Hornberg - Sommer 2008 - Trachtenfest

Trachtengruppen aus dem hinteren Gutachtal treffen sich mit einer Trachtengruppe aus dem Elsaß. Die elsäßer Damen tragen Kopfputz aus steiff ausgestellten Stoffflügeln (schwarz) und einheitlich grüne Röcke.

Bei Brauchtumsveranstaltungen werden die Trachtenträger*innen in der Regel von Kapellen ihrer Heimatorte begleitet. Nicht selten sind die Musikanten auch in Trachten, wenigstens aber in trachtenähnlichen Kostümen gekleidet. In aller Regel sind die Akteure guter Laune und haben für Besucher ihrer Veranstaltung stets ein offenes Ohr, um Fragen zu beantworten. Die Antworten sind durchgehend freundlich, kompetent und mit guter Sachkenntnis unterbaut.

 



Heinrich Hansjakob und die Frage der Trachtenerhaltung - Heinz Schmitt, Karlsruhe - Badische Heimat 1987 S. 97 - 99

1892 erschien im Herderschen Verlag in Freiburg die Schrift "Unsere Volkstrachten. Ein Wort zu ihrer Erhaltung von Pfarrer Hansjakob." Dieses 24 Seiten umfassende Heftchen war nicht in wissenschaftlichem Geiste geschrieben, sondern populär und emotionsgeladen. Es fand ein lebhaftes Echo und mußte mehrfach neu aufgelegt werden. In seiner Einleitung erzählt Hansjakob wie er dazu kam, diese Schrift zu verfassen. An einem Herbstsonntag des Jahres 1891 unterhielt er sich nach dem Gottesdienst in einem Schwarzwalddorf mit einem Bauern. Dieser war in Begleitung seiner beiden Töchter, von denen die eine Tracht trug, die andere modisch gekleidet war. Auf Hansjakobs Frage, warum er denn dulde, daß eines seiner "Maidlen" sich städtisch trüge, sagte der Bauer: "Herr Pfarrer, Sie haben recht. Man sollt’ jedes Maidle, welches die alte Tracht ablegt, mit einem Stecken zum Haus hinausjagen. Da hat die da, die Christine, zwei Jahre drunten im Städtle gedient, kommt krank heim, bringt dazu noch diesen Modeteufel am Leib mit, aber keinen Kreuzer Geld, weil sie alles an die Städtletracht gehängt hat. Zum Schaffen ist sie nichts mehr, und die anderen Maidle spottet sie aus, weil sie beim alten 'Häs' bleiben. Sobald sie kann, muß sie mir zum Haus hinaus, und dann soll sie bleiben, wo sie ist, mit ihrer neuen Mode. Aber wenn ich noch hundert Maidle hätt, ins Städtle ließ ich keines mehr, schon nicht mehr wegen dem neumodischen Häs."

Und Hansjakob fährt fort: "Ich schüttelte dem alten Brunnenbur tüchtig die Hand, lobte seine Rede, aber auch die Magdalene, weil sie so tapfer festhalte an der alten Tracht. Der Christine sagte ich, wie schön die Magdalene ausschaue in ihrem alten Bauernhäs, wie schlecht ihr selbst die Städtletracht anstehe, und daß auch die eigentlichen Stadtleute ein Mädchen vom Lande viel lieber in seiner Heimatstracht sähen als in der neuen Mode... Ehe wir schieden an der Berghalde, versprach ich der Magdalene übers Jahr, wenn ich wiederkäme, ein Gebetbuch zu schenken, weil sie bei der so schönen Bauerntracht bleibe und der Christine nicht nachmache."

Nach diesem nicht gerade von christlicher Nächstenliebe und schon gar nicht von Toleranz getragenen Dialog kam Hansjakob "zum erstenmal der Gedanke, ob sich nicht etwas thun ließe für die Erhaltung unserer Volkstrachten". Als ihn nun überdies der Maler Wilhelm Hasemann in Gutach gebeten hatte, er "möchte, als Schwarzwälder Volksschriftsteller, einen Aufruf erlassen zu Gunsten der Erhaltung der Volkstrachten", verfaßte Hansjakob seine Schrift. Er wollte damit einmal "ein Wort der Belehrung an alle jene deutschen Bauersleute, die heute noch den alten Trachten treu sind" richten, zum anderen "ein Wort der Mahnung und die Bitte, an alle, die dazu beitragen können, daß unserem Volke... diese seine Tracht lieb und werth gemacht werde". Dazu machte sich Heinrich Hansjakob an die jeweils mehrere Seiten umfassende Beantwortung folgender vier Fragen:

1. Wie sind die Volkstrachten entstanden?
2. Warum haben sie abgenommen?
3. Warum soll man sie erhalten?
4. Wie kann man sie erhalten?

