkmal (Otto Ernst Sutter)In den einen Eckpfeiler des Eingangs zum Friedhof sind die Zahlen (von unten nach oben) 1768, 1884, 1936 und 1959 eingegraben. Vermutlich wurde das Gräberfeld angelegt und ummauert um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts. Seit 1959 steht der Friedhof, nachdem mit dem Oberrat der Israeliten die erforderlichen Vereinbarungen getroffen worden waren, unter dem Schutz des Regierungspräsidiums. Ein im Ruhestand lebender Maurermeister betreut die stille Welt der Toten. Ab und zu läßt sich einmal ein Fremder den Friedhof aufschließen und sucht ein Grab, das ihm teuer ist... Auch aus Amerika kam eine Summe zur Verwendung für die Pflege einer Ruhestatt.

Man sagte dem Chronisten auf dem Rathaus, um 1878 habe Schmieheim 1000 Einwohner gezählt, von denen die Hälfte jüdischen Glaubens gewesen sei. Heute gibt es in der etwa 770 Seelen zählenden Gemeinde keinen israelitischen Bürger mehr. Wir haben, von dunklen, leidvollen Gefühlen überschattet, Schmieheim verlassen. Dichter Nebel verhüllte den Friedhof...

Boll, Günter: Die frühesten Bestattungen auf dem jüdischen Friedhof von Schmieheim (Geroldsecker Land, Heft 39 - 1997) Seite 24 - 35

Günter Boll (1940 - 2012) war Gründungsmitglied der Gedenkstätten Südlicher Oberrhein

In seinem Grußwort zur 850-Jahr-Feier des Dorfes Schmieheim hat Günter Fehringer als Landrat des Ortenaukreises im September 1994 zu Recht die nachhaltigen Anstrengungen hervorgehoben, die die Gemeinde Kippenheim, zu der das Dorf seit 1972 gehört, unternimmt, um "den weit über Schmieheim hinaus bekannten jüdischen Friedhof zu erhalten. Hohe Anerkennung verdient in diesem Zusammenhang das Vorhaben, mit einer umfassenden Dokumentation der Grabsteine und der Übersetzung von Grabinschriften den künftigen Generationen Verstehen und Verständnis zu vermitteln und so auch mahnend an die Greueltaten im Dritten Reich zu erinnern."

Die gewaltsame Auslöschung der jüdischen Gemeinden kann mit der Pflege ihrer Friedhöfe nicht ungeschehen gemacht werden. Doch wird der Zustand, in dem wir die "kiwre awot", die Gräber der Väter, dereinst hinterlassen werden, der Nachwelt vor Augen führen, ob wir sie als kostbares Erbe oder als kostspielige Bürde angesehen und behandelt haben. Vorwürfe, zu denen sich das 1987 gegründete Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland im Februar 1988 infolge von Mitteilungen über den desolaten Zustand des jüdischen Friedhofs in Schmieheim veranlaßt sah, müssen den Bürgermeister der Gemeinde Kippenheim um so schmerzlicher getroffen haben, als sie just zu der Zeit erhoben wurden, in der er sich jede nur erdenkliche Mühe gab, öffentliche und private Hilfe für die schon 1986 ins Auge gefaßte Dokumentation der vom Verfall bedrohten Grabinschriften zu erhalten.

Intime Kenntnis der mit der Realisierung dieses Vorhabens verbundenen Schwierigkeiten veranlaßt mich, dem folgenden Beitrag zur Geschichte des Friedhofs ein Wort des Dankes an die Gemeinde Kippenheim und den Deutsch-Israelischen Arbeitskreis in Ettenheim für ihre vereinten Bemühungen um die Erschließung und den Erhalt dieser einzigartigen und unersetzlichen Quelle jüdischer Regional- und Familiengeschichte voranzustellen.

Erzherzog Leopold V. von Österreich, der bis 1625 Bischof von Straßburg war, ist am 13.9.1632 "zuo Insbruck deß Todts verfahren". Ein undatiertes, aber zweifellos schon zu seinen Lebzeiten erstelltes Verzeichnis der "in der hohen Stifft Straßb. gesessenen Juden", das im Bezirksarchiv Straßburg aufbewahrt wird, enthält die Namen von 48 Familienvätern, die bis auf die beiden Ettenheimer Juden "Latzarus" und "Eliaß" ausnahmslos in den linksrheinischen Amtsbezirken des Hochstifts ansässig waren. Ein am 21.1.1696 verstorbener "Sohn des Eli[as] seligen Andenkens aus der heiligen Gemeinde Ettene" wurde am darauffolgenden Tag auf dem jüdischen Friedhof von Mackenheim im Unterelsaß beerdigt. [Anmerkung in eckiger Klammer vom Autor]

Die erste urkundliche Erwähnung des auf dem linken Rheinufer gelegenen Friedhofs datiert vom 25.9.1608. Ein Bericht des Amtmanns von Marckolsheim, Peter Ernst von Lützelburg, an die bischöfliche Regierung in Zabern vom 4.6.1629 bezeugt das hohe Alter dieses Begräbnisplatzes, auf dem bis 1755 auch die Breisacher Juden bestattet wurden:

