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Zur Geschichte der Ettenheimer Verwaltungsgebäude


Uttenweiler, Bernhard - Zur Geschichte der Ettenheimer Verwaltungsgebäude (Geroldsecker Land, Heft 54 - 2012) Seite [90.] 91-127

Abb.: Älteste Gesamtansicht der Stadt Ettenheim mit Kirche, Rathaus, Palais Rohan und dem 1814 errichteten Fruchtspeicher, dem heutigen Vereinshaus mit Stadtbücherei und Museum.
Abb.: Älteste Gesamtansicht der Stadt Ettenheim mit Kirche, Rathaus, Palais Rohan und dem 1814 errichteten Fruchtspeicher, dem heutigen Vereinshaus mit Stadtbücherei und Museum.

Das Ettenheimer Rathaus

Das Ettenheimer Rathaus, ein eindrucksvolles barockes Gebäude aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, nimmt unterhalb der oben auf dem Berg thronenden Kirche des hl. Bartholomäus ebenfalls einen zentralen Platz in Ettenheim ein. In den 250 Jahren seines Bestehens hat es zahlreiche bauliche Änderungen erfahren. Um es den Erfordernissen der jeweiligen Zeit anzupassen, wurde das Rathaus seit seiner Fertigstellung im Jahre 1757 in nahezu regelmäßigen Abständen renoviert, umgebaut und auch erweitert.

Die hier abgebildete Gesamtsicht von Ettenheim enthält auch die älteste Darstellung des Rathauses. Das Bild wurde von einem unbekannten Künstler gemalt, und zwar nach 1814, nachdem die badische Herrschaft den Wein- und Fruchtspeicher rechts im Bild gebaut hatte. Dieser wurde später zu einem Gefängnis umgebaut und dient heute als Vereinshaus und beherbergt seit 2006 auch ein kleines Museum. Leider steht die Ansicht nur noch in dieser Reproduktion zur Verfügung, da das Original im letzten Krieg verbrannte. Es ist zugleich, falls man die eine oder andere wenig genaue Skizze aus dem 17. Jahrhundert außer Acht lässt, die älteste Ansicht der Stadt überhaupt. In dieser Zeichnung tritt uns das Städtchen, denkt man sich den späteren Fruchtspeicher weg, in seiner Ausgestaltung am Ende des 18. Jahrhunderts entgegen, wie es der damalige Landesfürst Kardinal Louis René Edouard de Rohan-Guémené einige Jahre zuvor erlebt haben mag, als er 1790, um den Auswirkungen der Französischen Revolution zu entkommen, von Saverne aus in sein rechtsrheinisches Territorium nach Ettenheim flüchtete. Ettenheim wurde fürstbischöfliche Residenz und die Pfarrkirche St. Bartholomäus die letzte Bischofskirche der alten Diözese Straßburg. In dieser Kirche fand Kardinal Rohan nach seinem Ableben am 16. Februar 1803 eine höchst bescheidene Ruhestätte, die seinem früheren Ruhm und Ansehen in keiner Weise gerecht wurde.

Gleichsam als Symbol der überirdischen Macht überragt die barocke Kirche die Stadt, während das Rathaus und das bischöflich-straßburgische Amtshaus, beide die weltliche Herrschaft repräsentierend, am Fuß des Kirchberges angesiedelt sind.

Östliche Seite des Rathauses mit Kirchberg und Blick zur barocken Pfarrkirche St. Bartholomäus. Aufn.: Wolfgang Hoffmann
Östliche Seite des Rathauses mit Kirchberg und Blick zur barocken Pfarrkirche St. Bartholomäus. Aufn.: Wolfgang Hoffmann

Hält man bei einem Spaziergang durch Ettenheim in der Ettikostraße ganz in der Nähe des Rathauses ein Weilchen inne, dann zeigt sich dem Betrachter die wohl schönste und bedeutendste Ansicht der Stadt. Hier hat man den malerischen Blick zur Kirche hoch, kann die mächtigen Fassade des Rathauses unmittelbar auf sich wirken lassen und nimmt nur wenige Schritte nach rechts noch das Palais Rohan, den einstigen Sitz der landesherrlichen Verwaltung, wahr. Diese Stelle gewährt eine prächtige Gesamtschau auf die drei wichtigsten Bauwerke der Stadt.

Das Leid, das 1637 der mittelalterlichen Stadt im Dreißigjährigen Krieg widerfuhr, als sie von dem auf schwedischer Seite kämpfende Bernhard von Weimar bis auf ihre Grundmauern niedergebrannt wurde, blieb Ettenheim im April 1945 wohl nur deswegen erspart, weil sich die deutschen Truppen im April 1945 am Ende des Zweiten Weltkrieges gerade noch rechtzeitig in den Schwarzwald zurückzogen und den einrückenden Franzosen daher die Stadt kampflos überließen. So blieb das im 17. und 18. Jahrhundert entstandene barocke Kleinod mit den drei genannten Bauwerken und den sie umgebenden Häusern der Bürger vor einer erneuten Katastrophe bewahrt.

Frühe Spuren städtischer Verwaltung

Nicht allzu viel wissen wir über das mittelalterliche Ettenheim aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg, das dem barocken Wiederaufbau vorausgegangen war. Doch der alte Straßenverlauf innerhalb der Stadttore, der ehemalige Stadtgraben in den heutigen Ringstraßen und schließlich Teile der Befestigungsmauern sind noch deutlich erkennbar und lassen in der planmäßig durchdachten Anlage ein städtisches Gemeinwesen erkennen, das seinen Bürger Recht und Ordnung, Schutz und Sicherheit bot.

Ein erschöpfendes Wissen über das Leben und die Bauwerke in dieser Stadt vor der Zerstörung durch Bernhard von Weimar im Großen Krieg wurde nicht überliefert. Durch den Brand in der Stadt und die Flucht der Bürger ging das Archiv mit wichtigen Aufzeichnungen und Urkunden verloren oder wurde ein Raub der Flammen. Deshalb fehlen uns genauere Kenntnisse über das Leben in der Stadt, über ihre Bewohner, die Ackerbauern und Handwerker waren, über die Vögte, Schultheißen, Räte und Zunftmeister - und natürlich ebenso über die früheren Ratsstuben.

Vereinzelt gibt es Hinweise, die Rückschlüsse auf eine verwaltende und ordnende Obrigkeit ermöglichen. Urkundlich ist zum Beispiel in Ettenheim schon im frühen 13. Jahrhundert ein Markt belegt, der eine städtische Organisation voraussetzt und dem Ort entsprechende Bedeutung verlieh. Dieser Markt ist im Jahre 1221 Gegenstand eines Streites zwischen dem Straßburger Bischof und dem Stauferkaiser Friedrich II, der dahingehend entschieden wurde, dass der vom Kaiser nach Mahlberg verlegte Markt wieder nach Ettenheim zurückzustellen sei. 1223 und 1236 geht es noch einmal um dieses Marktrecht.

Dann ist in einer 1302 unter Bischof Friedrich I. von Lichtenberg ausgestellten Verkaufsurkunde zum ersten Mal von der "Stadt und Gemeinde Ettenheim" die Rede. Schließlich wird Ettenheim 1304 in einem mit Siegel versehenen Vertrag als "oppidum" (Stadt) bezeichnet und die "universitas burgensium" (die gesamte Bürgerschaft) mit einbezogen. Diese beiden im Generallandesarchiv in späteren Abschriften erhaltenen Urkunden waren ausreichend Grund im Jahre 2005 mit geringer zeitlicher Verschiebung die Feier des 700-jährigen Bestehens der Stadtrechte zu begehen.

1330 wird eine für den Marktbetrieb notwendige Waage erwähnt. Etwa hundert Jahre später erfahren wir von einem Vergleich, der "uf der ratstuben" abgeschlossen wurde. Aus der Zeit um 1370 ist der Abdruck eines Siegels überliefert: Eine von drei Türmen überragte Stadtmauer mit einem geöffneten Tor.

Eine frühe soziale Einrichtung ist das um 1452 von Privatpersonen gegründete Spital. In einer Urkunde ist unter anderen ein Walter von Keppenbach genannt, doch es sind auch "Schultheiß, Meister und Rat der Stadt Ettenheim" erwähnt, die bei der Gründung mitgewirkt haben. Ein Brief an den Rat der Stadt Straßburg von 1503 ist das älteste bekannte Dokument der Ettenheimer Reb- und Ackerbauzunft, das "Schultheiß, Meister und Rat zu Ettenheim" unterzeichneten. Ein ganz besonders außergewöhnlicher und kostbarer Nachweis für deren Wirken ist der erhaltene Siegelstempel von 1545, der die Inschrift "SIGILLVM CIVITATIS ETTONIS", zu Deutsch "Siegel der Stadt des Etto", trägt.

Dies sind einige wenige Belege, die für die Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg das Vorhandensein einer funktionierenden städtischen Verwaltung unter der Leitung eines Schultheißen und des mitverantwortlichen Rates bezeugen.

Abb.: Erstes bekanntes Siegel von 1370 (oben) und Siegel von 1545 (unten). Aufn.: Wolfgang Hoffmann (1) Abb.: Erstes bekanntes Siegel von 1370 (oben) und Siegel von 1545 (unten). Aufn.: Wolfgang Hoffmann (2)
Abb.: Erstes bekanntes Siegel von 1370 (oben) und Siegel von 1545 (unten). Aufn.: Wolfgang Hoffmann


Das Ettenheimer Rathaus nach dem Großen Krieg

Für die Zeit nach dem zerstörerischen Krieg von 1618 bis 1648 entdeckte vor kurzem Dieter Weis im Karlsruher Generallandesarchiv einen sehr aufschlussreichen Beleg zur Geschichte des Rathauses. In der "Ettenheimbischen Bannß Erneuerung" von 1660 ist "ein lehrer Hoffstatt, worauf vor dießem das rathshauß gestanden" verzeichnet. Dies besagt, dass das Rathaus, das ja ebenfalls dem Brand von 1637 zum Opfer gefallen war, 23 Jahre nach der Zerstörung und zwölf Jahre nach Beendigung des verheerenden Krieges durch den Westfälischen Frieden von 1648 auf der "lehren Hoffstatt", also dem noch leeren Rathausplatz, immer noch nicht errichtet war. Dies überrascht vor allem auch deswegen, weil das dem Rathaus gegenüberliegende stolze Bürgerhaus an der Ecke Ettiko-/Rohanstraße schon 1658 fertiggestellt war, dessen kunstvolles Schnitzwerk der Dreifaltigkeit und der Heiligen Familie ein wunderbares Zeugnis für den Wiederaufbau der Stadt, den unerschütterlichen Lebenswillen der Bevölkerung und den neu gewonnenen Wohlstand darstellt.

Zwar hatte die Stadt noch kein neues Rathausgebäude, doch schon 1647 stand zur Bekräftigung von Rechtsgeschäften wieder ein neues Siegel zur Verfügung.

Auch wenn in den Stadtrechnungen der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bis jetzt noch keine Jahresangabe für einen Neubau des Rathauses gefunden wurde, gibt es dennoch zahlreiche Hinweise für einen Wiederaufbau. Auf verschiedene Instandsetzungsarbeiten wird in den Akten hingewiesen. Der allzu früh verstorbene Historiker Hubert Kewitz aus Ringsheim stellte dazu zahlreiche Belege zusammen. Neben einer kleinen und einer großen Ratstube gab es im Rathaus obendrein eine Küche und einen Backofen und 1681 wird sogar ein "secret", das heißt eine Bedürfnisanstalt, erwähnt. Daraus lässt sich der Schluss ziehen, dass zwischen 1660 und 1681 wieder ein Rathaus gebaut worden war.

