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Sehenswertes Meißenheim


Meissenheim, 1267 urkundlich erstmals genannt, gehörte, ehe es 1806 an Baden fiel, als Besitzung der Familie von Dungern zum Bezirk Ortenau der Schwäbischen Ritterschaft. Einzelheiten zur älteren Geschichte erfahren wir u. a. durch die von Pfarrer M. J. G. Schilher geführte "Meissenheimer Chronik", aber auch durch Akten und Urkunden im Gemeinde- und Pfarrarchiv. Diese Urkunden bezeugen die mannigfachen Beziehungen von Meissenheim zu Straßburg, aber auch zu den Familien Röder und von Neuenstein.


An den Inhalt einiger alter Meissenheimer Urkunden sei erinnert: 1386: Kuntzo de Missenheim, sartor in Straßburg, und dessen Schwester verkaufen Gisela de Meissenheim zu Straßburg Güter aus dem Banne "Vastolczwilre" (dieser Flurname erinnert an ein eingegangenes Dorf). - 1450: Henselin, genannt Grüningers Henselin aus Missenheim, erhält von der Kapelle St. Nicolai in Straßburg fünf im Banne von Missenheim und von Vastolczwilre gelegene Äcker zum rechten Erbe. - 1453: Schultheiß Jakob von Bern zu Zell, dessen Ehefrau Agnes Rohart von Neuenstein und die Brüder Gerhard und Gebhard Rohart von Neuenstein, verkaufen Andreas Röder den halben Laienzehnten zu Missenheim. - 1453: Hans Steiger von Kürnberg verkauft Andreas Röder den halben Laienzehnten zu Missenheim. - 1454: Markgraf Karl von Baden gibt Andreas Röder den Laienzehnten zu Missenheim zu Lehen. - 1486: Stephan Sprenger aus Missenheim kauft von der Kapelle St. Nicolai in Straßburg einige im Bann von Kirchzell (Kürzell) und Missenheim gelegene Grundstücke.

Die Kirchenbücher von Meissenheim reichen zurück bis 1568. Die Archive von Meissenheim wurden erstmals geordnet Durch Pfarrer Mayer (Dinglingen). Er war 1892 Archivpfleger des Bezirks Lahr geworden, nachdem Pfarrer Staudenmaier (Sulz) in den Ruhestand getreten und nach Freiburg übergesiedelt war.


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Evangelische Kirche und Pfarrhaus

Der zweite Umstand, der unsere Kirche auszeichnet, ist die Orgel aus der Werkstatt des Johann Andreas Silbermann aus Straßburg
Tóh, Zóltan: Die evangelische Kirche zu Meißenheim - Ihre Erbauung und Erhaltung (Geroldsecker Land - Jahrbuch einer Landschaft (Heft 16 - 1974), Seite 48 - 56)

Der nachfolgende Beitrag über die Meißenheimer Kirche entstammt der Feder des Mannes, in dessen Hand die technische und künstlerische Oberleitung sowohl der Dachstuhlsanierung im Jahre 1959 als auch der allgemeinen Intandsetzung des Jahres 1965 lag, Dipl.-Ing. Zoltân Tóth, damals als Kirchenoberbaurat Dienstvorstand der Karlsruher Abteilung des Evangelischen Kirchenbauamtes Baden. Die verdienstvollen Arbeiten zur Erhaltung einer unserer schönsten heimatlichen Kirchen geschahen im engsten Einvernehmen mit dem Staatl. Amt für Denkmalpflege in Freiburg, vor allem mit dessen Leiter, Hauptkonservator Martin Hesselbacher, der sich auch der Restaurierung der Silbermannorgel annahm. Martin Hesselbacher ist Träger des Heimatpreises 1967 des Landkreises Lahr.

Die Rheinebene, in deren Mitte die Meißenheimer Kirche steht, ist eine offene Landschaft. Lud ihr fruchtbarer Boden schon von altersher Menschen zur Ansiedlung ein, erweckte deren angesammelter Wohlstand die Begehrlichkeit anderer. Auf beiden Seiten des Stromes zogen oft Heerscharen rheinauf und rheinab, und das offene Land mit seinen wohlhabenden Dörfern und Städten wurde im Lauf der Jahrhunderte wiederholt geplündert und verwüstet. Nach dem ganz Deutschland verheerenden Dreißigjährigen Krieg hatte dies Land auch noch die Heerzüge und die systematischen Zerstörungen des Pfälzischen Erbfolgekrieges zu erdulden. Weite Landstriche sahen wie nach Luftangriffen des Zweiten Weltkrieges aus. Erst mit dem Friedensschluß von Rijswyk im Jahre 1697 setzte eine längere Friedensperiode ein, in der sich bald der Aufbauwille der arbeitsamen Bevölkerung regte. Es wurden aber nicht nur ganze Dörfer und Städte mitsamt ihren Kirchen und öffentlichen Gebäuden neu errichtet, sondern auch die im Kriege beschädigten oder infolge ungenügender Unterhaltung baufällig gewordenen Bauten mußten erneuert werden.

In Meißenheim, das von seinen Herren Wurmser von Vendenheim 1533 der Reformation zugeführt wurde, ist die jetzige Kirche schon die dritte an derselben Stelle. Von der ältesten haben wir keine Nachrichten. Die zweite wurde 1580 erbaut und mußte wegen Baufälligkeit und Enge 1763 dem Neubau der dritten Kirche weichen. Dieser Neubau wurde vor allem vom Amtsschultheißen Christmann Fischer betrieben, der als Statthalter der hauptsächlich auf der linken Rheinseite im Elsaß begüterten Herrschaft gewissermaßen als kleiner König in Meißenheim regierte. Er verstand auch, die ganze Gemeinde mitsamt dem "Gericht", dem damaligen Gemeinderat, für die Idee des Neubaues zu begeistern, denn die ganzen Kosten - rund 17 000 rheinische Gulden - nebst den zahllosen Fron- und Handlangerdiensten hat allein die damals etwa 800 Seelen zählende Einwohnerschaft selbst aufgebracht. Wieweit die Herren Wurmser von Vendenheim außer einer milden Steuereintreibung am Bau finanziell beteiligt waren, müßte aus den Akten des Wurmserschen Familienarchivs erforscht werden. Jedenfalls wurde der Accord (Vertrag) über die Errichtung des Kirchenneubaues mit dem elsässischen Baumeister Joseph Michael Schneller (und seinem Sohn Joseph Anton) am 9. Februar 1763 mit der ausdrücklichen Genehmigung der "Gnädigsten Herrschaft" abgeschlossen. Schnöller hatte nicht nur den Riß (Bauplan) zu liefern, sondern auch die Maurer-, Steinhauer-, Verputz- und Dachdeckerarbeiten auszuführen, und auch für die übrigen am Bau beteiligten Handwerker die Bauleitung zu übernehmen. Zum Abbruch der alten Kirche, Graben der Fundamente und zu Handlangerdiensten mußte die Gemeinde ihre Leute stellen und auch die Baumaterialien auf eigene Kosten und mit Frondienst-Transportleistung - nur gegen Trinkgeld - auf die Baustelle schaffen. So wurden die Werk- und Bruchsteine aus rotem Sandstein von Kuhbach und Schmieheim, das Bauholz aus den Meißenheimer und Kürzeller Waldungen sowie aus Zunsweier, die grün glasierten Ziegel für den Turmhelm aus dem Elsaß, Kalk, Gips und andere Materialien mit Schiffen auf dem Rhein herbeigeschafft. Als Kaution für die Erfüllung des Vertrages ließ Schnöller 1 000 Gulden bis zur Vollendung des Baues bei der Gemeinde stehen.