Doppelgrabstein Hirz Moises (gest  1718) und der Zipper Simon (gest  1720)"E[uer]: G[naden]: vnnd g[unsten]: soll Ich vnnderthenig zuoberichten nicht vnderlaßenn, wie daß die Judenschafft hieoben Nun vor vilen: vnnd vnuerdenckhlichen Jahren In diser Refier Ir begreptnus Im Gemeinen Bann Mackhenheim gehaptt, vnd noch Aldort haben, Aber solcher begrepttnus halben, der von Herbstheim sich bitz hero, Allein Angemast gehapt, Wann aber die Juden mich berichten, daß der Rhein Ihr begreptnus Mehrer theils eingerißenn, vnnd eben gar wenig blatz mehr am selbigen ort dauon verbanden, vnnd baldt gar darumb geschehen seye, Alß haben sie bey mir Angesucht Ich solt Inen vonn der Allmendt doch bey derselben Iren begrepttnus Ein Ackher grundt groß werden laßen, sie weiten denselben Bezahlen, waß sonst vngeuorlich Ein Eigner Veit Ackher zuo Mackenhleim] wertt sein mechte &p Gelangt vnnd Ist derohalben hiemit Ahn E: G: vnnd g: mein vnderthenigs Bitten, die wollen hierüber mir gnedigen bescheidt ertheilen, weßenn Ich mich diß orts verhalten solle". [Anmerkungen in eckiger Klammer vom Autor]

Die bischöfliche Regierung teilte dem Amtmann zu Marckolsheim am 8.6.1629 mit, daß sie sich seinen "Vorschlag der Juden begrebnus halben zu Mackhenheimb" nicht mißfallen lasse, "dannenhero Ihr mit Zuthuen dessen von Herbstein (Herbsheim) Ihnen Juden einen platz auszeichnen: vnd vmb ein Summa geltts was sonsten souiel grundt wehrth sein möchte Anschlagen köndet."

Eine weitere Vergrößerung des Friedhofs wurde am 21.4.1685 bewilligt. Aus der Zeit vor dieser zweiten Erweiterung sind nur noch wenige Grabsteine vorhanden; die Inschrift des ältesten datiert vom "3. Tamus 429 nach der kleinen Zählung" (2.7.1669). Der obengenannte Sohn des Elias von Ettenheim und die am 9.1.1696 verstorbene "Ehefrau des Herrn Salman von Grave[n]h[a]usen", "Frau Sara Jentele, Tochter des Josef seligen Andenkens", wären wohl kaum auf dem Mackenhcimer Friedhof bestattet worden, wenn der viel näher bei ihren Wohnorten gelegene Begräbnisplatz bei Schmieheim damals bereits bestanden hätte. [Anmerkungen in eckiger Klammer vom Autor]

Die ältesten Grabsteine dieses rechtsrheinischen Verbandsfriedhofs der im bischöflich-straßburgischen Ettenheim, in der baden-badischen Herrschaft Mahlberg (Kippenheim und Friesenheim) und in sechs Dörfern der ortenauischen Reichsritterschaft (Diersburg, Nonnenweier, Rust, Orschweier, Altdorf und Schmieheim) ansässigen Juden stammen aus den ersten Jahren des 18. Jahrhunderts. Die Inschrift des ältesten Steins erinnert an eine [Schmieheimer?] Jüdin, die am 29.9.1701 unweit der Nordwestecke des Friedhofs bestattet wurde: "Hier liegt eine vornehme Frau begraben, Frau Hindel, Tochter des Schmuel seligen Andenkens, begraben am Donnerstag, dem 26. Elul 461 nach der [kleinen] Zählung. Ihre Seele sei eingebunden im Bund des Lebens." [Anmerkungen in eckiger Klammer vom Autor]

Der jüdische Friedhof von Schmieheim muß demnach zwischen 1695 und 1702 angelegt worden sein. Die erste Ettenheimer Jüdin, die dort bestattet wurde, war die aus Stühlingen gebürtige Ehefrau des "Jacob Moyses", die der Inschrift ihres Grabsteins zufolge am 10.4.1703 gestorben ist: "Hier ruht eine vornehme Frau, Frau Gutle, Tochter des Jakob Stühlingen, Ehefrau des Jakob Ettene, gestorben am Dienstag, dem 24. Nissan 463 nach der kleinen Zählung. Ihre Seele sei eingebunden im Bund des Lebens. Amen. Sela."

zurück

Linde Stube Schmieheim


Stube - Linde - Schmieheim - Mittelpunkt des Gemeindelebens war seit altershalber die Stube, auch Stubenwirtshaus oder Laube genannt.Ein wenig möchte ich zur Linde meine Enttäuschung äußern. Kein Zweifel, dass die Linde ihre historische Bedeutung für Schmieheim besitzt, wie der Legende rechts der ehemaligen Durchfahrt zu entnehmen ist: "bis 1855 Gasthaus mit 'Stubenrecht' - Wirtshaus und Rathaus".

Auch keine Zweifel an der architektur historischen Wertigkeit, wie das architekturbüro bernd f. säubert in der historischen Ortsanalyse festhält: "Das Gebäude stammt im Kern aus dem 17. Jahrhundert" (siehe weiter unten).

Was haben dann allerdings Rolläden (Unter- und Obergeschoss), moderne Fensterverkleidung (Obergeschoss) und Glasbausteine am Eingang West an diesem historischen Bau verloren?

Hier hätte ich doch vom zuständigen Architekten erwartet, dass nicht einfach 'Kulturdenkmal gem. § 2 DSchG' zubeschrieben wird. Zumindest eine Empfehlung zum denkmalgerechten Rückbau wäre wünschenswert gewesen.

Im augenblicklichen Zustand sehe ich den § 2 DSchG nicht gegeben - tut mir leid.

§ 2 - Gegenstand des Denkmalschutzes

(1) Kulturdenkmale im Sinne dieses Gesetzes sind Sachen, Sachgesamtheiten und Teile von Sachen, an deren Erhaltung aus wissenschaftlichen, künstlerischen oder heimatgeschichtlichen Gründen ein öffentliches Interesse besteht.

(2) Zu einem Kulturdenkmal gehört auch das Zubehör, soweit es mit der Hauptsache eine Einheit von Denkmalwert bildet.

