derOrtenauerHerzlich willkommen beim Ortenauer

Sie müssen die Texte nicht lesen - einfach Ton anschalten, den Text markieren und den kleinen Lautsprecher über der Markierung anklicken. speaker32

Viel Spaß beim Hören und Sehen


Ihr Ortenauer

Max Wingenroth über Offenburg 1908


Über den Autor des nachvollgenden ausführlichen Berichts über Offenburg:

Max Wingenroth Kunstdenkmaeler des Kreises OffenburgMax Wingenroth stammte aus einer großbürgerlichen Mannheimer Familie, sein Elternhaus war das Palais Bretzenheim.

Lebensdaten:
1878–1890 Vorschule bis 1881, dann Gymnasium in Mannheim
1890–1891 zwei Semester Medizinstudium an der Albert-Ludwig-Universität Freiburg
1891–1893 Studium der Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München
1893–1894 Wintersemester in Freiburg: Kunstgeschichte u. Französisch - 1894 Sommersemester Universität in Wien
1894–1896 Studium an der Universität Heidelberg zur bis Promotion bei Henry Thode (? IV 294) zum Dr. phil.: "Die Jugendwerke des Benozzo Gozzoli"
1895–1896 Einjährig-Freiwilliger beim Badischen Grenadierregiment Kaiser Wilhelm I. Nr. 110, danach Assistent am Germanischen Museum Nürnberg
1901–1909 Direktionsassistent an den Vereinigten Sammlungen in Karlsruhe
1909–1922 Konservator der Städtischen Sammlungen in Freiburg
1909 Gründungsmitglied der Badischen Heimat, 1914 Zweiter Vorsitzender u. Schriftleiter
1921 Weichenstellung zur Vereinigung d. städtischen Sammlungen mit den Beständen des Freiburger Diözesanmuseums, Beginn d. Umbauarbeiten des lange geplanten Augustinermuseums dessen Eröffnung 1923 er aufgrund seines frühen Todes nicht mehr erlebte.


Vorbemerkung: die bei Wingenroth zum Teil verwendeten alten Umlaute: Aͤ - aͤ - Oͤ - oͤ - Uͤ - uͤ wurden im Text durch die heute gängigen Umlaute: Ä - ä - Ö - ö - Ü - ü ersetzt.


- 457 -

Fig 258 Holzschnitt Ende 15JH
Schreibweisen: Offinburc ca. 1101; castrum Offinburc 1148; Offenburc 1182; Uffunburg 1237 bis 1254; Offenburg 1248; opidum 1246; oppidum Argentinensis diöcesis 1367; Offenbürg 1330; Offimburg 1365; Offinborg 1388.

Literatur: Römisches:

C. L. Wielandt, Beiträge zur ältesten Gesch. des Landstrichs am rechten Rheinufer von Basel bis Carlsruhe, Carlsr. 1811, S. 145 ff.
Zangemeister, Westd. Zeitschr. III, S. 246 u. 257. Römische Straße von Offenburg nach Achern, Korrespondenzblatt der Westd. Zeitschr. VI, S. 58.
Schädel, Lanze, Bronzearmband aus einer Grabstätte der Römerzeit, gef. bei Offenburg, Anzeiger des German. National-Museums 1894, S. 71.
G. Kaibel, Über den bei O. gefundenen Stein mit einer angeblich griech. Inschrift, Inscript. Graecae Sicil. et Ital., add. graecis Galliae Hisp. Brit. Germ. inscriptionibus, Berlin, Reimer 1890, S. 676.
Fr. Weißgerber, Erklär. der Inschrift einer in der Gegend von O. aufgefundenen röm. Meilensäule, Gymn.-Progr., O. 1841.
E. Fabricius, Die Besitznahme Badens durch die Römer, Neujahrsblatt der bad. histor. Kommission 1905.

- 458 -

Zur Geschichte der Stadt: Histor.-topogr. Beschreibung von O., mit III., Offenb. Adreßkalender 1834.
J. Bader, Chronik der ehemal. Reichsstadt O., Badenia II (1840), S. 1 - 18. Geograph. Beschreibung der Landvogtey Ortenau, dann von den drey Reichsstädten O., Gengenbach und Zell am Harmerspach, Karlsruhe 1795.
J. Dewerth, Einleitung zur Gesch. der Stadt O, und das älteste Siegel, im Adreßkalender für 1863.
Gothein, Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes, S. 207 ff.
F. Mone, Die bild. Künste im Großh. Baden, Bd. XIV, Heft 1 u. 2.
J. Näher, Ortenau, S. 55.
K. Walter, Beiträge zu einer Gesch. der Stadt O., 1. Heft, O. 1880.
Ders, Gesch. der Stadt O, Ächter Hebels Rheinländ.
Hausfreund 1882, S. 97.
Ders., Kurzer Abriß der Gesch. der Reichsstadt O., 1896.
D’r alt Offeburger, Zeitung, herausg. von Geck seit 1899.

Kirchliches (siehe unten).

Einzelnes:
A. Birlinger, Mitteilungen aus H. Sanders Reisetagebuch.
Wetterläuten in O., Alemannia XIII, S. 176.
L. Dacheux, Eine Steuerrolle der Diöcese Straßburg für das Jahr 1464, Str. 1897;
dazu FDA. XXVI, S. 329. Einnahme von O. am 27. Juni 1796 und der Rückzug ins Kinzigtal, Bad. Militär-Almanach VII, S. 74 — 81.
Kleinbrodt, Ein Bericht über die Vorgänge in O. vom 11. bis 15. März 1804, mitget. von K. Obser, Adreßbuch 1899 und Mitteil. der hist. Komm. XXI (1899), S. 57 - 65.,
J. May, Paul Volz von O. und die Annalen von Schuttern, 1898.
F. J. Mone, Karl IV. bestätigt die Rechte und Gewohnheiten der Stadt O., Z. 12, S. 333/34.
Ders., Zur Gesch. des Bettels, Z. 19, S. 159 — 163.
Ders., Die Fastnacht zu O. 1483, Z. 16, S. 264 — 267.
A. Schulte, Ein Skizzenbuch aus dem Unglücksjahr 1689, Z. NF. 4, S. 384 — 400.
Stadtrecht zu O., 2. Bd. d. neuen bad. Gesetzessamml. 1805, S. 1—30; vgl. Bad. Bibliothek I, S. 7.
P. Staudenmaier, Die ehemal. Reichsstadt O. bei ihrem Übergange an Kurbaden anno 1802, Ortenauer Bote 1880, S. 216 — 220.
K. Walter, Rathaus, Pfalz, Pfalzrecht und die Laube der Stadt O., 1894.
Ders, Zum 200. Gedenktag der Zerstörung der Reichsstadt O. am 9. Sept. 1689, 1889.
Ders, Die Wahl des letzten Reichsschultheißen und die letzte Ämterbesetzung zu O., 1891.
Ders., Vor vierhundert Jahren, histor. Beitrag zum Adreßbuch der Stadt O., 1881.

Hexenprozesse:

Christl. Einfältiger Bericht von den Exorcismis und Teufelsbeschwörungen, so dieses verschiedene 1603 Jahr zu O. fürgenommen worden, 1603.
A. Birlinger, Eine Beschwerung zu Offenburg, 1603, Alemannia IX, S. 252 - 253.
H. Schreiber, Die Hexenprozeß zu Freiburg, O. und Bräunlingen, Frbg. Adreßkalender 1836.
Fr. Volk, Die Hexen in der Ortenau und O., 1882.

Kunstdenkmäler:

F. J. Mone, Die bild. Künste etc., Bd. XIV.
W. Lübke, Kunstwerke und Künstler, S.237 — 349.
Badische Wanderungen I, Offenburg.
Fr. Baumgarten, Die Denkmäler des Offenburger Kirchplatzes, 1891.
Das Kruzifix bei der ehemal. Zuckerfabrik in O., Frbg. Kath. Kirchenblatt 1883, Nr. 50.
K. Walter, Die Erbauung des Bezirksamtes zu O., früher Königshof genannt, Separatabdr. eines Feuilletons des Volksfreundes.
Ders., Das Judenbad zu O., o.J.
Ders., Bildhauer Joh. Nepomuk Speckert in O., Separatabdruck a. d. Volksfreund.
Ders., Die Bierbrauerei zum Kopf, - Separatabdruck a. d. Volksfreund.
Ders., Das Gasthaus zur Sonne in O.. Separatabdruck a. d. Volksfreund.

Pläne und Ansichten:

Ansicht der Stadt, Holzschnitt, dessen Herkunft ich nicht feststellen konnte.
Münster, Cosmographia S. CCCIXXX.
Ansicht, Kupferstich von Merian, Topographia Sueviae, Frankfurt 1643 (s. Fig. 259).

- 459 -

Ders., Plan der Stadt, Kupferstich, Frankf. 1650 (nach Kienitz-Wagner wohl identisch mit citierter Ansicht, von denselben Maßen)... Plan der Befestigungen und Schanzen der Reichsstadt O. zur Zeit des 30jähr. Krieges, 1645. Federzeichnung, publiziert von K. Walter.
Ansicht der Stadt, Kupferstich von Werner; ca. 1700.
Ansicht von O., gezeichn. von Follenweider, geätzt von Nilson in Sepia (1835).
Ansicht, Stahlstich von E. Wagner nach Zeichnung von K. Corradi.


Als die römische Politik unter Vespasian von der bis dahin geübten ängstlichen Zurückhaltung an der Grenze des Reichs gegen die Germanen zu einem energischen Vorwärtsstreben übergegangen war, dokumentierte sich dies sofort in einem Feldzug, den Rom in dem rechtsrheinischen Gebiet unternahm. Noch während des Krieges ließ der damalige Befehlshaber des römischen Heeres, Cn. Pinarius Cornelius Clemens, "eine Militärstraße von Straßburg aus über den Rhein, durch das Kinzigtal und über den Schwarzwald hinweg bis nach der Donau erbauen. Ein Meilenstein dieser Straße, auf dem neben den Namen Vespasians und seiner Söhne Cornelius Clemens selber sich nennt, ist bei Offenburg gefunden worden am Ausgang der Stadt gegen Gengenbach"(1). Des weiteren fand sich hier der Grabstein eines während seiner Dienstzeit gestorbenen Centurionen der I. Thrakischen Kohorte in der Kinzig (s. unten), außerdem ein großes korinthisches Kapitell in der Mitte der heutigen Stadt bei Blechnermeister Pfitzmaier, der Sandsteintorso eines Soldaten in der Stadtmauer, 25 römische Tonscherben in der Mitte der Kornstraße vom Rathaus zum Vincentiushaus etc. Unter Trajan wurde dann mit dem Ausbau des inneren Straßennetzes begonnen und etwa um 100 n. Chr. die Bergstraße Mainz-Bühl bis Augusta Raurica angelegt, die sich bei Offenburg mit der Kinzigtalstraße kreuzte. Es ist nun wichtig, daß alle die genannten Funde in der Mitte der Stadt oder mehr in ihren südlichen Teilen gemacht wurden, denn es scheint danach, daß die römische Niederlassung - man nimmt mit Sicherheit hier ein Kastell an - an der Stelle des heutigen Offenburg lag und nicht etwa da, wo wir das früher in der Geschichte erscheinende Kinzigdorf zu suchen haben. Auch in alemannischer Zeit war die Stelle besiedelt, worauf die untenverzeichneten Funde deuten.

Dann aber hören wir bis in das 12. Jh. nichts mehr von der Stadt, dagegen von dem mit ihr in der späteren Geschichte nicht identischen Kinzigdorf. 926 wird dasselbe genannt: in oppido quod dicitur Chincihdorf; 1070 comitatus Chinzihdorff et Otenheim; in Mortunagia Kinsdorf 1139; villa Kinzedorf 1289; extra oppidum zü Kintzichdorf 1436; in der stat Offemburg pau zu Kyntzigdorff nahent bey der stat porthen 1504; Kintzdorff und Uffhoven 1551. Dieser Ort lag da, wo jetzt außerhalb der Stadt das städtische Krankenhaus sich befindet, und dehnte sich bis gegen die sogen. Judenbrücke, rückwärts. auf dem Besitztume des Herrn Pfähler sen. und gegen die jetzige Stadt aus(2), also etwa beim heutigen Bahnhof und dem großen Pfählerschen Garten. Nach ihm und Ottenheim wird, wie wir gesehen haben, im 11. Jh. eine Grafschaft genannt, deren alte Dingstätte er war. Mit dem daneben liegenden Uffhoven bildete er den Mittelpunkt der ältesten Markgenossenschaft, in der die Stadt entstanden ist. - Das Kloster Gengenbach war hier begütert, 1242 hören wir von einem Hof desselben, im 16. Jh. (1563 und 1564) von dem Freyhof "des gotzhauses Gengenpach". Auch das Hochstift Straßburg besaß einen Teil des Orts, wohl infolge seiner Pfandschaft Ortenau. Denn das ganze Mittelalter

1.) Fabricius a. a. 0. S. 37.
2.) Adreßkalender 1883, S. 4.

- 460 -

hindurch gehörte Kinzigdorf zu dieser, trotz engster Wirtschaftsgemeinschaft mit Offenburg. Erst im 16. Jh. erkaufte dieses die Obrigkeit darüber stückweise, und erst seitdem ist das Dorf mit der Stadt allmählich verschmolzen(1).

Von dem daneben gelegenen Flecken Uffhoven hören wir erst 1289; es lag vor dem Kinziger Tor und bestand 1588 nur noch aus einem Schlößchen und fünf Häusern; auch es wurde um diese Zeit von der Stadt käuflich erworben.

"Das erste Mal, daß die genannte Grafschaft erwähnt wird, erscheint sie im Besitz der Zähringer Herzöge; und es ist kaum zweifelhaft, daß sie bis zum Aussterben der Linie bei ihnen geblieben sei. Als ihre Burg wird zuerst im Rotulus S. Petrinus das Castrum Offenburg genannt, das in unmittelbarer Nähe der alten Dingstätte Kinzigdorf gelegen war. Aus dieser Burg ist alsdann - wir können nicht zweifeln, in gleicher Weise wie die anderen zähringischen Gründungen am Oberrhein und der Schweiz - die gleichbenannte Stadt erwachsen, welche in Freiburg ihren Oberhof sah"(2). Die Beweggründe für die Anlage der Burg gerade hier sind klar. Sahen wir doch, daß die Stelle zu Römerzeiten der Kreuzungspunkt der wichtigen Kinzigtalstraße Straßburg - Rottweil und der Bergstraße Mainz - Bühl - Badenweiler etc. war und das auch jedenfalls im Mittelalter, wo die Straßen weiter benutzt wurden, geblieben ist. Da war denn die Anlage einer Befestigung ganz selbstverständlich - möglicherweise mit Benutzung stehengebliebener Mauern des römischen Castrums. Wie sich dann allmählich der Ort an der so geschützten Hauptstraße entlang anbaute, ist noch heute aus dem Plan der Stadt ersichtlich. Man wird annehmen dürfen, daß dieses Schloß und dieser Ort als ältere Gründung auf freiem Reichsterritorium lagen, und daher auch die spätere Zugehörigkeit der Stadt zum Reich erklären können.

Sehr bald werden die Zähringer dem sich wohl rasch entwickelnden Orte Marktrecht verliehen haben, und bei der günstigen Lage mag darauf ein neuer Aufschwung gefolgt sein. Wann er das Münzrecht erhielt, das der König verlieh, vermögen wir nicht bestimmt zu sagen, vielleicht erst unter Kaiser Friedrich II.

Nach dem Aussterben der Herzogslinie nämlich zog der Kaiser das erledigte Lehen an sich und es erhob sich darüber ein Streit zwischen ihm und dem Bistum Straßburg, der damit endete, daß der Bischof 1223 und 1236 auf die Stadt verzichtete und nur Patronat und Zehnt behielt. Die folgenden Streitigkeiten aber zwischen dem Kaiser und dem Papst benutzte der Bischof, damals Heinrich von Stahleck, die Ortenau wieder an sich zu bringen: er eroberte 1247 außer Ortenberg und Gengenbach auch Offenburg, das nun während des ganzen Interregnums bei Straßburg blieb. Zwar erhoben auch die Erben der Zähringer, die Grafen von Freiburg, Anspruch auf Offenburg mit der ganzen Ortenau, dieselben wurden ihnen auch von Heinrich VII. zugestanden und von Innocenz IV. 1248 bestätigt, doch verzichtet 1250 Graf Heinrich von Fürstenberg auf diese sehr zweifelhaften Erbansprüche zugunsten des Bistums.

Offenburg, das nach dem Ende der Zähringer unbestritten Reichsstadt geworden war, blieb bis auf König Rudolf I. bei dem Bistum; dieser brachte es endlich wieder an das Reich. Schon er verpfändete aber 1289 4 Mark aus der Reichssteuer an Götze und Hugo Sturm von Straßburg, welche Verpfändung durch die nachfolgenden Kaiser

1.) Gothein a. a. O. S. 216.
2.) Gothein a. a. O. S. 208 u. 209.

- 461 -

Adolf, Albrecht, Heinrich VII. 1326, Ludwig den Bayern 1331 und Karl IV. bestätigt wurde. Doch ging es dabei nicht ohne Streit her, und so ergingen in der Angelegenheit 1313 und 1314 verschiedene Schiedssprüche, erst 1326 vermittelten definitiv Bischof Johann von Straßburg, Markgraf Rudolf von Baden als Landgraf in der Ortenau und Otto von Ochsenstein als Landgraf im Elsaß auf die Berufung König Friedrichs des Schönen die Sühne der Städte Straßburg und Offenburg über diese und verschiedene andere Streitigkeiten(1).

Abgesehen von diesem verpfändeten Teil der Reichssteuer aber blieb die Landvogtei zunächst beim Reiche, eine für die Entwickelung der Privilegien und Gerechtsame der Städte Offenburg, Gengenbach und Zell höchst günstige Zeit; sie standen deshalb auch zu König Adolf, der verschiedentlich in der Gegend weilte, so 1293 in Ortenberg und vom 8. bis 15. Dezember in Offenburg, und der die schweren Kämpfe mit der Gegenpartei zum Teil auf diesem Boden auszufechten hatte; so stand er 1298 bei Kenzingen Albrecht von Habsburg gegenüber, mußte sich aber bis Offenburg und weiter bis Steinbach zurückziehen. - In den folgenden wirren Zeiten bewährte sich die Freiheit der Städte. Zweimal, als der Thron leer stand, wählten sie sich auf eigene Hand einen Pfleger, 1308 in Otto von Ochsenstein und 1313 in dem Ritter von Murhard; alle Fürsten und Herren im Umkreis verbürgten sich für die Sicherheit des Vertrages, den diese mit den Städten eingingen. 1331 erkannte Ludwig der Bayer ausdrücklich das Recht der Städte an, sich selber einen Vogt zu wählen, wenn der Thron leer stände. Die schöne Zeit des unmittelbaren Verhältnisses zum Reiche war aber bald vorüber, mit dem 14. Jh. begannen die großen und andauernden Verpfändungen. Friedrich der Schöne versetzte die Landvogtei mit ihren Einkünften 1321 dem Markgrafen Rudolf von Baden, 1351 erhielt das Bistum Straßburg von Karl IV. die Erlaubnis, sie von jenem zu lösen, 1356 das gleiche Anrecht auch der Pfalzgraf; aber erst 1405 löste Kaiser Ruprecht die Hälfte der Berechtigungen für die Kurpfalz ein; er weilte damals auch in der Stadt, die nun, wie die ganze Landvogtei und ihre Schwesterstädte, zwei Pfandherren besaß.

Sie muß im 13. und 14. Jh. ein immerhin stattliches Wachstum zu verzeichnen gehabt haben. 1282 hören wir von dem ersten Priester, 1223 von der Kirche, die wohl damals schon in Stein erbaut war. Es war aber kaum der Bau, der bis zur französischen Zerstörung stand, denn wir hören von einem gerühmten gotischen Turm, es hat also im späteren Mittelalter ein Neubau stattgefunden. 1280 luden der Schultheiß und die Gemeinde die Franziskaner der Mainzer Provinz zur Niederlassung ein, denen man hauptsächlich den höheren Unterricht anvertraute, ihr Klosterbau wird sich damals erhoben haben. Früher schon, 1246, hatten Dominikanerinnen hier ein Kloster gegründet. Der Anfang des 14. Jhs. brachte dann die wohltätige Errichtung des Spitals, das 1306 aus den Mitteln der Bürgerschaft erbaut wurde. Auch Beghinen hatten ihre Niederlassung hier schon seit 1307, und sie müssen ein stattliches Gebäude errichtet haben, denn 1401 hören wir von dem "großen gotzhus zü Offenburg". Die Schule wurde teils von den Franziskanern, teils von Laienlehrern besorgt. Ein Rathaus stand sicher längst, wenn auch erst 1426 von einem Bau, also einem Neubau, berichtet wird, und die Befestigungen werden wir uns ungefähr in der Ausdehnung des inneren Ringes in der

1.) Walter, Kurzer Abriß, S. 6.

- 462 -

Zeit des Dreißjährigen Krieges zu denken haben. Noch standen die Häuser nicht gedrängt aneinander, wie in allen Städten erstreckten sich hinter ihnen Gärten und Felder. Von der Burg hören wir um diese Zeit nichts mehr, und keine Spur weist darauf hin, wo sie einst gestanden.

Das 13. und 14. Jh. sah aber auch die Ausbildung der Verfassung der Stadt. Seit dem Übergange der Stadt Offenburg an das Reich stand an der Spitze des Stadtgerichtes der Reichsschultheiß. 1233 erscheint schon ein scultetus de Offenburg. Er ward von den Vertretern der Reichsgewalt ernannt; seitdem der Zwölferrat bestand, auf dessen Vorschlag hin aus den Zwölfern des Alten Rates(1). Die Ausbildung des letzteren muß in das Ende des 13. Jhs. fallen; "1280 werden die Franziskaner nur von Rat und Gemeinde berufen, 1293 dagegen geben Schultheiß, Rat und Bürgergemeine gemeinsam die Waldordnung. Die Mitglieder des Rates werden in dieser Urkunde weiterhin als die Zwölfer bezeichnet, für die Gemeinde unterzeichnen 13 benannte Bürger, offenbar dieselben, welche schon wenige Jahre später als Junger Rat erscheinen. Die dauernde Einsetzung eines solchen erweiterten Rates hat in Offenburg im ersten Jahrzehnt des 14. Jhs. stattgefunden, zugleich trat neben den Schultheißen als Vorsitzender des Rates in Verwaltungsangelegenheiten der Bürgermeister." Die Folge dieser Ratsentwickelung war, daß der Alte Rat sich immer mehr auf die Rechtsprechung zurückzog; vor allem hatte er in Streitigkeiten zu erkennen, was der Stadt Freiheit sei, und der Träger der öffentlichen Gewalt hat sich jeweils seinem Weistum zu fügen. "Sein Ausspruch über öffentliches Recht ist also bindend, wie es im privaten Recht der Fall ist, und hier wie dort ist es seine Aufgabe, nicht sowohl neues Recht zu schaffen, als vielmehr altes, aber streitiges und verletztes zu weisen." 1347 bestätigte Karl IV. dem Rat und den Bürgern zu Offenburg ausdrücklich dieses Recht, und "alle seine Nachfolger haben sämtlichen drei Städten dies Vorrecht bestätigt, das ihnen andere geschriebene Privilegien nahezu unnötig machte".

Solcher Zwölfersprüche sind zahlreiche, insbesondere aus Offenburg, überliefert. Glaubte man das Recht der Stadt gekränkt, so wandte sich der Junge Rat an den Alten um einen Rechtsspruch, der dann zur Beachtung dem, der den Eingriff begangen, mitgeteilt wurde. Das Verhältnis der beiden Räte zueinander dürfte in Offenburg ähnlich gewesen sein wie in Gengenbach, wonach die Zwölfer das Recht hatten, sich selber zu ergänzen, sei es aus dem Jungen Rat, sei es aus der Bürgerschaft. Gegen das Reich und die Pfandherren hatten sie nur die Verpflichtung, ihnen die Gerichtsfälle einzusammeln. Sie hatten in der Stadt freien Sitz, waren völlig steuerfrei und bildeten so eine geschlossene bevorrechtete Korporation, die fest zusammenhielt.