Die Silbermann-Orgel der evang. Kirche Meißenheim arrowRight

Die Ausführung schritt auch planmäßig voran. Bis Ende 1763 war die alte Kirche abgebrochen und die Fundamente gelegt, 1764 dann die Mauern des Kirchenschiffes hochgezogen, das Dach errichtet und das Richtfest als wahres Volksfest gefeiert, 1765 kam der Turm dran mit Ausbauarbeiten in der Kirche (so auch die Ausführung der Deckengemälde). Am 28. Oktober 1766 wurde die Kirche eingeweiht. Die Stuckmarmorarbeiten von Kanzel und Altar und die drei großen Stuckkartuschen wurden erst hinterher 1767 ausgeführt und vergoldet. Mit dem nicht völlig fertigen Zustand der Kirche am 28. Oktober 1766 ist wohl ihre Einweihung ohne besondere Festlichkeiten zu erklären. Die schöne Orgel wurde in Straßburg, und zwar bei Johann Andreas Silbermann, 1774 bestellt und 1776 aufgestellt. Sie kostete noch zusätzlich 1 800 Gulden.

Die Hauptschauseite der Kirche ist die Turmfront nach Südwesten. Ein stattlicher Treppenaufgang, oben mit dem inzwischen ebenfalls renovierten Gittertor abgeschlossen, führt von der breiten Dorfstraße auf eine Anhöhe, die der rund 50 m hohe schlanke Turm mit den anschließenden Voluten der Langhaushalbgiebel krönt. Das Kirchenschiff selbst ist außen 16,50 m breit und 32,50 m lang, nach Nordosten mit den drei Seiten eines Achtecks abschließend. Der im Lichten 14,20 m breite, 30,20 m lange und 11,80 m hohe Kirchenraum zeigt in seiner Grundrißdisposition die "reformatorische Konstante" des evangelischen Kirchenbaues, wie dies auch die in Straßburg für den evangelischen Kultus neu erbaute Aurelienkirche aufweist. Der Altar, der Tisch des Herrn, Ort des heiligen Mahles, steht inmitten der Gemeinde, umgeben vom Gestühl und flankiert von zwei Emporen. Die Kanzel, Ort der Wortverkündigung, ist seitlich so angebracht, daß der Prediger von dort aus den größten Teil der Kirchenbesucher Äug in Äug fassen kann. Die Empore gegenüber dem Haupteingang wird noch durch den geschnitzten Prospekt der Orgel betont, wodurch eine Kombination und ein Ausgleich zwischen der Querausrichtung auf die Kanzel und der Längsausrichtung auf den Altar besteht.

Glücklicherweise ist diese typisch evangelische Gliederung des Raumes durch die jüngsten Renovierungen nicht angetastet worden - entgegen mancher Renovierungen evangelischer Kirchen in der Nachkriegszeit, wo man aus mittelalterlich romantischen Vorstellungen heraus bemüht war, den abgesonderten Chorraum mit dem der Gemeinde entrückten Altar wiederherzustellen oder gar neu zu schaffen.

Was den Kirchenbesucher in der Meißenheimer Kirche besonders überrascht, ist ihre für einen evangelischen Gottesdienstraum ungewöhnlich reiche Ausstattung. Diese läßt sich nur aus dem ursprünglich lutherischen Bekenntnis der Gemeinde oder der Herrschaft erklären. (Luther teilte nämlich nicht die Sorge der Schweizer Reformatoren, daß das Bild und sein Sinngehalt miteinander verwechselt werden könnten.)

Altar und Kanzel sind aus rosa Stuckmarmor reich vergoldet in Rokokoformen modelliert. Den Altar schmückt das Relief des Kelches mit der Hostie (auch lutherisch!) und die Kanzel krönt der seine Jungen mit dem eigenen Blute fütternde Vogel Pelikan, als Symbol der Selbstaufopferung Christi. Reiches Rocaille-Werk umrahmt auch die drei rund 6 m hohen Kartuschen an den Seitenwänden. Sie verewigen neben der Kanzel die Namen der während der Bauzeit amtierenden Pfarrer Voelkers und Lenz und gegenüber die der weltlichen Führer der Gemeinde von Amtsschultheißen über die Gerichtsschöffen bis zum Gerichtsschreiber. Die dritte Kartusche zeigt das Wurmsersche Wappen ohne Schriftbeifügung. Die Stuckarbeiten hat der Straßburger Modelleur Christian Eitel für 105 Gulden ausgeführt. Er hat auch den Altar und die Kanzel in Stucco lustro angefertigt.

Auch die Malereien an der Südwestempore (Geschichte der Kindheit und des Anfangswirkens Jesu) sind von leicht und flüssig aufgetragenen Rokokoornamenten umrahmt, dagegen zeigen die Bilder der Passionsgeschichte gegenüber, an der Orgelempore, strenge rechteckige Umrahmungen mit Festons und Musikinstrumentengehängen, dem auf das Rokoko folgenden Zopfstil sich zuwendenden, veränderten Geschmack entsprechend. Den guten Hirten an der Rückwand der Kanzel und die Emporenbilder hat der Maler Sebastian Gretter aus Baden mit seinem Sohn ausgeführt. (Das Wandbild des segnenden Christus auf der Empore über dem Haupteingang ist erst 1898 hinzugekommen, von dem Karlsruher Maler Issel gemalt.) Das Unikum der Kirche ist aber entschieden die Deckenmalerei. Diese hat der aus Tirol stammende, jedoch seit 1745 in Freiburg ansässige Maler Johann Pfunner 1765 ausgeführt und auch signiert. Sie besteht aus einem rund 5 x 22 m großen Hauptbild und sechs umgebenden Medaillons mit bewegt profilierten Stuckumrahmungen. Die langgestreckte Fläche des Mittelfeldes zeigt die Darstellung der Himmelfahrt Christi in einer stark farbigen und dem ungewöhnlichen Format geschickt angepaßten Komposition; im vorderen Teil (über der Orgel) die überraschte und bestürzte Gruppe der Apostel vor einem felsigen Berg, in der Mitte der auffahrende Christus in Strahlenglorie von musizierenden und anbetenden Engel- und Puttengruppen umgeben und im rückwärtigen Teil (gegen den Haupteingang) Gottvater mit dem Heiligen Geist, seinen Sohn erwartend. Die starke Bewegtheit der Darstellung entspricht dem unruhigen Temperament des Meisters und der nervösen Erregtheit der ganzen Rokokomalerei und ist auch für die übrigen, in mittelbadischen katholischen Kirchen zahlreich vorhandenen Werke von Pfunner charakteristisch. Die Medaillons in den vier Ecken des Hauptbildes stellen die vier Evangelisten, die zwei seitlichen ovalen die Geburt Jesu und das Grabgewölbe Christi dar. Diese Bilder sind als Grisaillemalerei in olivgrauen Tönen ausgeführt. Die Ausführungstechnik der Gemälde ist ölharzmalerei, deswegen die starke Nachdunkelung im Lauf der Zeiten.