Huck, Kurt: "Löwen" oder "Linde" - Als Wirtshäuser auch Rathäuser waren (Der Altvater, 12.10.1991)

Es sind knapp 150 Jahre her, seit in Schmieheim die "Ortsoberhäupter" ein eigenes Rathaus "bewohnen". Mittelpunkt des Gemeindelebens war seit altershalber die Stube, auch Stubenwirtshaus oder Laube genannt.

In Schmieheim ruhte das Stubenrecht seit altersher auf dem Gasthaus "Zur Linde" (siehe Foto unten). Im Jahre 1855 aber zog die Verwaltung in das eigene Gemeindehaus, das bis 1961 als Rathaus diente.

Eine Zeitungsanzeige nennt "ein Stubenwirtshaus mit der Schildgerechtigkeit zur Linde. Weil Gemeinde- Und Ratsversammlungen im Stubenwirtshaus stattfinden, bezieht der jeweilige Stubenwirt aus der Gemeindekasse jährlich 21 Gulden."

Löwenwirt Louis Euler verläßt Schmieheim - Vor 120 Jahren, im März 1860, ließ der "durchgefallene Student" Hab und Gut versteigern (Der Altvater, 10.5.1980)

Die Erinnerung an Louis Euler, Löwenwirt und Ratschreiber zu Schmieheim, ist verblaßt. Eine Zeitungsnotiz vom 14. März 1860 erinnert an diesen Quertreiber, der in Neus Chronik mit "durchgefallener Student" tituliert ist.

Es war zu lesen: "Wegen baldigem Wegzug von hier läßt Löwenwirt Louis Euler von Schmieheim am 22. und 23. März folgendes versteigern:

Bettwerk, Leinwand, Schreinwerk, Wirtstische, Sessel, Hausrat, Glas- und Küchengeschirr, Faß- und Bandgeschirr, Schnapsgutter, Feld- und Handgeschirr, Führ- und Bauerngeschirr, ein aufgerüsteter Wagen, eine Chaise für ein- und Zweispänner, ein Karren, ein Bennschlitten, ein Pflug, eine Egge, drei englische Kummetgeschirre, zwei Fuhrkummetgeschirre, Reitzeug, ein Pferd, zwei Milchkühe, zehn Hühner, Holz, Hanfsamen, fünf Zentner Hanf, Heu und Stroh".

Gasthaus Lindestube in Schmieheim dem Euler die Sonderrechte entziehen wollteVon Louis Euler wissen wir aus Gemeindeakten, daß er 1841 nach Schmieheim gekommen und den "Löwen" übernommen habe. Sein erstes Bemühen war die Änderung des Stubenreglements. Das Stubenwirtshaus, heute "Linde", war ihm ein Dorn im Auge. Er wußte von anderen Gemeinden, in denen das "ewige Stubenrecht" aufgehoben und die Stubengerechtigkeit meistbietend auf drei Jahre versteigert worden war. ..

"Warum soll der Stubenwirt allein Nutznießer der Rats- und Gemeindeversammlungen sein, und warum soll er zusätzlich zu seinem Profit jährlich 21 Gulden aus der Gemeindekasse einstecken?" Das waren die Gedanken des Louis Euler, und sofort bot er der Gemeinde den "Löwen" für Rats-, Gemeinde- und andere öffentliche Versammlungen kostenlos an.

Eulers Vorschlag bedurfte einer Abstimmung durch die Gemeinde. Sie brachte ihm mit 74 gegen 5 Stimmen eine vernichtende Niederlage, und so blieb die "Linde" auch fernerhin die Gemeindestube.

Die gemeindebedingte Änderung kam 1855 mit dem Kauf und der Einrichtung eines Rathauses. In dieser Zeit war Euler Ratschreiber. Auch als Ratschreiber blieb er Intrigant. Er weigerte sich, die Gemeindebücher in das Rathaus zu geben und zwang Bürgermeister Sexauer zu internen Beratungen in den "Löwen". Eulers Mutwille wurde empfindlich bestraft. Wegen Urkundenfälschung, die 1856 an das Licht der Behörde kam, erhielt er eine zweimonatige Gefängnisstrafe, die er in Mannheim abzusitzen hatte.

Louis Euler trat auch im kirchlichen Bereich in unangenehme Erscheinung. Pfarrkandidat Günther war im August 1840 nach Schmieheim berufen worden. Kaum war Louis Euler ausgezogen, wurde Günther durch Zutun des "durchgefallenen Studenten" die seit altersher übliche freiwillige Frucht- und Weinkompetenz verweigert. Der Grund zu Eulers Intrigen: Pfarrer Günther war bemüht, das religiöse und sittliche Leben in der Gemeinde zu heben. Die vom Günther praktizierte Strenge stieß auf Widerstand, die der Löwenwirt Euler geschäftsbedingt zu schüren wußte, und so ließ Euler 1847 die Gemeinde erklären, daß die bisher freiwillig gegebene Kompetenz versagt werde.

Noch im August 1848 lehnte die Gemeinde die Wiederanerkennung der Kompetenz und stellte die Forderung, Schmieheim als Filiale der evangelischen Pfarrei Kippenheim anzuerkennen, das Pfarrhaus zu verkaufen und einen Vikar aus Kippenheim zu bestellen. Erst im Mai 1850 war die Gemeinde anderer Meinung; die Eulersche Intrige wurde bereinigt.

Historische Ortsanalyse - architekturbüro bernd f. säubert - gernsbach, 2016 / 2017 - Regierungspräsidium Freiburg Referat 26 - Denkmalpflege

Das Gebäude stammt im Kern aus dem 17. Jahrhundert, mit späteren Veränderungen versehen. Zweigeschossiger, mehrgliedriger Baukörper auf Kellersockel. An Kellerbögen sind die Jahreszahlen 1837 und 1857 angegeben. Bis 1855 Gasthaus mit Stubenrecht, Wirtshaus und Rathaus.