Abb.: Siegel von 1647. Aufn.: Wolfgang Hoffmann
Abb.: Siegel von 1647. Aufn.: Wolfgang Hoffmann

1689 bekommt das Rathaus zu den zwei vorhandenen Sonnenuhren eine Räderuhr und ein Glöckchen auf das Dach, 1696 wird an der Kirchstraße eine neue Außenstiege gebaut. 1698 wird mit Hochdruck am Rathaus gearbeitet: Es werden neue Mauern hochgezogen, Treppen, Türen und zwölf Lehnstühle für den Rat angeschafft. Im selben Jahr werden per Schiff neue Fenster von Straßburg hergeführt. Das Gebäude wird letztendlich sogar mit einem roten Anstrich verschönert.

"Unter der Stube" oder "unter dem Rathaus" waren nach vorn offene Kellerräume, die man später als "Butterhalle" bezeichnete. 1694 stand hier auch die Waage für den Wochenmarkt, sogar zwei Halseisen, um Sünder an den Pranger zu stellen, waren in die Wand eingelassen. 1701 gab es "unter dem Rathaus" ein vergittertes "Fleisch- oder Metzighäusel". Hier befand sich auch der Stadtkeller zur Lagerung von Wein. 1725 lieferte der Wagner Mathiß Bißer ein Rad für das "storckhen nest auff dem rathhauß". Auch eine Sturmglocke hing auf dem Dach, das damals mit Schindeln aus dem Münstertal gedeckt war.

In der Stadtbeschreibung von 1721 mit dem Titel "Erneuerung über die Ettenh. Behausungen und Hofstätten samt Rechten und Gerechtigkeiten", die sich im Stadtarchiv befindet, ist die Lage des Rathauses an der "kirchgaß" und beim "marckht platz" genau beschrieben und entspricht der Stelle, an der sich das heutige Rathaus befindet.

Vor 250 Jahren wurde ein neues Rathaus gebaut

Das nach dem Dreißigjährigen Krieg errichtete Rathaus war schon um 1751 wieder in einem sehr bedenklichen Zustand. Deshalb wurden der aus Tirol stammende Maurermeister Nikodemus Sprenger sowie Meister Georg Naudascher aus Mahlberg, die beim Umbau der alten Kirche beschäftigt waren, mit der Begutachtung des "Frucht und Burgerhauses" beauftragt. Doch 1756 nahm die Stadt überraschend mit dem Freiburger Baumeister Anton Schrotz Kontakt auf und erteilte diesem 1757 den Auftrag, das baufällig gewordene Rathaus zu "reparieren". Der Ettenheimer Chronist Joh. Conrad Machleid notierte 1757: "Den 26:tn aprill ist dass rathauß angefangen worden zue bauen und abzuebrechen, durch Herren bauMeister antoni schrooz von Freyburg gott geb glückh darzue." Die Kosten betrugen ungefähr 1.400 Gulden. Der Bau des neuen Rathauses verursachte indes auch Ärger in der Stadt, weil man fremde Baumeister hinzugezogen hatte, als ob die hiesigen Maurer nicht dazu imstand gewesen wären, meinte Machleid am 22. Dezember 1758. Unter dem 26. April vermerkt der Chronist außerdem, dass der Maurer Georg Scheidle die Sonnenuhren und die Uhrentafeln gemacht hat.

Abb.: Plan der Rathausfassade von Franz Schwarz aus dem Jahre 1891 mit Bischof Etto. Repro: Wolfgang Hoffmann.
Abb.: Plan der Rathausfassade von Franz Schwarz aus dem Jahre 1891 mit Bischof Etto. Repro: Wolfgang Hoffmann.

Mit dem Neubau entstand ein schlichtes und beeindruckendes Bauwerk, dessen nach Norden ausgerichtete, symmetrisch gestaltete Fassade vom Marktplatz aus mächtig in die Höhe ragt. Dreigeschossig ist das neue Rathaus und von einem zweigeschossigen Schneckengiebel mit zwei Obelisken gekrönt. Im ersten Geschoss des Giebels steht in einer Nische zwischen zwei Fenstern die Gestalt des Stadtgründers Bischof Etto, der, obwohl er im 8. Jahrhundert gelebt hatte, in dieser Statue des 18. Jahrhunderts in barocke Gewänder gekleidet wurde. Man nimmt an, dass diese Skulptur aus dem ehemaligen Kloster Ettenheimmünster stammt, dem monasterium divi ettonis, das von Bischof Etto nach 734 gegründet worden war. Glücklicherweise kam sie um 1809 nach Ettenheim, wo sie nun seit zweihundert Jahren steht.

Nach Beendigung der Bauarbeiten brachte man an der Nordseite unter dem Mittelfenster des Obergeschosses das Wappen der Stadt mit der Jahreszahl 1757 an. Den Abschluss oben auf der Fassadenspitze bildet ein Glockenständer, der schon 1689 für den Vorgängerbau geschaffen worden war. Er ist damit der älteste Teil des heutigen Rathauses.

Die imposante Fassade des Rathauses misst vom Sockel der Butterhalle bis zur Spitze der Wetterfahne rund 23 Meter und hat eine Breite von etwa 13,50 Metern, wobei die heutige Länge mit der Vorhalle nahezu 27 Meter beträgt.

Festliche Beleuchtung des Rathauses zur Huldigungsfeier für Fürstbischof Constantin von Rohan 1758

Als Kardinal Constantin Rohan am 11. September 1758, zwei Jahre nach seiner Wahl zum Straßburger Bischof, zur Huldigungsfeier nach Ettenheim kam, ließ man die Rathausfassade, wie Joann Conrad Machleid voller Begeisterung notiert, "von boden an Vornen gegen der ßonnen (früheres Gasthaus zur Sonne gegenüber dem Rathaus) biß an das oberste gegen dem glöcklein, illuminieren, mit 120 Liechter oder Digel, daß nichts schöners Von weithem kunte geßehen werden biß gegen Dag." Den Leuten erlaubte man, die ganze Nacht bis gegen drei Uhr auf dem Rathaus zu tanzen, wobei es bei einigen offenbar nicht sauber herging, entrüstet sich der Chronist. In Begleitung des Kardinals befand sich auch schon dessen Nachfolger Ludwig Renatus Eduard von Rohan-Guémené, der 1803 in Ettenheim verstarb. Beim Rathaus wurde ein großes Podium errichtet, auf dem der 61-jährige Fürstbischof Constantin, "ein gueter, lieber, alter Vatter, dickh mittler Person (Größe)", die Huldigung entgegennahm. Eine Beschreibung, die durch das Gemälde im Bürgersaal bestätigt wird.

Die unterste Etage mit den drei Rundbogenfenstern, die ursprünglich offen waren, diente dem Marktgeschehen, wo auch der Hanf- und Garnmarkt stattfand. In der Etage darüber, in der sich jetzt der schöne Bürgersaal befindet, war die mit ebenfalls drei Rundbogenfenstern versehene Kornhalle. Machleid berichtet nicht ohne Stolz über "das große schöne Ratshauß, alwo mann mit einem heywagen kan hineinfahren, umkören, und widerum hinaußfahren". Die Einfahrt erfolgte vom Kirchberg her durch das erst viel später zugemauerte Portal in der heutigen Vorhalle. Das ursprüngliche Rathaus ging nur bis zu diesem Portal.

Die auch als Fruchtlaube bezeichnete Kornhalle war außerdem durch zwei große steinerne Außentreppen zu erreichen. Der östliche, an der Kirchstraße gelegene Treppenvorbau, der weit in die Straße hineinragte, reichte von vorne bis zum dritten Fenster, das wegen des seitlichen Eingangs breiter ist als die anderen. Der Rückbau und die Verkleinerung der Treppe erfolgten 1828.

Älteste bekannte Fotografie des Rathauses um 1891 mit Außentreppe bis zur Kornhalle.
Älteste bekannte Fotografie des Rathauses um 1891 mit Außentreppe bis zur Kornhalle.

Die westliche, zum Palais Rohan hin gelegene Treppe führte ursprünglich genauso bis zum dritten, ebenfalls breiteren Fenster hoch und bildete somit einen weiteren Eingang in die Kornhalle. Auf der ältesten Aufnahme des Rathauses um 1891 ist noch deutlich diese hohe doppelläufige Treppe zu erkennen. Die seitliche Eingangstür beim dritten Fenster ist indes schon zugemauert. Die Fenster der Kornhalle sind mit Gittern versehen und noch nicht verglast.

Fronleichnam 1791: Kardinal Rohan lässt das Rathaus mit "heidnischen" Gobelins schmücken

Ein besonderes Ereignis in der Geschichte des neuen Rathauses war der Fronleichnamstag 1791. Zur Ausschmückung des Prozessionsweges ließ Kardinal Rohan 26 der wertvollen Gobelins, die er bei seiner Flucht aus Frankreich mitgebracht hatte, am Rathaus und den umgebenden Häusern am Kirchberg anbringen. Einige dieser Tapisserien, die inhaltlich keineswegs zu einer Fronleichnamprozession passten, beizeichnete der Chronist Machleid als "heidnische Stücke". Seit 2007 sind diese Gobelins, nachdem sie lange verschollen waren, wieder im renovierten Mannheimer Schloss zu sehen.

Das Rathaus im 19. Jahrhundert

Für das Jahr 1828 fand Hubert Kewitz in den Akten einen interessanten Hinweis auf eine innere Stiege, die von der "Hanf- und Garnhalle" des Untergeschosses zur darüber liegenden Kornhalle führte. Wenn an Markttagen das Gedränge beim Frucht- und Garnmarkt zu groß war, konnten die Marktleute durch diese innere Treppe nach oben in die Kornhalle ausweichen, wo eine weitere Waage zur Verfügung stand. Ansonsten spielte sich das Marktgeschehen unten in der sogenannten "Butterhalle" und auf dem Marktplatz ab.

Aus einem von Maurermeister Anton Kirn 1828 verfertigten Plan ist ersichtlich, dass damals der Bürgersaal im Obergeschoss untergebracht war. Während für das Bürgermeisteramt gerade mal drei Diensträume zur Verfügung standen, nahm der Saal die Hälfte der oberen Etage ein. Der Zugang zum Obergeschoss erfolgte von außen über eine große Treppe aus Quadersteinen.

Weitere Umbauten im Innern des Rathauses fanden 1832 statt. Laut Bericht von Ratschreiber Otto Marko im Festbuch des Männergesangvereins von 1912 wurden das sogenannte Salzstüble zum Ratszimmer und die Holzkammer zum Wartezimmer umgebaut. Über die Aufgabe des "Salzstübles" ist nichts Genaues bekannt.

Die Erweiterung des Rathauses 1857

Hundert Jahre nach der Fertigstellung des barocken Rathauses fand im Jahre 1857 die erste größere Erweiterung statt. Hierfür wurde 1856 das angrenzende Haus am Kirchberg, das dem Hafner Mathias Eble gehörte, erworben und im folgenden Jahr abgerissen. Auf dem nun freien Grundstück errichtete man eine mit einem Gewölbe versehene Eingangshalle. Die Arbeiten wurden von Baumeister Zimber aus Ettenheimmünster ausgeführt. In der neu entstandenen Vorhalle wurden eine neue Treppe und ein feuersicheres Archiv mit einer ca. 15 cm dicken Tür eingebaut, hinter der sich in jüngster Zeit nur noch ein Abstellraum befand. Über der Eingangshalle entstanden zwei weitere Zimmer.