Grabmal der Frederike Brion - Goethes Jugendliebe arrowRight

Pfunner hat für seine Deckengemälde neben freier Kost und Quartier 400 Gulden Honorar erhalten.

Seit ihrer Erbauung vor 200 Jahren hat die Kirche nach anfangs ruhigen Zeiten ein wechselvolles Schicksal gehabt. Ihre erste Renovierung erfolgte 1912, wobei auch die Deckenbilder gereinigt wurden. Wegen Undichtigkeiten des Daches waren damals schon Schäden im Dachgebälk entstanden, die repariert werden mußten. Bedrohliches Ausmaß nahmen die Fäulnisschäden nach dem Zweiten Weltkrieg an, nachdem infolge von Beschüß der Dachstuhl monatelang offen stand. Zur Fäulnis gesellte sich auch noch Hausbockfraß; Balkenköpfe und Strebenfüße faulten ab, so daß die Decke sich immer stärker durchbog. Hinzu kam eine Lockerung des Haltes der Putz tragenden dünnen Latten (auch infolge Abrosten der Nägel), so daß Teile des Deckenputzes abzuplatzen und hinunterzufallen begannen.

Die nach der Währungsreform durchgeführte erste Renovierung des Kirchen-innern konnte aus Kostengründen nicht durchgreifend sein. Man versuchte, die hohlen Stellen der Decke, auch im Gemälde, durch Anschrauben an den Untergrund zu festigen. Als bald darauf wieder Teile der Decke abfielen, die Kirchenbesucher bedrohend, führte man 1959 eine gründliche konstruktive wie auch vorbeugende Sanierung der Dachkonstruktion und des Deckengebälkes durch, dabei auf größte Schonung der Gemälde achtend. Doch brachten auch diese Maßnahmen keinen Dauererfolg. So mußte 1961 schon wieder eine kleine Deckenausbesserung durchgeführt werden. Als 1964 erneut ein größeres Stück vom Deckenputz abfiel, blieb nichts anderes übrig, als unter dem Mittelfeld der Decke ein Stahlrohrschutzgerüst aufzustellen, teils um den Raum weiter für Gottesdienste benützen zu können, teils um die Schäden aus unmittelbarer Nähe zu untersuchen. Diese Untersuchung durch ein Gremium von Fachleuten ergab, daß, wenn man die Deckengemälde erhalten wollte - was die Denkmalpflege wegen ihres künstlerischen und Seltenheitswertes unbedingt bejahte -, man sie abnehmen und auf einem erneuerten Deckenputz wieder anbringen mußte. Diese äußerst schwierige Rettung der Bilder hat vom Spätjahr 1965 ab Restaurator Emil Geschöll aus Freiburg in drei Arbeitsgängen ausgeführt: Abnehmen, Wiederanbringen und Restaurieren der Bilder.

Im ersten teilte er vorbereitend die Bildfelder in 0,50 bis 1,20 qm große Rechtecke ein und überklebte sie zur Sicherung mit einer doppelten bis dreifachen Lage von Seidenbatist. Dann wurden die Gemälde und ihr Putzuntergrund mittels einer Handkreissäge, der Rechteckeinteilung entsprechend, zersägt. Ihre eigentliche Abnahme erfolgte mit Hilfe von gleichgroßen Hartspanplatten, die Stück für Stück von einem Modellierbock aus gegen das Abnahmefeld gepreßt wurden. Im Dachboden wurde inzwischen die Dielung entfernt und die Balkengefache freigelegt, so daß man den zwischen die Trägerlatten eingedrungenen Weißkalkmörtel, welcher die Halteschicht des Deckenputzes bildete, wegschaben konnte. Das losgelöste Deckenfeld wurde mit der unterlegten Hartspanplatte auf einem zweiten Gerüstbelag unter der Plattform des Arbeitsgerüstes gelagert, dort durch Abschleifen auf etwa 8 mm Stärke verdünnt und zur Wiederverfestigung mit einem Gipskalkestrich (mit Jutefasereinlage) versehen.

Nach Abnahme und Sicherstellung der Gemälde hat der bauleitende Architekt Rudolf Munding zusammen mit dem Gipser- und Stukkateurmeister Martin Sebastiani aus Überlingen die Deckenprofile mit allen ihren Unregelmäßigkeiten genau vermessen. Der gesamte Deckenputz mußte zusammen mit den Putzträgerlatten bis auf die großen Randvouten vom Dachgebälk aus abgestoßen werden. Die freigelegten Deckenbalken versah der Zimmermann mit einer Sparschalung, der Gipser mit einem Streckmetallputzgrund und dann mit einem völlig neuen Kalkmörtelputz. Auf dieser neuen Deckenfläche wurden die Deckenfelder aufgerissen und die Umrahmungsprofile nach genau abgenommenen Schablonen in alter Art und Weise an Ort und Stelle gezogen und mit angearbeiteten Ecken und Verkröpfungen versehen.

Im zweiten Arbeitsgang hat Restaurator Geschöll in die neu entstandenen Bildfelder, an die 100 Einzelteile des Hauptbildes und der Medaillons, mit einem Kunstharzkleber hineingeklebt. Nach Abbinden des Klebebreies wurde die Sicherungsgewebeschicht abgelöst, die Trennungsfugen und die Fehlstellen mit Kalkgipsmörtel ausgeglichen.

Im anschließenden dritten Arbeitsgang mußten die verfärbten alten Firnisschichten und Übermalungen entfernt, die rote Bolusgrundierung an Fugen und Fehlstellen nachgeholt, diese dann ausretuschiert oder nach alten fotografischen Aufnahmen ergänzt werden.

