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Ihr Ortenauer

Das Geroldsecker Land im Frühschein der Geschichte und Kultur von Willi Hensle, Lahr - Badische Heimat 1968, S. 81 ff.


Stets war die Ortenau der Ungunst der Natur wegen ein an Besiedlung armer Landstrich gewesen. Was die Frühgeschichte über unsere engere Heimat zu berichten weiß, ist daher recht wenig und beruht nicht auf schriftlicher Überlieferung und geschriebenen Quellen. Unser Wissen verdanken wir vielmehr den spärlichen, meist zufälligen Bodenfunden, die je nach der Haltbarkeit der bearbeiteten Werkstoffe in Stein, Bronze oder Eisen auf uns gekommen sind und uns nur bedingte, oft auch vielerlei Deutungs- und Rückschlußmöglichkeiten offen lassen. Leider haben die Gebrauchsgüter des alltäglichen Lebens, aus vergänglichen Stoffen und Materialien wie Holz, Knochen, Leder hergestellt, die Jahrtausende, ja Jahrhunderttausende nicht überdauert, so daß die auffallend große Fundarmut eine absolute Frühgeschichte für das Kreisgebiet von Lahr nicht zuläßt und ihre Abfolge nur in größeren historischen Zusammenhängen gesehen werden kann.

Nach einem langen erdgeschichtlichen Werdeprozeß über Jahrmillionen und Jahrmilliarden hinweg kam der frühe Mensch erst spät in unsere Gegend, um sich dieses Landstriches zu bemächtigen. Dabei mußte er sich mit dem auseinanderzusetzen beginnen, was dieser Raum von Natur aus ihm zum Leben bot und was er von ihm abverlangte. Mit der Beherrschung ihres Lebensraumes und ihrer Zeit aber begannen diese frühen Menschen das allgemeine Geschehen mitzugestalten, geschichtlich zu wirken. Doch seit dem Leben und Kämpfen des Heidelberger Menschen, dem ältesten fossilen Menschenfund in Europa, ist es noch ein langer Weg bis hin zum frühesten Frühschein unserer abendländischen Kultur; und die Wegstrecke aus der Zeit des homo heidelbergensis bis Christi Geburt ist 270 mal so lang wie die Zeitwegstrecke von Christi Geburt bis heute. Aber auch die Epoche der umherschweifenden Rentier- und Mammutjäger am Oberrhein liegt für unsere Gegenwart annähernd zehn- bis zwanzigmal weiter zurück als das originalhistorische Geschehen von Bethlehem.

Ehe wir nach den Anfängen des menschlichen Daseins in unserer engeren Heimat fragen und wissen wollen, wie diese frühesten Menschen unseren heimatlichen Raum angetroffen, wie sie die von der Natur ihnen vorgezeichnete Umwelt gemeistert haben, müssen wir zuvor ein Bild davon zu zeichnen versuchen, wie es die verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft zusammengefügt haben. Bei dem dreistufigen Aufbau unserer heimatlichen Landschaft lagert sich vor das Grundgebirge unseres Schwarzwaldes, dem in unserem Bereich noch vielfach der Buntsandstein aufgeschichtet liegt, der mehr oder weniger breite Streifen des fruchttragenden Lößhügellandes, das bald mehr, bald weniger in das vom Rhein und seinen Nebenflüssen geformte Niederungsland hinausragt. Nicht immer hatte der Rhein wie heute sein festgelegtes Flußbett, nicht immer fanden die Nebenflüsse in gleichbleibendem Verlauf den Weg zum Hauptstrom in der Mitte der Ebene. Durch die Rheinkorrektion und die Errichtung von Hochdämmen und Entlastungskanälen noch in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ist diese alles überflutende Wirkung des alten Rheins und seiner Nebenflüsse größtenteils aufgehoben. Immer wieder lesen wir von einem eiszeitlichen Strom, einem gewaltig dahinziehenden Wasserlauf von Süd nach Nord. Er zog dahin zwischen den vor dem Schwarzwald liegenden Lößvorbergen und den rheinwärtszu gelegenen Niederterrassen, um die vom Gebirge fließenden Schmelzwasser am Fuß der Vorberge zu sammeln.

Steinbeile der jüngeren Steinzeit aus Lahr, Ottenheim, Nonnenweier (Heimatmuseum Lahr)Kinzig-Murg-Strom nennt die Wissenschaft diesen diluvialen Wasserlauf. Parallel zum damals schon strömenden Rhein floß er einstens mäandrierend nordwärts, wie es bescheiden auf der anderen Rheinseite die Ill heute noch auf weite Strecken tut. Als nicht mehr so gewaltige Wassermengen zu Tal rauschten, löste sich dieser Strom in einzelne Flüsse auf; sie hatten sich durch ihre herangeschwemmten Schottermassen und aufgebauten Schotterfächer beim Austritt aus dem Gebirge selbst den Weg versperrt. Es bildeten sich unsere heute noch existierenden Flüsse, die in nordwestlicher Richtung dem Rhein zuströmen. Das alte Flußbett aber bildete verlandende Sümpfe und nasse Wald- und Wiesenstreifen, die immer wieder in jährlichen Überschwemmungen und Hochwassern unter Wasser gesetzt wurden und dabei die wenigen höher liegenden Bodenwellen wie Inseln umflossen. Sie allein waren sicherer Boden, auf dem ein Mensch bleiben konnte; auf diesen Landrücken konnte er sich bewegen, und über sie ziehen auch späterhin die alten Wege und Versorgungsstraßen. Sumpf kennzeichnete daher größtenteils seit frühester Zeit unseren Raum. Bei dem damals vor über 100.000 Jahren herrschenden feuchtwarmen Klima und dem so überaus nassen Boden gedieh ein Wald, der weder gerodet, geschweige denn gepflegt wurde, so daß der großen Wassermenge wegen und auch wegen der gewaltigen darunter lagernden Geröllmassen an eine Trockenlegung nicht gedacht werden konnte. Daher können wir für eine menschliche Besiedlung dieses unseres Lahrer Raumes in frühester Zeit auch keine großen Erwartungen hegen, zumal die Hochwasser des Rheins, der einstens ja bis zum Mahlberger Basaltklotz seine Wasser schickte, die Hochwasser der Bleich, Unditz, Schutter und Kinzig dauernde Veränderungen der Bodenoberfläche mit sich brachten, die älteste Dauersiedlungen bei uns einfach ausschließen, nicht möglich werden ließen.

Wenn wir daher vergleichsweise Siedlungs- und Kulturkarten betrachten, die anhand und aufgrund gemachter Bodenfunde früher Kulturepochen entstanden sind, sind wir zunächst betroffen über die Siedlungsarmut unserer Ortenau im Vergleich zu der Menge der Funde und damit der Besiedlungsintensität im Breisgau, im Kraichgau oder gar drüben jenseits des Rheins; denn das linke Rheinufer war in seiner Bodenstruktur stets für eine Besiedlung günstiger und damit auch von den frühen Menschen mehr bevorzugt. Und diese Tatsache blieb Tatsache von der Steinzeit bis weit in das Jahrhundert der alemannischen Landnahme vor rund fünfzehnhundert Jahren.

Die südliche Ortenau während der frühen Steinzeiten

Jahrzehntausende sind seit dem errechneten Lebensdatum des Heidelberger Vormenschen aus der ersten Zwischeneiszeit vor rund 530.000 Jahren vergangen. Nichts wissen wir von Menschen dieser älteren Altsteinzeit in unserer Gegend und ebensowenig von ihrer Art zu leben und ihrer Kultur. Auch aus der jüngeren Altsteinzeit, die wir mit ihrem Wechsel vom tropisch-feuchten Waldklima zum trocken-kühlen Steppenklima in die abklingende letzte Zwischeneiszeit zwischen 130.000 und 115.000 v. Chr. datieren, deren Menschen zunächst mit aufgelesenen groben oder roh zugehauenen, später dann mit feinbehauenen, kantenbearbeiteten Faustkeilen ein Universalgerät zum Hauen, Schneiden und Schaben aus Feuersteinknollen sich geschaffen hatten, ist bei uns nichts bekannt. Der Neandertalermensch als Träger dieser Steinkultur ist im Raum der gesamten Ortenau nicht nachweisbar, ebensowenig der später wohl aus dem Osten hinzugekommene, mit unserer heutigen Art mehr verwandte Typ von Cro-Magnon und von Aurignac, obwohl diese Lößmenschen weit verbreitet Jahrzehntausende lang ihr gleiches, unstetes Leben gelebt haben und dabei ihre Werkzeuge und Gerätetechnik immer mehr verfeinerten. Am Rande des zurückweichenden und wieder vorstoßenden Eises hausten sie gegen Ende der letzten Warmzeit bis weit über die Mitte der letzten Eiszeit hinaus, etwa zwischen 100.000 und 10.000 Jahre v. Chr., in inzwischen klimaveränderter, wenig fruchtbarer, steppenartiger Gegend und jagten die großen Rentierherden, das Mammut, das Wollhaarnashorn, den Bison und Wildpferde. Daneben bestritten sie mit Sammeln der wildwachsenden Früchte ihren Lebensunterhalt. Menschliches Kulturgut, das anderswo in knochengeschnitzten Dolchen, gravierten Geweihstangen oder auch bemalten Höhlenwänden zu uns spricht, finden wir aus der gesamten Altsteinzeit bei uns hier nicht, jedoch am Tuniberg bei Munzingen, am Ölberg südlich Freiburg, in der Petershöhle bei Engen und droben am Hochrhein in der Thaynger Höhle haben sie Lebens- und Kulturspuren hinterlassen. Dagegen werden mancherlei Reste fossiler Art, Reste des Rentiers, ganze Stoßzähne, Fußknochen und im Kies und Geröll abgerundete, zerkleinerte Backenzähne des Mammuts immer wieder aus dem Löß unserer Landschaft am Schutterlindenberg, bei Ettenheim, Ringsheim, Wallburg, auch um Offenburg und in den Kies- und Baggergruben des Rheintales gefunden und lassen diese für uns menschenleere, menschenarme Altsteinzeit in der Vorstellung etwas lebendiger werden.