Bei diesen Umbaumaßnahmen kam ein neugotischer Dachreiter mit einem spitzen Türmchen, das auf älteren Postkarten noch zu sehen ist, oben auf das Rathaus. Die Firma Gebrüder Koch aus Freiburg lieferte 1858 dafür eine neue Rathausglocke. 1876 wurde auf der westlichen Seite ein Abortanbau neu erstellt und 1883 kam laut Ratschreiber Marko die Stadtrechnung aufs Rathaus.

Die große Treppe an der Westseite des Rathauses, die bis zum dritten Fenster der Kornhalle reichte und mit einem Steingeländer versehen war, wurde 1891 abgerissen und durch eine reduzierte Treppenkonstruktion ersetzt, die jetzt nur noch bis zur Höhe des Abortanbaus führte. Neben der Treppe stieg ein schmaler gemauerter Fußpfad zur südlichen Rückseite des Rathauses hoch. Die älteste bekannte Fotografie zeigt noch diese doppelläufige bis zur Kornhalle führende Stiege. Die Amtsräume des Bürgermeisters und ein kleiner Bürgersaal befanden sich damals im Obergeschoss, seit 1891 auch die Geschäftsräume der 1845 gegründeten Sparkasse.

Plan des Erdgeschosses mit der 1857 errichteten Vorhalle und dem neuen Bürgersaal mit den beiden Vorzimmern von 1901.
Plan des Erdgeschosses mit der 1857 errichteten Vorhalle und dem neuen Bürgersaal mit den beiden Vorzimmern von 1901.

Ein neuer Bürgersaal kommt ins Erdgeschoss

Eine grundlegende Änderung im Inneren des Rathauses fand 1901 statt, als der ältere kleine Bürgersaal aus der oberen Etage ins Erdgeschoss verlegt wurde, in dem sich bis dahin die Fruchtlaube bzw. der Kornspeicher befand. Der neue Bürgersaal im Erdgeschoss erhielt jedoch noch nicht die volle Länge, die er heute hat. Im ersten Drittel des Saales wurde auf jeder Seite ein Zimmer eingerichtet und dazwischen ein Durchgang zum Bürgersaal. Die beiden Zimmer dienten in der Folge unterschiedlichsten Zwecken. Hier waren nacheinander die Nachtwache, die Ortspolizei, sogar ein sogenanntes Luftschutzzimmer untergebracht. Zuletzt hatte hier bis 1964 im rechten Zimmer der Stadtbaumeister sein Büro, der linke Raum stand der städtischen Bibliothek zur Verfügung. Dieser neue Bürgersaal war etwa zwölf Meter lang und damit etwa drei Meter länger als der alte im oberen Geschoss, doch noch rund fünf Meter kürzer als der heutige. In dem nun freien bisherigen Bürgersaal im zweiten Stockwerk wurden im Oktober 1901 vier Räume für das Großherzogliche Notariat hergerichtet, das zuvor im Palais Rohan untergebracht war. Im Mietvertrag vereinbarte man einen jährlicher Mietzins von 600 Mark. Dazu verpflichtete sich die Stadt "das notwendige Brenn- und Beleuchtungsmaterial in guter Beschaffenheit zu liefern". Der Vertrag trägt die Unterschrift von Bürgermeister Josef Broßmer, dem Vater des Heimat- und Mundartdichters. Beim "Beleuchtungsmaterial" wird es sich um Petroleum handeln, da Ettenheim erst ab 1907 mit elektrischem Strom versorgt wurde.

Abb.: Renovierungsarbeiten am Rathaus. Sammlung Gerd Blattmann / Repro: Wolfgang Hoffmann.
Abb.: Renovierungsarbeiten am Rathaus. Sammlung Gerd Blattmann / Repro: Wolfgang Hoffmann.

In seinem Bändchen über das Amtsgericht Ettenheim erwähnt Dr. Ferdinand, dass dank des Entgegenkommens der Stadtgemeinde schon 1872 die Schöffengerichtssitzungen im oberen Bürgersaal des Rathauses stattfinden konnten. Nach dem Ausbau der Kornhalle zum neuen Bürgersaal 1901 schrieb der Bürgermeister an das hiesige Amtsgericht, dass man nun schon über 20 Jahre den Rathaussaal im Obergeschoss ohne Entschädigung zur Verfügung gestellt habe, dass der Gemeinderat aber nun wegen der beträchtlichen Opfer für die Erstellung des neuen Rathaussaales nebst der anliegenden beiden Zimmer ab Oktober 1901 eine jährliche Entschädigung in Höhe von 150 Mark für die Mitbenutzung der Räume wünsche. Mit dieser Regelung erklärte sich das Ministerium der Justiz, des Kultus und Unterrichts einverstanden.

Renovierungsarbeiten 1928 und komplette Baupläne von Dipl.-Ing. Bertold Bechtel

Im Jahre 1928 fanden wieder Renovierungsarbeiten statt. Das bisherige Sparkassenzimmer wurde zum Dienstzimmer des Bürgermeisters hergerichtet. Außen wurde das Rathaus verputzt und mit einem neuen Farbanstrich versehen. Aus Anlass der Renovierungsarbeiten fertigte Dipl. Ing. Bertold Bechtel 1928 komplette Baupläne an, aus denen auch die Raumaufteilung hervorgeht. In dem beigefügten Erläuterungsbericht sind jedoch die Jahresangaben der früheren Baumaßnahmen zu korrigieren. Im Untergeschoss waren die Markthalle und Kellerräume, im Erdgeschoss war der neue Bürgersaal mit den beiden Zimmern und im Vorraum der große Tresor untergebracht, und im Obergeschoss die Amtsräume des Bürgermeisteramtes.

Der Bürgersaal wird 1964 für kulturelle Veranstaltungen erweitert

Anfang der 60er Jahre wurden mehrere Renovierungsmaßnahmen am Rathaus durchgeführt. Unter Bürgermeister Edgar Coenen, der von 1956 bis 1964 Rathauschef war, fasste der Gemeinderat im Februar 1960 den Beschluss, die Rathausfassade instand zu setzen und in dem Keller hinter der "Butterhalle" eine neue Heizung einzubauen. 1970 wurde die Butterhalle, die bis dahin als Lagerraum genutzt wurde, für die Telefonzentrale, das Einwohnermeldeamt und das Verkehrsamt umgebaut.

1960 wurde beschlossen, das Kriegerdenkmal mit Brunnen vor dem Rathaus zur Schaffung von Parkplätzen zu entfernen. Der Verbleib des Denkmals, das 1895 vom Militärverein zur Erinnerung an den Krieg 1870/71 errichtet worden war, ist nicht bekannt. Auf Vorschlag von Hauptkonservator Baurat Hesselbacher vom Staatlichem Amt für Denkmalpflege, der sich sehr für das Ettenheimer Rathaus einsetzte, beschloss der Gemeinderat im Februar 1961 das auf dem Rathausdach befindliche neugotische Türmchen durch ein stilgerechtes zu ersetzen. Dafür entwarf Karl List vom Denkmalamt einen barocken Dachreiter.

Hesselbacher war es auch, der sich Anfang 1963 engagiert für die Erweiterung und die Instandsetzung des Rathaussaales zur Schaffung eines größeren für kulturelle Veranstaltungen geeigneten Raumes einsetzte. Dies war in den Jahren 1963/64 die wichtigste Baumaßnahme im Rathaus. Im vorderen Bereich des Bürgersaales waren zum damaligen Zeitpunkt noch die beiden Büroräume untergebracht: Rechts das Büro des Stadtbaumeisters und links die städtische Bücherei. Durch Auslagerung der beiden Zimmer sollte das Rathaus für kulturelle Veranstaltungen einen seiner geschichtlichen Bedeutung entsprechenden Saal mit den Maßen der früheren Kornhalle erhalten.

Aus statischen Gründen mussten die hölzernen Balkenträger im Bürgersaal durch Eisenträger ersetzt werden. Die künstlerische Ausgestaltung des Saales wurde dem Ettenheimer Malermeister und Kunstmaler Kurt Bildstein übertragen, der die Deckenornamentik entwarf und durch die künstlerische Gestaltung der Fensternischen mit den Wappen Ettenheims und der umliegenden Gemeinden, die einst zum Fürstbistum Straßburg gehörten, einen würdigen Rahmen verlieh. Mit Mahlberg, dessen Wappen auch vertreten ist, war Ettenheim nach der Säkularisation durch den Amtsbezirk verbunden.

abb 07 Das Rathaus im Jahr 2005 nach der Umgestaltung des Rathausplatzes. Aufn.: Wolfgang Hoffmann
Das Rathaus im Jahr 2005 nach der Umgestaltung des Rathausplatzes. Aufn.: Wolfgang Hoffmann

Der neu gestaltete und jetzt erweiterte Bürgersaal wurde am 22. Juli 1964 feierlich übergeben. Bürgermeister Herbert König dankte allen an der Renovierung des Saales Beteiligten für deren Einsatz, insbesondere auch seinem Amtsvorgänger Edgar Coenen, auf dessen Initiative ein äußerst schöner Raum für Gemeinderatssitzungen und kulturelle Veranstaltungen geschaffen wurde.

In dem neuen Saal fanden die 1960 restaurierten Ölgemälde der vier Straßburger Fürstbischöfe aus dem Geschlecht der Rohan wieder einen ihrer Würde als Ettenheimer Landesherren entsprechenden Platz. Zu der Reihe der Gemälde gehören auch das Bildnis von Karl Friedrich Markgraf von Baden und das eines unbekannten Adligen aus dem 18. Jahrhundert. Ein Kupferstich im Saal erinnert an den 1804 aus Ettenheim entführten Herzog. Außerdem befindet sich im Besitz der Stadt das ebenfalls im Bürgersaal aufbewahrte Gemälde des Klosters Ettenheimmünster, das wohl um 1759 entstanden ist. Wie die Stadt in den Besitz dieser kostbaren Gemälde kam, die dem Bürgersaal historische Bedeutung und Glanz verleihen, ist nicht geklärt. Erst um 1998 kam das große um 1894 gemalte Gemälde des Münchner Historienmalers Josef Weiser (1847-1911) in den Bürger- saal. Es zeigt die äußerst fantasievoll gestaltete Entführung des Herzogs von Enghien, die Napoleon 1804 angeordnet hatte. Das monumentale 3,50 x 2,50 Meter große Bild war der Stadt schon 1960 geschenkt worden.

Eine Gedenktafel, die im Juni 1969 im Bürgersaal angebracht wurde, erinnert an das Leid, das den jüdischen Mitbürgern unter der Herrschaft der Nationalsozialisten zugefügt wurde.

1984: Das Rathaus erstrahlt in alter Schönheit

Zwanzig Jahre nach der Gestaltung des schönen Bürgersaals waren wieder Rathaus-Renovierungen erforderlich. Das Dach war undicht geworden und das Regenwasser drang bis in die Büroräume. Mit Biberschwanzziegeln aus der Schweiz wurde das Rathausdach doppelt eingedeckt und auch der Speicherboden isoliert. Schließlich erhielt die Uhr im Giebel des Rathauses ein neues Schlagsteuerwerk für einen Halb- und Vollstundenschlag und das Zifferblatt, das einen Durchmesser von 1,25 m hat, wurde mit einem neuen Anstrich versehen.