Inmitten dieser Arbeit war für den Nichtfachmann an manchen Stellen kaum noch eine zusammenhängende Darstellung erkenntlich. Das alte Bild entstand sozusagen mosaikartig zusammengesetzt wieder und präsentiert sich nach dem Überziehen mit einem Schutzfirnis in seiner ursprünglichen Farbigkeit. Die Restaurierung der Gemälde und das Abtönen der benachbarten Deckenflächen und der Deckenvoute zog die Erneuerung der Wandanstriche mit sich. Anstelle der abgewaschenen alten Leimfarbe trat ein Kalkfarbanstrich in viermaligem Auftrag. Die Beleuchtungsanlage mußte aus Sicherheitsgründen erneuert und mit neuen Leuchten ausgestattet werden. Zur besseren Hörsamkeit des großen Raumes hat man auch eine elektroakustische Anlage eingebaut.

Das alte Barockgestühl wurde ausgebessert und neu gestrichen, der Stuckmarmor des Altars und der Kanzel neu aufpoliert und mit frischer Vergoldung versehen. Schließlich wurde vor dem Altar eine neue Taufe mit Messingschale und Deckel auf schmiedeeisernem Untergestell aufgestellt. Diese hat, wie auch die Leuchten, der Lahrer Metallbildhauer Hayno Focken geliefert.

Die Kosten dieser Restaurierungsarbeiten betrugen rund 180 000,- DM.

Die Kosten der 1951 bis 1965 vorausgegangenen Renovierungsarbeiten betrugen für mehrere Deckeninstandsetzungen, Dachstuhlsanierung, Turmfronterneuerung und Orgelerneuerung rund 100 000,- DM.

Die staatlichen Zuschüsse zu diesen Ausführungen erreichten eine Höhe von 72 000,- DM.

Die Oberleitung der letzten Renovierungsarbeiten lag in den Händen des Staatlichen Amtes für Denkmalpflege in Freiburg und des Evangelischen Kirchenbauamtes Baden in Karlsruhe, die örtliche Bauleitung besorgte mit größter Umsicht Bauingenieur Rudolf Munding.

Angesichts der Bedeutung der Meißenheimer Kirche als Baudenkmal und ihres hohen künstlerischen Wertes müssen die nicht geringen finanziellen Aufwendungen sowohl seitens der Gemeinde als auch seitens des Staates und der Landeskirche als berechtigt anerkannt werden.

Verwendete Quellen:

Pfarrer G. Köhler "Was die Meißenheimer Kirchenakten erzählen" (aus der Festschrift zur 200-Jahr-Feier der evang. Kirche in Meißenheim), ergänzt durch mündliche Angaben von Rektor i. R. F. Schwärzel; Aktenniederschriften des Evang. Kirchenbauamtes;
Arbeitsbericht von E. Geschöll; H. Ginter "Südwestdeutsche Kirchenmalerei des Barock" 1930;
Lacroix und Niester "Kunstwanderungen in Baden" 1959;
M. Wingenroth "Die Kunstdenkmäler des Kreises Offenburg" 1908;
Dr.-Ing. E. Morlock "Die reformatorische Konstante im evangelischen Kirchenbau" (Vortrag, gehalten auf der 13. Tagung für evang. Kirchenbau in Hannover 1966).


Wiederabdruck (siehe Quellenverzeichnis Seite 237)

[Anmerkungen]


1.) Von anderen Werken Schnöllers ist nur der Riß für das Meißenheimer Pfarrhaus und die Ausführung des Neubaues der Klosterkirche in Schuttern 1767-1773 rechtsrheinisch bekannt. Seine künstlerische Herkunft und linksrheinische Tätigkeit bedürfen noch der Erforschung.
2.) Weitere Werke Pfunners befinden sich in den katholischen Kirchen von Appenweier (Hochaltar), Herbolzheim (Deckengemälde), Niederschopfheim (Deckengemälde), Mahlberg, jetzt evangelisch (Deckengemälde), Hofweier (Deckengemälde), Ettenheim (Hochaltar) und von Endingen am Kaiserstuhl (Deckengemälde). (s. noch Wendelins-Kapelle bei Nußbach, allerdings schlecht restauriert. Schriftl.)

[Hinweis im Quellenverzeichns (im Original auf Seite 236): Beitrag Seite 48 "Die evangelische Kirche zu Meißenheim" von Zoltân Töth ist ein Wiederabdruck aus dem "Nachrichtenblatt der Denkmalpflege in Baden-Württemberg, Organ der Staatlichen Ämter für Denkmalpflege". Herausgegeben vom Kultusministerium Baden-Württemberg, Jahrgang 9 Heft 3/4 Juli/Dezember 1966]

Meißenheim - Pfarrhaus - Walter Beck - die Ortenau 1913 - 102 / 105

Das Pfarrhaus.

Noch nicht allzulange Zeit war nach der Vollendung der neuen Kirche vergangen, als man in Meissenheim auch zum Neubau eines Pfarrhanses schritt und zwar zu einem einfachen, gut proportionierten und architektonisch gut ausgestalteten Bau, den man, an seiner Stelle nahe außerhalb der Kirchenmauer von zwei großen Tannen beschattet, sich nicht schöner und idyllischer denken könnte.

Das Haus steht mit der Giebelseite nach der Straße, rechts schließt sich ein kleines und größeres Tor mit kurzer Mauer an, die hinter sich den Hof mit einem Okonomiebau und den Garten birgt. Die Breitseite hat 4 Fensteraxen von einem abgewalmten Giebel beschlossen, an den Ecken Ortquaderlisenen. Die eine Langseite am Hof schließt das Portal in sich, das in der mittelsten von 5 Achsen liegt und durch seine reichere architektonische Ausgestaltung mit dem darüberliegenden Fenster die Mitte und zugleich den Eingang des Hauses betont.

Eine balusterbegrenzte Freitreppe führt auf 6 Stufen von zwei Seiten zum Eingang. Die Türgewände sind einfach mit Ohren und profiliert; im Sturz ein palmettenartig ornamentierter Schlußstein. Ein schmiedeeisernes Oberlichtgitter mit der Jahreszahl der Bauvollendung und zwei Reihen noch ungedeuteter Buchstaben schmückt die Tiiröffnung, ebenso wie ein mannigfach verschlungener Fenstersatz das Fenster darüber ziert, dessen Gewände abweichend von den übrigen Fenstern des Pfarrhauses nicht profiliert sind. Ein geschwungener Wulst mit ornamentiertem Schlußstein bildet die einzige Profilierung und zugleich den Abschluß nach dem Gesims. Die übrigen Fenster haben die bei einfachen Barockbauten übliche bescheidene und vornehme Gestaltung: ein kleines Plättchen am äußern Rand, dann die breite Fläche und schließlich einen einfachen, glatten Falz. Den Schluß bildet nach oben der Segmentbogen mit glattem Schlußstein.