Bronzeäxte Lahr; Hohberg, unbekannt, Ottenheim (Heimatmuseum Lahr)
Bronzeäxte Lahr; Hohberg, unbekannt, Ottenheim (Heimatmuseum Lahr)

Restlos verschwindet mit dem Abschmelzen des letzten Eises nicht nur die Tundravegetation, sondern auch die eben gezeichnete Kultur der älteren Steinzeit aus der Mitte Europas, weil mit den die Kälte liebenden Pflanzen und Tieren wie Mammut, Höhlenbär, Ren und Schneehasen auch der von ihnen abhängige Mensch seinen Schauplatz gewechselt hat. Damals entstand der Bodensee in seiner heutigen Gestalt, als er die Schmelzwasser der sich auflösenden Gletscher in seine Becken aufnahm. Da in der von 10.000 bis 3500 v. Chr. dauernden mittleren Steinzeit sich die Flora und die Fauna, die Pflanzen- und Tierwelt, erneut änderte, neue dichte Wälder mit Kiefern, Birken, Haseln, Eschen, Ulmen, Eichen und Buchen entstanden, und die bei uns bekannteren Wildtiere wie Bären, Hirsche und Rehe, Wildschweine, Rinder, Füchse und Wildkatzen diesen Wald nun belebten, lebten nicht nur am fischreichen Bodensee, sondern sicherlich auch bei uns in Mittelbaden in Rheinnähe oder am alten Kinzig-Murg-Fluß auf trockenen Sanddünen und tonigen Bodenschwellen mittelsteinzeitliche Menschen und kannten, wie droben am Bodensee nachgewiesen, ovale Reisighütten mit Feuerstellen. Deutlich lassen die Funde, sie sind gering genug, nicht nur die geringe Besiedlung der Ortenau in jener Zeit erkennen, sondern auch die Veränderungen an den Werkzeugen beobachten vom groben Feuerstein zu feineren Steinwerkzeugen in Form von Klein- und Kleinstgeräten, wie es uns der Hornsteinklingenfund und der Schaber aus Hofweier, je ein Schaber aus der Lahrer Wasserklamm und aus dem Offenburger Raum sowie die mesolithische Pfeilspitze vom Lützelhard zeigen. Sonst aber wissen wir so gut wie nichts vom hier lebenden Menschen jener Mittelsteinzeit zu berichten.

Seßhafte Ackerbauern und Viehzüchter

Ein gewaltiger Umbruch im menschlichen Leben und in seiner Kulturentwicklung zeigte sich zwischen 3500 und 1800 v. Chr. in der jüngeren Steinzeit; in ihr fand der Mensch den großen Übergang vom unsteten Sammler- und Jägerdasein zur Seßhaftigkeit des Ackerbauers und Viehzüchters. Wer die Überbringer dieser bäuerlichen Kultur mit Hacke und Pflug waren, wissen wir nicht. Die Wissenschaft sieht Hirten- und Bauernvölker aus den Bereichen der schon weiter entwickelten asiatischen Hochkulturen während des 4. Jahrtausends bei uns eingewandert, die auf ihren Wegen donauaufwärts die dünnbesiedelten und für die Schweinezucht bestens geeigneten Eichenwaldungen und die zum Ackerbau anreizenden Lößgebiete vorfanden, die hier blieben, um schließlich die alte, zahlenmäßig sehr geringe mittelsteinzeitliche Bevölkerung zu absorbieren.

Einen großen technischen Fortschritt offenbaren die zahlreicheren Funde dieser Zeit. Noch immer ist der Werkstoff der Feuerstein, der im oberbadischen Isteiner Klotz in trefflicher Qualität entstand. Dort fand man 1939 wohl das erste und älteste Bergwerk Deutschlands, in dem Jaspisknollen zur weiteren Verarbeitung en gros abgebaut und in einen sich entwickelnden Tauschhandel gebracht wurden. Nicht mehr nur zur plumpen Schlagvergrößerung der Faustkraft ausgelesen oder grob und roh zubehauen finden wir jetzt die Geräte; sie sind fortan differenzierter bearbeitet: geschliffen, gesägt, poliert, weiterhin retuschiert, durchbohrt, so daß sie als Lanzen- und Pfeilspitzen verwendet, als Beile und Hämmer mit Holz oder Hirschhorn leicht geschäftet werden konnten. Gerade das Lahrer Heimatmuseum besitzt einige sehr schöne Exemplare z. T. durchbohrter jungsteinzeitlicher Beile und Steinhämmer; sie stammen aus Nonnenweier, Ottenheim und Ichenheim, aus Oberschopfheim und Lahr. Noch mehr wären vorhanden, wenn die Menschen vor hundert, ja noch vor fünfzig Jahren in ihrem Aberglauben nicht Amuletts, Zaubermittel gegen Blitz und Einschlagsgefahr in ihnen gesehen hätten und daher solch seltene "Donnerkeile" als Talismane im Hause verborgen hielten. Ferner erweist sich in der Lahrer Sammlung das prachtvolle Stück einer Hand- oder Schrotmühle aus zwei wuchtigen Granitsteinen, 1886 im reinen Buntsandsteingelände des dortigen Altvaters gefunden, als frühgeschichtlicher Beleg für die inzwischen eingetretene Seßhaftigkeit jungsteinzeitlicher Getreidebauern. Wenngleich sich bei uns keine hölzernen Geräte und Gefäße über die Jahrtausende hinweg erhalten haben, so zeigen doch die im Bodensee und in den Schweizer Seen gemachten Funde das Vorhandensein von Schüsseln, Tellern, Löffeln, Schöpfkellen aus Holz, aber auch schon aus Ton. Und Gewebereste, ebenfalls dort geborgen, verraten uns, daß der jungsteinzeitliche Mensch bereits zu spinnen und an einfachen Webstühlen zu weben imstande war.

Vorläufer unserer europäischen Völker

Gewaltige ethnographische Umschichtungen von weitester Bedeutung vollzogen sich in der Jungsteinzeit auch im süddeutschen Raum. Im Bodenseegebiet lebte ein vielleicht noch mittelsteinzeitlicher Bevölkerungsrest, dem wir die Pfahlbaukulturen zuschreiben. Ihm gesellten sich von der mittleren Donau her ackerbautreibende "Bandtöpfer" des donauländischen Kulturkreises zu, die mit ihren bandartig geschwungenen Tongefäßverzierungen bis in den Kaiserstuhl und in den Breisgau zu verfolgen, in der Ortenau jedoch nur wenig anzutreffen sind. Aus Mitteldeutschland kamen um die Mitte des 3. Jahrtausends als Träger einer beachtlichen eigenständigen Kultur die sogenannten "Rössezer" nach Süddeutschland, gekennzeichnet durch die eigenartige Tiefstichkeramik zur Verzierung ihrer Gefäße. Auch sie schienen die Lößgebiete bevorzugt zu haben; den Kampf mit den bandkeramischen Wanderbauern hatten sie wohl kaum gesucht. Tulpenähnliche Becherformen charakterisieren die Kulturgruppe, deren Leitformen man im Kraichgau auf dem Michelsberg bei Untergrombach erstmals entdeckt hatte. Diese "Michelsberger" schufen sich befestigte Höhensiedlungen, wohl weil sie, wie wir heute annehmen, gegen Übergriffe der "Bandtöpfer" und "Rössener" sich verteidigen mußten. Mit den ihnen in vielem wesensverwandten, wenn nicht gleichartigen Pfahlbauern aber hatten sie sich anscheinend friedlich vertragen. Je nach ihrer kulturschaffenden Siedlungsgewohnheit im Löß oder im feuchten Niederungsland wissen wir daher aus den so zahlreichen Pfahlbaufunden über ihre Lebensweise besser Bescheid; Bescheid über Geräte, Hausformen und Ernährung aus Jagd, Fischfang und Ackerbau.

