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Sehenswertes Schwanau


Schwanau besteht aus den ehemals selbstständigen Gemeinden Allmannsweier, Nonnenweier, Ottenheim und Wittenweier. Zu den ehemaligen Gemeinden Allmannsweier und Wittenweier gehören jeweils nur die gleichnamigen Dörfer. Zur ehemaligen Gemeinde Nonnenweier gehören das Dorf Nonnenweier und die Häuser Elektrizitätswerk. Zur ehemaligen Gemeinde Ottenheim gehören das Dorf Ottenheim und die Häuser An der Rheinbrücke.

 
Die früher selbständigen Gemeinden Ottenheim, Allmannsweier und Nonnenweier haben sich am 1. Juli 1972 im Zuge der Verwaltungsreform in Baden-Württemberg zur neuen Gemeinde Schwanau zusammengeschlossen. Bereits am 1. Dezember 1971 wurde die Gemeinde Wittenweier nach Ottenheim eingemeindet. Als erster Ort wurde Nonnenweier im Jahre 845 urkundlich erwähnt. Dennoch ist Ottenheim der älteste der vier Orte, der Name lässt auf eine alemannische Gründung schließen. Bei Wittenweier fand 1638 eine Schlacht des Dreißigjährigen Krieges statt. Am Rhein stand die Burg Schwanau.

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Diakonissenhaus Nonnenweier


Haury, Walter: Das Evangelische Diakonissenhaus Nonnenweier - (Die Ortenau - Veröffentlichungen des Historischen Vereins für Mittelbaden (58/1978), Seite 606 - 622)
Der Geist des Zeitalters äußerte sich in mancher Bewegung und in manchem kleinen oder großen Vorhaben, zuweilen ganz dem Alten und seiner engen Ordnung verpflichtet, zuweilen voll erweckten Eifers für alles Neue, Große, Weite und dennoch friedlich und gesittet
I. Wenn man von Norden, von den Rieddörfern oder von Lahr und der Autobahn her nach Nonnenweier kommt, ist es nicht zu übersehen. Wohl ein Dutzend kleinerer und größerer Gebäude zwischen Bäumen, Grünflächen und Gemüsebeeten, ein spitzer Dachreiter, alte Mauern und schmiedeeiserne Portale, da und dort noch Dachformen aus dem 18. Jahrhundert, aber auch offensichtlich neu Gebautes: das Evangelische Diakonissenhaus Nonnenweier; das Mutterhaus, wie die Schwestern und Freunde des Werkes sagen; die "Anstalt", wie man im Dorf Nonnenweier auch noch hören kann.

Es wird nicht lange dauern, bis man einer oder mehreren Schwestern begegnet. Vor allem bei schönem Wetter sind die über hundert alten Diakonissen, die im Mutterhaus ihren "Feierabend" erleben, gern unterwegs, im Dorf, dem Rhein oder dem Kaiserwald zu, und vor allem bei den Schwesterngräbern auf dem Friedhof. Ein dunkelblaues, sonntags gar ein schwarzes Kleid tragen sie, lang wie annodazumal, und eine weiße Haube, die in ihrer Form zumal bei den alten Schwestern noch ins letzte Jahrhundert zurückweist.

Natürlich gibt es nicht nur Feierabendschwestern auf gemächlichen Spaziergängen. Wenn man sich ins Mutterhaus hineinbegäbe oder in eines der Feierabendhäuser, in das neu erbaute Gästehaus oder in den Lehrkindergarten der Fachschule für Sozialpädagogik, in eines der Internatsgebäude oder in die Wäscherei, würde man auch jüngeren Schwestern begegnen, die einen weit geschäftigeren Eindruck machen und die heutzutage oft auch ein hellgraues Kleid tragen. Aber auch junge Menschen in Jeans und T-Shirts würde man treffen, die hier zu Erziehern für Kindergärten und andere sozialpädagogische Einrichtungen oder auch in der Hauswirtschaft ausgebildet werden. Eine Einrichtung also,die unübersehbar aus einer inzwischen vergangenen Zeit herkommt, die aber auch ihren Anspruch auf Gegenwärtigkeit und auf künftige Geltung deutlichmacht.

II. Ein Besucher, der sich für das Werk und seine Geschichte interessiert, würde gewiß ins "Mutter-Jolberg-Zimmer" geführt, wie die Schwestern die Gute Stube des Mutterhauses nennen; mit Möbelstücken aus Mutter Jolbergs Zeiten und mancherlei geschmackvoll Nachempfundenen; Regine Jolberg, als junge, hübsche Frau von Stand gemalt, im kleinen Messingoval und auch im großen Holzrahmen, als alte Mutter ihrer Schwesternschaft feierlich photographiert, was ja in jenen Jahren noch ein rechtes Abenteuer gewesen sein dürfte. Mutter Jolberg, Regine Julie Jolberg, am 30. Juni 1800 als Tochter des wohlhabenden jüdischen Kaufmanns David Zimmern geboren und in Heidelberg aufgewachsen, nach der Geburt zweier Töchter aus der Ehe mit Leopold Neustetel früh verwitwet, 1826 mit ihrem zweiten Ehemann Salomon Jolberg zum evangelischen Glauben übergetreten und getauft, bald aufs neue verwitwet, bei allem schwerem Erleben immer von der liebevollen Fürsorge des Vaters und später des älteren Bruders umgeben und vor schlimmer Not bewahrt. Eine junge Frau, die Anteil hat an aller Bildung, die damals einem Mädchen aus bürgerlichem Haus und jüdischem Geschlecht zugänglich war, den mancherlei großen Ideen des Zeitalters durchaus aufgeschlossen, insbesondere schon früh dem Gedanken der Erziehung des Volkes, mit erstaunlich vielen bemerkenswerten Zeitgenossen bekannt und befreundet, ihnen ein Leben lang im regen brieflichen Austausch verbunden. Um Einzelheiten zu erfahren, müßte man die zweibändige Biographie ihres späteren Schwiegersohnes Gottlieb Wilhelm Brandt: "Mutter Jolberg; Gründerin und Vorsteherin des Mutterhauses für Kinderpflege zu Nonnenweier, ihr Leben und Wirken", studieren, die auch allen späteren Biographen als Quelle und Vorlage diente.

Der Geist des Zeitalters äußerte sich in mancher Bewegung und in manchem kleinen oder großen Vorhaben, zuweilen ganz dem Alten und seiner engen Ordnung verpflichtet, zuweilen voll erweckten Eifers für alles Neue, Große, Weite und dennoch friedlich und gesittet, zuweilen aber auch recht ungebärdig und unversöhnlich gegen alles Hergebrachte und ganz auf Umsturz aus und 1848 zur beinahe gelungenen Revolution fähig. Regine Jolberg hielt nichts von Revolutionären und ihrem Aufruhr. Sie suchte aber auch nie die Gunst der Mächtigen und Hochgeborenen. Sie wollte keine neue Ordnung für die menschliche Gesellschaft. Sie ließ sich aber auch nicht täuschen im Blick auf den Eigennutz und die Unbarmherzigkeit der Reichen und Besitzenden. Sie setzte sich ein Leben lang mit Eifer für die Rechte derer ein, die auf Hilfe angewiesen waren und Fürsorge nötig hatten, und konnte dabei auch recht unerbittlich sein. Sie kannte die Menschen und ihre Art. So ließ sie sich bis ins hohe Alter zwar immer wieder leicht begeistern, aber kaum je betören oder verführen. Sie war von einer kühnen Sorglosigkeit, zugleich aber von aufmerksamer Treue für die ihr Anbefohlenen, und alles, was sie tat, das tat sie in dem Namen des Herrn Jesu, auf seine Weisung hin und zu seiner Ehre, im Verein mit seinen Freunden und zur Erbauung seiner Kirche, unter seinem Schutz und mit seiner Vollmacht, als seine Dienerin.

III. Einer ihrer Freunde, Ernst Fink, war in Leutesheim bei Kehl Pfarrer geworden. Er machte sich viele Gedanken über die Kinder in seiner Gemeinde, um die sich in den damaligen Verhältnissen niemand recht kümmerte, und die oft genug ohne jede zielgerichtete Erziehung aufwuchsen. Seine Frau war durch den Pfarrhaushalt und die Sorge um eigene kleine Kinder nicht in der Lage, die vereinzelten Ansätze zur Förderung und Betreuung der Dorfkinder weiterzuführen. So fragte Pfarrer Fink bei Frau Jolberg, von der er wußte, daß sie für sich und ihre halbwüchsigen Töchter Mathilde und Emma eine lohnende Aufgabe suchte, an, ob sie nach Leutesheim kommen wollte, um dort mit den Dorfkindern pädagogisch zu arbeiten. Sie ließ sich bald von dieser Idee begeistern, löste ihren Hausstand in Bad Cannstatt, wo sie damals lebte, auf und reiste mit der Kutsche in Begleitung ihrer Töchter und einer Pflegetochter am 28. Juli 1840 nach Leutesheim. Zunächst im Pfarrhaus, dann in einem kleinen Häuschen, das für sie gemietet und hergerichtet wurde, nahm sie die Arbeit auf, indem sie die Kinder von der Straße weg um sich versammelte, ihnen Geschichten erzählte und Lieder vorsang, ihnen das Stricken und andere Handarbeiten beibrachte und sie auf mancherlei Schönes und Wissenswertes zwischen Himmel und Erde aufmerksam machte. Nach anfänglichem Mißtrauen ließen die Eltern ihre Kinder gern zu ihr kommen, und bald war das Häuschen zu klein geworden. Nach reiflicher Überlegung, anhaltendem Gebet und mancher Beratung mit guten Freunden entschloß sie sich, bei einem gläubigen Mann aus Ichenheim ein größeres Darlehen aufzunehmen, um ein Anwesen zu kaufen und auszubauen, das ihren Vorstellungen gerecht wurde. Der Entschluß fiel ihr nicht leicht; denn in dieser Zeit verließ Pfarrer Fink die Gemeinde, um die Leitung der Heil- und Pflegeanstalt Illenau zu übernehmen. Auch gab es Schwierigkeiten .mit der Schulaufsichtsbehörde, die nicht recht wußte, wie sie die Arbeit der Frau Jolberg einordnen und beurteilen sollte. Nach dem Einzug ins neue Anwesen bildeten sich allmählich eine feste Ordnung im Tageslauf und die Methodik der später so weit verbreiteten Kinderpflegearbeit aus. 1844 kam es zu der Idee, die in Leutesheim begonnene Arbeit übers ganze Land auszuweiten, damit auch in anderen Dörfern die Kinder im Namen Jesu versammelt, betreut und unterwiesen werden könnten. Bei der Verbreitung und Verwirklichung dieser Idee spielten das christliche Volksblatt "Das Reich Gottes" und sein Herausgeber Karl Mann, damals Pfarrer in Hochstetten, eine entscheidende Rolle. Frau Jolberg nahm noch im gleichen Jahr sechs Mädchen aus verschiedenen badischen Gemeinden in ihr Haus auf, um sie in ihre Arbeitsweise einzuführen und ihnen das nötige Wissen zu vermitteln. Nach gut einjährigem Aufenthalt wurden sie in die Gemeinden entsandt, die zur Einrichtung einer "Kinderpflege" bereit waren. Als erste verließ 1845 Luise Frick das Haus, um in Durlach die Arbeit aufzunehmen. Die nächsten Kinderpflegen wurden in Mühlhausen, in Reihen, in Bretten, in Dundenheim und in Friedrichstal errichtet.

Aus dem häuslichen Zusammenleben von Frau Jolberg, ihren Töchtern, ihrer Pflegetochter und den künftigen "Kinderpflegerinnen" entwickelte sich bald eine geistliche Gemeinschaft mit einer selbstentworfenen Regel, aus der dann im Laufe der Jahre und Jahrzehnte die festgefügte Nonnenweierer Schwesternschaft hervorging. Als man einmal einen Ballen Tuch geschenkt bekam, wurden gleichartige Schürzen für alle Mädchen daraus geschneidert, woraus sich dann die spätere gemeinsame Tracht entwickelte.

Nach wenigen Jahren des stetigen Fortgangs des jungen Werkes kam es zu einer bedrohlichen Krise. Der revolutionäre Geist, der damals allenthalben im Lande Unruhe und Auffuhr hervorrief, fand auch in Leutesheim Eingang und gebärdete sich recht unfreundlich gegen Frau Jolberg und ihr vom Geist der Erweckungsbewegung getragenes Werk. Als die Revolution zunächst die Überhand gewonnen hatte, wies man Frau Jolberg mit ihren Mädchen aus der Gemeinde. Die Gruppe fiel aber nicht auseinander, sondern floh gemeinsam nach Langenwinkel bei Lahr, wo sich die Wirtin des Gasthauses zum "Pflug", Frau Steinhauser, schon früher erboten hatte, Frau Jolberg und ihr Werk bei sich aufzunehmen, wenn es einmal nötig sein sollte. Unter beengten und ungünstigen räumlichen Verhältnissen konnte die Ausbildungsarbeit ohne merklichen Rückgang weitergeführt werden, und überall im Lande entstanden in jenen Jahren die ersten Kindergärten. Auf die Dauer konnte man aber keinesfalls im "Pflug" zu Langenwinkel bleiben. Da gelang es Karl Daniel Justus Rein, Pfarrer im nahe gelegenen Nonnenweier, der von Anfang an zu den Freunden und Wegbereitern des Werkes gehört hatte und seit der Flucht nach Langenwinkel Frau Jolberg in der Leitung beriet und im Unterricht der Mädchen mitwirkte, den großherzoglichen Bezirksförster Freiherr Emil von Böcklin in Offenburg zur Vermietung seines Schlößchens in Nonnenweier zu bewegen. 1851 zog Frau Jolberg mit ihrer Gemeinschaft nach Nonnenweier um, womit dann nach einer elfjährigen Vorgeschichte die eigentliche Geschichte des Evangelischen Diakonissenhauses Nonnenweier begann. (Wie und wann das Schlößchen in den Besitz des Herrn von Böcklin gekommen war, ist noch nicht ganz geklärt. Um 1750 war es als Sommersitz der Freiherren von Rathsamhausen erbaut worden, einem elsässischen Geschlecht, das in Nonnenweier alte Rechte besaß). Im Jahre 1877 konnte das Anwesen dann sogar käuflich erworben werden, wozu eigens eine gemeinnützige Aktiengesellschaft gegründet werden mußte, die im Jahre 1900 in den eingetragenen Verein Evangelisches Diakonissenhaus Nonnenweier e. V. überging. Zu Lebzeiten Frau Jolbergs scheint das Werk rechtlich gesehen von ihr persönlich betrieben worden zu sein, wobei sie allerdings ganz und gar auf das Wohlwollen und die Spendenbereitschaft der erwecklichen Gemeinschaftskreise und auch immer wieder auf die Unterstützung ihrer Familie angewiesen war. Die Abrechnung der Spendeneinnahmen und der nötigen Ausgaben wurde halbjährlich in dem schon erwähnten Blatt "Das Reich Gottes" veröffentlicht. Eine große und gelegentlich lebenserhaltende Rolle spielten Naturalgaben der Bauern von nah und fern. Dabei tat sich besonders der Müller Dörrfuß aus Ettlingen hervor, der alle Jahre nach der Ernte mit einem großen Wagen durchs Land fuhr, um die Getreidespenden fürs Mutterhaus einzusammeln, die er dann auf seine Kosten mahlte und nach Nonnenweier schaffte. Solch tatkräftiger und treuer Freunde gab es viele, und wenn zunächst im Herbst und später dann im Sommer das Jahresfest gefeiert wurde, kamen sie zu Hunderten im Mutterhaus zusammen, um sich alljährlich vom Fortgang des Werkes zu überzeugen und sich daran zu erbauen. Neben den in der Erweckungsbewegung stehenden Pfarrern waren es ja vorwiegend einfache Landleute, die das Werk trugen, wie auch die meisten Kindergärten, die von Nonnenweier aus besetzt wurden, auf dem Lande lagen. Manche kamen im Pferdefuhrwerk aus dem Pfinzgau oder aus der Hardt zum Fest und fuhren anschließend weiter nach Basel zum Missionsfest und nach Beuggen zum Jahresfest der dort gegründeten "Rettungsanstalt". Von Jahr zu Jahr waren es auch mehr Schwestern, die da von weither zusammenströmten. Wo es möglich war, brachten die Schwestern auch ihre Kinder mit, und diese nahmen im großen Kreis der Festgemeinde auf ihre Weise mit Liedern und biblischen Worten am Gotteslob teil. Das muß zu jener Zeit ein ganz starkes Erlebnis für erwachsene Leute gewesen sein, daß kleine Kinder klar und deutlich vor einer großen Menschenmenge ein im Wort der Heiligen Schrift gegründetes Bekenntnis zu ihrem Heiland und zum guten Hirten ablegten! Es soll weitgereiste und lebenserfahrene Männer gegeben haben, denen dabei vor Ergriffenheit die Tränen kamen. Vieles von dem, was heute an schulischer und kirchlicher Bildungsarbeit selbstverständlich ist, gab es ja damals entweder noch gar nicht, oder es war Kindern aus dem einfachen Volk nicht zugänglich.