So waren bis zum Anfange des 14. Jhs. die Grundlagen der Verfassung der drei Reichsstädte gelegt, und als die Verpfändungen eintraten, da übernahmen die Pfandherren die gleichen Verpflichtungen wie die Vögte, die Anerkennung der Zwölfersprüche, die Wahrung der völlig unabhängigen Gerichtsbarkeit der Städte, die Beschirmung des Leibes und des Gutes der Bürger u.a.m. Als einzige Gegenleistung beziehen sie die Reichssteuern, auch setzen sie den Schultheiß ein. Einen entsprechenden Eid leistete z. B. 1351 der Bischof Bernhard von Straßburg. Trotzdem versuchte das Bistum begreiflicherweise seine Macht auszudehnen, es erlangte 1358 ein Privileg des Kaisers, daß alle Pfandstädte außer dem Reichshofgericht nur dem Gericht des Bischofs unter-

1.) Gothein a. a. O. S. 217, wie auch, teilweise wörtlich, für das Folgende.

- 463 -

stehen sollten; ich habe in der Geschichte der Stadt Gengenbach gezeigt, wie nur mit Hilfe des Abtes Lambert de Burn diese gefährliche Bestimmung beseitigt und das Verhältnis zwischen Pfandherren und Städten endgültig festgestellt, das alte Recht der Zwölfer, zu sagen, was der Stadt Freiheit, anerkannt, die freie Gerichtsbarkeit festgelegt wurde, nur dem Reichshofgericht sollen sie außerdem Rede stehen. Niemand durfte sie auch für Forderungen an die Pfandherren haftbar machen.

In dieser hochwichtigen Urkunde sahen die Bürger mit Recht die Grundlage ihrer Reichsfreiheit, und sie vereinigten sich zusammen über die Auslegung ihrer Verpflichtungen, vor allem zu Kriegszeiten. In Fehden ihrer Pfandherrn waren sie zu keiner Hilfeleistung verpflichtet, wohl aber dazu, gegen Barzahlung seinen Truppen den Zutritt zu gestatten, und so nahm Offenburg noch 1428 eine Besatzung des Bischofs auf. Bald jedoch gelang es, auf Grund des doppelten Pfandschaftsverhältnisses, völlige Neutralität zu erreichen.

Außerordentlich rege wehrten sich die Zwölferkollegien gegen Eingriffe der Pfandherren, und zwar mit gutem Erfolg, in Offenburg insbesondere gegen Eingriffe in die Allmende oder eine Beschränkung der städtischen Rechte in Kinzigdorf.

Und so wurden während der kommenden Jahrhunderte die erworbenen Rechte im allgemeinen gewahrt. Dagegen bedurfte es noch gründlicher Auseinandersetzung mit dem Abte von Gengenbach, um das Verhältnis erträglich zu machen. Zwar waren diese Kämpfe naturgemäß in Offenburg nicht so heftig wie in Gengenbach, da die Rechte des Abtes geringer waren, aber da überall in der nächsten Umgegend der Stadt die Leute des Abtes saßen und Offenburg um diese Zeit in kleinem Maße, wie Straßburg im großen, eine lebhafte Ausbürgerpolitik verfolgte, Leibeigene in seinen Mauern aufnahm und die Nutzungsrechte des Klosters am Gotteshauswalde ebenso wie den Anspruch, auch hier Weinbänne zu legen und zollfrei zu handeln, bestritt, so mußte es zum Konflikte kommen. In den Privilegien, die Ludwig der Bayer 1331 dem Kloster erteilte, ward demgegenüber die Gebundenheit des Landvolkes, die Obrigkeit des Klosters mit aller Schärfe betont, die unbedingte grundherrliche Gewalt des Klosters in seinem Bezirk anerkannt. Verschärft wurden insbesondere die Bestimmungen über die Leibeigenschaft: "Wo der Leibeigene auch sitzen mag, namentlich aber in der Stadt Offenburg, soll er doch dem Kloster vom Leibe fallbar bleiben. Dazu wird diesem auch das Recht der schlechteren Hand jetzt erst ausdrücklich eingeräumt. Wo Ungenossen einander freien, Mann oder Frau, da zieht der Abt ohne weiteres zwei Drittel ihrer gesamten Habe ein"(1). Die Fallpflichtigkeit derer, die auf Klostergut sitzen, aber ward mit der Spitzfindigkeit ausgelegt, wie wir es in der Geschichte von Gengenbach geschildert haben. Diese ohne irgendwelche Prüfung auf Vorlage des Abtes hin ausgefertigte Urkunde war also ausdrücklich gegen die Städte gerichtet, über ihre Gewohnheiten sollten die Rechte des Abtes gehen, Königsprivileg und Volksweistum gingen auseinander. Es war klar, daß eine gerade damals so kräftig vorwärtsstrebende Stadt wie Offenburg sich derartiges nicht gefallen lassen konnte. Schon vor jener Privilegienverschärfung hatte der Kaiser 1330 die Markgrafen von Baden als derzeitige Landvögte angewiesen, das Kloster gegen seine Bedränger, namentlich gegen Offenburg, zu schützen; i. J. 1337 richtete er noch einmal den Befehl an Offenburg, sich wegen der Fälle etc. mit dem Kloster

1.) Gothein a. a. O. S. 237.

- 464 -

auseinanderzusetzen. Die Stadt gehorchte nicht und gab ebensowenig nach, als der dann eröffnete Prozeß auf dem Gerichtstag zu Hagenau zu ihren Ungunsten entschieden war. Und sie erreichte ihr Ziel. 1343 mußte sich das Kloster unter Vermittelung des Bischofs von Straßburg zu einem Vergleich bequemen, "wonach es auf alle Leibfälle und alle Rechte, die zu den Fällen gehören, der Bürger und aller, die in der Stadt und Ringmauer seßhaft seien und Heimweise dort haben oder noch gewinnen, für ewige Zeiten verzichtet. Auch wenn ein Einwohner, der Gotteshausmann ist, um der Stadt Besserung wegen ausgeboten würde und draußen stürbe, solle es gelten, als ob er in der Stadt gestorben sei. Dagegen verzichtete auch die Stadt auf die Fallfreiheit ihrer Ausbürger. Diese selber behielt sie aber ungekränkt"(1). Zugleich vertrug man sich auch mit dem Bischof über die Ausbürger der Stadt, die unter seiner Vogtei standen.

Mit diesen Erfolgen nach außen ging zusammen eine starke demokratische Strömung im Innern. Diese wuchs immer mehr und erreichte schließlich eine entprechende Stadtverfassung, welche die Markgrafen Rudolf und Friedrich als derzeitige Landvögte der Stadt erteilten.(2) "Diese hießen und geboten, dem Schultheißen und den Bürgern einen Bürgermeister zu setzen und 24 Gekieste, auch haben sie der Stadt und der Bürgerschaft die Gnade getan, daß sie die Meisterschaft, den Neuen Rat und auch die Zunft, die sie gesetzt haben wollen, bleibend anerkennen von S. Martins-Tag über fünf Jahre.

Die Zünfte wählen die 24 des Rats, der sich teilt in die Zwölfer des Alten Rats und die Zwölfer des Neuen Rats; die Zwölfer des Neuen Rats werden aus den zehn Zünften auf deren Vorschlag vom ganzen Rate gewählt, der Schultbeiß wird von den Zwölfern des Alten Rats gewählt, vom Jungen Rat bestätigt und vom Kaiser konfirmiert. Diese Konfirmation mußte innerhalb einer Monatsfrist nach der Insinuation geschehen. Kommt diese Konfirmation in dieser Zeit nicht ein, so gilt der Gewählte als bestätigt. Schultheiß und Rat sind auf Lebensdauer gewählt.

Das Meisterschaftsrecht besteht in Setzung der Stettmeister, deren es vier waren, zwei des Alten und zwei des Jungen Rats; sie werden alljährlich auf ein Jahr gewählt." Ob der Zünfte, die damit die Herrschaft erlangten, schon damals zehn waren, vermag ich nicht zu sagen. Ihre Einteilung wird wohl einigermaßen der späteren ähnlich gewesen sein, in der die erste Zunft, die "Konstaffler oder adelige Gesellschaft", den Stadtrat, die Gelehrten, Künstler und die Bürger von Rang, welche keine Profession treiben, in sich begriff, dann folgten die Schmiede-, Schuster-, Bäcker-, Kärrcher-, Fischer-, Reb-, Schneider-, Weber- und Metzgerzunft. Nach einer Chronik des 18. Jhs. hatte jede derselben einen Ratsherrn zum Obmann (eben das von ihnen gewählte Mitglied des Jungen Rats) und einen Zunftmeister, "welcher von den zunftgenossenen Bürgern erwählt wird. Jeder Zunftmeister bleibt ein Jahr im Amte und richtet mit seinem Zunftrat, die Acht genannt, alle Schwierigkeiten der Zunft"(3). Auch das dürfen wir uns wohl einigermaßen in den früheren Zeiten ähnlich denken.

Der Stadtschultheiß handhabte mit den Zwölfern das Gericht und verwaltete mit ihnen die Forsten, was wohl damit zusammenhing, daß sie von alters her als Verwalter des Reichsgutes galten; die übrige Verwaltung lag in den Händen des Jungen Rats, während die vier Stettmeister die laufenden Geschäfte besorgten.

1.) Gothein. a. a. O. S. 239.
2.) Walter, Kurzer Abriß, S. 8.
3.) Badenia II (1840), S. 17.

- 465 -

Nicht so ohne weiteres glatt und ohne schwere Erschütterungen aber hat sich diese Verfassung durchgesetzt, und es scheint erst in den letzten Jahrzehnten des 14. Jhs. einigermaßen Ruhe eingetreten zu sein, etwa mit dem großen Schwörbrief vom Freitag nach der großen Fastnacht 1384. "In diesem tut die Gemeinde kund, daß sie zu der Stadt Ehre, Nutz und Frieden geschworen habe, gehorsam zu sein Schultheiß, Meister und Rat und allen ihren gegenwdätigen und zukünftigen einhelligen oder Mehrheitsbeschlüssen - so wollte sie auch auf Ratsschluß zu jedem Auszug zu der Stadt Besserung, für wen er auch geschehe, bereit sein. Dagegen darf kein Einwohner oder Dienstknecht zu Offenburg, der unter der Obrigkeit des Rates steht, ohne Erlaubnis des Schultheißen oder Stettmeisters in fremde Kriegsdienste treten. Eine Sturmordnung für die Bürger wird dahin lautend erlassen, daß jeder auf das Glockenzeichen sofort in Harnisch und Wehr vor das Rathaus kommen, die, welche auf die Mauern und Türme geordnet, dorthin eilen sollen. Werden sie aber von Schultheiß und Stettmeister entlassen, so geht jeder zunächst nach seiner Zunftstube, um sich dort den Zunftmeistern zu erzeigen. Wer das 16. Jahr überschritten hat, muß auch diesen Eid schwören, von dem nur das Aufgeben des Bürgerrechts entbindet, und alljährlich wird der Schwur wiederholt."(1)

Dieser Schwur, der nur notwendig sein konnte, wenn die alten Verfassungsbestimmungen durch neue, erst nach Kämpfen anerkannte ersetzt waren, zeigt uns zugleich, wie alles mehr oder minder auf die Einteilung der Zünfte gegründet war. Nachdem die Stadt in den zwei Jahrhunderten ihre Reichsfreiheit, ihre selbständige Gerichtsbarkeit, ihre Rechte gegenüber dem Kloster Gengenbach, eine populäre Verfassung sich errungen hatte, suchte sie durch diesen Schwörbrief noch die innere Einigkeit und die Schlagfertigkeit nach außen hin festzustellen. Als Wahrzeichen dieser Entwickelung mochte i. J. 1426 der Neubau des Rathauses erfolgen.

Ein gewaltiger, mit menschlichen Mitteln nicht zu bekämpfender Feind hatte sie während dem Jahrhundert fürchterlich heimgesucht, die überall in Europa wütende Pest von 1348. Und wie überall, so schloß sich auch hier die Verfolgung der Juden daran, die man beschuldigte, die Brunnen vergiftet zu haben. Zwei von ihnen hatten dies auf der Folter bekannt, und nun wurden alle aus der Stadt verwiesen. Die unglücklichen Leute sahen sich damit allen Schrecknissen ausgesetzt, beschlossen, sich lieber gemeinsam zu verbrennen, und baten den Rat um die Erlaubnis dazu. Dieser ließ ihnen sagen, "wer von ihnen wegziehen wolle, denn wolle er geleiten eine halbe Meile und wolle ihn sein Gut mit sich tragen oder führen lassen; wollten sie das aber nicht, so würde man sie gern heißen ein Feuer machen, aber man wollte sie nicht heißen hineinzugehen. Wollten sie darein, so sollen sie es tun". Sie taten es, gingen in die Flammen, ohne vorher mit Ausnahme obiger zwei noch irgend etwas ausgesagt zu haben, und als man den Brunnen, von dem die Vergiftung behauptet wurde, ausschöpfte, da "vande man niut inne".(2) Als Denkmal ihrer einstigen Anwesenheit ist noch das Judenbad erhalten.

Der Stadt war es in den kommenden Jahrhunderten nicht gegeben, auf den gewonnenen Freiheiten auszuruhen. Die Landvögte, die auf Ortenberg saßen als Vertreter der Pfandherren, ließen ihr keine Ruhe, sie suchten ihre Rechte stets weiter auszudehnen und benutzten dazu die Streitigkeiten der in der Nähe gelegenen Orte der

1.) Gothein a. a. O. S. 239 u. 240.
2.) Strobel, Vaterländ. Geschichte des Elsasses II, S. 262.

- 466 -

Landvogtei mit der Stadt. Eine dieser komplizierten Streitigkeiten kam 1481 auf einem Rechtstag zur Verhandlung, die damit zusammenhängende Streitigkeit mit Elgersweier, Hofweier, Schutterwald aber gestaltete sich zu einem Monsterprozeß, der vom 14. Jh. bis 1835 dauerte. - Im allgemeinen waren die Beziehungen zu den Pfandherren erträgliche, und manch einer von ihnen besuchte die Stadt, so 1483 mit einem glänzenden Gefolge an der Herrenfastnacht der prachtliebende Kurfürst Philipp I. von der Pfalz. Drei Tage dauerte das Fest, viele Fürsten und Grafen waren dazu geladen sowie der ganze Adel der Umgegend. Die Stadt mag damals ihren größten Wohlstand erreicht und im 16. Jh. bewahrt haben, wie das ganze Deutschland. Er wird hauptsächlich auf ihre Lage als Verkehrsknotenpunkt zurückzuführen sein, denn sie besaß keinen besonders hervorragenden Handel. Ihre Bedeutung war also keine große, und somit dürfen wir in ihr auch keine besondere Kunstentwickelung suchen: sie hat wohl meistens die Künstler für bedeutendere Aufgaben von auswärts bezogen. Indes wird doch 1518 ein Goldschmied Augustin Stos erwähnt, der auch nach auswärts lieferte(1), und von der Höhe des Goldschmiedehandwerks zeugt das Vortragskreuz der Pfarrkirche.

Der Anfang des 16. Jhs. brachte sie auf kurze Zeit aus der Pfandherrschaft wieder zurück an das Reich. Kurfürst Philipp mußte, nach seiner Niederlage im Landshuter Erbfolgekriege in die Acht erklärt, die Reichspfandschaft Ortenau abtreten. Kaiser Max zog selbst vor Ortenberg und belagerte es, wobei ihn die drei Städte lebhaft unterstützten. Um sie ihrem bisherigen Pfandherrn abtrünnig zu machen, wurde ihnen feierlich versprochen und zugesagt, daß der halbe Teil der Pfandschaft, den er dem Pfalzgrafen entzogen hatte, wie auch die andere Hälfte, wenn sie vom Stifte Straßburg eingelöst würde, fürderhin beim Reiche bleiben und die Städte nicht mehr ohne ihr Wissen und ihre Einwilligung verpfändet werden sollten. Aber schon der schwache Kaiser selbst vermochte das nicht zu halten und versetzte schon 1507 die eben frei gewordene Hälfte dem Grafen Wolfgang von Fürstenberg, worüber die Städte nicht wenig ungehalten waren, denn "ohne solche Zusage wären sie nit bald von der Pfalz abgefallen", wie es häufig in den Akten heißt(2). Indes sorgte der Kaiser doch für die Feststellung aller alten Rechte und ließ diese auch durch die Fürstenberger nicht schmälern; ja, 1510 wurde sogar festgestellt, daß der Landvogt vom Zwölfergericht nicht einmal an das Reichskammergericht appellieren könne, sondern unbedingt an dessen Spruch gebunden sei. Die Städte aber erneuerten ihr Bündnis und widerstanden unberechtigten Ansprüchen der Landvögte, so schon dem Grafen Wolfgang und bei der Übergabe der Pfandschaft an Wilhelm und Friedrich von Fürstenberg, wo die Städte die Huldigung verweigerten, bevor diese die Privilegien beschworen hatten. Der Streit wurde in für die Städte günstigem Sinne am 17. Oktober 1510 durch den kaiserlichen Kommissär, Herrn zu Limburg, beigelegt.

Die Stürme des Bauernkrieges gingen, wie in diesem Teil der Ortenau überhaupt, so auch in Offenburg leicht vorüber. Die drei Reichsstädte, in deren Verfassung Bürger und Bauern, beide mit genügenden Berechtigungen, vertreten waren, konnten vermitteln. Sie brauchten sich nicht den Aufständischen anzuschließen und genossen doch ihr Vertrauen, und Offenburg war so der neutrale Ort, wo die beiden Parteien in voller Sicherheit zusammen verhandeln konnten. Unter wesentlicher Mitwirkung der Städte - den Stadt-

1.) Kunstdenkmäler VI(1), S. 533.
2.) Badenia II (1840), S. 11.

- 467 -

schreiber von Offenburg hatten die Bauern beauftragt, "ihnen ihr Wort und ihren Vortrag zu tun", - kam so die Acherner Abrede und endlich der Renchener Vertrag zu stande, der den Aufstand glücklich beendete.

Die große geistige Bewegung aber, die über ganz Deutschland ging, ergriff damals auch Offenburg, nach den Bauernkriegen wandte sich die Stadt entschieden der Reformation zu. 1525 stellte der Rat einen "Prädikanten eines ehrbaren, priesterlichen und unstrafbaren Lebens zur Verkündigung des Gotteswortes an", ohne ihn dem Pfarrer unterzuordnen; als 1531 die letzte Nonne im Frauenkloster starb, wollte der Rat dasselbe sofort säkularisieren. 1531 jedoch vollzog sich ein gänzlicher Umschwung;, noch auf dem Augsburger Reichstag war Offenburg an der Seite Straßburgs erschienen(1), jetzt aber stellte es sich, je mehr Straßburg sich zur Reformation bekannte, zur altgläubigen Partei zurück. Ein Teil des Straßburger Domkapitels wandte sich hierher, und so mochte die Stadt hoffen, als Mittelpunkt der katholischen Partei eine erhöhte Bedeutung zu gewinnen. Damit war es nun allerdings nichts, aber die Stadt blieb der alten Lehre treu, und der Rat schloß Sonntags die Tore, damit die Bürger nicht dem von Wilhelm von Fürstenberg in Weingarten eingesetzten Prediger der neuen Lehre zuliefen.

Endlich 1551 und 1556 wurden die beiden Pfandschaften wieder abgelöst und Österreich erwarb die Landvogtei vom Reiche für sich. Sein Landvogt erhielt von den Städten die Reichssteuer, von Offenburg 276 fl., mußte aber ihre Privilegien achten. Darüber kam es nun schon 1566 zum Streite. Der Landvogt behauptete, den Schultheiß setzen zu dürfen, wogegen die Offenburger auf ihrem Recht bestanden, ihn selber aus den Zwölfern des Alten Rates zu wählen. Schließlich verglich man sich dahin, daß dem Vogte aus dem Alten Rate zwei Bewerber präsentiert wurden. Die Streitigkeiten hatten damit kein Ende. Die Städte bestanden darauf, daß vor ihrer Huldigung der Landvogt den Eid auf die Wahrung und Achtung ihrer Privilegien leistete, während dieser zuerst die Huldigung verlangte. Das wohl nur zu berechtigte Mißtrauen gegen Österreich, es wolle das Reichsland sich selber zu eigen machen, wachte auf, 1572 verweigerten die drei Städte die Reichs- und Türkensteuer, ihre Zwölfer erklärten die Forderungen des Landvogtes für ungesetzlich, und 1575 schlossen die drei Städte einen engen Bund zusammen, den sie zunächst vorsichtig geheimhielten. 1590 wurden zwar die Zwistigkeiten vermittelt, aber sie lebten immer von neuem auf, 1598 bis 1604 wurden wieder keine Steuern gezahlt, 1606 vermittelte Nürnberg, 1614 glaubten die Städte aber doch ihren Bund noch erneuern zu müssen, und in der Tat bestand die Gefahr, daß sie zu österreichischen Landstädten herabgedrückt würden, immer weiter. Ganz besonders, als jetzt die Zeiten immer kriegerischer wurden und die Reichsvögte das alte Recht forderten, eine Besatzung in die Städte zu legen. Offenburg hat sich noch in den ersten Jahren des Dreißigjährigen Krieges dagegen gesträubt. Bald aber wurden die Zeiten so schlimm, daß auch Offenburg sich dazu bequemen mußte, den Obersten von Ossa aufzunehmen (1628). Aber die Kaiserlichen hausten so übel, daß sie die Bürgerschaft beinahe ruinierten. Der Landvogt, ein Herr von Neuenstein, betrachtete die Stadt wie eine eroberte, und nur schwer verschaffte sich diese am kaiserlichen Hofe ihr Recht. Ihre Finanzen aber waren so zerrüttet, daß sie jetzt nicht mehr im stande war, die Zinsen ihrer Schulden zu zahlen.

1.) Gothein a. a. O. S. 270.

- 468 -

Fig 259 Offenburg 1644 nach Merian
Und nun folgten Stürme über Stürme. 1632 wurde die Stadt von den Schweden und Württembergern unter General Horn eingeschlossen und ergab sich am 12. September, bis 1635 blieb sie in ihrem Besitz, dann war sie vom französischen Heere besetzt, 1638 erging sie nur knapp einer Besetzung durch die Armee Bernhard von Weimars; wie die Sage meldet, erschienen damals auf ihren Stadtmauern ihre Schutzheiligen Ursula, Aper und Gangolf. Ein größerer Neubau war in dieser Zeit zu verzeichnen, der allerdings kümmerliche des Klosters der Kapuziner, die, nachdem sie lange vergeblich gebeten, endlich 1641 in die Stadt aufgenommen wurden. Damals wurden unter dem Kommandanten Reinhard von Schauenburg die Befestigungen ausgebessert; eine erhaltene Federzeichnung ihres damaligen Zustandes läßt erkennen, daß ein stattlicher, dreifacher Mauergürtel etc. die Stadt von alters her umgab, der damals noch durch eine Anzahl neue Verschanzungen verstärkt wurde (s. unten Befestigung). In der Stadt war die Not aufs höchste gestiegen, eine Hungersnot stand vor der Tür, bis der Friede 1648 eine Erleichterung brachte.

Auch die inneren Zustände waren düster genug geworden. Gerade während des Dreißigjährigen Krieges wütete der Hexenglaube in der Stadt und forderte seit 1597 seine Opfer. Die Verfolgungen steigerten sich bis 1628. Von einem unglücklichen Opfer hören wir aus Offenburg, daß sie standhaft bis zuletzt ihre Unschuld beteuerte, bis sie auf dem Hexenstuhl ihren Qualen erlag. Vielleicht mag das tatsächlich, wie man gemeint hat, dazu beigetragen haben, Zweifel zu erwecken, jedenfalls fand nach 1631 nur noch 1642 in Offenburg eine Hinrichtung statt(1). Zugleich aber war die Bürgerschaft von innerem Zwist zerrissen,

1.) Walter, Kurzer Abriß, S. 15.