Zu all diesen Bevölkerungsgruppen, deren damalige Namen wir nicht kennen und die wir deshalb nach auffallenden Zier- und Waffenformen oder nach wichtigen Fundorten benennen, traten im weiten mitteldeutschen Raum noch die an ihren schnurverzierten Gefäßen greifbaren "Schnurkeramiker"; durch ihren Lebensstil und ihre feingeschwungenen, kantiggeschliffenen Hammerwaffen standen sie dem im Norden Deutschlands ansässig gewordenen bäuerlichen Streitaxtkulturkreis sehr nahe.

Bronzezeitlicher Steinhammer von Schutterwald (Landesmuseum Karlsruhe)Weitere Zuwanderer aus Südwesteuropa, die als erste Metall verarbeiteten, fanden mit Pfeil und Bogen bewaffnet aus Spanien den Weg ebenfalls zum Rhein, wo sie auch zwischen Kaiserstuhl und Mahlberger Buck durch ihren aus Horn gearbeiteten Daumenschutz für die linke Hand nachgewiesen sind. Die nach ihren glockenförmigen Gefäßen benannten "Glockenbecherleute" brachten als wanderndes Händlervolk mit dem Kupfer das erste Metall, um den Übergang von der alten Steinepoche in die neue Zeit mit ihrem neuen Werkstoff Bronze einzuleiten; denn nach den vielen negativen Erfahrungen mit dem reinen, aber viel zu weichen Kupfer hatten sich schließlich 9/10 Kupfer und 1/10 Zinn als optimale Legierung erwiesen.

Bis zum Ende der Jungsteinzeit waren auf friedliche oder kriegerische Weise alle genannten Völkerschaften miteinander verschmolzen oder zusammengewachsen zu neuen Gemeinschaften, den Vorläufern der späteren europäischen Völker. An den Küsten der Nord- und Ostsee bildete sich das Volk der Germanen, besser der Urgermanen; südlich davon entstanden aus der Vielzahl der aufgeführten Bauernvölker die Kelten, besser die Urkelten, und ostwärts von diesen registrieren wir den sich entwickelnden Kulturkreis der Illyrer.

Die Ortenau - Durchgangsland in der Bronzezeit

Hauptsächlich als Viehzüchter betätigten sich die Urkelten, die Träger der jungen Bronzekultur; in Gruppen oder vereinzelt hatten sie sich auf den Lößflächen Süddeutschlands festgesetzt und auch auf den tonig-mergeligen Böden der Niederterrassen sich aufgehalten. Wenngleich Bronzebeile in Ottenheim und Rust, in Ortenberg, Kehl und Rheinbischofsheim gefunden wurden, in einer Erdspalte am Hohbergsee bei Lahr man ein bemerkenswertes Exemplar einer Lappenaxt mit einem seitlichen Ring entdeckte, so sind weitere Bronzefunde in unserem Gebiet doch recht spärlich. Allerdings konnte in Griesheim bei Offenburg ein interessanter Hortfund geborgen werden; sicherlich gehörte die Musterkollektion an Bronzeäxten einem fahrenden Händler, der über die unsicheren Zeiten hinweg wohl nicht mehr zu seinem Depot mit der versteckten Handelsware zurückkam.

Unsere Ortenau war in der Bronzezeit vor knapp 4000 Jahren vermutlich nur Bindeglied, Durchgangsland gewesen für die hüben und erst recht drüben auf der anderen Rheinseite zahlreicher siedelnden Kulturträger der gleichen Art. Allgemein bestatteten sie ihre Toten unter flachen Erdhügeln, wie sie im elsässischen Hagenauer Forst häufiger feststellbar sind als bei uns. Da das zu verarbeitende Metall als nicht bodenständig importiert werden mußte, blieb man noch lange Zeit bei dem altgewohnten Steinmaterial; die metallene Form jedoch war inzwischen so modern geworden und so gefragt, daß die Werkzeugmacher gegossene Äxte und Hämmer in Stein kopierten und um der Konkurrenzfähigkeit willen kopieren mußten. Sie taten dies in einer Exaktheit und Genauigkeit ohnegleichen, was uns vor dem Können dieser frühen Handwerker erstaunen läßt. Haargenau wurden die Facetten, die Gießnuten, in Stein nachgearbeitet, die Rundungen nachgeschliffen; sogar die beim Arbeiten mit dem verhältnismäßig weichen Metallwerkzeug entstandenen Deformierungen wurden sinnlos und unverstanden in der Kopie nachgeformt. Der Steinhammer von Schutterwald ist dafür ein bestes Beweisstück.

Gegen 1250 v. Chr. drang ein illyrisches Bauernvolk aus dem Ostalpen- und Donauraum mit der Sitte der Totenverbrennung erobernd in Süddeutschland ein. Totenasche und Brandreste wurden in Urnen beigesetzt, Speise und Trank als Totenopfer in auffallend kleinen Gefäßen gesondert beigegeben. "Urnenfelderleute" nennen wir die Anhänger dieser Kultgepflogenheit am Ende der Bronzezeit. Ganze Siedlungen und ausgedehnte Friedhöfe wurden im südwestdeutschen Raum erschlossen, so droben in der Baar und im Hegau bei Singen; ebenso konnten am Kaiserstuhl bei Burkheim, am Tuniberg bei Merdingen, in der Gemarkung Herbolzheim und südlich Lahr bei Altdorf Urnenbestattungen festgestellt werden. Sonst aber ist eine intensivere Beeinflussung, ein stärkeres Einströmen von Urnenfelderleuten im Lahrer Bereich nicht nachzuweisen. Als Bauern hielten sie sich vorweg an die ertragreichen Böden im Hegau, in der Nordschweiz, auch in unserer Rheinebene und am Kaiserstuhl. Da die damalige Zeit sehr unruhig gewesen sein mußte, finden wir noch vielfach ihre befestigten Anlagen auf Höhen und Bergrücken wie auf dem Isteiner Klotz, auf dem Burgberg bei Burkheim am Kaiserstuhl, hinter deren Wällen und Gräben sie sich verteidigen konnten. Vielleicht haben auch droben auf dem Lahrer Burghard schon Urnenfelderleute Verteidigungspositionen bezogen, wie dort aufgefundene Urnenfelder Keramikscherben vermuten lassen.

Zu Herren geworden verschmolzen diese Urnenfelderleute allmählich wieder mit der alteinheimischen Bevölkerung, die zäh an ihrem Totenkult der Erdbestattung festgehalten hatte. Aus ihrer Vereinigung entstand ein geschlossenes Volkstum, das stark gegliedert, staatlich geordnet eine neue eindrucksvolle Kultur entwickelte, deren Hochstand wir ebenfalls aus den Gräbern erkennen können. Wie einst in der frühen Bronzezeit wurden die Toten wieder in Hügelgräbern bestattet, die der Volksmund oft als Heidengräber bezeichnet, wie überhaupt die Vergangenheit das ihr Geheimnisvolle, Unerklärliche, Ungeheuerliche leicht und gern mit Heidnischem in Verbindung brachte.

Hallstattkeltischer Wohlstand der frühen Eisenzeit

Für Waffen und Geräte brachte das Jahrtausend v. Chr. einen neuen Werkstoffwechsel; denn auch die Bronze wurde durch das den Illyrern bereits bekannte harte Eisen verdrängt. Unter Beibehalten der Grabhügelbestattungen entstand eine keltisch-illyrische Mischkultur, und unmerklich wechselte die jüngere Bronzezeit in die ältere Eisenzeit über, die in Hallstatt im Salzkammergut besonders fundreich gewesen ist, so daß wir diese neue Epoche zwischen 900 und 450 v. Chr. als Hallstattzeit charakterisieren. Hallstattgrabhügel finden sich auch bei uns im badischen Raum. Viele davon, zu flach angelegt, sind vom Pflug längst eingeebnet, andere vom Wasser weggeschwemmt oder vom Winde verweht; weitere sind noch gar nicht erforscht. Fundreich ist wiederum der Kaiserstuhl, wo uns Fundorte in Ihringen, Endingen und Riegel bekannt sind. Erforscht sind die Grabhügel von Appenweier, Scherzingen bei Kehl, Söllingen und Hügelsheim im nördlichen Mittelbaden. Für den Kreis Lahr ist der Grabhügel von Meißenheim interessant, der an der Straße nach Ichenheim dank seiner geschützten Lage im Wald die Jahrtausende einigermaßen überdauert hat. Mehrfach waren Brand- und Erdbestattungen in ihm nachzuweisen. Noch gut erhalten fanden sich Bronzearmbänder mit roher Strichverzierung, Armringe aus Gagat und Lignit sowie anderer Schmuck aus Tonperlen, Bernstein und durchsichtigem Glas. Sonst aber haben die Bestattungen und all ihre anderen Beigaben durch die Nässe und Bodenfeuchte doch allzusehr gelitten.