Stundenlang dauerten diese Festversammlungen, die, weil es keinen Raum gab, der groß genug für alle Gäste gewesen wäre, im "Wäldele", dem alten Park beim Schlößchen stattfanden. (Erst nach 1907, als die heutige große Nonnenweierer Kirche gebaut worden war, konnte man bei schlechtem Wetter dorthin ausweichen.) Eine noch ganz ungebrochene Freude am Wort der Verkündigung ist aus den alten Berichten zu spüren, und jeder, der auftrat, um vor der Festgemeinde zu reden, tat es offenbar in dem Eifer, die geistliche Kraft des Wortes Gottes zu erweisen. Manchmal war es ein Dutzend solcher erwecklicher und erbaulicher Reden, die, vom lebhaften Gesang alter und neuer Glaubenslieder unterbrochen, einander folgten.

Beim Bericht über das Geschehen seit dem letzten Fest wurde von Jahr zu Jahr deutlicher, wie schnell und wie weit sich das Werk aus seinen bescheidenen Anfängen ausbreitete. Die in großer Zahl eintretenden Mädchen kamen inzwischen von weither: aus der (damals noch Bayrischen) Pfalz, aus Rheinhessen, aus dem Odenwald, aus Oberhessen, aus dem Preußischen Rheinland, vor allem aus dem Bergischen, auch aus der Schweiz, vorab aus dem Kanton Schaffhausen. (Im Württembergischen hatte eine Schülerin und junge Mitarbeiterin von Frau Jolberg, Wilhelmine Ganz, auf ihre Anregung hin in Großheppach ein eigenes Mutterhaus für Kinderpflege gegründet.) Und überall dahin, wo diese Mädchen herkamen, wurden auch wieder ausgebildete Kinderschwestern gesandt, alle voller Liebe zum Herrn Jesus Christus und voller Eifer, ihm in der Arbeit an den Kindern zu dienen. Es muß wirklich eine große Freude gewesen sein, an einem solchen Werk Anteil zu nehmen!

Mutter Jolberg, die ja bereits 51 Jahre alt war, als man nach Nonnenweier umzog, stand dem Werk mit bewundernswerter Energie und festem Willen vor. Oft war sie tage- und wochenlang unterwegs mit der Eisenbahn oder Postkutsche, um die Schwestern auf ihren "Stationen" zu besuchen und um dort nach demRechtenzu sehen, besonders, ob die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Schwestern in Ordnung waren. Es war ja neu und ungewohnt, daß alleinstehende Frauen einen gelernten Beruf ausübten, daß sie ein öffentliches Amt innehatten wie ein Pfarrer oder Lehrer, und auch, daß es in der evangelischen Kirche ordensähnliche Gemeinschaften gab, deren Glieder sich zum vorbehaltlosen Dienst in einem solchen Werk zur Verfügung hielten. Da gab es manches Mißverständnis und auch manche Fehlentwicklung, der Mutter Jolberg wehren mußte. Vor allem gab es Gemeinden, die nach anfänglichem Eifer nachlässig geworden waren in der Sorge für das Kindergartengebäude und seine Einrichtung und im Unterhalt der Schwestern, die kein Verständnis aufbrachten für die pädagogischen Zielsetzungen der Arbeit, sondern nur an der sicheren Verwahrung von möglichst vielen Kindern interessiert waren, die einer einzelnen jungen Schwester die Verantwortung für über hundert Kinder aufbürden wollten, darunter solche, die kaum laufen konnten. Mutter Jolberg wollte eigentlich nicht, daß eine Schwester mehr als 30 Kinder zu betreuen hätte, und verlangte, daß ihr mindestens eine Gehilfin oder eine zweite Schwester zugesellt würde, wenn es mehr als 50 Kinder waren. Aber sie konnte nicht überall durchsetzen, daß Versprechungen und Vereinbarungen eingehalten wurden, und je größer das Werk wurde, und je rascher wegen der zurückgehenden Kindersterblichkeit die Bevölkerung wuchs, desto weniger gelang es ihr und ihren Nachfolgerinnen, die ursprünglichen Vorstellungen durchzusetzen. Und was kann schon von pädagogischen Absichten übrig bleiben, wenn einer Schwester unter dem Druck der Verhältnisse die Sorge und Verantwortung für hundert und mehr Kinder übergeben wurde, die sie im Sommer oft über zehn Stunden lang in einem einzigen Raum zu hüten hatte!

1848 schon hatte Mutter Jolberg ein Liederbuch für die Arbeit in den Kindergärten herausgegeben, das neben manchem alten Choral und neuen Glaubenslied auch von ihr selbst geschaffene Texte und Melodien enthielt. Das Büchlein wurde noch bis in unser Jahrhundert hinein mit manchen Erweiterungen immer wieder neu aufgelegt. Weite Verbreitung fanden auch die zunächst von ihrer Tochter Emma, später auch von anderen Verfassern geschriebenen "Nonnenweierer Kinderschriften", die im Gemeinschaftsverlag mit Ernst Kaufmann in Lahr herausgegeben und bis zum zweiten Weltkrieg immer wieder neu gedruckt wurden. (Während des Dritten Reiches wurden einmal die beim Kaufmann-Verlag lagernden Bestände beschlagnahmt und vernichtet!) Die wenige Seiten zählenden Heftchen waren kaum handtellergroß und gelangten auf oft wundersamen Wegen in alle fünf Erdteile.

In ihrer Ausbildungstätigkeit vertrat Mutter Jolberg eine dem kindlichen Wesen und seiner Entwicklung angemessene Pädagogik, was damals durchaus nicht selbstverständlich war. Im Unterschied zu manchen anderen Einrichtungen sollte es in den Nonnenweierer Kinderpflegen heiter und spielerisch zugehen. Bei aller Zucht in der Gemeinschaft sollte das einzelne Kind in seiner unverwechselbaren Eigenart anerkannt und gefördert werden. Gewiß hat sie von ihrem berühmteren Zeitgenossen Fröbel gewußt; wie weit sie sich mit ihm ernsthaft auseinandergesetzt hat, ist noch nicht geklärt. Jedenfalls hat sie seine Anregungen, wenn überhaupt, sehr selbständig verarbeitet. In den letzten Jahrzehnten ihres Lebens dürfte ihr auch kaum Zeit zum Lesen und Studieren geblieben sein, obwohl sie bis zuletzt eine erstaunlich umfangreiche und vielfältige Korrespondenz unterhielt. Den von Fröbel eingeführten Ausdruck "Kindergarten" verwendete sie nicht. Das von ihr entwickelte Berufsbild nannte sie "Kinderpflegerin", und die Einrichtungen, wo diese Kinderpflegerinnen tätig waren, wurden "Kinderpflege" genannt. Sie hielt das für eine bessere Bezeichnung als das damals auch schon übliche "Kinderbewahranstalt". Gelegentlich war auch von "Kleinkinderlehrerinnen" die Rede, und in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts bürgerte sich für die Nonnenweierer Einrichtungen der Ausdruck "Kinderschule" ein.

Mutter Jolbergs Einstellung zu den damals nach dem Vorbild von Kaiserswerth (unter Theodor Fliedner) und Neuendettelsau (unter Wilhelm Lohe) überall entstehenden Diakonissenhäusern ist nicht ganz klar. Sie unterhielt mit vielen dieser Häuser, vor allem mit St. Loup in der Französischen Schweiz und mit Straßburg freundschaftliche Beziehungen und besuchte Fliedner in Kaiserswerth. Der 1861 gegründeten Kaiserswerther Generalkonferenz aller inzwischen entstandenen Diakonissenhäuser schloß sich Nonnenweier aber vorerst nicht an. Bis 1917 waren die Nonnenweierer Kinderschwestern keine Diakonissen nach dem damaligen Verständnis. Sie empfingen auf ihren Stationen ein, wenn auch bescheidenes Gehalt für ihren Lebensunterhalt und hatten keinen Versorgungsanspruch gegen das Mutterhaus. Es wurde den Schwestern auch nichts in den Weg gelegt, wenn sie nach einigen Jahren des treuen Dienstes ihren Beruf aufgaben, um zu heiraten und um damit ihre Versorgung sicherzustellen. In manchen Fällen hat das Mutterhaus bei der Vermittlung einer solchen Heirat sogar mitgewirkt, etwa wenn es um die Versorgung eines Witwers mit kleinen Kindern oder um die Ehewünsche eines Missionars in fernen Landen ging. Der Zusammenhalt der Schwestern untereinander und mit dem Mutterhaus war mehr geistlicher als rechtlicher Art und führte erst allmählich zu einer lebenslänglichen dienstlichen Unterstellung unter die Mutterhausleitung. Was die Organisation der Leitung anging, so ließ sich Mutter Jolberg zwar ein Leben lang gern von tüchtigen Männern in ihrem Freundeskreis, besonders bis zu dessen Tod 1865 von Pfarrer Rein in Nonnenweier, beraten, dachte aber nie ernsthaft daran, ihr Werk einem Geistlichen als Vorsteher zu übertragen, wie Fliedner und Lohe das aus grundsätzlichen theologischen Erwägungen heraus als für die kirchliche Mutterhausdiakonie unabdingbar gefordert hatten. Die Pfarrer der Gemeinde Nonnenweier waren als Ortspfarrer auch für das Mutterhaus und seine Bewohner zuständig. Erst 1925 wurde ein hauptamtlicher Pfarrer für das Mutterhaus berufen.

Gegen Ende ihres Lebens wurde es Mutter Jolberg immer deutlicher, daß das Mutterhaus sich auch um die Pflege und Versorgung krank und hinfällig gewordener Schwestern kümmern müsse. Zum 25. Jahresfest des Werkes, dem letzten, das sie erleben durfte, erhielt sie als Ergebnis einer großen Sammlung unter den Freunden des Werkes den für die damaligen Verhältnisse stattlichen Betrag von 4128 Gulden, der als Grundstock für einen Invalidenfond gedacht war. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sichdaraus eine der wichtigsten und schwierigsten Aufgaben des Mutterhauses, die den Bau mehrerer werkseigener Altenheime und die Zurückstellung eines beträchtlichen Vermögens erforderlich machte. Aber das erlebte Mutter Jolberg nicht mehr. Sie starb, vom rastlosen Einsatz für ihr Werk und ihre Schwestern erschöpft, aber noch bis in ihre letzten Tage hinein verantwortlich tätig, am 5. März 1870. Bei ihrem Tode gab es weit über 300 "Kinderpflegen", die von Nonnenweier aus besetzt worden waren.

Als ihre Nachfolgerin hatte Mutter Jolberg noch selbst Schwester Karoline Im Thurn, aus einem alten Schweizer Patriziergeschlecht stammend, ausersehen und vorbereitet. Ihre Aufgabe bestand in der Sicherung des Erreichten, vor allem auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Unter ihrer Leitung wurden zunächst in Heidelberg, später in Lahr und in Wilchingen (Kanton Schaffhausen) Heime für alt gewordene Schwestern eingerichtet und die nötigen Versorgungsregelungen geschaffen. Auch wurde zu ihrer Zeit die Stelle eines Inspektors eingerichtet, der für die regelmäßigen Besuche der vom Mutterhaus besetzten Stationen zuständig war, weil dies nun von der Vorsteherin nicht mehr bewältigt werden konnte. Ansonsten nahm das Werk in diesen Jahrzehnten einen stetigen Fortgang. Im Mutterhaus erinnert heute noch eine kleine in der Eingangshalle ausgestellte Sammlung von schönen 'Steinen an Schwester Karoline und ihre 42jährige Amtszeit. Sie starb 1912 und wurde bei Mutter Jolberg auf dem Nonnenweierer Friedhof beerdigt. In ihrem Todesjahr zählte das Werk 572 Schwestern und 379 von Nonnenweier aus besetzte Einrichtungen.

IV. Zur Nachfolgerin wurde im gleichen Jahr die damals im staatlichen Schuldienst an der Höheren Mädchenschule in Karlsruhe tätige Lehrerin Ida Höflin berufen, die 1874 in Bruchsal geboren war. 35 Jahre lang, bis 1947, war sie Oberin und starb am 28. August 1950. Während ihrer Amtszeit kam es zu tiefgreifenden Veränderungen im Werk.

1917 trat das Mutterhaus dem Kaiserswerther Verband Deutscher Diakonissenhäuser bei und unterstellte sich seiner Ordnung. Dadurch wurde die Verantwortung der Mutterhausleitung für das Leben und den Dienst der Schwestern auch in rechtlicher Hinsicht viel verbindlicher geregelt, was für die schweren Jahrzehnte, die bevorstanden, oft eine Last, manchmal aber auch ein großer Segen war. Schwester Ida hatte den Willen und die Kraft, eine unter ihrer Leitung noch einmal stark wachsende Schwesternschaft in der neuen Ordnung zu führen und zu prägen. Die älteren heute noch lebenden Nonnenweierer Schwestern sind unverkennbar durch die Wirkungen ihrer starken Persönlichkeit beeinflußt.

Die Kriegs- und Nachkriegszeit brachte neue Aufgaben für die kirchliche Diakonie mit sich, denen sich das bislang ganz auf die Arbeit in der Kleinkinderpflege eingestellte Mutterhaus nicht entziehen konnte und wollte. Nach vereinzelten Anfängen entschloß man sich 1920 mit der Übernahme des Stadtkrankenhauses Worms, Nonnenweierer Diakonissen auch zu Krankenschwestern auszubilden. Andere Schwestern wurden, teils nach gründlicher Ausbildung, teils aber auch nur nach einer notdürftigen Zurüstung als Pflegerinnen in Säuglings-, Kinder-und Altenheimen, in der Fürsorgeerziehung gefährdeter Mädchen, in Haus-haltungs- und Handarbeitsschulen eingesetzt. Es traten in jenen Jahren sehr viele junge Schwestern ein, 50 und mehr im Jahr! Viele der damals Hinzugekommenen leben als die heutigen Feierabendschwestern noch unter uns. 1936 erreichte die Schwesternschaft mit 966 Diakonissen ihre höchste Zahl.

Der starke Zugang junger Schwestern und der gleichzeitige Eintritt vieler, inzwischen alt gewordener Schwestern in den Ruhestand machte eine intensive Bautätigkeit erforderlich. 1925/26 wurde das alte Schlößchen zu einem neuen Mutterhaus mit angemessenen Verwaltungs-, Ausbildungs- und Wohnräumen umgebaut. 1927/28 folgte der gründliche Umbau des Ausbildungskindergartens, 1928/29 mußte ein Pfarrhaus für den Mutterhausvorsteher gebaut werden. Von 1930 bis 1932 wurden ein großes und damals sehr neuzeitliches Feierabendhaus (mit fließendem Wasser in jedem Zimmer!) und die Mutterhauskapelle, 1935/36 das "Ferienhaus" für die Durchführung von Fortbildungskursen und für die Aufnahme von Schwestern während der Ferien sowie ein Wirtschafts -haus mit Waschküche, Bäckerei und Stallungen gebaut. Diese vielen Baumaßnahmen innerhalb eines einzigen Jahrzehnts haben das äußere Bild der "Anstalt", wie es auf alten Stichen noch betrachtet werden kann, völlig verändert und bis heute geprägt.

Bautätigkeit und die ständige Ausweitung des Werkes in neue Arbeitsgebiete hinein machten eine Verstärkung und bessere Organisation der Verwaltung und auch einen "Mann im Hause" notwendig.

Die Pfarrer von Nonnenweier, von 1907 bis 1911 war es der spätere Leiter der Korker Anstalten, Wilhelm Ziegler, und danach bis 1925 der spätere Kirchenrat Alfred Barner, konnten bei aller Tatkraft dem Werk nicht die nötige Aufmerksamkeit schenken. 1923 trat der seit 1920 als Vikar bei Pfarrer Barner tätige Friedrich Bastian in den Dienst des Mutterhauses, ab 1925 als erster "Vorsteher". 1928 folgte ihm Pfarrer Julius Bender, der das Werk leitete, bis er nach dem zweiten Weltkrieg zum Landesbischof berufen wurde. 1936 wurde es sogar nötig, eine zweite Pfarrstelle im Mutterhaus zu schaffen, in die Gerhard Hager berufen wurde, der bis 1959 im Mutterhaus blieb.

Die Zeit des Nationalsozialismus brachte neue Probleme mit sich. Nach der "Gleichschaltung" aller möglichen politischen, kulturellen, pädagogischen und sozialen Institutionen ging man Anfang der vierziger Jahre auch daran, die Kindergärten "zu übernehmen". In aller Eile wurden von der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) mehr oder weniger dafür geeignete und ausgebildete Mädchen und Frauen rekrutiert, und die Nonnenweierer Schwestern mußten oft innerhalb weniger Tage ihre Arbeit aufgeben. Natürlich versuchte man immer wieder, bewährte und beliebte Schwestern zum Übertritt in die NSV zu bewegen, damit sie ihre Arbeit im neuen Geist fortführen könnten. Aber von den vielen hundert damals tätigen Kinderschwestern waren es insgesamt nur drei, die solcher Verlockung nachgaben. Pfarrer Bender und Schwester Ida Höflin hatten früher und deutlicher als andere erkannt, daß zwischen dem Geist des Evangeliums und dem der nationalsozialistischen Bewegung keine Kompromisse möglich waren, und leiteten die Schwestern zur Wachsamkeit, zum mutigen Bekenntnis des biblischen Glaubens und zur Treue gegenüber ihrer Kirche an. In vielen Gemeinden konnten die Schwestern trotz der Vertreibung aus der Kindergartenarbeit ihre Wohnung im Kindergartengebäude behalten oder sonstwie am Ort bleiben. Sie waren dann als Gemeindehelferinnen im seelsorgerlichen Besuchsdienst, im Kindergottesdienst und in Kinderbibelstunden, auch im Religionsunterricht der unteren Schulklassen, in Mädchen- und Frauenkreisen und auf manch andere Weise tätig und gerade da, wo der Gemeindepfarrer während des Krieges eingezogen war, oft genug unentbehrlich. Andere aus ihrer Arbeit vertriebene Kinderschwestern wurden im Stadtkrankenhaus Worms zu Krankenschwestern umgeschult, woran in jenen Jahren ein besonders großer Bedarf war, so daß es unter den älteren Nonnenweierer Schwestern nicht wenige mit zwei Berufsausbildungen gibt. Eintritte waren in jenen Jahren begreiflicherweise kaum zu verzeichnen; die wenigen noch in der Ausbildung stehenden jungen Schwestern wurden 1937 unter Leitung der damaligen Probemeisterin in die Ausbildungsstätte des Diakonissenhauses Bethlehem geschickt, das damals um den Fortbestand seines schon früher staatlich anerkannten Kindergärtnerinnenseminars bangen mußte und über die Zugänge aus Nonnenweier sehr froh war.