Die Statue von Bischof Etto hatte unter Umwelteinflüssen gelitten: Beide Hände der Skulptur, Teile eines Armes und auch der Bischofstab waren zerstört und wurden ersetzt. Leider geben alle verfügbaren Fotos keine Auskunft darüber, was der Stadtgründer in seiner linken Hand gehalten haben mag, so dass nur Spekulationen möglich sind. Zwei unterschiedliche Interpretationen wurden bisher veröffentlicht. Die eine vermutete, dass Etto als Gründer des Klosters Ettenheimmünster die romanische Kirche in der Hand gehalten hatte, die jetzt als Bruchstück im katholischen Pfarrzentrum eingemauert ist. Dem ist unter anderem entgegenzuhalten, dass zu Füßen des Bischofs schon eine Kirche, wohl die Klosterkirche von Ettenheimmünster symbolisierend, dargestellt ist. Die andere Deutung besagt, dass analog zu den bekannten Wappen der Fürstbischöfe des 17. und 18. Jahrhunderts, die alle mit einem Bischofsstab und einem Schwert ausgestattet sind, der Bischof als Zeichen der weltlichen Macht das Schwert in seiner linken Hand gehalten habe. Die dritte und wohl sinnvollste Lösung bietet nun aber der bisher nicht bekannte Plan der Rathausfassade aus dem Stadtarchiv, den Franz Schwarz 1891 gezeichnet hat. Hier ist Bischof Etto mit einem Buch, entweder mit der Bibel oder der Regel des hl. Benedikt, zu sehen. Eine Deutung, die bei einer künftigen Renovierung der Statue als Grundlage dienen sollte.

Das Haus Kern vor dem Abriss 1978
Das Haus Kern vor dem Abriss 1978

Das Haus Kern am Marktplatz

Mit den wachsenden Verwaltungsaufgaben im 20. Jahrhundert entstand der Stadt zusätzlicher Bedarf an neuen Räumlichkeiten. Aus diesem Grunde kaufte sie im Oktober 1975 von Maria Anna Edelmann geb. Kern das westlich neben dem Rathaus liegende "Haus Kern" mit dem Giebel zum Marktplatz in der Rohanstraße 16. Wann das Haus mit der Flurstücksnummer 275 gebaut wurde, ist nicht bekannt. Aus dem Grundbuch ist zu erfahren, dass nach dem Tod von Xaver Fahrländer im März 1892 die ledige Maria Anna Anker das dreigeschossige Wohnhaus mit Balkenkeller, Scheune und Stall erbte. Von ihr ging es Ende 1911 auf Grund von Erbschaft an Maria Anna Sinngrün über. 1939 erwarben August Kern und seine Ehefrau das Haus, das nun nach den damaligen Besitzern "Haus Kern" genannt wird. Im September 1967 wurde deren Tochter Maria Anna Edelmann, die spätere Ortsvorsteherin von Orschweier, ins Grundbuch eingetragen. Sie verkaufte schließlich ihr Elternhaus an die Stadt. In ihrer Erinnerung behielt sie die unerfreuliche Erfahrung, dass zu diesem Haus, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte, kein noch so kleines Gärtchen gehörte, und dass das Haus, da es völlig im Schatten lag, von keinem Sonnenstrahl erreicht wurde.

Im August 1978 beschloss der Bauausschuss, das Haus abzubrechen und es als Fachwerkhaus wieder aufzubauen. Nachträglich wurde noch der Beschluss gefasst, im Kellergeschoss eine öffentliche WC-Anlage einzurichten. Die Bauarbeiten begannen im März 1979, im Juli war Richtfest und schon ein Jahr nach Baubeginn konnte das bisher im heutigen katholischen Pfarrhaus untergebrachte Stadtbauamt in das neue "Haus Kern" einziehen. In einem Schreiben des Denkmalamtes vor jetzt etwa 30 Jahren wurde das neue Fachwerkgebäude als eine gelungene Baumaßnahme bezeichnet.

Abb.: Aufnahme des jüdischen Textilgeschäfts von Adolf Forsch 1911 beim zehnjährigen Geschäftsjubiläum.
Abb.: Aufnahme des jüdischen Textilgeschäfts von Adolf Forsch 1911 beim zehnjährigen Geschäftsjubiläum.

Das Haus Blank / Forsch

Das dreistöckige Fachwerkhaus in der Rohanstaße 17 mit der Flurstücknummer 276, das unmittelbar neben dem Haus Kern gelegen ist, zeigt auf dem Gewände der westlichen Eingangstür die Initialen FF und MEW, die von der Jahreszahl 1811 umgeben sind. In den von Dieter Weis durchsuchten Kirchenbüchern waren Ferdinand Volk (FF, korrekt wäre FV), ein Bäcker aus dem Schuttertal, und Maria Eva Winterer (MEW) die Eigentümer des Anwesens. Als seine Frau starb, heiratete er 1821 Maria Anna Kollefrath. Diese wiederum heiratete nach dem Tode ihres Mannes den Bäcker Martin Fahrländer, der 1861 im Alter von 73 Jahren verstarb. Demnach war nahezu 50 Jahre lang eine Bäckerei in diesem Haus untergebracht. Dies erklärt auch die in Stein gemeißelte Brezel am Türsturz des rückwärtigen Ausgangs. Einer der späteren Besitzer vermietete die Räumlichkeiten 1872 für wenige Jahre an Franz Xaver Leibold, den Gründer der "Ettenheimer Zeitung", der in diesem Haus eine Druckerei einrichtete und hier die ersten Ausgaben seiner Zeitung druckte.

Da die Portalgewände im Keller abgekantet sind, datiert Dipl. Ing. Adelbert Hassler, der als Student 1979 an der von der Universität Karlsruhe durchgeführten Bauaufnahme in Ettenheim beteiligt war, die Entstehungszeit des Kellergewölbes in das 17. Jahrhundert. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist bei einem Umbau im Jahre 1890 das Türgewände mit den Initialen und der Jahreszahl 1811 im Türsturz vom Eingang am Marktplatz auf die Westseite an der Rohanstraße versetzt worden.

Dieser Umbau wurde von den neuen Eigentümern, den jüdischen Kaufleuten Carl und Abraham Lion, vorgenommen, die das Anwesen 1890 kauften und darin ein Stoff- und Aussteuergeschäft einrichteten. Dabei wurde die Fassade des Erdgeschosses an der Nord- und Westseite verändert. Zum Marktplatz hin bauten sie ein großes Schaufester und rechts daneben einen gesonderten Ladeneingang. Carl und Abraham Lion lösten ihr Geschäft im Dezember 1900 auf. In der Ettenheimer Zeitung hatten sie in einer großen Annonce den Totalausverkauf angekündigt und in der Anzeige eine Abbildung des Hauses abgedruckt. Sie verkauften es an den jüdischen Kaufmann Adolf Forsch, der sein Textilgeschäft schon im Januar 1901 eröffnete. Vor kurzem konnte die hier abgebildete Postkarte des Kaufhauses Adolf Forsch, auf der das Haus um 1911 zu sehen ist, antiquarisch erworben werden. Sie wurde zur Erinnerung an das zehnjährige Bestehen des Kaufhauses Forsch gedruckt.

Da Adolf Forsch im November 1918 an den Folgen einer Kriegsverletzung verstorben war, führte seine Frau das Geschäft zuerst allein, dann mit einem Sohn weiter. Doch im November 1938 musste sie erleben, wie eine aufgehetzte Menschenmenge über ihr Hab und Gut herfiel. Auf Anordnung des Lahrer Kreisleiters der NSDAP Richard Burk hatte der NS-Bürgermeister Eduard Seitz am 10. November 1938 Behörden, Betriebe und Schulen angewiesen, sich zu einer Demonstration auf dem Rathausplatz zu versammeln. Nach der Ansprache von Bürgermeister Eduard Seitz unweit des Kaufhauses Forsch, die mit den üblichen Vorwürfen gegen die Juden endete, wurde aus der Menge ein Stein in das Schaufenster geworfen. Nun stürmten die Leute in das Haus und demolierten die Einrichtung in Wohnung und Laden. Von da ging es zu den anderen jüdischen Geschäften und Häusern in Ettenheim und zur Synagoge in der Alleestraße. Schon im Dezember 1938 zog die Witwe Mina Forsch die Konsequenzen aus diesen schrecklichen Ereignissen und verkaufte das Anwesen an die Brüder Otto und Karl Blank. Im darauffolgenden Jahr wanderte sie nach New York aus.

Nach der Rathaussanierung 2008 wurde an diesem Haus ein Gedenktext angebracht zur Erinnerung an die Ausschreitungen gegen die jüdischen Mitbürger, die am 10. November 1938 vor diesem Haus begannen. Seit Dezember 2008 steht hier außerdem ein von Schülern gestalteter Gedenkstein, um an die am 22. Oktober 1940 erfolgte Deportation der badischen Juden nach dem südfranzösischen Gurs zu erinnern.

Das eindrucksvolle "neue" Ettenheimer Rathaus von 2008. Aufn.: Michael Gregonowits
Das eindrucksvolle "neue" Ettenheimer Rathaus von 2008. Aufn.: Michael Gregonowits

Im November 1978 erwarb die Stadtverwaltung das Anwesen von Otto Blank für verschiedene Zwecke: Fernmeldeamt der Post, Reisebüro, Wohnungen, Unterkunft für Asylanten etc. 1987 wurden in diesem Haus Büroräume für das Tiefbauamt hergerichtet.

Ein "neues" Rathaus entsteht

Im Jahre 2008 wurden außergewöhnliche Umbau-, Erweiterungsund Renovierungsarbeiten am 250 Jahre alten Ettenheimer Rathaus (1757), am Haus Kern (Neubau 1979 nach Abriss des alten Hauses) und am denkmalgeschützten Haus Blank / Forsch (1811) durchgeführt. Aus diesen drei individuellen Gebäuden entstand ein modernes, vergrößertes und funktionsgerechtes "neues" Rathaus mit einem zentralen behindertengerechten Eingang und einem Aufzug, der zu allen Räumen einen problemlosen Zugang ermöglicht.

Nach mehrjähriger Planungsphase und einer nur einjährigen Bauzeit wurde unter Bürgermeister Bruno Metz in der denkmalgeschützten Altstadt ein beeindruckendes Verwaltungszentrum geschaffen, das sich zum historischen Marktplatz hin öffnet und zusammen mit dem Palais Rohan politisch, kulturell, gesellschaftlich und auch architektonisch den Mittelpunkt des barocken Städtchens bildet. Eine Baumaßnahme, welche "die Bilderwelt des genialen Ettenheimer Stadtraumes an dieser Stelle unverändert, unangetastet" erhalten hat, wie Dipl. Ing. Carl Langenbach als verantwortlicher Architekt der Werkgruppe Lahr bei der Einweihungsfeier am 17. Oktober 2008 im neu gestalteten Bürgersaal formulierte.

Mit der Planung wurde schon 2005 begonnen

Die Planung für dieses umfangreiche Bauprojekt begann 2005. Der schlechte Zustand des Hauses Blank / Forsch, dessen beide oberen Geschosse baufällig waren, gab schließlich den Ausschlag für die Ausschreibung eines Wettbewerbes zum Umbau und zur Generalsanierung der drei Gebäudeteile. Von sieben aufgeforderten Architekturbüros gaben fünf einen Entwurf ab, deren Vorschläge im November 2005 im Bürgersaal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Ein Gremium mit Bürgermeister Bruno Metz, Vertretern des Bauamtes, des Gemeinderats und zwei unabhängigen Architekten entschied sich einstimmig für den Vorschlag der Werkgruppe Lahr. Der endgültige Beschluss zur Realisierung dieses Großprojektes mit einem Finanzierungsbedarf in Höhe von 2,8 Millionen Euro wurde vom Gemeinderat jedoch erst im Juli 2007 gefasst.

Der Umzug ins Provisorium - Eine logistische Meisterleistung

Bevor mit dem Umbau begonnen werden konnte, musste die Stadtverwaltung zuerst einmal eine logistische Meisterleistung vollbringen: Für die Bauzeit wurden aus den drei zu renovierenden Gebäudeteilen alle Büros mitsamt der elektronischen Infrastruktur ins Palais Rohan, ins Vereinshaus und sogar in zwei Containerbüros im Rohanhof ausgelagert. Ungeachtet der Renovierungsarbeiten in unmittelbarer Nachbarschaft sorgten die in der Verwaltung beschäftigten Angestellten trotz beengter Räumlichkeiten weiterhin für die erforderlichen Dienstleistungen.