Die in Hallstatt dichter als anderswo lebenden Salzbergleute und Salzhändler entwickelten bereits recht früh einen flotten Salzhandel ostwärts bis an den Rhein und darüber hinaus ins Elsaß. Dem alten Rheinübergang bei Kappel muß dabei eine besondere Bedeutung zugekommen sein. Die Hallstatter Zeit hatte es allgemein zu beachtlichem Wohlstand gebracht, der sich in der Art und Form trefflicher Eisenwaffen, an auffallendem Schmuck in reinem Gold und vergoldeter Bronze zeigte. Diese Epoche wurde geradezu zu einer materiellen Blüte- und Wohlstandszeit, in der das Arbeitsteilungsprinzip mit speziellen Berufen wie Bronzegießer, Töpfer, Goldschmied, Händler und anderen erkennbar sich weiterentwickelt, weitergebildet hatte.

Armreif von Söllingen und Gagatringe aus Meißenheim (Landesmuseum Karlsruhe)Wir erkennen in den sich nach und nach organisierenden politischen Stammesgebilden rangmäßig herausgehoben fürstliche Geschlechter und Sippen; anders sind die großen, mit wertvollen Beigaben ausgestatteten Grabhügel der Hallstattzeit nicht zu erklären. Solch ein Fürstengrab, es ist nicht das Geringste und Unbedeutendste unter den wissenschaftlich erforschten, besitzt der Kreis Lahr bei Kappel am Rhein. Leider ist der Erhaltungszustand dieses nicht alltäglichen, frühgeschichtlichen Hügelgrabes so desolat, daß man befürchten muß, seine Lage im Gelände bald nicht mehr erkennen zu können. Bis vor kurzem war der Erdhügel, der ursprünglich einen Durchmesser von 74 Metern und eine Höhe von 2,50 Metern einnahm, gut zu lokalisieren. Heute jedoch wird er, durch Regen und Wind stark abgeflacht, durch Pflug und Egge tüchtig eingeackert, bald verschwunden sein. Leider sind auch seine reichen, kostbaren Grabbeigaben nicht alle erhalten geblieben. Was zweieinhalb Jahrtausende lang der Boden unberührt verwahrt hatte, erregte nach seiner Bergung im Karlsruher Landesmuseum menschliche Besitzgier. Ein Teil des wertvollen Goldschmuckes wurde gestohlen und ging für immer verloren; nur ein Rest konnte zerschnitten und zerkleinert in letzter Minute bei einem Juwelier vor dem Einschmelzen wieder sichergestellt werden. Dennoch aber beweisen diese Reste von Armreifen, Halsringen und Broschen den Geschmack, das Stilempfinden und das künstlerische Können jener Goldschmiede, die die Kunst des Punzierens und Ziselierens meisterhaft beherrschten.

Es muß sich bei dem in Kappel Bestatteten um einen Vornehmen, um einen Edlen, gehandelt haben, dessen Hofhaltung sicherlich von der bäuerlichen Siedlung bei Meißenheim versorgt wurde, der in seinem Prunkgewand in einer aus mächtigen Eichenbohlen im Blockhausbau gefertigten Grabkammer beigesetzt worden war. Trinkgefäße, Gold- und Bronzeschmuck, Waffen, einen bronzebeschlagenen Ledergürtel, eine Bronzeschüssel und eine aus Griechenland importierte Bronzekanne hatte man dem vornehmen Toten mit in sein Grab gegeben. Selbstverständlich gehörten mit auf die ewige Reise Dolch und Eisenmesser als Waffen, vor allem ein Wagen mit Bronze- und Eisenblech beschlagen, weil damals schon das gehobene Ansehen gehobene Lebensansprüche voraussetzte, und demnach auch die Beigaben für das Jenseits sich nach den Bedürfnissen des Diesseits ausrichteten.

Als Wegzehrung erhielt der "Edle von Kappel" ein geschlachtetes Schwein mit auf die Todesfahrt. Abschließend wurde die Grabkammer verschlossen und mit einem Erdhügel aus herangeschafftem braungelbem, fettem Lehm wie beim späthallstättischen Hohmichele bei Saulgau, dem größten Grabhügel Süddeutschlands, überdeckt.

Kleidung, Schmuck, Waffen und Gerät dieser Hallstattkelten sind uns durch zahlreiche Funde von der Schwäbischen Alb und aus Frankreich bestätigt. Der Mann trug das lange, zweischneidige Schwert und den kurzen Dolch, auch ab und zu eine Lanze. Gekleidet war man mit wollenen oder linnenen Gewändern, die durch Bänder und bunte Borten verziert waren. Halsringe, Armreifen, bronzene oder goldene Gewandnadeln erzählen von der Schmuckbegeisterung jener Menschen; und dieser Schmuck konnte nicht groß und nicht schwer genug sein.

Wenn aus den Grabhügeln von Kappel und Meißenheim auch nicht alles gut erhalten die Zeiten überdauert hat, so wissen wir doch aus Funden ähnlicher Art vom Schwäbisch-Fränkischen Jura sowie aus Ost- und Mittelfrankreich ganz genau über die beigegebenen Schüsseln und Kannen einiges auszusagen. Fremde, südliche Importware sind eindeutig die rottonigen Schalen, die Kannen und Weinkrüge, die Oinochoen, in denen auf der uralten Handelsstraße von Massilia (Marseille) aus Wein als Beiladung, vielleicht im Tausch gegen Salz, Bernstein oder auch Sklaven, durch das Rhônetal und die Burgundische Pforte herangebracht wurde. Es sind kostbare Stücke, die uns zeigen, wie weit die Kunstfertigkeit des Südens auch bei den Reichen nördlich der Alpen gefragt und begehrt war.

Aufbruch des Keltentums der Latènezeit

Inzwischen begann um das Jahr 400 v. Chr. die große Keltenbewegung, die eine ungemein gewaltige Umschichtung der Menschen in Europa mit sich brachte. Wir finden Kelten in ganz Süddeutschland, im Alpenvorland, in Gallien; sie überschreiten den Kanal und erobern England und Irland. Wir finden sie im Mittelmeerraum, wo sie mit der Einnahme Roms und dem Ausspruch ihres sieggewohnten Anführers Brennus "Wehe den Besiegten!" von sich reden machen. Andere Kelten ziehen durch den Balkan, nach Griechenland und Südrußland und setzen sogar als die historischen Galater nach Kleinasien über. Überall aber war ihre Herrschaft nicht von allzulanger Dauer.

In unserem südwestdeutschen Siedlungsraum setzten sie sich auf den bisher bewohnten guten Siedlungsplätzen auf dem Löß an den Gebirgsrändern fest, an den Talausgängen, am Kaiserstuhl, im Kraichgau sowie am Neckar und zwangen langsam, aber zielstrebig die dortigen Reste der Hallstattbevölkerung zur Unterwerfung. Vor allem am Rhein pflegten sie wie ihre Vorgänger neben dem Ackerbau den organisierten Umschlag von Waren, die weiterhin aus dem Süden über Massilia durch die Rhône-Saône-Senke und die Burgundische Pforte nach dem Norden kamen. Besonders Wein kam wieder an den Rhein und an die obere Donau. Auch die Schmuckfreudigkeit, insbesondere das Tragen der Halsringe, wurde beibehalten, ja geradezu zu einem nationalen Symbol des Keltentums schlechthin. Aus solchen Beobachtungen können wir daher ein langsames Hinübergleiten der Hallstattwelt in die Keltenwelt von Latène ableiten, benannt nach dem am Neuenburger See in der Schweiz aufgefundenen umfangreichen Depot von geschmiedeten Eisenwaffen.

Goldschmuck aus dem Grabhügel der Edlen von Kappel (Landesmuseum Karlsruhe)
Goldschmuck aus dem Grabhügel der Edlen von Kappel (Landesmuseum Karlsruhe)

Zwischen Rhein, Main und Schwarzwald, berichtet der römische Schriftsteller Tacitus, sollen die Kelten als erste geschichtlich bekannte, faßbare Völkerschaft gesiedelt haben. Doch haben wir nur wenig Bodenfunde dieses Volkes bei uns im engeren Raum überkommen. Mit Funden aus Gamshurst und Windschläg, Friesenheim und Oberschopfheim, Herbolzheim und Riegel sind die Kelten in ihrem Dasein bei uns immerhin belegt. Den wichtigsten und schönsten Fund jedoch machte man im nahen Mahlberg, wo im letzten Krieg in der die Landschaft weithin beherrschenden Mahlberger Bodenschwelle ein keltisches Mädchengrab mit kostbarem Schmuck geborgen werden konnte. Allgemein enthielten die meisten Funde nur wenig an Scherben sowie Knochen von Pferden, Rindern, Schweinen, Schafen und Ziegen. Dennoch waren die Kelten zu Gemeinschaftsleistungen und Gemeinschaftssiedlungen fähig, wie die Volksburg von Tarodunum bei Zarten im Dreisamtal, die den ideal zu verteidigenden Zufluchtsort für beispielsweise 15000 Menschen bildete, oder der Ringwall auf dem Battert bei Baden-Baden oder auch der doppelte Wall droben auf dem Burghard bei Lahr beweisen, ebenfalls groß genug, in Zeiten der Not und Gefahr das Volk und seine Herden aufzunehmen, aber auch stark genug, einen feindlichen Angriff verteidigend abzuwehren; denn jene Zeiten müssen recht kriegerisch gewesen sein. Trotz aller Keltenwanderungen vermuten wir nur eine spärliche, dünne Keltenbevölkerung in unseren Oberrheinlanden, weil durch eine Verschlechterung des Klimas gerade unser Ortenauer Gebiet stark unter der Nässe und Feuchtigkeit zu leiden hatte. Und dennoch gaben hüben wie drüben am Oberrhein diese Kelten einer großen Zahl von Bergen, Ortschaften und Wasserläufen Namen ihrer Sprache wie Belchen, Zarten, Breisach, Dreisam, Brigach, Glotter, Neumagen u. a., auch der Schutter, selbst der Donau und dem Rhein.