Im übrigen brachte der Krieg manche Widrigkeiten mit sich. Bei Kriegsausbruch und bei Kriegsende mußten die Schwestern wegen der Nähe der Front evakuiert werden; es gelang aber, sie in größeren geschlossenen Gruppen bei benachbarten und befreundeten Werken in Königsfeld, Schwäbisch Hall und Neuendettelsau unterzubringen. An den Gebäuden in Nonnenweier gab es zwar manchen erheblichen Schaden, aber keine wirkliche Zerstörung, und die einige Male drohende Beschlagnahmung des ganzen' Mutterhauses für militärische Zwecke konnte immer wieder verhindert werden. Die allfälligen Einquartierungen und auch die Einrichtung eines Lazaretts in einzelnen Gebäuden nahm man bereitwillig hin. Anfänglich waren auch die beiden Pfarrer an der Front, und Pfarrer Bender kam bis zum Kriegsende immer wieder nur zu gelegentlichem Urlaub ins Mutterhaus, während Pfarrer Hager nach einer Verwundung ab 1941 wieder zur Verfügung stand. Im großen und ganzen überstanden die Schwestern und die allermeisten Einrichtungen des Werkes den Krieg nahezu unversehrt, so daß man in großer Dankbarkeit und mit neuem Eifer daran gehen konnte, das Werk fortzusetzen.

Nach dem Krieg und dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Herrschaft, in den ja so manche staatliche, kommunale und kirchliche Ordnung hineingerissen wurde, galt es zunächst, die in den Monaten der Wirrnis verstreute und teilweise verschollene Schwesternschaft neu zu sammeln, den Stand des Werkes und seine Einrichtungen zu sichten und in einer unübersehbaren Zahl von Fällen den Dienst neu zu regeln. Nicht alle der einige Jahre zuvor an die NSV abgetretenen Kindergärten konnten und sollten wieder besetzt werden; nicht jede Schwester konnte und sollte wieder dahin zurückkehren, wo sie bislang gewirkt hatte. Nicht in jedem Falle konnte und sollte der alte Zustand einfach wieder hergestellt werden.

Um zu vermeiden, daß das Schwesternheim in Wilchingen als deutsches Auslandsvermögen beschlagnahmt wurde, mußten sich die Nonnenweierer Schwestern in der Schweiz rechtlich vom Mutterhaus lösen und gründeten einen eigenen Verband. Verbindung über die Grenze hinweg war in den allerersten Nachkriegsjahren kaum möglich. Danach aber lebten die alten Beziehungen wieder auf, und ihr "Mutterhaus" haben die Schweizer Schwestern auch heute noch in Nonnenweier.

Nach dem Zusammentritt der neugewählten Landessynode wurde Pfarrer Bender zum Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Baden gewählt, was für das Werk und die inzwischen 71jährige Schwester Ida Höflin nicht nur ein Anlaß zum freudigen Stolz, sondern auch eine schwere Belastung war. In August Kehrberger, über den Krieg hinweg Pfarrer in Gutach, konnte aber bald ein neuer, dem Werk seit langem befreundeter Vorsteher gefunden werden. Als er sich eingearbeitet hatte, durfte 1948 auch Schwester Ida ihr Amt an die aus Oberhessen stammende, 1894 geborene stellvertretende Oberin Johanna Stephan übergeben, und es begann eine neue Phase in der Geschichte des Werkes.

V. Gegen Ende des Krieges und in den Jahren danach gab es noch einmal viele Eintritte in die Diakonissenschaft: Mädchen, die wegen der Ungunst der Zeiten vorher nicht eintreten konnten oder wollten, obwohl sie seit Jahren dazu berufen gewesen waren; aber auch lebens- und berufserfahrene Frauen, die aus schwerem Kriegs- und Nachkriegs-schicksal heraus nach einem neuen Sinn und nach einer neuen Ordnung für ihr Leben suchten. Bald aber wurde von Jahr zu Jahr deutlicher, wie groß der geistliche Schaden nach der Diktatur der Leidenschaften im Lande wirklich war. Die Menschen waren jetzt vor allem darauf bedacht, sich abzusichern. Und da die dienst- und versorgungsrechtlichen Ordnungen der Mutterhausdiakonie, überhaupt die Verheißungen eines geistlichen Lebens in vorbehaltloser und ungeteilter Dienstbereitschaft für Menschen unserer Zeit vergleichsweise abenteuerlich klingen, ging die Zahl der Mädchen, die ihre Berufung in den Stand der Diakonisse hörten und ernst nahmen, bald erschreckend zurück. 1950 gab es noch 15 Eintritte, 1955 vier, 1960 fünf, 1965 einen und seit 1968 keinen einzigen mehr.

Wer sollte da noch ausgebildet und ausgesandt werden? Als die sich anbahnende Krise der Diakonissenschaft erkannt wurde, ging man daran, die auf den Stationen entstehenden Lücken durch gegen Entgelt beim Mutterhaus angestellte Kindergärtnerinnen und Kinderpflegerinnen zu schließen. Und um solche zu gewinnen, wandelte man die inzwischen über hundertjährige Schwesternausbildungsstätte ab 1952 in eine staatlich anerkannte Berufsfachschule für Kinderpflegerinnen und in ein staatlich anerkanntes Kindergärtnerinnenseminar (heute: Fachschule für Sozialpädagogik) um. (Die Krankenpflegeausbildung im Stadtkrankenhaus Worms und ab 1953 im Krankenhaus Siloah in Pforzheim war von Anfang an staatlich anerkannt und für jedermann offen. 1967 mußte sich das Mutterhaus aus diesem Krankenhaus zurückziehen und auch die Krankenpflegeausbildung aufgeben.) Trotzdem war es immer wieder und immer häufiger unvermeidlich, Stationen aufzugeben; denn ein attraktiver Modeberuf war die Arbeit an Kindern damals auch bei geregelter Bezahlung und gesetzlicher Sozialversicherung nicht. Soziale Berufe galten bis über die Mitte der 60er Jahre hinaus weithin als minderwertig, zumal die Arbeitsverhältnisse in der Tat sehr oft ungünstig und belastend waren und die Bezahlung den Leistungen keineswegs entsprach. Erst als sich die Human- und Sozialwissenschaften im öffentlichen Bewußtsein zu ernstzunehmenden oder gar maßgeblichen Instanzen entwickelt hatten, und erst als die gesellschaftspolitische Bedeutung der Sozialpädagogik beachtet wurde, kam es zu einer Aufwertung der in den Kindertagesstätten und Kinderheimen nötigen Arbeit, die, wie das so zu gehen pflegt, leider auch oft mit undankbaren und gehässigen Urteilen über diejenigen einherging, die solche Arbeit bislang getan hatten. Die Trägerschaft der Kindertagesstätten ging von den gemeinnützigen Vereinen mehr und mehr auf kirchliche und kommunale Körperschaften des öffentlichen Rechts über, die zu ihrer Finanzierung auf Steuermittel zurückgreifen konnten. Damit war es in vielen Gemeinden erst möglich geworden, die notwendigen Um-und Neubauten vorzunehmen. Der Staat regulierte die Ausbildung der Fachkräfte, den Bau, die Ausstattung und den Betrieb der Einrichtungen und ließ sich zuletzt auch auf gesetzliche Verpflichtungen zur Gewährung von Zuschüssen ein.

Die allmähliche Übernahme der Kindertagesstätten und anderer sozialpädagogischer Handlungsfelder in öffentliche Verantwortung führte mit der Zeit auch zu einer inneren Entfremdung der dort geschehenden Arbeit vom Mutterhaus und seiner geistlichen Tradition. Noch waren und sind einige Dutzend Diakonissen in derartigen Einrichtungen tätig; aber sie bilden immer deutlicher eine verschwindende Minderheit unter Tausenden meist junger Fachkräfte, die ihre Arbeit nicht mehr in erster Linie als lebenserfüllenden Dienst im Namen Jesu ansehen, sondern als eine gesellschaftlich wünschenswerte und von wissenschaftlichen Erkenntnissen normierte Berufstätigkeit, die sie oft neben familiären Verbindlichkeiten ausüben und meist schon nach wenigen Jahren aufgeben. Das führte 1974 schließlich zu dem konsequenten Entschluß, die Anstellungsträgerschaft für damals noch 120 Kindergärtnerinnen und Kinderpflegerinnen aufzugeben und den Kindergartenträgern die Anstellung ihrer Mitarbeiter zu überlassen.

Am 1. Mai 1978 zählte das Werk noch 399 Schwestern. Davon arbeiten 36 im sozialpädagogischen Bereich (einschließlich Ausbildung), 22 in der Kranken- und Altenpflege, 55 im Mutterhaus und in den Feierabendhäusern. Die übrigen 286 Schwestern sind invalidisiert oder leben im Ruhestand, 119 davon in Nonnenweier selbst, wo 1968 noch einmal ein Feierabendhaus mit neuzeitlich eingerichteter Pflegeabteilung fertiggestellt wurde.

Als 1969 Schwester Christa Eisele das Amt der Oberin und 1971 Walter Haury das Amt des Vorstehers übernahmen, war der Frage nicht mehr auszuweichen, ob damit womöglich die letzte Phase der Geschichte dieses Werkes angebrochen war. Von einer Wende zu einem neuen Anfang kann auch heute noch nicht gesprochen werden. Wohl aber lassen sich deutliche Zeichen dafür bemerken, daß die heranwachsende Generation wieder eher bereit ist, auf eine Berufung in eine verbindliche Lebens- und Dienstgemeinschaft zu achten. Um solcher Zeichen willen soll die Aus- und Fortbildungsarbeit des Mutterhauses weitergeführt werden, solange es die geistlichen Kräfte und die wirtschaftlichen Möglichkeiten erlauben. Um solcher Zeichen willen wurde 1976/77 auch mitten im Mutterhausgelände das "Gästehaus", ein Tagungsgebäude für 23 Gäste, errichtet. Hier sollen die Schwestern und die in der "Sozialpädagogischen Vereinigung" zusammengeschlossenen ehemaligen Schüler zu Rüstzeiten und Fortbildungskursen einkehren. Hier sollen Arbeitsgruppen aus Diakonie und Kirche ihre Tagungen halten, und hier sollen alte und junge Glieder der Gemeinde Jesu Christi in der Gastfreundschaft der Schwestern verweilen dürfen.



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Pfarrhaus Wittenweier


Wingenroth (1906) schreibt über Kirche und Pfarrhaus Wittenweier: Die Nachrichten über das älteste Pfarrhaus in Wittenweier sind äußerst spärlich. Es ist anzunehmen, daß es vor 250 Jahren weiter westlich, vermutlich am heutigen Elz- oder Rheinlauf, gestanden hat

DIE KUNSTDENKMÄLER DES KREISES OFFENBURG - BEARBEITET VON MAX WINGENROTH 1908
AMT LAHR - WITTENWEIER - 145

Schreibweisen: iuxta Renum villa Wittenwilr 1270; Wittenwilre 1411; Wietlen-wilr 1414; Wyttenweiler 1426 etc.

Archivalien der Gemeinde und (evang.) Pfarrei:
Mittheil, der histor. Komm. Nr. 15(1893) S. 103. Ortsgeschichte: W[ittenweier]

gehörte zur Herrschaft Geroldseck (Lahr-Mahlberg), kam aber Ortsgeschichte schon im 14. Jh. durch Heirath an die Grafen von Werdenberg-Trochtelfingen, dann durchverschiedene Käufe an Strassburger Familien.

Anfang des 19. Jhs. war es zu 7/12 in dem Besitz der von Berkheim, zu 1/4 der von Frankenstein und zu 1/6 der von Böcklin. Patronat und Zehnt hatte das Spital zu Strassburg von den von Hohenstein erkauft. Am 9. August 1638 siegte Bernhard von Weimar hier über die Kaiserlichen unter Götzund Savelli.

Ein Kupferstich (von ?) stellt dies Ereigniss dar; darauf sehen wir auch den kleinen Ort mit seiner offenbar gothischen Kirche. Diese (erwähnt 1419 ein Johans Kirche Nuweneck Kirchherre, 1464 ein rector ecclesie), dem h. Dionysius geweiht, oder ein späterer Neubau, wurde am Ende des 18. Jhs. von den Fluthen des Rheines weggeschwemmt.

Die heutige ist ein schlichter Bau von 1806. Von den Glocken stammt Glocken die eine von Matthaeus Edel 1727. Das Pfarrhaus ist ein einfacher Bau von 1765 mit der stolzen Inschrift:

haec domus parocchialis sub quaestura Stoeserich et pastoratu Wiedemanni ab architectis Freisingero et Hasio structa est MDCCLXV

Schlager, Wilhelm: (Der Altvater - Beilage der Lahrer Zeitung für Heimat- und Kulturgeschichte, 49. Jahrgang, Nummer 5, 27. April 1991, Seite 20)

Die Nachrichten über das älteste Pfarrhaus in Wittenweier sind äußerst spärlich. Es ist anzunehmen, daß es vor 250 Jahren weiter westlich, vermutlich am heutigen Elz- oder Rheinlauf, gestanden hat. Etwa um die Mitte des 18. Jahrhunderts rnußte es bedingt durch eine Änderung des Rheinlaufs, neben anderen Häusern in der Gemeinde, abgebrochen und 1765 an der heutigen Stelle neu aufgebaut werden.

In einem Bericht des Oberamts Mahlberg vom 28. August 1777 ist über diese Vorgänge folgendes zu lesen: "Wittenweyer, ein etwa anderthalb Stund von hier am Rhein gelegener Ort, hat an .diesem schon seit vielen Jahren her, einen äußerst schädlichen Feind gehabt. Er nimmt indem er weit oberhalb dem Dorf noch im Kappler Bann, sich um einen sogenannten Kopf rechts herum schwenkt, seinen Lauf mit starkem Fall, schnurgerade auf solches Loos und es mußten schon viele Bauern-Häuser nebst dem Pfarr Haus abgebrochen werden und ans andere End des Dorfes zurückgesetzt werden, so daß wo das vorige Pfarr Haus gestanden, nunmehr der Haupt Strom oder Thal Werk des Rheins seinen Lauf hat."

Das heutige, im Jahre 1765 erbaute Pfarrhaus wurde längere Zeit wegen seines großzügigen Baustils verschiedentlich als ein Umbau eines ehemaligen Schlößchens angesehen.

Das Pfarrhaus ist eines der ältesten Gebäude in Wittenweier: Fast 200 Jahre wurde in der Folgezeit das Gebäude von den jeweiligen Pfarrern der Gemeinde bewohnt. Nach dem Auszug des letzten Gemeindepfarrers von Wittenweier wurde das Obergeschoß des Gebäudes vermietet.

Thorsten Mühl - Baden Online - 08. März 2018

Nur durch das große Engagement des Fördervereins kann das 253 Jahre alte Pfarrhaus in Wittenweier in Schuss gehalten werden. ©Thorsten Mühl

Der Förderverein Pfarrhaus Wittenweier hat 2017 wieder einige Zeit, Mühe und Aufwand in Erhalt und Sanierung des 253 Jahre zählenden Gebäudes gesteckt. Das wurde in der Hauptversammlung am Mittwoch deutlich.

Größte bauliche Maßnahme war die Sanierung der 35 Fenster des Pfarrhauses. Vorsitzender Gerhard Albrecht lobte nicht nur die Qualität der Arbeiten (unter anderem Sanierung der Fenstergewänder, Verfugungen und Fensterbänke), sondern auch die überaus fairen Angebote, die die Firmen vorlegten. "Man war uns gegenüber äußerst kulant", lobte er.

Doch auch die Förderer selbst waren rührig, die umfassende Sanierung konnte unter anderem durch Zuschüsse seitens der Gemeinde Schwanau und der Regionalstiftung der Sparkasse Offenburg/Ortenau unterstützt werden. Das Akquirieren dieser Unterstützung, die vor allem auch die Landeskirche entlastete, entsprach voll und ganz dem Vereinszweck.