"Maulwurfartiges Graben und Wirken" - Das Bürgerbüro

Die Vergrößerung des Bürgerbüros unter dem Rathaus, das den größten Teil des Publikumsverkehrs zu verkraften hat, war eine der größten Herausforderungen. Vom bautechnischen Abenteuer des "maulwurfartigen Grabens und Wirkens unter einem 250 Jahre alten Gebäude" war bei der Einweihungsfeier in der Ansprache von Architekt Langenbach die Rede. Wer während der Bauphase vom Ort des jetzigen Bürgerbüros einen Blick nach oben wagte, konnte dieses Abenteuer nachvollziehen. Von dem aus dem Berg heraus gegrabenen Loch ging der Blick hoch bis zu den Fenstern und zur Decke des darüber liegenden Bürgersaals. Beim Bau 1757 hatte man die Kornhalle (Bürgersaal) nur für die Markt- oder Butterhalle unterkellert. Das Übrige wurde direkt auf den ansteigenden Kirchberg gebaut. Die Abbildung von der Westseite des Rathauses lässt in etwa erkennen, was das Jahr 2008 an Veränderung unterm Rathaus brachte. Links ist der schon immer bestehende Eingang zur "Butterhalle" zu erkennen, rechts daneben aber mit dem neuen halbrunden Fenster beginnt das neue Bürgerbüro. Der weiße Putz kennzeichnet in etwa den ausgehölten Bereich. Davor stand im 18. Jahrhundert noch eine Treppe, die vom Marktplatz aus bis zum dritten, breiteren Fenster reichte, das damals ebenfalls als zusätzlicher Eingang zur Kornhalle diente. Auf der anderen, der östlichen Seite des Rathauses verläuft der Kirchberg fast parallel zu der sichtbaren weißen Linie des Verputzes. Hier im großen ebenerdigen Bürgerbüro "im Berg", dem von der Bevölkerung wegen der vielen dort angebotenen Dienstleistungen am meisten frequentierten Raum, stehen nun zwei mächtige Säulen, die den Bürgersaal und die darüber befindlichen Büros tragen.

abb 11 Die Westseite des Rathauses mit neuem Halbfenster und Eingang zum neuen Bürgerbüro "im Berg". Aufn.: Bernhard Schlosshauer.
Die Westseite des Rathauses mit neuem Halbfenster und Eingang zum neuen Bürgerbüro "im Berg". Aufn.: Bernhard Schlosshauer.

Der "neue" Bürgersaal

Die aktuellen Arbeiten im Erdbereich hatten auch für den Bürgersaal Folgen. Vom Ettenheimer Chronisten Joann Conrad Machleid des 18. Jahrhunderts wissen wir, dass die Erntewagen vom Kirchberg herunter in die Kornhalle fahren und wieder umkehren konnten. Dieser alte Eingang wurde jetzt wieder sichtbar und zugänglich gemacht. Der Boden und die Säulen im Bürgersaal standen 250 Jahre lang unmittelbar auf Ettenheimer Löß und mussten jetzt, da schadhaft geworden, durch Stützmaßnahmen statisch dringend abgesichert werden. Die Elektroinstallation wurde erneuert, eine für Ausstellungen geeignete Beleuchtung und die Möglichkeit, den Raum für Vorträge zu verdunkeln, kamen dazu. Der von Kunstmaler Kurt Bildstein 1964 mit den Wappen der umliegenden Gemeinden ausgemalte Saal wurde übertüncht und erhielt nach der Renovierung ein strengeres, fast klassisch anmutendes Aussehen. Lediglich die Ölgemälde der vier Landesherren aus dem Geschlecht der Rohan, das Bildnis von Markgraf Karl-Friedrich von Baden, dem neuen Landesherrn nach der Säkularisation, dann das Gemälde eines unbekannten Adligen aus dem 18. Jahrhundert und schließlich noch das um 1759 unter Abt Dornblüth gemalte Gemälde vom Kloster Ettenheimmünster setzen dezent farbige Akzente in diesem historischen Raum, der wieder den Rahmen für Konzerte, Vorträge, Ausstellungen und andere festliche und kulturelle Veranstaltungen bietet.

Auch die unter Bürgermeister Herbert König am 27. Juli 1969 im Bürgersaal angebrachte Tafel, die an das den jüdischen Mitbürgern in der Zeit des Nationalsozialismus zugefügte Unrecht und Leid erinnert, bekam rechts vorne wieder ihren ursprünglichen Platz.

Der Vorraum wird zum geräumigen Foyer

Passend zum festlichen Charakter des Bürgersaales wurde der Vorraum ebenfalls neu gestaltet. Der alte Tresor- und Archivraum mit der dicken Stahltür, in dem zuletzt das Stuhllager untergebracht war, verschwand ebenso wie der Treppenaufgang zu den oberen Räumen mit dem Büro des Bürgermeisters. So wurde ein schönes und vergrößertes Foyer gewonnen, in dem die wuchtigen Gewölbe von 1857 zur Geltung kommen. Hier fand das um 1894 vom Münchner Historienmaler Josef Weiser geschaffene monumentale Ölgemälde mit der Entführung des Herzogs von Enghien seinen neuen Platz. Gegenüber wurde die Originalstatue aus dem Jahre 1736 vom Nepomukbrunnen von neuem aufgestellt.

Von Fugen und Fenstern

Ein wesentlicher Grund für die Prämierung des Entwurfs der Werkgruppe Lahr war die Beibehaltung der einzelnen Baukörper von Rathaus, Haus Kern und Haus Blank / Forsch im neuen Rathaus-Ensemble. Dies gelang mit dem architektonischen Kunstgriff der "Fuge":

Den zwei gläsernen Fugen, mit denen die Nahtstellen zwischen diesen drei "Individuen" verbunden wurden. Diese setzen einen modernen Akzent, ohne dass das überlieferte Umfeld gestört wird. Die Auswahlkommission schätzte an dem Lahrer Konzept besonders den "behutsamen Umgang mit der historischen und städtebaulichen Substanz" der Stadt, wie Stadtbaumeisterin Astrid Loquai im Kapitel "Von der Vorgeschichte bis zum preisgekrönten Entwurf" in der von der Stadtverwaltung herausgegebenen Festschrift zur "Neueröffnung unseres Rathauses" schreibt.

Diese modernen gläsernen Fugen ließen die Ettenheimer Welt nicht aus den Fugen geraten, was man bei den fünf heruntergezogenen Fenstern auf der Westseite des Hauses Blank / Forsch nicht behaupten kann. Eine Unterschriftenaktion gegen die geplante Fenstergestaltung wurde organisiert. Daraufhin fand eine Versammlung mit den ablehnenden Bürgern statt, bei der Bürgermeister Metz auf den demokratischen Entscheidungsprozess hinwies und Carl Langenbach, der verantwortliche Architekt, seine denkmalpflegerische Sichtweise betonte, wonach Denkmäler nicht nur konservatorisch erhalten werden, sondern auch lebensfähig sein sollen. In der Einweihungsfeier klang sowohl in der Ansprache des Bürgermeisters als auch der des Architekten die damals für beide belastende Erfahrung nach.

Die Einweihungsfeier

Doch bei der feierlichen Einweihung des "neuen" Rathauses am 17. Oktober 2008 und beim "Tag der offenen Tür", der von der Bevölkerung am darauffolgenden Sonntag in großer Zahl staunend und begeistert wahrgenommenem wurde, überwog die Freude über das Erreichte.

Als Vertreter der Landesregierung von Baden-Württemberg waren bei der Feier Innenminister Heribert Rech, der die Festansprache hielt, und Kultusminister Helmut Rau anwesend. Dies bot dem Bürgermeister die willkommene Gelegenheit, der Landesregierung seinen aufrichtigen großen Dank für die Zuschüsse aus dem Programm für Städtebauförderung abzustatten. Ohne die 1,5 Millionen Euro aus den staatlichen Stadtsanierungsmitteln und den 200.000 Euro aus dem "Kommunalen Finanzausgleich für finanziell leistungsschwache Kommunen" wäre dieses Projekt nicht möglich gewesen. An eigenen Mitteln musste die Stadt noch 1,2 Millionen Euro aufbringen. Der Dank von Bruno Metz galt vielen: Vor allem den Gemeinderäten, die in ihrer großen Mehrheit zum Projekt standen, dem verantwortlichen Architekten Carl Langenbach, sowie den beiden intensiv eingebundenen Ettenheimer Architekten Adelbert Hassler und Roland Keifel, die sich begeistert, liebevoll und umsichtig in das Projekt einbrachten. Einbezogen in den Dank wurden die Handwerker, die Mitarbeiter in der Verwaltung und viele Sponsoren, die an der Umgestaltung dieses bürgernahen und bürgerfreundlichen Hauses mitgewirkt haben.

Abb.: Innenminister Heribert Rech und Kultusminister Helmut Rau tragen sich als Vertreter der Landesregierung ins Goldene Buch der Stadt ein (links [hier: oben]). Zum Abschluss der Bauarbeiten gab Architekt Carl Langenbach dem Bauherrn, Bürgermeister Bruno Metz, statt des neuen winzigen Generalschlüssels für das "neue" Rathaus den bisher benötigten schweren und dicken Schlüsselbunde des "alten" Rathauses zurück (rechts [hier: unten]). Aufn.: Ulrike Hiller (1)

Abb.: Innenminister Heribert Rech und Kultusminister Helmut Rau tragen sich als Vertreter der Landesregierung ins Goldene Buch der Stadt ein (links [hier: oben]). Zum Abschluss der Bauarbeiten gab Architekt Carl Langenbach dem Bauherrn, Bürgermeister Bruno Metz, statt des neuen winzigen Generalschlüssels für das "neue" Rathaus den bisher benötigten schweren und dicken Schlüsselbunde des "alten" Rathauses zurück (rechts [hier: unten]). Aufn.: Ulrike Hiller (2)
Abb.: Innenminister Heribert Rech und Kultusminister Helmut Rau tragen sich als Vertreter der Landesregierung ins Goldene Buch der Stadt ein (links [hier: oben]). Zum Abschluss der Bauarbeiten gab Architekt Carl Langenbach dem Bauherrn, Bürgermeister Bruno Metz, statt des neuen winzigen Generalschlüssels für das "neue" Rathaus den bisher benötigten schweren und dicken Schlüsselbunde des "alten" Rathauses zurück (rechts [hier: unten]). Aufn.: Ulrike Hiller

Suchet der Stadt Bestes und betet für sie

Der katholische Pfarrer Jörg-Christian Seburschenich und Pfarrer Hans-Georg Dietrich in Vertretung des evangelischen Pfarrers Frank Schleifer sprachen für das Haus und alle, die hier ein- und ausgehen, ein Segensgebet. Gemäß dem Wort aus dem Alten Testament: "Suchet der Stadt Bestes und betet für sie".

Ettenheimer Wappen - Kunst im und am Bau

Erwähnung verdienen noch die vom heimischen Künstler Heinz Treiber entworfenen Wappen der Stadt und der einzelnen Ortsteile, die in Glas ausgeführt und an einer sichtbaren Steinmauer im Eingangsbereich angebracht wurden. So wird auch im "neuen" Rathaus das Zusammenwachsen und die Zusammengehörigkeit der Kernstadt mit den zwischen 1971 und 1975 eingemeindeten Ortsteilen bekundet.