- 469 -

der charakteristischerweise, wie wir sehen werden, gerade an diesem Wahne sich entzündete.

Auf 1648 folgten einige Jahrzehnte des Friedens. Trotz aller Leiden waren die Städte noch im stande, mit Hilfe von Anlehen ihren Anteil an den schwedischen Satisfaktionsgeldern etc. regelmäßig zu bezahlen; aber die Stadt Offenburg konnte die Zinsen für ihre vor dem Kriege aufgenommenen Kapitalien nur noch zum Teil zahlen, an eine Schuldentilgung jedoch von ferne nicht denken. Wie die Stadt damals aussah, davon gibt uns der Meriansche Stich einen Begriff (s. Fig. 259). Wir sehen die Stadtmauer mit ihren Türmen und im Innern eine Anzahl stattlicher Gebäude emporragen.

Bald aber nahte neues Unheil in den Kriegen Ludwigs XIV. 1778 wurde die Stadt zum erstenmal durch Crequi belagert, von den Österreichern indes entsetzt. Zehn Jahre darauf bezogen französische Truppen unter Marquis de Chamilly Winterquartiere in Offenburg. Mit der Aufforderung, die Tore zu öffnen, wurden die beruhigendsten Zusicherungen gegeben und in einer gütlichen Vereinbarung am 4. Oktober festgelegt(1). Einmal im Besitze der Stadt, kümmerte sich Chamilly nicht mehr um diese Versprechungen. Noch im Oktober wurde eine Kontribution von 4.500 fl. erhoben, den Soldaten mußte täglich Quartiergeld gezahlt werden. Als im Anfang des Jahres 1689 sich die Franzosen genötigt sahen, vor den herannahenden Reichstruppen zurückzugehen, da suchten sie vor ihrem Abrücken - begreiflicherweise - die Stadt als Festung unschädlich zu machen, die Bürgerschaft mußte "zu ihrem größten Entsetzen die zur Befestigung dienenden, viele hundert Jahre konservierten Türme und Mauern demolieren helfens"; eine weitere Kontribution wurde der Stadt auferlegt. Zur Bestreitung all dieser Lasten in der Höhe von etwa 50.000 fl. mußte sie Anlehen aufnehmen, in steter Hoffnung, dadurch wenigstens die leeren Häuser zu retten. Aber vergebens! Zwar rückte die kaiserliche Armee an und Offenburg wurde mit einer Garnison besetzt, die Mauern repariert, Palissaden errichtet. Aber schon am 13. August mußten die Reichstruppen wieder abziehen. Ein ungeheurer Schrecken ergriff die Einwohner, die das Kommende ahnten. Ein Teil der besseren Habe wurde in das Franziskaner- und Kapuzinerkloster, in die Täler nach Zell, Wolfach, Kloster Wittichen geflüchtet. Schon am 18. August nahmen zehn Kompagnien französischer Truppen von der Stadt Besitz, und nach Verzehrung aller Vorräte fing die Plünderung an. Glocken, Uhren, Altarbilder, Wein, was am Hausrat wertvoll erschien, Kupfer, Zinn, Leingetüch, Bettgewand, Musketen etc., alles wurde auf Wagen geladen und nach Straßburg gesandt. Dann schritt man zur Zerstörung. "Die schöne Rundel, Mauern und zierlichsten Kirchentürme, die stärksten Gewölbe von Stein, beiden Toren befindliche Schwibbögen und andere kostbarste Gebäude wurden unterminiert, die Häuser mit Stroh und Brennstoffen angefüllt; die Armee zog hinaus, die Stadt umringend; auf inständiges Flehen der Kapuziner durften die Einwohner die Stadt verlassen. Still und öd lagen die Straßen da. Nachdem alles so vorbereitet war, drangen Samstag den 9. September, abends 4 Uhr, die Mordbrenner, eine hierzu besonders abgerichtete Bande, in die Stadt und zündeten an allen Ecken. Welch schauerliche Nacht! In das nahe Gebirge geflüchtet, mußten die armen geängsteten Einwohner den Ruin ihrer Habe, ihrer alten,

1.) Walter, Zum zweihundertsten Gedenktag etc., S. 15 ff.

- 470 -

geliebten, oft behüteten Vaterstadt mit ansehen. Weithin in die Nacht leuchtete der Feuerschein der brennenden Stadt, die schauerliche Stille unterbrochen von dem donnernden Geprassel der niederstürzenden Türme und Mauern."(1)

Wir können so ungefähr feststellen, was von dem Brande verschont blieb. Das Kapuzinerkloster wurde, infolge der Vorliebe Ludwigs XIV. für diesen Orden, sorgfältig geschont. Infolgedessen blieben auch ein oder zwei Häuser in der Nähe, in der Kesselstraße, stehen, so das sogen. Burgerhaus, das Schweizer Knappenhaus genannt, das 1888 abgerissen worden ist. Alles andere widerstand nur zufällig dem Feuer: so blieben die Untermauern des Langhauses der Pfarrkirche in 3 — 4 m Höhe, der Chor nebst der Sakristei in Mauer-Höhe erhalten, die Denkmäler des Friedhofs sowie die heute noch erhaltenen Reste der Stadtmauern hier, am Vincentiusgarten an der Südseite etc., auch einige Turmreste, die wieder aufgebaut im 19. Jh. niedergerissen wurden. Ein Westwind mag das Feuer in den östlichen Teil der Stadt getrieben haben. Vom Rathaus blieben ebenfalls die Mauern in einer gewissen Höhe erhalten, die Wendeltreppe der Pfalz, zwei Gewölbe des Erdgeschosses im Seitenbau, vom Andreasspital kaum etwas, vom Franziskanerkloster eine Kapelle (s. unten) und der Rest einer Tür, außerdem die Umfassungsmauern der Kirche in einige Meter Höhe und der Chor (?), von dem Gebäude der Ortenauer Ritterschaft eine Treppe und ein daranstoßender Gebäuderest. Kurz, man kann mit Gothein sagen, daß in Offenburg kein Haus das Jahr 1689 überdauert hat. In einer Relation über den Schaden sind die zerstörten Gebäude einzeln aufgeführt; ich nenne daraus "das schön und überaus kostbare Rathaus und Kanzley, das Kaufhaus, die Pfalz, der Bürgerhof, das Zeughaus, beide Prädicaturhäuser, die schöne, kunstreiche Kirche des Andreasspitals etc."(2) Als am i2. Oktober einige Mitglieder des Magistrats sich zusammenfanden, konstatierten sie, daß "die Herren und Bürger allenthalben dispergiert und in den Tälern sich aufhalten" und daß, da die Franzosen noch in der Gegend, nicht die geringste Aussicht sei, in der Stadt zu bauen. Endlich nach 1690 fing man allmählich wieder an, gestört in dem letzten Jahrzehnt des 17. Jhs. durch einige weitere französische Überfälle. 1696 dachte man an den Spitalbau, 1701 wurde die Kirche des Spitals wieder aufgebaut, 1700 der Grundstein zur neuen Pfarrkirche gelegt. Neue Opfer verlangte der spanische Erbfolgekrieg, es wurden von Neuem Geldsummen aus der ganz erschöpften Stadt ausgepreßt, die ganze Ernte i. J. 1703 fouragiert, die französischen Truppen sogen bei ihren verschiedenen Aufenthalten unter Villars, Villeroy etc. die Stadt aus. Endlich brachte das Jahr 1714 den Rastatter Frieden. Aber lange noch, bis in die Mitte des Jahrhunderts, wohnten manche Einwohner in Kellern und Baracken.

Die ersten Jahrzehnte des Jahrhunderts brachten den Bau der öffentlichen Gebäude, der Kirche, des Rathauses, des Amtshofes, in den fünfziger und sechziger Jahren erstehen eine große Anzahl stattlicher Privathäuser; aber es dauerte immerhin das ganze Jahrhundert, bis die Stadt einigermaßen sich erholt hatte.

1701 hatte der Markgraf Ludwig Wilhelm, der Türkenlouis, die Landvogtei als Mannlehen erhalten, 1702 präsentierte ihm die Stadt 6 Ohm roten und 6 Ohm weißen Wein sowie zehn Säcke Haber. Aber auch mit der badischen Herrschaft ging es nicht ohne Mißhelligkeiten ab. So gab es 1760 einen Streit mit dem

1.) Walter, Zum zweihundertsten Gedenktag etc., S. 17.
2.) Walter a. a. O. S. 21.

- 471 -

ortenauischen Sekretär, der gegen Recht und Gewohnheit seinen Sitz in der Stadt nehmen wollte, die ihm die Tore versperrte. Darauf bot er 1400 bis 1500 (?) Bauern aus Griesheim und Ortenberg auf, diese erbrachen die Tore, und der Sekretär zog im Wagen ein. Die Einwohner aber verhielten sich ruhig in ihren Häusern, die Bauern mußten sich allmählich verlaufen, und die Streitsache wurde im Rechtswege beigelegt. 1771 kam die Landvogtei wieder an das Erzhaus Österreich, und von Neuem suchte dies die Rechte der Städte zu schmälern, sie zu österreichischen Landstädten herabzudrücken. Sofort erneuerten die Städte ihren Bund; aber die Reichsunmittelbarkeit war trotzdem eine lästige, überlebte Sache geworden. Gerade die Gerichtsbarkeitsrechte wurden langweilig bei der bekannten Langsamkeit des Reichskammergerichtes, und die Einwohner der Städte wandten sich von selbst an die nahen Gerichte der Landvogtei, wogegen allerdings die Magistrate noch einmal mit Erfolg protestierten.

Auch in den inneren politischen Zuständen zeigte sich in diesen Jahrhunderten ein fruchtloses Streiten und Prozessieren um die alten Fragen mit den umwohnenden Gemeinden, mit dem Kloster Gengenbach etc. Von irgendwelchem Fortschritt ist nichts zu verzeichnen. Innerhalb der Stadtmauern kämpften Geschlechter und Zünfte den alten Kampf; trotz des eigentlichen Zunftregimentes hatten die Vornehmen, vereinigt in der "Konstaffler"-Zunft, wieder erneute Bedeutung erlangt, und sie suchten das zu benutzen, um sich möglichste Befreiung von bürgerlichen Lasten zu verschaffen, wogegen aber der Rat einschritt. Der Rat selber aber bestand allmählich nur noch aus wenigen und denselben Geschlechtern, es hatte sich eine richtige Oligarchie ausgebildet. 1608 kam es darüber zu heftigen Auseinandersetzungen, zu Streitigkeiten zwischen den sechs unierten Zünften und dem Alten und dem Neuen Rat über die Wahl des Alten Rates; eine kaiserliche Kommission regelte die Angelegenheit wesentlich im Sinne der Gemeinde. Der Alte Rat sollte nur die Gerichtsbarkeit und die Forstverwaltung, allerdings das wichtigste Stück der Verwaltung, beibehalten, "in allem übrigen solle er mit dem Jungen Rat eine Körperschaft bilden; die vier regierenden Stettmeister sollten ausschließlich aus dem Jungen Rat, der Schultheiß dagegen, wie in den Privilegien vorgesehen, aus dem Alten erwählt werden, doch mußte er vorher dem Jungen genannt werden".(1) Der merkwürdige Anlaß zu dem Streit aber war, daß nach Zeiten üppigsten Hexenwahnes der Alte Rat offenbar etwas vernünftig geworden war und zwei "Hexen" hatte entlaufen lassen, was ihm von der Bürgerschaft sehr verübelt worden.

Trotz jener günstigen Verfassungsbestimmungen stellte sich doch die Oligarchie wieder her, es bildete sich die richtige Vetterleswirtschaft heraus, die über eine Schar dumpf hinbrütender Kleinhandwerker herrschte. Eine derartige Entwickelung können wir ja in allen unseren Städten konstatieren, sie hängt mit dem Wesen einer Bürgerstadt eng zusammen und muß überall zutage treten, sowie der erfrischende Kampf um die politische Existenz nicht mehr tägliche Anforderungen stellt. Wer aber die Borniertheit in den großen Reichsstädten kennt, die in manchen jetzt noch nachwirkt, kann sich die herrlichen Zustände in dem kleinen Offenburg einigermaßen vorstellen. Und so mußte es denn wieder einmal zum Prozeß kommen, was 1744 geschah. Zwölf Jahre lang dauerten die Fehden. Der Reichshofrat suchte in seinem Entscheid die Oligarchie etwas zu mildern, die Befehle wurden verschärft, daß Verwandte nicht gleichzeitig im Rat sitzen

1.) Gotheina a. a. O. S. 286.

- 472 -

dürften, nur zwei Stettmeister sollten aus dem Alten, zwei aus dem Jungen Rat gewählt werden; letzterer selber aber war zu einer Oligarchie geworden, die Zünfte längst nicht mehr durch ihre tatsächlichen Zunftvorsteher in ihm vertreten. Die lächerlichen Ceremonien und kleinlichen Streitigkeiten, das ganze Unsinnige ehemals sinnvoller Bestimmungen tritt in den Berichten über die Wahl des letzten Reichsschultheißen klar zutage.

Um hier Luft zu schaffen, bedurfte es größerer Stürme, die auch endlich am Ende des 18. Jhs. wohltätig dieses entsetzliche alte morsche Gerümpel über den Haufen warfen. Es bedeutete eine wahre Befreiung, als infolge der bekannten Vorgänge unter Napoleon I. mit der Ortenau auch die Reichsstadt Offenburg an Baden kam. Am 23. September 1802 erfolgte die militärische Besetzung, am 29. November 1802 wurde die Civilbesitznahme vollzogen und am Mittwoch, i. Dezember, begann die badische Renteiverwaltung der Stadt und für diese ein neues Leben.

Kirchliches.

Literatur:

Z. 9, S. 300 (Ölberg); i4, S. 300 (Kirchenbau). Regesten der kath. Pfarrei Offenburg, Mitteil. der bad. histor. Komm. Nr. 5, S. 264 ff.
P. Staudenmaier, Die Pfarrei Offenburg nebst ihren Filialen in früheren Zeiten, Freib. Kath. Kirchenbl. 1880, Nr. 4—7 (nach Rapps Bericht).
K. Walter, Bericht des Kirchherrn Lazarus Rapp über die Pfarrei zu Offenburg vom 26. Oktober 1616, Karlsruhe und Offenburg 1892.
Visitationsberichte über die Pfarrei Offenburg, FDA. NF. III, S. 299 ff.
Christlicher Einfältiger Bericht von den Exorcismis u. Teufelsbeschwörungen, so dieses verschienene 1603. Jahr zu Offenb. fürgenommen worden, o. O. 1603.
A. Birlinger, Eine Beschwörung zu Offenb. 1603, Alemannia IX (1881), S. 252 ff.
H. Schreiber, Die Hexenprozesse zu Freib., Offenb. u. Bräunlingen, Freib. Adreßkal. 1836.
Fr. Volk, Hexen in der Ortenau u. Offenburg, Lahr 1882.
Bader, Bestätigungsbrief über die Ordnung der Bruderschaft od. Schützengilde von S. Sebastian zu Offenb. 1451, Z. 5, 5. 484 fl.
Auszug aus dem Ratsprotokoll der Stadt Offenb. vom 3. September 1632 über das Fest der h. Ursula, Offenb. Volkszeitung 1891, Nr. 72.
Statuta venerabilis capituli ruralis Offenburg., Argentor. 1747 u. 1767. Einrede u. Widerlegung der vom Domkapitel zu Straßb. gegen das Pfarr-Rektorat zu Offenb. wegen prätend. Heimfall der Rektoratseinkünfte in den Österreich. Ortschaften Weingarten, Ortenberg etc. eingereichten Klagschrift, 1795.
Haid, S. Andreas-Hospital zu O. FDA. II, S. 288 —341.
K. Walter, Die Urkunden des S. Andreas-Spitals, Mitteil. d. bad. histor. Komm. Nr. 7, S. 53—66, und "Der Alt Offeburger" 1905 ff.
Fr. Mone, Urkunden über das Dominikanerinnenkl. zu Offenb., u. Mone, Quellensammlungen IV, S.48 ff.
Bader, Zwei Urkunden über die Berufung und Begebung des Ordens der mindern Brüder zu Offenb., Z. 5, S. 243 ff.
F. J. Müller, Beschreibung der Feierlichkeiten bei Legung des Grundsteins zur evang.-prot. Kirche in Offenb. am 9. Juli 1857, Offenb. 1857.
Vier Reden bei Einweihung der evang. Kirche zu Offenb. 1864, ebd. 1865.
Die evang.-prot. Gemeinde zu Offenb., Flugbl. 2 des bad. Hauptvereins der Gustav-Adolf-Stiftung, Karlsr. 1869.
Woher die neue Offenburger Opposition? u. wohin? Ein Wort von freigesinnter, kath. Seite, Freiburg 1869.
Wilh. Weiß, Gesch. des Dekanates u. der Dekane des Rural- u. Landkapitels Offenb., Offenb. 1893, H. 2, S. 77 ff.; H. 4, S. 4 ff.
Krieger, Topograph. Wörterbuch II, S. 410 ff.

- 473 -

Das älteste Dokument, das uns über die kirchlichen Verhältnisse von Offenburg aufklärt, stammt aus dem J. 1223. Danach gehört das Patronatsrecht über diese Kirche "von alterher" den Kanonikern des Straßburger Münsters(1). Vorher schon im 12. Jh. (1132) wird eines Priesters Friedrich von Offenburg gedacht. Die Ausdehnung des Pfarrsprengels war entsprechend der Bedeutung des Gemeinwesens am Ausgang des Kinzigtales, auf einer uralten Kulturstätte, außerordentlich groß. Eine Zirkumskription vom J. 1242 nennt die Grenzpunkte, die heute allerdings zum Teil gegenstandslos sind(2). Danach umfaßte die Pfarrei Offenburg noch Weingarten (hier 1396 eine Kapelle konsekriert; im 16. Jh. Pfarrei und dem Hohen Stift in Straßburg wie der Offenburger Pfarrei zehntpflichtig), Bohlsbach, dessen Kapelle nach den an verschiedenen Orten angebrachten Daten aus der zweiten Hälfte des 15. Jhs. stammt, Elgersweier, woselbst nach Rapps obengenanntem Bericht "eine gar alte, ungezierte Kapelle mit ganz beschädigtem violiertem Altar sich befand", die 1677 abbrannte, Ortenberg und Waltersweier, Rammersweier und der ausgegangene Ort Tutwyhler. Bis 1266 wurde dieser weitausgedehnte Sprengel nur von einem Pfarrektor und zwei Helfern pastoriert; damals kam noch als dritter Helfer ein Frühmesser hinzu. 1280 wurden die Franziskaner, in erster Linie allerdings für den Unterricht, berufen. Im Laufe der nächsten Jahrhunderte kamen eine große Anzahl Altarpfründen(3) hinzu, deren Besetzungsrecht 1484 der Rat der Stadt in den päpstlichen Monaten erhielt. Da diese Altaristen aber meist nicht Residenz hielten und halten konnten, so zog der Rat von Offenburg um 1520 alle diese Altarpfründen an sich, erbaute aus den Gefällen eine Kaplanei und dotierte die ca. 1601 in der Achtzahl vertretenen Lehrer, und vor allem errichtete er an Stelle der Altarpfründen eine Kaplaneipfründe, deren Inhaber außer mit der Seelsorge mit der Verkündigung des Wortes Gottes betraut war (Predigerpfründe). 1563 wurde noch eine zweite Kaplaneistelle errichtet.

Kollator und Zehntnießer war von Anfang an das Hohe Stift von Straßburg, und der Pfarrektor entstammte meist dessen Gremium; häufig war es im späteren Mittelalter der Archidiakon der rechtsrheinischen Kapitel(4), so schon 1242 C. canonicus Argentinensis archidiaconus dictus de Wolau, rector ecclesiae. Titulus der Kirche ist Kreuzerhöhung; Nebenpatrone sind S. Ursula mit ihren Gefährtinnen; außerdem noch S. Gangolf und S. Aper. Von einem Kirchenbau hören wir aus dem J. 1387; es ist der gleiche, der bis auf den Chor 1689 der Brandschatzung der Franzosen zum Opfer fiel. Ein Frater Markus vom Minoritenorden, Suffraganbischof von Straßburg, konsekrierte 1415 den neuerbauten Chor samt Hoch- und Seitenaltären.

Mehr noch als die benachbarten Reichsstädte sah Offenburg an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit ein blühendes geistiges Leben. Schon 1496 wurde hier eine Druckerei errichtet. Mehrere bedeutende Humanisten, wie Paul Volz, der Historiograph von Schuttern, Freund des Erasmus, der später als Abt von Hugshofen apostasierte, oder wie der Straßburger Rechtsgelehrte Dr. Wendelin Büttelbronn, der sich gleichfalls der neuen Lehre zuwandte, der Straßburger Stättemeister Sturm von Sturmeck, stammten

1.) Straßb. Urk.-Buch I, S. 152.
2.) Vgl. Krieger a. a. O. II, S. 412.
3.) Vgl. Grandidier, État ecclésiast., eine Steuerrolle aus dem J. 1464, S. 80.
4.) Vgl. Baumgartner, Gesch. und Recht des Archidiakonats der oberrhein. Bistümer von Mainz und Würzburg, Stuttgart 1907, S. 74.

- 474 -

von Offenburg. Der Lehrer an der Lateinschule, Gervas Sopher, förderte offenbar in hohem Grade diese literarisch-wissenschaftliche Bedeutung Offenburgs, arbeitete aber auch stark der neuen Lehre vor, für die teilweise der Boden schon durch Waldenser, hier Winkler genannt, gelockert war. Im J. 1400 hatte man aus einem hochnotpeinlichen Verhör von 32 Straßburger Waldensern Kenntnis bekommen "von den Hüsern und Herbergen, die die Winkeler hand zu Offenburg, zu Lore und anderswo"(1). Die Nähe von Straßburg, das energische Vorgehen des Grafen Wilhelm von Fürstenberg in der Landvogtei Ortenau, der Übertritt benachbarter Adeliger, wie der Herren von Geroldseck, von Röder und Böcklin zum Protestantismus, trugen das Ihrige dazu bei, auch in der Stadtbevölkerung der evangelischen Lehre manche Anhänger zu gewinnen. Doch stellte sich die Stadt nach dem entscheidenden Reichstag zu Augsburg (1530) in Gegensatz zu dem befreundeten Straßburg und erklärte sich für den Kaiser und den alten Glauben. Und um den Zulauf der städtischen Bevölkerung zu den Prädikanten in Weingarten und Gengenbach zu unterbinden, ließ der Stadtrat während der Zeit des sonntäglichen Gottesdienstes die drei Stadttore schließen. Auch ein Versuch, den die Franziskaner 1531 machten, auf einem vom Provinzial nach Offenburg berufenen Kapitel eine Reformierung im Sinne des Zeitgeistes herbeizuführen, wurde vereitelt, indem der Einladung keine Folge gegeben ward(2). Eine starke moralische Stütze erhielt der Katholizismus in der Stadt durch die Übersiedelung eines großen Teils des Straßburger Domkapitels, dem Offenburg nach der Protestantisierung Straßburgs gastliches Obdach gewährte.

Wenn sich im allgemeinen das 16. Jh. für die kirchlichen Verhältnisse in Offenburg ruhig gestaltete, so brachte das 17. durch den Dreißigjährigen Krieg und die nachfolgenden französischen Kriege um so mehr Unheil über die Reichsstadt. Abgesehen von häufigen Plünderungen wurde die ganze Stadt am 9. September 1689 völlig niedergebrannt. Von der Kirche blieb nur der Chor stehen, der, notdürftig repariert, auch noch 1699 allein für den Gottesdienst verwendbar war(3). 1692 war die Sakristei für den Notgottesdienst hergerichtet worden. Sonst fanden die gottesdienstlichen Verrichtungen in der allein der Katastrophe entgangenen Kapuzinerkirche oder in der Weingartener Kirche statt(4). Eine Begleiterscheinung dieser traurigen Zeiten bildet das Hexenunwesen, das besonders in Offenburg und in der Ortenau zahlreiche Opfer gefordert hat(5).

