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Die Außenwandmalereien an der ehemaligen Pfarrkirche von Hausach

Von Herrnann Sprauer - die Ortenau 1935 - S. 109 ff.

Alte pfarrkirche Hausach
Von den erhaltenen mittelalterlichen Wandgemälden innerhalb der ortenauischen Grenzen nehmen die Freskenspuren an der alten Pfarrkirche zu Hausach eine Sonderstellung ein. Sie sind, wenn man von dem durch verständnislose Restaurierung in seinem mittelalterlichen Charakter völlig entstellten Christophorusbild an der Kippenheimer Pfarrkirche absieht, die einzigen Zeugen spätgotischer Wandmalerei auf der Außenseite eines kirchlichen Gebäudes.

Dem unbefangenen Betrachter gelingt es erst nach eindringlicher Beobachtung, aus den grünen, ockergelben und rotbraunen Farbflecken zusammen mit den roten Umrißlinien, welche sich vereinzelt aus dem verwaschenen Verputz über dem Seitenportal mit dem romanischen Tympanonrelief hervorwagen, einen Bildzusamnrenhang zu finden. Man erkennt zwei sowohl im Inhalt als auch in den Größenverhältnissen voneinander unabhängige Bilder. Das eine befindet sich direkt über dem Portal, das andere erscheint rechts von diesem.

Betrachten wir zunächst das erstere. Aus dem Gewirr der vielfach unterbrochenen Linienzüge fällt der leidlich erhaltene Kopf eines jugendlichen, bartlosen, in natürlicher Größe gezeichneten Heiligen auf. Die Ernsthaftigkeit seines Ausdruckes und die Einfachheit der künstlerischen Mittel kennzeichnen ihn als das Werk eines Menschen mit Empfindung und Willen. Man entsinnt sich, ähnlichen Köpfen in den Werken der oberrheinischen Meister E. S. und Martin Schongauer begegnet zu sein. Das Zarte und Metallische der Linien, mit welchen der Hausacher Kopf gezeichnet ist, erinnert insbesondere an die Stil- und Materialeigentürnlichkeiten der Kupferstiche des ersteren, und es scheint, als wäre ein graphisches Blatt dieses Meisters als Bild auf die Wand übertragen worden. Links neben diesem Kopfe erkennt man die Glorienscheine von drei weiteren, frontal nebeneinandergereihten Heiligengestalten. Weitere anschließende Figuren sind auf dem an dieser Stelle leider nicht mehr ganz gesunden Putz nicht zu erkennen, was jedoch deren ursprüngliches Vorhandensein nicht ausschließt.

Während dieses Bild rein linear aufgebaut ist, zeigt das zweite Farbspuren. In einem grünlich schimmernden Wasser schreitet eine barfüßige, riesenhafte, über vier Meter hohe Gestalt. Ihr Schreiten ist so lastend und schleppend dargestellt, wie wir es in ähnlicher Weise nur aus mittelalterlichen Bildern des hl. Christophorus finden. Dieser wurde im 15. Jahrhundert sehr oft auf die Außenwände der Kirchen, besonders neben den Eingang, gemalt. Dies hatte seinen Grund nicht nur darin, weil hier die Möglichkeit bestand, den heiligen Riesen in beeindruckender Größe darzustellen, sondern auch in dem Glauben des Mittelalters, daß derjenige, welcher das Bild des hl. Christophorus am frühen Morgen ansah, an diesem Tag von einem überraschensden Tode (Pest) verschont blieb. Ob wir es bei der Hausacher Figur mit einer Darstellung dieses Heiligen zu tun haben, und ob die Form, welche sich rechts von der Gestalt befindet und von dieser überschnitten wird, als Wasserrad gedeutet werden darf, kann erst eindeutig entschieden werden, wenn eine Freilegung der Fresken stattgefunden hat.

Die Frage nach dem Meister der Hausacher Malwerke muß vorerst, wie bei den meisten mittelalterlichen Wandgemälden, offen bleiben. Es spricht viel dafür, daß die zwei Werke, deren Entstehung in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts festzusetzen ist, zwei verschiedenen Meistern zuzuschreiben sind.

Die Festlegung der Entstehungszeit der Bilder vor das Jahr 1514 verändert die bisherige von Wingenroth aufgestellte Baugeschichte der Hausacher Pfarrkirche. Wingenroth nahm an, daß die ursprüngliche Kirche des 12. Jahrhunderts im Jahre 1514 vollständig abgebrochen wurde und einem Neubau Platz machen mußte, von welchem das Langhaus erst nach Erstellung des Chorbaues und des Turmes erbaut wurde, und zwar, da die Mittel ausgegangen waren, in ganz einfacher Ausführung. Mit der Datierung der Bilder in das 15. Jahrhundert nimmt die Entstehungsgeschichte einen anderen Ablauf. Die ursprüngliche romanische Kirche steht noch. Sie ist das heutige Langhaus. Ob sie über ihrem Altarranm einen Turm besaß, ähnlich wie in Freistett, Burgheim und Wittelbach, welcher der Erweiterung im Jahre 1514 zum Opfer fiel, oder einen apsidialen Chorabschluß hatte, könnte durch Grabungen festgestellt werden. 1514 wurden der mit einem spätgatischen Netzsystem überwölbte Chorraum und der seitlich gelagerte Turm angefügt. Bei dieser Erweiterung wurde das Langhausdach erhöht und dem spitzeren Giebelwinkel des Chorbaues angeglichen. Diese Überhöhung ist an der Giebelwand über dem Hauptportal heute noch deutlich sichtbar.

Ein alter Bauer des Hausacher Kirchspiels, mit dem ich in ein Gespräch kam, wußte zu erzählen, daß in den letzten 60 Jahren die Bilder nun zum dritten Male zum Vorschein kommen, nachdem sie jeweils wieder übertüncht worden waren. 

Malereien aussenwand Alte pfarrkirche Hausach
In ganz ähnlicher Weise scheint man im Innern verfahren zu haben, denn dort stößzt man unter mehreren Schichten Tünche auf Spuren von Wandbildern. Das kleine Stück, welches ich untersuchte, ließ weniger auf mittelalterliche als vielmehr auf barocke Malerei schließen.

Die alte Hausacher Kirche hinterläßt heute einen verlassenen Eindruck. Trotzdem wäre es mehr wie wünschenswert, wenn man bei der nächsten Instandsetzung der Kirche die Außenwandbilder nicht einfach wieder übertünchen, sondern durch einen erfahrenen Restaurator freilegen würde.

grundriss 2

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