Abb.: Der behindertengerechte Eingang zum "neuen" Rathaus in der gläsernen Fuge zwischen Haus Kern und dem barocken Rathaus mit dem vermutlich ältesten Wappen der Stadt. Aufn.: Bernhard Uttenweiler.
Abb.: Der behindertengerechte Eingang zum "neuen" Rathaus in der gläsernen Fuge zwischen Haus Kern und dem barocken Rathaus mit dem vermutlich ältesten Wappen der Stadt. Aufn.: Bernhard Uttenweiler.

Neben dieser modernen Arbeit von Heinz Treiber ist besonders das steinerne Stadtwappen hervorzuheben, das seit dem Umbau den zentralen Rathauseingang kennzeichnet. Eingehauen ist es in dem mächtigen Türsturz vom alten Schlachthaus, das 1637 die Zerstörung Ettenheims im Dreißigjährigen Krieg überstanden hat. Dieser Wappenstein wurde im Juli 1997 beim Abriss des Schlachthauses neben dem Gasthaus zum Pflug sichergestellt. Es ist ein sehr einfaches aus drei wehrhaften, doppelstöckigen Türmen mit Rundbogenfenstern bestehendes Wappen. das vielleicht aus dem frühen 14. Jahrhundert stammt und möglicherweise bald nach der Verleihung der Stadtrechte geschaffen wurde. Ein sehr früher und einzigartiger Hinweis auf das seit mehr als sieben Jahrhunderten bestehende Stadtrecht Ettenheims.

Ein drittes Stadtwappen, ein 250 Jahre altes Beispiel für Kunst am Bau, befindet sich an der Giebelseite des Rathauses unterhalb der ebenfalls renovierten Statue von Bischof Etto. Das mit der Jahreszahl 1757 versehene barocke Wappen ist nicht nur Schmuck, sondern zugleich historischer Nachweis der Entstehungszeit des Rathauses. Wie alle Wappendarstellungen auf den seit 1370 bekannten Siegeln zeigt es nicht nur die drei Türme, sondern zusätzlich die Stadtmauer mit geöffnetem Tor. Es gehört in die Reihe der sehr kunstvollen Wappen aus dem 18. Jahrhundert, die sich an den Toren der Stadt befinden.

Das Palais Rohan - Bischof Erasmus von Limburg erbaute 1560 ein Amtshaus

Zu den ältesten und historisch bedeutsamsten Gebäuden in Ettenheim gehört das Palais Rohan, das ehemalige Amtshaus der "Oberen Herrschaft" des Fürstbistums Straßburg, das nach jahrhundertelanger unterschiedlichster Verwendung seit März 1976 wieder als Verwaltungsgebäude dient.

Die Geschichte dieses stattlichen Gebäudes reicht bis in die Mitte des 16. Jahrhundert zurück. Das langgestreckte, rechteckige Bauwerk hat eine Firsthöhe von rund 17 Meter, die Giebelbreite zum Rathaus beträgt fast 14 Meter; und die Nordseite mit der großen Eingangstreppe misst etwa 32 Meter. Dr. Robert Furtwängler hat 1977 im "Geroldsecker Land" und 1984 in der "Ortenau", dem Jahrbuch des Historischen Vereins für Mittelbaden, grundlegende Ausführungen zum "alten Schloss" veröffentlicht und auch auf zahlreiche Details an Giebeln und Fenstern aufmerksam gemacht. Gotische Elemente an einigen Fenstern und eine nahezu 4 Meter dicke Kellermauer zum Hof hin stützen die Vermutung, dass dem Renaissance-Gebäude ein noch älterer Bau vorausging.

Abb.: Amtshaus der Fürstbischöflich-Straßburgischen Verwaltung in Etgtenheim. Von 1790 bis 1803 Residenz von Kardinal Rohan. Postkarte: Ludwig Seufert, 1907
Abb.: Amtshaus der Fürstbischöflich-Straßburgischen Verwaltung in Etgtenheim. Von 1790 bis 1803 Residenz von Kardinal Rohan. Postkarte: Ludwig Seufert, 1907

Der älteste eindeutig datierte Teil des fürstbischöflichen Amtshauses ist der Schlussstein auf dem Ostgiebel mit dem Wappen von Bischof Erasmus Schenk von Limburg und der Jahreszahl 1560. Bischof Erasmus kann daher als der Erbauer des Amtshauses gelten. Zum Bischof wählte man ihn 1541. Als er 1568 nach einer Regierungszeit von 27 Jahren verstarb, wurde er in seiner Residenzstadt Zabern beigesetzt. Das Ettenheimer Museum besitzt ein Exemplar der von ihm 1566 herausgegebenen Statuten und Dekrete. Darin ist auch, wie auf dem Palaisgiebel, sein persönliches Wappen mit dem Straßburger Bischofswappen und dem der Landgrafschaft Elsass abgebildet. In diesem Buch ist außerdem ein Kupferstich des vor einem Kreuz knienden Bischofs enthalten, so dass Ettenheim sogar ein Abbild des Bauherrn besitzt, dem die Errichtung des Amtshauses zu verdanken ist. Der Giebel der Westseite ist ebenfalls von einem Türmchen überragt. Hier hängt ein zur Spitze kletterndes Männchen. Zwischen den Giebelenden ist ein Kopf mit einer Bischofsmitra zu sehen. Und da es sich um ein Bauwerk aus der Zeit der Renaissance handelt, in der sich weder die Künstler noch die Auftraggeber in der Anonymität versteckten, ist es sehr wohl denkbar, dass hier sogar das Portrait von Bischof Erasmus als Ergänzung zu seinem Wappen auf der Ostseite dargestellt wurde.

Abb. oben: Wappen von Bischof Erasmus von Limburg auf dem Giebel des Amtshauses. Aufn.: Hubert Ebert.
Abb. oben: Wappen von Bischof Erasmus von Limburg auf dem Giebel des Amtshauses. Aufn.: Hubert Ebert.

Das Amtshaus hebt sich wie auch das Rathaus von den einfacheren Bürgerhäusern dadurch ab, dass die Sandsteine an den Ecken der Gebäude behauen und außerdem versetzt angeordnet sind, eine Besonderheit, die sich vorwiegend bei herrschaftlichen Bauwerken findet. Eine weitere Eigentümlichkeit besteht in den zahlreichen Tier- und Menschenköpfen, die an den oberhalb der Ecken herausragenden Kragsteinen angebracht wurden.

Es ist ein eindrucksvoller Profanbau der Renaissance aus dem 16. Jahrhundert und ein unübersehbares Zeichen der Macht und Bedeutung der Straßburger Fürstbischöfe in ihrem rechtsrheinischen Herrschaftsgebiet.

Nach dem 30jährigen Krieg wird das Amtshaus erneuert

Natürlich wurde in dem Schicksalsjahr 1637 auch dieser Bau, wie die meisten anderen Häuser Ettenheims, ein Raub der Flammen, wobei jedoch zumindest die beschriebenen Zierteile am Bau von der Zerstörung verschont blieben. Der Wiederaufbau des Amtshauses, so wie wir es heute kennen, erfolgte in der Regierungszeit von Bischof Franz Egon von Fürstenberg, der nunmehr das Bischöflich-Straßburgische Verwaltungsgebäude in barockem Stil erneuern ließ. Den Nachweis liefert sein großes herrschaftliches Wappen über dem Eingangsportal. Der 1626 auf Schloss Heiligenberg nördlich von Überlingen geborene Franz Egon von Fürstenberg wurde 1663 zum Bischof von Straßburg gewählt. Er starb 1682 in Köln. Während dieser zwanzigjährigen Regierungszeit fand also die Renovierung statt. Auf der nach 1814 gemalten Gesamtansicht von Ettenheim ist nicht nur das Rathaus, sondern auch das Amtshaus zu sehen.

Abb. unten [hier: oben]: Wappen von Fürstbischof Franz Egon von Fürstenberg über dem Eingang. Aufn.: Fernand Louzy.
Abb. unten [hier: oben]: Wappen von Fürstbischof Franz Egon von Fürstenberg über dem Eingang. Aufn.: Fernand Louzy.

Kardinal Rohan zieht ins Amtshaus ein

Die Vorgänger von Kardinal Louis René Edouard Prinz von Rohan- Guémené haben, falls sie überhaupt je in Ettenheim waren, das Amtshaus lediglich aus Anlass eines Besuches kennen gelernt. Nur der letzte Straßburger Fürstbischof verbrachte darin viele Jahre. Nachdem er 1790 vor der Französischen Revolution geflohen war, musste er bis zu seinem Tod am 16. Februar 1803 im Ettenheimer Exil ausharren. Seine Hoffnung auf Rückkehr in seine bisherige Residenzstadt Saverne im linksrheinischen Teil der Diözese Straßburg erfüllte sich nicht.

Das bescheidene Amtshaus wurde nun zum "Castello nostro Episcopali", zum "bischöflichen Schloss", wie es in einem 1793 in Ettenheim geschriebenen lateinischen Hirtenbriefe genannt wird, und so avancierte Ettenheim zu einer fürstbischöflichen "Residenzstadt". Bis das Amtshaus hergerichtet war, wohnte der Kardinal im Kloster Ettenheimmünster. Zuerst mussten die Amtsräume und die Wohnung des Oberamtmanns freigemacht werden. Für den Umbau war Baumeister Nikolaus Salins de Montfort zuständig, der in Saverne schon das neue Schloss gebaut hatte. Regelmäßig informierte sich Kardinal Rohan über den Fortschritt der Renovation und fuhr deshalb, wie der Chronist Machleid uns wissen lässt, mit seinem aus 16 Personen bestehenden Hofstaat in einer großen mit acht Rappen bespannten Kutsche von Ettenheimmünster kommend im Amtshof vor.

Charlotte de Rohan wohnte ebenfalls im fürstbischöflichen Schloss

Zu Lebzeiten des Kardinals bewohnte außerdem Charlotte Louise Dorothée de Rohan-Rochefort, eine Großnichte des Kardinals, zwei Mansardenzimmer im Schloss mit Blick nach Westen. Von 1801 bis zur Entführung des Herzogs von Enghien im März 1804 erlebte das "Liebespaar von Ettenheim" eine glückliche Zeit in dem kleinen Städtchen. In diesen wenigen Jahren fand der Herzog genügend Muße, bei dem einen oder anderen Besuch im Schloss Verse und Sprüche in die Fensterscheiben der beiden östlichen Zimmer des Erdgeschosses einzuritzen. Eine dieser Scheiben mit einer Liebeserklärung an Charlotte ist nach über 200 Jahren noch erhalten und ist jetzt als Original im Museum zu sehen. Der französische Vers für Charlotte wurde von Dr. Joh. Bapt. Ferdinand übersetzt.

Quand l'on attend sa belle
Que l'attente est cruelle
A qu'il paroit doux
l'instant du rendez-vous.

Wenn man seiner Liebsten wartet,
Ungeduld den Warter martert,
Dem des Wiedersehens Zeit
Süß scheint wie die Ewigkeit.

Ins Fürstbischöflich-Straßburgische Schloss ziehen badische Beamte ein

Am 20. September 1802 überreichte Adam Franz Xaver Freiherr von Roggenbach, Landvogt der badischen Herrschaft Mahlberg, dem Kardinal im Palais Rohan ein Schreiben, in dem Markgraf Karl Friedrich von Baden die Besitznahme der fürstbischöflichen Besitzungen ankündigte. Damit war Kardinal Rohan nicht mehr Ettenheimer Landesherr. Die über tausendjährige Geschichte der Zugehörigkeit Ettenheims zum Fürstbistum Straßburg gelangte abrupt an ihr Ende. Wenige Monate später verstarb der Kardinal vermutlich im nordöstlichen Eckzimmer der zweiten Etage seines Ettenheimer Palais. Im Chor der Kirche St. Bartholomäus links vor dem Hauptaltar fand er seine letzte Ruhestätte. An die ehemalige fürstbischöfliche Residenz erinnert noch die heute übliche Bezeichnung "Palais Rohan".