Seit dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert befanden sich die Kelten, zu denen wir auch die Helvetier rechnen müssen, auf dem Rückzug weg vom Oberrhein hin zum Süden und nach Westen; denn von Norden drängte ein landsuchendes Volk in den sich entleerenden Raum, drängten von der mittleren Elbe über das obere Maingebiet die germanischen Sueben und Semnonen auch in unsere nicht gerade dicht bewohnte Gegend, in der sie jedoch der Bodenbeschaffenheit und der Abhängigkeit von Wasser und Überschwemmungen wegen nur sehr schmale Zonen für eine Dauerbesiedlung antrafen. Daher strebten sie bald unter ihrem Stammeskönig Ariovist ins obere Elsaß vor, wobei sie zwischen Colmar und Straßburg in der Waffenbegegnung mit dem Römer Caesar geschlagen und verlustreich wieder über den Rhein zurückgedrängt wurden; denn auch Rom hatte die Absicht, seine Herrschaft im goldreichen Gallien bis zum Rheinstrom auszudehnen. Das gallische Keltentum aber geriet so letztlich zwischen die Kraft des sich ausweitenden Römerreiches und das neuen Lebensraum suchende Volkstum der Germanenstämme und wurde zerrieben.

Fürderhin aber blieb nach dieser für das Abendland wichtigen Begegnung das Gebiet zwischen Rhein und Schwarzwald weitgehend menschenleer, weil die helvetischen Kelten aus ihrem bisherigen Siedlungsbereich am Rhein südwärts abgezogen waren; und sicherlich waren auch die Reste des geschlagenen Suebenheeres zu ihren Stammesgenossen weiter nordwärts an den unteren Neckar wieder zurückgekehrt, so daß der hellenistisch-römische Gelehrte und Schriftsteller Prolemaios aus Alexandria das von den Kelten verlassene und darum sehr dünn besiedelt zurückgelassene Gebiet am Oberrhein mit "Helvetischer Einöde" bezeichnen konnte.

Frontland der VIII. Legion

Die rivalisierende Begegnung zwischen Ariovist und Caesar bildete gleichsam den Auftakt zur römischen Besetzung unseres Gebietes seit der augustäischen Zeit von Straßburg aus. Und Rom hat wahrlich nicht wenig Spuren bei uns hinterlassen. Nicht nur kamen Legionäre zur militärischen Absicherung, sondern mit ihnen kamen Kolonisten, die allenthalben Gutshöfe errichteten. Nachgewiesen ist ein solcher Hof bei Sulz im fruchtbaren Vorgelände südlich Lahr, wo man als wertvollstes Stück eine römische Bronzefibel fand. Nicht zu Unrecht vermuten wir einen römischen Gutshof bei Kippenheim und auch droben auf der Burgheimer Höhe nahe der Burgheimer Kirche, wo man unter anderen Funden auf einen römischen Brunnen gestoßen war. In der südlichen Ortenau sind zahlreiche Einzelfunde gemacht worden, seien es Münzen, Scherben in Sigillata, Ziegel, Mauerreste. Allein in Lahr, wo man schon immer eine größere Römersiedlung angenommen hatte, ergab sich im Gewann "Mauerfeld" eine solche Menge von Funden, daf diese Römersiedlung jetzt als bewiesen zu gelten hat, wenngleich ihre Ortsbezeichnung noch nicht festgestellt werden konnte. Ein excellenter Fund wurde in jüngster Zeit geborgen, als gut erhaltene Fundamente römischer Töpferöfen freigelegt wurden. Einer von ihnen besaß einen Mauerring aus grob hergerichteten Sandsteinen im Durchmesser von etwa zwei Metern. Der über die Feuerung gelegte Boden und die

über das Ganze einst gemauerte Lehmglocke zur Aufnahme des Tonbrandes waren allerdings abhanden gekommen; denn nur was tiefer als das Pflugschartenniveau in der Erde lag, blieb erhalten. Auch entdeckte man Tonentnahmegruben bis zu 1,8 m Tiefe und nahebei neben allerlei Handwerksgerät ganze Mengen von Fehlbränden, mißglückter grober, dickwandiger Gebrauchskeramik und sonstige Tonscherben, Bestandteile von Krügen und Vorratsgefäßen, also unverkäufliche und daher weggeworfene Makulatur. Die hier hergestellte Gebrauchskeramik war mit einer charakteristischen und daher für Lahr typischen Randbildung gefertigt, daß man in Fachkreisen gleichsam von einer "Lahrer Form" spricht, die das Versorgungsgebiet der Lahrer Werkstätten leicht abgrenzen läßt. Bekannt waren bisher Riegel und Hüfingen in der Baar als rechtsrheinische römische Töpferzentren; nun war man in Lahr mitten in eine weitere, umfangreiche Töpferwerkstätte am Oberrhein aus dem 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. gestoßen, von deren Vorhandensein man durch schon früher aufgefundene Bruchstücke mit Herstellerzeichen und Brandstempeln wohl wußte. In Lahr arbeiteten Meister mit Namen Janus und Satto: ein anderer nannte sich Comitualis Bessere Qualitätsware hingegen wurde aus dem Unterelsaß von drüben herübergehandelt, wo in Ittenweiler ein Meisterkeramiker namens Cibisus seine prächtigen Reliefschüsseln in Terra sigillata fertigte; nicht selten liest man seinen Prägestempel "Cibisus fecit". Nach all dem kann der Beweis als erbracht gelten, daß Lahr-Dinglingen keine nur sporadisch und nur zeitweise besetzte Militärstation zur Absicherung des Schutterüberganges und zur Aufrechterhaltung des Straßenverkehrs war, sondern bereits zu einer Dauersiedlung der Römer und ihrer Hilfskräfte mit Handwerkercharakter sich entwickelt hatte; und römische Brandgräber, an der heutigen Bundesstraße 3 gefunden, bekräftigen diese Annahme. Daß in der Dinglinger Siedlung keltische Tradition weiterlebte, läßt die grobe, grauschwarze, einfach verzierte, bodenständige Gebrauchskeramik, vor allem aber ein 1820 beim Bau einer Schutterbrücke gefundener bronzener Gefäßgriff mit grotesken Tierfratzen und Tierfiguren erkennen, der solche dem Keltenschmuck allgemein eigentümlichen Misch- und Fabelwesen in guter Arbeit aufzeigt.

Keltischer Ringwall auf dem Burghard bei LahrAuch im Raum Offenburg gab es zahlreiche Römerfunde. So zog man bereits 1778 den Grabstein des Centurio Lucius Valerius Albinus, Hauptmann einer thrakischen Kohorte, aus den Wassern der Kinzig, fand man einen Meilenstein der um 74 n.Chr. von Straßburg hergeführten Straße, den Torso eines römischen Soldaten, Tonlampen in Mengen, wirtschaftliche Gefäße und weitbauchige Amphoren. Das bedeutendste Fundstück aber ist doch wohl eine silberne Statuette des Kaufmanns- und Handelsgottes Merkur. Überall entstanden im rechten Oberrheinland Niederlassungen der Römer, angefangen vom Enz-, Pfinz- und Kraichgau über den Ufgau, hier in der Ortenau, auf den Hochflächen der Baar und ganz besonders droben am Hochrhein und im Bodenseegebiet. Neben größeren Siedlungen in Offenburg, Gengenbach und Dinglingen wissen wir neuerdings von einem provinzialrömischen Zentrum im benachbarten Diersburg, kennen wir viele kleine und kleinere Wohnplätze in Sulz, Zunsweier, Elgersweier, Hofweier, Niederschopfheim, Kippenheim und anderen Orten. Und da die Römer seit eh und je leidenschaftliche Badefreunde waren, haben sie auch die warmen, heilbringenden Wasser von Baden-Baden und Badenweiler sich zunutze gemacht.

Römische Gebrauchskeramik der "Lahrer Form"In den Museen in Lahr und Offenburg finden wir als Handelsware der Römer Eisenbarren, Luppen genannt. Gewonnen waren sie in einfachem Verfahren; heutige Hitzegrade konnte man noch nicht erzeugen, aber die damals erlangte Hitze genügte, das Eisen zähflüssig und teigig abzuscheiden; und diese Masse, eben die Luppen, wurden vor dem Weiterverarbeiten so gehämmert, daß die darin verbliebenen Schlackenreste absprangen.