Auf Spenden angewiesen

Ohne dass dies allzu deutlich ausgesprochen wurde, spielten auch die guten Kontakte Albrechts eine Rolle. Der Vorsitzende legte bei gewissen Detailarbeiten der Fenstersanierungen auch selbst tatkräftig mit Hand an. Er sprach allen Spendern Dank aus. Ohne die Unterstützung wäre es nicht machbar, die altehrwürdigen Mauern zu erhalten.

Trotz der massiven Unterstützung musste Rechnerin Ruth Albrecht ein Minus im Kassenergebnis ausweisen. Die Rücklagen sind merklich zusammengeschmolzen, was aus Sicht eines Fördervereins weniger kritisch zu sehen ist als im Vergleich zum "herkömmlichen" Verein.

Gerhard Albrecht kündigte an, dass die Verantwortlichen immer wieder Argusaugen besitzen müssten, um den Gebäudezustand und dessen Entwicklung genau zu verfolgen. "Es gibt stets etwas zu tun, zu richten oder auszubessern."

In einem kurzen Ausblick benannte der Vorsitzende die nächsten Arbeitsfelder. Zum einen beschäftigt eine feuchte Wand im östlichen Bereich des südlichen Gebäudeteils Förderverein und Kirchengemeinde schon längere Zeit. Hier soll der Putz vorsichtig abgeschlagen werden, um der Feuchtigkeit auf den Grund zu gehen.

Außerdem durchziehen millimeterbreite Risse das Gebäude, die sorgsam zugespritzt werden beziehungsweise geprüft werden soll, ob die Risse sich bis ins Mauerwerk ziehen. Außerdem ist bei besserem Wetter ein Fassadenanstrich vorgesehen, mit kleinen Mitteln sollen ebenfalls einige Türen einen frischen Anstrich erhalten.

Neben Dank sprach Gemeindepfarrerin Christine Egenlauf mit dem Liegenschaftsprojekt der Landeskirche ein wichtiges Thema an. Im Projekt werden alle Gebäude der Kirchengemeinden in einer aufwändigen Bestandsaufnahme erfasst. Danach wird anhand von Kriterien darüber befunden, ob und welche Zuschüsse für Gebäude künftig gezahlt werden können.

Egenlauf merkte realistisch an, dass eine kleine Gemeinde wie Wittenweier ein Gebäude wie das Pfarrhaus nicht unterhalten könne. Wichtig sei daher, den verantwortlichen Stellen zu zeigen, welch wichtige Rolle das Gebäude im Ort spiele.

Lobend wurde die Schlüsselrolle des Fördervereins über die Jahre genannt. Ohne dessen Engagement wäre es kaum möglich gewesen, zur Rettung und Sanierung des Gebäudes bereits einen höheren sechsstelligen Gesamtbetrag zu akquirieren und einzusetzen, waren sich die Anwesenden einig.



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Die Ottenheimer Michaelskirche


Nachdem das Bauwerk 1949 als evangelische Michaelskirche wieder geweiht werden konnte, präsentiert sie sich heute erneut als eine Chorturmkirche mit Langhaus, Chorturm, linkem und rechtem AnbauWie vielerorts in der Ortenau, steht auch an der evangelischen Kirche ein katholisches Pfarrhaus (vergl. Fiesenheim). Diese Tatsache erklärt sich aus dem oft geübten Simultaneum in der Ortenau.

"Die Kirche wurde nach der Reformation überwiegend als Simultaneum genutzt, das erst 1945 nach der Zerstörung endgültig aufgelöst wurde. Danach übernahm die evangelische Kirche die Ruine und baute sie in der heutigen Form wieder auf. Die katholische Kirchengemeinde errichtete zunächst eine Notkirche und baute 1966 die Kirche zum Altarsakrament nur wenige Meter von der evangelischen entfernt." (Ernst Matthis in Baden Online am 04.10.2013)

Simultankirche, auch Simultaneum oder paritätische Kirche, bezeichnet einen von mehreren christlichen Konfessionen in konfessioneller Parität gemeinsam genutzten Sakralbau. Simultaneum nennt man das Recht, nach welchem in demselben Staat der evangelische und katholische Glaube freie Ausübung hat.

Ehemals machte man in Deutschland einen Unterschied zwischen notwendigem und willkürlichem Simultaneum (lat. simultaneum necessarium et voluntarium). Das erstere hieß das Recht, nach welchem die katholische und protestantische Konfession in den Ländern des Reiches nach der Art und Weise, wie beide im Jahr 1624 (dem Normaljahr) nebeneinander bestanden hatten, auch weiterhin gesetzmäßig nebeneinander bestehen sollten und der Gottesdienst gehalten werden dürfte.

Das ehemalige katholische Pfarrhaus Ottenheim arrowRight

Das willkürliche Simultaneum bestand hingegen darin, dass ein Regent in seinem Lande die Konfession, zu der er sich bekannte, einführte, während die entgegengesetzte herrschend war. Dieses Simultaneum konnte allerdings nur da eingeführt werden, wo ein Land verpfändet und wieder eingelöst war, auch durfte nie die herrschende Religionspartei in ihren Rechten der Religionsfreiheit beeinträchtigt werden. (wikipedia)

Frenk, Martin: Die Ottenheimer Michaelskirche - Ein Streifzug durch die wechselvolle Geschichte des ältesten Bauwerkes der Gemeinde(Geroldsecker Land, Heft 42 - 2000) Seite 84 - 111

Wer heute auf die Ottenheimer evangelische Michaelskirche zugeht oder sich in ihr zu einem stillen Gebet zurückzieht, der ahnt nicht, welch wechselvolle Geschichte sich inner- und außerhalb dieses Mauerwerkes in den zurückliegenden annähernd sieben Jahrhunderten zugetragen hat. Denn dieses markante Gebäude, das für das Ottenheimer Ortsbild prägend ist, hat als das älteste Bauwerk der Gemeinde Schwanau eine mehr als bewegte Vergangenheit hinter sich. Auch wenn es nicht immer gelang, in das Dunkel der Vergangenheit vorzudringen, alte Urkunden aufzustöbern und die geschichtlichen Unterlagen zu einer geschlossenen Chronik zu vereinen, so steht gleichwohl fest, daß dieses Gotteshaus mit seinem hohen Turm im Laufe der Jahrhunderte viele gefährliche Situationen zu überstehen hatte. Zahlreich waren die Kriege, die Händeleien und Streitereien, aber auch politische Wirren und Prozesse, die keineswegs spurlos an dem Gotteshaus vorübergegangen sind. Aber dennoch trotzte sie bis kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges allen Gefahren. Als jedoch am 12. Februar 1945 der 54 Meter hohe, nadelspitze Turmhelm der damaligen Simultankirche durch alliierte Granaten in Brand geschossen wurde und vier Stunden später als "hellodernde Fackel" brennend in das Kirchenschiff stürzte, war damit nicht nur eine Kirche mit wertvollen barocken Fresken, sondern auch eines der markantesten Wahrzeichen im Ried zerstört.

Nachdem das Bauwerk 1949 als evangelische Michaelskirche wieder geweiht werden konnte, präsentiert sie sich heute erneut als eine Chorturmkirche mit Langhaus, Chorturm, linkem und rechtem Anbau. Schon eine oberflächliche Betrachtung der in Ost-West-Richtung erbauten Kirche läßt die Hauptbauperioden erkennen. Danach entstammt der Turm der Gotik, während das Langhaus und die beiden Anbauten schon dem Zeitalter des Barock zuzurechnen sind. Der heutige Bau besteht aus einem Saalschiff mit Satteldach und dem sich östlich anschließenden Chorturm mit einem gedrungenen Pyramidendach. Die Turmspitze besteht aus einem Ellipsoid mit Kreuz und Hahn. Während in den Turm an der Ost- und Südseite je ein gotisches Maßwerkfenster eingebaut ist, wird das Langhaus an der Nord-und Südseite durch jeweils vier lange, schmale, rundbogige Fenster gut erhellt. An der westlichen Stirnseite befinden sich in der oberen Hälfte der Mauer vier ovale geneigte Fenster in verschiedenen Größen. Hier ist auch der Eingang mit einem zweiflügligen Barockportal unter dem rotem Sandsteinrundbogen mit der eingemeißelten Jahreszahl 1771 im Schlußstein. Rechts des Türrahmens in Brusthöhe, aber noch außerhalb vor dem Portal befindet sich ein in die Mauer eingearbeitetes Weihwasserbehältnis. Links nach dem Eingangsportal ist der Aufgang zur Empore, in die die Orgel integriert ist. Der Innenraum des rechteckigen Langhauses ist weiß verputzt und wird von einer Holzbalkendecke überspannt. Die hölzerne Empore wird von zwei Rundbögen getragen, die auf vier Sandsteinpfosten ruhen. Nach dem Kirchengestühl führt links vor dem Taufbecken eine Tür ins Freie. Das kelchförmige Taufbecken und die Kanzel - beide aus rotem Sandstein ohne Zierate und Zeichen - stehen auf einer um zwei Treppenstufen erhöhten Fläche. Rechts von der viereckig und einfach gearbeiteten Kanzel führt eine Tür in den als Sakristei genutzten Anbau. Über eine weitere Treppenstufe und durch einen großen einfachen rundbogigen "Triumphbogen" gelangt man in den massiven quadratischen Turmchor. Dort steht der um eine weitere Stufe erhöhte Altar, der ebenfalls aus rotem Sandstein in der Form eines antiken Sandsteinkastens gehauen ist. Der Chor wird durch ein hohes spätgotisches Netzgewölbe überspannt, dessen vier tragende Sandsteinrippen jeweils in einer Chorecke ansetzen. Sie verlaufen paarweise und kreuzen sich im Schlußstein, der mit einer stilisierten Blume verziert ist. Während auf der rechten, der südlichen Seite das ehemalige Sakramentshäuschen die Erinnerung an das Simultaneum wachhält, gelangt man auf der gegenüberliegenden Seite in die frühere katholische Sakristei. Hier ist heute der Aufgang in den Turm. Auch hier wird die Decke von zwei Kreuzrippengewölben getragen.
Ein kurzer geschichtlicher Rückblick

Da die Christianisierung bei uns hauptsächlich aus dem Elsaß erfolgte, zählt Ottenheim mit zu den frühesten Christengemeinden. Die Gründung der Pfarrei Ottenheim dürfte im 6. bis 8. Jahrhundert liegen. Zumindest wurden Allmannsweier, Nonnenweier und Meißenheim von Ottenheim aus pastoriert. Zu jenem Zeitpunkt stand die Ottenheimer Dorfkirche im heutigen nordwestlichen Dorfteil "Auf dem Leh" im Bereich der Lehen und Frankenstraße, wo sich damals wahrscheinlich die Dorfmitte befunden hat. Die Ersterwähnung dieser "Alten Ottenheimer Kirche" finden wir 1136 im päpstlichen Schutzbrief für das Kloster Schuttern. Dort, wo erstmals der vollständige Klosterbesitz verzeichnet ist, wird unter anderem auch "Otenheim cum ecclesia" genannt.

Allerdings gab es in Ottenheim zwei Pfarrkirchen mit zwei Pfarreien und zwei Pfarrherren, über deren Gründung man nichts weiß. Wahrscheinlich war es so, daß die Größe des Kirchspiels die Trennung und die Stiftung einer zweiten Pfarrei erforderte. Die erste Erwähnung der zweiten Kirche findet sich im Jahre 1326, als im Zusammenhang mit Feldstreitigkeiten von einem Acker "bi der nuwen Kirchen" die Rede ist. Diese Kirche ist die heutige evangelische Michaelskirche. Es wird vermutet, daß ihr Turm um 1070 als Wehr- oder Wachturm benutzt wurde, als Luitfried, der letzte Gaugraf der Mortenau, in Ottenheim eine Volksversammlung abgehalten hat. So darf sich Ottenheim rühmen, mit dieser Kirche sicherlich eines der ältesten Gotteshäuser der Region zu besitzen.

Das einstige Pfarrhaus soll sich zu einem markanten Punkt entwickeln, das innerhalb der in den kommenden Jahren neu entstehenden Ortsmitte seinen festen Platz haben sollDie "neue" Kirche wurde zunächst von den Allmannsweierer Christen als Gotteshaus benutzt, da der Ort als "Filiale" in das Kirchspiel Ottenheim "eingepfarrt" war. Ottenheim wurde 1506 und auch in den folgenden Jahren von schweren Rheinhochwassern heimgesucht, die zahlreiche Gebäude, darunter auch die Kirche auf dem Lehen, hinweggeschwemmt haben. "... ecclesiam ex vi fluminius Rheni demoliri ...", so zumindest ist es in einer Urkunde nachzulesen. Deswegen übertrug Bischof Wilhelm von Straßburg im Jahre 1509 das Ottenheimer Pfarrecht von der "alten" auf die "neue" Ottenheimer Kirche. Bereits ein Jahr zuvor, am 1. August 1508, hatte er die Allmannsweirer Filiale mit Zustimmung des Markgrafen Christoph von Baden, Graf Jacob von Moers-Saarwerden und des Abtes Johann von Schuttern zur eigenständigen Pfarrei erhoben und das Pfarrecht von der neuen Ottenheimer Kirche nach Allmannsweier transferiert. Nach diesem Rechtsakt hatte Ottenheim nur noch eine Pfarrkirche und eine Pfarrei. Zumindest ist ab diesem Zeitpunkt in den vorhandenen schriftlichen Überlieferungen nur noch von einer Pfarrei die Rede, deren Patronat dem Kloster Schuttern zustand. Das bedeutet, daß die Äbte von Schuttern nicht nur die Pfarrer stellen, sondern sie auch besolden mußten.

Bereits in der frühchristlichen Zeit wurden die Kirchen nach einem Märtyrer benannt, später auch ihm geweiht, wenn sie über dessen Grabstätte errichtet worden waren oder Reliquien von ihm besaßen. Das Patrozinium bedeutet nichts anderes als die Schutzherrschaft eines Engels oder Heiligen (Patron) über die ihm geweihte Kirche. 1692 wird erstmals mit "St. Johannes Bapt." ein Kirchenpatron genannt, unter dessen Schutzherrschaft die Ottenheimer Kirche gestellt war. Daß die Kirche gerade Johannes dem Täufer geweiht war, hat eventuell seine Ursache darin, daß ihm, bedingt durch den Bericht von der Taufe im Jordan, das Patronat über das Wasser, besonders jedoch über Flüsse zustand und damit auch über die Kirchen an denselben. 1699 ist dann "St. Dionys" als Patron der Pfarrkirche von Ottenheim erwähnt. Weshalb die Kirche innerhalb dieser kurzen Zeitspanne unter die Schutzherrschaft von verschiedenen Heiligen gestellt wurde, ist bislang unbekannt. Später im 18. Jahrhundert wird "St. Gallus" als Kirchenpatron genannt. Dieser blieb dann auch bis zur 1945 erfolgten Zerstörung der Kirche ihr Schutzpatron. Nachdem das Gotteshaus 1949 wieder aufgebaut war, wurde es als "Michaelskirche" geweiht. Sie erhielt den Namen dieses Streiters Christi, weil die Einweihung in die Michaeliszeit fiel und die Gemeinde auf Grund ihrer Berufung und Geschichte allezeit an Wehr und Waffen des Glaubens erinnert sein soll.
Cuius regio eius religio

"Wessen das Land, dessen die Religion", so müssen die Religionsverhältnisse in den Zeiten von Reformation und Gegenreformation in der einstigen Herrschaft Lahr-Mahlberg beschrieben werden, unter denen viele Generationen auch in Ottenheim zu leiden hatten. Allein innerhalb eines knappen Jahrhunderts pendelte man gleich mehrmals zwischen den Konfessionen hin und her. Hinzu kam, daß Baden selbst geteilt wurde und daß es zahlreiche Kondominate gab. Ein solches Kondominat war beispielsweise die Herrschaft Lahr-Mahlberg, in der die Grafen von Nassau-Saarbrücken und der Markgraf von Baden gemeinsam regierten.

Unter der Regentschaft von Markgraf Bernhard III., der der lutherischen Lehre positiv gegenüberstand, wurde in Baden bereits ab 1533 die Reformation eingeführt. Sein Sohn Philibert, der die Markgrafschaft Baden-Baden bis 1569 regierte, konnte danach das Luthertum fast ganz durchsetzen. Sehr früh erfolgte deshalb auch in Ottenheim die Reformation. Während Jodocus Seymiller 1544 als letzter katholischer Pfarrer genannt ist, ist mit Johann Schertner im Jahre 1548 bereits der erste lutherische Pfarrer seelsorgerisch im Ort tätig. Nach dem Tod von Philibert wurde 1569 dessen Sohn als Philipp II. Markgraf. Da dieser erst zwei Jahre später, im Jahre 1571 volljährig wurde, trat er erst zu diesem Zeitpunkt die Herrschaft in der Markgrafschaft an. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten seine Vertreter die katholische Glaubenslehre wieder durchgesetzt. Philipp II. führte dieses Werk dann auch bis zu seinem Tod im fahre 1588 konsequent fort. Mit ihm erlosch die baden-badische Hauptlinie und die Herrschaft ging auf die Söhne der Linie Baden-Rodemachern und hier zunächst auf Eduard Fortunatus über. Dessen Regierungsunfähigkeit trug wesentlich mit dazu bei, daß 1594 der evangelische Markgraf Ernst-Friedrich von Baden-Durlach das baden-badische Gebiet als Sequester besetzte. Er war es auch, der den katholischen Religionszwang wieder aufhob. Nachdem Ernst Friedrich im Jahre 1604 verstarb, erlangte dessen Bruder Georg Friedrich die Herrschaft in Baden-Baden. Durch verschiedene Regelungen verstand er es, daß seine Untertanen in der Markgrafschaft Baden-Baden überzeugte Anhänger der lutherischen Lehre wurden. Nach der Schlacht bei Wimpfen, die für Markgraf Georg-Friedrich unglücklich endete, kehrte Markgraf Wilhelm, der Sohn von Eduard Fortunat, 1622 in sein Land zurück und trat im Schutz der kaiserlichen Armee die Herrschaft an. Sofort bemühte er sich in der Gegenreformation, den katholischen Glauben auch in der Herrschaft Lahr-Mahlberg wieder einzuführen.