Nach der Inbesitznahme der rechtsrheinischen Teile des Fürstbistums Straßburg durch den Markgrafen und nach dem Tod des Kardinals wurden im ehemaligen "Kardinal Rohanischen Schlößlein", so die Bezeichnung in einer Akte von 1804, Wohnungen für Oberforstmeister von Schilling und einen Forstverwalter eingerichtet. Die Prinzessein Charlotte de Rohan musste ihre Dachwohnung im Palais verlassen und zog in das Haus der Witwe Sartory hinter dem Nepomuk-Brunnen.

Ab 1809 wird Ettenheim Großherzoglich-Badisches Amt

Nach der Säkularisation 1803 wurde Ettenheim zunächst dem Oberamt Mahlberg unterstellt, erhielt jedoch 1809 ein Großherzoglich- Badisches Amt. Das "Palais Rohan" war nunmehr wieder einfaches "Amthaus".

Im Jahre 1857 wurde darin das neu geschaffene selbständige Amtsgericht Ettenheim eingerichtet. Schließlich kam 1864 auch das neue Gerichtsnotariat hinzu. In dieser Zeit wurde eine kuriose Einrichtung geschaffen: Um eine leichtere Verständigung vom Richterzimmer der oberen Etage zum Erdgeschoss zu ermöglichen, wurde gleichsam als Sprechanlage ein Sprachrohr eingebaut. Nach Fertigstellung des neuen Gebäudes für das Amtsgericht in der Otto-Stoelcker- Straße und der Einweihung im November 1909 zogen Gericht und Notariat aus dem Amtshaus aus.

Zurück blieb das Bezirksamt des Amtsbezirk Ettenheim. Und als 1924 der südliche Amtsbezirk aufgehoben und mit dem Amtsbezirk Lahr vereinigt wurde, verlor Ettenheim diese Behörde. Für kurze Zeit belegte das Forstamt die leeren Räumlichkeiten, bis es 1930 auf dem Blumenberg ein eigenes Amtsgebäude beziehen konnte.

Kaserne für marokkanische Soldaten nach dem Kriegsende

Jetzt hatte wohl nur noch die Gendarmerie ihre Diensträume im Amtshaus, und im Ober- und Dachgeschoss gab es einige Beamtenwohnungen. Etwa im August 1945 fand das Haus wieder eine neue Bestimmung, als es von der französischen Besatzungsmacht für die Unterbringung marokkanischer Soldaten beschlagnahmt wurde.

Danach richtete man im Amtshaus Räume für das Gymnasium her, da das Schulhaus an der Altdorfer Straße vom französischen Militär noch nicht freigegeben war. Folglich fand das erste Nachkriegsabitur 1946 in diesem geschichtsträchtigen Gebäude statt.

Eröffnung des neuen Schülerheimes in Anwesenheit des Badischen Staatspräsidenten

Erst nach dem Krieg, wohl im Sommer 1948, hat die Stadt Ettenheim das Amtshaus vom Land Baden für etwa 100.000 DM erworben. Um die Schülerzahlen des Gymnasiums zu erhöhen, richtete die Stadt hier ein Internat ein, das am 15. September 1948 in Anwesenheit des Badischen Staatspräsidenten Leo Wohleb und des Landtagspräsidenten Dr. Karl Person eröffnet wurde. Außerdem war der französische Kreisgouverneur Chauchoy anwesend. Die Leitung des Internats übernahm bis 1960 Musiklehrer Fritz Petri. Für diesen Zweck waren erneut bauliche Änderungen vonnöten. Es mussten Schlaf- und Aufenthaltsräume und eine Küche geschaffen werden. Fast 20 Jahre leistete das Schülerheim gute Dienste und konnte die Zahl der auswärtigen Schüler für das Gymnasium erhöhen. Doch nachdem im September 1967 das Progymnasium der Lehrbrüder von Ettenheimmünster durch die Erzdiözese Freiburg als Heimschule St. Landolin nach Ettenheim verlegt wurde, entschied sich der Gemeinderat, das städtische Internat wieder zu schließen. In die nun leer stehenden Räume wurden Gastarbeiter aufgenommen.

Studiersaal des Städtischen Internats im Palais Rohan.
Studiersaal des Städtischen Internats im Palais Rohan.

Das Schülerheim wird wieder Verwaltungsgebäude

Noch 1967 stellte der Gemeinderat Überlegungen an, das Palais Rohan und das Gefängnis zusammen mit dem Stammhof an einen Hotelkonzern oder eine kirchliche Institution zu verkaufen. So sollte die Stadt das "Sorgenpaket" mit einem Schlag los werden. Doch es kam anders. In den Jahren 1974 bis 1975 wurde das Palais Rohan, wie es heute allgemein genannt wird, erneut restauriert, um für die Stadtverwaltung dringend benötigte Büroräume zu schaffen. Die äußerlichen Veränderungen betrafen das Dach und die Eingangstreppe. Das Dach des Palais in der eingangs abgebildeten Stadtansicht von 1814 hatte acht einzelne Dachgauben, doch auf einer nach 1825 entstandenen Zeichnung ist schon eine Schleppgaube mit acht Fenstern eingezeichnet. Diese durchgängige Schleppgaube der Nordseite wurde nun vollständig beseitigt. Andererseits wurde die bisher einläufige Eingangstreppe ergänzt, so dass sie jetzt zweiläufige zum Eingang führt. Obwohl historisch nicht begründet, wie ursprünglich vermutet, verleiht die neue symmetrische Form dem ganzen Gebäude ein harmonischeres Aussehen.

Im Innern mussten Veränderungen an tragenden Konstruktionen vorgenommen werden, da manche Umbauten ohne Rücksicht auf statische Voraussetzungen erfolgt waren. Im Dachgeschoss, in der früher von Charlotte von Rohan bewohnten Wohnung, stellte man der Stadtkapelle ein Probelokal zur Verfügung. Im Erdgeschoss erhielten die Stadtkasse und das Grundbuchamt neue und großzügigere Räume. Auch das Archiv, das inzwischen allerdings in das Dachgeschoss umgesiedelt ist, fand hier zuerst eine Bleibe.

Das Schülerheim vor dem Umbau zum Verwaltungsgebäude.
Das Schülerheim vor dem Umbau zum Verwaltungsgebäude.

In dem dazwischen liegenden Obergeschoss wurden das Rechnungsamt, weitere Dienstzimmer und vor allem ein neuer Sitzungssaal für den Gemeinderat eingerichtet. Seiner politischen Bedeutung entsprechend galt diesem Raum das besondere Augenmerk. Der Saal wurde mit großer Sorgfalt gestaltet, erhielt eine im Stil der Renaissance ausgeschmückte Holzbalkendecke und wuchtige repräsentative Tische und Ratssessel. Die zwei Säulen neben den beiden nordöstlichen Fenstern, deren Bedeutung nicht bekannt ist, wurden freigelegt. Einige bemerkenswerte Ausstellungstücke in diesem Saal, dem vermutlichen Sterbezimmer des Kardinals, sollen auf die lange und schicksalsträchtige Geschichte Ettenheims hinweisen: Das aus romanischer Zeit stammende Kapitell vom Hähnlebrunnen, dem Ort grausamer Hinrichtungen, der Gobelin mit dem Wappen von Armand Gaston von Rohan-Soubise, von 1704 bis 1749 der erste Rohan auf dem Straßburger Bischofsstuhl, und die Fensterscheibe des Herzogs von Enghien, die jetzt im Museum aufbewahrt wird. Nach 1988 kam der restaurierte Thoraschreinvorhang aus der Ettenheimer Synagoge dazu, der die Erinnerung an die von den Nationalsozialisten ausgelöschte jüdische Gemeinde wach halten soll.

Mit einem Tag der offenen Tür am 6. und 7. März 1976, zu dem Gemeinderat und Bürgermeister Herbert König die Bürger einluden, ging eine wohldurchdachte und gewissenhafte Sanierung zu Ende. Seit dreißig Jahren ist die Verwaltung nun schon wieder im renovierten Palais, das glücklicherweise in seiner Baustruktur erhalten ist und seit nahezu 450 Jahren dem historischen Stadtbild Ettenheims noch immer einen herrschaftlichen Charakter verleiht.

abb 20 Das Palais Rohan im Jahre 2005. Aufn.: Wolfgang Hoffmann.
Das Palais Rohan im Jahre 2005. Aufn.: Wolfgang Hoffmann.

Anmerkung und Dank

Eine kürzere Version dieser Arbeit wurde ohne Quellen- und Literaturangaben zuerst veröffentlicht in: Ettenheim, Stadt (Hrsg.): Neueröffnung unseres Rathauses. An Tradition orientiert. In die Zukunft investiert. Ettenheim 2008. 39 Seiten.

Für die Darstellung der Geschichte des Rathauses und des Palais Rohan standen mir insbesondere die Veröffentlichungen von Dr. Robert Furtwängler †, Philipp Harden-Rauch † und Hubert Kewitz †, Notizen von Prof. Hermann Brommer und die wertvollen Hinweise von Herrn Dieter Weis auf bisher nicht bekannte Quellen zur Verfügung. Für ergänzende Auskünfte bin ich Frau Beatrice Bürkle (Grundbuchamt), Herrn Lothar Guth (Bauamt), Herrn Alfred Kaminski (Archiv) und Herrn Michael Utz (Verwaltung) dankbar. Ein herzlicher Dank geht auch an Frau Maria Edelmann geb. Kern, Orschweier, und Herrn Adalbert Hassler für Auskünfte zu den Häusern Kern und Blank / Forsch.

Quellen

Joann Conrad Machleid, Diarien I und II (1775 - 1794). Handschrift in Privatbesitz in Ettenheim.
Staatsarchiv Freiburg: B 717 / 8, Nr. 292, Großherzoglich Badisches Bezirksamt Ettenheim. Gemeindevermögen, Rathaus. 1826, 1827, 1828, 1857 und 1891. (Umbau des Rathauses 1857, Stiege 1828, Rathausplan von Anton Kirn, Abbruch der Treppe 1891)
StA Ettenheim: 297, 1891 - 1943: Arbeiten zur Renovation. (Plan der Rathausfassade 1891 von Franz Schwarz. Geschäftsräume der Sparkasse im 2. Stock werden 1928 Dienstzimmer des Bürgermeisters)
StA Ettenheim: OZ 148, 1901 - 1909: Rathaussaal als Geschäftszimmer für das Notariat, Benutzung des Rathauses zu Schöffengerichtssitzungen. StA Ettenheim: Akten IV, Hefte 299, 1928: Bauaufnahme von Dipl. Ing. Bertold Bechtel, Bruchsal. (Komplette Pläne des Rathauses. Die in der Beschreibung angegebenen Daten müssen jedoch korrigiert werden: Nicht 1840, sondern 1857, nicht 1890, sondern 1891)
StA Ettenheim: 043 / 1, Heft 67, 1951 - 1968: Verwaltungsgebäude und Diensträume - Das Rathaus: Bau, Erweiterung, Unterhaltung, Denkmalpflege. (Plan des bisherigen kleinen Bürgersaals, Dachreiter, neuer Bürgersaal, Einweihungsfeier)
StA Ettenheim: 043 / 12, Heft 68, 1969: Einbau eines Büroraumes in der ehemaligen Butterhalle.
Quellenhinweise von Herrn Dieter Weis
GLA Karlsruhe 66 / 2451, S. 137b, Ettenheimbische Bannß Erneuerung 1660, GLA Karlsruhe 404 / 44, Domainen Verwaltung Ettenheim 1804 (Wohnung Forstverwaltung, Prinzessen von Rohan)
StA Ettenheim: Statt Rechnung 1693, Außgaab Geltt (Glöcklein)
StA Ettenheim: Bürgermeister Rechnung 1696 (Neue Uhrentafel, Rathausanstrich, Farbe "Englische Erdten" = Erdton, Englischrot)
StA Ettenheim: Statt Rechnung 1700 (Rathausglöcklein)
StA Ettenheim: Bürgermeister Rechnung 1725 (Rad für Storchennest)
StA Ettenheim: Der Stadt Ettenheim Behausungen undt Hoff Stätt undt Rittmatten, Erneuerung der Bürgerlichen Heußeren undt Matten" (Berain Nr. 3) vom 16.12.1721, S. 28b (Beim Grundbuchamt)
StA Ettenheim: Bürgermeisterrechnung 1751 (Maurermeister Georg Naudascher aus Mahlberg, Maurermeister Nicodemus Sprenger aus Tirol)
StA Ettenheim: Stadtrechung 1825 (Zeichnung Palais Rohan nach 1825)
Grundbuch Ettenheim: Eine Zusammenstellung der Eigentümer des Hauses Rohanstraße 16 (Haus Kern) und 17 (Haus Blank / Forsch) verdanke ich ebenfalls Dieter Weis.