All die schon genannten Orte waren meist im Zusammenhang mit den der römischen Realpolitik entsprechenden Sicherungsmaßnahmen wie Kastellbauten und den Anlagen von Straßen entstanden. Augusta Raurica bei Basel, Straßburg als Argentorate, Mainz (Moguntiacum), Rottweil (Arae Flaviae) waren Mittelpunkte der römischen Besatzungsmacht, so daß gute und rasche Verbindungen notwendig waren. Durch römische Meilensteine und später durch Leugensteine, der übernommenen keltischen Leugenmaße (2,22 km) wegen so benannt, waren diese Militär- und Versorgungsstraßen gekennzeichnet. Eine Römerstraße verlief auf dem alten Handelsweg von Basel über den Schlingener Berg, weiter über Müllheim den Vorbergen entlang nach Riegel und über den Mahlberger Buck, auf dem zweifelsohne eine Beobachtungs- und Signalstation sich befand, an Kippenheim vorbei über Dinglingen, Offenburg, Achern bis Baden-Baden. Einige Jahrzehnte früher schon war unter Vespasian (69 / 79) die Straßenführung von Straßburg über Kehl und Offenburg die Kinzig aufwärts über Gengenbach, Biberach, Schiltach nach Rottweil angelegt worden. Ob Querverbindungen zwischen dieser Kinzigtalstrecke und der Rheintalstraße durch das Schuttertal und das Unditztal bestanden, ist anzunehmen, aber noch nicht völlig erwiesen, wenngleich in Prinzbach und auf dem Schönberg, in Ettenheimmünster und auf dem Streitberg römische Münzen gefunden wurden.

Alles in allem lassen die zahlreichen Funde im Raum Lahr, besonders in Altdorf, Burgheim, Sulz, Diersburg und Dinglingen den Schluß zu, daß im Lahrer Kreisgebiet die Römer nach der Anlage des Limes, der als militärische Sicherung des Rheins und der Donau errichtet worden war, doch stärker von diesem Landstrich am Oberrhein Besitz ergriffen haben und ihn mit Veteranen besiedelten. Dies Zehntland war besonders seit Trajan (98 / 117) kaiserliche Domäne. Und in dem an sich schon immer bevölkerungsarmen Land rechts des Rheins ließen sich zunehmend auf den Pachtäckern Roms, den agri decumates, Kolonisten und Pächterveteranen nieder, die ein Zehntel von ihren Erträgnissen an den kaiserlichen Fiskus abzuliefern hatten. Die im Land Verbliebenen sahen beim Römer den Hausbau aus Stein und andere Praktiken, lernten die Rebe und mit ihr den Weinbau, aber auch mit den feineren Obstsorten den Obstbau kennen. Und manches römische Wort mischte sich in die damalige Umgangssprache.

So fand die römische Kultur rechtsrheinisch auch bei uns Eingang, und mit den Legionären der VIII. Legion, die mit ihrem Hauptquartier in Straßburg stationiert war und von der ein Truppenteil in Dinglingen lag, kam sicherlich auch bald in ersten Ansätzen das Christentum; denn bereits im 4. Jahrhundert hören wir von Straßburg als einer bischöflichen Residenz.

Die alemannische Landnahme

Aus Landnot hatten suebisch-germanische Volksstämme ihre ursprünglichen Wohngebiete an der mittleren und unteren Elbe verlassen und sich wie einst die Cimbern und Teutonen nach dem Südwesten und Süden in Marsch gesetzt. Vom Neckarraum aus beabsichtigten sie in stammesmäßigen Einzelgruppen weiter über den Rhein vorzudringen, wobei sie unter ihrem Stammeskönig Ariovist im Jahre 58 v. Chr. die Begegnung mit dem Römer Caesar hatten. Semnonen nennt später der Schriftsteller Tacitus diese Gruppe. Sueben und Semnonen jedoch verschwinden mit ihren Namen aus dem Schrift- und Sprachgebrauch des 2. Jahrhunderts; statt dessen vernehmen wir hinfort den bei uns bekannteren Namen des neu entstandenen Stammesverbandes der Alemannen, dessen letzter Sinn noch nicht eindeutig geklärt werden konnte. 213 tauchte der Gemeinbegriff Alemannen erstmals auf, als diese germanischen Menschen im Maingebiet gegen den Limes antraten, von den Truppen Kaiser Caracallas (211 / 217) aber wieder zurückgeworfen werden konnten. Zwanzig Jahre lang war der Alemannen Kraft gebändigt, man könnte auch sagen, bereiteten sie sich auf einen nächsten Angriff gegen den ihren Ausdehnungsdrang einengenden römischen Grenzwall vor. 233 gelang dann ein erster Durchbruch nördlich der Donau. Von hier an nennt die Geschichte laufend wechselvolle Kämpfe mit Erfolgen und Mißerfolgen auf beiden Seiten. Mehr und mehr aber zeigten sich die Alemannen als die Stärkeren, die Entschlosseneren; und etwa von 260 an ergossen sie sich nach dem Fall des römischen Bollwerkes in unser Land am Oberrhein. Dabei mieden sie das Überschwemmungsgelände des Rheins ebenso wie die bewaldeten Höhen der Gebirge, so daß sich für die landsuchenden, kriegerischen Alemannen auch nur knappe Besiedelungsmöglichkeiten ergaben, und die lagen auf dem schmalen, lößbedeckten Vorhügelland und auf den Niederterrassen vor dem Bruch- und Riedgelände. Die vormals hier ansässige Bevölkerung, teils keltischer, teils römischer, jedenfalls welscher Herkunft, hatte sich tiefer ins Gebirge geflüchtet, tiefer in den Wald; und Namen wie Welschensteinach künden heute noch davon. Sicherlich mag der oder jener als Handwerker trotzdem geblieben sein, um römische Techniken in Ton und Stein an die Alemannen weiterzugeben, die mehr eine Vorliebe für den Holzbau und für Holzgeräte besaßen. Trotz der Vergänglichkeit dieses Werkstoffes wissen wir das aus dem großen alemannischen Gräberfeld von Oberflacht bei Tuttlingen. Einmalig speicherten dort die Bodenschichten das Wasser und blieben daher stets und gleichmäßig feucht; und die hölzernen Geräte, sogar die überaus feine Harfe des "Sängers von Oberflacht", blieben erhalten. Wahrlich ein seltener Glücksumstand für unsere heimatliche Frühgeschichte.

Keltisch-römischer Gefäßgriff von Lahr / Dinglingen (Landesmuseum Karlsruhe)
Keltisch-römischer Gefäßgriff von Lahr / Dinglingen (Landesmuseum Karlsruhe)

Um 350 waren weite Teile am Oberrhein erobert; die erfolgreichen Alemannen stellten an den damaligen, an der Front anwesenden Caesar und späteren Kaiser Julian (361 bis 363) die Forderung, dies linksrheinische Gebiet ihnen endgültig zu überlassen, was aber der römische Feldherr ablehnte. Im Vertrauen auf ihre körperlichen und militärischen Kräfte traten sie 357 unter Führung zweier Stammeskönige, als Chnodomar und Vadomar sind sie überliefert, bei Straßburg zum Kampf an. Ihn beschreibt eingehend der römische Hofhistoriograph Ammianus Marcellinus als Begleiter Julians. Hart und erbittert war das Ringen; doch einen Sieg der Alemannen vereitelte in letzter Minute der Einsatz einer römischen Reservetruppe aus germanischen Hilfsvölkern. Nur wenige Alemannenkrieger konnten sich auf Nachen und Flößen über den Rhein zurückretten; ihnen folgten die siegreichen Römer zu letzten Racheunternehmungen. Aber die Alemannen wurden dadurch nicht niedergerungen; im Gegenteil, ihre Kraft gegen die Römer mehrte sich, so daß Roms Legionäre gezwungen waren, ihre Grenzkastelle zu verstärken, um sie nach weiteren und immer stärkeren Angriffen von seiten der Alemannen schließlich doch zu räumen. Diese Ereignisse bringen wir mit dem vor wenigen Jahren aufgefundenen kostbaren Silberschatz von Kaiseraugst in Verbindung. 405 vollzog sich ein neuer alemannischer Vorstoß über den Rhein, um das linksrheinische Land für die Zukunft fest in die Hand zu bekommen.