Da die Herrschaft Lahr-Mahlberg, wie bereits ausgeführt, gemeinschaftlich von den protestantischen Grafen von Nassau-Saarbrücken und dem strenggläubigen katholischen Markgrafen Wilhelm von Baden regiert wurde, mußte in jeder Angelegenheit eine gegenseitige Übereinstimmung getroffen werden. So gerieten die regierenden Herren vor allem in den religiösen Belangen in einen scharfen Gegensatz zueinander. Markgraf Wilhelm betrieb deshalb die Teilung der Herrschaft in eine nassauisch-protestantische und eine baden-badisch-katholische Hälfte. Nach längeren Verhandlungen stimmten die evangelischen Grafen von Nassau diesem Ansinnen zu, so daß am 1. Oktober 1629 die Teilung mit kaiserlicher Einwilligung und Anordnung durchgesetzt werden konnte. Durch Losentscheid fielen neben Ottenheim auch Dundenheim, Friesenheim, Heiligenzell, Ichenheim, Kippenheim, Kippenheimweiler, Kürzell, Mahlberg, Oberschopfheim, Oberweier, Schutterzell, Sulz mit dem Langenhard und Wagenstadt in den baden-badischen, den katholischen Teil der Herrschaft.

Daß sich die Evangelischen von der geteilten Herrschaft nichts Gutes versprachen, zeigen die Bittschriften, die die bis dahin fast rein evangelische Gemeinde Ottenheim mit den anderen betroffenen Gemeinden an die markgräfliche Regierung entsandten, um die freie Religionsausübung auch in der Zukunft gewährleistet zu bekommen. Aber Markgraf Wilhelm begann sogleich mit der planmäßigen Rekatholisierung. Hierzu erhielten die Beamten der Herrschaft Mahlberg eine neue Polizeiverordnung mit detaillierten Angaben, wie die katholische Religion wieder eingeführt werden sollte. Dies obwohl nach dem Recht des Westfälischen Friedens unter Zugrundelegung des Stichjahres 1624 beiden christlichen Religionen das Recht der öffentlichen Religionsausübung zustand. So wurden die protestantischen Pfarrer ausgewiesen, die Pfarrkirchen gesperrt, die protestantischen Kinder in die katholischen Schulen geschickt und durch harte Maßnahmen die Protestanten stark zurückgedrängt.

Mit dem Eingreifen Schwedens und Frankreichs in den Dreißigjährigen Krieg setzten etwa ab 1627 Truppendurchmärsche in der Ortenau ein. Ende 1632 mußten die kaiserlichen Truppen den von Norden heranrückenden Schweden weichen. Dadurch kam es in Baden erneut zu einer völligen Umgestaltung der politischen Machtverhältnisse. Denn die Schweden machten die Teilung von 1629 wieder rückgängig und übergaben den badischen Teil an den evangelischen Markgrafen Friedrich von Baden. Ottenheim, das zu jener Zeit keinen evangelischen Geistlichen hatte, wurde durch den Meißenheimer Pfarrer Johann-Georg Schilher mitversehen. An den Schultheiß von Ottenheim erging der Befehl:

"... das er alle Schlüssel zue der Kirchen und Pfarrhaus zue sich nehme, keinen Pfaffen mehr hinein lassen, sondern als Kirchen Ornath und Geräth in guetter Verwahrung halten solle ..."

Nachdem Markgraf Wilhelm 1645 wieder in den Besitz seines Landes kam, galt sein ganzes Bestreben, erneut die katholische Konfession einzuführen, und er legte die Bekehrung der Protestanten in die Hand der Jesuiten. Teilweise wurde dabei den Protestanten, wenn sie es ablehnten "ihrem Mutwillen zu entsagen und sich zu Akkommodieren" ein Wohnrecht in der Markgrafschaft Baden-Baden nicht mehr zugestanden. Sie wurden zum Teil mit Frist von drei Tagen aus dem Land gewiesen.

Einen schweren Stand hatten die Protestanten auch dort, wo sie verbriefte Rechte hatten. In der Herrschaft Mahlberg, in der nach dem Recht des Westfälischen Friedens unter Zugrundelegung des Stichjahres 1624 beiden christlichen Religionen das Recht der öffentlichen Religionsausübung zustand, hatte Markgraf Wilhelm von Baden-Baden die protestantische Konfession verfolgt. Er hatte die protestantischen Pfarrer ausgewiesen, die Pfarrkirchen gesperrt, die protestantischen Kinder in die katholischen Schulen geschickt und durch harte Maßnahmen den Protestantismus stark zurückgedrängt.

Auch in Ottenheim sollten sich die Einwohner rekatholisieren lassen. Dies obwohl nach einem Bericht vom 19. März 1651 "... nicht mehr alß ein eint-zig Catholisch Weib" im Dorf wohnte. Aber nachdem Pfarrer Schilher aus Meißenheim, der den Pfarrdienst in Ottenheim mitversehen hatte, im Dezember 1655 an einem Schlaganfall verstarb, setzte der Markgraf wohl auf Drängen der Evangelischen in Ottenheim 1656 mit Johannes Müller doch einen evangelischen Pfarrer ein. Auch fünf Jahre später, nachdem er 1661 der Versetzung von Pfarrer Müller nach Kippenheim zugestimmt hatte, bekamen die Ottenheimer noch im selben Jahr mit Pfarrer Matthäus Gilg erneut einen evangelischen Ortsgeistlichen bewilligt. Nachdem Pfarrer Gilg 1674 verstorben war, wurde Johannes Wachtier dessen Nachfolger, der allerdings noch Kürzell und Schutterzell mitzuversehen hatte.

Nachdem Markgraf Wilhelm von Baden-Baden am 22. Mai 1677 gestorben war, war auch unter seinen Nachfolgern das verbriefte Recht zur Religionsausübung nicht sichergestellt. Da sein Nachfolger Ludwig Wilhelm I. (Türkenlouis) seit 1674 im kaiserlichen Heer diente, lag die Regierung vorerst in den Händen der markgräflichen Witwe Maria Franziska. Sie setzte 1678 Franz Ernst Olisy als markgräflichen Obervogt in der Herrschaft Mahlberg ein. Olisy war mit einer fast unumschränkten Macht ausgestattet, die er auch wie ein Despot gegenüber den Evangelischen in der Herrschaft Mahlberg ausnutzte. Vor allem verstand er es, durch seine Unlauterkeit und mit List die Katholiken wieder gegen die Evangelischen aufzuhetzen.

Obwohl die Zahl der katholischen Einwohner in Ottenheim seit 1660 von "... nuhr drey Catholischen Haußhaltungen" in den kommenden 24 Jahren auf lediglich 6 Familien (gegenüber 70 evangelischen Familien) angestiegen war, gelang es Olisy am 31. Oktober 1684 für die seelsorgerischen Aufgaben dieser sechs Familien einen Kapuziner von Mahlberg einzusetzen und diesen aus Gemeindemitteln von jährlich 50 fl. zu besolden. Bereits zwei Jahre später, am 22. Juni 1686, setzte er mit Philipp Jakob Hauger einen katholischen Pfarrer im Dorf ein. Nach dem Amtsprotokoll mußte die Gemeinde Ottenheim den größten Teil des Jahresgehalts des Pfarrers übernehmen und wurde darüber hinaus noch gezwungen, ihm ein Haus zu bauen. 1687 ließ Olisy den evangelischen Schullehrer entfernen und durch einen katholischen ersetzen. Dem evangelischen Pfarrer, der selbst den Unterricht für die evangelischen Kinder übernehmen wollte, wurde dies vom Oberamt Mahlberg bei Androhung einer empfindlichen Strafe verboten. Die Evangelischen wurden unter harter Bedrohung gezwungen, ihre Kinder in die katholische Schule zu schicken, wo ihnen Pfarrer Hauger die Bücher wegnahm. Schließlich besetzte Olisy 1693 nach dem Tod des evangelischen Pfarrers Johann Wolfgang Schenck diese Pfarrstelle nicht mehr und übertrug deren Einkünfte an den katholischen Ortsgeistlichen. Wiederum war es der Meißenheimer Pfarrer, welcher sich den Ottenheimer Glaubensgenossen annahm.

Nach dem Tod von Pfarrer Schenck gebot Olisy bei 10 Reichsthalern Strafe, daß kein Kind mehr von einem evangelischen sondern nur noch vom katholischen Pfarrer getauft werden dürfe. Aber nicht nur im kirchlichen, sondern auch in allen anderen dörflichen Bereichen ging Olisy besonders streng und rigoros vor. So durfte in Ottenheim niemand "Schultheiß", "Richter", "Wirt" oder "Bannwarth" werden, es sei denn er gehörte der katholischen Glaubensgemeinschaft an. Selbst für den Hebammenberuf wurden nur katholische Frauen zugelassen. Alle evangelischen Gemeindeglieder, die solch einen Beruf ausübten, wurden nach und nach ihres Amtes enthoben. Mit allen nur erdenklichen Möglichkeiten seiner amtlichen Gewalt und einer überaus großen Strenge versuchte Olisy, die evangelischen Bürger Ottenheims dazu zu bringen, daß sie ihren Glauben aufgaben. So mußte beispielsweise ein evangelischer Bürger seine Ehefrau ohne kirchliche Feier beerdigen, da der Pfarrer von Allmannsweier nicht zu Hause war und es dem Witwer bei Strafe verboten war, einen anderen Geistlichen zu rufen. Wehrte sich jemand gegen die zum Teil schikanösen Anordnungen, so wurden gegen ihn schwere Turm- oder Herrschaftsstrafen ausgesprochen.

Am 27. Januar 1721 stirbt Franz Ernst Olisy im Alter von 68 Jahren. Wer jedoch gehofft hatte, sein Amtsnachfolger, der herrschaftliche Oberamtmann Dyhlin, würde in den kirchlichen Belangen mehr Verständnis gegenüber den Evangelischen aufbringen, der wurde schwer enttäuscht. Denn auch Dyhlin ging gegen die evangelischen Gläubigen überaus rigoros und zum Teil äußerst brutal vor. 1722, ein Jahr nach seinem Dienstantritt, formulierte der neue markgräfliche Obervogt seine Meinung hinsichtlich der evangelischen Untertanen in der Herrschaft Mahlberg einmal so:

"... es erhalte bei ihm kein Evangelischer sein Recht, item man werde nicht nachlassen zu rechtigen, bis man den einen wie den anderen von denen Evangelischen nehme, umb Haab und Guth bringe, von Land und Leuthen verjage, und den Galgen auf den Buckel brenne ..."

Zahlreich waren die Vorgänge, in denen auch der neue Oberamtmann versuchte, die Evangelischen von ihrem Glauben abzubringen. Repressalien, Drohungen und auch Verurteilungen zu drastischen Strafen mehrten sich, so daß die Unruhe und der Widerstand innerhalb der evangelischen Gemeinden gegen die Obrigkeit in der Herrschaft Mahlberg mehr und mehr wuchs. Die Klagen nicht nur der Ottenheimer sondern auch aus anderen Gemeinden häuften sich in einem Ausmaß, daß sich sogar die evangelischen Reichsstände in Regensburg mit diesen Dingen beschäftigen mußten. Dadurch, aber auch durch wiederholte kaiserliche Mahnungen wurde die markgräfliche Regierung veranlaßt, bezüglich der kirchlichen Verhältnisse mehr Rücksicht walten zu lassen, so daß die religiösen Verhältnisse für die Menschen erträglicher wurden.

Nach dem Tod von Markgraf Ludwig Wilhelm I. lag die Regierung der Markgrafschaft in Baden-Baden für zwei Jahrzehnte bei einer vormundschaftlichen Regierung (Markgräfin Sybilla-Augusta, Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz und Herzog Leopold von Lothringen). Bis Markgraf Ludwig Georg 1727 die Regierungsgeschäfte selbst antreten konnte, kam es zu harten Unterdrückungen der in der Herrschaft Mahlberg wohnenden Protestanten. Erst bei Markgraf Ludwig Georg fanden die evangelischen Einwohner Ottenheims ein größeres Entgegenkommen. So wurde ihnen per Regierungserlaß vom 6. April 1729 gestattet, den von ihnen bestellten Pfarrer und Lehrer aus ihren Gemeindeeinkünften zu besolden. Auf Grund einer weiteren eingereichten Bittschrift gestattete der Markgraf im Jahre 1747 den Ottenheimer evangelischen Gläubigen:

"... alle drei Monate den Pfarrer des ritterschaftlichen Ortes Meissenheim, zur Austheilung des Abendmahles in ihre Kirche auf ihre Kosten zu rufen". Dennoch dauerte es fast 20 Jahre, bis die Ottenheimer evangelische Kirchengemeinde 1765 mit Johann Karl Deimling wieder einen eigenen Pfarrer erhielt, so daß das 1747 verliehene Recht zur Mitbenutzung der Kirche auch tatsächlich ausgeübt werden konnte.
Die Schwierigkeiten, bis es zur Erweiterung der Kirche kam

Diese Kirche mit den zwei im Chor angebrachten gotischen Fenstern und einem alten Unterbau bestand bis zu ihrer Erweiterung 1771 lediglich aus dem Turm, der als Glockenhaus benutzt wurde, und einem einfachen kapellenartigen Anbau. Dieser Anbau wird 1720 in einer Kostenaufstellung für die Reparatur des Daches mit der Länge von 68 Schuh und der Breite von 36 Schuh beschrieben. Ob die 1934 bei den Ausschachtungsarbeiten für die damals einzubauende Heizung aufgefundenen etwa fünf bis sechs Meter von der Turmwand entfernt liegenden Fundamentreste von einer ehemaligen, an den Turm angebauten mittelalterlichen Kirche stammen, wurde damals leider nicht archäologisch untersucht. 1686 baute man an der hinteren Wand des Glockenhauses einen Hochaltar ein. Dieser Hochaltar war so aufgestellt, daß die evangelischen Christen nach wie vor die Glocken ungestört läuten konnten.

1719 hat die Gemeinde Ottenheim für die Renovierung des durch "einige darein geschehene Donnerstreiche" beschädigten "Kirchen-Thurms" und wohl auch des gesamten Kirchendaches mehr als 100 Reichsthaler bezahlt. Nachdem am 29. August 1725 erneut ein "erschröckliches Donner-Wetter" in den Kirchturm eingeschlagen hatte, muß sich die baufällige Kirche in einem mehr als desolaten Zustand befunden haben. Denn wie in den archivierten Unterlagen nachzulesen ist, gab es dabei nicht nur ein "großes Loch" im Turmdach, sondern das "Kleine Glöckle" samt dem "Glocken-Stuhl" fielen auf den Friedhof. Damit Unwetter, aber auch der Winter keine weiteren Schäden verursachten, wollten die Ottenheimer das Dach natürlich so schnell wie möglich reparieren. Daher baten sie die markgräfliche Herrschaft, sich beim Kloster Schuttern und dem Junker Wetzel von Marsilien als Kirch- bzw. Zehntherr dafür einzusetzen, daß diese sich an der vorzunehmenden Reparatur finanziell beteiligen mögen. Denn das "Zehntrecht" war noch im 17. und 18. Jahrhundert mit öffentlich-rechtlichen Pflichten verbunden gewesen. In einer Verordnung vom 14. August 1618 war bestimmt: "Alle, die in den fürstlichen Landen Zehenden beziehen, sollen die Kirchen-, Pfarr- und Schulhäuser des Orts wo sie den Zehenden beziehen, wenn nicht besondere Verträge vorliegen, erbauen." Trotz dieser eindeutigen Vorschrift hatten die Ottenheimer mit ihrer Bitte nicht den nötigen Erfolg. Denn in einer weiteren Eingabe vom 3. April 1726 bittet das Dorf nunmehr die markgräfliche Regierung, daß diese sich bei den Freiherrn Wetzel von Marsilien und dem Kloster Schuttern dafür einsetze, damit diese ihrer Bauschuldigkeit an der Kirchturmreparatur nachkommen. In einem Antwortschreiben vom 30. April 1726 teilten der markgräfliche Hofrath und das Oberamt Mahlberg übereinstimmend mit, daß auch sie es für richtig erachten, daß das Kloster Schuttern sich an der Reparatur des Kirchturms zu Ottenheim beteiligt, da dieser an die Kirche angebaut sei. Nur nützte dieser Schulterschluß den Ottenheimern wenig. Denn sowohl das Kloster Schuttern als auch der Freiherr Wetzel von Marsilien weigerten sich weiterhin, die Forderung der Gemeinde als Decimatoren zu bezahlen. In einem weiteren Brief, der allerdings erst vom 2. Oktober 1737 datiert, wird erneut der desolate Zustand der Kirche zum Ausdruck gebracht. Dort heißt es:

"... unser allhiesiger Kirchen türm höchst nöthig wehr auss zu bessern welche zu einem grossen abgang ist, und an diesem Thurm Eichene Pfosten, wie auch Ziegell, und Dullen miessen Eingezogen werden, wo auch Schiffer und Blech Kosten werthen."