Ort für Gemeinde- und Ratsversammlungen. Bei dem Anwesen handelt es sich um ein Kulturdenkmal gem. § 2 DSchG; an seiner Erhaltung besteht aus heimatgeschichtlichen Gründen ein öffentliches Interesse.

Bis in die 1970-er Jahre wurde der Verkehr der Dorfstraße durch das Haus geführt.

Die Historische Ortsanalyse (Schmieheim gesamt) steht für Sie zum Download bereit download

zurück

Synagoge Kippenheim



Die jüdische Synagoge in Kippenheim von 1850-52 - Die Synagoge begrüßt Besucher*innen mit einem dreigliedrigen Portal aus einem größeren Mittelportal und zwei unwesentlich kleineren ParallelportalenJüdische Synagogen wurden bevorzugt mit Blickrichtung zum Tempel nach Israel erbaut, was bei der Synagoge von Kippenheim sicher nicht der Fall ist. Sie ist in der Poststraße nahe der ehemaligen Zehntscheuer (südlich) mit Portalrichtung in den Westen angelegt.

Die Synagoge begrüßt Besucher*innen mit einem dreigliedrigen Portal aus einem größeren Mittelportal und zwei unwesentlich kleineren Parallelportalen. Diese Struktur wiederholt sich in den Fenster, welche senkrecht über den drei Portalen liegen und endet in einem Steilgiebel in welchem ein Rundfester mit Rosette eingebracht ist.

Die Rosette wiederholt sich in beiden parallel zum Portalgiebel stehenden Türmen, die durch massive Eckquaderung ausgezeichnet sind.

Auch an der schmucklosen westlichen Giebelseite wiederholt sich die Rosette im Rundfenster.  Am Langschiff finden sich fünf Achsen. Auf jeder Achse liegen je zwei Rundbogengenfenster gestaffelt übereinander.

Insgesamt stellt sich die Synagoge als Ziegelbau im Sandsteingerüst dar, wobei die Ziegel an den Seiten Nord / Süd (Langschiff) unter Putz liegen.

Da es nur wenig Anweisungen im Talmud gibt, wie Synagogen baulich beschaffen sein müssen, waren der Gestaltung wenig Grenzen gesetzt. Der Talmud sagt, dass Synagogen Fenster haben müssen, aber auch, dass sie größer sein sollten als alle anderen Gebäude am Ort. Letztere Vorschrift konnte in der Diaspora jedoch nie verwirklicht werden. In der Regel wurden Synagogen im vorherrschenden architektonischen Stil der Zeit und des Ortes, an dem sie errichtet wurden, gebaut. (wikipedia)

Die jüdische Synagoge ist allerdings nicht - wie in wikipedia geschrieben - an den architektonischen Stil des Ortes angepasst, sie "sticht heraus" aus der Poststraße mit ihrer "neuzeitlichen Architektur". Die Weisung aus dem Talmud Synagogen größer als umgebende Gebäude zu bauen erfüllt sie wohl.

Weis, Dieter: Synagoge vor 136 Jahren erbaut - (Ettenheimer Heimatbote, Freitag, 28. November 1986 / Nr. 274 - Rubrik: Kippenheim)

Kippenheim (pes). Lange Zeit, bevor der erste Stein zur Restaurierung der Kippenheimer Synagoge bewegt wurde, bemühte man sich darum, mehr über die Geschichte des ehemaligen jüdischen Gotteshauses herauszufinden. Doch alle Anstrengungen, in verschiedenen Archiven in Deutschland und im Elsaß an Unterlagen, vor allem an Pläne heranzukommen (wir haben mehrfach darüber berichtet) blieben letztlich erfolglos. Einem glücklichen Zufall ist es zu verdanken, daß nun doch etwas Licht in das Dunkel um die Vergangenheit der Synagoge gekommen ist. Dieter Weis aus Ettenheim, hauptberuflich bei der Bereitschaftspolizei in Lahr beschäftigt und in seiner Freizeit als Freizeit-Historiker tätig, ist im Oktober bei Nachforschungen über die Klosterabtei von Ettenheimmünster im Generallandesarchiv Karlsruhe auf Unterlagen gestoßen, mit denen die Entstehung der Synagoge belegt werden kann. Die Synagoge ist demnach nicht im Jahre 1876 erbaut worden, wie bislang vermutet wurde, sondern schon Jahrzehnte davor: Der Bauantrag wurde 1849 gestellt, und bereits ein Jahr darauf, im November 1850, stand die Synagoge wieder "unter Dach", wie es in den alten Akten heißt. Im Januar 1852 wurde sie eingeweiht. Weis, der sich bereits seit 1968 mit der Geschichte seiner Heimat befaßt und der auch als Autor in Erscheinung getreten ist, hat aus dem Studium der Akten, die er während seines einwöchigen Stöberns im GLA fand und daraufhin bestellte, folgenden geschichtlichen Abriß verfaßt:

Ein weiterer Baustein in der Geschichte der Synagoge, Dieter Weis arrowRight16

Am 25. April 1849 beantragte der Kippenheimer Synagogenrat und die Synagogenbaukommission beim Bezirksamt Ettenheim die Genehmigung zum Bau einer neuen Synagoge und zu einer Anleihe von 3.000 Gulden. Den Antrag unterzeichneten der Vorsteher des Synagogenrates Löb Weill und die Mitglieder Simon Wertheimer und Wolf Durbacher und für die Synagogenbaukommission deren Vorsteher Lion Cerf sowie Samuel Wertheimer und Samuel Durlacher. Sie berichteten dem Bezirksamt Ettenheim, daß sie schon im Jahre 1842 zum Zweck eines Neubaues der Kippenheimer Synagoge eine Synagogenbaukasse errichtet hätten. Das Geld wurde von den Gemeindemitgliedern eingelegt. Bis zum Zeitpunkt dieses Antrages waren 4.000 Gulden verfügbr [sic! eigentlich "verfügbar"].