Der Grundriss des Gebäudes ist normal. In der Mitte der Eingang mit Vorhalle, von der man im Erdgeschoß zu den Zimmern und der Küche gelangt und von wo aus eine Treppe zu den Räumen des Obergeschosses führt. Im Innern ist wenig Bemerkenswertes mehr vorhanden; auch hier haben umfangreiche Reparaturen des Anfangs des l9. Jahrhunderts viel verändert und entfernt. Vorhanden ist im Obergeschoß noch ein französisches Kamin, etwas unbeholfen ornamentiert und von dem Werkmeister Menhardt aus Lahr für 24 fl. gefertigt.

Außer diesem waren noch tätig: für die Schreinerarbeit Gottfried Salm und Georg Mast, Schreinermeister in Lahr, Schlossermeister Christian Morstadt und für die Glaserarbeit Georg Schaller, ebenfalls beide Lahrer Bürger. Die Torpfosten an der Mauer lieferte Thomas Milley Steinhauer in Schmieheim mit 3 Kapitälen, 3 Postamenten und 3 Kugeln, von denen allerdings heute nichts mehr zu sehen ist.

Der ganze Bau hatte 4119 fl. 6 s 8 Pf. gekostet.

Und nun noch einiges über die Geschichte des Hauses.

Am 29. Juli 1770 wurde der erste Sockelstein gesetzt. Ein harter Winter scheint die Bauarbeiten verzögert zu haben, denn erst ein ganzes Jahr später kam es zum Aufschlagen des Dachstocks. Das Jahr 1772 nahmen die inneren Arbeiten in Anspruch, so daß endlich erst 1773 das Haus bezugsfertig war.

Wer der Baumeister des Gebäudes war, ist mit Sicherheit nicht zu sagen. Der Erbauer der Kirche war Johannes Schnöller,(1) der als Bau- und Maurermeister, wie es in damaliger Zeit eben üblich war, sowohl den Riß des Gebäudes lieferte, als auch dann dasselbe im Akkord erstellte. Aus den Pfarrechnungen geht hervor, "daß das Pfarrhaus akkordmäßig durch den Maurer- und Steinhauermeister Johannes Menhardt aus Lahr erbaut wurde". Derselbe, der auch in Lahr manche Bauten erstellt hatte.(2) Es findet sich aber in denselben Rechnungen eine Position: "Ahne Joseph Schneller von Straßburg vor den gemachten Pfarrhaus Riß, da er den Bau zu machen nicht erhielt, bezahlt worden 22 fl. 4 ß".

Lassen wir nun den Brauch der damaligen Zeit gelten, daß der Erbauer auch der Planfertiger ist, so haben wir es hier mit einer Schöpfung Menhardts zu tun, wofür eigentlich ein Vergleich zu seinen Lahrer Bauten, Komposition und Detail des Baues sprechen könnten. So ist auch z. B. die Ornamentik des Portals und der darüberliegenden Fenster gleich zum Teil und im Sinne der Ornamentik des nachweislich von Menhardt erstellten Kamins. Verstehen wir aber die oben erwähnte Position so, daß Schnöller nach Fertigstellung der Kirche ein Projekt zum Pfarrhaus ausarbeitete, nach dessen Rissen die Maurerarbeiten vergeben werden sollten und wurden, so ist eben Menhardt lediglich Maurermeister und in der Verwendung ähnlicher Kompositionen und Details an seinen Lahrer Bauten ein Epigone Schnöllers, denn die Profile des Pfarrhauses sind ebensogut und leicht in Beziehung zu denen der Kirche zu setzen. Für die genannte Ornamentik war Menhardt wohl allein verantwortlich Nach reiflicher Überlegung und nochmaliger eingehender Prüfung neige ich mehr der zweiten Ansicht zu. Menhardt wird nur ausführender Architekt gewesen sein, der es allerdings hierbei verstanden hat, das Gute von Schnöller anzunehmen und bei Gelegenheit wieder zu verwenden. So wäre dieser Fall ein bescheidenes Beispiel für die Verbreitung französischen Einflusses in unserer badischen Heimat am Oberrhein.

Es ist nur ein kleiner Beitrag zur Untersuchung dieser Frage; ich möchte nur hoffen und wünschen, daß dadurch andere Untersuchungen an anderen Orten angeregt werden, um schließlich nach längerer, vereinter, aber dankenswerter Arbeit ein vorteilhaft gesammeltes Material für die Erforschung dieser Einflußsphäre zu haben.

1) Ich nehme die Schreibweise "Schnöller" nach feiner eigenen Unterschrift
2) Siehe Geschichte der Stadt Lahr im 17. und 18. Jahrhundert, eine baugeschichtliche Studie von Dipl.-Jng. Walter Beck, die demnächst erscheint.

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Evangelische Pfarrhaus Kürzell



Wohlw
Die Entscheidung zum Verkauf hat der Kirchengemeinderat einstimmig und die Kirchenversammlung mehrheitlich gefälltollend betrachtend darf man den Baustil des ehem. Evangelischen Pfarrhauses in Kürzell wohl "unorthodox" nennen und das entspricht auch der Epoche seiner Entstehung. Vorbei der Rausch der "Gründerzeit" mit rasender Entwicklung und grenzenlosem Wachstumsanspruch sehnt man sich zurück nach "Altbewährtem" und und lehnt sich auf an tradierten Architekturelementen. Dabei ist man nicht gerade "zimperlich" in der Zusammenstellung der Stilrichtungen.

Neoklassizismus (wikipedia):

Neoklassizismus (oder Neuklassizismus) wird in der deutschsprachigen Kunstgeschichte der letzte formal einheitliche Stil der bildenden Kunst und Architektur des Historismus im frühen 20. Jahrhundert im deutschsprachigen Kulturraum genannt. Der eklektizistische Stil gilt gleichzeitig als Beginn der Moderne.

In der Architektur bildet der Neoklassizismus den ideellen sowie formalen Gegensatz zu der sich gleichzeitig entwickelnden klassischen Moderne, während die Ornamentik der Baustile Jugendstil (Art nouveau) und Liberty zurücktritt. Er ist, gemeinsam mit dem Heimatschutzstil, Teil der allgemeinen traditionalistischen Strömungen zu Anfang des 20. Jahrhunderts, die das Ziel hatten, alte (vorindustrielle) Werte und Strukturen beizubehalten. Es werden noch einmal Ideen der griechischen und römischen Antike, des Barock und des Klassizismus, und klassizistische Elemente der Renaissance (Andrea Palladio) aufgenommen, die sich im monumentalen Erscheinungsbild, in Säulenanordnungen, in der räumlichen Disposition (rechtwinklige Grundrisse, Symmetrie) und in der tektonischen Struktur zeigen.

Zum Pfarrhaus

Auffallend zunächst der behelmte Treppenturm mit vorgestelltem Portikus. Der Portikus mit barockem Schwunggiebel und Krönung auf Säulen gestellt. Darunter das industrieell geschmiedete Tor zum Haupteingang.