Die Frage 1 beantwortet Hansjakob mit einem einer wissenschaftlichen Nachprüfung wohl kaum standhaltenden Geschwindmarsch durch die Entwicklung der mitteleuropäischen Kleidung von den Fellen der alten Germanen bis zu den "Ohnehosen" der Französischen Revolution.

 Den Rückgang der Trachten (Frage 2) läßt Hansjakob in der Idee der Französischen Revolution von der Gleichheit aller Stände seinen Anfang nehmen. In den rheinischen Gebieten, die Frankreich am nächsten liegen, seien die Trachten zuerst verschwunden. Neuerdings hätte die Mode aber auch auf andere Gebiete übergegriffen. Die Ursachen dafür versucht Hansjakob am Beispiel des Schwarzwaldes nachzuweisen. Zunächst sollen die Bewohner der kleinen Schwarzwaldstädte die Bauern angesteckt haben, wobei die "besseren Bauern", besonders die Bürgermeister, am anfälligsten gewesen wären. Die zweite Quelle des Niedergangs sieht Hansjakob in den Soldaten, die nach der Entlassung vom Militär nicht mehr zu ihrer früheren Tracht zurückkehrten. An dieser Stelle bemerkt er: "Also auch hier wieder die Mannsleute als Verächter der alten Volkstracht. Ihnen gegenüber sind in dieser Richtung die Frauen und Mädchen im Schwarzwald allen Lobes werth. Sie tragen sich fast noch durchweg nach der alten Tracht."


Hansjakob sieht allerdings ein, daß da, wo die Tracht bereits abgegangen ist, es vergeblich wäre, "eine Rückkehr zur alten Tracht zu predigen". Da wo sie noch existiert, möchte er ihr durch sein "Büchlein zu Hilfe kommen gegen den eindringenden Modeteufel". Wörtlich fährt er fort, eine kühne politische Analogie zum Vergleich heranziehend: "Man sagt mir vielleicht, es nütze nichts mehr. Wenn man sich durch die Hoffnungslosigkeit leiten ließe, so könnte wohl das Deutsche Reich seine ganze sociale Gesetzgebung auch unterlassen und alles, was gegen die Socialdemokratie geschieht - denn es gibt viele Leute, die da meinen, es helfe doch alles nichts mehr gegen die kommende sociale Revolution.

Jedenfalls ist es viel eher möglich, den Modeteufel von unseren noch bestehenden Volkstrachten abzuhalten, als eine sociale Revolution vom ganzen Staats- und Volksleben."

Für die Erhaltung der Volkstrachten (Frage 3) sprechen nach Hansjakob fünf Gründe. Zunächst läge deren Erhaltung im Interesse der Bauern selbst. Die Tracht wäre Ausdruck eines bäuerlichen Standesgeistes, eines Stolzes, den der Bauer anderen gegenüber zur Schau trüge. Hinzu kämen allerdings auch wirtschaftliche Überlegungen. Früher seien die jungen Leute auf dem Land wohlhabender gewesen, weil sie nicht ihr Geld an "das neumodische Zeug" gehängt hätten. Hansjakob sieht einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Ablegen der Tracht und dem Sinken des Wohlstandes. So seien z.B. Spessart und Hotzenwald früh von ihrer Tracht abgegangen und deshalb verarmt. Hier verwechselt Hansjakob aber ganz sicher Ursache und Wirkung. Von den Hotzenwäldern glaubt er, daß viele wegen ihrer Verarmung Fabrikarbeiter werden mußten, vergißt aber, daß die Arbeit in der Industrie für den übervölkerten Hotzenwald einen bedeutenden Fortschritt darstellte und viele von ihrem früheren Hungerdasein befreite. Hansjakob sieht aber selbst, "daß das Verlassen der alten Tracht allein an diesem Nothstand" nicht schuld sein kann.

Eine andere Begründung für das Beibehalten der Tracht findet Hansjakob in der Religion. Die Beseitigung der Volkstrachten hätte auch auf das religiöse Verhalten Einfluß gehabt. Viele hätten mit dem alten "Häs" auch den alten Glauben ausgezogen.