Weiter ist zu lesen: "Wir ersuchen daher, Wohldaselbe, uns die Bewilligung zu diesem Neubau nach anliegendem Plan und Kostenüberschlag, wie er von H. Architekt Schneider v. Freiburg, der schon einige Staatsbauten in unserer Gegend mit der größten Zufriedenheit der betreffenden Gemeinden erbaut hat, ausgeführt ist, wohlgef. zu erteilen, damit wir ungesäumt zu dem von der ganzen isr. Gemeinde so lange ersehnten Ziele gelangen. Die Dringlichkeit zur baldmöglichen Ausführung dieses Baues wird Wohlderselbe gewiß anerkennen, wenn wir sagen, daß die hiesige alte Synagoge blos der zweite Stock eines alten Stalles ist und seiner Zeit von acht isr. Familien, welche damals die Gemeinde bildeten, so klein als möglich, dem kleinen Baukapital gemäß, erbaut wurde, so daß sie jetzt gewiß einer Gemeinde von 35 Familien, nicht mehr entsprechen kann. Denn obschon die Leute dicht aneinander stehen, so haben doch viele gar kein Platz mehr und im Sommer ist es besonders aus Gesundheitsrücksichten beinahe gar nicht mehr möglich in derselben nur kurze Zeit zu verbleiben."

Bei dem Genehmigungsverfahren wurde auch der Oberrat der Israeliten in Karlsruhe beteiligt, der ein Gutachten über die vorliegenden Pläne und den Kostenvoranschlag beim Großherzoglichen Hofbaumeister Künzle, Karlsruhe, einholte. Künzle äußerte am 16. November dazu: "Die Pläne sind ganz gut und ist zu wünschen, daß die Ausführung auch gut geleitet werde. Die Preise des Kostenüberschlags hat man teilweise etwas hoch gefunden, was aber durch eine Abstrichsversteigerung jedenfalls gemindert werden wird. Wenn übrigens die Verzierungen der Bogengurten und Tragsteine unter dem Hauptgesims von Backstein gefertigt würden, statt von Hausteinen, so dürften sich die Kosten noch etwas mindern, was dem Ermessen des dortigen Architekten anheim zu geben wäre."

Am 20. Mai 1850 teilte der Vorsteher Löb Weill dem Großherzoglichen Bezirksamt Ettenheim mit, daß man nach vorhergehendem Ausschreiben in verschiedenen Zeitungen am 18. März 1850 den Bau der Synagoge an den letztbietenden Maurermeister Landelin Tränkle in Grafenhausen um die Steigerungssumme von 7.370 Gulden vergeben habe. Der Bau sei bereits begonnen worden. Die Steine lieferten Mathias Gastiger und Joseph Kuhner von Wallburg, die wegen der nicht rechtzeitigen Ablieferung der Quadersteine gerügt wurden. Maurermeister Tränkle ersuchte am 19. Juli 1850 das Bezirksamt, den genannten Steinhauer [sic! eigentlich "Steinhauern"] über das Bürgermeisteramt Wallburg aufzugeben, bei einer Geldstrafe und unter Anberaumung einer Frist von 14 Tagen die nach dem Akkord benötigten Quadersteine abzuliefern.

Am 10. November 1850 berichtete Löb Weill dem Bezirksamt, daß die neue Synagoge schon bereits drei Wochen lang unter Dach stehe. Die Synagogenbaukommission und der Synagogenrat beantragten am 5. Januar 1852 beim Bezirksamt, die Erlaubnis zu erteilen, am Freitag, den 23. Januar abends in den Gasthöfen zum Rindfuß und zum Anker in Kippenheim einen geschlossenen Ball zur Ehre der Einweihung der Synagoge abhalten zu dürfen, wobei diese Tanzbelustigung nur für geladene Fremde vorgesehen sei. Deshalb werde auch weiter beantragt, die Tanzbelustigung am Samstag, den 24. Januar fortzusetzen, damit die Antragsteller und ihre hiesigen Freunde ebenfalls sich dieses Festes durch Tanz erfreuen könnten. Die Polizeistunde sollte deshalb auf die beantragten Zeiten verlängert werden. Über den Verlauf der Einweihung ist nichts vermerkt.

Zuletzt berichtet die Akte noch über die Rechnungsstellung des Synagogenbaurechners Samuel Durlacher, der oft gemahnt werden mußte, bis er endlich am 14. Dezember 1852 die Rechnung dem Synagogenrat und dem Bezirksamt vorlegte.
zurück

Ehemaliger Löwen



Der alte Löwen Schmieheim - Das massige Bauwerk im Stil des Landbarock passt zum Besuch der Mittelalterfeierlichkeit und so kann man bei einem "guten Tropfen" den Tag am Renaissance-Schloss Schmieheim gemächlich ausklingen lassenIm August eines jeden Jahres finden - außer in Coronazeiten - im Schlossgarten zu Schmieheim die großen Schlossfestspiele statt. Die Besucher treffen dort auf eine beeindruckende Kulisse aus dem Mittelalter.

Mit Fanfarenklängen, Fahnenschwingern, Rittern, Mägden, Gauklern, Spielleut und dem Magistrat der Gemeinde, wird das mittelalterliche Spectaculum  eröffnet. 