In den Kriegszeiten hatte sich die weite Ausdehnung des Pfarrsprengels sehr unangenehm fühlbar gemacht. Die Unsicherheit der Wege machte oft genug eine regelrechte Ausübung der Seelsorge unmöglich. Aber schon früher, seit dem 15. Jh., hatte sich in den verschiedenen Filialen, infolge der größeren Seelenzahl, das Bestreben gezeigt, eigenen Gottesdienst und womöglich eigene Cura zu erhalten; selbst die rechtlichen Verpflichtungen zu Zehntabgaben, die sich aus dem Filiationsverhältnis ergaben, wurden allmählich bestritten. Im J. 1616 war die Erhebung von Bohlsbach, Bühlweg und Weingarten ernstlich im Gange. Lazarus Rapp hat aber damals durch seinen Bericht über die rechtlichen Verhältnisse der Pfarrei Offenburg die Schmälerung ihres

1.) Vgl. Röhrich in Illgens Zeitschr. f. hist. Theologie 1840, I, S. 141. Vierordt I, S. 43.
2.) Vgl. FDA. X, S. 108 ff. Gothein, Wirtschaftsgesch. des Schwarzwalds I, S. 270 ff.
3.) FDA. NF. II, S. 302.
4.) Visitationsprotokoll von 1692, ebenda S. 301.
5.) Vgl. Volk, Hexen in der Ortenau und in Offenburg, Lahr 1882.

- 475 -

Sprengels noch etwas hintangehalten. Denn das Visitationsprotokoll von 1666 führt unter den sieben Kapellen der Pfarrei noch die von Weingarten (divae Virgini sacra, miraculis clara), von Bühlweg bei Ortenberg (zur Schmerzhaften Mutter Gottes, 1497 mit Einwilligung der Kurpfalz gebaut), von Bohlsbach (zum h. Laurentius) und von Elgersweier an. Erst 1787 bekamen Weingarten und Ortenberg (mit Bühlweg), 1790 Bohlsbach und Elgersweier Pfarrecht.

Von wohltätigster Wirkung für Offenburg war das um 1300 gegründete Hospital zum h. Andreas, das 1301 erstmals erwähnt, 1306 als von der Bürgerschaft gestiftet bezeichnet wird(1). 1310 erhält es eine feste Rechtsordnung, die sich im allgemeinen nach derjenigen des älteren Freiburger Spitals richtet. Es werden ihm die gleichen Freiheiten und Rechte wie den anderen Gotteshäusern, seinen Insassen Anteil an allen Gerichten und Allmenden, Freiheit von Steuern, Kriegslasten und anderen öffentlichen Leistungen zugewiesen. 1316 wurde die Errichtung eines Oratoriums, unbeschadet der Rechte der Offenburger Pfarrkirche, vom Straßburger Bischof genehmigt. Es scheint aber, daß sich die Fertigstellung längere Zeit hinausgeschoben hat, denn es wird erst aus dem J. 1341 die Konsekration zu Ehren des h. Andreas, des h. Erhardt und der h. Maria Magdalena berichtet. 1359 stiftete der Pfarrer Nicolaus Sigelin eine Spitalseelsorgepfründe mit Altar zu Ehren der Heiligen Antonius, Leonhard, Nicolaus und Katharina, 1374 zwei weitere zu Ehren der h. Katharina und der zehntausend Jungfrauen. Die Zuwendungen und der käufliche Erwerb von Gütern und Gilten mehrten sich rasch und in großem Umfang; so war es noch vor dem J. 1500 in Fautenbach, Mösbach, Önsbach, in Achern und Oberachern, Sasbach, Obersasbach, Waldulm, Kappelrodeck, Erlach, Ottersweier, Bühl, Nesselried, Fessenbach und Willstett begütert. 1441 wurde ihm auf Anordnung des Kardinals Louis d’Allemand die Fautenbacher Kirche inkorporiert, über die das Spital kurz zuvor das Patronatsrecht erworben hatte. In der Folge wurde es in das arme Spital (für Kranke) und in das reiche oder Andreasspital (für Pfründner) zerlegt. Außerdem bestand noch ein Leprosen- oder Gutleuthaus mit einer Kapelle zu Ehren der Heiligen Jakobus, Nicolaus, Magdalena, Barbara, Elisabeth in Offenburg, das die Steuerrolle von 1446 offenbar mit dem Hospitale junior (sic!) meint im Gegensatz zum Hospitale senior.

Unter den Klöstern war das älteste das der Franziskaner, die der Rat der Stadt 1280 vom Provinzialkapitel in Mainz erbat (fratres industrios, quorum regamur et gubernamur consilio)(2). Man wird bei dieser Berufung ebensosehr die Pflege der Seelsorge wie des Unterrichts im Auge gehabt haben. Zwar werden früher schon Lehrer und auch nachher noch solche aus dem Laienstand erwähnt (1275: Hermannus, rector puerorum; 1279: relicta quondam Kanczellarii alius rectoris puerorum). Den Barfüßern scheint man aber hauptsächlich die höhere Schule anvertraut zu haben, die sie auch innehatten bis ins 19. Jh. herauf. Unter den Zöglingen dieser Schule ragen im 18. Jh. besonders der aus Offenburg gebürtige, 1789 als Professor der Pastoralwissenschaft in Luzern verstorbene literarisch fruchtbare Pater Joachim Braunstein und der aus Bohlsbach gebürtige Naturforscher Oken hervor. In ihrer Kirche fand die selige Gertrudis ihre letzte Ruhestätte (Gertrudis uxor Rippoldi omnium opinione beata, cuius

1.) FDA. I,S. 291 ff.
2.) Vgl. Mone, Z. 5, S. 243. Ortenauer Bote von Offenb. 1858, Nr. 88.

- 476 -

tumulus contegitur lapide maiori humo altius prominente)(1). 1816 wurde das Kloster auf gehoben und 1823 dem von Ottersweier hierher verlegten weiblichen Lehrinstitut angewiesen.

Wenig nur ist über ein Kloster der Dominikanerinnen bekannt, dem 1246, 11. Juli, Papst Innocenz IV. auf Bitten eines Walther von Jouvignac einen Freibrief ausstellt(1). Aber schon in der Ordensstatistik von 1303 (Quétif, Script. Ord. Praed. I, 10) fehlt es, wie auch jede weitere Kunde für eine spätere Zeit.

Neben den Franziskanern wurden 1640 auch die Kapuziner, allerdings erst nach längeren Verhandlungen, zugelassen. Ihnen ist vor allem die Missionierung des Volkes im Dienste der Gegenreformation zu danken. Rückhaltlose Anerkennung haben sie hier wie anderswo gefunden für ihr mutiges Ausharren auf ihrem Posten während des Dreißigjährigen und der folgenden Kriege, wodurch sie manches Unheil abgewehrt und viel Gutes gestiftet haben. 1808 wurde ihr Kloster nominell aufgehoben, doch bestand es noch kurze Zeit weiter, so daß noch 1819 ein Guardian und ein Definitor genannt werden(3). In die Gebäulichkeiten wurde das Gymnasium eingewiesen.

Kaum mehr als die Namen ist von den häufiger erwähnten Beghinen in Offenburg bekannt, deren frühest vorkommende Lutgardis dicta Möchin, begina de Offenburg, dicta de Saßbach (1307), ist. Später begegnen die Schwestern "in der von Schuttertal gotzhus", oder im großen gotzhus oder im Richkalden gotzhus(4). Die Friedhofkapelle führt als Patron den h. Michael. (Sauer.)

Römisches.

Im Bereich der Stadt wurden einige römische Steindenkmale gefunden:

1. Bei Blechnermeister Pfitzmaier wurde 1860 ein großes römisch-korinthisches Säulenkapitell aus Sandstein, 90 cm hoch, oben 60 cm breit, ausgegraben, "an dessen Stelle ein anderer Abweiser gesetzt und wieder zugepflästert". Seitdem in der Karlsruher Sammlung.

2. C.L. Wielandt in seinen "Beyträgen zur ältesten Geschichte des Landstrichs am rechten Rheinufer von Basel bis Bruchsal, Karlsruhe 1811" berichtet, es sei in Offenburg vor etwa 20 Jahren (also ca. 1790) in der Kinzig ein Grabstein gefunden worden mit dem Reliefbild eines römischen Kriegers, der eine über die Knie gehende Tunika trägt, in der linken Hand einen Dolch, rechts ein Schwert mit dickem Knauf haltend, im unteren Teil mit einer Inschrift, die "ein Dritteil der Steinplatte einnimmt; die sehr großen, auf der linken Seite durchaus deutlichen schönen römischen Buchstaben sind auf der rechten Seite nicht ganz so schön erhalten". Die Steinplatte, 1,72 m hoch, 0,68 m breit, kam 1812 in den sogen. Bürgerhof, befand sich 1854 im Garten des Kaufmanns Guerra und ging 1869 durch Kauf in die Karlsruher Sammlung über. (Tafel XIV.)

Die Inschrift lautet:

L * VALERIO * ALB
INO * DOM // IIIISI //
//CHO * I * THRACVM
ANN LXV STI XXIII
H(ic) S(itus)

Dem Lucius Valerius Albinus Dom ....
Centurio der I. Kohorte der Thracier,
im 65. Lebens- und 23. Dienstjahr.
Er ist hier beigesetzt.


1.) Mone, Quellens. III, S. 365.
2.) Ebenda IV, S. 48 ff.
3.) FDA. XVIII, S. 205.
4.) Krieger II, S. 415.

TAFEL XIV

roemischer Grabstein Tafel XIV

- 477 -

Das Denkmal ist, als dem Centurio (Hauptmann) einer Kohorte zugehörig, selten und von Wert für die Geschichte der Besetzungen des Rheinlands. Es ist, nach seinem altertümlichen Eindruck zu schließen, nicht später zu setzen als zur Zeit Vespasians. Wielandt bemerkt: "Noch sollen ähnliche Steine im Bett der Kinzig liegen, die bei kleinem Wasser sichtbar werden." Seiner Aufforderung, danach zu trachten, sie zu erheben, ist bis jetzt noch keine Folge gegeben worden.

Fig 260 sandsteintorso3. Zugleich mit dem Valeriusstein kam 1869 ebenfalls aus dem Garten des Kaufmanns Guerra ein leider stark beschädigter römischer Meilenstein in die Karlsruher Sammlung, der im Sommer 1840 gefunden wurde, als der Bezirksingenieur Föhrenbach bei Offenburg nächst dem sogen. Schwabentore die Straße, die nach Gengenbach führt, eine Strecke lang erweitern ließ, wozu einige tiefe Ausgrabungen nötig waren (s. Fr. Weißgerber im Progr. d. Gymnasiums für 1840/41). Das Genauere über ihn gibt Zangemeister in der Westdeutschen Zeitschrift für Geschichte und Kunst, Trier 1884, Jahrg. III, S. 246 ff. Die cylindrische Sandsteinsäule ist noch 1,24 m hoch bei 0,44 m Durchmesser; vorn herunter ist sie geradegeschlagen worden, so daß außer oberen Linien auch ganz durch der mittlere Teil der Inschrift fehlt. Nach Zangemeisters Ergänzung derselben lehrt sie, daß unter Vespasian um das Jahr 74 von Straßburg (Argentorate) aus nach Osten von dem kaiserlichen Legaten Cnejus Cornelius Clemens eine mit Meilensteinen besetzte Straße angelegt worden ist, die badische Ebene also damals bereits als römisches Gebiet betrachtet wurde; es ist die älteste datierbare Steininschrift zwischen Rhein, Main und Donau.

4. Anläßlich der Korrektion der Hauptstraße bei der S. Johannis-Brücke wurde 1880 ein Teil der alten Stadtmauer abgebrochen, in welche eingemauert der Torso eine römischen Soldaten aus Sandstein sich fand. Derselbe noch 39 m hoch [sic!], ist stark beschädigt, läßt aber noch zwei Gürtel für Schwert und Dolch erkennen; die Waffen selbst sind abgeschlagen. Seit Dezember 1880 in der Karlsruher Sammlung (s. Fig. 260).

In der Stadt brachte weiter die Kanalisation von 1890 in der Mitte der Kornstraße vom Rathaus zum Vincentiushaus in 1 m Tiefe 25 römische Tonscherben, einige von roter Terra sigillata und verziert. Dabei ein Silberdenar des Trajan. Auch sonst römische Münzen (s. Bissinger, Röm. Münzfunde in Baden 1889, N. 112a).

Dazu fand man 1885 im nahen Stadtwald, Distrikt "Unterbündle", zwei dicke, nach beiden Seiten spitzig zulaufende Eisenluppen in der Form, wie das Eisen in römischer Zeit in den Handel kam (jetzt Karlsruher Sammlung).

Alle diese Funde beweisen die Bedeutung des städtischen Bodens in der Zeit römischer Kultur. Der Gedanke ist nicht abzuweisen, daß sich dort auch noch die Spuren eines römischen Kastells auffinden lassen könnten.

Alemannisches:

In dem spitzigen Winkel zwischen der Rheintalbahn und der Schwarzwaldbahn entdeckte man 1894 einen alemannischen Reihengräber-

- 478 -

friedhof, dessen Spuren übrigens schon beim Bau der letzteren Eisenbahn zutage getreten waren. Seitherige Ausgrabungen ergaben nicht unbedeutende Fundstücke:

Fig 261 SchwertgriffEisenschwerter, Schildbuckel, Schnallen, Kämme, Ohrringe, farbige Perlen, Bernsteinstücke u. dergl. Besonders bemerkenswert ist ein zweischneidiges Schwert (Spatha) mit silbertauschiertem Griffknopf und vergoldetem Zwischenblech; Länge 91 cm (s. Fig. 261). Die Funde befinden sich in der städtischen Altertümersammlung in Offenburg. (W.)

Die Anlage der Stadt läßt sich noch heute, trotz der vielfachen Veränderungen, erkennen, zumal wenn man den Plan der Befestigungen von 1645 (s. Fig. 262), den K. Walter publiziert hat, zu Rate zieht(1). Außerdem liegt mir ein älterer Gemarkungsplan vor, in dem noch Reste der alten Befestigungen angegeben sind, und zudem konnten bei zufälligen Grabungen für Neubauten, insbesondere aber bei den Vorarbeiten zu dem neuen Bahnhof, eine Anzahl der Mauerzüge klargestellt werden. Die letzteren Beobachtungen, zusammen mit den Angaben des Gemarkungsplanes, sind auf der in Fig. 263 wiedergegebenen Katasterkarte eingetragen.

Ein Blick auf den Plan (s. Fig. 263) lehrt uns die zwei wichtigsten Straßen kennen, die Hauptstraße und die Lange Straße. Ich möchte glauben, daß sie den beiden römischen Straßen, von denen wir wissen, entsprechen. Und zwar die Hauptstraße der Rheintalstraße, die von Mainz nach Badenweiler führte. Noch heute verläßt an ihrem südwestlichen Ausgang bei Plan 1 die Straße nach Freiburg die Stadt, nördlich die Straße nach Achern, Baden, Rastatt, die aber zwischen Offenburg und Appenweier durch die Bahnanlagen verändert ist. An der südöstlichen Ecke betrat die aus dem Kinzigtal kommende die Stadt, bei Plan 2, am Beginn der Langen Straße; am nördlichen Ausgang traf sie sich mit der anderen, um wenige Minuten vor der Stadt in der Richtung nach Straßburg abzubiegen.

Wer vom Kinzigtal direkt in der Richtung nach Freiburg weiter wollte, kam durch die Gerberstraße an den südwestlichen Ausgang. Unter den Zähringern hat sich dann an der Rheintalstraße zunächst die Bewohnerschaft angesiedelt, aber wohl auch an der aus dem Kinzigtal herkommenden Straße, und charakteristischerweise entstanden an beiden Plätze, an der Hauptstraße der eigentliche Marktplatz, und an der Langen Straße der Lindenplatz. Mit der Zeit wurde zwischen beiden eine Parallelstraße gebaut, die Kloster- und Spitalstraße, und eine Anzahl kreuzender Straßen; auf dem westlichen, auch heute noch weniger stark besiedelten Terrain, das natürlich geschützt war durch einen ziemlich steilen Abfall und die Kinzig mit ihren Abzweigungen, legte man die Kirche an.

Über die Befestigung wird in der Relation über den von 1688 bis 1696 erlittenen Schaden geschrieben: "die gesammte Fortifikation so in drei mit Mauern gefütterten Graben,

1.) Wo die Federzeichnung sich befindet, ist leider nicht angegeben und mir unbekannt.

offenburg befestigung 1645

offenburg befestigung mit verteidigungslinien
- 479 -

Zwingern und 3 Mauern, 9 hohen wohlerbauten Türmen von 6 Contignationen, jeder wenigstens 10.000 fl. werth, und 18 Rondelen und vielen Aus- und Innen-Werken, Wällen und Contreskarpen" besteht. Genau dem entspricht auch die Federzeichnung von 1645; wir sehen die drei Türme, wovon drei Tortürme, die innere Mauer (9) mit dem davorliegenden, durch Palissaden abgeteilten inneren Zwinger (10), eine zweite Mauer und den inneren Graben (11), der an der Westseite des Mühlbaches wegen nicht herumgeführt war, dann den äußeren Zwinger, und nach einer dritten, mit kleinen Türmen versehenen Mauer den äußeren Graben, der wieder des Mühlbaches wegen an der Westseite fehlt, der die Gräben mit Wasser versieht. Im Westen haben wir vor dem inneren Zwinger ohne Graben den zweiten, und die Bemerkung dazu lautet ausdrücklich:

Fig 264 Stadtbefestigung Restruine
"der Zwinger gegen dem Wasser, wo kein Graben, der Zwinger und die Mauern aber ziemlich hoch liegen". Wo heute der Vincentiusgarten liegt, da war in dem Zwinger noch ein besonderes Werk vorgebaut - der schwarze Hund mit dem Milterturm, darauf drei Geschütze. Überall an der inneren Mauer treffen wir die nicht als Türme gezählten Rondelle (wie in Gengenbach) und Maueraufsätze. Von den Toren hieß das nordöstliche, dem Kinzigtal zu, das Schwabhauser Tor, das südwestliche, nach der Freiburger Straße zu, die über die Kinzig führte, das Kinziger Tor, das nördliche, nach Straßburg-Appenweier das Neutor. Wir erkennen deutlich, wie vor diesen Türmen die übliche Vortoranlage den Zwinger durchbrach. Die dreifachen Mauerzüge sind im Nordosten und Osten durch Grabungen festgestellt (s. den Plan), im Westen und Süden wenigstens der eine Zug. Das so Geschilderte dürfte die schon aus dem Mittelalter stammende, herkömmliche Befestigung der Stadt darstellen.


- 480 -

Im 17. Jh. erhielten diese Werke eine weitere Verstärkung, die nach den Erfahrungen des Dreißigjährigen Krieges der damalige Kommandant, Johann Reinhard von Schauenburg, aufführen ließ. Und zwar umgab er vor allem die Nord- und die Ostseite mit Schanzen (14 - 15), von denen ein Teil auch auf unserem Plan sichtbar ist. Dagegen passen die im Norden angegebenen, tatsächlich also vorhandenen Mauerzüge nicht zu den in der Federzeichnung sichtbaren, die nicht so weit von der Stadt entfernt waren.

Vielleicht haben wir es hier mit einer weiteren, späteren Verstärkung zu tun. Im Süden legte Johann Reinhard von Schauenburg nur die kleine Schwabhauser Schanze an, zum Schutz des dortigen Tores, und ebenso im Südwesten vor dem Mühlbach die obere Mühlschanz (18) zum Schutz des Kinziger Tores. Die Westseite schien durch das Wasser geschützt, doch wurde auch hier, wo dieses einen freien Platz zwischen sich und den Mauern ließ, eine Brustwehr in halber Mannshöhe hergestellt, die bei der Aufnahme der Federzeichnung noch nicht fertig war (bei 24), ebenso an der Nordwestecke eine Brustwehr (23) und eine neue Schanze, die Seeschanz, vor denen sich noch eine vierte Mauer mit Türmen hinzog.

Vielleicht schon im 15. und 16. Jh., mit dem Aufkommen der Feuerwaffen, oder auch erst jetzt, wurden die Ecken der inneren Mauer zu Bollwerken ausgestaltet, so nordwestlich das Bollwerk beim Bad (4)

Fig 265 grundriss heilig kreuz

- 481 -

Fig 266 turm heilig kreuzmit dem Badstubenturm, nordöstlich bei dem Franziskanerkloster das Klosterbollwerk (5), an der Ostseite die innere Schanz (16) beim Lindenplatz mit dem Krähnerturm, südöstlich das Schwabhauser Bollwerk, südwestlich (7) das Kinziger Bollwerk. Die Gräben konnten aus dem Mühlbach, also aus der Kinzig, sofort mit Wasser gefüllt werden.

Heute sind noch im Süden an den städtschen Anlagen Reste der Stadtmauer zu sehen, teilweise im Norden, in größerem Maße aber nur im Westen, etwa vom Kirchplatz an bis in die Nähe des ehemaligen Kinziger Tores. Beim Vincentiusgarten schen wir noch zwei Rondells, achteckige Bastionen (s. Fig. 264); nicht weit von dem Kinziger Tor sind die innere Stadtmauer, der 20 m breite Zwinger, die Mauer zwischen diesem und dem Graben sowie eine erkerartige Auskragung auf zwei Konsolen sichtbar, die wohl einen der turmartigen Erker trugen, mit denen die Mauer besetzt war.

Die Befestigung der Stadt macht einen recht stattlichen Eindruck, wenn sie auch 1689 nicht mehr auf der Höhe der damaligen Befestigungsweise stand. Ein paar Monate hätte sie wohl, bei einiger Voraussicht - und die war ja vorhanden — und Reparatur, allerdings auch Energie der Bürgerschaft, stand halten können, aber hier wie in den meisten Fällen am Oberrhein zeigte es sich, daß vermutlich durch den demoralisierenden Dreißigjährigen Krieg mit seinen Folgen und durch die inneren Zustände keinerlei Spannkraft und Mut vorhanden war, daß außer der Impotenz des Habsburger Hauses und der Schwerfälligkeit der Heere die Stumpfheit der Bevölkerung ihr schreckliches Schicksal verdient hat.

Kath. Pfarrkirche (ad Exaltationem S. Crucis) (s. oben). Der ursprüngliche Bau war am Ende des 14. Jhs. errichtet worden, er brannte 1689 bis auf wenige Mauerreste ab.

Vom Chor scheinen die rohen Mauern bis zum Dachansatz stehen geblieben zu sein, er konnte deshalb verhältnismäßig rasch wiederhergestellt

- 482 -

sein; für ihn war das Straßburger Domkapitel baupflichtig, das diese Arbeit offenbar schon vor 1700 hatte erledigen lassen. Der Chor, aus Bruchsteinen(?) erbaut, jetzt abscheulich backsteinimitierend gestrichen, in drei Seiten des Achtecks geschlossen, zeigt noch die hohen schlanken Spitzbogenfenster mit dem Maßwerk (spitze Kleeblattbögen des 14. Jhs.). Einmal abgetreppte Strebepfeiler und gotische Wasserschräge am Äußern. Nördlich an ihn angebaut eine Kapelle, aus dem Achteck geschlossen, mit ähnlichen Strebepfeilern, einpfostigen Spitzbogenfenstern mit Maßwerk, doppeltem Kreuzrippengewölbe. Sie muß etwas später erbaut sein, wie der nicht geschickte Ansatz an den offenbar schon vorhandenen, einzig stehen gebliebenen nördlichsten Strebepfeiler des Langhauses zeigt.

Ebenfalls später an den Chor angebaut, wie die originelle Benutzung der Strebepfeiler zeigt (s. Fig. 265), die Sakristei mit zwei quadratischen Jochen mit Kreuzrippengewölbe, den Spitzbogennischen zwischen den Strebepfeilern des Chors und einem kleinen Chörlein mit Achteckschluß und entsprechendem Gewölbe, das sich im Kielbogen öffnet. Auch hier einpfostige Spitzbogenfenster mit ähnlichem Maßwerk und einmal abgetreppte Strebepfeiler.