Der doppelstöckige Mansardbau wird von massiven Ecklisenen gefasst, was seine Architektur "in die Höhe" zusammen mit dem Treppenturm betont. Ganz der Zeit entsprechend werden Fenstergesimse flächig gehalten. Auffallend sind die schweren Schlagläden insbesondere an der Südfassade.

Nun stand das Haus zu Beginn der 2000er Jahre zum Verkauf und die Bewerbungen sollten nicht ganz friedfertig ausgetragen werden, wie den folgenden Zeitungsartikeln entnommen werden kann:

(1)
Kürzeller Familie will das Pfarrhaus kaufen - Ulrike Derndinger - Do, 11. August 2011 - Badische Zeitung

MEISSENHEIM-KÜRZELL. Das evangelische Pfarrhaus in Kürzell könnte an eine Familie aus dem Ort verkauft werden. Die Entscheidung zum Verkauf hat der Kirchengemeinderat einstimmig und die Kirchenversammlung mehrheitlich gefällt. Als Verkaufspreis nannte Pfarrer Heinz Adler der BZ den Betrag 265 000 Euro. Die Kaufinteressenten seien der Kirchengemeinde verbunden und wollen das Gebäude erhalten und zu einem Schmuckstück machen, sagte Pfarrer Adler. Den Namen wollte er aus Rücksicht auf den laufenden Prozess noch nicht verraten.

Seit im Jahr 1999 der letzte Kürzeller evangelische Pfarrer, Erwin May, aus dem 1904 gebauten Pfarrhaus ausgezogen war, wurde festgelegt, dass das Dorf künftig einen Pfarrer mit den Meißenheimer Protestanten teilt. Von da an begann in Kürzell die Suche nach einem Käufer für das herrschaftliche Gebäude. Ein Interessent fand das Gebäude auch prima, die Lage in Kürzell dagegen weniger. Zwischenzeitlich war Brigitte Täubert mit ihrer Familie in das Haus zur Miete eingezogen. Jetzt, wo sie allein darin lebt, kommt ihr der Verkauf recht, denn das Haus ist ihr zu groß geworden. Sie wird ausziehen, aber der Kirchengemeinde als Predigerin und ehrenamtliche Leiterin des Frauen- und Seniorenkreises erhalten bleiben.

Pfarrer Adler vermutet, dass der Verkauf im Oktober in trockenen Tüchern sein wird. Mit der Zustimmung des Oberkirchenrates rechnet er fest. Schließlich gibt es seitens des Rats die Vorgabe, Immobilien, die die Kirche nicht mehr braucht, abzustoßen. Alternativen zum Verkauf gebe es kaum, so Adler: "Wir als Kirche können es uns nicht leisten, 200 000 Euro oder mehr für die Sanierung in die Hand zu nehmen. Und selbst wenn, würden wir das Geld über Mietzahlungen niemals wieder reinbekommen."

Saniert werden müssen, so schätzt Adler, das Dach, die Heizung, Wasserleitungen und die Elektrik. Über die Kaufinteressenten zeigt er sich glücklich. Trost spende, dass das Haus in die Hände von Gemeindemitgliedern gelange: "Das macht es uns einfacher." Damit könne schon einmal ausgeschlossen werden, dass es Beschwerden über zu lautes Glockengeläut gebe, fügt er an. Manchen Gemeindemitglieder blute trotzdem das Herz, räumt er freimütig ein. Was mit dem Verkaufserlös geschieht, ist noch unklar. Pfarrer Adler kann sich vorstellen, das Geld anzulegen. Beizeiten wird der Kirchengemeinderat darüber entscheiden.

Wie sehr Dachstuhl und Haube unter den Jahrzehnten gelitten hatten, ist der Restaurationsdokumentation zu entnehmen Dachbalken und Tragekonstruktion mussten ersetzt werden und wurden im Originalzustand restauriert Die Lattung der Haube wurde vollständig erneuert - Tragebalken wo immer nötig  ersetzt (2) Der Verkauf ist besiegelt - Ulrike Derndinger - Fr, 09. Dezember 2011 - Badische Zeitung

MEISSENHEIM-KÜRZELL. Die Ärztin und Gemeinderätin Edda Rieth und ihre Familie sind nun die rechtmäßigen Besitzer des evangelischen Pfarrhauses in Kürzell. Beim Notartermin gestern Nachmittag in Lahr ist der Verkauf des 1904 erbauten Gebäudes an die Kürzeller Familie beglaubigt worden. Das bestätigte Pfarrer Heinz Adler der BZ. Die Verhandlungen waren im Vorfeld nicht ganz reibungslos abgelaufen. Im August hatte sich der Kirchengemeinderat für den Verkauf an die Familie der Ärztin und Gemeinderätin entschieden. Kaufpreis: 265 000 Euro. Nach jahrelangem Überlegen erschien der Pfarrgemeinde die Lösung als die tragbarste, das Haus an die Familie zu verkaufen. Sie will das ortsbildprägende Gebäude an der Oberdorfstraße renovieren und bewohnen.
der Ortenauer
Feinste Handwerksarbeit garantierte eine gelungene Restaurierung - nur noch die Bekrönung der Haube fehlt - nicht mehr lange Kurze Zeit später meldete sich jedoch Gemeindemitglied Hans Roth mit einem höheren Gebot. Die Begründung: "Weil es uns das wert war", sagte er der BZ. Er habe den Preis nicht hochtreiben wollen, betonte er. Über die Höhe seines Gebots schweigt er. Pfarrer Heinz Adler spricht von einem Zuschlag in vierstelliger Höhe, es waren also nicht mehr als 9999 Euro.

Der Pfarrgemeinderat beriet erneut – und blieb bei der Entscheidung für Kirchengemeindemitglied Edda Rieth, die Pfarrer Adler zufolge den Preis aus eigenen Stücken erhöhte. Ob es dem Gebot von Hans Roth entspricht, verraten der Pfarrer und Kirchengemeinderat nicht. Man will die Debatte nicht weiter anheizen. Das nachträgliche Angebot nach der Entscheidung für Edda Rieth hatte für etwas Unruhe gesorgt.

"Die Landeskirche hat uns Daumenschrauben angelegt."

Pfarrer Heinz Adler

Doch der Kirchengemeinderat blieb standfest: "Wir hätten es ehrenrührig gefunden, unseren Beschluss zu ändern", sagt Pfarrer Heinz Adler. Zumal Hans Roth nicht garantiert habe, das Haus selbst zu bewohnen. Er habe es vermieten wollen.
der Ortenauer
Im Gegensatz zur Familie Rieth, die selbst darin leben will. Damit sei auch gesichert, dass keine Mieter gegen Glockengeläut prozessieren oder während Gottesdiensten laut Musik hören. Man sei zufrieden mit der Wahl, sagte Pfarrer Adler und man traue der Familie es zu, aus dem Schmuckstück etwas Schönes zu machen. Hans-Joachim Wagner-Rieth meinte auf Anfrage der BZ: "Ich freue mich über den Kauf, aber ich kann es noch gar nicht richtig realisieren."