Terra sigillata aus der Werkstatt des "Janus" (Heimatmuseum Lahr)
Terra sigillata aus der Werkstatt des "Janus" (Heimatmuseum Lahr)

Bis zu den Vogesen und bis hin zum Alpenrand der Schweiz erweiterten so die alemannischen Gau- und Sippengemeinschaften ihr Siedlungsland, das vom Maingebiet aus über den Neckarraum seinen Anfang genommen hatte. In der sonnigen, fruchtbaren Lößhügelzone entstanden zwischen 450 und 520 schon viele der "-ingen-Orte", die als alemannische Ursiedlungen anzusprechen sind. Zahlreicher sind sie im Breisgau, wo wir ihre großen Reihenfriedhöfe kennen, sehr gering sind sie in der Ortenau, wo am Schutterlindenberg Reihenbestattungen bekannt sind. Vom Breisgau her ziehen diese Alemannenorte in langer Kette den Vorbergen entlang nordwärts in unseren mittelbadischen Raum; Haltingen, Tüllingen, Buggingen, Gundelfingen, Denzlingen, Emmendingen, Mundingen, Teningen, Köndringen, Malterdingen, Hecklingen, Kenzingen und Dinglingen seien hier genannt. Nicht minder zahlreich sind die "-ingen-Orte" rund um den Kaiserstuhl und am Tuniberg: Ihringen, Endingen, Bahlingen, Bötzingen, Opfingen, Munzingen, Rimsingen, Merdingen. Bald folgen neue Siedlungen, die "-heim-Orte": Heitersheim, Buchheim, Bleichheim, Ettenheim, Kippenheim, Mietersheim. Auffallend ist, daß sich auch die "-heim-Orte" der Ortenau auf das Vorberggelände und auf die Niederterrasse verteilen, wenn nicht konzentrieren. Hingegen finden wir sie nicht im Sumpfgelände des Rieds und im Gebirge.

Wenn man die "-weiler-" und "-weier-Orte" lange Zeit und grundsätzlich auf das Vorhandensein einer früheren römischen Villa zurückführte, so ist man heute doch des Glaubens, es mit Tochtersiedlungen von einem älteren Nachbarort zu tun zu haben, die vielfach auf Gemarkungsgebiet der älteren Siedlung entstanden sind: Kippenheim und Kippenheimweiler, Ettenheim und Ettenheimweiler machen diesen Schluß deutlich genug.

Immer mehr wurde durch die wachsende Menschenzahl das bisher weithin unbenutzte und unbesiedelte Land erschlossen. Doch den ersten Ausbau vervollkommnen weitere Ansiedlungen, die wir an den Endungen auf "-hofen", "-bach", "-berg" oder "-dorf" wie bei dem abgegangenen Ort Höfen und bei Odelshofen, bei Wittelbach, Seelbach, Kuhbach, Reichenbach, Mahlberg oder Altdorf ersehen können. Das offene, freie Gelände war langsam besiedelt, und nur durch Trockenlegen von Sumpfniederungen oder durch Rodungen im Gebirgswald konnte neues Siedlungsland geschaffen werden. Im frühen Mittelalter unterzogen sich die Kirche der Rodung, Flamen oder Friesen als Katastrophenflüchtlinge der Trockenlegung des Bodens; aber auch besiegte und zwangsumgesiedelte Volksgruppen widmeten sich dieser Aufgabe, wie die vielen "-hurst-" und "-tung-Orte" im südwestlichen Ortenaugebiet und im Hanauerland beweisen.

Weil die Alemannen in einzelne, selbstbewußte Einzelstämme ohne geschlossene, zentrale politische Organisation sich gliederten, fehlte ihnen und ihrem Siedlungsraum natürlich auch eine gemeinsame Mitte. Und der Schwarzwald als umgangenes, unwegsames, unerschlossenes Bergland bis ins 13. und 14. Jahrhundert förderte noch mehr diese Trennungstendenzen. Was den Römern hoch und heilig war, verabscheuten sie, so daß deren Errungenschaften rasch wieder in Vergessenheit gerieten. Statt der Steinhäuser römischer Art bevorzugten sie den einfachen Riegelbau germanischer Art, eine in unserem alemannischen Fachwerk weiterlebende Kombination aus Holz und Lehmziegel, der ohne Spuren zu hinterlassen zerfallen konnte. Im allgemeinen, so kann man sagen, mieden die Alemannen bei ihrer Landnahme und Besiedlung auch die Stätten früherer Römerbesiedlungen, wie wir dies bei der Entstehung des alemannischen Dinglingen hangaufwärts nördlich der Schutter beobachten können. Dabei blieb das von den Römern südlich des Schutterlaufs einst bewohnte Gelände im Mauerfeld von den Alemannen völlig unberührt, ja es verödete, so daß erst durch Brücken- und Hausbauten der letzten hundert Jahre, erst recht in den jüngsten Jahren der intensivierten Westausdehnung Lahrs dies und das vom römischen Erbe wieder zu unserer Kenntnis und in unseren Besitz gelangte.

Vierpaßspange aus dem Alemannengrab von BurgheimAllzuviel Alemannenfunde sind in unserer Ortenau nicht gemacht worden, weil die frühen Alemannensiedlungen eben kontinuierlich von den heutigen Dörfern und Städten überbaut sind. In Resten fand sich in Lahr ein zierlicher, silberner Halsschmuck, der als der älteste, früheste Alemannenfund der Ortenau gilt. In Nonnenweier stieß man auf zwei bunte Tonperlen, wie sie mit Bernstein zusammen im Offenburger Raum zutage traten. Besonders zahlreich waren am Ende des 18. Jahrhunderts alemannische Waffenfunde in Altdorf, die aber ihrer Güte wegen schon im letzten Jahrhundert an das Britische Nationalmuseum in London veräußert wurden. Reihengräber am Schutterlindenberg gaben Waffen und neben anderem Schmuck gut erhaltene Gürtelspangen und Gürtelschnallen in gediegener Ausfertigung preis.

Ein Fund aber darf nicht unerwähnt bleiben: ein Alemannengrab aus Burgheim mit seinem noch nicht restlos aufgeklärten Reihenfriedhof aus dem 6. und 7. Jahrhundert; es ist als vorchristliche Bestattung ohne Zusammenhang mit der später erstandenen Kirche anzusehen, wenngleich es im Kircheninnern ausfindig gemacht wurde. In diesem völlig unberührten Grab fanden sich wie bei anderen, allerdings ausgeraubten Nachbargräbern römische Ziegelsteine und Architekturteile, so daß die Nähe eines römischen Bauwerks, eines Gutshofes oder einer kleinen Siedlung sicher ist. Als Wohnstätten mieden die Alemannen solche Plätze; sie führten daher die römische Wohntradition nicht fort. Nicht selten jedoch suchten sie verlassene römische Ruinenstätten als Begräbnisplätze für ihre Toten aus; zumindest benutzten sie römische Bautrümmer zum Anlegen der Grabstätten. Unser Grab, dem 7. oder frühen 8. Jahrhundert wohl zuzuweisen, enthielt die Bestattung einer ohne Zweifel hochgestellten Frau, der nach vorchristlichem Brauch reicher Schmuck ins Grab mitgegeben wurde. Als besonders wertvoll enthielt es eine Vierpaßspange als ziselierte Einlegearbeit in der stark merowingischen Kunstrichtung der späten Völkerwanderungszeit neben Ohrringen, Armreif, Ketten und anderem Schmuck. Erst durch strenges Verbot Karls des Großen kam der altheidnische Brauch, den Toten Geräte, Schmuck und Speisen fürs Jenseits mitzugeben, außer Übung. Das Grab der reichen, vornehmen "Burgheimerin" war durch ein nachbestattetes Kindergrab vor dem Zugriff späterer Grabräuber geschützt. Leider sind alle anderen Gräber rundum gewaltsam geöffnet und leergeplündert; lediglich im Grundwasserschlamm eines ebenfalls beraubten Männergrabes fanden sich neben einem fast erhaltenen Kamm ein besonders wertvoller Gewandnadelkopf und einige Perlen.

Alemannen und Franken im Kampf um die Herrschaft

Der Ausdehnungsdrang der Alemannen wurde zu Beginn des 6. Jahrhunderts von den fränkischen Merowingern, von den merowingischen Franken nach Süden abgedrängt, als diese unter ihrem König Chlodwig (481 / 511) selbst eine gewaltige Ausweitungspolitik betrieben, die um so mehr Erfolg hatte, weil dieser herrschsüchtige Stammeskönig in brutaler Weise alles seinem gewaltigen Willen und Plan unterordnete, die Alemannen hingegen einen lockeren Verbund von Stammeskönigen und Sippenfürsten unter dem Schutz des Ostgotenkönigs Theoderich darstellten. In der europäischen Schlacht von Zülpich verloren die Alemannen 496 mit dem Sieg auch weite Gebiete ihrer eroberten Lande. Noch behielten sie unter Theoderichs Schutz ihre Selbständigkeit, wurden aber hinter die Oos-Murg-Linie zurückgedrängt, die noch bis in unsere Zeit Sprachgrenze zwischen dem Alemannischen und Fränkischen geblieben war. Gerade dadurch vollzog sich die umfassendere Besiedlung der Landstriche südlich der Oos.