Erfahrungsgemäß - nach sehr vielen Besuchen - darf ich dass sagen, ist der Wettergott den Veranstaltern stets gut gesinnt. Mit andern Worten - im offenen Schlosspark vor dem Renaissanceschloss muss mit "Bullenhitze" gerechnet werden - und da wird die Hieronymus Hofschenke mit ihrem kühlen Hof - weitgehend noch im Originalzustand - zum schattigen, erholsamen Ort, an dem man dem Trubel fliehen kann.

Servicepersonal im Mittelalterkostüm bemüht sich um das Wohl der Gäste. Die großen Bruchsteinmauern und die weitläufige Überdachung spenden Schatten und die Luft ist deutlich kühler als einige Meter weiter im Schlosspark.

Anscheinend übersehen Festbesucher*innen das große Tor gefliessentlich, weil schattigen im Hof keine Sonne zu sehen ist und "so hat man seine Ruhe".

Das massige Bauwerk im Stil des Landbarock passt zum Besuch der Mittelalterfeierlichkeit und so kann man bei einem "guten Tropfen" den Tag am Renaissance-Schloss Schmieheim gemächlich ausklingen lassen.

Die Webseite "Historische Dorfgasthaeuser" schreibt zur Hofschänke:

Seit 1763 steht in Schmieheim das ehemalige Gasthaus Löwen. Wie in der damaligen, religiös fundierten, Gesellschaft des 18. Jahrhunderts üblich, flossen bei der Namengebung häufig christliche Motive ein. Der Löwe symbolisiert den Evangelisten Markus. Die anderen Evangelisten haben übrigens Engel, Ochsen und Adler als Symbol. Die Verbindung zwischen "Hieronymus im Gehäus" und unserem beliebten Brauereiausschank in Schmieheim?

Ganz einfach: in der Sage hilft der heilige Hieronymus einem verletzten Löwen.

Ein süffiges Bier welches im ehemaligen Gasthaus Löwen ausgeschenkt wird Hieronymus Bräu zu nennen ist daher in diesem Zusammenhang eine richtig pfiffige Idee. Das müssen neidlos auch jene eingestehen, die in der Heiligenverehrung weniger bewandert sind. Hieronymus Bier wird übrigens originalgetreu nach dem alten Familienrezept von 1896 gebraut. Jörg Lusch hat es wiederentdeckt.

Neben dieser etwas doppelbödigen Rolle des Gasthauses in der (Heiligen)Geschichte (oder umgekehrt) spielte der "Löwen" natürlich über Jahrhunderte hinweg eine zentrale Rolle für die dörfliche Gemeinschaft von Schmieheim.

Im großen Saal wurden alle wichtigen Veranstaltungen (Vereine, politische Versammlungen) und Familienfeiern (Geburt, Hochzeit....) abgehalten. Außerdem verfügte der Löwen über eine Post- und Telegrafenstelle. Dies hatte eine höhere Bedeutung als "nur" Poststelle zu sein. Jede Telegraphenstelle konnte die des Bestimmungsortes nämlich direkt anwählen und so das Telegramm direkt an die gewünschte Empfänger-Telegraphenstelle übermitteln. Somit musste nicht zeitraubend und arbeitsaufwändig über Zwischenämter "umtelegraphiert" werden.

In den ersten Jahren nach dem Ende des zweiten Weltkrieges waren die Deutschen für eine Ablenkung von den erlebten Kriegsgräueln besonders dankbar. Das Kino war der erste "Ablenker", lange bevor in jedem Haushalt ein Fernsehgerät stand. In den größeren Städten gab es natürlich spezielle "Lichtspielhäuser" - aber auf dem Land wurden die Filme in Gasthaussälen vorgeführt. So auch im ehemaligen "Löwen", Schmieheim.

Der Alte Loewen mit dem zaenkischen Wirt EulerHuck,Kurt: "Löwen" oder "Linde" - Als Wirtshäuser auch Rathäuser waren (Der Altvater, 12.10.1991)

Es sind knapp 150 Jahre her, seit in Schmieheim die "Ortsoberhäupter" ein eigenes Rathaus "bewohnen". Mittelpunkt des Gemeindelebens war seit altershalber die Stube, auch Stubenwirtshaus oder Laube genannt.

In Schmieheim ruhte das Stubenrecht seit altersher auf dem Gasthaus "Zur Linde". Im Jahre 1855 aber zog die Verwaltung in das eigene Gemeindehaus, das bis 1961 als Rathaus diente.

Eine Zeitungsanzeige nennt "ein Stubenwirtshaus mit der Schildgerechtigkeit zur Linde. Weil Gemeinde- Und Ratsversammlungen im Stubenwirtshaus stattfinden, bezieht der jeweilige Stubenwirt aus der Gemeindekasse jährlich 21 Gulden."

Ein nach Schmieheim gezogener Student wollte das Stubenreglement ändern. Er kam 1841 in den Ort und hatte den "Löwen" übernommen. Das Stubenwirtshaus war ihm ein Dorn im Auge. "Warum soll der Stubenwirt allein Nutznießer der Rats- und Gemeindeversammlungen sein, und warum soll er zusätzlich zu seinem Profit jährlich 21 Gulden einstecken?" Das waren die Gedanken des Louis Euler, und flugs bot er seine Wirtschaft "Löwen" kostenlos an. Eulers Vorschlag bedurfte einer Abstimmung durch die Gemeinde, die ihm mit 74 gegen fünf Stimmen eine vernichtende Niederlage brachte. So blieb die "Linde" bis 1855, dem Datum des Rathauskaufs die Gemeindestube. In dieser Zeit war Euler Ratschreiber. Er weigerte sich, die Bücher ins Rathaus zu geben und zwang Bürgermeister Sexauer zu internen Beratungen in den "Löwen". Für Eulers Mutwillen blieb die Strafe nicht aus. Wegen Urkundenfälschung erhielt er eine zweimonatige Gefängnisstrafe. Im Jahre 1855 war das Recht des Stubenwirts zu Ende: Schmieheim hatte jetzt ein Rathaus.