Die Langhausmauern waren offenbar bis auf wenige Meter über dem Erdboden zerstört. Nachdem der Chor im Rohbau fertig, ließ die Stadt im April 1700 sich den Plan zum Langhaus und Turm durch den Straßburger Baumeister Joh. Wilh. Zäpfle vorlegen, von dem man danach wohl vermuten darf, daß er den Chor im Auftrage des Domkapitels hergestellt hatte. Im Juni wurde dann mit den Maurermeistern Franz Beer und Konrad Albrecht aus Bregenz akkordiert. Den ersteren haben wir schon in Gengenbach beschäftigt gefunden, wo er die Restauration der Kirche und den Neubau des Klosters leitete. Von diesen vorzüglichen Leistungen mag man in Offenburg gehört haben. Beer ist einer der bedeutendsten Meister der damals am ganzen Oberrhein so tätigen Vorarlberger Bauschule, einer der tüchtigsten Architekten seiner Zeit überhaupt(1). In dem citierten Aufsatz Pfeiffers, der zum ersten Male die Vorarlberger in genügender Darstellung in die Kunstgeschichte einführte, wird ausdrücklich hervorgehoben, daß er vom einfachen Maurer zum Architekten von hohem Ruf geworden. So verstehen wir die obige ausdrückliche Bezeichnung als Maurermeister, Er stand damals auf der Höhe seines Schaffens und war ein vielbegehrter Meister, wie seine Beschäftigung gerade zu dieser Zeit in Gengenbach, Zwiefalten, Salem, Ehingen u. a. m. beweist. Über seines Mitarbeiters Konrad Albrecht Tätigkeit ist in der Pfeifferschen Darstellung nichts zu finden. Wohl aber ersehen wir, daß er und seine Familie in mit ihm fünf Mitgliedern unter den Vorarlbergern vertreten war. Es berührt danach merkwürdig, daß beide nur als Maurermeister nach dem Plan eines Straßburgers gearbeitet haben sollen. Da auch der Bau durchaus mit dem Stil der Vorarlberger übereinstimmt, dürfen wir ihn vollständig für sie in Anspruch nehmen, wie auch die Innengestaltung des Chores; die Stadtgemeinde hat sich nur vorher mit dem architektonischen Vertrauten des Domkapitels über den ungefähren Plan geäußert. - Beer hatte die stehen gebliebenen Reste des Langhauses zu benutzen, noch erkennen wir den gotischen Sockel und die abgeschrägten Fensterbänke, doch legte er demselben einen zu einem Drittel noch in die alte Fassadenlinie hineinragenden Turm vor, neben diesem zwei einstöckige Räume mit Pultdach, welche

1.) B. Pfeiffer, Die Vorarlberger Bauschule in Württemberg, Vierteljahrshefte NF. XIII, S. 11 ff.

Fig 267 heilig kreuz blick aus dem Chor

- 483 -

die Treppen zu den Emporen enthielten. Das Äußere des Langhauses ist von größter Schlichtheit, nur die flachbogigen Fenster mit einfach profiliertem Gewände gliedern es. In den Treppenvorhallen schlichte Rundbogentüren, über denselben ovale Barockfenster, Ovalfenster auch am Fassadengiebel. Elegant steigt aus der Fassade der schlanke Turm auf. Im Erdgeschoß das Portal mit den Halbsäulen, dem verkröpften Gebälk Turm und dem gebrochenen Rundgiebel, im nächsten Geschoß einfache Lisenen und Rundbogenfenster, das letzte Viereckgeschoß mit ionischen Pilastern geziert, über ihnen verkröpftes Gebälk und dann der reiche Achteckabschluß wie in Gengenbach, mit korinthischen Säulen, langgestreckten ovalen Fenstern, darüber das dreifache Zwiebeldach. Vermutlich projektierte den Übergang vermittelnde Urnen auf den Ecken des Turmes sind über der Ausführung weggeblieben.

Fig 268 heilig kreuz KanzelDie Grundrißgestaltung des Innern darf man wohl in gutem Sinne originell nennen. Es ist eine jener echten Barockleistungen, bei denen alle alten Bezeichnungen des Schemas versagen. So könnte man die Kirche sowohl als einschiffige mit Emporen wie als dreischiffige mit nicht ausladendem Querschiff bezeichnen. Zwei Drittel des Langhauses sind durch kreuzförmige Pilaster in drei Schiffe geteilt. Diese Pilaster tragen ein architravartig behandeltes, dreifach geteiltes Gebälkstück und darüber ein großes, mächtig ausladendes Gebälk, auf dem die halbrunden Archivolten ansetzen. Zwischen den Kapitellen und dem ersten Gebälk ist die Emporenbrüstung eingezogen, auf der das große Gebälkstück gewissermaßen sich als zweite Pfeilerreihe darstellt. In zweidrittel Höhe der Pfeiler setzen auf Gesimsen die flachen Bögen auf, die sich in die Seitenschiffe öffnen, entsprechende Pilaster an den Langhauswänden tragen mit jenen Gesimsen die flachen Gurtbögen. Die Empore zieht sich auch an der Westwand herum und ruht hier auf entsprechenden Pfeilern mit hohem Sockel, kragt aber in mehrfach gebrochener Linie weit über diese vor. Das freibleibende östliche Drittel des Langhauses wird durch halbrunde, von den östlichen Pfeilern zu den Wandpilastern an der Chorstirnwand sich herüberspannende Gurtbögen in drei Teile geteilt, die von Kreuzgratgewölben mit mittlerem ovalen Spiegel gedeckt sind. Das Mittelschiff ist mit einem scheinbaren Kreuzgratgewölbe eingewölbt ohne Quergurten, in der Tat ein Tonnengewölbe mit einschneidenden Kappen und eingezeichneten Spiegeln mit vielfach bewegtem Umriß; die Seitenschiffe zeigen flache Kreuzgratgewölbe mit kleinem runden Spiegel, ebensolche die Emporen. In die großen durchgehenden Langhausfenster schneiden die Emporen unvermittelt ein. Der Chor ist mit einem entsprechenden Kreuzgrat- bezw. Tonnengewölbe überdeckt, er öffnet sich in hohem Rundbogen nach dem Langhaus.

Die Innendekoration dürfte in ihrer Hauptsache ebenfalls noch auf die Vorarlberger zurückgehen. Wände und Decke sind in weißem Stuck gehalten, die Stuckverzierungen noch sparsam und in dem ruhigen Geschmack vom Anfange des 18. Jhs. Die Pfeiler mit den eleganten weißen, leicht vergoldeten Kapitellen waren wohl farbig gedacht entsprechend bemalt die Laibungsflächen der Bögen und die Brüstung der Empore. Nicht alles aber stammt aus dieser ersten Zeit, denn an der Kirche ist während des ganzen Jahrhunderts weitergearbeitet worden, und es zeugen die Stuckumrahmungen der Seitentüren mit ihrem Spalierwerk etc. schon von der Hand eines im Geschmack der Régence bezw. des beginnenden Rokoko gebildeten Künstlers.

Aus den verschiedensten Zeiten auch die Innenausstattung. Zu ihren frühesten Teilen gehören die zwei an der Westwand unter der Empore aufgestellten Kirchenbänke,

- 484 -

deren Rückwände reiche, schwere Schnitzerei in noch der Renaissance nahestehendem Barock aufweisen.

1740 wurden die Altäre errichtet durch Franz Lichtenauer. Der Hochaltar ist ein mächtiger Aufbau aus marmorartig bemaltem Holz mit Säulen, gebrochenen Giebeln, Volutenbaldachin mit Krone. Größere Engel und eine Menge von Putten schweben oben und umgeben unten das Tabernakel. Der Altar umschließt ein Gemälde der Kreuzerhöhung, dekorativ wirksam, aber stark nachgedunkelt. Daneben zwischen den Säulen die überlebensgroßen, überschlanken Holzfiguren der Heiligen Helena, Ursula, Gangolf und Aper.

Die beiden Seitenaltäre sind ähnlich gehalten, wenn auch natürlich einfacher, der nördliche mit der Statue der Madonna (18. Jh.), der südliche mit einem Gemälde der Madonna des Rosenkranzes. Ungefähr um die gleiche Zeit muß das schöne Chorgestühl entstanden sein mit zwei Sitzreihen, in guter, geschmackvoller Rocailleschnitzerei; nicht viel später auch das derbere Kirchengestühl mit in stark bewegtem Rocaillestil geschnitzten Wangen.

1760 wurde die Orgel geliefert von dem Offenburger Bürger und Orgelmacher Ignatius Seuffert, Sohn des Hoforgelmachers Philipp Seuflert in Würzburg, 1784 mußte sie in Rastatt renoviert werden. Sie ist jetzt durch eine neue ersetzt, doch hat man das alte Gehäus beibehalten, das mit reicher Rocailleschnitzerei verziert ist und oben die Gestalten zweier musizierenden Engel trägt.

In äußerst reichen, bewegten Rocailleformen ist auch das Gitter der Orgelbrüstung geschnitzt. 1784 lieferte der Bildhauer Joh. Nep. Speckert, von dessen bewegtem, prozeß- und strafenreichen Leben uns Walter ein Bild gegeben, für 95 fl.

Tafel XV

Tafel XV Vortragskreuz

Tafel XVI

Tafel XVI Vortragskreuz Rueckseite

Fig 269 Madonna am Vortragskreuz

- 485 -

die beiden Presbyterien links und rechts vom Hochaltar in steifem Louis XVI., dekoriert mit geschnitzten Kirchengeräten in der Nische; 1792/93 arbeitete er die Kanzel (s. Fig. 268) in gleichem Stil, aber schon stark dem Empire sich nähernd, aus verschiedenfarbigem Marmor sowie Stuckmarmor, der Schalldeckel aus marmorartig bemaltem Holz. Ein schön skulpierter Früchtekranz umgibt ihren kannellierten Fuß. Fünf größere Reliefs: Geburt Christi, Jesus im Tempel, Bergpredigt, Speisung der Fünftausend, Himmelfahrt Christi, und zwei kleinere: der Gute Hirt und der Sämann, in Alabaster schmücken sie. Zwölf Engel, die er noch anbringen wollte, blieben der Sparsamkeit halber unausgeführt. Der Bildhauer starb über seinem Werk, es fehlten aber nur noch Kleinigkeiten, die der Bildhauer Michael Pfaff von Hagenau ausführte. In gleichem Stil wie die Kanzel, aber in Sandstein, ist der Taufstein gearbeitet, jedenfalls von demselben Meister. Von ihm dürfte auch der holzgeschnitzte Kruzifixus herrühren, der im Langhaus hängt und der auf einen tüchtigen Bildhauer deutet.

Über den beiden (neuen) Seitentüren Wandgemälde des Todes Mariä und einer Scene der Legende des h. Augustinus, dekorative Durchschnittsarbeiten der zweiten Hälfte des 18. Jhs.

Von den einstigen, zu vermutenden Glasgemälden haben sich nur Reste in der Sakristei gefunden, und zwar im Chörlein ein stark ausgeflicktes Stück: der Kruzifixus zwischen Maria und Johannes, eine Arbeit vom Ende des 14. Jhs.; zwei andere, ebenfalls stark restaurierte und zum Teil aus nicht zugehörigen Stücken zusammengestellte, in dem einen der h. Maternus mit zwei Stiftern, in dem anderen zwei heilige gekrönte Frauen, wohl vom Anfange des 15. Jhs.

Die alten Glocken, "weit und breit der schönsten Resonanz halben hoch berühmt gewesen", 22 an der Zahl, sind 1689 von den Franzosen weggeführt worden. Als sie bei Breisach über den Rhein geführt werden sollten, gelang es den dortigen Einwohnern, die zwei größten zu kaufen, was Aufzeichnungen nach schon vor 1697 geschehen ist. Sie hängen im dortigen Münster, die eine, größere stammt laut Inschrift von 1491, die andere aus der Zeit um 1662(1).

Von den heutigen Glocken stammen drei vom Jahre 1728, eine davon wurde jedoch 1849 umgegossen. Alle tragen (bezw. trugen) am oberen Rande die Inschrift:

JESUS NAZ. REX IUDAEORUM DEFENDIT NOS AB OMNIBUS MALIS,

die mittlere Kreuzglocke des weiteren in der Mitte:

IN HONOREM SANCTAE CRUCIS EXALTATAE ME FUNDI CURAVIT VEN * COMMUNITAS
CIVITATIS OFFENBURGENSIS EX ELEMOSINIS CHRISTI FIDELIUM ANNO 1728,

und am unteren Rand:

JOHANN BAPTIST ALLGAIER HAT GOSSEN MICH.

Die nördliche zeigt die wohl getreu erneuerte Inschrift:

IN HONOREM JOSEPHI ET ALIORUM SANCTORUM FUNDI ME FECIT VENERAB. COMMUNITAS
OFFENBURGENSIS EX ELEMOSINIS CHRISTI FiDELIUM 1728,

und am unteren Rand:

DENUO FUSA 1849 PER CAROL. ROSENLAECHER CONSTANZ.


1.) Kunstdenkmäler VI, S. 68, und Walter a. a. O. Des letzteren Angaben, der eine ältere Glocke des Münsters für die aus Offenburg stammende hält, sind danach zu korrigieren. Abbild. bei Walter.

- 486 -

Die Inschrift der südlichen Glocke lautet:

IN HONOREM SANCTAE MARIAE VIRGINIS ASSUMPTAE ME FUNDI CURAVIT VEN.
COMMUNITAS CIVITATIS OFFENBURGENSIS EX ELEMOSINIS CHRISTI FIDELIUM ANNO 1728,

und am unteren Rand:

JOHANN BAPTIST ALLGAIER HAT GOSSEN MICH.

Über ihnen hängt noch ein kleines sogen, Silberglöckchen mit der Inschrift:

MATTEUS EDEL ZU STRASSBURG GOS MICH 1763.

Die größte Glocke stammt aus dem 19. Jh.

An der Chorwand der Kirche ein Epitaph, rechteckige rote Sandsteintafel, mit der Inschrift:

Memoria generosi domini Heinrici, comitis. in Werdenberg canonici ecclesie argen. collatoris huius ecclesiae obiit anno quingentesimo quinto.

Darunter das werdenbergische Wappen.

In der Sakristei (bezw. in der Kirche) an Kirchengeräten:

• Speisekelch, silbergetrieben, vergoldet, mit Rocailleornamenten und Bandgeschlinge.
• Kelch, silbervergoldet, getrieben, mit Engeln, Bandornamenten und Girlanden, gestiftet von Archipresbyter Laurentius Schlecht 1727.
• Zwei silbergetriebene und vergoldete Rocaillekelche mit Augsburger Beschauzeichen, der eine (mit den Leidenswerkzeugen) mit IFB der andere mit IKM
• Silbergetriebene Monstranz, in dem gotischen Aufbau mit Fialen, Strebepfeilern, Krabben etc.; auf sechspaßförmigem Fuß mit Fischblasenornament, merkwürdigerweise - man denkt an die Straßburger Münsterarkaden - ein Werk des 18. Jhs. und ein Geschenk des Domstiftes, überreicht in dessen Namen am 10. August 1791 von Fürst von Hohenlohe.
• Große Sonnenmonstranz, silbergetrieben, vergoldet, mit Emailmedaillons der vier Evangelisten am Fuß, oben einem solchen mit der Darstellung Gott-Vaters und des
heiligen Geistes, in falschen Brillanten gefaßt.
• Eine messingene Kanne mit Drache am Henkel und Adler als Audguß, in spätromanischen Formen (im Pfarrhaus aufbewahrt), die Tiere aus dem 13. Jh, die Kanne
wohl im 15. Jh. erneuert.
• Weihrauchschiffchen, silbergetrieben, mit Rocailleornament. Y
• Weihrauchfaß in den gleichen Formen.
• Im gleichen Stil silbergetriebene, vergoldete Meßkännchen vom Ende des. 18. Jhs mit Girlanden.
• Zwei ewige Lampen, Silber, teils getrieben, teils gegossen (in der Kirche aufgehängt), die eine trägt die Inschrift: H * Z * Jacob Dallmann. - H * Z * Jacob
Friesinger. Zeichen: in Lorbeer ein Drache, daneben S * Z - (Schmiedezunft), dann: H * Z * Balthasar Kokell. - H * Z * Michael Gering. 1732. Wohl die Namen der Zunftvorsteher.
• Auf dem Hochaltar zwölf Leuchter, silbergetrieben, aus der ersten Hälfte des 18. Jhs. In der Sakristei auch das berühmte Vortragskreuz von 1515, weißsilbergetrieben und gegossen, leicht vergoldet. Auf der Vorderseite (Tafel XV) an einem naturalistischen Holzstamm die Figur Christi mit flatterndem Lendentuch. Edle Gestalt mit der üblichen starken Betonung des Brustkastens und eingezogenen Weichteilen. In den Vierpässen die Evangelistensymbole in Relief, von krausem Blattwerk umrahmt. Der achteckige Knauf, an den Kanten mit sich kreuzendem Astwerk verziert, trägt die Jahreszahl 1515

- 487 -

und das Offenburger Zeichen. Bedeutender noch die Rückseite des Kreuzes (Tafel XVI): in den Vierpässen und im Mittelrund in krausem Rankenwerk Amethysten und geschliffene Rheinkiesel, am Stamm aber eingraviertes Rankenwerk, in dem Putten musizieren bezw. Kronen darbringen, und die überaus liebliche Gestalt der Maria mit dem Kinde, etwa um ein Drittel verkleinerte Kopie von Dürers Kupferstich Maria mit dem langen Haar und Stirnband (B. 30)(1) (s. Fig. 269). Das Ganze ein hervorragendes Meisterwerk der Goldschmiedekunst.
• Madonnenstatuette, 15 cm hoch, silbergetrieben, auf Mond und Wolken in vergoldeter Strahlenmandorla, von einem Prozessionsstab; 18. Jh.
• Madonnenstatue, kupfergetrieben und versilbert, etwa 1 m hoch (Immaculata Conceptio), auf kupfernem Weltenball mit versilbertem Mond und Schlange. Außerst charakteristische Empirearbeit, die h. Jungfrau streng antikisierend, junoartig aufgefaßt.
• An Kirchengewändern zu nennen ein silber- und golddurchwirktes Pluviale mit in Seide eingewobenen Blumen, sowie eine silberdurchwirkte Casel mit eingestickten Blumen, beide aus dem 18, Jh.

Am Äußern der Pfarrkirche sind eine Anzahl Grabdenkmäler und Epitaphien erhalten:

1. Grabmal des Jörg von Bach (s. Fig. 270), der Zeit nach das älteste und wohl auch das künstlerisch bedeutendste. (Weißer Sandstein, etwa 3,2 m hoch und 2 m breit.) Balustersäulchen mit frei behandelten korinthischen Kapitellen, welche durch eine Fruchtgirlande verbunden sind, flankieren eine flache Nische und tragen den abschließenden Rundbogen, in dessen Feld in flachem Relief Rankenornament angebracht ist. Die Archivolte ebenfalls von Blattkranz umgeben. Vor der Nische die lebensgroße Gestalt des barhäuptigen Ritters im sogen. Maximiliansharnisch mit leicht geneigtem Kopf und ausgebogener Hüfte, die Rechte auf das Schwert, die Linke auf das Helmkleinod (die Meerschnecke) seines Wappens gestützt. Zu seinen Füßen der mit Federn geschmückte Turnierhelm. Zu beiden Seiten der Nische eine schmalere Abteilung von Balustersäulchen begrenzt, die, aus vielfachen Teilen bestehend, mit dem ganzen Reichtum einer üppigen Phantasie überhäuft sind: fabelhaften Gestalten, Blattwerk, Schuppenwerk etc., und in einer Halbkugel enden. In diesen Abteilungen je zwei Wappen (einmal das Bachsche), wohl der Eltern, Großeltern und Urgroßeltern des Verstorbenen. Der Sockel, auf dem der Ritter steht, wird von einem in leichten Falten fallenden Tuch bedeckt, das von einem zeitgenössisch gekleideten Meerweibchen und Meermännchen gehalten wird. Auf diesem Tuch steht:

Anno domini 1538 den 19 decembris nach

mittag nach S. olberii ist verschaid- der Edel

und Ernvest Jorig von Bach der letzte des

Mannes Stames von Bach dem Gott der

Allmechtig Gnedig und Barmherzig su

Unter den Seitenteilen auf Täfelchen steht:
PER ME CRISTOFF * VR.


(Renoviert von A. Kayser 1895.)

1.) Siehe auch "Alte künstgewerbliche Arbeiten auf der Badischen Kunst- und Kunstgewerbeausstellung zu Karlsruhe 1881".

- 488 -

Fig 270 Grabmal joerg von bach
Das schöne Grabmal, ein Werk des Christoph von Urach, den wir aus mehreren Arbeiten - Taufstein in der Kirche zu Urach, Grabmal des Markgrafen Philipp II. in der Kirche zu Baden-Baden, dann des Grafen Michael in der Kirche zu Wertheim — kennen,

- 489 -

Fig 271 Grabmal philipp berger
ist, wie Lübke mit Recht sagt(1), "eine der vorzüglichsten Leistungen unserer Frührenaissance". Es zeigt die ganze üppige Phantasie dieses Stils, die Verachtung der

1.) Lübke, Kunstwerke u. Künstler, S. 344.

- 490 -

strengeren, architektonischen Form. Keine allzu feine, aber sehr tüchtige Arbeit; der Kopf, obschon etwas trocken behandelt, in seinem leis melancholischen Ausdruck von packender Lebenswahrheit.

2. An der Nordseite des Langhauses schlichtes Epitaph des Rudolf Blumenstein und seiner Mutter; er war offenbar wegen dem Sieg der neuen Lehre in Straßburg nach Offenburg übergesiedelt. Laut Umschrift:

GEDCTNUS DES WIRDIGEN HERREN RUDOLF BLUMENSTEIN .....
ZUM JUNCEN S. PETER ZU STROSBURG UND CATHARINE SEINER
GELIEBTE MUOTER DENEN GOT GENEDIG SEY. STARB IM JAR 1573
DEN 28 DAG HORNUNG.


3. An der Chornordseite: Grabmal des Schultheißen Philipp Berger (s. Fig. 271). Auf einem Postament mit schmaler Rollwerkkartusche erheben sich zwei reich mit Beschlägornament verzierte ionische Pilaster und flankieren das Hauptfeld, auf dem in Hochrelief der auferstandene Christus dargestellt ist, mit der Kreuzesfahne, die Rechte segnend erhoben. Das Grab ist von Gras mit Molchen und Totenköpfen umgeben. Das Ganze abschließend ein Architrav, an dessen Fries ebenfalls Beschlägornament und darüber, von Rollwerk, Voluten, Fruchtgewinden flankiert und von einem Maskaron bekrönt, die Tafel mit der Inschrift:

Gedechtnuss Des Ehrnvesten Und

Weisen Herren * Phlipps Bergers

Schultheis Alhie Gewesen * Auch Herr

Jerg Bergers und Sabina Mach-

tholffin Beider Seiner Eltteren *

Starb Den * X * tag Februarii

Anno * MDL.XXXiiiii.


An dem sonst schmucklosen Postament des Ganzen ein Wasserkessel mit einem Schild, worin ein sitzender Hund und des weiteren die Inschrift: Dieses Epitaph hat renovieren lassen Maria Theresia Witmaierin geborene Bergerin in Offenburg den ???.

