Brucker, Dr. Philipp: Die Verhaftung von Ettenheim - Ein Bericht über den Herzog von Enghien (Der Altvater, 30.1.1954)

Die Verhaftung von Ettenheim

eghienDurch Zufall stieß ich beim Studium auf die "Erlebnisse eines sächsischen Landpredigers in den Kriegs jähren 1806 bis 1815" und war erstaunt, an einer Stelle auf einmal den Namen "Ettenheim" zu lesen. Der Verfasser dieser Erlebnisse war der Pfarrer Ludwig Wilhelm Gottlob Schlosser aus Thüringen, der im Jahre 1798 seine erste Pfarrstelle in dem kleinen Dorf Drakendorf in der Nähe von Jena bezog, um 1811 eine Pfarrei bei Leipzig zu erhalten. Mitten im Sog weltgeschichtlicher Ereignisse lebend, wurde der einfache Pfarrer Zeuge vieler geschichtlicher Stunden. Als unfreiwilliger "Zuschauer" der beiden großen Schlachten von Jena und Leipzig (14.10.1806 und 16.10.1813) geriet der Pfarrer in den Strudel dieser schicksalsschweren Tage, die der Bevölkerung jener Landstriche unsägliche Not und Bedrängnis brachten. In einer ungekünstelten und sehr anschaulichen Art schildert Pfarrer Schlosser seine Erlebnisse, die auch heute noch dem Leser ein plastisches Bild jener ereignisreichen Tage vermitteln. In diese Erlebnisse ist der Bericht über die Vorgänge in Ettenheim eingeflochten. Ueber die historischen Hintergründe dieser Ettenheimer Verhaftung wurde ja an dieser Stelle schon öfters berichtet, so daß im folgenden nur der Bericht Pfarrer Schlossers wiedergegeben werden soll.
Der Bericht des Pfarrers

"Eine angenehme Erheiterung gewährte mir in dieser traurigen Zeit der häufige, fast allwöchentliche Besuch des jungen Grafen von Soden, der damals in Jena studierte, ein Sohn des als Schriftsteller bekannten Grafen Julius von Soden aus Sassenfurt bei Bamberg. Dieser junge Graf war der Schwager des badischen Oberforstmeisters in Ettenheim, von wo der ermordete Herzog von Enghien entführt wurde. Unter allen schrecklichen Nachrichten, die so lange schon fort und fort durch das erschrockene Europa erschollen, war die Ermordung Enghiens im Jahre 1803, dieses durch große Gaben und liebenswürdige Eigenschaften ausgezeichneten, schönen, erst 31 Jahre alten Fürsten eine der schrecklichsten, und es war daher sehr erwünscht, Näheres darüber zu vernehmen. Der Herzog, sehr befreundet mit dem badischen Oberforstmeister, bewohnte mit ihm dasselbe Schloß, lebte sehr einsam und beschäftigte sich nur mit Jagd, Blumenzucht und dem Briefwechsel mit seiner Geliebten, einer Prinzessin von Rohan. Eines Tages, da sie sehr ermüdet von der Jagd zurückgekommen waren, miteinander gespeist und sich dann in ihre Zimmer zurückgezogen hatten, kam der Oberforstmeister hastig und ängstlich zurück und bat den Herzog, der schon im Schlafrock war, sich nicht auszuziehen, denn es scheine sich etwas zu begeben. Sie sahen zum Fenster hinaus, vernahmen ein dumpfes Geräusch und bemerkten auch, als sich die Augen an das Dunkel gewöhnt hatten, etwas wie Menschen, die sich bewegten. Es verschwanden bald aber alle Zweifel, denn die geschlossenen Tore und Türen wurden eingeschlagen, herein drangen französische Dragoner, suchte" und fanden den Herzog, der sich hatte verbergen wollen, ergriffen ihn samt dem Oberforstmeister und eilten mit ihren Gefangenen über den Rhein nach Straßburg, wo es letzterem erst gelang, zu beweisen, daß er nicht vom Gefolge des Herzogs, sondern badischer Staatsdiener sei.

Soweit der Graf von Soden. Welchen blutigen Ausgang dieser Landfriedensbruch und Straßenräuberstreich genommen hat, ist bekannt Unglückseliges Deutschland, welche Entehrungen hast du seit Jahrhunderten erduldetl.

Dies ist der Bericht Pfarrer Schlossers über die Verhaftung in Ettenheim. Die Erlebnisse wurden abgedruckt in den "Wiesbadener Volksbüchern", Nr. 130, Jahrgang 1909.