Das Anwesen wurde um das Jahr 1800 als zweigeschossiger Bau mit Krüppelwalmdach und einer Durchfahrt erstellt. Parallel zum Haupthaus steht das Ökonomiegebäude.

Bei dem Anwesen handelt es sich um ein Kulturdenkmal gem. § 2 DSchG; an seiner Erhaltung besteht aus heimatgeschichtlichen Gründen ein öffentliches Interesse.

Historische Ortsanalyse - architekturbüro bernd f. säubert - gernsbach, 2016 / 2017 - Regierungspräsidium Freiburg Referat 26 - Denkmalpflege

Die Historische Ortsanalyse (Schmieheim gesamt) steht für Sie zum Download bereit download

zurück

Heimatstuben Kippenheim

Alte Ratsstube - Rindfuss Kippenheim -  Die Sandsteingewänder an den Fenstern und wuchtiges Werksteingesims an der Dachung weisen zurück "auf bessere Zeiten"

In der zweitletzten Kurve zur Ausfahrt nach Süden Kippenheims steht die altehrwürdige Kippenheimer Stube (der Rindfuß), die nicht gerade eine Augenweide zu nennen ist. Ein Winkelbau mit Haupthaus auf Ost-West-Achse traufseitig zur Unteren Hauptstraße und Ökonomiegebäude parallel zur Poststraße. Das Dach des Haupthauses ist nach Osten gewalmt und nach Westen angebaut. Die angrenzende Schlachterei ist allerdings eigenständig und wurde vor dem IIten Weltkrieg als "Judenmetzgerei" von einer Familie Wertheimer (Auskunft: Hans Höfer - Besitzer Rindfuss) geführt. Der Rindfuss hatte im Bauabschnitt zu Poststraße eine eigene Metzgerei, von welcher Schlachterei und Wurstküche noch erhalten sind.

Die Sandsteingewänder an den Fenstern und wuchtiges Werksteingesims an der Dachung weisen zurück "auf bessere Zeiten". Ein großes gefasstes Tor auf der rechten Seite des Haupthauses scheint zu früherer Zeit der Einfahrt zum Ökonomiegebäude gedient zu haben.

Die "alte Stube" steht auf einem halbhohen Sockel - Zugang ins Haupthaus über eine dreistufige Treppe. Auch der Stubenzugang liegt in einem Sandsteingewand.

Die Legende am Haus weißt dieses als Geburtshaus eines Johann Georg Grechtler (1705 - 1780) - mehr zu Grechtler weiter unten - aus. Entsprechend muss das Haus vor 1705 existiert haben. Sicher war das Bauwerk - nahe am Rathaus gelegen - ein repräsentatives Haus. Der heutige Zustand lässt leider zu wünschen übrig.

Die Tatsache der Vorstellung der "Stube" ist alleine ihrer historischen Bedeutung geschuldet und über Haushistorie lassen wir Emil Baader berichten:

Baader, Emil: Unsere Heimatstuben in Kippenheim, in: Dr. Franz Burda (Hrsg.), Ortenauer Heimatblatt, Heft 7 / 21.7.1962 (Offenburg 1962), Seite 8-9

Wer kennt nicht den in der südlichen Ortenau zwischen Lahr und Ettenheim gelegenen kurvenreichen Marktflecken Kippenheim? Von weitem schon fällt der schmucke Barockturm der Pfarrkirche auf, in der 1146 Bernhard von Clairvaux zum Kreuzzug aufrief. Beim flüchtigen Durchfahren des Ortes fällt der Blick auf das erker- und wappengeschmückte, aus der Renaissancezeit stammende Rathaus sowie auf den schmucken Marienbrunnen. Kaum haftet er auf dem evangelischen Pfarrhaus, wo ein halbes Jahrhundert lang Hebels Freund Kirchenrat Sebastian Engler wohnte, bei dem der Dichter mehrmals zu Gast war. Am 9. Oktober 1811 übernachtete Hebel in diesem Pfarrhaus. Wer aber denkt daran, daß sich in der Pfarrkirche Werke aus der Schule Martin Schongauers befinden; wer denkt daran, daß zwei Söhne dieses Ortes wegen ihrer besonderen Verdienste geadelt wurden.

Von diesen Söhnen des Ortes kann man Näheres erfahren, sowohl in dem am 1. März 1960 im schmucken Rathaussaal eröffneten Ortsmuseum wie in der Grechtler-Stube und der Stulz-Stube, die beide in jüngster Zeit im historischen Gasthof "Zum Rindfuß" (Bild unten links) durch den Landesverein Badische Heimat mit Unterstützung durch Gemeinde und private Heimatfreunde eingerichtet wurden.

Das Ortsmuseum

Johann Georg Freiherr von GrechtlerDreiundzwanzig Bildtafeln künden von der Geschichte des bereits im Jahre 1663 urkundlich erwähnten Ortes. Seit Jahren schon war der Rathaussaal geschmückt mit einem Originalölbild des 1771 als Schneiderssohn in Kippenheim geborenen Johann Georg Stulz, der als Wohltäter kurz vor seinem Heimgang im Jahre 1832 durch den Großherzog von Baden geadelt wurde. Er trug fortan den Namen "Johann Georg Stulz von Ortenberg". Für seine Heimatgemeinde stiftete er, damals zumal für Wanderer, ein Spital, das heute noch als Krankenhaus der Allgemeinheit dient. Für Baden-Lichtental stiftete er ein Waisenhaus.