4. Grabmal des Caspar Wydt (s. Fig. 272), aus dem gleichen gelben Sandstein gefertigt wie das vorherige. Auf einem Sockel mit großer Rollwerkkartusche, worin die Inschrift, eine flache rundbogige Nische, in der in Flachrelief eine Strahlenmandorla, vor ihr ein kleiner Rundsockel, auf dem wohl eine Statue der Madonna gestanden hat. Zu beiden Seiten der Nische Hermen, die das kräftig vorladende Gesims tragen, an dessen Fries ein Engelsköpfchen und Beschlägornament skulpiert ist. Die Bekrönung des Ganzen bildet, von Voluten und Früchten umgeben, eine Roliwerkkartusche mit dem Wappen. Die Inschrift unten lautet:

HOC QUIS SUB TUMULO LATITET SCIVISSE SED CUM IAM PROCERUM LATE DISCORDIA

VIATOR
FRUM


EXPETIS: EN CASPAR NOIE WYD A SUO IRREPSIT NIMIUM (HEU) PERNITIOSA LUES

ISTE PROCURABAT MAGNO NEGOTIA ECCE SOLUM PATRIUM MOX SEDE OPIBUS

SUMMI
QUE RELICTIS


ARGENTINENSIS CUNCTA LABORE CHORI REPPEDIT HAC PLACIDE NUNC REQUIESCIT

HUMO


G * W * F * F * 1 * 5 * 9 * 6 *


- 491 -

Fig 272 Grabmal caspar wydtAlso ein Mitglied des Straßburger Domkapitels, ein gebürtiger Offenburger, der ebenfalls vor der neuen Lehre nach Offenburg sich zurückgezogen.

Das Grabmal ein etwas derbes, aber fiottes Spätrenaissancewerk.

Dieses sowie das vorhergehende Grabmal hatten offenbar bei dem Brande 1689 stark gelitten, mußten geflickt und vielleicht in die erneuerte Mauer eingefügt werden.

5. An dem Chor die überlebensgroße Statue des Erzengels Michael auf barockem Sockel. Roter Sandstein.

Charakteristisches, derbes Barockstück. Laut der langatmigen Inschrift am Sockel 1732 von dem Zinsmeister des Andreasspitals F. A. Witsch gestiftet.

Auf dem alten Friedhof, der jetzt in eine Anlage umgewandelt ist und an die Stadtmauer anstößt, der große Kruzifixus (s. Fig. 273) aus rotem Sandstein auf erneuertem Sockel.

Der edle Kopf ist leicht geneigt, der Körper, "in der scharfen und mageren Behandlung seiner Formen und der bestimmten Darlegung des Knochengerüstes, verrät ein tüchtiges Verständnis des menschlichen Organismus"(1).

Mit dem flatternden, knittrigen Schurz, der übertriebenen Einziehung der Weichteile unter den Rippen, der scharfen Behandlung der Muskeln ist dies Werk ein echtes Beispiel der naturalistischen Spätgotik und doch vornehmer als die meisten gleichzeitigen Produktionen.

Leider geht der weiche Sandstein trotz des schützenden Daches unrettbar der Zerstörung entgegen.

Oben ein angeschlagenes Blechschild imitierend das Täfelchen mit der Inschrift: Jesus Nazarenus Rex Judeorum in lateinischer,  griechischer und hebräischer Sprache, ein merkwürdiges Beispiel des Humanismus in Deutschland.

Am Fuß die Jahreszahl 1521 und das Zeichen: XX welch letzteres man als Andreas Uracensis gelesen hat, in Gedanken an den Christoph von Urach, und das Werk also einem Verwandten desselben zugeschrieben hat.

Solange aber dieser Andreas nicht nachgewiesen ist, besteht nicht der geringste Grund einer solchen Auflösung des Zeichens, das ich ungedeutet lassen muß.

Es kehrt übrigens am Ölberg wieder.

1.) Lübke a. a. O. S. 342.

- 492 -



Fig 273 kruzifix alter friedhof

Tafel XVII

Tafel XVII Oelberg

- 493 -

Der Ölberg (Tafel XVII): Großer Nischenbau, der sich in einem mit Hohlkehlen und Rundstäben profilierten Rundbogen öffnet, mit einem Netzrippengewölbe. Im Vordergrund, der durch faschinenartiges Flechtwerk gehalten wird, die drei Jünger, von denen Petrus erwacht ist und in beginnendem Zorn mit der Rechten am Boden nach dem Schwert tastet. Hinter ihnen, durch eine Futtermauer von Steinen gestützt, an der Farrenkräuter, Disteln, Wegerich, der betende Heiland, den edeln Kopf nach oben erhoben, wo über den mit Efeu bekleideten, etwas zu regelmäßig geschichteten Felsen der Engel mit dem Kelch erscheint; lebhaft flattert vom Fliegen sein Gewand. Der Garten ist abgeschlossen durch einen Bretterzaun, der sich zu äußerst links vom Beschauer in einer Tür öffnet. Zaun und Türe sind mit solcher Virtuosität in der Holzmaserung skulpiert, daß man sie auf den ersten Blick für echtes Holz halten mag. Durch die geöffnete Tür dringen die Häscher ein, ein Teil naht hinter dem Zaun, voran Judas mit dem Geldbeutel. Die Häscher, wie es üblich war, in der damaligen Zeittracht

Fig 274 Potal Rueckseite Oelberg

- 494 -

gekleidet und, wie es die deutsche Kunst bei dieser Scene liebte, in ihrer abschreckenden Häßlichkeit und Gewöhnlichkeit scharf charakterisierte Gestalten. Der eine trägt einen Pechkranz, einer naht mit einer Muskete, der dreht die Kurbel seiner Armbrust, jener nimmt rasch einen Schluck aus der Feldflasche, ein anderer hält seine Laterne über den Zaun zur Beleuchtung. Hinter ihnen in Flachrelief Berge, besetzt mit steifen Bäumen und Steinbänken, im Hintergrund nahen noch zwei verspätete Häscher aus den Toren Jerusalems, das naturgemäß einer deutschen Stadt ähnelt. Hier geht das Relief in Malerei über, weiterhin in ein Landschaftsgemälde mit Berg und Fluß. Dementsprechend war der ganze Ölberg bemalt, die Spuren noch an den Pflanzen deutlich erkennbar, an den Eisenteilen der Tür, an den Augen der Persönlichkeiten etc. Allerdings ist das wohl aufgefrischt durch einen Restaurator des 18. Jh. Aber eine vollständige einstige Bemalung müssen wir zweifellos annehmen. In den Schlußsteinen des Netzgewölbes ein Auferstandener und ein Schildchen mit dem Zeichen XY ‚an dem Täfelchen unten rechts die Jahreszahl M*D*XXIII und darunter das Zeichen XX, an dem linken Täfelchen steht das Renovationsdatum 1820. (Roter Sandstein)(1)

Dem Zeichen nach wäre das Werk von derselben Hand wie das Kruzifix, doch hält eigentlich nur der Christus mit seinem ausdrucksvollen Kopfe und den feingegliederten Händen den Vergleich aus. Die Jünger sind zwar im Ausdruck recht gut getroffen, ihre Stellung ist aber noch etwas ungeschickt, die Durcharbeitung der Hände, der Gewänder etwas roh. Das gleiche gilt von den Häschern. Ich vermute, daß der Meister selbst nur den Erlöser gearbeitet hat und vielleicht den graziösen Engel, alles andere in seiner Werkstatt seine Gehilfen, um so mehr, als das Offenburger Werk nichts anderes ist als eine umgekehrte und verkleinerte Kopie des Ölberges im Straßburger Münster, denn von Ähnlichkeit und Übereinstimmung, Arbeit nach denselben Typen ist hier nicht mehr zu reden, sondern es ist das eine Werk eben schlechterdings eine Kopie bezw. eine direkte Wiederholung des anderen von dem gleichen Meister bezw. der gleichen Werkstatt. War der Meister des Kruzifixes vielleicht ein Straßburger Künstler? Wir können darüber heute nichts Bestimmtes aussagen.

Auf der Rückseite des Ölbergs ist der Rest eines spitzbogigen Portals (s. Fig. 274) eingemauert, das in sehr origineller Weise jene Mischung von Renaissance und Gotik zeigt, wie sie unserer sogen. Frührenaissance eigen ist. Auf Konsolen, die auf der einen Seite durch den Oberkörper eines Löwen, auf der anderen den eines Mannes gebildet sind, welche Wappen halten, setzt das sich kreuzende Rundstabwerk der großen Hohlkehle an, alles in der saftigen Behandlung der Renaissance und das Ganze von schlanken Renaissancesäulen mit phantastischen korinthischen Kapitellen flankiert. Der Bogen ist mit derben Blättern besetzt und endigt in einem Kielbogen. Unten zu beiden Seiten vorspringende Postamente mit Säulchen und Kielbögen. Das Stück, aus rotem Sandstein gearbeitet, könnte von der Pfarrkirche oder vielleicht noch eher von einem stattlichen Profanbau stammen. Daneben eingemauert zwei Grabplatten, auf denen in Rocailleumrahmung unter fünfzackiger Krone das Wappen, darunter die Inschrift:

1.) Die Behauptung, daß in dem Felsen, über dem der Engel schwebt, ein unterirdischer Gang bis unter die Stadtmauer beginne, halte ich nicht für glaubhaft. Das erwähnte Zeichen bei der Jahreszahl ist jetzt verwittert.

- 495 -

Rechts:

IOANN * FRANC * PETZELT
SER * (MI) * D * MARCH * BADENS
CONSATRAPA & SECRET:
ORTENAVIAE
OBIIT XVIII * FEBRVARII
MDCCLVII
ANN * ÆTAT LXV
R * I * P.
Links:

MAR * THERES * NATA UNTZ
D * IOANN * FRANC * PETZELT
CONSATR * & SECRET * ORTEN
CONIVX * OBIIT XXIV APRILIS
MDCCXLVII
ANN * ÆTAT * XLVI
R-I-P.


Des weiteren auf dem alten Friedhof noch einige Grabsteine, so an der Pfarrhofmauer in Rollwerkkartusche der des David Hoffmann mit der Inschrift:

Clariss. et ornatiss. dno Davidi Hoffmanno illustriss. principis Philippi secundi marchionis Badensis sumo quaestori et consiliario fundatori salutationis deiparae virginis (quam salve regina vocant) et anniversarii sui ac principis supra citati devotissimo ac zelosiss. pie atque memoriae ergo grati haeredes parentaruint anno MDCVI.

Weiterhin:

Fig 275 schmiedeeisernes gitterEpitaph des Chr. Schintzius. Schmucklose Sandsteinplatte mit der Inschrift:

Venerabili ac perudito domino Christophoro Schintzio A. A. L. B. ac philosophiae magistro S.S. Theologiae candidato ad S. M. Andream Wormatiae canonico ecclesiae huius Offenburgensis S. M. in annum coadjutori XXI Maii MDCXXXIV feliciter expiranti et indigno eiusdem rectori tum quidem adhuc spiranti simile autem judicium in dies expectanti hocce curanti aeviternam caritivus opta viator quietem.

Epitaph, Sandsteinplatte mit großem Kreuz, Wappen, Putten und Vorhang, worauf die langatmige Inschrift, nach der hier liegt: vir nobilis ac strenuus Dominus Simon Bruder Serenissimi Marchionis B. B. consiliarius camerae aulicae et praefectus iudicii Appenw. in Ortenavia qui die 11 Febb. 1768 vivere desiit.; daneben und darum lange Sprüche.

Eine Anzahl anderer Grabsteine mit Rocailleverzierung lassen die Inschrift nicht mehr lesen, ebenda auch noch einige schmiedeeiserne Kreuze des 18. Jhs.

Zwei Reste von Stationsreliefs, der eine fast ganz unter der Erde versunken, der andere mit der Kreuztragung; drei weitere: Christus nimmt das Kreuz, begegnet seiner Mutter, bricht unter der Kreuzeslast zusammen, am Haus Kirchstraße Nr. 19 eingemauert. Sehr derbe Werke des Joh. Nep. Speckert, welche derselbe 1779 angefertigt hat; sie waren ehemals am Weg nach Weingarten angebracht.

Zwischen dem Schulhaus und Pfarrhaus war ein schönes, schmiedeeisernes Gitter des 16. Jhs. aufgestellt (s. Fig. 275), angeblich ein Rest des ehemaligen Chorgitters. Das Oberlicht desselben (mit dem Doppeladler) ist jetzt in die städtischen Sammlungen

- 496 -

verbracht. In der Mauer daneben große Toreinfahrt, im Spitzbogen mit der Jahreszahl: ..zz

Das ehemalige Franziskanerkloster, jetzt Kloster und Erziehungsinstitut der Schwestern des sacré coeur, ist wohl nach dem Stadtbrande auf den alten Fundamenten wieder aufgebaut worden. 1702 wurde der Neubau begonnen, 1705 das Mesnerhaus erbaut, 1717 war das Rektorat im Bau begriffen. Die stattliche Anlage besteht aus der Kirche, mit dem an die Nordseite des Chors sich anschließenden Kreuzgang, vielleicht ein ehemaliger zweiter, während der erste an der Nordseite des Langhauses lag. Um die Klausur gruppieren sich die teilweise veränderten schlichten Baulichkeiten des 18. Jhs.

Die Kirche betritt man durch ein erhaltenes spätgotisches, rundbogiges Portal, dessen Gewände mit Hohlkehlen und Rundstäben profiliert sind. Die Türflügel sind gute Holzschnitzerarbeit mit Rankenwerk etc. des beginnenden 18. Jhs.

Zu beiden Seiten des Portals überschlanke barocke Sandsteinstatuen des 18. Jhs. der Madonna und des h. Nepomuk, am Sockel des letzteren das Offenburger Wappen und die Inschrift: Johannes Baptista Burck Pfarrer ...Grisheim, wonach die Statuen also wohl aus letzterem Ort stammen.

Das Innere ist einschiffig, mit rundbogigen Nischen zwischen den mächtigen korinthischen Seitenpfeilern, Durchgänge in diesen verbinden die Nischen, über ihnen Emporen, die sich wie in der Pfarrkirche zwischen dem starken verkröpften Gebälk der Pfeiler öffnen.

Ohne Querschiff schließt sich daran der lange Chor mit Achteckschluß, der noch die hohen, spitzbogigen Fenster mit frühem Maßwerk zeigt. An der Ecke von Chor und Langhaus runder Treppenturm, auf dem Dach kleiner Dachreiter. Aus der Beschreibung geht klar hervor, daß im ganzen die Erscheinung der alten Franziskanerkirche

Fig 276 hochaltar franziskanerkirche
- 497 -

gewahrt geblieben ist, der Predigtkirche: das weite Langhaus, das wohl flach gedeckt war, mit dem anschließenden großen und hohen Chor. Wie weit auch im Langhaus noch der alte Kern steckt, läßt sich natürlich ohne besondere Untersuchung nicht sagen, einige Meter hoch vom Boden sind sicher alt, wie ein später zu erwähnendes Wandgemälde beweist. Chor und Langhaus sind jetzt mit (Schein-\Tonnengewölbe mit einschneidenden Kappen, die Nischen mit Tonnen-, die Emporen mit Kreuzgratgewölben überdeckt. An den Decken geschmackvolle Rocaillestuckornamente. An der Westwand zieht sich die Orgelempore herum. - Ich möchte nach allem vermuten, daß wir auch hier den Bau eines Vorarlberger Meisters vor uns haben.

Von der Innenausstattung ist der Hochaltar (s. Fig. 276) hervorzuheben, ein bis zur Höhe der Gewölbe emporragender, mächtiger Aufbau von gewundenen Säulen, verkröpftem Gebälk, gebrochenen Giebeln, aus Holz, mit Rocailleschnitzereien und einem guten Gemälde der Himmelfahrt Mariä, sowie Heiligenstatuen, ein dekorativ sehr wirkungsvolles Werk aus dem Anfange des 18. Jhs. In dem ähnlichen Säulenaufbau mit Statuen etc. zwei größere und zwei kleinere Seztenaltäre, Doppelaltäre mit den Statuen von je drei Heiligen. Aus der gleichen Zeit die ebenfalls sehr kräftig wirkende Kanzel und entsprechende Beichtstühle mit Schnitzereien an den Giebeln. Auch die Orgel in dem bekannten geschwungenen Aufbau und Grundriß ist mit guten Rocailleschnitzereien verziert, in gleichem Stil das trefflich geschnitzte Holzgitter an der Orgelbühne.

An einem Pfeiler angebracht in einer holzgeschnitzten Nische mit Rocailleverzierung die zweidrittellebensgroße Holzstatue des Ecce Homo. An einem anderen Pfeiler Holzkruzifix, weniger bedeutend (18. Jh.).

In der zweiten Seitennische befand sich ein als Kredenztisch benutzter ehemaliger Altar mit gewundenen Säulen, gebrochenem Giebel, Ölgemälde des Gekreuzigten, 1783 für den ursprünglichen Sitz der Schwestern in Ottersweier gearbeitet, 1823 hierher gebracht.

Im Langhaus eine Sandsteinplatte eingemauert, in der in Rocaillekartusche zwei Breves Benedikts XIV. eingehauen sind.

In einer Nische der Südwand wurde i. J. 1901 ein Wandgemälde vom Ende des 15. Jhs. aufgedeckt, den Tod Mariä darstellend, leider ganz besonders in den unteren Teilen stark zerstört.

Die Sakristei der Kirche mit sechs Kreuzgratgewölben (Stuck) auf zwei Pfeilern Sakristei enthält trefflich mit verschiedenfarbigen Hölzern eingelegte Sckränke des i8. Jhs, ein Beichtstuhl ist geschickt in die Schränke eingefügt.

Grabplatte aus Sandstein mit Allianzwappen:

ANNO 1638 DEN 23 MARZ
IST * DIE WOHL * EDEL
GEBORNE * F..* FRAUW * AG
ATHA ÄSCHERIN * VON BÜN
NGEN * WEYLANDT DES WOHL
ETLE GEBORENE UND GEST
RENGEN HERN * GEORGEN
VOM STEIN * VON REICHSTE *
EGEMAHL * N GOTT SELI
ENTSCHLAFFN * DERN
GOTT * GNADT * AMEN.


- 497 -

Fig 277 grundriss kapelle franziskanerkloster
In der Sakristei und im anstoßenden Konvent schlichte spitzbogige Tür. Ebenda eine Grabplatte mit Umschrift:

- 499 -

Ano dni mercleren a * Doicclia * des Egenolf
Humel * de Stoffebrge * ea * v * an * eccl * omi * Scola *


An Kirchengeräten eine Soxnenmonstrang, silbergetrieben, vergoldet, mit Rocailleornamenten, Engeln und Halbfiguren, Augsburger Zeichen, darunter G, sowie zz2. Das Äußere der Kirche ist durchaus schlicht, das Langhaus nur durch die Rundbogenfenster des 18. Jhs. gegliedert, am Chor neben den Spitzbogenfenstern nicht sehr starke Strebepfeiler.

Fig 278 choerlein kapelle franziskanerkloster

Von den Räumen der Klausur ist das Refektorium seiner Stuckdekoration wegen interessant. An dem Plafond fünf Medaillons mit Reliefdarstellungen aus der Legende des h. Franz, an der Südwand ein großes Relief des heiligen Abendmahles, darüber zwei Wappen, von Blumengirlanden und Ranken umgeben.

An den Kreuzgang stößt der einzige intakt erhaltene Raum der Bauten vor dem Brand an, eine Kapelle (Fig. 277), laut Angabe einer jetzt zerfallenen Urkunde von 1717. Ein dreischiffiger, kleiner Hallenbau aus rotem Sandstein, aus dreimal drei Kreuzrippengewölben bestehend. Die vier stützenden schlanken Säulen auf hohen, polygonalen und in dem oberen Teil durch konkave Einziehungen gegliederten Sockeln gehen ohne Kapitelle in die trocken, nur mit einer Hohlkehle profilierten Rippen über. An den Wänden endigen diese Rippen spitz auslaufend. Die runden Schlußsteine sind teils mit

- 500 -

Fig 279 madonna franziskanerklosterRosetten, teils mit Fratzen, im Chörlein mit dem Lamm Gottes geziert.

Das aus dem Achteck geschlossene Chörlein, das sich in hohem Spitzbogen - Profil des Gewändes s. Fig. 278 - gegen das Mittelschiff öffnet, hat drei schlanke, spitzbogige Fenster mit Kleeblattbogenmaßwerk.

Dem entsprechend sind die einpfostigen Spitzbogenfenster der Seitenschiffie gestaltet, deren Pfostenprofil ebenfalls aus Fig. 278 ersichtlich ist. Unter der Fensterbank eine kleine Blendarkatur aus Kleeblattbögen.

Das Ganze ein sehr anmutiger Bau in der etwas nüchternen, zarten Art der Spätgotik.

In den Gewölbekappen waren die Spuren der alten Bemalung: Engel mit dem Gloriatext, erhalten, restauriert, d. h. durchaus neu gemalt wurden (vor 1900), so daß leider von dem Alten nichts mehr sichtbar ist.

In dem Chor die neu gefaßte Holzstatue der Madonna mit dem Kind {s. Fig. 279), 1,5 m hoch, in der freien Haltung und den individuell vornehmen Zügen - ich stehe nicht an, es zu sagen - eine der bedeutendsten Skulpturen aus dem Anfange des 16. Jhs., selbst in der knittrigen Überfülle des Gewandes noch geschmackvoll wirkend.

Dei dem Brand von 1689 soll als angeblich einziger Rest des Klosters (nämlich der Innenausstattung) nur eine Tür übriggeblieben sein, an der später zur Erinnerung das Chronostichon angebracht wurde:


- 501 -


MARTE DENTE CLA VSTRO PER VSTO VNA VET VSTA SER VATA FVI FORTIS PERSTITI(1)


Die Türe wird im Korridor aufbewahrt.

In dem Empfangssaal des Klosters sind eine Reihe von Porträts aufgehängt, Ölgemälde, u. a. der Maria Theresia, zweier Töchter derselben, Franz I., Josef II., der Kaiserin Luise mit ihren Kindern, eines Herzogs und einer Herzogin von Sachsen-Teschen, sowie ein Gekreuzigter in gutem Rocaillerahmen.

Im Vorraum ein Kruzifix, Holz, gute Durchschnittsarbeit des i8. Jhs, von einem Haus der Langen Straße stammend.

Im Klostergarten wurde seinerzeit ein Vortragskreuz gefunden, aus Messing (?), auf großem Knauf mit Fischblasenornament der naturalistische Kreuzesstamm, daran Christus mit flatterndem Lendentuch, trotz durchaus spätgotischer Behandlung, wie auch aus der Schrifttafel hervorgeht, erst aus der Mitte des 16.Jhs. Uber den heutigen Aufbewahrungsort ist mir nichts bekannt.

Das ehemalige Kapusinerkloster dient jetzt als Gymnasium. Über die Berufung der Kapuziner, die sich dann in den Heimsuchungen der Franzosenkriege so überaus hilfreich bewährt haben, ist oben berichtet worden. 1641 bis 1647 erbauten sie ihr

1.) Walter, Zum zweihundertsten Gedenktag etc., S. 29.


- 502 -

Kloster, das bei dem Brand wegen der Vorliebe Luswig XIV. für den Orden verschont wurde. Ein höchst einfacher, schlichter Bau, mit offenbar sehr beschränkten Mitteln

Fig 280 portal andreasspital


Fig 281 portal zur kirche andreasspital
- 503 -

errichtet. Die Kirche ist einschiffig, flachgedeckt, mit gerade abschließendem Chor, der Kreuzgratgewölbe aufweist. Die Altäre, der Hoch- und die zwei Seitenaltäre, dekorativ gute Stücke im üblichen Barocksäulenaufbau, mit eingelegter Arbeit verziert, leider durch braunen Anstrich entstellt. Sie sind heute mit ursprünglich für einen anderen Ort bestimmten Ölgemälden geziert, sehr nachgedunkelter, flotter Mittelware des 17. Jhs. in italienisierendem Stil.

Kanzel im Empirestil, aus verschiedenfarbigen Hölzern zusammengesetzt, teilweise vergoldet; gefällige Arbeit.

In der ehemaligen Sakristei bemaltes Holzkruzifix. des 18. Jhs.

An die Kirche stößt der kleine Kreuzgang an mit schlichten, hölzernen Rundsäulen, die gerades Gebälk tragen, das darüber liegende Geschoß ein Riegelbau, in seiner jetzt wieder hergestellten alten Gestalt ein überaus malerischer Anblick.