Literatur

125 Jahre Gymnasium Ettenheim. (1841 - 1966). Ettenheim 1967. (Städtisches Internat im Palais Rohan)
Männergesangverein Ettenheim 1862 - 1912. Ettenheim 1912. (Darin: Die Gemeinde Ettenheim und das Rathaus - Das Amtshaus - Wohnung von Charlotte von Rohan im Palais - Enghien)
Ettenheimer Heimatbote (chs): Palais Rohan im renovierten Gewande: Ein "neues, altes" Amtshaus. Ausgabe vom 6.3.1976. (Auch Einladung zum Tag der offenen Tür vom 6.3. - 7.3.1976)
Joh. Bapt. Ferdinand, Das Amtsgericht in Ettenheim nebst Amtsgefängnis. Leibold, Ettenheim 1927.
Robert Furtwängler (f ), Rathaus wieder in alter Schönheit. In: Badische Zeitung vom 15.06.1984 (Turmuhr)
Robert Furtwängler (f ), Stadtgründer: die Statue wird erneuert. In: Badische Zeitung vom 15.06.1984.
Robert Furtwängler, Das Ettenheimer "alte" Schloß. In: Burgen und Schlösser in Baden. Die Ortenau 64 (1984). (Ausführlicher in: Geroldsecker Land 19, 1977)
Robert Furtwängler, Der Novemberpogrom in Ettenheim. In: Historischer Verein Ettenheim (Hrsg.): Schicksal und Geschichte der jüdischen Gemeinden Ettenheim etc. 1988 / 1997.
Robert Furtwängler, Ettenheims "altes Schloß" und seine Geschichte. In: Geroldsecker Land 19, 1977
Robert Furtwängler, Jetzt Vereinshaus. Einst Fruchtspeicher und Amtsgefängnis. In: 150 Jahre MGV 1843. Frauen- und Männerchor Ettenheim e.V. 1843 - 1993. (Bau des Fruchtspeichers 1814, wichtig für die Datierung der ältesten Stadtansicht)
Reinher Gassert, Sonnenuhren in der Ortenau. In: Geroldsecker Land 26, 1984. (Am Rathaus in Ettenheim 1718, 1757, 1791)
Philipp Harden-Rauch, Bilder aus Alt-Ettenheim. In: 125 Jahre Gymnasium Ettenheim. (1841 - 1966). Ettenheim 1967, S. 69 - 76. (Datierung der ältesten Ansicht der Stadt auf 1790, korrigiert durch Dieter Weis auf 1814)
Philipp Harden-Rauch, Die Tagebücher des Joann Conrad Machleid, Chirurgus und Bürger der Stadt Ettenheim von anno 1735. In: Geroldsecker Land 8, 1965 / 66 und 9, 1966/67
Adalbert Hassler, Mitbeteiligt an der Bauaufnahme des Hauses Blank vom Juni 1979 durch das Institut für Baugeschichte der Universität Karlsruhe (Prof. Dr.-Ing. W. Schirmer)
Michael Hecht, Spital und Krankenhaus in Ettenheim. 1452 - 1952 - 2002. Ettenheim 2002.
Friedrich Hefele, Vorarlberger und Allgäuer Bauleute zu Freiburg i. Br. im 18. Jahrhundert. In: Alemania 4, 1930. (S. 124 über Anton Schrotz (1701 - 1762) von Thannheim. Städtischer Baumeister in Freiburg, dort ansässig 1754 - 1762)
Hubert Kewitz, "Occupatorische MaasRegeln" - Das Schreiben von Markgraf Karl Friedrich an Kardinal Rohan vom 14.9.1802. In: Die Ortenau 61 (1981)
Hubert Kewitz, Aus der Geschichte des Ettenheimer Rathauses. In: Ettenheimer Stadtanzeiger vom 8.11.1984.
Hubert Kewitz, Das Verkehrsbüro diente einst als Butterhalle. In: Badische Zeitung vom 14.05.1984.
Hubert Kewitz, Rathaus von 1757 soll jetzt restauriert werden: Heutiger Bürgersaal war einst Fruchthalle. Verkehrsamt zog in die "Butterhalle" ein. In: Lahrer Zeitung vom 28.03.1984.
Otto Marko, Die Gemeinde Ettenheim. In: Festbuch Männer-Gesang-Verein. Ettenheim. Leibold, 1912. (Angaben zum Rathaus)
Margret Oelhoff, Jüdische Familien in Ettenheim. In: Historischer Verein Ettenheim (Hrsg.): Schicksal und Geschichte der jüdischen Gemeinden Ettenheim etc. 1988 / 1997. (Familie Forsch. Foto des Textilgeschäfts)
Fritz Petri, Das Internat des Gymnasiums Ettenheim. In: 125 Jahre Gymnasium Ettenheim. (1841-1966). Ettenheim 1967. S. 129 - 136. Bernhard Uttenweiler (Hrsg.), Ettenheim. Geschichte der Stadt in Bildern und Dokumenten. Ettenheim 2005.
Bernhard Uttenweiler, Das Kloster Ettenheimmünster. In: Vom Fürstbischof zu Straßburg zum Markgraf von Baden. Oberkirch, 2003. (Betrifft die Datierung des Klostergemäldes im Bürgersaal)
Bernhard Uttenweiler, Die jüdische Bevölkerung in Ettenheim und Umgebung im Spiegel der Ettenheimer Zeitung. In: Historischer Verein Ettenheim (Hrsg.): Schicksal und Geschichte der jüdischen Gemeinden Ettenheim etc., 1988 / 1997. (Inserat C. & A. Lion. Todesanzeige von Adolf Forsch 1918 mit Eisernem Kreuz)
Bernhard Uttenweiler, Ettenheim - Ein liebenswertes Barockstädtchen. Die Reihe Archivbilder. Sutton-Verlag Erfurt, 2003.
Dieter Weis, 1825 wurde der Ettenheimer Marktplatz vergrößert. In: Ettenheimer Stadtanzeiger vom 27.06.2002. (Schlosshof, Zeichnung Palais Rohan nach 1825)
Max Wingenroth (Hrsg.), Die Kunstdenkmäler der Amtsbezirke Breisach, Emmendingen, Ettenheim, Freiburg (Land) ..., Tübingen 1904. (Amt Ettenheim S. 245 - 279)
Literatur zum Kapitel: Ein "neues" Rathaus entsteht - Umbau 2008
Herbert Birkle (hpb), Ein in jeder Hinsicht strahlender Tag für Ettenheim. Tag der offenen Tür für das neue Rathaus ein Supererfolg. - Neues Kapitel in der Stadtgeschichte. Innenminister Heribert Rech würdigt hervorragende Leistung. - Dicker Schlüsselbund für Bruno Metz. Carl Langenbach über Zeitalter, Bauzeiten, Redezeit. - "Suche der Stadt Bestes und bete für sie". Segnung mit gemeinsam gesprochenem "Vater unser". - Rathausgeschichte spannend berichtet. Bernhard Uttenweiler bot interessanten historischen Rückblick. In: Ettenheimer Stadtanzeiger vom 23.10.2008.
Herbert Birkle (hpb), Ettenheimer Rathaussanierung bringt täglich neue Anforderungen. Bauausschuss besichtigte am Montagabend die Großbaustelle. Am 17. Oktober Einweihung mit großem Fest. In: Ettenheimer Stadtanzeiger vom 21.02.2008.
Herbert Birkle (hpb), Reizvolle Grundsatzaufgabe konsequent gelöst: Rathausumbau stellte hohe konzeptionelle Anforderungen. In: Ettenheimer Stadtanzeiger vom 16.10.2008.
Klaus Fischer, Offen, freundlich und bürgernah. Das Rathaus bekam einen Tapetenwechsel und die Verwaltung eine neue Organisationsstruktur. Tag der offenen Tür am 19. Oktober. In: Badische Zeitung vom 8.10.2008.
Philip Harden-Rauch (Ph.H.-R.), Zeugen unserer Vergangenheit sind in Gefahr. In: Ettenheimer Heimatbote vom 28.04.1960 (Zu den Rohan-Gemälden und Hinweis auf das Enghien-Gemälde von Josef Weiser)
Carl Langenbach (Architekt), Rathaus Ettenheim. Ansprache bei der Einweihung und Schlüsselübergabe am 17. Oktober 2008.
Astrid Loquai, Von der Vorgeschichte bis zum preisgekrönten Entwurf. - Sanierung im historischen Ensemble. In: Ettenheim, Stadt (Hrsg.): Neueröffnung unseres Rathauses. An Tradition orientiert. In die Zukunft Orientiert. Ettenheim 2008. S.6 - 9. (Mit Grundrissen und reichem Bildmaterial)
Bruno Metz, Vorwort. Der Gemeinderat. 250 Jahre Rathaus Ettenheim - Kommunale Selbstverwaltung. Stadt Ettenheim - einst und heute. Zahlen, Daten und Fakten. Die Firmen und am Bau Beteiligten. In: Ettenheim, Stadt (Hrsg.), Neueröffnung unseres Rathauses. Ettenheim 2008.
Bruno Metz, Ansprache bei der Einweihung des Rathauses am 17. Oktober 2008.
Katharina Meyer, Alte Fronten, alte Argumente. Der Ettenheimer Bürgermeister Metz hatte Gegner des Rathausumbaus zu einem Info- Abend nach Wallburg geladen. In: Badische Zeitung vom 21.11.2007.
Heribert Rech, Grußwort. In: Ettenheim, Stadt (Hrsg.), Neueröffnung unseres Rathauses. Ettenheim 2008, S. 5.
Herbert Schabel, Böse Überraschungen im Bürgersaal. Die Sanierung des Ettenheimer Rathauses wird teurer als vorgesehen. In: Lahrer Zeitung vom 19. Juni 2008. Erika Sieberts (eri), Ein Rathaus wird zum Treffpunkt. Hunderte staunten nicht schlecht über Gebäude und Verwaltung. In: Badische Zeitung vom 20.10.2008.
Bernhard Uttenweiler, Die Geschichte der Ettenheimer Verwaltungsgebäude. In: Stadt Ettenheim (Hrsg.), Neueröffnung unseres Rathauses, Ettenheim 2008, S. 24 -31 .


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