Auch in einem Visitationsbericht aus dem Jahre 1740 wurde darauf hingewiesen, daß der Turm zu reparieren sei. Endlich 1741, nachdem die Gemeinde Ottenheim mit den Zimmerleuten Joseph Kautz und Valentin Kindle am 25. August einen entsprechenden Vertrag vereinbart hatte, kann der Turm repariert werden. Dabei muß es sich bereits um den charakteristischen nadelspitzen Turmhelm gehandelt haben, der leider am 12. Februar 1945 zerstört wurde. Denn in einem Bericht an das Oberamt Mahlberg vom 15. September 1801 moniert Schultheiß F. Reitter, daß seit 41 Jahren an dem Kirchturm keine Verbesserung vorgenommen wurde. Das bedeutet nichts anderes, als daß bei der Erweiterung des Kirchenschiffes im Jahre 1771 der Turm bereits in dieser Form bestand. Diese These wird bestätigt durch das sich heute in der katholischen Pfarrkirche befindliche ehemalige Patronatsbild. Dort hat der Maler Johann Anton Morath den alten Stand des Baukörpers der Kirche vor der 1771 erfolgten Erweiterung und bereits mit dem nadelspitzen Turmhelm detailgetreu festgehalten.

Über diesen Erweiterungsbau des Kirchenschiffes auf die noch heute bestehende äußere Größe konnten in den verschiedenen Archiven keinerlei Urkunden, Unterlagen oder Baupläne "ausgegraben" werden. Auch Michael Hennig weist 1893 in seiner "Geschichte des Landkapitels Lahr" darauf hin, daß sämtliche Aufzeichnungen, die der katholische Ortspfarrer von Ottenheim Sartori über seine Amtstätigkeit verfaßte, nicht mehr vorhanden sind.

Wahrscheinlich war es das große Engagement von Pfarrer Johann Anton Sartori, das zur Renovierung und Erweiterung der Gebäulichkeiten geführt hat. Dies erklärt auch, daß die Innenausstattung nach rein katholischen Gesichtspunkten vorgenommen wurde. Denn durch die Verteilung der Bevölkerung auf zwei Glaubensgemeinschaften, und damit auf zwei Gottesdienste, war das Bedürfnis nach einer größeren Kirche, die die ganze Gemeinde hätte fassen müssen, sicherlich nicht so vordringlich wie in anderen Orten. Vermutlich stießen diese Baumaßnahmen auf evangelischer Seite zunächst auf Widerstand. Als man aber feststellte, daß sie auch evangelische Bedürfnisse berücksichtigten, tolerierte man das Vorgehen und unterließ notwendige rechtliche Schritte, die zu einer Einstellung der Bauarbeiten hätten führen müssen.

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Evangelische Kirche Allmannsweier


Ein altes Wahrzeichen des Rieds ist der barocke Kirchturm von Allmannsweier. Daß uns die Wappentafel über dem Portal der Kirche ein Stück Dorfgeschichte zu erzählen hat, war seither weiteren Kreisen kaum bekannt.Erbacher, Hermann: Die Kirche zu Allmannsweier und ihre beiden Vorgängerinnen (Geroldsecker Land, Heft 27 - 1985) Seite 15 - 30

Die Zweihundertjahrfeier der dritten Kirche von Allmannsweier im Jahre 1983 war Anlaß, sich nicht nur mit der dritten Kirche zu befassen, sondern auch auf ihre Vorgängerinnen näher einzugehen trotz der anläßlich der im Jubiläumsjahr 1983 erschienenen Chronik. Die folgende Darstellung soll nichts anderes sein als eine auf einem ausführlichen Quellenstudium beruhende Ergänzung. Bei diesem Studium in den verschiedenen Archiven stieß ich in den Pfarrakten von Allmannsweier neben vielem Interessanten auch auf einen handgeschriebenen Lebenslauf meines Urgroßvaters, des Pfarrers C. A. H. Wilckens, während dessen Amtszeit die dritte Kirche einhundert Jahre alt geworden war.

Das Dorf Allmannsweier finden wir zum ersten Mal im Jahre 1016, dessen Kapelle aber erst 1296, ja den "Sant Niclaus-Altar" erst 1419, urkundlich erwähnt. "Almeswilre" war damals (1296) eine Filiale der Ottenheimer Pfarrei an der Kirche, deren Patron Joannes baptista (Joh. der Täufer) war. Die unmittelbar am Rhein gelegene Siedlung Ottenheim hatte schon 1452 zwei Pfarrkirchen ("die kylichherren der zweyer pfarrkirchen zu Otenheim"). Im Jahr 1464 sprach man von "Otenheim nova ecclesia" (neue Kirche) und "Otenheim vetus ecclesia" (alte Kirche). Doch der noch nicht von Joh. GottfriedT ulla dann im 19. Jahrhundert gebändigte Rhein trat öfters über seine Ufer und überschwemmte das ganze Umland. Inzwischen hatten auch in Allmannsweier die Ortsherren wie auch in den umliegenden Orten mehrfach gewechselt. Das Dorf wurde vorab gegenüber dem nahegelegenen, mehrfach abgebrannten Kloster Schuttern zehntpflichtig wie auch dem im Kinzigtal gelegenen Kloster Gengenbach und der Geroldsecker Herrschaft, die sogar im Verfolg des Konzils in Konstanz 1414 als ihr Lehensherr auftrat. Mit der Zeit aber wurde das Gemeinwesen, dessen Herren vor allem in der nahegelegenen Reichsstadt Straßburg gewohnt hatten, an diese Stadt verpfändet. Dies hatte zur Folge, daß der dortige Bischof Wilhelm (III.) am 1. August 1508 endlich das etwa 2 km von Ottenheim entfernte Filial Allmannsweier zu einer selbständigen Pfarrei ab 1509 erhob.

Patronatsherr wurde das Benediktinerkloster Schuttern, das nicht nur den jeweiligen Pfarrer zu präsentieren hatte, sondern dessen Abt zugleich Kollator dieser neuen Pfarrei wurde, d.h.: Er hatte den Pfarrer zu besolden. Um aber die rechtlichen Voraussetzungen für diese Maßnahme zu schaffen, wurden die beiden Ottenheimer Pfarreien vereinigt. Das Pfarr-Recht der am meisten von den Fluten des Rheins bedrohten altottenheimer Kirche, die in der Tat nach einiger Zeit vom Rhein hinweggespült worden war, wurde auf die Kirche in Neuottenheim übertragen. Gleichzeitig wurde deren Recht auf die Kirche von "Almerßwiler" überschrieben. Der Bischof seinerseits verpflichtete die Allmannsweierer zum Erwerb oder zum Bau eines Pfarrhauses mit Hof, Wirtschaftsgebäuden u. dgl. m., wobei der Ort unter ausdrücklicher Zustimmung die Baupflicht auf ewige Zeiten zu übernehmen hatte. Außerdem wurde festgelegt, daß weder das Kloster Schuttern noch etwa der jeweilige Pfründeninhaber in Zukunft für den baulichen Zustand des Pfarrhauses verantwortlich gemacht werden dürfen. Seither (so fügen wir hier gleich an) wurde diese Verpflichtung niemals bestritten, ja im Gegenteil, die Baupflicht selbst wurde in den Jahren 1585 wie auch 1667 bei der Pfarrkompetenzbeschreibung aktenmäßig nicht in Zweifel gezogen. Infolgedessen war die Deckung der Kosten für das 1508 "ganz aus Holz gebaute, alte ungesunde Pfarrhaus" im Jahr 1821/22 auf das neuerstellte Pfarrhaus sowie die Baupflicht übertragen worden.

Zur ersten Kirche

Doch blenden wir nochmals zurück! Die Reichsstadt Straßburg hatte ein Drittel von Allmannsweier an Johann Christoph von der Grün verkauft. Dann tauchten, vor allem seit 1663 die Herren von Böcklin von Böcklinsau und später noch die Familie von Berkheim und von Montprison, die Grafen Waldner und die Freiherren von Frankenstein gemeinsam als Ortsherren auf. Die Pfarrkuratie wurde schon 1453 der Pfarrei Kürzell zugewiesen. Unklar scheint indes auf Grund der Urkunde vom 1. August 1508 die Baupflicht der Kirche zu sein. Es bleibt lediglich zu vermuten, daß die Gemeinde den Bauzustand ihrer um 1200 erbauten Kirche zu erhalten hatte. Über sie erfahren wir lediglich, daß sie 35 Schuh lang, 16 Schuh 2 Zoll breit war. An sie war ein Chor mit 12 Schuh und 9 Zoll Länge angebaut, der ebenso breit gewesen sei. Die Mauern waren 2 1/2 Schuh dick. Im Gegensatz zur heutigen (dritten) Kirche war sie geostet, mit einem hölzernen Dach mit blechernem Knauf und einer Wetterfahne versehen und mit einem grünen Ziegeldach bedeckt. Die ganze Kirche soll sehr niedrig gewesen sein.

Zur zweiten Kirche

Inzwischen hatte auch das reformatorische Bekenntnis, von Straßburg ausgehend, im Dorf seinen Einzug gehalten. Doch müssen wir hier wie auch an vielen anderen Orten mit einer längeren Übergangszeit rechnen. Mit dem vermutlich aus Lahr stammenden Laurentius Hitzig (Stipitius) erhielt die Gemeinde 1583 ihren ersten lutherischen Pfarrer (t!584). Von diesem Zeitpunkt an gerechnet, war erst nach Verlauf von weiteren zwei Jahrhunderten anscheinend eine große Renovierung der alten, ersten Kirche erforderlich. Zunächst erwog man, ob man nur den Kirchturm abbrechen und dann neu aufführen sollte. Doch abgesehen von dem durch Einsturz des Turmes bedrohten Langhaus entschloß man sich zu der Vergrößerung des Kirchenschiffes. Die Gemeinde vertrat dabei die Auffassung, daß das Kloster Schuttern als Dezimator (Zehntherr) des Ortes für die ganze Kirche baupflichtig sei. Ob man die Rechtslage wirklich nicht genau kannte oder ob man bewußt aus Bauernschläue mit der Forderung das Kloster anging, läßt sich heute nicht mehr mit Bestimmtheit beantworten. Jedenfalls bestritt Schuttern auf Grund der Urkunde von 1508 seine Baupflicht für das Langhaus oder Schiff nach des Bischofs von Straßburg alten Rechten und Gewohnheiten. Was den Chor und den Turm anbelange - so behauptete die Klosterverwaltung - gelte die Regel: Stehe der Turm auf dem Chor der Kirche, sei der Zehntherr baupflichtig; ist aber der Turm auf oder an das Langhaus gebaut, falle diese Verpflichtung der Gemeinde zu (Schreiben des Klosters an die Ortsherrschaft vom 11. August 1741). Auffallend ist, daß Abt Franz zwar "aus Schuldigkeit nicht einen Creüzer accordiren (= abmachen) könne", aber er mache aus freien Stücken das Angebot, der Gemeinde eine Anzahl von Eichen besonders zu billigen Preisen "gnadenweise" zu überlassen. Nach längeren Verhandlungen kam es zu einem Vergleich. Das Kloster verpflichtete sich unter gewissen Vorbehalten, der Gemeinde Allmannsweier ein auf ihrer Gemarkung liegendes Stück Wald, den sog. Prälatenwald, mit der Erlaubnis zu überlassen, diesen Wald "auszustockhen und von nun an und zu ewigen Zeiten zu einer matte zu genießen und nuzen ungehindert männiglich". Jedenfalls griff man 1741 in den Baukörper ein und vergrößerte ihn um 15 Schuh auf 50. Diese zweite Kirche hatte drei große Fenster, einen Turm aus Eichenholz mit einem hohen spitzigen achteckigen Dach (!), worauf sich ein blecherner Knauf, ein eisernes Kreuz und ein Wetterhahn befunden haben sollen. Turm und Dach waren nun mit roten Ziegeln gedeckt. Für den Innbau war ein "Lettner" genannt.

Doch nach Verlauf von dreißig Jahren war diese zweite Kirche wiederum so baufällig geworden, daß Abhilfe zu schaffen war. Außerdem hatte die durch den dreißigjährigen Krieg stark dezimierte Einwohnerzahl endlich wieder zugenommen. Und so lesen wir: "Wie könne ein wahrhaftig vernünftig und ehrlich Denkender sich in den Sinn kommen lassen, an dieser alten geflickten Kirche abermals zu flicken, da das alte Gemäuer, so noch von alters her da ist, so mürbe und locker wie ein Sandhaufen. Flickt man wieder, so geht es der Kirche wie einem alten, vertragenen Kleid, das durch Flicken viel koste, schlecht ist und unnütz wird." Gerade diese Bemerkung macht u. E. deutlich, daß man dreißig Jahre zuvor wohl die alte Kirche nicht ganz abgerissen hat.

Doch kam es erneut zu Auseinandersetzungen mit dem Kloster Schuttern. Der grundherrliche Amtmann Schoell aus Allmannsweier begründete am 19. April 1777 aufs Neue in einem Promemoria, daß das Kloster zum Bau "des dasigen Chors" verpflichtet sei, und verlangte deshalb, "die auf dem Platze des Waldes stehende Eiche" der Gemeinde zu überlassen. Doch die Klosterverwaltung lehnte dieses Begehren ab. Weiter erfahren wir aus einem Bericht vom 19. Juni 1780: "Demnach ... (war)... auf die im Jahr 1776 an uns (= die Ortsherren) von unserm nachgesetzten amte abgestattete relation bereits beschloßen worden, daß die Kirche nicht, wie in einigen rißen (Plänen) vorgeschlagen worden, nur reparirt und das chor mit beybehaltung des langhaußes erweitert, sondern von grund auf neu erbauet und dazu von der von dem baumeister [Anton] Schmied zu Offenburg verfertigte riß, jedoch mit einigen Veränderungen zum gründe gelegt werden soll..." [Anmerkung in eckiger Klammer vom Autor]

Zur dritten Kirche

Nachdem nun die Gemeinde mit einem "Geldvorrath von mehr als 5.000 fl. versehen", aber auch bereit war, zudem etwas Kapital aufzunehmen, ohne sich dabei "in wenig jähren wehe zu thun", weder "zur unzeit" im eigenen Wald Holz zu schlagen noch eine besondere Umlage zu erheben, faßte ein Teil der Gemeinde den Beschluß, einen Kirchenneubau zu erstellen. Dieser sollte einen "Thurm von Stein in gehöriger Höhe, Vornen bey dem Haupteingang und gegenüber das Chor und zwar das Langhauß und Chor in einer Länge Von 70. und Breite Von 30. bis 35. Schuhe" haben, wobei auf die "gehörige Zierlichkeit" sowie auf "nöthige Dauer" zu achten sei. Haupteingang und Turm waren unter Hintansetzung der sog. Ostung der Kirche gegen das Dorf und die "daselbst gegen einander kommenden Gaßen gerichtet". M. a. W.: Der Turm soll an der Schmalseite des Langhauses und der Chor im Süden stehen.

Des weiteren wurde ein "vollständiger Riß und ein Überschlag über das Werckh" gefordert. Dieser Entwurf war dann einem anderen Baumeister zur Begutachtung vorzulegen. Außerdem wurden "von dem Amte zween Gerichtsleuthe, Von der Gemeinde aber zween Gemeine Bürger" ausersehen, die neben dem "herrschaftlichen Schultheiße, dem Heimburger und den KirchenPflegere(n)" dafür zu sorgen hatten, "mit den Handwercksleuthen die Accorde unter der Amtlichen Ratification (zu) errichten, die nöthige(n) Hand- und Fuhrlohn (zu) bestellen, bey der Arbeit wechselweiße gegenwärtig (zu) seyn und die Fröhner zu der ordentlichen Verrichtung ihrer Arbeit an(zu)weisen und an(zu)halten". Dieser Personenkreis war gehalten, sich gegenseitig zu verabreden, damit alles "richtig und genau vollzogen" werde. Wer sich aber den "verordneten Aufsehern" widersetze, soll als "Säumiger oder gar als Widerspenstiger" dem Amt zu harter Strafe angezeigt werden. Bei dieser Übereinkunft war sicher die Ortsherrschaft nicht beteiligt, denn sie ließ kurz danach verlauten, daß die heimliche Zusammenkunft "zu dem Ende des wohl größten Theils der Gemeinde ohne Vorwissen und Erlaubnuß" stattgefunden habe. Doch solche Zusammenkünfte seien nach ihrer Auffassung "Höchst strafbar und in unserer Policeyordnung besonders verbotten". Deshalb ordnete die Ortsherrschaft eine Untersuchung gegen 77 Bürger und Einwohner an. Zu welchem Ergebnis das führte, wissen wir nicht. (Wir befinden uns 1783 im Jahr der Aufhebung der Leibeigenschaft!) Doch beschlossen die Ortsherren (Graf Waldner, Frhr. von Berkheim und Frhr. Böcklin von Böcklinsau), "einen vollständigen Neubau der Kirche vorzunehmen". Doch der kurz zuvor zu der katholischen Kirche übergetretene Baron von Böcklinsau überließ seinen Condominanten auf Anfrage der Gemeinde die Entscheidung, "ob die Cantzel zur neuen Kirche ... beßer im Chor oder im Schiff der Kirche stehe, ... jedoch ohnpraejudicirlich auf die Zukunfft all anderer Fälle hin". Daraufhin entschied Christian Ludwig Frhr. von Berkheim, daß der Bitte der Gemeinde "ohne anstandt" entsprochen werde, die Kanzel in das Langhaus zu stellen, "wo sie (es) am besten finde".