Als drittes führt Hansjakob staatspolitische Gründe ins Feld. Für ihn sind die Trachten "Vorwerke für den Bestand eines geordneten, erhaltenden (conservativen) Staatslebens". Wie auch sonst in seiner Schrift ruft er Wilhelm Heinrich Riehl zum Zeugen an, der den konservativen Charakter der Bauern unter anderem durch ihr Verhalten in der Revolution von 1848 bestätigt sah. "Der neumodisch gekleidete Bauer ist revolutionären Ideen weit geneigter als der alte Trachtenbauer." Wenn man aber weiß, daß sich Trachten eben nur in wohlhabenden Bauerngegenden entwickelt haben, was Hansjakob offenbar übersehen hat, dann liegt die Erklärung für das Verhalten trachtenloser Bauern nicht in der Kleidung, sondern in ihrer schlechten wirtschaftlichen Lage. "Solange der Bauer in seinem Sonderleben erhalten bleibt", sieht Hansjakob nicht die Gefahr einer "socialen Revolution". "Darum hat niemand ein größeres Interesse an der Erhaltung unseres Bauernstandes in Religion, Sitte, Tracht und Sprache als der bestehende Staat, die bestehende Gesellschaft."

Mit dem Interesse des Staates ist nach Hansjakob auch das gesellschaftliche verbunden. Aus dem Landvolk regeneriere sich die ganze Gesellschaft in religiöser, geistiger und physischer Hinsicht. "Wo soll aber die Nervenkraft und die Unverwüstlichkeit des Bauernwesens hinkommen, wenn die Bauernfrauen und -mädchen einmal allgemein Sonnenschirm und Corsets und die Burschen und Männer Sommer-, Frühjahrsüberzieher und wollene Unterkleider, Cylinder und Glacehandschuhe tragen?" fragt Hansjakob. Schließlich nennt er als letzte Begründung für die Erhaltung der Trachten "die Kunst und die Poesie". Damit meint er die Anziehungskraft, die Trachtengebiete auf Maler und Sommerfrischler ausüben.

Zur Frage 4, wie die Volkstrachten erhalten werden könnten, appelliert Hansjakob zunächst an die Landleute selbst, daß sie in ihren Häusern und Familien nicht dulden sollten, daß irgendjemand seine Tracht ablegt. Den Mädchen empfiehlt er, solche "Kameradinnen", die nach einiger Zeit in der Fremde ohne Tracht heimkehrten, zu meiden und zu verlachen. Auch sollten sie keinen Burschen heiraten, "der ein neumodisches Häs anzieht".

Die Landleute müßten daran denken, "daß sie mit ihren Volkstrachten nicht nur der Welt, sondern auch Gott eine Freude machen".

Der Bollenhut - Ein Symbol der Schwarzwälder Tracht bollenhut small

Da nach Hansjakobs Darlegungen alle Stände an der Erhaltung der Volkstrachten interessiert seien, müßten sie auch etwas dafür tun. So dürften Geistliche, Lehrer, Beamte und Ärzte keine Gelegenheit versäumen, dem Volk die alte Tracht anzuempfehlen "und hinzuweisen auf die Folgen, welche ein Verlassen der alten Tracht mit sich bringt". Auch Offiziere könnten bei ihren Rekruten auf das Beibehalten der Tracht hinwirken.

Hansjakob geht aber noch weiter und rät "Herren und Damen selbst wieder mehr zu den alten Trachten zurückzugehen". So meint er, es könnten sich "unsere Stadtdamen...z.B. in der Sommerfrische, in dieser frischen Tracht sehen lassen" und führt als leuchtendes Vorbild die junge Großherzogin Luise an, die er in den fünfziger Jahren in Gutacher Tracht durch das Kinzigtal fahren gesehen hatte. "Solche Beispiele ziehen im Volke. Es freut sich seiner Tracht, wenn es sie geehrt sieht."

Dienstherrschaften in den Städten, die Mädchen vom Land beschäftigten, sollten nicht dulden, daß diese zur Mode übergehen; "... denn die Mädchen werden, sobald sie die alte Tracht abgelegt haben, anspruchsvoller, unfolgsamer und nichtsnutziger als zuvor".

Nachtrag:

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Ihr Ortenauer


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