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Die Offenburger Mikwe im neuen Gewand


Ein würdiger Rahmen für ein einzigartiges Kulturdenkmal - Die Offenburger Mikwe im neuen Gewand

Vor nun fast zehn Jahren wurde in dieser Rubrik ein Denkmal vorgestellt, dessen Einzigartigkeit und überraschende Monumentalität nichts an Anziehungskraft verloren hat: das unterirdische jüdische Ritualbad in Offenburg. Aufgrund des zunehmenden Besucheraufkommens und Interesses an Gruppenführungen initiierte der Förderverein Archiv, Museum und Galerie Offenburg e.V. die Verbesserung der Zugänglichkeit. In diesem Rahmen wurde der bis dato feuchte, schimmlige und unansehnliche Gewölbekeller, von dem aus der Zugang zum Ritualbad erfolgt, durch die Eigentümerin des Gebäudes, die Wohnbau Offenburg GmbH, saniert.

Zusätzlich konnte der Gewölbekeller mit einer Dauerausstellung aufgewertet werden. Die Maßnahmen wurden ermöglicht durch die finanzielle Unterstützung der Stadt sowie der Kulturstiftung Offenburg, der Regionalstiftung der Sparkasse Offenburg, dem Historischen Verein Offenburg e.V. und privaten Spendern. Die Sanierung in Absprache mit der Unteren und Oberen Denkmalpflegebehörde und die Einrichtung der Dauerausstellung in Kooperation mit dem Museum im Ritterhaus stellt damit ein gelebtes Beispiel für die gemeinsame Umsetzung unterschiedlichster Projektbeteiligter in Sachen Denkmalschutz und Denkmaldidaktik dar.



Unter dem 1794 erbauten Gebäude Glaserstraße 8 erstreckt sich ein eindrucksvoller Gewölbekeller, der lange Zeit als Wein- und Mostlager diente. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Altertumskundler aufmerksam auf einen in die südliche Kellerwand eingelassenen Zugang zu einer geradläufigen Steintreppe. Diese führt 14 m in die Tiefe, wo sich der eigentliche Badeschacht mit einem quadratischen Tauchbecken öffnet. Die funktionale Bauweise lässt keinen Zweifel an der Ansprache des unterirdischen Bauwerks als jüdisches Ritualbad. Gläubige Juden nutzen solche Ritualbäder zur spirituellen Reinigung. Durch vollständiges Untertauchen des entblößten Körpers in "lebendiges Wasser", in Offenburg war dies Grundwasser, wird spirituelle Unreinheit aufgehoben. Aufgrund der Grundwasserabsenkung liegt der Badeschacht heute trocken und ist begehbar.

Die Bauweise der Offenburger Mikwe ist bislang mit keiner anderen vergleichbar, was eine Datierung über Analogieschlüsse erschwert. Die unterirdische Monumentalität des Bauwerks erforderte einen Bauaufwand, der am ehesten demjenigen mittelalterlicher Mikwen ähnelt. Stilistisch datierbare Werksteine aus der Zeit des 13. Jahrhunderts wurden allerdings zweitverwendet verbaut, weshalb Zweifel an einer Datierung in diese Zeit bestehen.

Ein verheerender Stadtbrand im Jahr 1689 zerstörte die obertägige Bebauung gänzlich, das Areal wurde in der Folge über 100 Jahre als Garten genutzt. Der Keller des Neubaus von 1794 stört nachweislich die ehemalige Zugangssituation zur Mikwe, weshalb sie aus der Zeit vor dem Stadtbrand stammen muss. Als Erbauungszeit werden in der Forschung entweder das 14. oder das 16./ 17. Jahrhundert diskutiert. Mit dem Neubau im Jahre 1794 erfolgte zudem eine Umnutzung des Badeschachts zur Brunnenstube; die ursprüngliche Funktion geriet in Vergessenheit.

Der feuchte und verschimmelte Gewölbekeller des klassizistischen Gebäudes war zuletzt wenig einladend. Der schimmeldurchsetzte Wandverputz wurde behutsam abgenommen, um die darunter liegenden Backsteinoberflächen möglichst nicht zu schädigen. Zusätzlich konnte mit dem Einbau einer automatisierten Belüftungsanlage und einem Luftentfeuchter das Raumklima bereits deutlich verbessert werden. Die freigelegten Backsteinwände, die Aufwertung der Zugangstreppe sowie eine darauf abgestimmte hölzerne Wegführung durch den Kellerraum schaffen nun eine freundliche und warme Atmosphäre. Im Außenbereich wurde der Zugang vom Hofniveau in den Kellerhals sicherer gestaltet. Die Mikwe selbst wurde in ihrem 2007 sanierten Zustand belassen und lediglich besser ausgeleuchtet.

Die feuchte Raumluft und die große Dimension des Kellers erforderten ein speziell darauf abgestimmtes Ausstellungskonzept. Große Leuchtwände statt gewöhnlicher Ausstellungstafeln empfangen und begleiten die Besucher auf ihrem Weg zum Mikweneingang. Acht großformatige Abbildungen weisen schon von Weitem auf die jeweils zugrundeliegende Thematik jeder Leuchtwand hin. In einer zweiten gestalterischen Ebene behandeln Texte, Pläne und Abbildungen die historisch greifbaren Erkenntnisse zur Anwesenheit von Juden in Offenburg und zu den in einer Mikwe vollzogenen Ritualen und deren religiöser Bedeutung. Weiter werden die Geschichte der Erbauung und Wiederentdeckung sowie die kunsthistorische Einordnung und Sonderstellung der Offenburger Mikwe erörtert.

Objektpräsentationen erscheinen aufgrund des feuchten Raumklimas sehr aufwendig, weil die Vitrinen klimatisiert werden müssten. Um die Präsentation dennoch aufzulockern, wurde neben dem wiederaufgebauten Brunnenkranz auch ein Diorama für museumsdidaktische Zwecke von Wolfgang Windisch und eine Kunstinstallation zum Thema der Geschirrreinigung von Angelika Nain eingebettet. Ein Lichtspiel bewegt dabei den Schattenwurf verschiedener Küchenutensilien und erinnert an das Eintauchen von Geschirr in "lebendiges Wasser". Dieser als "kaschern" bezeichnete rituelle Vorgang wird ebenfalls in Mikwen durchgeführt.

Abgesehen von der spannenden Baugeschichte ist die Offenburger Mikwe ein ungestörtes, authentisches Relikt jüdischen Alltagslebens, dem der nun sanierte Gewölbekeller einen adäquaten Rahmen für den Besuch des beeindruckenden Kulturdenkmals bietet.

Quellen:

1. Stefanie Fuchs/Annette Weber: „Dortim Geklüft ein Bad, zierlich in Säulen umreiht”, in: Ganz Rein! Jüdische Ritualbäder. Begleitband zur Ausstellung der jüdischen Museen Franken, Frankfurt am Main, Hohenerns und Wien, Wien 2010, 5. 25-37.
2. Peter Schmidt-Thome: Die Mikwe von Offenburg. Ein ungewöhnliches Baudenkmal unter der Erde, in: Nachrichtenblatt der Denkmalpflege 36/3, 2007, 5.190-192.
3. Monika Porsche: Die Offenburger Mikwe, in: Badische Heimat, 84, 2004, 5. 240-253.


Praktischer Hinweis:

Die Dauerausstellung und die Mikwe können im Rahmen von Führungen oder museumspädagogischen Angeboten besichtigt werden. Informationen sind erhältlich beim Museum im Ritterhaus Offenburg, Tel. 0781/82 2460 oder per E-mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.



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