Doch als der Bau Fortschritte machte, blieb die "allseitig unterthänig gehorsamste Bürgerschaft und Gemeinde" in einer beträchtlichen Schuldenlast stecken. Sie wandte sich daher an das "hochlöbliche RitterDirectorio" mit der Bitte um "Ritter-Steuer"-Nachlaß als ein "Beytrag zu beßerer Bestreitung des KirchenBaues". Man schrieb daher an die Ortsherrschaft, mit acht Unterschriften versehen. Die Angeschriebenen ließen daraufhin "drey Simpla" als "Beysteuer" nach, für die sich die Bittsteller mit sieben Unterschriften am 5. Mai 1783 bedankten. Nach einer Bauzeit von insgesamt drei Jahren war das einschiffige Langhaus mit dem vorgelegten Turm, der vielleicht in seinem Kern noch alte Bauelemente enthält, auf demselben Platz fertiggestellt. Die Kirche wurde am 1. Advent 1783 eingeweiht. Über die Feierlichkeiten sind wir nicht unterrichtet. Ob man an diesem Tage "aus dem elenden Straßburger Gesangbuch" sang, über das in Visitationsprotokollen immer wieder geklagt worden ist," ist zum mindest nicht auszuschließen, galt doch auch in der Gemeinde der "grob mystische alte Straßburger Catechismus" bis zum Jahre 1810! Der bauleitende Werkmeister Schmied von Offenburg erhielt für seine Mühe 2992 fl. akkordmäßig ausbezahlt. An Gesamtkosten werden 11.364 fl. genannt.

Wir wenden uns jetzt der Beschreibung der Kirche zu, wobei wir im einzelnen immer wieder auf die zwischenzeitlichen Veränderungen hinweisen, die durch verschiedene Restaurierungen erfolgt waren.

Der Turm

Am Fuße des Kirchturms ist ein flachbogiges Portal zu sehen, das von kräftigen Voluten gekrönt ist, die eine Vase (Urne), mit Girlanden geschmückt, tragen. Die Spuren des letzten Weltkrieges sind noch deutlich zu erkennen, da sich der z.T. neu eingesetzte Sandstein noch abhebt. Unmittelbar eingeschlossen von den Voluten ist über der Mitte des Portals ein nicht besonders gut erhaltenes Wappenschild, das in vier Feldern die vier Embleme der vier Ortsherren wiedergibt, die seit 1663 das Dorf Allmannsweier besaßen. Am deutlichsten erkennbar ist noch das untere rechte Feld. Es zeigt den (von dem Beschauer aus nach links) aufgerichteten (Stein-)Bock, das Wappentier der Freiherren von Böcklin von Böcklinsau. Im Feld links daneben sind gerade noch die drei Spitzen (von stilisierten Bäumen) auszumachen, auf deren jeder ein kleiner Vogel (den Schnabel nach links bzw. den Schwanz nach rechts hinweisend) sitzen sollte. Diese Zeichen deuten auf die Familie Waldner-Freund-stein hin. Wenn die obere Hälfte nicht so stark verwittert wäre, so hätte man wohl in einem der beiden Felder die "Ente" als das Wappentier der Freiherren von Berkheim zu erwarten. Ob aber tatsächlich im vierten Feld (oben rechts) das "Eisen eines meist schräg rechts mit der Schneide nach oben gekehrten Breitbeiles ohne Stiel" abgebildet war, ist zwar möglich, aber m. E. nicht mehr genau zu erkennen. Wenn dem so wäre, würde es sich um das Wappen der Freiherren von Frankenstein handeln. Es ist schade, daß die Verwitterung so weit vorangeschritten ist. (Auf jeden Fall handelt es sich nicht allein um das Wappen derer von Böcklin von Böcklinsau, wie das in den Bad. Kunstdenkmälern, Bd. 6, S. 31 beschrieben ist.) - Über der besagten Vase befindet sich ein kleineres rechteckiges, aber nur wenig abgeflachtes Fenster. - Je zwei verkröpfte Gesimse trennen das Mittelgeschoß vom Untergeschoß. Das Mittelgeschoß ist durch ein Rundbogenfenster ausgezeichnet. Das Obergeschoß geht unmittelbar in ein Achteck über mit Lisenen an den abgerundeten Ecken. Dieses Geschoß faßt die Glockenstube mit den vier ebenfalls rundbogigen Schallfenstern und das jeweils darüber angebrachte schwarze Uhrzifferblatt mit den beiden vergoldeten Uhrzeigern und den römischen Stundenzahlen. Gekrönt wird der Turm durch eine die ganze Umgebung schmückende, schlanke, in dieser Gegend nicht zu beobachtende geschweifte Doppelzwiebel, die beide durch ein kräftiges, auch mit Schiefer bedecktem Gesims, aber nicht durch eine Laterne voneinander getrennt sind. Die obere hat eine durchaus schlanke Taille. Der seit dem Jahre 1862 nicht mehr vergoldete Turmhahn wurde seit dem Jahre 1910 mehrere Male samt Turmkreuz und der eiförmig etwa 4 Fuß hohen kupfernen Kapsel, durch die das zwei Zentner schwere Kreuz hindurchgeht und mit einem Fuß eingelassen ist, restauriert und neu vergoldet.

Der Turm schließt sich in östlicher Richtung unmittelbar an das Langhaus mit einem trapezförmigen Grundriß einer Apsis (Chor) an. Auch das Langhaus hat das gleiche doppelte und verkröpfte Gesims wie der Turm auf zuweisen. Die langgestreckten Fenster haben an der Oberkante einen sehr flachen, einfachen Bogen, je ein Fenster zur Rechten und zur Linken des Eingangsportals und je drei auf den Längsseiten des Kirchenschiffs und am Chor je eines an der Seite.

Geht man nun durch das Eingangsportal, so betritt man den durch den Turm gebildeten Vorraum. Sofort fällt eine Inschriftentafel über der inneren Türe zum Kirchenschiff ins Auge.

Sie lautet:

Dieses Gotteshaus (Tempel) ist erbaut worden im Jahre 1783 auf Veranlassung der Herren Amtsleute Theobald Schoell und Jo. J. Held, des Pfarrers M. Sonntag und des Schultheißen A. Dieterich; Kirchenpfleger waren: Th. Kunz und Seb. Kunz und J. C. Dieterich Schulmeister. Gemeinderäte waren: J. Fischer, S. Heimburger, S. Dieterich, A. Cunz - Aufn. Arthur Strebler

Öffnet man die unter dieser Tafel befindliche Türe zum Kirchenschiff (auf der Ost-und Westseite gehen von diesem Vorraum aus die Treppen zur Empore hinauf), so fällt der Blick sofort auf den den Mittelgang unterbrechenden Altar als dem Ort des heiligen Mahles inmitten der Gemeinde, ursprünglich sicherlich umgeben von den Kirchenbänken auf allen vier Seiten. (Die Bänke unter der Kanzel hat man wohl weggenommen, um Platz für den 1983 aufgestellten Taufstein zu gewinnen!)

Der Altar

Der um zwei Stufen erhöhte Altarkörper hat die Form eines antiken Steinkastens aus Stuckmarmor mit blaß blau und zart rötlich getönten Feldern und vergoldetem Laubkranz, alles in strengen Louis-XVI.-Formen. Am oberen Rand unter der etwas überstehenden Altarplatte ist die Stirn- und Rückseite mit vergoldeten Girlanden geschmückt. Eine kreisrunde Öffnung inmitten der Vorderwand des Altars, die zylindrisch durch den Stipes hindurchreicht, erlaubt einen Durchblick durch den Altar. In dieser beiderseits verglasten und mit einem kreisrunden, vergoldeten Blattkranz umrahmten Öffnung ist das "Lamm Gottes mit der Siegesfahne", holzgeschnitzt und seit der Renovierung von 1955 wieder vergoldet, sichtbar. Dieses Lamm ist in der Tat der zentrale Mittelpunkt des ganzen Raumes und ist zugleich eine theologisch gültige Aussage. Wenn allerdings bei näherer Betrachtung nicht gerade von einer besonders künstlerischen Lösung, eher aber von einer "naiven Genialität" gesprochen werden kann, so ist immerhin in ihrer Einmaligkeit ein "geistesgeschichtlich seltenes Zeugnis" in dieser Art erkennbar (Hampe-Todt). Es war daher unter dem denkmalspflegerischen Standpunkt durchaus richtig, daß man die ohne Wissen der Denkmalpflege (1955) durchgeführten Eingriffe sofort wieder rückgängig gemacht hat, die erneut vergoldeten Girlanden und Lorbeerkränze wieder anbrachte und die an der Vorderwand vorgesetzte Bretterverschalung samt den Antipendien wieder weggenommen hat. Das ist auch theologisch durchaus vertretbar. (Auf dieses Problem kommen wir im Zusammenhang mit dem auf dem Altar stehenden Kruzifixus weiter unten nochmals zurück!)

Heben wir aber den Blick vom Haupteingang über den Altar hinaus, werden wir ein weiteres Kleinod auf der Orgelempore gewahr, die, 1882 erweitert, an der Rückwand (Chorseite) der Kirche angebracht ist mit leicht geschwungener und mit 14 rechteckigen, marmorierten Feldern ausgeschmückter Brüstung. Der gesamtarchitektonische Eindruck wurde durch die 1886 durchgeführte Erweiterung keineswegs beeinträchtigt. Das klassizistische Orgelgehäuse mit seiner feinen Rocailleschnitzerei, in fünfgliedrigem Prospekt und in der Mitte darüber gesetzten Positivprospekt, stammt aus der Werkstatt des Bildschnitzers Blasius Schaxel aus Herbolzheim. Aber dieser Orgelprospekt erlitt ebenfalls bei der rigoros durchgeführten allgemeinen Kirchenrenovierung einen schweren Eingriff. Zum Glück fand man die abgenommenen, stilistisch unbedingt dazu gehörigen, palmwedelartig geschnitzten "Ohren der Orgel" wie auch die anderen aufgesetzten Schnitzereien noch auf dem Kirchenspeicher, so daß diese an das Gerüstwerk der Orgel durch den Freiburger Restaurator H. Bauernfeind, neu vergoldet, wieder angebracht werden konnten. Das grün angestrichene Orgelgehäuse erstrahlt inzwischen wieder in dem wohl ursprünglichen braunen Farbton.

Das Orgelwerk selbst, ein zweimanualiges Werk mit Pedal, für das die Gemeinde im Jahr 1803/04 2219 fl. aufgebracht hatte, ist eine Schöpfung des Orgelbauers Alois Schaxel, eines Schülers der Straßburger Silbermänner, ebenfalls aus Herbolzheim. Der Orgelkasten wurde damals durch den Ettenheimer Faßmaler Xavery Kopp für 33 fl. lackiert. J. Schaxel (vermutlich der Sohn) baute 1855 eine Gamba 8' an Stelle der Hauptwerks-Cimbale ein, besetzte die Schleife der Terz mit einer Figura 4'. Die Kosten kamen auf 334 fl.

1875 erfolgte durch Beck & Weisser ein neuer Eingriff. Man verwandelte das ehemalige Positiv-Salicional 4' in einen 8', vermehrte die Register um eine Flöte 8', Prinzipal 8' (Positiv) und im Pedal um einen Violinbaß 16'. Nach 1900 baute die Firma Voit in Durlach nach dem damaligen Klangideal erneut um. Doch besonders hervorgehoben werden muß die 1964 einschneidend durchgeführte Restauration durch Ernest Mühleisen, Strasbourg-Cronenbourg. Dieser stellte den alten Zustand der Disposition wieder her, erweiterte den Umfang der Orgel (in beiden Manuale um fünf und im Pedal um weitere elf Töne), überholte die s. Z. von Schaxel solide gebauten Schleifwindladen usw. Die schon 1803/04 bereits auf die Echofunktion eingestellte zweimanualige Disposition wurde durch eine Zimbel im Positiv vermehrt. Diesem glücklichen Eingriff verdankt die Kirchengemeinde den Ruf ihrer Orgel. Sie ist ein wahres Kleinod am Oberrhein. Nach dem Urteil des Orgelsachverständigen der Landeskirche, Dr. Walter Leib, Heidelberg, "finden auf dem verhältnismäßig kleinen Instrument die Suiten von Clerambault ihre adäquaten Registriermöglichkeiten. Aber auch Plenum-Stücke wie die Dorische Toccata von Bach sind ausgezeichnet zu realisieren". Inzwischen ist dieses Instrument sogar durch Funk- und Schallplattenaufnahmen weiten Kreisen bekannt geworden. ELEKTROLA zählt sie zu den "berühmtesten Orgeln Europas"! Ebenso ist ein einwandfreies liturgisches Orgelspiel möglich.

Die Barock-Kanzel

Sie ist auf der linken (östlichen) Längsseite des Kirchenschiffes zwischen zwei Fenstern angebracht, deren Aufstellungsort s. Zt. die Grundherrschaft der Gemeinde überlassen hatte. Sie besteht ebenfalls aus Stuckmarmor (wie der Altar) mit vier an der Brüstung vergoldeten Hochreliefs, eine Gemeinschaftsarbeit von Johann Nepomuk Speckhart aus Offenburg (t 1794) und dem Stukkateur Steingart. Da die Holzteile, vor allem die Hochreliefs und der Aufsatz auf dem Kanzelschalldeckel stark vom Holzwurm befallen waren, mußte auch hier 1955 restaurativ eingegriffen werden. Auf den Hochreliefs sind die vier Evangelisten mit ihren Emblemen dargestellt. Den Kanzeldeckel, ebenfalls aus Stuckmarmor, ziert ein weißes Wolkengebilde, auf dem zwei vergoldete Engelchen (nicht ein Engel, wie in der Chronik von 1983 vermerkt) stehen, die die Tafel der zehn Gebote halten, von der goldene Strahlenbüschel ausgehen. Auf der linken Seite der Tafel stehen, in römischen Zahlen angedeutet, das I., II. und III. Gebot, auf der rechten die Gebote IV, V [u] VI, VII, VIII [u] IX und schließlich das X. Aus den Wolken unter der Gesetzestafel schaut ein Engelkopf auf die Gemeinde. So symbolisiert diese Kanzel im ganzen sichtbar, was der Inhalt der Predigt sein soll: Gesetz und Evangelium. Selbst hier hatte die neuerliche Restaurierung eine nicht fachgerechte Behandlung zu ihrem Vorteil wieder rückgängig gemacht, nachdem man in den zwanziger Jahren mit Hilfe einer wachsartigen Masse die Holzmarmorwände wieder auf Glanz bringen wollte. Doch hatte dies zur Folge, daß die Kanzel durch den sich festsetzenden Staub grau und glanzlos geworden war. Die zu vergoldenden Teile waren nur bronziert und dunkelten daher stark nach. Nun aber erstrahlt die Barock-Kanzel wieder in goldenem Glänze. [Anmerkungen in eckiger Klammer vom Autor]

Der Kruzifixus

Der von Bildhauer Christ-Badenweiler 1949 geschnitzte Kruzifixus, auf der verhältnismäßig kleinen Mensa des Altars stehend, fällt aus dem Rahmen des wirklich zierlich wirkenden Altars, des Orgelprospektes wie der Barock-Kanzel. Dieses m. E. durchaus etwas fremd wirkende Element wäre noch einigermaßen zu verkraften, wenn nicht durch diese Zutat zwar eine theologisch durchaus richtige, aber in dieser auf sehr engem Räume bildlichen Darstellung sich rieben: "Das Lamm Gottes mit der Siegesfahne" als Symbol der Auferstehung im Altar und der "Gekreuzigte Christus", der der Welt Sünde mit ans Kreuz getragen hat, als Symbol für den Karfreitag auf dem Altar. Insofern hatten die an der Renovierung Beteiligten (1955) im Hinblick auf den Kruzifixus nicht ganz unrecht empfunden, wenn sie die Vorderseite des Altars mit Brettern vernagelten. Nun hatte man doch der ursprünglichen Form des Altars wieder das Wort geredet. Es wäre daher zu erwägen, ob man nicht den Kruzifixus an der freien Seitenwand gegenüber der Kanzel anbringen sollte; dann hätten die oberste kleine Stufe vorn und hinter dem Altar wieder eine Funktion bei der Austeilung des Abendmahls, vorn bei größerer Gemeinde, hinten bei kleineren Gruppen. Auch beim Lektorengottesdienst stand der Lektor hinter dem Altar und verlas von da aus die Predigt.