Das Andreasspital wurde um 1300 gegründet (s. oben) und sofort 1306 die nötigen Bauten errichtet. Bei dem Brande 1689 ist es offenbar vollständig zerstört worden. Das reiche Spital, das weithin in der Umgegend Besitztümer und Reben besaß, muß nach der Schadensberechnung der Stadt Offenburg ein stattlicher Gebäudekomplex mit zahlreichen Scheuern etc. gewesen sein. Es wird erwähnt die schöne, kunstreiche Kirche samt drei Altären, Orgel, Turm, Glocken, große Gebäude, Stallung, Scheuern, Backhaus, große Fruchtspeicher von fünf Kontignationen etc. 1700 konnte wieder an den Aufbau der Kirche und der anderen Gebäude gedacht werden, nachdem schon seit 1696 Nebenräume hergestellt waren. Der Maurermeister Leonhard begann am 17. April 1700, am 7. Juni wurde das erste, am 2o. Juni das andere, am 27. Juni das obere Gebälk gelegt und am 31. Juli konnten die Maurer, deren es 2o waren, entlassen werden. Doch kann es sich dabei nur um die Rückseite oder einen provisorischen Bau gehandelt haben. Der heutige Bau stammt wohl aus den ersten Jahrzehnten des 18. Jhs., nach seinem Baumeister. müßte erst in den Urkunden geforscht werden. Es ist ein stattlicher, Bau aus Bruchsteinmauerwerk, die Gewände etc. in rotem Sandstein, von polygonalem Grundriß; die Fassade gegen den Markt zu von ionischen Pilastern flankiert. An der Rückseite führt ein Barockportal, von Voluten flankiert, mit gebrochenem Volutengiebel, worin die Figur des h. Andreas, in den Bau (s. Fig. 280), von der Hauptstraße aus ein ganz schlichtes Portal. Die Kirche, einschiffig, mit Rundbogenfenstern, Stuckspiegelgewölbe im Langhaus, trocken profiliertem Rippengewölbe im Chor, einer Empore an der Westwand, enthält außer hübsch geschnitzten Türflügeln des 18. Jhs. nichts Erwähnenswertes. Sie ist in den Bau eingezogen und tritt nur gegen die Spitalstraße zu in dem achteckig abgeschlossenen Chor aus demselben hervor. Ihr Portal, aus rustizierten Pilastern mit flachem Rundbogen bestehend, noch in Spätrenaissanceformen durchgeführt, trägt die Jahreszahl 1701 (s. Fig. 281). An den einfach, aber gut geschnitzten Türflügeln gutes schmiedeeisernes Beschläg, Schloß und Griff. Im Hof des Spitals aufbewahrt ein Rest eines gotischen, abgefasten Brunnenstockes mit dem Rest der Inschrift:

MANS
A * IVL
II * Ann
odnim
aaaa
XI...

- 504 -

Die Gebäude sind zum Teil vermietet. Im ersten und zweiten Stock enthalten sie die archäologische und ethnographische Sammlung der Stadt Offenburg(1) welche i. J. 1900 eröffnet wurde. Sie enthält vor allem die prähistorischen, römischen und alemannischen Funde, die oben bereits erwähnt sind. Außerdem befinden sich hier eine Anzahl Skulpturen, kunstgewerbliche Arbeiten und auf die Geschichte der Stadt bezügliche Altertümer, aus denen ich hervorhebe:

• Holzstatuen der zwölf Apostel, drittellebensgroß, auf Rokokokonsolen, bemalt.
• Ein Kapitell- oder sonstiger Steinrest (angeblicher Hoheitsstein, also vielleicht von einem Brunnen, wie in Gengenbach), auf der Vorderseite das Offenburger Wappen, darunter 1540, auf der anderen Seite der Reichsadler.
• Schlußstein mit einem Kopf in Rollwerk, Sandsteinarbeit aus der Mitte des 16. Jhs.
• Halblebensgroße Statue der Pieta im gleichen Material aus der zweiten Hälfte des 17. Jhs.
• Ein Sandstein, auf beiden Seiten mit Wappen. Die eine, etwa um 1600 bearbeitet, zeigt längsgeteilten Schild, links drei Balken schräglinks; auf der anderen Seite, um die Mitte des i8. Jhs. bearbeitet, erblickt man in flotter Rocaillekartusche ein Allianzwappen.
• Ein weiterer Stein mit dem Offenburger Wappen und ein Fragment mit nacktem Putto, Rest eines reichen Renaissancetürgewändes.
• Eine Anzahl gußeiserner Ofenplatten des 16. und 17. Jhs. mit religiösen und kriegerischen Scenen sowie Wappen.
• Ein weißglasierter Ofen mit Landschaftsmalereien in Blau, 18. Jh., sowie ein grünglasierter älterer.
• Ofenkacheln, darunter zwei mit Brustbildern in der Zeittracht, von Hans Kraut, andere in der Art der Schweizer Maler bemalt; 16. bis 17. Jh.
• Trümmer von einzelnen Ofenkacheln.
• Sechs steinerne Ofenfüße aus dem 16. bis 18. Jh., einige mit Delphinen geschmückt, eine mit Karyatiden und Rocailleblumen, wirkungsvolles Stück.
• Ein Stein vom Brückenpfeiler von Gengenbach mit Inschrift.
• Schmiedeeiserne Kreuze des 18, Jhs. vom alten Friedhof.
• Porträt, Ölgemälde, eines Abtes von Schuttern, 18. Jh.
• Eine Hakenbüchse aus der ersten Zeit des 16. Jhs.
• Einige Zinnsachen, darunter Abendmahlskannen mit dem Wappen derer von Rüdt, gestiftet 1767 in die Kirche von Sindolzheim.

Hier auch der schmiedeeiserne Balkon des unten erwähnten, jetzt abgebrochenen Gottwaldschen Hauses (S. 514), sowie das Oberteil des Gitters am Schulhause (s. Fig. 275) und ein in Sandstein gut gearbeiteter Frauenkopf des 18. Jhs., ebenfalls von einem abgebrochenen Hause.

PROFANGEBÄUDE

Rathaus - Ein solches muß natürlich schon im 13. Jh. vorhanden gewesen sein, i. J. 1426 aber hören wir erst von einem Bau, auf einem verkehrt eingemauerten Stein im Hofe des heutigen Rathauses findet sich diese Zahl. Offenbar fand damals ein Neubau statt. Von diesem aber ist heute nichts mehr erhalten, dagegen noch einige

1.) Sie verdankt ihr Bestehen wesentlich dem rastlosen Bemühen und Sammeleifer ihres Vorstandes, des Herrn Kreissekretärs C. F. Mayer.

- 505 -

Reste von jenem Bau, auf den die Jahreszahl 1521 in einem Raum an der Kornstraße hinweist. Zu Anfang des 17. Jhs. wurde die an der Hauptstraße gelegene Kanzlei abgebrochen und ein Neubau beschlossen, 1604 bis 1605 auch, also ziemlich rasch, aufgeführt, und zwar von "Meister Wendling Götzen dem Bildhauer" wie es scheint, da außer ihm kein Baumeister genannt wird. Zeitgemäß war der Bau im Stile der deutschen Spätrenaissance aufgeführt, es hat sich davon ein einziger Stein erhalten, mit Beschlägornament(1). 1607 werden die Maler Friedrich Brändel und Hans Martin gemahnt, sich in der Ausmalung zu beeilen. Nach dem Brand von 1689 konnten zunächst nur einige Reparaturen an dem stehen gebliebenen Hintergebäude vorgenommen, unter anderem zur Verhütung größeren Unglücks der Giebel abgebrochen werden, wir finden diesbezüg-

Fig 282 grundriss rathaus

liche Notizen von 1691 bis 1700; die Stuben werden hergestellt, 1699 wird eine Uhr bestellt, 1700 ein "Türmle zu einer Glocken auf das Rathaus" errichtet. Als die Stadt dann anfing, sich wieder zu erholen, wurde erst der Ausbau des Vorderhauses in Angriff genommen und am 7. April 1741 der Kontrakt darüber mit "Maister Mathias Fux Burger und Maurer allhier" abgeschlossen, der es übernimmt, "den völligen Cantzley Bau, soviel die Maurer Arbeit betrifft, nach dem vorhandenen Riß auf seine eigene Kosten zu verfertigen und herzustellen, mithin das alte Dachwerk und Gemauer bis auf die Fundamenta, wo es nöthig abzubrechen, die Kelleriöcher zu verändern, sodann sowohl die Hauptmauern, als die innern Scheidewände der untern und mittlern Contignation aufzuführen, die Riegelwände im dritten und oberen Stockwerk zu mauren, das Archiv

1.) Abgebildet bei Walter, Das Rathaus etc., S. 6.

- 506 -

und Küche zu gewölben, auch beede samt denen Gängen in allen dreien Contignationen mit Platten oder Ziegelsteinen zu belegen, die Feuerwände, Feuerherd und Kaminer zu verfertigen, das ganze Gebäu außen und innen zu bestechen und auszustreichen, auch in allen Zimmern und Gemächern, wo man es verlangt, Wickelböden und Decken mit Hohl-

Fig 283 rathaus offenburg
kehlen zu machen" etc(1). Woher der Riß kam, ist nicht angegeben; die Vermutung Walters, daß er in Augsburg gefertigt sei, weil sich über den Fenstern des Erdgeschosses ein etwa einem Pinienzapfen verwandtes Gebilde findet, ist nicht stichhaltig, da das hier lediglich ein auch anderswo vorkommendes Ornament ist. Der Maurermeister muß der

1.) Waltera a. a. O. S. 10.


- 507 -

ganzen Ausführung nach übrigens ein so tüchtiger Künstler gewesen sein, daß wir ihm selbst die Konzeption zutrauen könnten; vielleicht hat es sich bei dem Riß nur um den Grundriß gehandelt. Der Bau scheint ziemlich lange sich hinausgezogen zu haben, wenn wir daraus etwas schließen dürfen, daß erst 1784 die Schreinerarbeit für den Rathaussaal vergeben wurde. Er stand dann bis 1894, in welchem Jahre ein Umbau stattfand, der leider die Wendeltreppe zerstörte.

Unser Grundriß (s. Fig. 282) zeigt den Zustand vor diesem Umbau. Das Gebäude des 18. Jhs. ist ein regelmäßiges Rechteck, das seine Hauptfront mit je sieben Fensterachsen der Hauptstraße bezw. dem Markt zukehrt, während die eine Schmalseite an das Gasthaus "Zur Sonne" angebaut ist, die andere mit je drei Fensterachsen in die Konstraße schaut. An die Rückseite stößt rechtwinklig, der Kornstraße entlang, das erhaltene Hintergebäude aus dem 16. Jh. an, sowie an den davon frei bleibenden Teil die Wendeltreppe, die den Zugang zu den verschiedenen Stockwerken des Hauptbaues vermittelte. Die innere Einteilung des Hauptbaues geht aus dem Grundriß klar hervor.

Die Fassade gegen die Hauptstraße zu ist von sehr wirkungsvollem Aufbau Fassade (s. Fig. 283). Die drei mittleren Fenster sind von gequaderten Pilastern mit ionischen Kapitellen zusammengefaßt, über denen sich ein runder Giebel erhebt. Er ist dem Satteldach des ganzen Baues vorgesetzt. Die im ganzen Bau flachbogig geschlossenen Fenster sind in den zwei unteren Stockwerken mit einer an zwei Ecken konkav eingezogenen Gesimslinie überdeckt. Die jeweils drei Fenster zu beiden Seiten des Portals und das Balkons sind dadurch wieder zu einer Einheit zusammengefaßt, daß jeweils das mittelste von ihnen mit einem flachrunden Giebel gekrönt ist, auf dem unten das erwähnte pinienzapfenähnliche Gebilde, oben eine Blumenvase sitzt, während die Fenster auf den beiden Seiten flache Volutengiebel aufweisen mit Palmetten dazwischen. Auch die Keilsteine der Fenster sind verschieden behandelt, an den mittleren konsolenartig, unten mit Ranken- und Vorhangornament, oben mit Fratzen, während die Keilsteine der anderen Fenster ganz schlicht gelassen sind. Das rundbogige Portal ist von Pilastern flankiert, deren Füllungen mit Bandgeschlingornament verziert sind. Auf den frei behandelten Kapitellen sowie auf dem mit Löwenkopf versehenen Keilstein des Portals sitzen die in Karyatiden endigenden Konsolen auf, die den Balkon tragen mit seinem geschmackvollen, schmiedeeisernen Gitter. Über der Balkontür in Relief von zwei Löwen gehalten das Wappen der Reichsstadt unter flachrundem Giebel (s. Fig. 284). Die Fenster des obersten Stockwerkes sind nur von einer Gesimslinie umzogen; entsprechend der unteren Rhythmisierung sind ihre Keilsteine entweder mit Palmetten verziert oder glatt gelassen. Im Giebel zwei blinde Rundfenster und das Mittelrund mit der Uhr. Auf ihm die Figur der Justitia.

Die Behandlung der drei Fensterachsen der Seitenfassade gegen die Kornstraße ist die gleiche wie bei den vorderen Fenstergruppen, über ihnen erhebt sich in mehrfacher Einbiegung und Ausbiegung, mit großen Voluten auflagernd, der große Giebel des Daches. Auf seiner einmaligen, scharfen Knickung je eine Blumenvase, auf der Spitze die Büste des sagenhaften Offo.

Nach dem Hof zu erhebt sich aus dem Satteldach ein kleines, mit einem Zwiebeldach gedecktes Glockentürmchen.

Die Türflügel des Hauptportals Schnitzerei des i8. Jhs. mit schmiedeeiserner Füllung.

- 508 -

Im Hauptgeschoß der Ratkaussaal mit Durchzugsbalken und sparsamen Stuckornamenten an den Decken, hier eine Standuhr in geschnitztem Holzkasten, das Uhrgehäuse selbst in Messing geschnitten und bezeichnet: Michael Guß 1776, während der

Fig 284 mittelstueck fassade rathaus offenburg
Uhrenkasten laut Akten 1779 von Bildhauer Speckert gefertigt worden; das Uhrwerk stammt von Anton Höhrmann. Auf dem Korridor und in den Zimmern einige Ölgemälde, Porträts der Maria Theresia, Franz I. u. a.

- 509 -

Fig 285 kopf des baumeisters rathaus offenburgDas Material sind Bruchsteine, an den Gewänden und skulpierten Teilen roter Material Sandstein, im Innern teilweise Riegelwände.

Das anstoßende Hintergebäude zeigt im Erdgeschoß und ersten Geschoß noch die geradsturzigen, teilweise noch mit einem Mittelpfosten versehenen Fenster mit abgefasten Sandsteingewänden aus dem 16. Jh., im Erdgeschoß auch noch die alte Einteilung (dient als Polizeiwachtstube). Über dem mittleren Doppelfenster desselben im Sturz ein Stein eingemauert, der nach Walter ehemals am Sturz des hier vorhandenen, abgebrochenen Portals sich befand, zwischen dem zweimal wiederholten Stadtwappen die Jahreszahl 1521 und das Zeichen Fig. 282. Heute tritt man zunächst in einen von einem Kreuzrippengewölbe überspannten Raum, hinter dem ein zweiter, ähnlicher liegt. Aus dem ersteren gelangt man durch eine Tür mit abgefastem Gewände in die einstige Torhalle, die - etwa 1,75 m breit und 5,75 m lang - mit einem Netzrippengewölbe überdeckt ist, dessen schlicht mit einer Hohlkehle profilierte Rippen ohne Konsolen in der Wand verlaufen. Sie haben vier (der fünfte ist weggelassen) Schlußsteine, an denen das Stadtwappen, ein Christuskopf, ein Stern und eine sechsblättrige Rose skulpiert sind. Aus einer Rippenkreuzung schaut der Kopf des Künstlers hervor - anders wird er wohl nicht zu deuten sein -, der den Bau errichtet, und daneben an der Rippe das Meisterzeichen(1) (s. Fig. 285).

Im Hof, an der Rückseite des Neubaues, befand sich in achteckigem Türmchen die Wendeltreppe, der Schneck, die nach Walters Behauptung auf Grund älterer Aussagen aus dem zerstörten Pfalzgebäude hierher transferiert wurde(2). Nach den über den "steinenen Schnecken an der Pfalz" erhaltenen Urkunden ist derselbe in den Jahren 1614 und 1615 von "Meister Wendling Götzen dem Bildhauer und Steinmetzen" errichtet worden, also dem Meister des Renaissancerathausbaues. Nach Walter fanden sich an ihm folgende Steinmetzzeichen:

steinmetzzeichen rathaus offenburg
Aus dem Rathaus stammte ein gutes schmiedeeisernes Renaissancetürbeschläg mit Knauf, das sich ehemals im Besitze des Kaufmanns Albrecht Fischer befand. Pfalz und Laube standen noch seit dem Brand in Mauerresten, die mit dem Einsturz drohten. Endlich 1784 beschloß man daher ihren Abbruch. Interessant ist dabei der Umstand, daß sich dafür u. a. ein Maurer aus dem Bregenzer Wald Anton Hirschspiel anbietet, daß also damals noch diese Bauschule bis hierher tätig war. Doch erhielten die ortsansässigen Meister den Auftrag. Damals erschienen Pfalz und Laube als zwei

1.) Von Walter nicht richtig wiedergegeben.
2.) Walter, Das Rathaus etc., S. 12.

- 510 -

Gebäude, doch dürfte Walter mit der Ansicht recht haben, daß sie ursprünglich nur eines bildeten, in dem zu ebener Erde die Brotbänke und Gaden, im oberen Stock die Pfalzwirtschaft war. Es war ein gewaltiges Gebäude, das nach allem da stand, wo jetzt das Kriegerdenkmal steht, offenbar in der ersten Hälfte des 16. Jhs. erbaut, denn seit 1565 hören wir in den Protokollen von der "neuen Pfalz"(1). Nach dem Brande erbaute man, da ein städtisches Wirtshaus Bedürfnis schien, vor diesem zerstörten Bau an der Stelle des heutigen Drakedenkmals ein neues Gebäude (1727), das jetzt auch verschwunden ist.

Das sogen. Salzhaus, das nach 1786 neu aufgeführt wurde, ist das schlichte Haus Nr. 65 an der Hauptstraße.

Das heutige Bezirksamtsgebäude, früher der Königshof genannt, wurde als Amtshof für die Landvogtei unter der Markgräfin Sibylle in dem zweiten Jahrzehnt des 18. Jhs. begonnen.

1712 wurde von dem Amtmann (damals Wilh. Wenger) die Bauung eines herrschaftlichen Kellers auf dem Amtshof beantragt, "wobei aber die Fundamente dergestalt gelegt werden müssen, daß mit der Zeit nach Ir. hochfürstl. dchlt, gnädigsten Fürstin und Frau Intention ein Gebäu darauf gesetzt werden kann", und er habe "vor nöthig und gut angesehen, daß etwa der hochfürstl. Baumeister zu Rastatt heraufgeschickt und durch ihn ein Grundriß und Überschlag gemacht werden könne"(2). 1714 war alles soweit bereit, daß man hoffen konnte, den Bau fortzuführen und noch im Sommer unter Dach zu bringen. Am 29. April 1714 berichtet der Amtmann Brée, daß der Bau zwar zu Anfang gebracht und nach Ankunft des Baumeisters Herrn Rohrer mit dem hiesigen Maurermeister Dominik Ellmerich der Akkord der Maurer- und Steinhauerarbeit getroffen worden, doch ergab sich noch eine Schwierigkeit wegen anzukaufender Plätze, die Rohrer notwendig hielt zum "Embellissement und Commodität des herrschaftl. Baues". Das Haus auf dem Nebenplatz nämlich hatte zwei Fenster gegen das Amtshaus, dies sollte aber vorgerückt werden. Endlich konnte man sich mit dem Besitzer darüber einigen. Auch eine Steingrube glaubte man eine halbe Stunde entfernt entdeckt zu haben, "wo große Steine, auch Quader und Platten genugsam überkommen sein. Die Untertanen seien auch zur Frohn ganz willig und bereit, begehren aber nach alter Gerechtigkeit täglich 2 Pfund Brod und 1 kr. Geld - Fuhrfrohn aber 4 Pfund Brod und 2 kr. Geld". Zugleich schickte man einen Maurermeister nach Schloß Staufenberg, um zu sehen, ob die allda gehauenen Tür- und Fenstergestelle zum Bau gebraucht werden können. Man fand auch 100 Stück an der Zahl brauchbar, die man hertransportieren ließ. Am 25. Juli 1715 berichtet der Amtmann dann schon wegen der Zimmerarbeit, daß der Zimmermann, um deswillen, daß es ein französisches Dach sei, also eine ihm etwas unbekannte Arbeit etc., sich nicht auf einen Akkord einlassen wollte. Der Amtmann schlägt darauf vor, daß der Holzbau im Taglohn befördert werde, und hofft dann, eventuell noch mit Ersparnis, denselben bei einem Meister und elf Gesellen in 40 Tagen zu perfektionieren; doch müßte man von seiten der Hofkammer den herrschaftlichen Zimmermeister Josef Bildstein dazu geben, was geschieht. Am 26. November 1715 überreichte "Michael Ludwig Rohrer Architectus" einen Bericht über das Fertiggestellte:

1. sind die Circumferenzmauern durch alle zwei Stockwerke bis an das Hauptgesims, wie auch im unteren und oberen Stock alle steinernen Fenstergestelle verfertigt und versetzt, bis auf die zwei mittleren Fenster, welche erst mit dem Portal verfertigt werden können, und die Frontaspitze wird künftig mit dem Hauptgesims fertig;

2. sind die inwendigen Scheide- und Zwerchmauern durch beide Stockwerke gegen die Hälfte aufgeführt, wie auch die Hauptstiege im unteren Stock;

3. sind die zwei Stiegen in den großen Hauptkeller und in den Amtskeller fertig bis auf das Bestechen; das große Kellergewölbe müsse noch gewölbt und hierzu aparte Gewölbesteine gebrochen werden;

1.) Walter a. a. O. S. 21.
2.) Walter, Die Erbauung des Bezirksamtsgebäudes etc., wo alle diesbezüglichen Akten im Auszug wiedergegeben sind.

- 511 -

4. ist der Hof gegen die anstoßenden Häuser und Höfe auf einer Seite mit einer 176 Werkschuh langen Mauer abgeschlossen und die Mauer auf zwei Drittel der Höhe aufgeführt;

5. sind zu den Nebengebäuden die Fundamente fast über die Hälfte gelegt; 6. ist der Dachstuhl in der Zimmerarbeit fertig und aufgeschlagen, so daß er innerhalb 14 Tagen eingelattet und bedeckt sein kann; die Dachfenster können aber erst, wenn das Gemäuer, Kamine und Hauptgesimse fertig sind, verfertigt werden;

7. das große Portal mitten im Bau ist noch nicht angefangen; da das Gebäude einen so schönen Prospekt bekommt, wird um Verordnung gebeten, ob nicht dieses Portal etwas schöner als das projektierte hergestellt werden solle, damit die Steine dazu gebrochen und gehauen werden können.

Am 2. März 17 17 berichtet endlich Amtmann Brée an die Hofkammer, daß die rauhe Mauerarbeit am Amtshofbau alle fertig sei und der Maurermeister Dominik Elimerich auf Bezahlung dringe nach Abmessung und Liquidierung durch Rohrer und einen beigezogenen unparteiischen Meister. Dem wird stattgegeben. Von da an hören wir nur mehr von kleinen Reparaturen im Dachwerk etc. Erst 1756 wird vorgeschlagen, 2.500 fl. von vorhandenen Geldern zum vollständigen Ausbau und Herstellung des fürstlichen Amtshauses zu verwilligen, und es wird denn auch bestimmt, "daß solche zum Portal des Amthauses und aus ihrem Rest das sonst Höchstnötige verwendet werden möge, und beantragt, den fürstl. Architekten Krohmer zu beordern, um den Augenschein zu nehmen und Überschlag zu machen. Riß und Bauprojekt sowie Überschlag wurden vorgelegt und genehmigt, nur wurden zwei projektierte Figuren, welche nicht gar wohl herauskommen, ausgelassen". Im April 1758 wurde dann berichtet, daß man mit den 2.500 fl. nicht auskäme und noch weiter ca. 750 fl. erforderlich wären. In diesem Jahr dürfte dann der Bau fertiggestellt worden sein. 1763 sollte er zu zwei Wohnungen hergerichtet werden, was aber dann der großen Kosten halber unterblieb.