536 schon kam durch Vertrag der Merowinger mit Theoderichs Erben das gesamte Alemannenland bis zur Schweiz unter die Oberhoheit der Franken. Dafür erhielten die Ostgoten gegen ihre feindlichen oströmischen Nachbarn militärische Hilfe und verzichteten so auf das Protektorat über die alemannischen Gemeinschaften. Im Gegensatz zu diesen suchten die Franken das römische Kulturerbe zu erhalten, ja daran anzuknüpfen. Man vermutet daher heute, daß die Alemannen aus ihren bisherigen Streusiedlungen in geschlossene Wohnsitze nach römischer Weise zusammengezogen, zusammengezwungen wurden, um das Land und seine Bewohner besser und straffer verwalten und beaufsichtigen zu können. Dies zu tun, kamen fränkische Adelige nach Alemannien, denn immer wieder stellten sich die alemannischen Herzöge und Edelinge gegen eine fränkische Oberhoheit und fränkischen Zwang. Und immer wieder kam es zu blutigen Auseinandersetzungen, zusätzlich aus religiösen Gründen; denn auch entgegen dem Befehl der fränkischen Oberherrn hielten die Alemannen am altheidnischen Glauben und Brauchtum zäh fest. Es kündet nachträglich noch eine Tafel auf dem Altdorfer Friedhof von dem Ringen des Jahres 712, als die Alemannen unter ihrem Stammesherzog Willehar gegen die fränkischen Krieger unter Pippin dem Mittleren, dem Urgroßvater Karls des Großen, antreten mußten und es auf beiden Seiten große Verluste gegeben haben soll. "Ob Alemannen oder Franken, jedenfalls waren es Deutsche", kündet lapidarisch die Totentafel. Aber zwei Jahre später dezimierte ein Blutbad den 714 nach Cannstadt zu einem Fest geladenen altalemannischen Adel, den Widerstandsgeist und Eigenwillen der Alemannen zu brechen. Und 748 war dies soweit.

Die Franken mit ihrem Zentralismus hatten die größere Stärke; sie besiegten nicht nur ihre alemannischen Brüder, sondern auch die Thüringer, Bayern und sogar die Sachsen; ebenfalls sorgten sie besonders seit Karl Martell für eine christliche Missionierung ihrer Lande. Um der Herrschaftssicherung willen nahmen die fränkischen Könige Güter und Besitztümer alemannischer Edler in Eigenbesitz, um aus diesem so vermehrten Königsgut Teile an verdiente weltliche wie geistliche Grundherren weiterzugeben. In Burgheim, Oberschopfheim und Friesenheim sieht der bekannte Flurnamenforscher Langenbeck derartige Königsgüter, in deren Mitte ein Herrenhof gestanden habe. Deshalb seien diese Orte auch nicht wie sonst üblich nach Sippenältesten benannt worden; vielmehr waren für Burgheim, den überlieferten "Burgstall", namengebend die römischen Trümmer, zu denen der 1955 entdeckte, aber noch nicht freigelegte Brunnen, auch Reste von Terra sigillata und die zum Ausbau der frühesten Burgheimer Kirchengräber gehörenden Materialien zuzuzählen sind.

Daß die Franken keine Heiden als Verwalter und Gaugrafen in die unterworfenen Gebiete geschickt haben, ist anzunehmen. Daher vollzog sich unter solch christlich-fränkischen Wegbereitern und vor allem unter ausdrücklichem königlichem Schutz die langsame Christianisierung, wobei wir vor allem an dem Herrenhof von Burgheim eine zum Hof gehörende, vom Grundherrn selbst errichtete, anfangs bescheidene Holz- oder auch Steinkirche annehmen dürfen. Die Herren von Burgheim haben als unmittelbare Dienstmannen der Franken diese Kirche nicht nur bauen lassen, sondern auch mit genügend Land und Einkünften dotiert, womit sie fürderhin auf diese ihre Eigenkirche ihren Einfluß und ihre Rechte begründeten.

Epitaph von Altdorf phot. W. Hensle, Lahr
Epitaph von Altdorf phot. W. Hensle, Lahr

Sicherlich waren auch Franken in das einstige nördliche Alemannien eingewandert und darüber hinaus weiter nach Süden gekommen. Mit ihnen kam im Zuge der Christianisierung auch deren Vorliebe für besondere Heilige zu uns. Gerade den Franken galt der heilige Petrus sehr viel; ihm hatten sie auf ihren Feldzügen in Italien den Kirchenstaat, das patrimonium Petri, zum Geschenk gemacht. Nicht minder verehrten sie ihren Nationalheiligen, den heiligen Reitersmann Martin von Tours, dessen Gedächtnistag als Zinstag besonders herausgestellt war. Diesen beiden Heiligen wurden die frühesten Kirchen geweiht, und auch im Lahrer Kreis sind mit der Mutterkirche der Schuttertalgemeinden in Burgheim eine Petruskirche und im alten ehemaligen Dinglinger Gotteshaus eine Martinskirche zu nennen.

Goldener Halsring aus dem Hügelgrab bei Kappel
Goldener Halsring aus dem Hügelgrab bei Kappel

Mönche verbreiten Christentum und Kultur in unserem Raum

Wie Chlodwig nach 496 für seinen fränkischen Stamm um des Sieges und Vorteiles willen den neuen Glauben angenommen hatte, mochten auch einzelne Alemannenherzöge mit ihren Familien aus rein politischen und berechnenden Gründen gehandelt haben. Die religiöse Kleinarbeit der Bekehrung der heidnisch gebliebenen, verstockten Volksmassen aber blieb für die fernere Zeit den Missionaren vorbehalten, die aus Irland und Schottland ins Oberrheingebiet kamen, um mit ausdrücklicher Erlaubnis und unter dem größtmöglichen königlichen Schutz Gottes Wort zu verkünden. Fridolin, Pirmin, Gallus, Othmar, Trudpert, Kolumban sind bekannte iro-schottische Wanderprediger und Mönche in Alemannien. Teils kamen sie den Rhein aufwärts oder wie Landolin, ein Königssohn aus Schottland, von der Atlantikküste her quer durch Frankreich und bei Kappel über den Strom in die südliche Ortenau, um drüben im Unditz- oder Münstertal zu predigen, zu missionieren und den Märtyrertod zu sterben.

Karl Martell und sein Enkel Karl der Große wußten nur zu gut, warum sie den christlichen Sendboten ihren königlichen Schutz angedeihen ließen. Denn die christliche Bekehrung der unterworfenen Alemannen und Sachsen wurde für sie zu einem politischen Mittel; und mit den von beiden gutgeheißenen, auch in der Ortenau geförderten und beschützten Klostergründungen zementierten sie gleichsam die fränkische Oberherrschaft am Oberrhein. Waren im fränkischen Stammesbereich die Städte Mainz, Worms und Speyer wichtige Ausgangspunkte der Christianisierung, so wurden es bei den Alemannen die ehemaligen Römerstädte und frühen Bischofssitze Konstanz, Basel und Straßburg.

Wie schon 724 von Konstanz aus das von Pirmin gegründete Bodenseekloster Reichenau ein kirchlich-religiös-kultureller Mittelpunkt für Südalemannien wurde, so entstand 763 von Straßburg her durch Etto, den einstigen Abt von Reichenau und späteren Bischof von Straßburg aus dem elsässisch-alemannischen Herzogsgeschlecht der Ettikonen, das Ortenauer Benediktinerkloster Ettenheimmünster; weitere Klöster bestanden schon mit Gengenbach und Schwarzach. Aber bereits hundert Jahre zuvor war der Konvent von Offunvillare oder Schuttern entsstanden, der noch von Pirmin selbst die Ordensregel des heiligen Benedikt auferlegt bekam, um einer kirchlichen und klösterlichen Verweltlichung zu begegnen.

In all ihren Einflußgebieten pflegten die benediktinischen Klostermönche bei ihrer Residenzverpflichtung unter den germanischen Alemannen nicht nur christliches Leben und Denken, sondern auch antikes Kulturerbe. Und am Ende des ersten Jahrtausends, an der Schwelle zur Welt und Geschichte des Mittelalters, begannen sie ferner Neuland zu öffnen und zu kultivieren: die Mönche von Gengenbach das Kinzigtal, die Klöster Schuttern und Schwarzach mehr die Gebiete der Ebene und der Vorberge, Ettenheimmünster hingegen das Unditz- und obere Schuttertal. Von Süden her stießen der begüterte Nonnenkonvent von Waldkirch nordwärts und das Breisgaukloster Tennenbach über den Hünersedel hinweg zum Geisberg, dem Bergmassiv des einstigen Alemannorum, um den immer noch siedlungsfeindlichen, bislang ausgesparten Schwarzwald auch zwischen Kinzig und Elz in das alemannische Kulturland miteinzubeziehen.

Es erhielt daher auch in unserer engeren Heimat die seit langen Jahrhunderten und Jahrtausenden angelegte Kultur des Abendlandes durch christliche Mönche starke Impulse und neue Kraft. Obgleich die stets dünn besiedelte Ortenau seit ihrer frühen kulturellen Entwicklung und auf ihrem langen historischen Weg keine große Geschichte, keine Weltgeschichte, gemacht hat, wurde sie doch in den kulturellen wie historischen Werdeprozeß des Abendlandes hineinverwoben und erhielt von dorther auch für später Lichter, aber auch Schatten gesetzt.

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