Den Preis habe die Kirchengemeinde auf Anraten der Kirchenleitung in Karlsruhe öffentlich gemacht, weil man verhindern wollte, dass Immobilienspekulanten zum Zug kommen, die aus dem Pfarrhaus womöglich etwas gemacht hätten, was der Gemeinde zuwidergelaufen wäre.

Dem Vorwurf, dass das Haus zu günstig verkauft worden sei, widerspricht Pfarrer Adler. Kürzell sei nicht Freiburg oder Lahr: "Nach allem, was uns Immobilienfachleute gesagt haben, haben wir zu einem guten Preis verkauft", sagt er. Die von der Landeskirche vorgegebene Untergrenze lag bei 235 000 Euro.

Laut Pfarrer Adler hatte man keine andere Wahl: "Die Landeskirche hat uns Daumenschrauben angelegt. Entweder auf eigene Kosten sanieren oder verkaufen. Weil wir es uns als Gemeinde nicht leisten können, haben wir uns für das Zweite entschlossen", erläuterte Pfarrer Adler. Hätte man noch länger gewartet, hätte das Haus weiter an Wert verloren. Dass der Verkauf den Kürzellern weh tut, kann er aber verstehen. Kürzell war lange selbstständig, der letzte Pfarrer der Gemeinde zog 1999 aus. Schon da zeichnete sich ab, dass die Gemeindegröße von Kürzell und Schutterzell mit insgesamt 750 Protestanten zu klein ist, um die Bewirtschaftung über Zuweisungen zu sichern. Heute bilden die beiden Orte mit Meißenheim (1800 Protestanten) eine Einheit. Mit 2550 Gläubigen entsprechen die drei Orte der Richtgröße von mindestens 2000 Mitgliedern, die laut Dekan Rainer Becker für eine Landgemeinde in naher Zukunft überlebensnotwendig sind.

Die evangelische Kirche verliert aufgrund des demografischen Wandels Mitglieder. Langfristig könnten daher weitere Pfarrhausverkäufe anstehen. Dass das Konflikte mit sich bringt, ist für Pfarrer Adler verständlich. Denn: "Das Pfarrhaus ist ein neuralgisches Objekt, ein Symbol der Eigenständigkeit", sagt er. Während der Verhandlungen, was mit dem Gebäude geschehen soll, hatte es immer wieder kritische Stimmen gegen den Verkauf gegeben. Pfarrer Adler weist jedoch darauf hin: Ein Zurück zu alten Zeiten wird es aufgrund schwindender Zahlen bei Kirchenmitgliedern und Kirchensteuern nicht geben können.


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Lindengruppe B36 - "Zigeunerlinde"


Heute erfolgt der Angriff auf die Zigeunerlinde bei Kürzell. Ein Fachmann wird zunächst die Kronen reduzieren. Am Montag beschloss der Gemeinderat Meißenheim die dringend notwendigen Sanierungsmaßnahmen für das Naturdenkmal.Zigeunerlinde wird erhalten - Wolfgang Schätzle 25. Februar 2014 - Baden Online

So sieht die Zigeunerlinde bald nicht mehr aus. Ab heute, Mittwoch, werden die kranken Bäume kräftig gestutzt. ©Wolfgang Schätzle

Heute erfolgt der Angriff auf die Zigeunerlinde bei Kürzell. Ein Fachmann wird zunächst die Kronen reduzieren. Am Montag beschloss der Gemeinderat Meißenheim die dringend notwendigen Sanierungsmaßnahmen für das Naturdenkmal.

Meißenheim. Schon im Dezember stand fest, dass das Ensemble der drei historischen Linden an der B 36 bei Kürzell, im Volksmund als "Zigeunerlinde" bekannt, so nicht erhalten werden kann. Der Gemeinderat Meißenheim beauftragte damals einen Sachverständigen, die drei in sich verwachsene Bäume zu untersuchen. Kurz darauf wurden auch sicherheitshalber die Sitzgruppen entfernt. Das Gutachten (wir berichteten) bestätigte nun, dass das Naturdenkmal Zigeunerlinde im Sterben liegt.

Am Montag im Gemeinderat erläuterte noch einmal Revierförster Gunter Hepfer die drei zur Diskussion stehenden Varianten zur weiteren Vorgehensweise und bekräftigte zugleich, dass die drei Bäume akut hoch gefährdet seien. Eine herkömmliche Pflege würde nicht mehr ausreichen. Die schlimmste Variante wäre das Fällen der Bäume. Das jedoch will eigentlich niemand, zumal die Zigeunerlinde nicht nur ein Naturdenkmal ist, sondern auch vielfältig von Tier- und Insektenarten genutzt wird. Auch Fledermäuse fühlen sich in dem riesigen Ensemble heimisch. Die "Zigeunerlinde" hat auch einen ideellen Wert, weil sie jeder kennt und sie ist Respekt einflößend.

Nicht glücklich wäre Hepfer auch über eine Kappung der Bäume. Er plädiert für die dritte Variante, die Reduktion der Kronen bis zur Falllänge zur Straßenführung und einer Standortsicherung durch eine stabile Einzäunung. Die Bäume könnten so ungehindert in sich zusammenbrechen. Dies muss jedoch nicht gleich geschehen. Er rechne durchaus damit, dass bei einer fachgerechten Kronenreduktion und Sicherung des Restbestands das Ensemble noch einige Jahrzehnte erhalten werden könne. So gesehen würden sich auch die geschätzten Kosten von etwa 5200 Euro lohnen, zumal auch mit Zuschüssen von 50 bis 70 Prozent gerechnet werden könne.

Die Mehrheit der Räte – drei stimmten dagegen, eine Enthaltung – folgte dem Vorschlag des Revierförsters und sprach sich für die dritte Variante aus. Allerdings hatten einige sichtlich Probleme damit – zu ihnen gehörte auch Kürzells Ortsvorsteher Klaus Heimburger (Freie Liste) –, dass es unter den Linden keine Sitzgruppen mehr geben wird. Edda Rieth (Freie Liste), die einst die mittlerweile wieder abgebauten Sitzgruppe angeregt hatte, schlug vor, später einmal über eine Sitzgruppe in sicherer Entfernung zu dem Ensemble nachzudenken. Regina Ostermann (Freie Liste) hingegen störte sich vor allem daran, dass nun an den Linden herumgedoktert werde. Ein Baum sei ein Lebewesen, er wächst und vergeht. Man sollte ihn in Würde sterben lassen. Aber genau das geht am angestammten Platz nicht, alleine schon wegen der Verkehrssicherheit, machte Hepfer klar.