Ebenfalls seit vielen Jahren ist der Rathaussaal geschmückt mit einem Originalölbild, darstellend den 1788 in Wien verstorbenen Georg Anton Freiherr von Grechtler, Sohn des Generalfeldwachtmeisters Johann Georg Freiherr von Grechtler (1705-1780). Der Vater wurde als Stubenwirtssohn in Kippenheim geboren. Er wurde Kaufmann und verheiratete sich in Villingen mit der Tochter des Villinger Bürgermeisters. Er betrieb in Villingen viele Jahre das Postwirtshaus zur "Blume". In Kriegszeiten wurde er mit Heereslieferungen betraut; er wurde königlich-kaiserlicher Feldproviantkommissar und später Generalfeldwachtmeister. Er erwarb u. a. Schloß Lichteneck sowie eine Reihe von Herrschaften in Österreich und machte gemeinsam mit seinem Sohn große Stiftungen für seine Verwandten und für Bedürftige in Kippenheim.

Das Ortsmuseum Kippenheim zeigt auch eine originalgetreue Wiedergabe einer von Kaiser Rudolf II. ausgestellten Urkunde. Diese bezeugt, daß der Kaiser die Gemeinde Kippenheim im Jahre 1594 Jakob von Geroldseck zu Lehen gab. Weitere Bilder zeigen das Palais Traun in der Herrengasse zu Wien, wo Grechtler viele Jahre wohnte, die Stadt Villingen, wo der Aufstieg Grechtlers begann, ferner die Kaiserstadt Wien, wo Grechtler 1750 durch Kaiser Franz I. in den Reichsfreiherrenstand erhoben wurde.

Schön sind die farbigen Wiedergaben der Wappen, die über dem Eingang des Rathauses zu sehen sind, lesenswert der Brief von Johann Georg Stulz an Pfarrer Sebastian Engler (1831). In diesem Brief zeigt Stulz Stiftungen für die Vergrößerung und Instandsetzung der Pfarrkirche an. Weitere Bilder zeigen Hebel, Sebastian Engler, Bernhard von Clairvaux sowie die Gefallenen des ersten Weltkrieges.

Im Ortsmuseum liegt ein Gästebuch auf mit der Chronik von Kippenheim und den Biogra-fien der großen Söhne des Ortes.

Grechtler-Stube

Nach der Überlieferung wurde Johann Georg Freiherr von Grechtler, der Stubenwirtssohn, im heutigen Gasthaus "Zum Rindfuß" geboren. So war es naheliegend, in Johann Georg Stulz von Ortenberg jener Gaststätte eines der Nebenzimmer dem Gedächtnis Grechtlers zu widmen. Neben dem Bild Grechtlers finden wir eine Wappentafel mit dem Siegel Grechtlers und dem Siegel des badischen Markgrafen, der die Stiftungsurkunde vom Jahre 1780 bestätigte. Ein Kippenheimer Bürgerssohn, Buchdruckereibesitzer Fritz Stubanus, stiftete Bilder der Pfarrkirche und des schönen Rathauses mit dem Marienbrunnen. Die Stadt Villingen stellte eine Luftaufnahme der alten Zähringerstadt zur Verfügung. In Faksimile sehen wir auch die Unterschrift Grechtlers und seines Sohnes von der Stiftungsurkunde, deren Original im Ortsmuseum verwahrt wird. Heimatfreunde stifteten auch Bilder des aus dem Jahr 1581 stammenden Kippenheimer Zehntgebäudes (Poststraße 5). Dieses Gebäude wurde in jüngster Zeit vorbildlich erneuert, ebenso wie der Marienbrunnen aus dem Jahre 1721.

Stulz-Stube

Ein zweites schönes Nebenzimmer der Gaststätte "Rindfuß" ist zumal dem Gedächtnis des Kippenheimer Wohltäters und Menschenfreundes Johann Georg Stulz von Ortenberg gewidmet. Ein Nachkomme aus der Familie Stulz-Sohn, Fräulein Flora Sohn, Kippenheim, stiftete für dieses Zimmer ein großes farbiges Stulz-Wappen, den Vogel Pelikan darstellend; das Bürgermeisteramt Heüigenzell stellte ein Bild von Marie Magdalena Stulz, der Schwester des Freiherrn, zur Verfügung. Sie war mit dem Landwirt Andreas Sohn zu Heiligenzell vermählt. Im Rathaus zu Heiligenzell finden sich die Originalbildnisse dieses Ehepaars. In der Stulz-Stube sieht man auch jenes Denkmal, das die Stadt Hyères in Südfrankreich, wo Stulz seinen Lebensabend verbrachte und wo er ebenfalls große Stiftungen machte, errichtet hat.

Der Verlag des "Ortenauer Heimatblatts" stellte Bilder der Gedenktafel zur Verfügung, die am 17. Februar 1962 am Geburtshaus von Stulz (Poststraße 20) angebracht wurde, sowie ein Bild des Kellereingangs mit der Inschrift G. ST. 1799. Diese Inschrift bezeugt, daß das Haus einst der Familie Stulz gehörte.
So pflegt die Gemeinde Kippenheim durch Orts-museum und Heimatstuben in vorbildlicher Weise die Erinnerung an ihre bedeutenden Söhne.

Hans Höfer, Besitzer des Rindfuss' gewährte einen Einblick in Heimatstube, Saal (früher Ratsstube) und Ökonomiebereich (die Heimatstube ist geschlossen und steht für terminierte Feste / Feiern nach Absprache zur Verfügung) - hier geht's zum 'Heiligtum' vom Rindfuss arrowRight



zurück
Click to listen highlighted text!