Der Taufstein

Nicht weniger problematisch erscheint der neue, zwischen Altar und Kanzel stehende Taufstein, der wie der ganze einheitlich verlegte Sandsteinplattenboden um den Altar aus rotem Sandstein besteht und insofern wenigstens zum Boden paßt. Ein zylindrischer Schaft, der im unteren Bereich den Bodenkontakt mit je drei fingerartigen Auflagen aufnimmt, trägt im oberen Bereich ein Steinbecken, das die bronzene Taufschale mit Deckel umschließt. Wenn man sich auch bei der Ausführung um eine große Leichtigkeit bemüht hatte, so wirkt dieser Taufstein, wenn man von der Beschaffenheit des Materials ausgeht, störend, so daß es wohl erwägenswert erschiene, ob man nicht diesen Taufstein auf die andere Seite des Altars auf Kosten einer Bankreihe stellen sollte, um aus dem Spannungsfeld der barocken Formen und des Stuckmarmors an Altar und Kanzel herauszukommen. Die durch Spenden der Gemeinde ermöglichte Taufe zum zweihundertsten Jubiläumstag wurde vom Kirchenbauamt der Landeskirche entworfen und von der Firma S. Göhrig, Lahr, 1983 ausgeführt. Mit diesem Faktum hat die Kirchengemeinde die öfters in den Visitationsprotokollen hervorgehobene allmannsweierer, vielleicht aber schon länger verlorengegangene Sitte gebrochen, wobei einer der Taufpaten oder der Vater die Taufschale während der Taufhandlung hielt, eine Sitte, die heute manche Gemeinde wieder aufnehmen möchte.

In der Glockenstube, die man von der Empore über dem Hauptportal auf zwei steilstufigen Treppen erreicht, hängen in stählernen, holzunterlegten Glockenstühlen in zwei Gefachen neben- und übereinander drei Glocken, und zwar die beiden größeren unten, die kleinste im oberen. Geläutet wird mit der jeweils unter der Glocke montierten Läutemaschine Voco (seit 1953). Diese werden vom Haupteingang unten aus bedient.

Die heute älteste Glocke ist die mittlere, eine gis'-Glocke von 1789, dem Jahr der französischen Revolution. Sie trägt am oberen Rand ein Kreuzgehänge und am oberen Fries in Hochrelief die Inschrift "ZU STRASSBURG GOSS MICH 1789 MATTHAEUS EDEL" auf der einen Seite. Auf der ändern "ALS LUDWIG WILH SCHOELL DIRIGIERENDER AMTMANN UND SEBASTIAN KUNZ SCHULTHEISS ZU ALLMANNSWEIER WAR". Diese Glocke wurde 1927 gedreht und mit einer neuen Klöppel Vorrichtung versehen. - Zwei alte Glocken von 1755 (die womöglich noch aus der zweiten Kirche stammten), wurden 1859 von der Konstanzer Gießerhütte Rosenlächer umgegossen, und zwar in eine a'-Glocke mit der Inschrift über den Lorbeergirlanden unter dem Kranz in erhabenem Relief "GEMEINDE ALLMANNSWEIER" und auf der gegenüberliegenden Seite mit dem Zweizeiler "ES HEBT EMPOR VOM STAUBE IM FEIERKLANG DER GLAUBE". -Die f'-Glocke, zu gleicher Zeit umgegossen, trug ebenfalls die Inschrift "GEMEINDE ALLMANNSWEIER" und auf der gegenüberliegenden Seite den Zweizeiler "ES LÄDT ZUM CHRISTLICHEN VEREIN IN REINEM KLANG DIE LIEBE EIN". Ob nur die a'-Glocke den Christuskopf und auf der anderen Seite eine weibliche Figur in Hochrelief mit Kreuz und Kelch und unten und oben ringsumlaufend einen Kranz von Blättern und Ornamenten trug, erscheint fraglich. Beide Glocken mußten genau so wie der Orgelprospekt im Jahre 1917 abgeliefert werden. - Zu der oben erwähnten gis'-Glocke von 1789 gesellten sich 1927 zwei neue, von Bachert in Karlsruhe gegossene Glocken, 1073 bzw. 313 kg schwer. Doch auch diese mußten 1940/41 abgeliefert werden. Sie wurden 1949 durch die beiden, heute oben hängenden e'- und h'-Glocken ergänzt. Immerhin bemerkte das Orgel- und Glockenprüfungsamt der Landeskirche 1949: "Obwohl die Gießerei (Rinker, Sinn [Dillkreis]) bemüht war, den Durdreiklang zu erreichen, ist der Gesamteindruck des Geläutes durch die Lage der Schlagtonreihe der eines Molldreiklanges. Die Schlagtonreihe der drei Glocken liegt für die beiden neuen Glocken über normal, für die alte gis'-Glocke dagegen unter normal. Da die Innenharmonie der e'- und h'-Glocke nach oben zieht, während die Innenharmonie der alten Glocke nach g' neigt, wird die für das harmonische Geläute wenig gute große Terz e'-gis' ziemlich ausgeglichen. So entstand ungewollt ein einheitlich klingendes melodisches Geläute, dessen Gesamtklang zwischen Dur und Moll schwebt." [Anmerkung in eckiger Klammer vom Autor]

Die Zeit nach 1930

Wenn wir bei der Darstellung der einzelnen Prinzipalstücke im Innern der Kirche schon die Restaurierungen von 1955 und 1964 und 1983 berücksichtigt haben, so waren schon in den dreißiger Jahren die Wünsche nicht verstummt, die Kirche zu renovieren, aber dies scheiterte an dem Geldmangel. Nachdem aber in der Nacht vom 10./ll. Februar 1945 eine Granate ein großes Loch an der Turmseite gerissen hatte - die Kirche im Inneren hat wenig Schaden erlitten -, wurden notdürftig die Fenster wieder verschalt und hernach mit Kathedralglas, seit 1955 durch helles Antikglas ersetzt. Folgen wir aber dem Visitationsbericht zum 18. Oktober 1947. Dort lesen wir: "Von Mitte Februar 1945 an wurde Allmannsweier oft beschossen, so daß einTeil der Bevölkerung, vor allem Frauen, Mütter, Kinder und alte Leute nach Schweighausen und anderen Orten im Schuttertal flüchteten. Der größte Teil der Gemeinde aber blieb mit ihrem Pfarrer daheim. Von Mitte Februar an konnte kein Gottesdienst mehr in der Kirche abgehalten werden. An den Sonntag Abenden fand nur in zwei großen Kellern Abendandachten statt, und zwar im Keller des Georg Walter und des Georg Urban. Die meisten Einwohner lebten und schliefen in den Kellern. Im März hielten wir die Gottesdienste am Sonntag Vormittag, den einen im Unterdorf im Keller des G. Walter, den ändern für das Oberdorf im Keller des G. Urban. Der Tag der Konfirmation kam. Noch lag das Dorf unter feindlichem Beschüß. So fand am 8. April 1945 im großen blumengeschmückten Keller des G. Walter unter zahlreicher Beteiligung der Gemeinde die Konfirmationsfeier statt... Doch wir waren alle von Herzen dankbar, daß der Kriegssturm so gnädig über unser Dorf hinweggebraust war. Alsbald begann die Aufbauarbeit... Die Gottesdienste konnten wieder in der Kirche stattfinden."

Die Eigentumsverhältnisse

Was die Eigentumsverhältnisse anbelangt, hatte sich die Kirchengemeinde schon im Jahre 1912 bereit erklärt, die Unterhaltung von Kirche und Pfarrhaus zu übernehmen und Ortskirchensteuer einzuführen, wollte aber zuvor die beiden Gebäude in das Eigentum der Kirchengemeinde überschrieben wissen. Dazu war zwar der Gemeinderat bereit, aber nicht der Bürgerausschuß mit der Begründung, "weil viele Gemeindeglieder meinen, die politische Gemeinde verliere und werde ärmer, wenn Kirche und Pfarrhaus ihr nicht mehr gehörten". Da die Gemeinde rein evangelisch war (d.h. nur zwei Katholiken in konfessionsverschiedener Ehe lebten) und sie keine Umlage erhob, war guttatsweise eine Beihilfe der Gemeinde zu diesen kirchlichen Lasten wohl auch fernerhin zu erreichen. In den zwanziger Jahren wurden die Eigentumsverhältnisse grundbuchmäßig (1928/29) festgeschrieben. Die politische Gemeinde trat das Eigentumsrecht an die Kirchengemeinde ab, ebenso die Verwaltung des für die Unterhaltung der Kirche bestimmten Chormattenfonds usw. und löste sich damit zugleich von jeglicher Verpflichtung. Seither erhebt die Kirchengemeinde eigene Ortskirchensteuer, sammelte einen Baufonds und übernahm die Unterhaltung der kirchlichen Gebäude.

Facit: Würdigung

Dank der großzügigen Zuschüsse des Landesdenkmalamtes und der Landeskirche wie auch durch die große Opferbereitschaft der Gemeindeglieder war es möglich, im Verlaufe der letzten dreißig Jahre die große Restaurierung der Kirche durchzuführen, die wirklich wieder aus der "dritten" Kirche ein Kleinod am Oberrhein neben der 1766 eingeweihten Kirche im benachbarten Meißenheim gemacht hat. Wer durch das Rheintal fährt und dabei den schönen Kirchturm über den Häusern und Obstbäumen herausragen sieht, vermutet wohl kaum, was sich hinter der bewegten, reichhaltigen Geschichte dieser Kirche verbirgt. In der Tat stellt sie mit ihrem Barock- und Rococostil, den gebrochen weißen Wandflächen am Äußern wie im Innern, mit den glitzernden Scheiben und dem naturschiefergedeckten Doppelzwiebelturm etwas vor in der flachen Landschaft, von welcher Seite man auch das Dorf erreicht. Doch wird der Besucher auch im Innern seine Freude haben, wenn er die Prinzipalstücke - Altar, Kanzel und Orgel - sieht, für die s.Z. die Gemeinde unter großen Opfern selbst aufgekommen war. Die Gemeinde darf sich glücklich preisen, daß sich der immer wieder aufkommende radikal-puristische, kunstfeindliche Geist bis heute nicht durchgesetzt hat.

Quellen- und Literaturnachweis:

Pfarrarchiv Allmannsweier. Vor allem: Copia der Stiftungsurkunde vom 1. August 1508, in: Spezialia 18, Bd. 2 der alten Registratur
Generallandesarchiv Karlsruhe, Rep. 229/1266-1269, 1278, 1279
Landeskirchliches Archiv Karlsruhe, Spez. EOK 14054
Registratur des Evang. Oberkirchenrats und des Evang. Kirchenbauamtes, beide in Karlsruhe sowie des
Staatlichen Landesdenkmalamtes (Außenstelle) Freiburg

Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler. Unveränd. Neudruck. 1. (1940) - 36.1947

A. Krieger, Topographisches Wörterbuch des Großherzogtums Baden. Bd. 1-2. 1904. Lacroix und Niester, Kunstwanderungen in Baden. 1959, S. 189
J. Siebmacher, Großes und allgemeines Wappenbuch. Bd. 24. 1974. (Taf 4£f. und 17)
B. Sulzmann, Historische Orgeln in Baden 1690-1890. 1980.
C. W. F. L. Stocker, Schematismus der evang.-prot. Kirche im Großherzogtum Baden. 1878. Zweihundert Jahre Evangelische Kirche Allmannsweier (Auszug aus einem auf dem Pfarramt liegenden Manuskript von W. Dörflinger, bearb. von R. Mürrle). 1983 (s. bes. S. 54 - 58)


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Reitterhof Ottenheim


Die beiden Schlösser in Nonnenweier. (die ortenau 1934 - 490) Denn am 25. September 1837 verkaufte die letzte Besitzerin Frau Amalie, geb. Freifrau von Oberkirch, verwitwete Bär in Rappoltsweiler (Elsaß), das Schloß für 7000 Gulden an den Sonnenwirt Wilhelm Say

Obwohl die beiden Bauten verhältnismäßig jüngeren Datums sind, hat es Mühe gekostet, zuverlässige Nachricht über deren Geschichte zu bekommen. Nur vereinzelt fanden sich einige Notizen, die in folgendem zufammengefaßt werden. Bei beiden Schlössern handelt es sich nicht um Tiefburgen mit Wassergräben noch um Burgen mit Festungsmauern, sondern um geräumige, schöne Herrschaftshäuser mit großen Garten- und Parkanlagem.

Obwohl schon 1139 ein Sigeboto von Nunnenwilre genannt wird, hören wir nichts von einem Schloß oder Sitz dieses Ritters. Von einem Schlosss erfahren wir erst, nachdem die Stadt Straßburg all ihre Besitzungen und Rechte an Nonnenweier am 11. Mai 1663 an den Herrn Johann Christoph von der Grün, Obristen, um 24000 fl. verkauft hatte. Der neue Herr hatte sich alsbald ein Schloß gebaut. Lange durfte er sich seines Besitzes nicht freuen. Schon nach dreieinhalb [Korrektur] Jahren, am 21.Dezember 1666, starb er "in seinem Schloß" und wurde am 12. Januar 1667 in feierlichem "pomp und sollennitet" zur Erde bestattet. Durch Heirat und Erbschaft kam Herrschaft und Schloß nacheinander an die Reichsfreiherren von Ziegler 1681, von Löwen 1695, von Rathsamhausen zu Ehenweyer 1698. Jakob Samson von Rathsamhausen wohnte nur im Sommer in Nonnenweier, im Winter in Straßburg.

Wiederum durch Heirat kamen in den Besitz die Freiherrn von Oberkirch und von Böcklin Beide Geschlechter gehörten zur Reichsritterschaft So wechselte auch das Schloß, das auf dem Platz des heutigen Gasthauses zur "L i n d e" stand, öfter seinen Besitzer. Es scheint zuletzt dem Verfall entgegengegangen zu sein. Denn am 25. September 1837 verkaufte die letzte Besitzerin Frau Amalie, geb. Freifrau von Oberkirch, verwitwete Bär in Rappoltsweiler (Elsaß), das Schloß für 7000 Gulden an den Sonnenwirt Wilhelm Say. Es wird im Kaufvertrag als zweistöckiges Gebäude mit dreizehn heizbaren Zimmern aufgeführt. Teile des Grundstücks wurden als Bauplätze verkauft, das Schloß selbst wurde 1842 an die Familie Reitter in Ottenheim auf Abbruch verkauft.

Dort ist es wieder erstanden und zeugt noch heute durch seine stilvolle Einfachheit von früherem Glanz. Über die schöne Schloßtreppe im Hausflur aber wandelt ein ander Geschlecht. (die ortenau 1934 - 490)

Der Reitterhof war früher ein Schloss - Martin Frenk - Mi, 20. April 2011 - Badische Zeitung

SCHWANAU-OTTENHEIM. Der Reitterhof, im nördlichen Teil von Ottenheim an der Straße nach Meißenheim gelegen, ist wie es der Name bereits sagt der Stammsitz der alteingesessenen Ottenheimer Bauernfamilie Reitter. Vor allem das große Wohnhaus des herrschaftlich anmutenden Ottenheimer Reitterhofes atmet auch heute noch einen Hauch von Herrenhaus und ist eigentlich für die ihn umgebenden Häusern zu feudal. Dies allerdings ist kein Wunder, wenn man weiß, dass dieses Haus in den Jahren zwischen 1663 bis 1666 von Johann Christoph von der Grün in Nonnenweier als Schloss Friedensburg erbaut und um 1791 durch August Samson Freiherr von Oberkirch im klassizistischen Stil erneuert wurde. 1842 erwarb es Johannes Reitter aus Ottenheim und trug es völlig ab, um es in der heutigen Unterdorfstraße in Ottenheim originalgetreu wieder zu errichten.

Die familiären Aufzeichnungen beginnen jedoch bereits 1803, nachdem sich der damalige Schultheiß Friedrich Reitter an der Stelle des heutigen Reitterhofes ein Wohnhaus errichtete. Dessen Sohn, der Vogt Johannes Reitter, heiratete 1808 Maria Ursula Heimburger, die Tochter seines Nachbarn. Beide Anwesen wurden vereinigt, so dass der Reitterhof seine heutige Größe erhielt. 1815 errichteten die Eheleute den an der westlichen Grundstücksseite stehende Querbau mit Scheune, Pferde- und Schweinestall. Eine im Tragbalken der einstigen Scheuneneinfahrt kunstvoll eingeschnitzte Widmung erinnert noch heute an die damalige Errichtung. Um 1820 errichtete er zusätzlich noch eine Brennerei auf dem Hof.

Bilder oder Zeichen ersetzten früher Straßennamen und Hausnummern

Vielfach gibt es noch Haus- und Hofzeichen, die meist aus den Hausbezeichnungen hervorgegangen sind. Straßenbezeichnungen im heutigen Sinne gab es früher noch nicht. Auch trugen die Häuser noch keine Nummern und keine Beschriftungen, die vermutlich auch nur wenige Menschen hätten lesen können. Zur Unterscheidung oder Kenntnismachung wurden an den Häusern Zeichen oder Bilder aufgemalt, Stuckzeichen angebracht oder durch Steinmetzarbeiten Figuren eingearbeitet. Ein solches Zeichen ist am Anwesen der Familie Mußler in der Vogesenstraße 7 zu sehen. Erbaut wurde das stattliche Anwesen im Jahre 1909 durch den Tierarzt Carl Götz und dessen Ehefrau Maria, geborene Wolber. Wohl um seinen Berufsstand kenntlich zu machen, hat Carl Götz den in einer Reliefplatte gearbeiteten Pferdekopf anbringen lassen.


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