Apropos Zaun: Spontan erklärte sich ein Zuhörer aus Kappel-Grafenhausen, der jeden Tag im Vorbeifahren sich am Anblick der Zigeunerlinde erfreut, dazu bereit, beim Gestalten und Bau eines Zauns mitzuhelfen. "Ich kann auch noch Leute organisieren, die gerne mithelfen würden." Daraufhin Bürgermeister Alexander Schröder: "Ein großes Lob – ich zieh den Hut vor Ihnen".


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Kürzeller Freihof des Klosters Schuttern


kuerzell zelle 04Aus einer Urkunde aus dem Jahr 1136 lässt sich entnehmen, dass das Kloster Schuttern das Patronat über die Kirche und einen Freihof mit vielen Liegenschaften in "Kirchcelle" innehatte. Der Name Kürzell, oder wie er früher lautete "Kirchzell" bedeutet also Zelle mit Kirche. Daraus ist zu schließen, dass das Dorf Kürzell auf eine Gründung von Mönchen zurückgeht.

Der erste Geistliche wird 1419 erwähnt, ein "Herr Thumann von Schuttern, Luitpriester zu Kirtzel".

1564 als bereits die Reformation am Oberrhein begonnen hatte, setzte der Abt von Schuttern nach vielen Klagen der Gemeinde über den Lebenswandel des amtierenden Priesters den Prior aus seinem Kloster, Johannes Manhardt, zum Pfarrherrn in Kürzell ein. Zuvor musste dieser allerdings einen Revers unterschreiben, dass er nicht heiraten würde. Aber schon nach einem Jahr schickte er diesen Revers an den Abt zurück und ließ sich mit einer Margareta N. aus Augsburg trauen.

Auf eine Bericht des Abtes von Schuttern an den Bischof von Straßburg befahl dieser die Absetzung des ungehorsamen Pfarrers. Doch musste der Abt nun dem Bischof berichten: "Das Volk sei ganz übel damit zufrieden, sie wollten keinen anderen Kirchendiener, es sei auch in langen Jahren bei keinem Pfarrherrn ein solcher Ernst bei dem Volk zur Kirchen und allem Gottesdienst gespürt worden."

Pfarrer Manhardt wurde also wieder als Pfarrer eingesetzt, was dem Abt recht war, weil er meinte, solange der Prior in Kürzell bleibe, werde "kein offener Abfall" stattfinden. Darin irrte er sich freilich, Manhardt trat mit der ganzen Gemeinde zum lutherischen Bekenntnis über.
Auch nach dem Tod von Manhardt (1574) wurden Kürzell und die Filiale Schutterzell von evangelischen Predigern versorgt.

1622 kam Peter Bümler (oder Bimler) als Ortspfarrer nach Kürzell. In seine Amtszeit fällt die Teilung der Herrschaft Lahr-Mahlberg im Sommer 1629 zwischen dem evangelischen Grafen von Nassau udn dem katholischen Markgrafen von Baden. Kürzell und Schutterzell fielen mit Mahlberg, Ichenheim, Dundenheim, Ottenheim, Friesenheim dem katholischen Markgrafen von Baden zu.

Kaum war diese Entscheidung getroffen, als an den Grafen Ludwig von Nassau eine flehentliche Bitte kam, alles aufzubieten, "dass wir und unsere armen Kinder bey dem freyen Exercitio der bis dato gehabten Religion und reinen Gottesdiensts möchten gelassen werden." Diese Eingabe war unterzeichnet von "Schultheiß, Gericht und Gemeinde" der Dörfer, die dem katholischen Baden zugesprochen wurden, darunter auch Kürzell.
Die Teilung wurde am 1. Oktober 1629 vollzogen und Markgraf Wilhelm von Baden-Baden wollte mit aller Macht den katholischen Glauben wieder einführen. Bereits am 18. Oktober 1629 wurden die Pfarrer der Herrschaft Mahlberg nach Friesenheim befohlen, dort wurde ihnen mitgeteilt, dass sie ihre Pfarrämter und das Land innerhalb von 4 Wochen verlassen müssen.

1647 wurden alle evangelischen Versammlungen bei Strafe verboten.
1650 kam der Befehl, die Kirchhöfe (Friedhöfe) zu teilen in eine evangelische und eine katholische Seite. 1656 wurde befohlen, den lutherischen Kindern Religionsbücher und Religionssachen wegzunehmen. Auch wurde verboten, den "injuirosen" (beleidigenden) Psalm zu singen: "Erhalt uns Herr bei deinem Wort!".

Nach dem Tod Pfarrer Bümlers (17. Juli 1659) bitten die Evangelischen in Kürzell und Schutterzell um einen Pfarrer, worauf sie nach Ottenheim verwiesen werden.
Schließlich gestattet der Markgraf ihnen, bisweilen aus der Nachbarschaft einen Prädikanten kommen zu lassen. Alle weiteren Bitten der beiden Gemeinden werden zunächst auf das Betreiben des Abtes von Schuttern abgelehnt.

1695 verbot der Amtmann des Markgrafen, Olisy, den Evangelischen den Gebrauch der Kirche, was allerdings auf die Dauer nicht durchführbar war. Kürzell wurde in den Jahren 1660-1772 von Ottenheim, Ichenheim oder Kippenheim aus gelegentlich versorgt.

1757 richtet die Gemeinde Kürzell die Bitte an den Landesherrn, den Vikar von Kippenheim, der bisher nur vierteljährlich den Gottesdienst versehen habe, allsonntäglich predigen zu lassen. Nach vorheriger Ablehnung wurde die Bitte 1763 "aus purer und jederzeit widerruflicher landesväterlicher Gnade" genehmigt.

1771 starb der katholische Markgraf August kinderlos, so ging die Herrschaft über an die evangelische Linie der Markgrafen von Baden-Durlach. Durch Markgraf Karl-Friedrich wurden die Verhältnisse in der Herrschaft Mahlberg geordnet und Kürzell mit Schutterzell erhielt wieder einen eigenen evangelischen Pfarrer.

Am 24. Juni 1772 hielt Pfarrer Johannes Friedrich Lapp von Emmendingen, bisher Hof- und Stadtvikar in Karlsruhe, seine Antrittspredigt. Er war bis 1780 Pfarrer in Kürzell.

Bis zur Auflösung des "Simultaneums" im Jahre 1960 wurden die Gottesdienste beider Konfessionen in der heutigen katholischen Kirche (erbaut 1834 im Weinbrennerstil) gefeiert.

Am 4. Juni 1961 erfolgte der ersten Spatenstich für den Bau einer eigenen evangelischen Kirche, die am 8. Juli 1962 eingeweiht wurde.

1999 ist die jahrhundertelange Verbindung von Kürzell und Schutterzell aufgelöst worden. Schutterzell wird nun von der Pfarrstelle in Ichenheim betreut. Kürzell teilt sich seither mit Meißenheim den Pfarrer.


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