Aus diesen Nachrichten scheint mir hervorzugehen, daß 1717 der Bau mit Ausnahme des Portals, der Tür darüber und des Fensters im Giebelbau fertig war, daß 1756 bis 1758 nur dieses schmale Mittelstück noch hergestellt werden mußte, da die Fenster seitlich der Türe sich deutlich als Produkte der ersten Bauzeit erweisen. Aber wie das Portal zu dem Ganzen paßt, möchte man doch glauben, daß ein alter, damals noch erhaltener Entwurf Rohrers der Krohmerschen Hinzufügung zugrunde gelegt wurde.

Unser Grundriß zeigt die Einteilung des Gebäudes (s. Fig. 286) im Erdgeschoß, der die obere entspricht. Durch das Portal betritt man den stattlichen Vorplatz, der die ganze Breite des Mittelrisalits einnimmt und von den zwei Fenstern zu den Seiten des Portals gutes Licht erhält. Zu seinen beiden Seiten je zwei zweifenstrige Zimmer, nach rückwärts eine Anzahl gewölbter Räume. Vom rückwärtigen Tordurchgang aus führt die Treppe in das Hauptgeschoß. An die Rückseite schließt sich nördlich in etwas stumpfem Winkel ein Flügel an. Das Innere des Baues bietet nichts Bemerkenswertes, abgesehen von einigen Türen mit Gewänden in einfacherem Barock.

Desto interessanter die Fassade (Tafel XVIII), ein treffliches Werk des ausklingenden Louis XIV.-Stils, dessen gründliche Kenntnis wir bei dem Architekten vermuten dürfen. Die elf Fensterachsen breite Fassade wird durch zwei schwach hervortretende Eckrisalite mit je einem Fenster und das große Mittelrisalit mit drei Fenstern gegliedert. Durchgehende glatte Pilaster auf vorhangförmig in die Höhe gezogenen Sockeln mit flachen, steifen Blattkapitellen nebst ebenfalls vorhangförmig in die Höhe gezogener Deckplatte tragen das Gesims. Dieses, mit Triglyphen, Mutuli und doppeltem Zahnschnitt versehen,

- 512-

zieht sich über das Ganze hin, über den Risaliten verkröpft. Dreieckgiebel krönen die Seitenrisalite, während sich über dem mittleren ein weiteres Stockwerk erhebt, darüber erst der große Dreieckgiebel, ebenfalls mit Zahnschnitt. Die Fenster mit geradem Sturz sind von ohrenartig ausladendem Rahmenwerk umgeben, das im Erdgeschoß nach unten in Platte und Tröpfchen, im Hauptgeschoß in stilisierten Blattkonsolen endigt, oben einmal abgetreppt ist. Unten ein dreigeschnitzter Keilstein und darüber ein gerades Gesims, oben an dem höheren Fenster ein solcher mit Maskaron und Blättern, darüber an den Risaliten ein flachrunder, an den Zwischenteilen vorhangmäßig in die Höhe

Fig 282 grundriss rathaus
gezogener Giebel. Das im Korbbogen geschlossene Portal wird von verkröpften Pilastern flankiert, darüber der Balkon, von drei Konsolen getragen, deren beide äußere aus Netzen herausschauende Hirschköpfe, die mittlere (der Keilstein des Portals) ein Maskaron aufweisen. Über dem mit schmiedeeisernem Geländer in Rocailleformen versehenen Balkon die Türe, von Voluten flankiert, über dem verkröpften Gebälk in kräftigem gebrochenen Halbkreisgiebel und bewegter Rocaillekartusche das Wappen von Baden-Baden. Das Geschoß darüber, von flachen Pilastern gegliedert, hat drei Fenster von einfachem Profil mit Ohrenausladung umzogen. In den Mansarden des Daches, die, von Voluten flankiert, ebenfalls kleine Giebel im Vorhangbogen aufweisen, klingt der Stil des Ganzen aus. Überall die typische, steife Barockisierung der Renaissanceformen, wie sie uns auch in Rastatt und der Favorite begegnet. Bei letzterer finden wir genau

Fig 287 mittelstueck amtshaus offenburg
Tafel XVIII

Tafel XVIII koenigshof amthaus offenburg
- 513 -

die gleiche Behandlung der Einzelformen, der Pilaster, Gesimse, Fenster etc., auch die Behandlung des Giebelstockwerkes verrät den gleichen Baumeister, den bisher in der Kunstgeschichte kaum bekannten Michael Ludwig Rohrer.

Das geschnitzte Tor ist ein Werk aus der letzten Bauzeit um 1758.

Das Material des Baues ist verputztes Bruchsteinmauerwerk, roter Sandstein an den Gewänden. Wo die von Staufenberg hertransportierten Fenstersteine verwendet worden sind, ist an dem ganzen Bau nicht zu entdecken. Überall aber ersichtlich die Spuren der alten Bemalung, auf die hier ebensowenig wie in Rastatt verzichtet ist.

Alles Verputzte war rot angestrichen, der Haustein, wie es scheint, in natürlicher Farbe gelassen, aber an Kapitellen etc. zweifellos vergoldet.

Fig 287 b Einhornapotheke offenburg
Das Landgerichtsgebäude, früher Ritterhaus genannt, weil es 1804 die ortenauische Reichsritterschaft erwarb, ist nach Walters ansprechender Vermutung von Matthias Fuchs erbaut in der zweiten Hälfte des 18. Jhs., als noch Franz Georg Freiherr von Rienecker Eigentümer war, jedenfalls an der Stelle eines älteren, abgebrannten Hauses. Ein großer, zweistöckiger Bau mit 17 Fensterachsen, in der Mitte in drei Fenstern mit einem weiteren Stockwerk versehen, darüber ein Dreieckgiebel. Die Fenster mit ohrenartig ausbiegendem Gesims umzogen. Im Torflur, zu den Räumen des linken Erdgeschosses führend, ein etwas reicheres Barockportal. In die eine Hofecke des Komplexes eingebaut ein runder Treppenturm mit schöner Wendeltreppe aus rotem Sandstein, die ohne Spindel in schöner Schwingung hinaufführt. Der Anfangspfosten wie die Fingangstür mit Akanthusornament verziert. Die Treppe stammt aus den Zeiten der Spätrenaissance, etwa dem Anfange des 17. Jhs.

- 514 -

An Privathäusern sind hervorzuheben:

Die Einhornapotheke an der Hauptstraße Nr. 82, mit ihrem mächtigen, mehrfach abgeteilten Volutengiebel (s. Fig. 287), der in verschiedenen, konkaven Einziehungen aufwärtsstrebt, auf seinen Absätzen Vasen und oben ein Einhorn trägt. Er wirkt besonders durch die gute Schlichtheit der unteren Geschosse, an denen noch ein trefflicher, schmiedeeiserner Balkon aus der Mitte des 18. Jhs. auffällt.

Hauptstraße Nr. 72, J. Bechler. Schmiedeeiserner Balkon mit dem Doppeladler, Mitte 18. Jhs.

Ebenda Nr. 64, E. Geiger. Altes Patrizierhaus aus dem Ende des 18. Jhs. An den Ecken rustizierte Pilaster, in steifem Volutenkapitell endigend, darauf Vasen mit Sternen, jetzt stark erneuert. Zur Zeit meines Besuches befand sich hier das von Walter als im Besitz des Herrn Alb. Fischer erwähnte große Lihlsche Familienbild, über das 1882 in der Zeitschrift für bildende Kunst (1) folgendermaßen berichtet wurde:

"Es befand sich auch ein großes Porträtgruppenbild, 3,46 m hoch und 1,65 m breit, in dem Atelier des Gemälderestaurators A. Sesar in Augsburg, das vermöge seiner vollendeten Technik, der feinen Individualisirung der Dargestellten, sowie der liebevollen Durchführung bis aufs nebensächlichste eine beachtenswerthe künstlerische Kraft verräth; und doch ist über den Meister, dessen Name Lihl, 1751, am Bilde unten rechts steht, in unseren Nachschlagebüchern nichts zu finden. Der Besitzer, Herr Albrecht Fischer in Offenburg, der das Bild durch Sesars gewissenhafte und bewährte Hand in einen gesicherten Zustand mit voller Schonung des Originals bringen läßt, hat glücklicherweise von einer noch lebenden Großnichte des Malers folgende erläuternde Notizen erlangt: 'Das Bild stellt lauter Glieder der Familie Lihl vor, welche aus Schlackenwald in Böhmen gebürtig waren. Der Herr rechts in der oberen Ecke ist mein Großvater Joh. Nep. Lihl, und die Matrone meine Großmutter, des ersteren zweite Frau. Derselbe war Sekretär Ihrer kais. Hoheit der Prinzessin Maria Viktoria von Oesterreich. Der Verfertiger des Gemäldes, Joh. Lihl, Hofmaler in Wien, mein Großonkel, befindet sich ebenfalls darauf und steht hinter dem Bilde seiner Frau. Um 1760 siedelte derselbe nach Rastatt über. Die im dortigen Schlosse, Rathhause etc. befindlichen Oelgemälde sollen Werke seiner Hand sein. Der Knabe mit der Lilie und das Mädchen mit dem Obstteller in der Hand sind seine Kinder. Der dritte Herr in unmittelbarer Nähe des Hofmalers ist dessen Bruder Jos. Lihl. Derselbe lebte als Pastellmaler in Florenz und Prag. Die Klosterfrau, welche auch als Bild im Bilde dargestellt ist, war meine Großtante im Lichtenthaler Kloster bei Baden-Baden.' etc. etc. Kork, den 17. Februar 1879. Sophie Huttenberger, geborene Lihl."

Der Name des Malers dürfte indes falsch angegeben sein, er hieß Heinrich Lihl, wir finden ihn als Hofmaler von Rastatt erwähnt in den Offenburger Stadtakten von 1757. Schon 1723, 1737, dann wieder 1747 und 1750 war er für das Franziskanerkloster in Rastatt tätig.(2)

Ebenda Nr. 59, stattliches Gebäude von 1760. In einer Nische halblebensgroße, gute Steinfigur der Immaculata Conceptio in dem dekorativ bewegten Barockstil.

Ebenda Nr. 100, Gasthaus "Zum Kopf"(3). Eigentümer des Hauses war um 1720 Martin Dominik Wernikau, Stettmeister und Obervogt, 1755 kam es an den Stettmeister Franz Anton Lihl, der es ausbaute. Aus dieser Zeit stammt an der Ecke des Hauses in einer Nische eindrittellebensgroße Madonna mit Kind, darunter das Wappen der Familie Lihl: im Schild eine Lilie. Im Eckzimmer des Hauptgeschosses geschmackvolle Rocaillestuckdecke, in der Mitte, von einer Blumengirlande umrahmt, eingelassen ein Ölgemälde, darstellend Maria Theresia, umgeben von allegorischen Frauen und Putten mit Blumen. Der Urheber des Bildes ist vermutlich ein Verwandter des Stettmeisters, Joh. Lihl, später

1.) 1882, 18. Jahrg., S. 26.
2.) Staudemaier im Belletrist. Unterhaltungsbl. zum Badischen Beobachter 1880, Nr. 40—45.
3.) Walter, Die Bierbrauerei "Zum Kopf" ("Volksfreund").

- 515 -

Hofmaler in Rastatt und wie es scheint in Wien, von dem ich oben gelegentlich eines anderen Bildes (s. unten) ausführlicher berichtet habe. - Das Haus wurde im letzten Jahrzehnt des 19. Jhs. umgebaut, das Eckzimmer und die Statuen dabei aber erhalten.

Ebenda Nr. 94, Gasthaus "Zur Sonne". Als solches schon seit 1556 bestehend, zweieckiger Bau mit zwei Aufsätzen und Giebeln, zwischen Rathaus und Bezirksamt, der hoffentlich nicht zum Schaden der Wirkung dieser Bauten wesentlich verändert wird.

Fig 288 Torgitter Vincenciusgarten
Ebenda Nr. 69, J. V. Battiany Sohn. Fassade von sechs Achsen, durch Lisenen gegliedert, aus der zweiten Hälfte des 18. Jhs. Im ersten Stock großes, dreifenstriges Zimmer mit Parkett, charakteristischer alter Tapete in steifem Muster, Umrahmung der Spiegel mit sehr feinen, in Holz geschnitzten Ranken, darüber auf den Handel bezügliche Reliefs, Stuckdecke mit teilweise alter Bemalung, trefflliche Umrahmung der Ofennische mit ionischen Holzsäulen, Vasen und Girlanden. Im ganzen Haus insbesondere die Umrahmung der Spiegel mit Reliefs bemerkenswert.

- 516 -

Ebenda Nr. 109. Stattliches Haus mit elf Fensterachsen, an den beiden Ecken große Pilaster mit ionischen Kapitellen, aus dem Ende des Louis XVI.-Stils und des 18. Jhs.

Fig 289 Galerie Ritterstrasse 12
Kesselstraße Nr. 7, 9, 11, 13, 15 jetzt leider verputzte Fachwerkhäuser. Kirchstraße Nr. 1. Tor mit mächtigen Voluten, Wappen und gebrochenem Dreieckgiebel.

- 517 -

An der Klosterstraße Haus Nr. ? Über der Türe skulpierter Ochsenkopf, 18. Jh., als Metzigzeichen. (Jetzt verschwunden?)

Ebenda Nr. 17, Besitzer Dominik Staudinger (am Fischmarkt). Zwischen zwei Fenstern des ersten Stockes, in einer Nische, eine Madonna mit Kind, unter ihr Seelen im Fegfeuer; an der Konsole steht: Trösterin der bedryebten. Mit zum Teil noch alter Bemalung. Datiert 1721.

Langestraße Nr. 18, Ferdinand Hauger. 1743 für den markgräflich baden-badischen Amtmann Anton Egg erbaut, vermutlich von dem obengenannten Maurermeister Matthias Fuchs. Gewundene Treppe mit noch gotisch profilierten Zügen.

Ebenda Nr. 25. Relief der heiligen Familie, vom Ende des 18. Jhs.

Kornstraße Nr. 12, jetzt Vincentiushaus. 1764 von Generalfeldmarschall-Leutnant Josef Freiherrn von Ried erbaut, später in Bussièreschem Besitz. Stattliches Haus, das Portal von dorischen Säulen flankiert mit gebrochenem Rundgiebel, dazwischen in einer Nische die neue Statue des h. Vincentius. Die Fenster des Hauses mit gebrochenem Rundgiebel gekrönt, dazwischen unten Obelisken, im Obergeschoß Kugeln. Im Innern hervorzuheben die hintere Holzstiege mit in gutem Rocaille ornamentierten Anfangspfosten. Im Obergeschoß ein Schrank, in den Füllungen mit Vasen und Blumen bemalt.

Dazugehörig der Garten, den man durch ein Portal mit schmiedeeisernem Gitter im Rocaillestil (s. Fig. 288) und dem Riedschen Wappen betritt. Der Garten erstreckt - sich bis zur Stadtmauer, die hier die zwei kleinen aus dem Achteck gebildeten Bastionen hat. An dem Zugang zu diesen ist je eine liegende Sphinx (roter Sandstein) angebracht, auf der Mauer zwischen denselben stehen alternierend acht Vasen in besten Rocailleformen und sieben je 1 m hohe Statuen, die verschiedenen Arten des Land- und Gartenbaues repräsentierend, Winzer, Bauernmädel mit Korb, Gärtner, auch ein Flötenbläser, alles recht erfreuliche Genrefiguren in Zeittracht. Fünf Stufen, von zwei Vasen flankiert, führen in den tieferen Teil des Gartens. Das ganze anspruchslose Arrangement von wohlberechnetem Reize.

Metzgergasse Nr. 19, Louis Burg. Schmiedeeisernes Gitter des i8. Jhs. mit großen Kreuzblumen, neuem Schild.

Ringelgasse. Auf Konsole ein Löwenvorderteil, wohl aus der ersten Hälfte des 18. Jhs. Ebenda einige Fachwerkhäuser.

Ritterstraße Nr. 12. An dem nach der Straße zu leider verputzten Hause findet sich desto wirksamer nach der Hofseite zu eine reizvolle Holzgalerie, vorkragend (s. Fig. 289) mit hübsch geschnitzten Balustersäulchen.

Ebenda Nr. 14. Stattliches Riegelhaus (s. Fig. 290 u. 291) mit gut geschnitzten Fenstererkern; über dem ersten Geschoß das in dieser Gegend übliche, aus dem Giebel vorspringende Fensterschutzdach. (Leider sind davon heute nur noch die Spuren zu sehen, da bei einer Renovation vor einigen Jahren die Gesimse abgeschlagen und die Holzteile verputzt wurden.)

Rosenstraße Nr. 2. Tür mit rotem Sandsteingewände, in Hohlkehlen und Rundstäben profiliert, welch letztere auf steilen Basen aufsitzen, mit Verzierung in Kannelierung und Sternen. Am Türsturz zwei leere Schilde, um das Ganze abgetreppte Umrahmung, in der das Oberlicht; aus dem Anfange des 16. Jhs.; eines der wenigen erhaltenen Stücke aus der Zeit vor dem Brande.

- 518 -

Wasserstraße Nr. 6. An der Ecke in Nische Statue des h. Wendelin; zweite Hälfte des 18. Jhs.

Außer diesen genannten ließen sich noch eine Anzahl anderer Häuser anführen, die, an sich nicht übermäßig bedeutend, oft gerade in ihrer Schlichtheit wohltuend

Fig 290 Ritterstrasse 14
wirken. Noch stehen ihrer genug und noch ist es Zeit, durch ihre Erhaltung, sowie Freilegung des verputzten Fachwerkes an anderen und Anschluß an diese Vorbilder bei Neubauten das Offenburger Stadtbild erfreulich zu gestalten, umsomehr, da die alte Straßenanlage dafür sehr günstig ist.

- 519 -

Fig 291 Ritterstrasse 14 Details

Öffentliche Brunnen.

Noch aus den Zeiten vor der Zerstörung stammend der Brunnen am Fischmarkt, der 1845 renoviert wurde. Auf viereckigem, damals erneuertem Postament zunächst der runde Sockel mit Männer- bezw. Löwenköpfen (ebenfalls völlig erneuert), aus

- 520 -

deren Mäulern die zwei Ausgußröhren hervorkommen. Darüber die bauchige Säule mit Akanthusblättern am Schaft und Kompositkapitell mit Köpfen. An der hochausladenden Deckplatte steht:

ANNO DOMINI 1599    
X anno domini

darüber der Löwe mit dem doppelten Wappenschild, dem Reichs- und Stadtwappen. Ein frisches, erfreuliches Werk der Spätrenaissance.

In der Hauptstraße der Neptunsbrunnen, eine Achteckschale mit gotischem Astwerk verziert; in der Mitte der Stock, unten eine Arbeit des 19. Jhs, dann der alte Teil mit Fialen, Maßwerk, Kielbogen, nicht etwa, wie man denken sollte, eine Arbeit des 16. Jhs., sondern des schon oft erwähnten Johann Nep. Speckert, der im Juni 1783 dem Rat den Riß des herzustellenden Röhrenbrunnenstockes übergab, mit der Anfrage, was daraufgesetzt werden solle. Der Rat verlangte den Wassergott Neptun in einer Größe von 5 1/2 Schuh, und Speckert führte sofort die auf obigem, gotischem Postament stehende Statue aus in der etwas verdrehten, manierierten Haltung, wie sie damals beliebt, aber im ganzen sehr wirksam. Im August war er fertig; bei der Aufstellung beschlichen den Rat aber Bedenken ob der Höhe des Stocks, die gefährlich schien, und der Künstler mußte ihn kürzen, was sich heute noch in der etwas unvermittelten Endigung bemerklich macht.

Eines der interessantesten Denkmäler Offenburgs ist zweifellos das Judenbad, das sich unter dem Hause des Karl Schimpf, Glaserstraße Nr. 6, befindet, welches 1793 durch Matth. Fuchs erbaut worden ist. Wir geben eine Abbildung desselben nach einer älteren Aufnahme von G. Armbruster 1882 (s. Fig. 292).

Vom Keller des genannten Wohngebäudes tritt man durch ein 1,17 m hohes rundbogiges Eingangstor mit sauber behauenem Quadergewände in den nach unten führenden tonnengewölbten Treppengang mit 36 Treppen, der bis zur 19. Treppe ca. 2 m hoch und 1,23 m breit ist; dann verengert er sich auf 1,70 m Höhe und 1 m Breite und endlich führt, nach Aufhören der Treppe, ein 3,37 m langer Gang, zu dessen Seiten je eine rundbogige und eine Nische mit geradem Sturz angebracht sind, zu einer rundbogigen Tür von ähnlicher Behandlung wie oben. Die erwähnten Nischen sind meiner Ansicht nach nicht erst später zugemauert. Durch dieses Tor betritt man einen quadratischen Raum, der noch etwa 2,20 m tiefer ausgemauert ist als der aus gewachsener Erde bestehende Fußboden. In der Mitte des Raumes ein kreisrundes, 1,30 m im Durchmesser weites und ca. 2,20 m tiefes Bassin zur Aufnahme des Grundwassers, das meist bis zu 2 m hoch in demselben steht. Nicht ganz 1/2 m über dem Erdboden sind an der einen Seite zwei Konsolen angebracht, wohl zum Auflager einer Sitzbank. Der quadratische Schacht, mit tadelloser Quaderausmauerung, ist vom Fußboden aus ca. 4,5 m hoch, oben mit einer Platte abgeschlossen, die von vier frei herausgearbeiteten, kantigen Rippen getragen, welche sich in einem runden Steinring vereinigen. Darüber folgt der etwa 7 m hohe, kreisrunde engere, ebenfalls in roten Sandsteinquadern ausgemauerte Schacht, welcher an der Erdoberfläche in einem runden Steinring endet.

Die Deutung des Ganzen als Judenbad ist zweifellos. Es scheint Vorschrift gewesen zu sein, daß die Judenfrauen sich nach gewissen Zeiten badeten, und zwar nicht in gepumptem und beigetragenem, sondern in in das Becken geflossenem Wasser. Wo das nun, bei nicht vorhandenen Bächen oder wenn die Judenschaft eng in ihre Gassen ein-

wingenroth judenbad offenburg 654

- 521 -

geschlossen war, nicht möglich war, da scheint man das Grundwasser benutzt zu haben. Im Prinzip die gleiche Anlage wie hier findet sich in Speier, nur architektonisch reicher ausgestaltet, während die sonst erhaltenen Judenbäder meistens nicht diese komplizierte, unterirdische Anlage benötigten(1). Während das Speierer Bad wohl dem Ende des 12. oder Anfang des i3. Jhs. angehören dürfte, scheint mir den frühgotischen Konsolen, den Rippen nach, mit der doch noch durchgehenden Verwendung des Rundbogens, unser Monument in das Ende des 13. Jhs. zu gehören, also etwa 5o bis 60 Jahre vor der definitiven Judenaustreibung.

Sammlung des Gewerbevereins, jetzt in der "Zauberflöte" befindlich: Zunftschilde in Silber oder Messing graviert, schmiedeeiserner, großer Schlüssel als Zeichen Schlosserzunft, Zunftkästen ete. - Im Gasthaus "Zum Ochsen" Schild der Metzgerzunft, im "Zähringer Hof" der Bäckerzunft.

In der Anlage Pfosten mit Offenburger Wappen und der Jahreszahl 15 - 63.

Am ehemaligen Fischertor (jetzt?) noch ein Stein mit der Inschrift 1586 erhalten.

Vor der Stadt an der Straße nach Ortenberg Kruzifix (Sandstein) des 17. Jhs. 1807 von einem französischen Soldaten beschädigt, durch seinen General wieder aufgerichtet (Freib. Kath. Kirchenblatt 1883, S. 395).


zurück